Liebe ist für alle da . . . doch wer sind Alle ?

GeschichteRomanze, Freundschaft / P18 Slash
Christian "Flake" Lorenz Christoph "Doom" Schneider Oliver Riedel Paul Landers Richard Kruspe Till Lindemann
11.11.2019
17.05.2020
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2007/05/11 // Berlin, Germany

Er saß auf dem Bordstein. Allein. Der Blick in Richtung Fernsehturm. Dieser war der erste Punkt den der große schwarzhaarige Mann nach einem 13 Stunden Flug entspannt betrachtete. Ein Anblick den er kannte, ihm vertraut und sicher erschien. Der Himmel trüb über der Hauptstadt, nicht einmal 10°. Neben ihm auf dem Bordstein standen seine 3 großen grauen Koffer. Sie wirkten weitaus weniger verloren als er selbst. Doch Richard Kruspe, hielt seine Augen fixiert auf dieses hohe Gebäude, tief in Gedanken. In seiner rechten Hand eine halb ausgeglühte Zigarette, unter seinem rechten Bein ein dunkler alter Gitarrenkoffer.

Immer mehr Leute strömten an ihm vorbei, sein Blickfeld wurde dichter und begrenzter, dies rüttelte ihn mental wach, er zog an seiner Zigarette, die Augen verengten sich, nochmal ein Versuch die Spitze des Turms zu finden aber es gelang ihm nicht mehr. Die Köpfe zogen an ihm vorbei.
Er gab auf und erhob sich von der Erde. Der Gitarrist wischte sich den Staub von der Hose, prüfte seinen schwarzen Mantel ebenfalls, nahm seinen alten Koffer in die linke Hand und sah sich auf dem Alexanderplatz um. Er musste ein Taxi erwischen um ins Hotel zu kommen.
Doch hier, mitten auf dem großartigen Alexanderplatz, fuhren nur die Straßenbahnen hin und her. Mit vier Koffern, grenzte das Einsteigen in eine solche Bahn um genau 13 Uhr, einem Selbstmord. Doch Richard wusste genau wo er lang laufen musste denn er kannte sein Berlin fast genauso gut wie seine Saiten. Nach ca. fünf Minuten zur nächsten Hauptstraße, winkte er sich ein Taxi heran und setzte sich auf die hinteren Plätze des Autos. Die Adresse des Hotels war etwas außerhalb von Berlin, kein Stadtteil mehr, doch Richard kannte die Gegend.  Eine Nobel-Anlage mit Spa-Resort und höchster Ausstattung.

„Na gut“ dachte sich Kruspe, als das Taxi nach 30 Minuten immer näher an die besagte Adresse des Schuppens heranfuhr. - Was sich Till und Schneider nur dabei gedacht haben. Ist ja alles schön und gut sich zu treffen, aber an diesem Ort. Ich glaube manchmal wir werden alt. Vielleicht haben die zwei furchtbar grausame Lied Ideen und müssen dem Rest der Truppe danach eine Erholung spendieren.-  Bei diesen Gedanken bekam er leichte Gänsehaut.
„Darf ich bei Ihnen im Auto noch schnell eine Rauchen?“ ,fragte der Gitarrist seinen Taxifahrer. „Sie dürfen natürlich Herr Kruspe“ ,meinte der Fahrer zu ihm und grinste verschmitzt in den Rückspiegel. Erst jetzt bemerkte Richard den Rammstein-Aufkleber am Cockpit neben seinem Fahrtenschreiber. Er lachte: „Wow, vielen Dank, aber kriegen Sie keinen Ärger von ihrem Boss?“ Während er sprach zündete er sich trotzdem eine Fluppe an und pustete den Rauch genüsslich aus dem leicht runtergekurbelten Wagenfenster. „Ach, dann kauf ich noch ein paar Duftbäume und stell mich beim nächsten Warten neben das öffentliche WC des Hauptbahnhofs und schon duftets wieder wie vorher.“ entgegnete der nette junge Mann. Kruspe musste wieder lachen.
„Sie gefallen mir, ehrlich. Wie lange hören Sie unsere Musik schon?
„Seit 1995. Schon immer dabei gewesen sozusagen. War schon auf ein paar Konzerten von euch, ihr seid mega klasse. Hab vor drei Jahren meine Freundin auf einer Europa Reise kennengelernt. Jetzt raten Sie, wo.“ plapperte der Taxifahrer los. Richard amüsierte es und war natürlich stolz auf sich und seine Jungs wenn er so etwas hörte.
„Auf einem unserer Konzerte?“  „Ja! Seitdem seid ihr auch auf meiner Arbeit dabei. …So wir wären da Herr Kruspe.“ Das Auto stand noch nicht mal richtig, da hüpfte der Fahrer überstürzt aus dem Wagen um Richard von außen die Tür zu öffnen. Der Gitarrist blickte ihn etwas verdattert an, musste aber schmunzeln. Er fühlte sich in diesem Moment richtig gut, es gab ihm einen kleinen Adrenalinkick, so gemocht zu werden. Richard reichte ihm die Hand nachdem der junge Mann alle Koffer für ihn ausgeladen und zum Haupteingang geschleppt hatte.
„Ich danke Ihnen…ähm…wie heißen Sie“ fragte er seinen Fahrer höflich. „Ronny. Und vielen Dank, dass ich Sie fahren durfte..
„Richard, bitte!“ unterbrach ihn der Gitarrist. Erstaunt aber erfreut antwortete er: „Richard…wow ähm..okay…egal ob du hier Urlaub machst, oder ihr euch hier trefft um etwas Neues zu besprechen, ihr seid der Hammer! Wir halten euch die Treue!“ Er schüttelte aufgeregt die Hand seines Idols und verabschiedete sich noch während des wegfahrens mit wildem Winken und einer übertrieben laut aufgedrehten Anlage auf der „Bück dich“ gespielt wurde. Richard grinste immer noch in sich hinein während er seinem Fahrer hinterer sah.
Wir halten euch die Treue, was für ein mega geiler Satz. Dieser sollte in Richards Gedächtnis bleiben.

„Scholle!“ rief jemand aus einigen Metern Entfernung und riss den jungen Gitarristen aus seinen Gedanken. Richard drehte sich um und sah zum Haupteingang hoch. Schneider. Der Hoteleingang bestand aus einem Rundbogendurchgang mit einer altbackenen goldenen Drehtür und dunklem Holz. Davor standen links und rechts zwei Marmorlöwen und akurat zugeschnittene Rhododendronbüsche. – Genau unser Geschmack- dachte sich Richard, während er auf seinen langjährigen Freund und Band-Kollegen Christoph „Doom“ Schneider zuging.
Dieser grinste schon bis über beide Ohren. „Na du alte Kanone, lässt dich auch mal wieder sehen.“ giegste er Richard an. Der Gitarrist lachte und drückte Schneider zur Begrüßung.
„Schon dreiacht auf´m Kessel wa? Alte Plaudertasche“ gab Richard zurück.
„Ihre Koffer werden für Sie schon auf´s Zimmer gebracht wehrter Herr Kruspe“ spaßte der Schlagzeuger weiter und machte einen höflichen Knicks. „Bitte hier entlang Sir“ Richard lachte lauthals darüber und ging durch die Drehtür, Schneider folgte ihm, immer noch weiter Knicks machend wie ein kleines Mädchen vor der Queen persönlich.

Im Hotel war es angenehm warm und es duftete nach Lavendelkerzen. Der Fußboden aus hellem Marmor, zu Teilen ausgelegt mit roten langen Teppichläufern. – Wow, wat für ein Schuppen- dachte Richard, sein erstauntes Gesicht war aber nur von kurzer Dauer, da Schneider schon wieder vor ihm stand, aufgeregt wie ein Kind an Weihnachten.
„Ist das hier nicht der Hammer?!“
„Öhm joaa… mal was anderes. Wie ist Till denn auf sowas hier gekommen?! In die höheren Kreise aufgestiegen oder was?“ Richard war trotzdem noch gleichermaßen positiv überrascht wie irritiert.
„Kennst ihn doch den alten Angeber. Mir isses Jacke wie Hose solange er uns einlädt.“
„Wo sind die Anderen?“ fragte der Gitarrist um endlich das Thema zu wechseln. Währenddessen setzte er sich in der Lobby auf ein Canape, neben Schneider´s abgelegten Rucksack.
„Till und Flake sind eben auf ihre Zimmer, sagten aber sie kommen gleich wieder. Tja und Oli und Paul, weiß der Geier, gesehen hab ich die noch nicht.“ Christoph ließ sich neben seinem Kumpel nieder und musterte ihn kurz. Die Beiden hatten sich eine gefühlte Ewigkeit schon nicht mehr gesehen. Schneider war sehr mit seiner Familie beschäftigt, war viel auf Reisen gewesen und hatte dann seine Rasselbande irgendwann doch vermisst. Ihn und Richard verband eine solide Freundschaft, die zeitliche und geographische Distanzen ohne Mühe all die Jahre über Stand hielt. Der Drummer musterte seinen Freund und lächelte:
„Wie geht´s dir? …Du siehst müde aus…dünner bist du auch geworden un…“
„Doom, halt! Ich weiß was jetzt kommt, weil es immer kommt. Mir geht´s gut, ich esse genug und halte meine 7 Stunden Schönheitsschlaf. Das Einzige was mich in meinem Alter nicht gut aussehen lässt, ist ein Jetlag. Und den habe ich im Moment.“
Der Schlagzeuger sah seinen Freund milde lächelnd an. –Ob er selbst dran glaubt was er da sagt?- dachte er sich, beließ es aber dabei. Mit Richard waren viele Dinge spaßig und einfach, eines jedoch nur bedingt: diskutieren.
„Ist ja klar. Sind ja über 13 Stunden Flug von Mexiko bis nach Berlin. Wir haben uns grob besprochen vor ein paar Tagen. Till, Flake und ich. Wir dachten, es wäre gut wenn wir alle die ersten Tage hier n´bisschen feiern und entspannen, in welcher Reihenfolge dass dies dann stattfindet, sei mal dahin gestellt.“ Erklärte Schneider.
Richard hörte zu, fand die Idee für ihn ansprechend und stimmte dem auch verbal zu. Im Augenwinkel sah er Till und Flake auf sich zukommen. Der Gitarrist erhob sich und begrüßte seine Freunde herzlich, es tat so gut, seine 2. Familie zu sehen. Sie stellten ihre Taschen ebenfalls ab. Till machte eine Geste Richtung Richard. Dieser verstand sofort.
Der über 1,80 Meter große Sänger und sein Gitarrist, liefen gemeinsam durch die Drehtür nach draußen. Beide steckten sich neben dem Eingang eine Fluppe an. Richard sah Till an. „Extravagant Herr Lindemann. Wie sind Sie nur auf den Trichter gekommen hier zu residieren?“
„Wie kommst du drauf dass das meine Idee war?“ lachte Till und zog an seiner Zigarette.
„Deine Mail, du seniler Sack. Überhaupt passt zu dir dieser abgedrehte Scheiß.“
„Eigentlich habe ich die Mail nur weitergeleitet, unser werter Herr Dr. Von und Zu Lorenz residiert hier oft mit seiner Gattin.“ Till zog leicht eingeschnappt noch einmal von seiner Kippe.
„Was? Ich dachte er steht eher so auf Pferdehof und Einsamkeit. Aber gut okay. Wie er möchte. Schneider hat mir schon erzählt wie der Plan aussieht.“ Seine Hände wurden etwas kalt. Dann sah er sich um. Zwei der insgesamt sechs Mitglieder waren immer noch nicht angekommen.
Oliver und Paul.
Richard gab es einen leichten inneren Ruck bei gedanklicher Erwähnung des letzten Namens.
Doch er kannte das schon. Schon seit Ende der 90er, war dieses Gefühl tief in dem Gitarristen verankert, so tief, dass man es super vergraben konnte so wie andere unbeliebte Gefühle.
„Du kennst unseren lieben Tastenficker, immer für eine Überraschung gut!“ meinte Till und ließ den Gitarristen kurz aus seinen Gedanken aufschrecken, der Sänger drückte seine Kippe im Aschenbecher aus und wartete darauf dass Richard es ihm gleich tat. Ein Windstoß vermiesten ihm die letzten Züge. Es drückte aus und schlenderte mit Till hinein.

Schneider und der Keyboarder hatten für alle schon Getränke an den Lobbytisch Nr. 13 bestellt.. Drei Tassen Kaffee und ein Irish Coffee. Leicht angefroren setzte sich Richard neben Flake schon gierig auf sein irisches Heißgetränk. „Wie war dein Flug Scholle?“ fragte Lorenz. Durch seine große schwarz umrandete Brille blitzten die dunklen, neugierigen Augen hervor. Richard nahm einen kräftigen Schluck von seinem Kaffee und zuckte mit den Schultern. „War okay.“
„Wahnsinn, du kannst erzählen, als wäre man dabei gewesen.“
Till und Schneider lachten. Der Gitarrist schluckte gerade noch rechtzeitig runter und musste selbst lachen. Alle spürten plötzlich einen frischen Windzug im Nacken. Ein nicht mehr allzu weit entferntes, ihnen allen altbekanntes Gelächter drang durch die Tür in die Lobby.
Till verdrehte seine Augen. Flake und Schneider sahen sich um obwohl sie genau wussten wer da so herzlich kichernd zur Drehtür hereinkam. Paul Landers. Richard und Flake konnten ihn bereits vor allen anderen durch das Glas sehen, da sie in Blickrichtung des Eingangs saßen.
Er trug eine schwarze Wollmütze. Da er ja wenig Haare hatte, war es ihm anscheinend noch zu kalt am Kopf. Er hatte wie Richard seinen Gitarrenkoffer dabei.
Im Schlepptau war Oli mit dabei, dieser ebenfalls mit Mütze. „Da sind ja alle!“ rief Landers mit voller Freude durch die Lobby. Mindestens 80% der Leute die sich auch in der Eingangshalle befanden, drehten sich leicht irritiert um.
„Klar dass du wieder auffallen musst,“ begrüßte Till seinen Kollegen während er von seinem Sessel aufstand und Paul und Oliver entgegen trat. Paul lachte und nahm seinen großen Freund in den Arm. Richard beobachtete alles von seinem Sitzplatz auf. Innerlich zerriss es ihn fast vor Freude, für ihn ging mit Paul die Sonne auf. Zumindest empfand er es so, ungewollt stark.
–Komm wieder klar, bei den anderen hast du dich auch so gefreut Kruspe ….oder? …Ja..ich denke schon. Ach verfickte Scheiße …-
Ihre Blicke trafen sich. Seine Augen strahlten, als Paul seinen Co-Gitarristen erblickte. „Mein lieber Herr Kruspe, was für ein Anblick!“ scherzte Landers während er auf Richard zusteuerte. Dieser stand sofort auf und beide umarmten sich. Richard drückte seinen etwas kleineren Kollegen fest an sich, er schloss die Augen, sein Herz sprang auf und ab und ganz unwillkürlich, aber wie ein Reflex, sog er den Duft von Paul in seine Nase ein. Er merkte wie seine Wangen kurz heiß wurden. Dies alles passierte im Bruchteil einer Sekunde. Bis Richard merkte was er da tat, sofort fühlte er  Scham in sich aufsteigen und ließ ihn wieder los, doch er sah Paul an und lächelte:
„Herr Landers, es ist mir eine Freude.“ Paul lachte. „Du bist dünner jeworden kann det sein?“ Er musterte seinen schwarzhaarigen Freund. „Jetzt fang du nicht auch noch an. Mutti Christoph hat schon das Gleiche behauptet. Und ja, mein Flug war total öde und faszinierend einschläfernd.“ Setzte Richard für sie beide das Gespräch fort.
„Da weißt du jetzt schonmehr als wir anderen“ warf Flake ein und grinste hämisch.
Für diesen Kommentar bekam der Keyboarder von Richard einen leichten Schlag auf den Arm. Flake zuckte nur minimal, grinste aber weiter. Schmerzen war er durch die Shows ja gewohnt.
„Till, ich bin dafür dass wir uns keine Diva mehr anschaffen als Gitarristen.“ scherzte Paul daraufhin und bekam anstatt auch einen Riffel nur einen bösen Blick.
Während der Kleinere der Gitarristen seine restlichen Kollegen begrüßte widmete der Größere sich dem Bassisten. „Jetzt wo alle da sind, schlag ich vor wir gehen alle auf unsere Zimmer und treffen uns um 19:30 Uhr im Hotel Restaurant.“ Verkündete Till. Alle waren damit einverstanden und zogen von dannen in Richtung Aufzüge.

Zimmer 128.
Der schwarze Gitarrenkoffer fand seinen Platz neben dem großen Hotelbett. Genau wie in der Lobby war alles in diesem Zimmer mit einem Hauch von Harald Glööckler überzogen. Zumindest empfand Richard das so, als er sein Zimmer betrat. Er legte sich auf sein Bett, schlug die Beine übereinander und betrachtete die Decke.
-     Was war das denn da unten im Eingang Kruspe? Riechst an Paul? …Ich dachte ich hätte es im Griff, diese seltsamen Regungen…ne nicht Regungen, Gefühle, Phase… Aber es war gut, naja, wie gut ein Mann eben riechen kann. Alter… what the fu*k ?! Gerade Paul. Warum eigentlich?! Jedes Jahr das Gleiche… das muss doch mal aufhören…Paul…Er war da unten aber so…sü..–
„Nein!“ schrie Richard und setzte sich auf. „Du drehst durch wenn du das wieder an dich ranlässt. Schlag´s dir aus´m Kopf!!“ Als er merkte, dass er  just in dem Moment allein war, ergo mit sich selbst redete, schüttelte er nur seinen Kopf und schnaufte genervt. Also packte er sich selbst am Kragen, sprang aus dem Bett wie von einer Tarantel gestochen und räumte seine drei Koffer leer. Fein säuberlich alles in den Schrank. Dabei ging fast eine Stunde drauf. Anschließend stieg er unter die Dusche und konzentrierte sich darauf dass das Wasser alle seltsamen Gedanken und Gefühle von ihm abspülten. Noch eine Stunde verstrich. Plötzlich klopfte es an der Tür, als der Gitarrist eben dabei war sich ein Shirt und eine Boxershorts überzuziehen. „Moment!“ rief er aus dem Bad. In seine graue Jogginghose hüpfte er noch rein als er auf dem Weg zur Tür war.
„Reesh, das ging schon mal schneller!“ wieder pochte es an die Tür. Paul. Na klar, wer sonst.
Richard öffnete die Tür und ein blitzeblank herausgeputzter Paul stand vor ihm. Im schwarzen Blazer, grauen Hemd, dazu passender schwarzer Hose und dunklen Lederschuhen. Sogar seine Armbänder die er vor vielen Jahren von Richard geschenkt bekommen hatte, trug er am rechten Handgelenk. Sein Duft, drang dem Schwarzhaarigen Gitarristen in die Nase.
Bei dem Anblick und Auftreten musste er lächeln. „Wo haben sie dich denn her Paulchen? Waschgarage oder was? Wooow!“ meinte er und trat beiseite sodass er eintreten konnte.
Stolz wie Oskar und mit einem breiten Grinsen stolzierte Paul an seinem Kollegen vorbei.
„Tja, da guggste nicht schlecht, wa?! … Falls es dir noch nicht aufgefallen ist, ig sehe immer so jut aus!“ gab Paul auf den Waschanlagen-Kommentar zurück.
-     Ohhh… das fällt mir immer auf…- dachte Richard und gab sich innerlich einen Kinnhaken für diesen ungebetenen Gedanken
„Unwiderstehlich Paulchen.“ gab der größere von Beiden betont sarkastisch von sich. „Ich sehe immer noch besser aus als du.“ Blödelte Richard rum und zwinkerte seinem Freund zu.
„Das höre ich zum ersten Mal Scholle! Aber okay, der Klügere gibt nach.“
„Du meinst, der Kleinere…“
„Halt´s Maul. Komm zieh dich um, wir wollen dann los.“ Spornte Paul ihn an. Richard stutzte.
„Was? Es ist grade mal halb sechs?!
Paul sah seinen Kumpel an. „Ich wollte mit dir reden, in Ruhe, unter vier Augen, bevor die Anderen kommen.“ Er wirkte plötzlich ernst. Dies war sehr selten bei ihm. Richard zog eine Augenbraue hoch und setzte sich neben ihm auf´s Bett. Unwillkürlich merkte er, wie sein Herz begann schneller zu schlagen. Auch wenn er sich innerlich wieder ärgerte, er konnte dagegen gerade nichts tun.
„Alles in Ordnung? Mach mir keine Angst.“ Forderte Reesh seinen Freund auf schon mal vorab auf etwas zu erzählen.
Paul sah Richard in die Augen und lächelte. Richard rutschte das Herz in die Hose und wanderte innerhalb weniger Sekunden wieder hoch bis in den Hals. Er musste schlucken, denn gleichzeitig drehte sich sein Magen um.
„Es ist nichts Bedrohliches, nur eine Veränderung innerhalb der Familie. Ich erklär´s dir unten in der Bar.“ Richard atmete etwas erleichtert auf. „Okay. Alles klar.“
Sofort lenkte Paul ab, als er merkte wie viele Sorgen sich Richard zu machen schien. Paul spürte dass sein Bandkollege sich die letzten Jahre immer sehr stark um ihn bemüht hatte, egal in welcher Hinsicht.
„So, jetzt zeig mal her, was du für unser Diner heute Abend anziehen willst.“ forderte der Kleinere der Gitarristen. Dabei lehnte er sich an das Kopfteil des Bettes und schaute Richard erwartungsvoll an. „Na dann halt dich fest Herr Landers.“ Richard stand auf, machte den Schrank auf, zog ein weißes Hemd, ein schwarzes Jacket und eine dazugehörige Hose heraus.
Paul guggte ihn schräg und etwas enttäuscht an. „Wie jetzt? Hast du keine schrägen Richard typischen Klamotten mehr? So geht das nicht Reesh.“ Schmollte Paul rum und zeigte den Daumen nach unten. Er brachte Richard damit ein wenig in Verlegenheit.
„Na gut. Ich hatte es mir eigentlich für die Berliner City aufgehoben, aber ich war doch bis vorgestern in Mexiko Stadt und davor in New York und hab DAS gefunden.“
Kruspe zog ein schwarzes Jacket ähnliches Teil aus dem Schrank. Der Stoff war aus glattem glänzendem Stoff, sie hatte hinten eine Schwalbenschwanzform und einen Kragen mit Nieten, darunter hing am Bügel ein schwarzes Hemd mit roten Emblemen an Ärmel und Kragen. Ein rotes Tuch war in der Brusttasche eingenäht.
Die Hose schwarz, knall eng und an den Beinen ein kleiner Schlag. Die dazu passenden Nietengürtel und seine halbe Tonne Schmuck hatte Reesh auf das Sideboard neben dem Schrank gelegt. Paul applaudierte. „Ja! Das ist es. Los anziehen.“ befahl er.
Nun hatte Richard seine volle Aufmerksamkeit. Er entledigte sich seines Shirts und schmiss es gespielt lasziv zu Paul auf´s Bett. Dieser musste lachen und wurde leicht rot im Gesicht, dies bemerkte Richard sofort. Es spornte ihn an obwohl er wusste dass Paul sich wohl mehr darüber amüsierte. Also flog seine Jogginghose ebenfalls zu ihm, landete knapp neben dem Gitarristen.
„Nur weiter so, ich bin schon ganz wuschig“ giegste Paul während er Richard bei seiner übertriebenen Show beobachtete. Die Röte entschwand jedoch nicht aus seinem Gesicht.
Seine Augen wanderten natürlich über Richard´s Körper. Paul spürte einen Hauch von Neid.
„Fertig geglotzt Landers?“ unterbrach ihn Richard und grinste hämisch. Paul fühlte sich ertappt.
„Was? Jetzt zieh dir endlich was an.“ Er streckte Kruspe seine Zunge raus und winkte ab.
Als Richard fertig war, schnappte er sich Zimmerschlüssel, Handy,  Kippen und Feuerzeug, schob alles in seine außergewöhnliche Jacke, legte diese sich unter den Arm und guggte Paul an, der alles beobachtet hatte vom Bett aus.
„Los Paulchen.“ Das ließ sich Besagter nicht nochmal sagen. Die ganze Aktion hat schließlich fast 20 Minuten gedauert. Beide schlenderten durch´s Hotel in die Bar. Paul hatte wohl schon im hintersten Eck einen Tisch reservieren lassen, da ein Platzkärtchen darauf stand.
Die Bar, in einem hellblauen Neonlicht beleuchtet, lag im Kellergeschoss. Im Eingangsbereich waren Bartische, mit edlem Gedeck und einer vergoldeten Karte auf dem exklusive Drinks standen. Die Möbel sowie der Barthresen ebenfalls in dem dunkeln Mahagoni Holz Ton gehalten wie der Rest des Hotels. Die Hocker und Sitzbänke in den Ecken waren schwarz-grau melliert gepolstert.
Richard gefiel das Ambiente besser als oben. Es hatte einen verruchten Touch und das Beste: Paul hatte in weiser Voraussicht in einer Raucher-Lounge reserviert.  
Als sie sich gesetzt hatten kam der Kellner. „Guten Abend die Herren, was darf´s sein?“
„Einen Tequlia Sunrise“ fing Richard an.
„Ein Diesel“ Der Kellner nickte.
Richard sah Paul schief an. „Ein Diesel? Wow. Du hast mich gerade dran erinnert dass wir ja wieder im guten alten Osten sind. Manchmal bin ich in Gedanken noch woanders.“
Paul lächelte ihn an und zündete sich eine Kippe an. Richard tat es ihm gleich.
„Also. Jetzt erzähl Paulchen, was brennt dir auf der Seele?“ Der Gitarrist konnte es kaum noch erwarten was sein Freund zu berichten hatte. In dem hellblauen gedämpften Licht wirkte Paul etwas düsterer.                      
– Herz, hör auf solche Sprünge zu machen….beruhige dich…-   Reesh konnte innerlich kaum noch still halten. Paul zog an seiner Zigarette, pustete langsam den Rauch aus, sein Blick war seinem Gegenüber abgewandt.
„Arielle und ich haben uns vor einem halben Jahr getrennt. Unsere Kleine lebt bei ihr. Ich habe meine Tochter das letzte Mal vor einem Monat gesehen. Arielle´s Eltern verbieten mir jeden Umgang mit ihr. Meine Eltern sind am durchdrehen deswegen, tja und ich sitze heute hier, keine Aussicht darauf wann ich mein Mädchen wiedersehen kann.“ In Paul´s Augen sammelten sich die Tränen. Auch wenn sein Blick auf die Tischplatte gerichtet war, spürte sein Gegenüber sofort wie es ihm ging.
Es gab Richard einen festen Stoß in die Magengrube als er das hörte. Er zog lange an seiner Kippe, legte sie dann auf dem Aschenbecher ab.
„Sieh mich an Paul.“ Dieser machte keine Anstalten, da er immer noch mit seinem Wasser in den Augen kämpfte. Er hatte alles auf einmal ausgesprochen, es sprudelte heraus. Vorgenommen hatte er sich etwas anderes.
„Paul…“ Richard hielt kurz inne, der Kellner stellte ihre Getränke auf den Tisch.
Der Ältere von Beiden saß wie ein angeschossenes Reh vor seinem Kollegen.
„Es tut mir Leid. Alles! Das hast du nicht verdient.“
„Aber so ist die aktuelle Lage.“ Landers schluckte hörbar. „Im gefühlten 5-Minuten-Takt meldet sich mein Vater. Verständlich. Er möchte seine Enkelin sehen. Ich kann ihm nichts mehr erzählen weil ich keine Ahnung habe, wie das weiter läuft.“ Er nahm daraufhin einen kräftigen Schluck von seinem Diesel. „Ich war so froh als Till mich angerufen hat dass wir an einem neuen Album arbeiten sollen. Trotzdem, bin ich kein Typ der gerne vor Problemen wegläuft, aber so… Arielle legt mir nur Steine in den Weg, ich versuche sie wie ein kleiner lächerlicher Clown zu drüber zu springen, doch diese dumme Kuh schleppt immer größere Steine an…verstehst du was ich meine?“
Richard nickte, trank von seinem Sunrise. Nur zu gut verstand er.
„Habe angefangen in meiner neuen Wohnung schon an Texten und Noten zu basteln um mich irgendwie abzulenken.“ Paul drückte seine erste Kippe aus und trank sein Diesel auf einen Zug leer.
„Es ist jedesmal hart.“ meinte Richard. „Egal wie oft du dich von irgendwem trennst.“
„Ich weiß, bei mir ist es auch nicht das erste Mal, aber Arielle und ich waren eben nicht nur ein oder zwei Jahre zusammen sondern fast acht und naja, da sammelt sich Vieles an… Gefühle, Möbel und so weiter…“ Paul sah seinen Freund an. Dieser nickte bestätigend. Er drückte auch seine Kippe aus, steckte sich die nächste in den Mund, zündete sie an und reichte sie seinem Gegenüber. Der konnte sie mehr als vertragen. Richard winkte er den Kellner zu sich, der sofort zu den Beiden rüber tänzelte. „Zwei Tequilas, diesmal ohne Sonnenaufgang bitte. Braun.“ Der Kellner nickte.

„Verdammt viel passiert bei dir. Und ich war nicht da. Ich war ein egoistischer Arsch, mich so selten bei dir, nein, bei euch allen zu melden. Das hört ab heute auf. Egal wie lange der ganze Mist dauern wird mit euch, ich bin da, wenn du Fragen hast, frag.“ Meinte Richard, erst mehr zu sich selbst, dann sah er Paul eindringlich an. Landers bließ den Rauch aus seiner Nase und nickte mild. Sein Blick war noch etwas bedrückt. „Ich dachte sie wäre es. Fast einen Monat habe versucht mich zu drehen und zu wenden, doch die Unzufriedenheit wurde mehr und mehr.“
Richard stutzte. „Nur zum Verständnis, darf ich fragen was der Trennungsgrund war?“
Paul zog lange an seiner Zigarette und sah nach ungefähr zehn Sekunden seinen Kumpel an.
„Eine Kombination aus Alltagsmelancholie, Unzufriedenheit mit sich selbst, Projektion auf den Partner und eiskaltem Sexentzug …“ Richard war etwas überrascht dass keine ausschweifende Geschichte rüberkam von der größten Quasselstrippe der Band.
Paul bemerkte seine Verwunderung und musste über das verdutzte Gesicht leicht lächeln.
Der Kellner brachte die Tequilas. „Ja, ich hatte fast ein halbes Jahr Zeit die Geschehnisse zu reflektieren und diese paar Wörter fassen diese über Jahre andauernde Beziehung zusammen. Traurig oder?“
„Nein, das ist es nicht“ meinte Richard sofort darauf. „Das was du gesagt hast, mag zutreffend sein, für die letzte Zeit vor eurer Trennung, aber sicher nicht auf eure gesamte Beziehung. Zieh dir so einen Schuh nicht an. Es hat nicht funktioniert im Großen und Ganzen, aber traurig kann man euer gemeinsames Leben bestimmt nicht nennen. Ihr habt eine Menge erreicht, das ist auch Fakt und nicht einfach so runterzuspielen. Sei stolz auf deine Zeit, ihr habt eine wundervolle Tochter, habt Emil mit aufgezogen. Wir als Band sind erfolgreich und ihr habt über Jahre als Familie trotz der Touren, zusammengehalten. Traurigkeit ist ein Gefühl, aber keine Beschreibung auf dein Leben Paul!“ . . .Damit hatte der Gitarrist ins Schwarze getroffen. Eine Träne lief über Paul´s Gesicht. Schnell wischte er sie sich ab und nahm einen rießen großen Schluck von seinem Getränk.

Richard gab es einen Stich ins Herz, seinen Freund so zu sehen, er hatte das starke Bedürfnis ihn in den Arm zu nehmen, doch er blieb sitzen, sah ihn nur an, wie stillschweigend er sich die nächsten Tränen verdrückte. Kruspe wusste ganz genau wie sehr Paul seine Arielle geliebt hat oder vielleicht noch liebte. Sonst würde er kaum so reagieren. Richard und sie waren ebenfalls Freunde geworden in den Jahren. Doch über seinen besten Freund stellte sich niemand. „Scheiße“ flüsterte Paul und wischte sich die Träne von der Wange.
„Es tut mir Leid für euch Beide, ehrlich.“ Landers nickte dankbar. Er drückte seine Zigarette aus und nahm noch einen Schluck. „Die Anderen wissen es noch nicht. Heute wollte ich es ihnen sagen, dass wir alle gemeinsam einen Grund zum Saufen haben.“
„Wow, dann hätten wir lieber ohne Grund gesoffen.“ meinte Reesh.
„Nein nein, das ist gut so wie es JETZT ist, ich brauch euch einfach. Egal wie.“
„Na klar Paulchen, wir sind hier, du bist hier, das kann dir niemand mies machen.“ versuchte Richard ihn wieder aufzumuntern und schluckte seinen Tequila auf drei Züge aus. Paul sah ihn schief an. „Danke. Für´s Reden mein ich. Auch wenn du anscheinend auf die Nachricht mehr Alkohol brauchst als ich.“ Schon strahlte seine Mimik mehr als noch vor zwei Minuten.
„Wenn´s dich zum Lächeln bringt, dann gern.“
„Jaja, das machst du nur wegen mir?!“
„Natürlich nicht, aber ohne deine Witze und Trinkspiele macht Saufen weniger Spaß. Und ein depressiver Paul erfindet keine guten Trinkspiele“ lachte Richard.
„Aber erst müssen wir noch was Essen.“ Landers wirkte schon ein bisschen erleichterter. Er war froh Richard das Gröbste erzählt zu haben, doch wie er fand war es nun an der Zeit zu feiern dass sie wieder vereint waren und sich die nächsten Tage an die Arbeit machten um eine neue Platte zu produzieren. Sie hatten nur eine Hand voll Texte vom letzten Album übrig, mit denen sie beginnen könnten. Till und Paul hatten schon ein bisschen was zusammengetragen, doch es lag noch verdammt viel Arbeit vor ihnen.
Till Lindemann, Christoph „Doom“ Schneider, Christian „Flake“ Lorenz und Oliver Riedel betraten die Bar um ihre beiden Gitarristen mit nach oben in den Speisesaal zu nehmen.
„Hier seid ihr! Kommt, wir wollen zu Tisch“ rief Flake von der Treppe aus.
Paul und Richard sahen sich grinsend an. Wortlos standen sie auf, legten Geld auf den Tisch, gingen zu ihren Bandkollegen und gemeinsam nach vielen Jahren, starteten sie in einen neuen Abschnitt ihrer Karriere. Sechs Männer, Sechs Herzen, wiedervereint.

//


12. Mai 2007 \\ Berlin

Ein Sonnabend. Die Sonne blitzte endlich zwischen der dicken Wolkendecke hervor. Im Hotel war normaler Betrieb, Leute checkten ein und aus. Die Angestellten wirkten entspannt. Mary-Sue, eine große schlanke Frau im schwarz blauen Hosenanzug, stand hinter der Rezeption. Ihre dunkelbraunen langen Haare waren zu einem korrekt sitzenden Zopf nach hinten gebunden, sie war die leitende Rezeptionistin an diesem Tag. Korrekt und förmlich wie ihr Zopf, blickte sie um genau 13 Uhr auf die Anzeige in ihrem PC. Sie griff zum Telefon und wählte die 129.
Lange Zeit nahm keiner ab, bestimmt 2 Minuten. Mary aber war wie ihr Ruf, hartnäckig und unnachgiebig.
„Jo…“ ertönte es kaum hörbar und müde aus dem Apparat.
„Guten Morgen Herr Lorenz. Sie wollten um genau 13 Uhr von mir geweckt werden. Frühstück ist wie besprochen in 20 Minuten bei Ihnen. Möchten Sie das Frühstück noch in eines der anderen Zimmer geliefert bekommen, oder sind Sie vollzählig in der 129?“
„Jo“
Mary musste grinsen. „Sie sind vollzählig?“
„Keine Ahnung.“
„Ich werde Ihnen einfach drei Frühstückswägen liefern, falls Ihre Mitreisenden sich in einem anderen Zimmer befinden sollten. Ist das in Ordnung?“
„Jo.“
„Natürlich gerne Herr Lorenz. Genießen Sie den Tag und Ihr Essen. Bis später.“
Flake legte den Apparat langsam neben sich ab um sein Gesicht sofort wieder ins Kissen zu stecken. „Was?“ fragte plötzlich jemand neben ihm im Bett. In Zeitlupe drehte der Keyboarder sein Gesicht aus dem Kissen, um zu sehen wer da neben ihm lag. Es war Schneider.
„Scheiße… mir tut alles weh.“ Stöhnte er Flake an. Schneider lag auf dem Rücken, oben Ohne, nur seine schwarze edle Hose hatte er noch an. „Frag mich mal“ raunte Flake zu ihm rüber.
„Sind wir die einzigen Überlebenden?“
„Warte ich seh mal nach“ Flake richtete sich nach gut drei verstrichenen Minuten auf. Langsam setzte er sich an die Bettkante und sah sich um. So schlimm wie erwartet war´s nicht mal.
Alle Wände waren heil, alle Lampen standen gerade, Fensterscheiben hielten dicht. Ein kurzer Moment der Erleichterung und des Stolzes spürte er in sich aufsteigen.
Till lag leise schnarchend direkt neben Flake auf dem Boden, die Arme ausgebreitet, einer Kreuzigung ähnlich. Oli war anscheinend direkt neben dem Sänger zusammengebrochen. Sein Kopf war in sein Jacket gehüllt um sich vor dem Licht zu schützen, denn die Vorhänge standen offen.
-     Verfickte Sonne - dachte Flake.
Schneider hatte es in der Zwischenzeit geschafft sich ebenfalls aufzusetzen. „Paul liegt hier neben mir, mit dem Kopf unterm Nachtschrank.“ Er schüttelte bei dem Anblick nur müde den Kopf.
„Richard hat´s also nicht geschafft.“ Stellte Flake nüchtern fest. Schneider zuckte nur mit den Schultern. „Bisschen Schwund ist immer“
Till zuckte. „Schnauze…“ seuselte er leise. Seine Stimme war krätzig und kaum zu hören.
Flake und Christoph ignorierten ihn. Beide steuerten fast zeitgleich schlürfend ins Bad um auf die Toilette zu gehen. „Wer hat da eben angerufen?“ fragte Schneider
„Mary-Sue.“ Antwortete Christian kurz.
„Cool, cool.“
„Ich geh als Erster. Mein Zimmer Schneider!“ Flake bemühte sich seine ebenfalls krächzende Stimme betont ernst zu stellen. Sein Hals schmerzte beim Sprechen. Schneider war zu schlapp um zu diskutieren. – Gut okay es gibt ja noch die Badewanne- dachte er.
Zur selben Zeit wachte Paul auf. „Was ist mit meinen Augen? Bin ig jetze Blind?“ murmelte er leicht erschrocken. Er sah kaum was, nur grau. Seine Erinnerung kam zum Glück wieder und langsam zog er seinen Kopf unter dem Nachtschränkchen hervor. „Hallo?...Keiner da? Flake?“
Besagter trat aus dem Bad. „Moin. Ausgeschlafen?“ fragte der Keyboarder seinen Bandkollegen.
Paul schüttelte nur den Kopf, dabei musste er feststellen dass das er mehr als nur starke Schmerzen in diesem Bereich aufwies. Sofort machte er ein schmerz verzehrtes Gesicht. „Na, auch Kopfschmerzen?“ fragte Schneider, der jetzt auch wieder aus dem Bad kam. Oli und Till lagen noch dort wo sie Flake zuletzt gesehen. „Scheiße, ich wünschte ich wäre auch noch im Tiefschlaf.“ Meinte der Schlagzeuger. „Somnolenz hilft auch nicht gegen Kater. Irgendwann erwachst du und wünschst dir genauso dass du tot wärst.“ Meinte Flake nüchtern. Er setzte sich wieder auf sein Bett und sah vom Schlafzimmer aus Richtung Zimmertür. Vor dem großen Schlafraum kam das Wohnzimmer, es hatte ca 30 m². Ein Big Sofa stand neben der Eingangstür an der Wand, gegenüber ein Kamin. Prunkvolle Dekoration und Vorhänge stopften diesen großen Raum trotzdessen voll. Da Flake diese Räumlichkeiten schon kannte hatte er sich extra die große Suite genommen, damit sie hier zusammen sitzen bzw. trinken konnten. Dies war bis in die frühen Morgenstunden auch passiert.
„Wo ist unser Schönling nur?“ Der Keyboarder sah sich um, im Schlafzimmer lag er auf jeden Fall nicht, im Bad ebenso wenig. Paul und Schneider sahen sich an und zuckten mit den Schultern.
Flake stand wieder vom Bett auf und tappte ins Wohnzimmer. Sein Blick wanderte von rechts nach links, am Boden lag niemand. „Wo ist der nur abgeblieben…?!“ Schlagzeuger und Gitarrist Nummer 2 kamen dazu, doch Richard war definitiv nicht hier. „Ich seh mal in seinem Zimmer nach“ meinte Paul. „Zieh dir vielleicht vorher was an.“ Schneider zeigte auf seine nackten Beine. Nur in einer Boxershort bekleidet stand er da rum. Paul grinste verlegen. „Gute Einwende“
Er zog sich ein Shirt von Oli über, da er sein eigenes nicht fand, und eine Jogginghose sowie Flipflops von Flake.“Beeil dich, Frühstück ist unterwegs.“ meinte Lorenz.

Paul ging den Gang entlang, runter zu Mary-Sue und bat um die Zimmerschlüssel der Anderen. Freundlich wie sie war, gab sie diese raus, da Paul die Situation erklärte. So zerknitscht er auch aussah, Mary lächelte ihn mit ihren aufgeweckten Augen an. Das gefiel dem Gitarristen, er verabschiedete sich und suchte dann erst in Richards Zimmer, keiner da. Anschließend ging er in Tills und Schneiders sowie Olis Zimmer. Langsam machte er sich Sorgen. Schließlich nahm er seinen Eignen und schloss auf. „Pah, das ist ja nicht wahr. Breitet sich bei mir aus.“ Paul musste grinsen. Richard lag vor seinem Bett, der Klamottenhaufen unter ihm gehörte allerdings dem Kleineren Gitarristen.
-     Was hat der denn getrieben bitte? Wieso hat der meinen gesamten Schrank ausgeleert? Er hat doch nicht etwa….? Bitte nicht! -
Panisch rannte Paul zu seinem Schrank um hineinzusehen ob Richard reingekotzt hatte, doch nichts. Er wunderte sich. Der Anblick war dennoch erheiternd. Richard hatte nur noch die Shorts an, seine Klamotten lagen verstreut im Bad und vor dem Ort seines Niedergangs.
Langsam ging Paul auf seinen Freund zu. Er berührte ihn an der Schulter und hielt sein Ohr in die Nähe seines Gesichts um zu hören ob er noch atmet. Er roch noch stark nach Alkohol und After Shave. Nach Kruspe eben. Er atmete noch, das konnte er hören. Nochmal streichte er Richard über die Schulter. Es war nicht das erste Mal dass er seinen Kollegen so vorgefunden hatte. Er grinste über den Zustand.
„Shhht… Ey Kruspe, wach auf!“ sagte Paul etwas lauter und rüttelte ihn am Oberarm. Keine Reaktion.
„RICHAARD!“ schrie er dem am Boden Liegenden ins Ohr. Dieser schnellte hoch und sah sich panisch um. „What the fuck? Sag mal, aber sonst geht´s bei dir los!!“ brüllte Richard zurück und hielt sich eine Hand auf´s Herz um zu fühlen ob es schon stehen geblieben war vor Schreck.
Paul guggte ihn mit großen Es-tut-mir-so-Leid-Augen an. „Tut mir Leid… du bist einfach nicht wach geworden.
„Ist ja gut, fuck, das nächste Mal lässt du mich einfach liegen klar?“ Paul nickte wild.
„Sorry, ich..wir haben uns schon Sorgen gemacht weil du nicht bei uns im Zimmer lagst. Flake hat Frühstück geordert.“ Winselte Paul ihn an. Richard suchte mit den Augen nach einer Uhrzeit und setzte sich dabei neben den Klamottenhaufen. „Es ist fast halb zwei.“
Richard sah seinen Freund müde lächelnd an. „Danke Paulchen. Gedanken gelesen.“
„Gern geschehen. Sag mal, was hast du mit meinen Kleidungsstücken vorgehabt, außer sie mit voller Absicht zu zerknittern und voll zu stinken?“ fragte er völlig zurecht seinen Gitarisstenkollegen. Richard wurde knallrot. „Öhm ja, gute Frage…Hab ich in den Schrank gebrochen?“ Paul schüttelte mit dem Kopf. „Okay?...Ähm ja, dann weiß ich auch nicht.“ Flunkerte Kruspe, obwohl er genau wusste was seine Beweggründe waren. So dermaßen blau war er auch nicht gewesen, gestern. Natürlich behielt der Gitarrist seine Wahrheit für sich.
„Du weißt, es wird DEINE ehrenvolle Aufgabe sein, es sorgfältig wieder in den Schrank zu packen.“ Richard ergab sich und stimmte zu. „Ja, Meister.“ Paulchen lachte. „Schön. So mag ich das. Jetzt komm, bevor uns die Anderen alles weg futtern. Aber zieh dir noch was an. Den gleichen Fehler hätte ich vorhin auch gemacht.“ Landers half Kruspe vom Boden auf. Letzterer "staubte" sich ab und latschte ins Bad. Währenddessen dachte er nach über die vergangenen Stunden.
-     Fuck war ich zu… ich weiß aber noch dass ich bei Flake mit im Zimmer war, dann wollte ich schlafen gehen… achja, dann bin ich erst an Paul´s Zimmer vorbei, ich musste nochmal an ihm rie… nein, nein, nein... das ist so scheiße peinlich. Wie soll ich nur wieder die Zeit überstehen in denen wir schreiben, ins Studio gehen… Das wird hart. Stürz dich einfach in die Arbeit… und auf die Weiber…ja. Die alte Methode ist die beste Methode… -
Er stellte sich ans Waschbecken um sein Gesicht mit kaltem Wasser abzuwaschen, er musste sich aus seinen Gedanken befreien. Das eiskalte Wasser ergoss sich über seine Haut. Wie gut das tat. Er erhob sich wieder um sich im Spiegel anzusehen. Er betrachtete sich eine Weile, schnaufte laut hörbar aus. Er trocknete sich das Gesicht ab, schloss die Badtür hinter sich. Reesh zog sich noch Klamotten über und kuckte nach wo Paul war. Dieser trat vom Balkon wieder rein.
„Du hast echt die Beste Aussicht von uns allen.“ Nochmal warf er einen Blick zurück nach draußen.
Richard stand vor seinem Kollegen, nickte auf seine Aussage, doch Kruspe meinte etwas völlig anderes. Paul Landers, die einzige Aussicht die vor Richard stand. Innerlich gab er sich für sein Starren auf Paul eine Ohrfeige. Er war ein Freund, Bandkollege und das schon seit so vielen Jahren. - Reiß dich zusammen Kruspe...Verdammte Scheiße... -  Der Ältere von Beiden sperrte sein Zimmer ab und gemeinsam schlenderten sie Richtung Flakes Zimmer.
„Was heißt übrigens voll stinken?“ kam es Richard erst jetzt über die Aussage von vorhin. „Deine Klamotten riechen jetzt nach Schweiß, Alkohol und nach mir, also riechen sie jetzt besser.“
Paul lachte. „Du bist vielleicht ein Schnellstarter, das kommt dir jetzt erst?....Tsss riechen jetzt besser? Ja na klar, wenn man auf besoffene Zigarettenleiche steht, dann schon“
Beide fingen herzhaft an zu lachen. So einen Spaß, so eine Ausgelassenheit hatte Richard nur mit ihm. Er fühlte sich so gut wie schon lange nicht mehr obwohl er am Vortag gesoffen hatte.
Unbeschwert laut lachen, das hatte Kruspe schon eine ganze Weile nicht mehr getan, deswegen weinte er schon fast, hielt sich den Bauch. Paul war an die Wand gelehnt. Man konnte beide durch´s halbe Hotel hören. Plötzlich ging die Tür hinter den Beiden auf. Till steckte seinen Kopf raus und war amüsiert über den Anblick der Beiden. „Hey ihr zwei Tüten, kommt ihr jetzt rein zum Frühstücken?“ Paul und Richard lachten noch einigermaßen fertig und gingen ins Zimmer. Oli hatte es auch vom Boden hoch geschafft, saß an einem der Tische und grinste seine Kollegen an.
„Habt ihr ohne uns wieder angefangen zu trinken?“ Landers schüttelte den Kopf. „Alles gut. Habt ihr uns was übrig gelassen?“ fragte er besorgt und setzte sich neben den Bassisten. Dieser goss ihm einen frischen heißen Kaffee ein. Paul wollte sich diesen gerade wegnehmen als Richard an dem Tisch vorbei huschte und ihm diesen vor der Nase wegschnappte. Dabei zwinkerte er seinem Paul noch zu. „Eyyy!! Ich dachte wir wären Freunde!“ Till ging Richard hinterher mit einer Packung Zigaretten in der Hand. „Nur solange bis es frisch gebrühten Kaffee gibt Schätzchen. Wer zuerst kommt…weißte ja“ flüsterte Till ihm zu und streckte seine spitze lange Zunge Paul entgegen. Dieser antwortete mit einem Mittelfinger. Richard und Till verschwanden ins Wohnzimmer um auf den angrenzenden Balkon zu gehen. Beide mit Kaffee und Kippe standen sie nebeneinander, ihr Blick gerichtet auf die wunderbare Aussicht. Gegenüber vom Hotel war eine große Parkanlage, Grün, ein seltener Berliner Anblick. Für Lindemann gab es kaum Schöneres zu betrachten. Er liebte die Natur, weit draußen, weg von allem Lärm. Er hatte sich über ein Jahr nur Zeit für sich genommen. In Norwegen, wandern. Till besuchte dort die Fjorden & Bergen, fast ein halbes Jahr blieb er dort mit seiner Familie. Danach ging es für ihn nach Norden in die Nähe eines Nationalparks. Er sammelte viele neue Inspirationen, Klarheiten, schaffte Erinnerungen die Till Lindemann brauchte um Kraft zu tanken. Er hatte geprobt in stillen Stunden und Nächten, um seinen Gesang und seine Aussprache zu verbessern. Die Musik war immer dabei, dies teilte er mit seinen 5 Freunden.

„Du wirkst anders auf mich“ sagte Richard gedämpft, als er sah, wie nachdenklich aber völlig ruhig Till die Bäume beobachtete. Der Gitarrist wusste natürlich am Besten wie wild und ungehemmt Till Lindemann sein konnte, doch mochte er diese Seite an ihm. Er steckte ihn an mit seiner Ruhe, das brauchte Richard, der nicht so leicht zu sich selbst finden konnte wie sein Freund.
„Ja, du auf mich auch.“ Till sah immer noch in die Baumkronen. Das Licht der Sonne leuchtete durch die grünen Blätter. Richard stutzte. „Achja?!“ Er zog an seiner Zigarette und atmete tief ein.
Sie standen nebeneinander an das Balkongeländer gelehnt und schwiegen sich an.
„Ich habe dir geschrieben, dich zig mal angerufen. Ist es wegen deiner Ex?“
„Nein, das ist durch und das weißt du.“
„N´Scheiß weiß ich Kruspe.“ Fauchte der Sänger ihn plötzlich an. „Du bist mir nicht egal und den Anderen geht es genauso. Wir sind nicht wie deine Ex, wir ziehen dich nicht runter und unterstützen dich bei deinen Problemen. Auch außerhalb der Stage, außerhalb der ganzen Rammstein Welt, unserer Nebenprojekte. Wir finden die Zeit, nur du verkreichst dich. Das ist nicht in Ordnung.“
Eine Ansage die saß und völlig überraschend kam, aber wenn Till sie nicht ausgesprochen hätte, wäre er innerlich geplatzt. Richard Kruspe mit seinen Schwächen zu konfrontieren, noch bevor der erste Kaffee und die erste Kippe eingenommen waren, sowas brachte nur Till Lindemann. Diesem gingen die Launen seines Gitarristen gewaltig gegen den Strich. Er kannte  Kruspe und seinen unglaublichen Sturschädel, doch der Sänger merkte schnell anhand eines Blickes, Richard war einsichtig. Es waren alte Laster, seine Selbstzweifel und seine depressiven Schübe, die er in früheren Jahren nur zu gerne mit allem betäubte was er gefunden hatte. Richard behielt es so weit so gut im Griff. Er wusste auch genau wem er das mitunter verdanken konnte. Christoph, Flake, Till, Paul und Oli. Der Gitarrist nahm noch ein paar kräftige Züge, ehe er antworten konnte.
„Sorry, ehrlich. Es war ne beschissene harte Zeit mit dieser Kuh. Die einzigen Konstanten in meinem Leben sind meine Kinder. Die lenken mich Gott sei Dank von Vielem ab. Hier gehöre ich her, zu euch undzu meinen Kids.“
Till hörte aufmerksam zu und nickte. Ihre Blicke trafen sich.
„Ich denke wir brauchen heute noch eine Nacht zum Feiern.“ Da sprach der Sänger seinem Kollegen aus der Seele. „Und sonst? Neue Freundin? Jemand in Aussicht?“ grinste der Sänger.
Richard wollte eben was sagen, da ging die Balkontür auf.
„Gleich haben wir alles aufgegessen. Wollt ihr nix?“ Paul sah die Beiden mit großen Augen an.
Der Gitarrist hielt inne und sah zu Boden. „Wir kommen.“ Ergriff Till das Wort.
„Okay. Aber Kaffee ist alleeee“ sang der Kleinste von allen vor sich hin während er wieder rein ging.
„Gehen wir?“ Richard nickte, stupste seine Kippe vom Balkon und ging an seinem Freund vorbei ins Hotelzimmer. Till sah ihm nach, ging dann mit. Der Sänger spürte dass etwas im Busch war.
– Sonst hat er so ein rießen Mitteilungsbedürfnis und heute macht er einen auf mundtot. Der Sack will´s nur nicht verraten. Na warte Kruspe - dachte sich Till. Gemeinsam saßen sie noch fast zwei Stunden beim Essen, sie quatschten, lachten, sprachen über ernste Themen die in der Welt aktuell passierten. Alle sechs waren froh wieder beieinander zu sein. Sie sprachen auch nochmal über Paul´s Trennung. Es fiel ihm noch sichtlich schwer, doch er hatte die Fünf einweihen müssen, da sonst die neue Platte drunter leiden müsste. So kamen sie auf ihr eigentliches Hauptthema: das neue Album.
„Ich schlage vor, jeder von uns macht sich fertig und in zwei Stunden treffen wir uns in einem anderen Zimmer…. Hier riechts echt nich mehr so dolle.“ Meinte Oliver. Wie eine Schulklasse guggten die anderen Fünf den Bassisten an und nickten einstimmig. „Liegt teilweise auch an uns denke ich“ gab Flake seinen Senf dazu. Wieder nickten alle anderen Fünf gleichzeitig.
„Na dann los, ab mit euch! Die Putzfrauen müssen hier noch durchkärchern!“ rief Oli auf. Alle sprangen wie eine Horde Wilder auf, schnappten sich die Sachen die noch verteilt in irgendwelchen Ecken lagen und verschwanden auf ihre Zimmer.
Paul atmete tief durch, als er die Zimmertür hinter sich geschlossen hatte. Dann ließ er sich Badewasser ein. Er stank so fürchterlich nach Essen, kaltem Rauch, Alkohol und altem schweiß dass er sich selbst meilenweit hätte riechen können. In der Zeit räumte er seinen Schrank wieder ein. Die Klamotten auf denen Richard gelegen hatte waren noch leicht zerknittert.
-Was für eine Nacht …Dieser Mistsack, die legt er mir noch zusammen. Naja…
Ich bin gespannt was wir später zusammentragen können. Neue Ideen hätte ich genug, mal sehen was die Anderen davon halten. Ein bisschen üben wäre vorher nicht schlecht… ein paar alte Lieder. Zum Ausgleich.–
Die Wanne war schon gut über die Hälfte gefüllt, als er langsam ins Wasser stieg. „Heiiiß …fuck heiß“ murmelte er vor sich hin. Als er schon komplett unter Schaum und Wasser verschwunden war, klingelte sein Handy. Dieses lag natürlich auf dem Bett.
„Ne oder? Das wird doch nicht die Alte sein…Oorrrr nä!“ Er versuchte das Gebimmel im anderen Raum zu ignorieren, aber es klingelte lange. – Fuck vielleicht ist was mit den Kids – sofort sprang er raus, rutschte fast auf den Fließen aus, fing sich aber und stürtzte zum Telefon.
„Hallo?“
„Papiii!“ erklang es Engelsgleich aus dem Hörer. Paul lächelte. Sein Herz ging auf.
„Hi mein Schatz. Ist alles okay?“ Paul´s Stimme war sanft und ruhig.
„Ja Papa ich wollte dir was erzählen was ich heute alles gemalt hab weil ich hab nämlich gebastelt also für dich und für meinen Bruder und für die Mama da habe ich aber jedem was Eigenes gebastelt verrate ich dir aber noch nicht weil das ist ein Geheimnis das haben Denise das ist meine Freundin weißt du du kennst Denise ihre Mama und da haben wir gesagt wir sagen es nicht und ihr müsst raten Mama hat es schon erraten aber du nicht.“ Plapperte die Kleine fröhlich auf ihren Papa ein. Paul war, während er zuhörte, zurück in die Badewanne gestiegen.
„Soll ich raten Lilly?“ fragte er.
„JAAAA“ Paul musste das Handy kurz vom Ohr weg halten aber er grinste bis über beide Ohren. „Also gut…ich glaube es ist ein Pferd aus Kastanien und gemalt hast du auch ein Pferd, nein, ich ändere meine Meinung und sage es ist ein Delfin.“
„NEIIIN!“
„Nicht? Okay, vielleicht ist es ein Drache!“
„Du hast es erraten…oh maaaaan.“ sagte die Kleine enttäuscht. „Aber ich habe noch nicht erraten was du gebastelt hast.“ Munterte  ihr Vater sie auf. „Ja stimmt!“ giegste Lilly.
„Du hast mir eine Prinzessin gebastelt“ behauptete der Gitarrist. Er lehnte sich in der Badewanne zurück. „Nein Papaaaa.“
„Dann verrats mir bitte.“ Lilly hielt plötzlich eine kurze Zeit inne ehe sie was sagte. „Wo bist du Papa?“
Er kannte diese Stimmlage seiner Kleinen. „Ich bin Arbeiten. Aber es dauert nicht lange dann kommt der Papa zwischendurch und dann spielen wir ja?“
Stille. Es zerriss ihm fast das Herz. Der Gitarrist wusste genau dass sie ihre Tränen versuchte zu unterdrücken. "Mäuschen? Bist du noch da?“
„Ja Papa.“ Sie schluchzte. „Ich verspreche dir dass ich dich in fünf Tagen besuchen werde! Onkel Till und die anderen warten auf mich solange ich bei dir bin. Dann spielen nur wir Beide, Ehrenwort!“ Er hörte noch ein Schluchzen. „Okay. Schauen wir dann Bilder an vom Urlaub mit Mama und Emil?“ Paul lächelte zufrieden, seine Kleine hörte sich nun schon fröhlicher an.
„Na klar! Das machen wir, Emil können wir dann auch besuchen, ist das in Ordnung“
„Jaaaa!“
„Gibst du mir den Papa mal?“ hörte er plötzlich im Hintergrund eine bekannte Stimme. Es war die von Arielle. „Mach´s gut Papa!“
„Ich hab dich lieb Lilly!“ Schon war sie weg, ein kurzes Rauschen, dann war sie am Telefon.
„Hey, was habt ihr ausgemacht?“
„Hi, ähm dass ich in fünf Tagen sie besuchen komme und vielleicht mit hierher ins Hotel nehme für ein paar Nächte. Wir wollten Emil auch besuchen und …“

„Vielleicht solltest du das vorher erst mit mir bereden bevor du Lilly was versprichst. Für´s nächste Mal dann! Ich muss meinen Eltern auch Bescheid geben. Es passt mir da sowieso, Anwaltstermin.“ Ihr Ton war wie gewohnt eiskalt.
„Schon gut. Ich weiß Bescheid. Alles andere klären wir nächste Woche…“ Meinte Paul trocken.
„Und lass dich nicht wieder betteln. Ein Kind reicht mir.“ Schon war aufgelegt.
„Fahr zur Hölle…“ raunte er sein Telefon an. Doch er wollte sich seine gute Laune die er jetzt dank seiner Tochter hatte, nicht von der Eiskönigin verderben lassen. Nach 20 Minuten schwang sich der Gitarrist aus der Wanne, rasierte sich, schnitt seinen Bart etwas nach und zog sich legere Klamotten an und trat dann an seinen Gitarrenkoffer. Von oben sah er ihn an, lächelte. „Es geht wieder los… Los!“ Er schnappte sich den Koffer, Schlüssel, Handy  und ging nebenan, Er klopfte an die Tür. Es war noch lange nicht so spät, sie trafen sich erst in einer Stunde. Richard öffnete die Tür, dieser lächelte Paul an.
„Bock auf Warmspielen?“ Der große Schwarzhaarige nickte. „Komm rein Kleiner.“
Richard war ebenfalls fertig geduscht, aber nur halb angezogen. Eine graue Jeans und Chucks hatte der Gitarrist geschafft sich anzuziehen, seine Balkontür war auf, draußen im Aschenbecher steckte eine gerade angezündete Zigarette. Draußen waren es 14°, doch Richard war es gerade angenehm.
„Also wenn du auch schon so gut wie fertig bist, wie eitel sind denn dann die anderen bitte wenn sie zwei Stunden ansetzen?!“ Reesh sah ihn schief an und trat raus auf den Balkon. „Ey, du denkst also dass ich eitel bin ja?“ Paul kam mit raus und zündete sich eine an. „Nein das wollt ig damit nich sagen, aber …naja ähm du lässt dir eben…gerne Zeit. So, weißt ja wie igs meine.“ Da war der kleine Gitarrist in ein Fettnäpfchen getreten. „Mit was willst du dich warm spielen?“
Wechselte Richard plötzlich das Thema. Paul zuckte mit den Schultern. „Ich hätte mal wieder Lust auf´n paar Klassiker… aus unserem Herzeleid. Was denkst du?“ Richard zog an seiner Zigarette und nickte gleichzeitig. „Joa, zum Aufwärmen wär´s was. Und da steckt nicht mehr dahinter? Anlehnung an Altes, bei neuen Liedern?“ Paul grinste. „Ich sage hier nix. Abstimmen wie immer.“
„Also gut, aufwärmen ja, du Gitarre, ich Klavier. Zeit hätten wir.“
„Klavier? Wo…?“
„Das Hotel hat eine kleine Theaterbühne im Nebengebäude, wenn wir an der Rezeption anrufen, wird jemand uns bestimmt reinbringen.“ Der Sänger und Gitarrist grinste seinen älteren Kollegen an. „Gut, so machen wir´s.“ bestätigte ihn Paul.
„Die Dusche hat dir gut getan was? Du strahlst so.“ stellte Reesh fest.
„Ich strahle doch immer.“
„Das ist wahr Paulchen.“
Besagter grinste Richard an. Sie drückten ihre Kippen aus und gingen wieder rein.
Paul setzte sich wieder auf sein Bett und beobachtete was Richard jetzt vorhatte, natürlich nicht unkommentiert mit seinen manchmal ungebetenen Ratschlägen.
„Wär gut wenn wir gleich los könnten. Till braucht auch nicht so lange, hast du dir schon was rausgelegt? Hättste auch wie ich schon fertig sein können.“ Kruspe, der gerade zum Kleiderschrank gehen wollte sah sich zu ihm um: „Nein Muddi, ich hab mir noch nüscht rausgelegt, Verzeihung. Ich beeil mich ja schon.“
„Wäre gut, sonst sind die Anderen vor uns fertig und haben vielleicht dieselbe Idee. Wenn Schneider anfängt wieder irgendwo drauf rum zu trommeln wenn er kein Schlagzeug hat, werde ich verrückt.“ Richard stutzte etwas bei der Aussage von Paul. Er drehte sich zu ihm um während er sich anzog. „Bist du genervt? Das kenne ich gar nicht von dir…“
Der kleinere Gitarrist wusste genau, wieso seine Laune plötzlich umgeschlagen hatte. Grundsätzlich war Landers ein sehr positiv gestimmter Mensch.

Doch der Anruf seiner Ex-Freundin und was sie gesagt hatte, hatte ihn doch nicht kalt gelassen.
„Arielle hat angerufen. Naja eigentlich war es meine Kleine. Aber dann kam SIE ans Telefon und hat es anscheinend geschafft, meine gute Laune nieder zu machen. Wäre ja nicht das erste Mal in den letzten Monaten, dass sie das innerhalb weniger Minuten schafft.“
Reesh hörte aufmerksam zu, setzte sich, als er fertig war mit Anziehen, zu seinem Freund auf´s Bett.
„Das fing zwischen ihr und mir immer sehr harmlos an, hat sich hochgeschaukelt, aus Kleinigkeiten wurden Todsünden und ZACK, hatte man die Scheiße da. Und jetzt rechne dir das aus, wenn man sich mindestens 10 mal die Woche streitet, was das aus einem Paar macht und wie sehr sich die Chancen auf Zärtlichkeiten oder Ähnliches, subtrahieren.“
„Kann ich mir vorstellen, kenn ich auch so ähnlich…“ erinnerte sich Richard zurück, wenn auch ungern.
„Auch wenn ich eigentlich gut drauf bin, aber so ein Gezanke jeden Tag und neun monate Sexentzug, zehren auch an meinen Nerven.“
„Weißt du, mit den Mädchen, die ich zwischendurch hatte ist es rela…“ Es stockte ihm der Atem.
Es kam bei Richard jetzt erst an, was Paul wegen des Zeitraums gesagt hatte. Ihm fiel die Kinnlade zu Boden. „WAS? ÜBER EIN HALBES JAHR?! Das ist doch nicht dein Ernst!“
Paul nickte verlegen. „Tja, aber so ist es.“
„Die Alte gehört sich ja angezeigt.“ Entsetzt sah Richard sein Gegenüber an.
Paul musste bei dem Gesichtsausdruck und der Aussage zu lachen anfangen. Nun sah Reesh noch entsetzter aus. Er sah seinen Freund an und schüttelte nur den Kopf. „Wieso lachst du?“
„Na dein Gesicht dazu, herrlich.“ Richard lachte immer noch nicht. „Ach komm, ich lache doch drüber, auch wenn´s traurig ist. Der Anruf vorhin hat mir gezeigt dass das Eis bei der nicht mehr zu brechen geht.“ Diese positive und verschmitzte Art mochte Richard an ihm sehr. Um diese Fähigkeit beneidete er Paul. Es konnte noch so schlimm sein, der kleine Herr Landers wusste genau: Was mich nicht umbringt, macht mich nur stärker. Und Richard wollte, dass er es hört, was er von ihm hielt. „Wäre ich Arielle, ich hätte dich nie gehen lassen. Im Traum nicht.“
Paul schluckte bei diesen Worten. Doch genau das, war es eben, was sie getan hatte, wmoit er noch kämpfte, Paul sich jedoch ebenso gegen seine Gefühle wehrte, wie Richard es mit seinen ihm gegenüber tat. Landers wusste DAVON natürlich nichts.
„Was hat sie davon, nicht mit dir zu schlafen? Als Frau bestraft man sich doch auch irgendwie, oder ist das für die nicht so schlimm?“ fragte Kruspe, teils auch mehr zu sich selbst, die Frage konnte aber auch Paul nicht beantworten. Er zuckte mit den Schultern und stand auf.
„Ich werde mich bei Arielle beim nächsten Anruf erkundigen.“ Grinste der Ältere von Beiden.
„Du stehst auf Bestrafung und Geiselung oder?“ Richard fing an zu kichern.
„Ja total, es ist die einzige Befriedigung die sie mir noch gibt. Wüsste sie davon, würde sie auch gleich damit aufhören.“ Sofort fingen Kruspe und Landers wieder an lauthals zu lachen.
Doom und Oliver liefen in diesem Moment an der 128 vorbei. Beide kuckten sich an, blieben vor der Tür stehen und lauschten. „Was haben die zwei Vögel denn jetzt geraucht?“ flüsterte Schneider dem Bassisten zu. Dieser zuckte nur mit den Schultern und drückte sein Ohr an die Tür. Als hätten die beiden Gitarristen was geahnt, gingen sie zur Tür. „Los, wir gehen lieber, sonst schaffen wir´s nicht pünktlich.“ Richard nickte und packte noch seine restlichen Sachen zusammen. „Danke für, naja, das was du eben gesagt hast, äh und das davor und ja…“ Das musste der Gitarrist noch loswerden, denn es hatte ihm echt gut getan das zu Hören.
„Bilde dir ja nicht zu viel drauf ein Landers. Oft sage ich so was nicht.“
„Ich weiß, deswegen wiegt es für mich auch so schwer.“
Richard war baff. In ihm kribbelte es wieder, ihm wurde heiß im Gesicht. Er wollte es verdrängen, doch bei dem Satz, bei diesem kurzen Satz, blieb ihm fast die Luft weg. Wie versteinert stand er da und blickte Paul nach, der Richtung Tür ging, mit seinem Gitarrenkoffer in der Hand. Kruspe sah ihn von hinten an. Die Sonne, sie strahlte wieder, so nah, doch entfernt und unerfüllt.
Paul schnappte sich seinen Gitarrenkoffer und öffnete die Tür, ging nach draußen, Schneider und Riedel standen neben Till´s Zimmer, ein paar Meter von Richard´s entfernt und taten so, als ob sie schon immer so dagestanden hätten. Der jüngere Gitarrist, sperrte sein Zimmer noch ab. Paul lächelte die zwei an. „Auch schon fertig?“
„Jaja, schon länger. Flake braucht noch etwas Zeit, wir kommen grade von ihm.“ Meinte Oli drauf.
„Wie vertreiben wir uns die Zeit bis dahin?“ fragte Schneider.
Paul verdrehte innerlich die Augen, denn ihm wäre es trotzdem lieber gewesen, mit Kruspe allein zu Üben, aber auf der Anderen Seite musste er sich jetzt wieder dran gewöhnen, dass alle sechs ihre Stimmberechtigung hatten bzw. mussten sie sich eher aufeinander einspielen. Der Start dahin, fiel allen Members nicht leicht. Sechs Einflüsse, sechs unterschiedliche Typen, doch Paul sah es trotz alledem, als Bereicherung, eine Einheit.
„Richard meinte, es gäbe ein Nebengebäude mit einem Flügel. Da wollten wir hin, zum Warmspielen. Kommt ihr noch mit?“ Riedel und Schneider sahen sich an und nickten. Also schlenderten die vier gemeinsam runter an die Rezeption. Ihre Lust auf Musik stieg mit jedem zurück gelegten Schritt. Lorenz war, kurz nachdem der Großteil der Rasselbande ins Nebengebäude verschwunden war, fertig damit, sich rauszuputzen. Er telefonierte fast 20 Minuten mit seiner Freundin, darum hatte es länger gedauert. An fast allen Zimmern klopfte er, niemand öffnete ihm. Außer an Till´s.
Dieser begrüßte ihn grinsend. „Jetzt sehen wir alle wieder aus wie Menschen.“
„Nur das mit dem Fühlen ist so eine Sache. Aber sei´s drum. Ich wäre dafür endlich mal was von dem angebotenem Schnickschnack auszuprobieren, den sie hier so anbieten.“ Schlug Lorenz vor. Till kramte noch in ein paar Schubladen rum, er lachte, als er das hörte.
„Hast wohl mit Jenny gesprochen?“
„Was hat das mit Jenny zu tun?“ Flake war etwas empört. „Das war nur ein Vorschlag auf Basis bestimmter körperlicher Schwächeerscheinungen.“
Till musste wieder lachen. „Ist schon okay. Wegen mir können wir das tun, aber geh nicht davon aus dass die Jungs unserer Meinung sind.“ Warnte der Sänger vor überstürzten Handlungen.
Lorenz musste dem Sänger zustimmen. Da es auf den Keyboarder so wirkte, als ob Till noch länger etwas suchen würde, setzte er sich in seiner ruhigen und besonnen Art aufs Canape und beobachtete seinen langjährigen Freund bei seinen Taten.
„Sehr überraschend, das mit Paul und Arielle, findest du nicht? Mir tat das gestern leid für sie.“ Lindemann stimmte dem zu. „Überraschend, naja. Leid tun, ja. Ich dachte nur, wenn´s ein Pärchen übersteht, die Touren, die Produktion usw. , dann die Beiden. Eben die ganzen Zeiten, in denen man abwesend ist für seine Familie und Freunde. Schade, ich mag Ariele.“
Flake nickte. „Er wird sich in der Arbeit vergraben. Der fängt dann an wie Kruspe. Nur kein Blick nach links oder rechts. Als Erster rein ins Studio oder Proberaum und als letzter raus. Seid Reesh hier angekommen ist, verhält er sich wieder befremdlich. In einem Moment ist er extrovertiert, wie eh und je. Im nächsten Moment das genaue Gegenteil. Manchmal weiß ich nicht, ob das ganze Musikbuisness, ihm wie uns ja manchmal auch, über den Kopf wächst.“ Flake sah nachdenklich aus. Kruspe war wie ein Bruder für ihn. In seiner wilden Zeit, daneben zu stehen, bildlich gesprochen, während Richard sich mit allem und jeder x-beliebigen Tussi die Kante gab, war ein schwer lastendes Erlebnis gewesen für den Keyboarder.
Lindemann aber, schüttelte seinen Kopf. „Das hat nix mit Musik zu tun. Richard stockte heute auf die Frage ob er eine Neue hat. Da wollte er mir einfach nichts erzählen.Als wir heute morgen draußen am Balkon waren. Paul kam dann raus und hat ihn von der Situation erlöst sozusagen.“
„Normalerweise ist er, Verzeihung meinen Ausdruck: ein richtiges Protzschwein, wenn´s um seine neuen Liebschaften geht. Aber wenn er DIR gegenüber nicht mal im Ansatz was erwähnt…Hmmmm vielleicht doch was Ernsteres mit Einer? …Als er Caron kennengelernt hat, hat er am Anfang auch kaum mit der Sprache rausgerückt.“
Till schüttelte weiter den Kopf. Sein Bauchgefühl sagte was anderes.
„Irgendwas, ein kleines Detail übersehe ich. Wir behalten Kruspe im Auge. Nicht dass eine böse Überraschung auf uns alle wartet und wir unsere Pläne noch canceln müssen.“ Sein Blick wurde ernster. „Zwischen Richard und mir hat nie stillschweigen geherrscht. Er hat sich in unserer Pause kaum gemeldet, das ist auch untypisch für ihn, als er das das letzte Mal gemacht hat…naja, wir wissen es Beide.“
„Du denkst er hat einen Rückfall?“ Flake bekam ein ungutes Gefühl in der Magengegend.
„Kann sein. Ich möchte mich auf Nichts festlegen. Hoffen wir dass es nur eine Neue ist.“
Keiner von der Band wollte dass der verjährte Zustand mit Drogenräuschen und Exzessen von Richard Kruspe sich wiederholt.

Auf dem Piano erklang die Melodie von Seemann. Begleitet wurde sie von einer Western Gitarre. Paul und Richard saßen sich gegenüber, konzentriert und in ihrem Element.
Sie wiederholten die letzten Passagen noch dreimal und dann verstummten ihre Instrumente.
Paul lächelte. „Das war gut.“ Der am Piano Sitzende nickte.
„Mega.“ Meinte Oli. „Jetzt sind Doom und ich dran. Was sollen wir üben?“
„Engel.“
„Hier meine Gitarre.“ Paul überreichte sie Oli.
„Los, pfeif kleines Vögelchen, pfeif.“ Forderte Schneider auf der sich an den Flügel setzte.
Richard stimmte das Lied Engel an. Langsam setzte die Melodie gespielt von Oli auf der Gitarre ein. Beim Refrain fing dann auch Schneider an, zu spielen. Diese Version war natürlich langsam und sehr klangvoll. Mary-Sue, die die Beiden ins Nebengebäude begleitet hatte, stand ganz hinten am Ausgang. Sie hatte Pause, doch wollte es sich nicht nehmen lassen, zwei Bandmitglieder von Rammstein live spielen zu hören. Eigentlich war sie kein Fan, aber sie kannte diesen Namen. „Rammstein“ Harte Klänge, dunkle Texte und provokante Bühnenshows. Das wusste sie auch. Doch ihr Gefühl hatte gesagt, bleib stehen, hör´s dir an. Und ihr Gefühl hatte Recht behalten. Sie waren eben doch Berufsmusiker, erfahrene Bühnenmenschen und beherrschten ihre Instrumente wie alle anderen Musiker, die sie mochte und schätzte. Mary-Sue war begeistert, wie sanglos aber trotzdem, wie einfühlsam sie spielten. Harmonisierten. Als das Lied zu Ende gespielt war, klatschte die Hotelfachfrau. „Dankeschön!“ sagte Paul zu ihr und warf ihr ein Grinsen zu.
Sie lächelte zurück und verließ den Raum. Sie musste wieder zurück an die Arbeit, ohne Verspätung natürlich. „Das machen wir die Tage nochmal.“ Sagte Oli begeistert. Er legte behutsam die Gitarre in Paul´s Koffer. Schneider klappte die Tasten zu und stand auf. Er blickte auf seine Armbanduhr.
„Ich denke wir sollten Flake und Till abholen. Was treiben wir dann eigentlich?“
Riedel warf einen Arm um seine Schulter, so liefen beide Richtung Ausgang. „Na irgendwas Spaßiges. Raus aus dem Ödland-Hotel Richtung Stadt?!“ Schneider dachte dasselbe. Landers und Kruspe gingen hinter den Beiden her. Da fiel Paul etwas ein, was er unter `spaßig´ verstehen würde. Da die Anderen sowieso keinen festen Plan hatten, was sie die nächsten Stunden machen wollten, würden sie einen Gitarristen wohl entbehren können. Schneider Oli und Scholle waren schon Richtung Ausgang unterwegs.
„Meinst du, ich könnte Mary-Sue mal fragen ob sie mit mir was trinken geht nach ihrer Schicht?“ Fing Paul zu Richard an. Dem Jüngeren zog es unwillkürlich den Magen zusammen. Das wollte er auf keinen Fall hören. Er wehrte sich nicht mehr gegen seine Gedanken und Gefühle. Richard war alt genug um zu deuten was mit ihm los war. Doch rauslassen oder aussprechen, wollte er es nicht. Seine alte Masche. Er merkte nur dass unverzüglich zur Eifersucht auch Wut hinzu kam.
„Tja Paulchen, ich denke, sie ist nicht so deine Liga.“ Erst als es Ausgesprochen war, merkte Kruspe, wie hart es klang. Paul blieb ruckartig stehen, als er hörte was sein Freund da von sich gab.
Auch Riedel und Doom, drehten sich zu ihnen um, als sie vernahmen, was Richard unerwarteterweise ausgesprochen hatte.
„Wie bitte?! Wie bist du denn drauf? Sie ist nicht meine Liga?? Warum das denn? Bin ich zu klein, zu alt, zu hässlich? Was passt dir an mir nicht?“ Am Liebsten hätte er Richard eine rein gehauen, doch er zog an ihm vorbei. „Nein Paul, so war das nicht gemeint.“ Sagte er leise zu seinem Kollegen. - Fuck was hab ich nur gesagt… -
Doch Gesagtes konnte er nicht mehr zurücknehmen. „Ich frag sie trotzdem, nur weil du denkst du kriegst alle Frauen….Weißt du, gestern hast du mich aufgemuntert, mir wirklich geholfen. Und heute? Heute versetzt du mir so einen Schlag.“ Paul stand schon an der Ausgangstür, den Griff in der Hand. Wütend sah er Kruspe an. Dieser ging auf ihn zu. Leicht erschrocken über die schnell sich zuspitzende Situation zwischen den Gitarristen, beobachteten Oli und Schneider das Spektakel.
„Es war…nicht... Ich glaube du überstürzt da vielleicht was….“
„Überstürzen?? Ist das dein Ernst?!? Ich hatte fast ein dreiviertel Jahr keinen körperlichen Kontakt mehr zu einer Frau, von Sex mal ganz abgesehen. Liegt dir was an der Kleinen? Soll ich sie deswegen nicht kriegen?“ Richard sah ihn an, schüttelte dann den Kopf.
„Also, was ist dann dein Problem?“
„Nichts. Ich dachte nur... Naja vielleicht…“ Paul wartete immer noch stocksauer und ungeduldig auf seine Antwort. Richard sah zu Boden. Auf den Älteren wirkte es unüblich und befremdlich, dass Kruspe, der sonst so stark und maskulin auftrat, plötzlich so introvertiert und unsicher wirkte. Er stammelte vor sich hin und wusste keine Antwort. Oli und Doom sahen sich an.
„Wir sehen uns später. Vielleicht denkst du das nächste Mal lieber nach bevor du was sagst.“
Damit verließ Landers stinksauer und hastig den Raum und ließ Richard, Christoph und Oliver stehen.
Die Tür knallte laut hinter ihm zu.
Stille.