Tripolarity - Systemkonkurrenz

GeschichteDrama, Sci-Fi / P16
12.11.2019
03.12.2019
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„Und so müssen wir neue Wege finden, in denen wir alle, friedlich miteinander leben können, in diesem Staat, in dieser Nation, auf diesem Kontinent und auf dieser Welt.“
Applaus brandete John 'Jack' Fitzgerald Kennedy entgegen, kaum dass er das letzte Wort seiner Rede ausgesprochen hatte. Er verbeugte sich, klappte sein Manuskript zusammen und ging gemessenen Schrittes von der Bühne.
„Beeindruckend, Senator. Üblicherweise werden Fragen, die die Rassentrennung berühren, weniger stürmisch beklatscht, selbst an den Universitäten unseres Staates.“
„Ich kann mich erinnern, es ist garnicht so lange her, dass Grundschüler von Fallschirmjägern eskortiert werden mussten, weil die Nationalgarde ihnen den Zutritt zu Schule verwehrt hat. Ich war schon erstaunt genug, dass man mich hier überhaupt zu diesen Themen hat sprechen lassen. Ich bin dennoch dankbar, dass Sie mir das ermöglicht haben, Präsident Stabler.“
„Ich habe zu danken, Mr. Senator. Sie müssen mehrere Tausend Anfragen im Jahr erhalten und wenn ich mich nicht irre, dann halten sie jeden zweiten Tag eine solche Rede.“
Kennedy grinste breit, präsentierte eine doppelte Reihe Zähne, auf die jede Zahnpastareklame neidisch gewesen wäre. „Im Jahr sind es etwa hundert, vor meiner Wiederwahl sogar ein paar weniger in derselben Zeit.“
„Weiterhin eine beeindruckende Zahl, wenn man in den Mühlen der Politik eingebunden ist.“
„Danke, Präsident Stabler. Ich wünschen Ihnen dann noch einen schönen Tag, die Limousine zum Flughafen wartet sicher schon, wie Sie es so treffend formuliert haben, die Mühlen der Politik...“ Jack grinste spitzbübisch und zuckte wohldosiert mit den Schultern, gemeinsam lachten er und Stabler konspirativ. In Wahrheit hatte er heute keinen Termin mehr, abgesehen von dem Abend mit einer jungen Wahlkampfhelferin, aber das ging sein Gegenüber nichts an. Er hatte seinen Vortrag gehalten, war dafür bezahlt worden, wahrscheinlich würde ihn die Universität von Little Rock politisch weiterhin unterstützen und damit war seine Arbeit hier fürs erste beendet.
In der Limousine wartete bereits sein jüngerer Bruder Robert, von den Leuten meist 'Bobby' genannt, auf ihn. „Wie viele Studentinnen hast du dieses mal versucht zu bezirzen?“
Jack hob entschuldigend die Schultern. „Ehrlich, ich kann für die Verzögerung nichts. Es gab genügend Rückfragen und vor allem dieser Schwanzlutscher Stabler hat an mir gehangen, als wäre ich eine junge Studentin.“
„Tja, vielleicht kannst du dir jetzt besser vorstellen, wie das so ist.“ Jack verdrehte die Augen, während Bobby breit grinste. Nicht ganz das Reklamelächeln, aber verdammt nah dran.
Der Wagen fuhr los, aber er kam nicht sonderlich schnell voran. Jack sah aus dem Fenster und verdrehte die Augen. „Müssen die eigentlich immer auf den Straßen stehen, wenn wir es eilig haben?“
„Kannst du's Ihnen verübeln? Japse mit Atombomben, Nigger die Bürgerrechte fordern, Kommunisten, die verkünden, uns beerdigen zu wollen, Rote Revolutionäre in Kuba, Nazis die Europa beherrschen, Südamerika flirtet hin und wieder mit Berlin und Moskau und die gewählten Politiker hierzulande lassen das alles zu? Für die Leute bricht eine ganze Welt zusammen.“
„Müssen trotzdem nicht auf der Straße rumstehen und den Verkehr aufhalten.“
Fünfzig Meter weiter schafften sie es, wieder einigermaßen vernünftige Geschwindigkeiten zu erreichen und kamen einigermaßen zügig voran.
„Um auf das eigentliche Thema zurückzukommen, Jack, ich bin weit davon entfernt, dir deinen Lebensstil vorzuwerfen, oder auch nur vorzuhalten. Wenn du eine gottverdammte Schwuchtel wärst, es wäre mir scheißegal, solange du mit Jackie einen Stammhalter in die Welt gesetzt hättest und die Öffentlichkeit nichts davon erfährt. Aber Jackie macht deine ständigen Affären zunehmend zu einem Problem. So eine Frau wird dir nicht ewig vergeben, dass du nur sporadisch im ehelichen Bett auftauchst und stattdessen die blonde Monroe besuchen gehst. Und du kannst dir keine Schlammschlacht leisten.“
Jack grinste breit und konnte Bobby ansehen, dass der wusste, dass er diese Runde verloren hatte. „Ist ja nicht so, dass du Marilyn nicht genauso gut kennen würdest, wie ich das tue.“
Bobby zog die Mundwinkel säuerlich nach oben und musste dann offenkundig lachen, fing sich aber schnell wieder. „Ich wollte es dir nur mal gesagt haben, immerhin bin ich auch für deine Wahl zuständig.“ Er machte eine wegwerfende Handbewegung. „Frauen hin oder her, wir haben wichtigeres zu tun. Zurück zum Geschäft.“
„Bombardieren die Deutschen Manhattan?“
„Ich würde mir mehr Sorgen um die Russen machen, aber nein, das ist es nicht. Wir könnten ernsthafte Schwierigkeiten bekommen, was deine Kandidatur in zwei Jahren angeht.“
Jack hob die Brauen. So etwas sollte nicht vorkommen. „Wieso?“
„Du hast vor zwei Jahren mal erwähnt, dass unser allseits beliebter Präsident, der ja nur im Amt ist, weil sein noch ungleich liebenswürdigerer Vorgänger im Amt die Güte besaß, sich zu Tode zu saufen, wegen Krebs in Behandlung war.“
Schlagartig war die Aufmerksamkeit Jacks dort, wo sie gebraucht wurde, nicht mehr bei Marilyn, sondern in der Politik. „Wie lange?“
Bobbys Blick verfinsterte sich. „Ein Schritt nach dem anderen, aber gut geraten. Ich habe nichts offizielles, aber einer meine Kontaktleute bei unseren italienischen Freunden hat über ein paar Ecken erfahren, dass Dulles sich vor einigen Tagen hat untersuchen lassen und nunja...“
„Er ist blasser und dünner geworden in den letzten Tagen.“
„Richtig, und er wird wohl relativ schnell noch sehr viel blasser und dünner werden, nach allem, was man so hört. Der Italiener will erfahren haben, dass unser Staatsoberhaupt seine verbleibende Lebenszeit eher in Tagen und Wochen als Monaten und Jahren zählen kann. Was soviel heißt...“
„Was im Klartext heißt, ich kann im November '60 definitiv nur als Vize antreten.“
„Das heißt es, ganz genau. Es kann natürlich auch sein, dass alles, was wir hier besprechen ein Haufen Scheiße ist, aber wir waren auch ganz gut im Bilde, was den Tod von Joseph angeht.“
„Verfluchte Scheiße“, schimpfte Jack gar lästerlich.
„Du wirst nicht umhin kommen, wenn es so ist. Rayburn wird nicht auf seinen Versuch, wiedergewählt zu werden, verzichten wollen und er wäre als nächster dran. Und selbst wenn durch ein enormes Wunder auf noch Hayden abkratzen sollte, wird der das genauso handhaben. Zumal jeder Nachfolger von Dulles ja eine halbe Amtszeit quasi umsonst obendrauf bekommen.“
„Aber mal im Ernst, wer wird diese Kerle ernsthaft wählen? Frag mal den Bauern in Wisconsin, ob er einen dieser Namen je im Leben gehört hat. Die Lachen die beiden doch aus. Und dann soll ich schon wieder Zeit verschwenden, indem ich als aussichtsloser Vize für Rayburn kandidiere?“
„Zum einen wirst du nicht drum herum kommen, als Vize zu kandidieren. Und zum anderen, vielleicht sieht das mit Amtsbonus schon anders aus. Und grade in der Außenpolitik kann man als aktiver Vize einiges reißen, auch wenn die Verfassung das ein wenig anders vorsieht.“
„Dafür muss ich erstmal Vize werden und auch das dauert mindestens noch zwei Jahre und dann muss vier weitere Absitzen und danach, unabhängig vom Ergebnis der Wahl, vier weitere. Selbst als aktiver Vize, bis ich wirklich etwas tun kann schreiben wir das Jahr 1968, vielleicht noch später. Ich weiß nicht, ob ich so viel Zeit habe, Bobby.“
Robert Kennedy sah ihn überrascht an und sagte kein Wort.
„Frag einfach nicht. Mehr als nur mein Rücken.“ Wie auf Stichwort meldete sich seine Wirbelsäule, stechende Schmerzen fuhren von seiner Hüfte bis hinauf in seinen Nacken.
„Ich will '61 Präsident werden, oder zumindest zur Wahl antreten können. Darauf müssen wir in der Partei hinarbeiten. Und wir müssen einen Weg finden, meine Chancen zu verbessern, wenn ich tatsächlich antrete. Ich will nicht erst mit siebzig meine acht Jahre bekommen.
„Und wenn du schon Vize würdest, sobald Dulles tot ist?“
Jack sah seinen Bruder verständnislos in die Augen. „Träumereien, Bobby“, antwortete er in einem sanften Tonfall. „Erstmal muss unser Mini-Himmler im Weißen Haus sterben, dann können wir weiter sehen. Falls denn die Information überhaupt stimmen.“
Bobby schnaubte, fast so wie ein junges Pferd. „Wann lagen wir das letzte Mal mit solchen Informationen falsch?“
„Du machst es einem wirklich nicht leicht, optimistisch zu sein“, gab Jack leise lachend zurück, als ihre Limousine direkt auf dem Rollfeld des Flughafens, ein wenig abseits von seiner Privatmaschine, hielt.
„Dann will ich dir doch Grund für einen gesunden Optimismus geben“, verkündete der Jüngere übertrieben fröhlich, als beide aus dem Wagen in den Flieger stiegen. „Zum einen, ich habe eine Idee, werde mal mit ein paar Juristen quatschen, vielleicht können wir da etwas spruchreifes zusammenbasteln. Und zum zweiten: Du erinnerst dich, dass es garnicht so lange her ist, dass einige... Wie hat es Batista so nett ausgedrückt... Achja, Banditen und Mörder in Kuba die Hauptstadt und auch den Präsidentenpalast erobert haben? Und dass der Großteil der amerikanischen Bevölkerung jetzt wieder in Hysterie verfällt, weil damit der Kommunismus in der westlichen Hemisphäre angekommen ist?“
Jack nickte müde, ein wenig irritiert und entnervt von der Showmasterattitüde die sein Bruder bei diesem ernsten Thema an den Tag legte.
„Gut, Jack. Denn ich habe mir gedacht, wir befragen unseren Experten für Geopolitik zu dem Thema. Die Menschen erwarten Antworten und du bist einer derjenigen, auf den Sie dabei hoffen.Zumal unser verehrter polnischer Freund zufällig gerade auch eine Gastvorlesung im schönen Little Rock Arkansas gehalten hat.“
Jack betrat das Flugzeug und begrüßte den kleinen polnischen Politikwissenschaftler erfreut. „Hallo, Mr. Brzeziński.“
„Hallo, Mr. Kennedy.“ Brzeziński, förmlich korrekt in einem grauen Anzug, schüttelte Johns dargebotene Rechte. „Ich habe gehört, Sie suchen derzeit nach einer fundierten Einschätzung der aktuellen Lage und Möglichkeiten, nachdem wir einen derart exotischen neuen Nachbarn im Süden bekommen haben?“
Jack nahm Platz, holte Bourbon aus der Minibar, goss drei Gläser ein und schob eines davon dem Professor zu. „Das ist soweit korrekt.“
„Dann wollen wir keine Zeit verlieren.“

***

„Es wird die Amis bestimmt eine Weile beschäftigt halten, soviel steht fest“.
„Es steht noch viel mehr fest, Hugo. Diese kleine Insel voll mit Zuckerrohr und Mulatten, die ist wie so eine Reißzwecke, die du dem Lehrer auf den Tisch gelegt hast. Und das beste an der ganzen Sache ist, dass wir den ganzen Spaß an der Geschichte haben, ohne dass wir auch nur den Hauch von Ärger deswegen bekommen können. Ist das nicht grandios?“
Hugo Thomasen verdrehte die schlammgrünen Augen, wie so oft, wenn sein Kamerad Daffelkamp etwas sagte, dass er mit seinem üblichen überschwänglichen Enthusiasmus angereichert hatte. „Komm mal runter, Klaus. Ist ja jetzt nicht so, dass mit einem Mal Diamanten auf Bäumen wachsen, nur weil irgendwo in der Karibik eine dieser Bananenrepubliken gekippt ist.“
„Kuba exportiert Zucker und Tabak, Bananen gibt’s südlich von Mexiko. Trotzdem überleg dir das doch mal, Hugo! Je mehr sich die Amis mit ihrem Vorgarten befassen müssen, umso weniger Blödsinn können die in Kroatien machen, oder in Polen oder weiß der Kuckuck noch wo, umso mehr Ruhe haben wir also. Und dann haben die Japse auch noch Uranbomben! Wie die Kerle auf der anderen Seite des großen Teiches jetzt aufpassen müssen!“
Hugo zog an seiner Zigarre, sah seinen Kameraden lange an und zuckte dann mit den Schultern. „Kann uns doch gleich sein.“
„Sprich mal nur für dich selbst, Kamerad“, war es auf einmal hinter ihm zu hören. Thomasen und Daffelkamp drehten sich nicht um, sie wussten beide ganz genau, wer da auf die Dachterrasse der Heeresversuchsanstalt in der Altmark gekommen war. Stefan vom Stein, zwei Köpfe größer als Hugo, blonder Bürstenschnitt, die Uniformjacke lässig über die Schulter geworfen, Zigarette im Mundwinkel, trat vor die beiden. „Ist ja schon beängstigend genug, wenn wir Soldaten zu viel über Politik reden, aber mir isses doch ganz recht, wenn die Amis anderweitig beschäftigt sind. Könnte mich doch glatt vor 'ner Bleivergiftung bewahren.“
„Wer will dich denn hier mit Blei vollpumpen? Außer den Vätern und Ehemännern aus dem Umland doch wohl keiner“, lachte Hugo und klopfte von Stein auf die Schulter.
„So sehr ich die hiesige Damenwelt doch genossen habe, was ja durchaus auf Gegenseitigkeit beruhte, so sehr schmerzt mich dann auch der Abschied, Kameraden. Skorzeny hat entschieden, dass das Reich seine Kommandosoldaten anderswo dringender braucht, als bei der Entwicklung von Fluggeräten. Gerüchteweise darf ich in Zukunft Rekruten in Italien schleifen. Traurige Sache, zumindest, wenn das wirklich stimmt. Aber Befehl ist nunmal Befehl, was will man machen?“ Vom Stein zuckte lachend mit den Schultern.
Hugo hingegen war ernsthaft betrübt, das zu hören. Kommandosoldaten lebten gefährlich. „Solange du's nicht mit Schupfnudeln und Sauerbraten versuchst, wird dir da unten die Damenwelt zu Füßen liegen.“ Hugo gab seinem Kameraden einen Stupser gegen die Schulter, bevor der auf die obskure Anekdote mit Irritation antworten konnte. „Pass auf dich auf. Und schreib ab und an mal.“
„Wenn du ab und an mal antwortest. Bin sehr gespannt zu hören, wie die Sache hier ausgeht und wann wir mit dem Wundermaschinchen rechnen können, dass du dir da ausgedacht hast. Verdammte Axt, ich habe jetzt schon Mitleid mit dem armen Bastard, der mal im Fadenkreuz von deinem Heli steht. Soll nicht sogar heute der Prototyp geliefert werden?“
„Morgen“, korrigierte Hugo und grinste breit. Der Prototyp eines Hubschraubers zur Panzerjagd war auf seinem Mist gewachsen und er war ziemlich stolz darauf, dass er es geschafft hatte, seine Einsatzerfahrungen so gut in technische Erfordernisse umzumünzen. „Ich kann's kaum erwarten, endlich meinen Hintern in den Sitz von dem Gerät zu schwingen und ein paar Runden über den Platz zu ziehen.“
„Wirklich schade, dass ich das nicht erleben darf“, lachte Stefan noch einmal und hielt den beiden dann die Hand zum Abschied hin. „War mir ein Vergnügen, euch kennen zu lernen Jungs. Ich versuche euch ein paar Briefe zukommen zu lassen, ohne zu verraten, wann genau ich Chruschtschow erschießen soll.“

Am Tag darauf, gegen fünf Uhr am Morgen, kam ein Tieflader an, der den Prototypen des Kampfhubschraubers auf das Gelände brachte. Hugo und Daffelkamp ließen es sich nicht nehmen, bei der Montage der Rotorblätter und der Bewaffnung selbst Hand anzulegen. Als Pilot sollte man immer sein Gerät kennen und es war eine angenehme Abwechslung, praktische Arbeit verrichten zu können und nicht nur die taktischen Konzepte anderer zu bewerten. Die Grundlinie, das Gerät ähnlich einem Delfin zu formen, war auch in den diversen Entwicklungsstufen die das Projekt seit der ersten Zeichnung zwei Jahre zuvor durchlaufen hatte, beibehalten worden, unter den Stummelflügeln waren die Startgondeln für die Raketen befestigt, die Maschinenkanone reckte sich unter der Fliegerkanzel hinaus.
Kaum war das Gerät abgeladen und in der Werkstatt, schnappte sich Hugo selbst einen Schraubenschlüssel um die Mechaniker beim Montieren der Rotorblätter zu unterstützen. Etwas später brachten einige Männer die Waffenattrappen dazu, die ebenfalls an ihren vorgesehenen Stellen montiert wurden. Hugo grinste zufrieden, als er das fertig montierte Gerät im strahlenden Licht der Vormittagssonne betrachtete. Er zuckte zusammen, als ihm plötzlich eine Hand auf die Schulter schlug.
„Wirklich hübsches Maschinchen, das Sie sich da ausgedacht haben, Leutnant Thomasen.“
Die raue Stimme ließ schon den Stützpunktkommandanten, Oberst Dahlen erkennen, bevor Hugo seinen Vorgesetzten zu sehen bekam. Vorschriftsmäßig salutierte er und gab dann zurück: „Bin auch mächtig Stolz drauf, Herr Oberst.“
„So wie ich Sie kenne, juckt wahrscheinlich schon alles, mal eine Runde damit drehen zu können, nicht wahr, Thomasen?“
„Sehr richtig, Herr Oberst.“
„Tun Sie mal nicht so zackig, Leutnant.“
„Soll mir nur recht sein“, gab Hugo, deutlich lockerer zurück und beide grinsten breit.
„Dann ziehen Sie sich mal um, dann kann's gleich losgehen. Rumballern werden wir wahrscheinlich heute nicht, aber das kommt in den nächsten Wochen bestimmt auch noch.“
Eine halbe Stunde später stand Hugo mit Daffelkamp in voller Montur neben dem Fluggerät, den Helm mit dem eingebauten Sprechfunk unter den Arm geklemmt. Eine mobile Treppe half ihnen dabei, in die offene Kanzel zu steigen, Hugo als Pilot auf den hinteren Sitz, Daffelkamp als Waffensystemoffizier in den vorderen. Eine Hydraulik schloss die Glaskuppel über ihnen.
Thomasen atmete tief durch, betätigte eine Reihe von Schaltern, fuhr die Triebwerke und die Elektronik hoch. Ein ansteigendes Pfeifen erfüllte die Kanzel, das vertraute „Flap-Flap-Flap“ des Hauptrotors setzte ein, die einzelnen Geräusche langsam aber immer mehr ineinander übergehend.
Langsam ging er in den Schwebeflug über. „Alle Systeme funktionieren bis hierhin normal, Triebwerk schnurrt wie ein zufriedenes Kätzchen. WSO?“
„Bei mir auch alles so, wie es sein soll“, bestätigte Daffelkamp.
„Gut, gut, Jungs.“ Blechern war Oberst Dahlen in den Kopfhörern zu hören. „Dann probieren wir mal aus, ob auch alles so läuft, wie es soll. Thomasen, seien Sie so freundlich und drehen Sie mal die ganze Kiste um 360 Grad.“
Hugo trat sanft auf das linke Pedal, so dass der Heckrotor verlangsamt wurde und das Drehmoment des Rotors den gesamten Flugkörper langsam und stetig im Kreis bewegte, bis sie wieder in der Ausgangsstellung waren.
„Gut, sieht soweit manierlich aus, keine Schäden, Bewegung läuft auch sehr glatt. Daffelkamp, bewegen Sie mal die Kanone.“
Von seiner Position aus konnte Hugo nicht sehen, was sein WSO gerade machte, aber er wusste, dass er eine Konsole direkt vor ihm nach links und rechts bewegte. Die Konsole war um einen Bildschirm herum angeordnet, die das Bild einer Kamera übertrug, die parallel zu der MK unterhalb der Kanzel montiert war, so dass Daffelkamp tatsächlich auch sehen konnte, wohin er feuerte und nicht allein auf Leuchtspur und grobe Schätzungen angewiesen war.
„Sieht auch gut aus. Bewegen Sie sich mal vom Flugfeld weg und zum Übungsplatz hin.“
Hugo ließ den Helikopter eine Vierteldrehung vollführen und gab dann ein wenig Schub, um die Maschine zunächst langsam vorwärts schweben zu lassen. Alleine dieses Gefühl war schon atemberaubend, nicht zu vergleichen mit dem groben Geruckel, das jeder Flug mit dem Arbeitspferd der Helikopterstaffel, dem Allzweckhubschrauber 'Libelle', bedeutete. Wie auf Wolken kam er am Rande des Flugfeldes an.
„So, Thomasen, glauben Sie, dass Sie eine Runde über das Dorf schaffen, volle Kraft voraus?“
„Ich schlage vor, dass wir erstmal halbe Kraft voraus versuchen, Herr Oberst.“
„In Ordnung, aber werden Sie mir nicht zu langsam bei der Wende.“
Hugo gab Schub auf die Triebwerke und wurde von der Beschleunigung in den Sitz gepresst, während der Kampfhubschrauber über das Gras hinweg raste. Der Geschwindigkeitsmesser zeigte fast zweihundert Stundenkilometer an, was in etwa die Maximalgeschwindigkeit der bisherigen Hubschraubertypen war und definitiv war mit dem neuen Gerät noch deutlich mehr drin. Innerlich jubilierte er über die Möglichkeiten, die das Gerät ihm eröffnete.
Er wurde mutiger. „Herr Oberst, ich werde die Wende mit halber Kraft vollziehen und dann zu vollem Schub übergehen, bitte bestätigen.“
„Verstanden, Thomasen, tun Sie das.“ Das Grinsen seines Vorgesetzten war durch das Rauschen des Funks deutlich zu hören.
Die Fliehkräfte, die in der Wende wirkten, hatte er allerdings ein wenig unterschätzt, ein unterdrücktes Stöhnen war von Daffelkamp zu hören auch Hugo hatte Probleme, unter solchen Umständen zu atmen, aber sie überstanden das Manöver einigermaßen. Und dann drückte Thomasen den Gashebel durch. Gut zwei Kilometer Truppenübungsplatz lagen zwischen dem Dorf und dem Flugplatz, die sie innerhalb von weniger als einer halben Minute zurücklegten, die meiste Zeit davon feste in die Sitze gepresst.
Sofort ging er wieder in den Schwebeflug über.
„Das Ding hat Feuer, Leutnant.“
„In der Tat, Oberst.“
„Dann setzen Sie mal vor dem Hangar auf, war ja schon ne beeindruckende Vorstellung.“
Hugo setzte die Räder langsam und präzise vor dem Hangar auf, kletterte zusammen mit Daffelkamp aus der Kanzel und nahm als erstes den Helm ab, die Haare und das Gesicht darunter schweißgebadet, aber beide grinsend wie die Honigkuchenpferde.
„Bravo, meine Herren. Wann kann ich mit Ihrem Bericht rechnen?“
„Lassen Sie uns mal frisch machen, eine Rauchen und dann können wir uns dran setzen. Geben Sie uns zwei Stunden, Herr Oberst.“
„Hat die Maschine eigentlich schon einen Namen?“, fragte Daffelkamp, während die beiden zu den Duschen gingen.
„Weserflug führt ihn als Fa-3001. Ich habe mir schon Gedanken darüber gemacht, Dahlen hat mir schon angeboten, den Spitznamen zu bestimmen.“
„Und, was hast du dir einfallen lassen?“
„Ich glaube der beste Name für diesen Hubschrauber wäre 'Turmfalke'.“