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Zauberzunge

von curuvari
OneshotFamilie, Tragödie / P12 / Gen
Mo
11.11.2019
11.11.2019
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Zauberzunge

~ ❧ ~ ☙ ~

»Molotov erklärte, dass das Buch, wenn man so leichtsinnig war, es aufzuschlagen, die Gabe verlieh, Dinge und Figuren aus jedem Buch der Welt herauszulesen. Jacob hatte noch nie von einem ähnlichen Zauber gehört[.]«

– Cornelia Funke, »Reckless: Das Goldene Garn«


~ ❧ ~ ☙ ~


Die Sonne war bereits untergegangen und Mo im Begriff, seine Werkstatt zu schließen, als der Kunde eintrat. Weder die stolzen Gebärden, die er mit seinen schlanken Gliedmaßen ausführte, noch seine eleganten Kleider waren verantwortlich dafür, dass Mos Herzschlag einen flüchtigen Moment lang aussetzte. Nein, Schuld daran trugen einzig und allein die smaragdgrünen Augen, mit denen der Fremde ihn musterte. »Wie kann ich Ihnen weiterhelfen?«, fiel es ihm endlich zu fragen ein. Der Kunde lächelte und entblößte dabei ein nahezu unwirklich gerades Gebiss. »Ich liege doch richtig in der Annahme, mit dem berühmten Buchbinder Folchart persönlich zu sprechen?« Seine samtweiche Stimme ließ Mo zu sehr stutzen, als dass er sich darüber hätte wundern können, wem er die Anfügung »berühmt« verdankte. So nickte er lediglich und nahm das Buch entgegen, das der Kunde unter seinem schwarzen Mantel hervorgeholt hatte. Der Buchrücken hatte begonnen, sich von den Seiten zu lösen, und der weinrote Einband war im Übrigen so zerkratzt, als wäre ihm jemand mit einem Messer zu Leibe gerückt. Mos sensibles, Bücher liebendes Wesen litt sehr unter dem Anblick. »Dieses Schriftstück ist mir sehr kostbar«, verkündete der Kunde. »Wenn Sie ihm einen neuen Mantel schneidern könnten, eine Garderobe, die seines Inhaltes würdig ist, will ich Sie entsprechend entlohnen.«
»Der Preis für einen Einband dieser Größe liegt in der Regel zwischen fünfundzwanzig und vierzig Euro«, erklärte Mo freundlich. Die Augen des Kunden funkelten im matten Lampenlicht. »Ich bitte Sie, Signore, sparen Sie nicht am Material! Ich werde für jegliche Kosten aufkommen!« Er unterstrich diesen Ausruf mit einer nachdrücklichen Handgeste, und Mos Blick fiel auf die silbernen Ringe, von denen er einen an jedem seiner langen, schlanken, sorgfältig manikürten Finger trug. Seine Gedanken flogen zu dem Stück silbernen Kunstleders, das ihm vor nicht allzu langer Zeit bei der Bekleidung einer niederländischen Liesveldt-Bibel übergeblieben war. Der Kunde schenkte ihm einen verschwörerischen Augenaufschlag, und Mo beschlich das seltsame Gefühl, dass er ihm den Einfall vom Gesicht abgelesen hatte. »Bis Dienstag sollte ich damit fertig sein«, sagte Mo. »Dann werde ich es Dienstag abholen«, strahlte der Kunde. Er deutete eine Verbeugung an und wandte sich zum Gehen. Ehe er die Werkstatt verließ, drehte er sich jedoch noch einmal zu Mo um. »Ah! Es wäre vermutlich zu Ihrem Besten, wenn Sie es vermieden, das Buch zu öffnen.« Mehr sagte er nicht. Mo sah ihm mit gerunzelter Stirn nach. Dann betrachtete er seinen Patienten. Er war versucht, die erste Seite aufzuschlagen, um herauszufinden, welche Wunder dieses Werk so besonders machen sollten. War es ein Tagebuch? Eine Familienchronik? Eine Märchensammlung, die die Kindertage des mysteriösen Kunden mit Abenteuerlust und Fernweh gefüllt hatte? Welchen Schaden sollte ein Blick schon anrichten? Doch dann dachte Mo an Resa und Meggie, die daheim auf ihn warteten, und die Neugier wich der Sehnsucht nach seiner kleinen Familie. Er räumte seinen Arbeitstisch leer, löschte das Licht und drehte den Schlüssel in der Tür. Erst, als ihn Resa mit fragender Miene begrüßte, wurde ihm bewusst, dass er das Buch unter dem Arm trug.

Keine zwanzig Stunden später, an einem verregneten Sonntagnachmittag, saß Mo am Küchentisch und bemühte sich, die Maße des Buches zu nehmen, ohne sich der Warnung seines Auftraggebers zu widersetzen. Die Neugierde war zurückgekehrt, aber er beherrschte sich. Schließlich respektierte er die Privatsphäre seiner Kunden. Durch die Wand zum Schlafzimmer hindurch hörte er, wie Resa Meggie vorlas – aus »Die Abenteuer des Tom Sawyer«, wenn er sich nicht täuschte. »Er brauchte nicht zur Schule, nicht zur Kirche, brauchte niemanden als Herrn anzuerkennen, brauchte keiner lebenden Seele zu gehorchen«, drang Resas Stimme zu ihm. Meggie gluckste begeistert und Mo lächelte. Mark Twains Texte hatten sein Herz schon als Junge eingefangen. Das Werk, das nun auf dem Küchentisch vor ihm lag, hätte allerdings aus einer Zeit stammen können, in denen sich Twains Urgroßeltern noch vor dem Schulunterricht zu drücken versuchten. Wie alt es wohl war? Stand das Erscheinungsjahr vielleicht auf dem Titelblatt? Nein, er musste sich zusammenreißen!
Er fuhr zusammen, als das gleißende Licht eines Blitzes durch die Fensterscheibe drang. Das Donnergrollen ließ nicht lange auf sich warten. Meggie begann zu weinen. Resa sprach beruhigend auf sie ein. Mo aber starrte hinaus in das Gewitter, verfolgte, wie sich der Himmel schwärzte, wie die Regentropfen gegen das Fensterglas prasselten, wie das Brüllen des Donners mit jedem Grollen lauter wurde. Und Mo wurde schläfrig.
Als Meggies kleine Hände an seinem Hosenbein zogen, schrak er auf. Sie streckte die Arme aus und er hievte sie auf seinen Schoß. »Wo ist Mama?«, fragte Mo. Meggie gähnte und gab ein »Hhh-tss-hhh-tss« von sich. »Mama schläft«, übersetzte Mo. Meggie nickte. Plötzlich wurden ihre Augen rund vor Staunen, und bevor Mo sie aufhalten konnte, hatte sie den Umschlag des alten Buches umfasst und klappte ihn zur Seite. »Meggie, nicht!« Sie ignorierte ihn und fuhr fort damit, die Seiten zu durchblättern. Verblüfft stellte Mo fest, dass sie leer waren. Hatte der Kunde Späße mit ihm getrieben? Den Anschein hatte es eigentlich nicht gehabt, aber möglicherweise war Mo auch einfach zu naiv, um diese Art von Humor zu als solchen zu identifizieren. Bezahlen würde sein Auftraggeber dennoch müssen. Vielleicht sollte Mo den Preis erhöhen. Er schüttelte den Kopf und ließ Meggie weiterblättern, bis es ihr endlich langweilig wurde, sie das Buch wieder zuklappte und von seinem Schoß rutschte. »Mama vorlesen«, brabbelte sie. Mo hielt sie zurück. »Lass Mama schlafen«, bat er. »Mama war bestimmt sehr müde.«
»Mama vorlesen«, wiederholte Meggie und stampfte mit dem Fuß. »Papa liest dir vor«, versprach Mo. »Aber nur, wenn du das Buch ganz leise herholst, ohne Mama zu wecken.« Meggie sprang aufgeregt auf und ab und trippelte ins Schlafzimmer. Wenige Sekunden später stand sie wieder vor ihm, »Die Abenteuer des Tom Sawyer« in den Händen. »Also gut, Meggie«, begann Mo, nachdem sie den Küchentisch mithilfe einer Wolldecke in eine gemütliche Höhle verwandelt hatten. »Weißt du eigentlich schon, womit sich Huckleberry Finn seine Katze ertauscht hat?« Meggie nickte. Natürlich kannte sie die Geschichte, schließlich las ihr Resa seit Wochen jeden Abend aus dem Buch vor. »Macht nichts«, murmelte Mo; »dann hörst du sie jetzt eben zum zweiundsiebzigsten Mal.«
Als Buchbinder und leidenschaftlicher Leser hatte sich Mo schon Hunderte von Büchern und Tausende von wunderbaren Sätzen und Zitaten einverleibt. Trotzdem fand er keine Worte, um zu beschreiben, was in ihm vorging, als Huckleberry Finn plötzlich höchstpersönlich in ihrer Küche hockte und Meggie bei dem Anblick seiner toten Katze in Tränen ausbrach.

Zwei ganze Monate waren verstrichen, seitdem der Kunde das Buch bei Mo in Auftrag gegeben hatte. Wie überaus merkwürdig, fand Mo, dass er sich nicht mehr gemeldet hatte, obgleich es ihm doch ein solch dringendes Anliegen gewesen zu sein schien. Es hatte seinen neuen Einband pünktlich zum abgesprochenen Termin erhalten: Silbern, eine Farbe von solch leerem Glanz wie die unbeschriebenen Seiten, die wie papierne Abgründe in ihrem trügerisch verheißungsvollen Kleid klafften.
Die Nacht war sternenklar und Meggie bereits eingedöst. Resa und Mo hatten sich gemeinsam unter ihrer Bettdecke verkrochen, und Mo ließ die Augen über jene Zeilen wandern, die seine Frau so sehr liebte.
In den vergangenen einundsechzig Tagen hatte Mo Gegenstände aus »Bauer Giles von Ham«, »Volpone«, »Rotkäppchen« und sogar einen erregten Polonius aus Shakespeares »Hamlet« herbeigezaubert, der allerdings bei der ersten Gelegenheit zur Tür hinausspaziert war, und Resa, die von ihrer Tante ein wenig Dänisch gelernt hatte, hatte Mo versichert, es sei das Beste gewesen, ihn ziehen zu lassen. Jetzt spürte Mo, wie sie vor Anspannung zitterte. Seitdem er ihr »Tintenherz« geschenkt hatte, war sie wie besessen von Fenoglios fabelhafter Welt, und Mo konnte gut nachvollziehen, weshalb. Die Worte schmiegten sich seidengleich an seine Lippen; sie glitten ihm von der Zunge und flossen hinein in den Raum. Bald würden sie ihm ins Gesicht blicken, dem Feuertänzer, dem Flammenzähmer, oder zumindest seinem Marder, oder vielleicht würde Mo auch nur das Feuerspuckerkostüm erwischen: Wenn es nicht auf Anhieb gelingen wollte, würde er eben weiterlesen, bis sich Resas und sein gemeinsamer Traum erfüllte und Staubfinger in Fleisch und Blut in ihrem Schlafzimmer stand. Es war tatsächlich zuerst der Marder, der aus den Seiten tauchte. Resa schlug die eine Hand vor den Mund und streckte die andere nach dem Tier aus, um es zu streicheln. Sie lachte nur, als Gwin begann, ihr den Handrücken zu zerkratzen. Und Mo las und las und las. Fenoglios Worte tanzten vor seinen Augen, verwandelten den Kleiderschrank in einen Turm und die Zimmerdecke in ein dichtes Blätterdach. Er kostete jeden Buchstaben aus, schmeckte jeden süßen Lateral, jedes weiche M, jedes kecke K. Die Luft roch nach Rauch und nach Feuer und Laub. Irgendwann bemerkte er, dass ihn Resas Körper nicht mehr wärmte. War sie aufgestanden, dem Feuertänzer entgegengelaufen? Er hielt inne und hob den Kopf. Sein Herz begann zu rasen, als er dem vernarbten Gesicht begegnete, das er sich so sehr herbeigewünscht hatte. »Du bist tatsächlich hier«, flüsterte er ungläubig. »Resa, siehst du das? Es hat funktioniert! Es hat wirklich funktioniert!« Doch Resa antwortete nicht. Mo rief ihren Namen, lief die gesamte Wohnung ab, zweimal, dreimal, fünfmal. Sie war fort. Nur Staubfinger stand dort, regungslos, sprachlos, bleich. Als Mo ihn in seiner Verzweiflung zu schütteln begann, ihn um Hilfe anflehte, drehte er sich unverwandt zu ihm um. »Wo bin ich?«, wollte er wissen. Mo fehlte die passende Antwort. Er stammelte eine Erklärung, eine schlechte Erklärung, zu grob und taktlos. Wohin war sie verschwunden? Er suchte jede Seite nach ihr ab, las den selben Abschnitt zehn weitere Male, doch anstelle seiner Ehefrau, des Lichtes seines Lebens, der Mutter seiner kleinen Tochter beschwor er zwei Schatten herbei, einer fürchterlicher als der andere.
Die übrigen Erinnerungen an jene schreckliche Nacht versanken im Nebel seiner Erschütterung. Er stellte sich Capricorn und Basta nicht in den Weg, als sie beschlossen, diese neue Welt zu ihrer eigenen zu erklären. Er schritt nicht ein, als sie Staubfinger mit ihren giftigen Zungen in ihre Gewalt brachten. Er ließ sie gehen, sie waren ihm gleich; alles, was zählte, war, Resa zu finden und zurückzubringen. Er versuchte es, jeden Tag, Woche um Woche, jahrelang. Es war nicht leicht, Meggie zu erklären, dass ihre Mutter nicht wiederkommen würde, oder dass sie ihr Zuhause verlassen mussten, um einer Gefahr zu entkommen, die er ihr nicht begreiflich machen konnte. Sie weinte lange, aber Kinderhirne sind gnädig in ihrer Vergesslichkeit. Irgendwann fragte sie nicht mehr nach ihrer Mutter, und die Erinnerung verblasste.

Am Morgen nach Resas Verschwinden suchte Mo nach dem silbernen Buch. Vielleicht enthielten die leeren Seiten eine Antwort, oder vielleicht konnte er des Rätsels Lösung aus dem Besitzer herauslocken. Er wurde nicht fündig. Das Buch hatte sich ebenso in Luft aufgelöst wie Teresa Folchart. Dafür lagen am Montagmorgen fünf silberne Ringe auf Mos Arbeitstisch. Er untersuchte sie nach Gravuren, nach irgendeinem Hinweis auf den geheimnisvollen Kunden, aber ganz gleich, wie lange er sie anstarrte und abtastete, da war nichts zu finden. Letztendlich schleuderte er die Ringe aus dem Fenster, packte seine und Meggies Sachen zusammen und plante seine Flucht vor Capricorn und dessen Gefolge. Erst langsam erkannte er, wie ernst die Gefahr war, die er da in seine Welt geholt hatte, und wie viele Jahre, wie viel Heimat, wie viel Geborgenheit er und seine Tochter zu opfern hätten, um dem Tintenherz zu entkommen. Die Schatten hingen ihnen an den Fersen, wohin sie auch gingen. Sie zehrten Mo auf. Und nachts, wenn Meggie schlief und Mo mit seinen Gedanken allein war, blitzten sie ihn an, die Smaragdaugen des Kunden. »Ich habe Sie gewarnt«, schienen sie ihm in grotesker Amüsiertheit zuzuzwinkern.
Fünf Ringe. Fünf Silberringe für seine Familie. Mo hätte sich die Zunge herausgeschnitten, hätte er dafür die Möglichkeit erhalten, dem verfluchten Fremden die Augen auszukratzen.


~ ❧ ~ ☙ ~

»Das Licht aus dem Flur fiel auf ihr Bett. Es mischte sich mit dem Schwarz der Nacht, das durchs Fenster hereinsickerte, und Meggie lag da und wartete, dass die Dunkelheit endlich verschwand und das Gefühl von drohendem Unheil mit sich nehmen würde. Erst viel später begriff sie, dass das Unheil nicht in dieser Nacht geboren worden war. Es hatte sich nur zurückgeschlichen.«

– Cornelia Funke, »Tintenherz«


~ ❧ ~ ☙ ~
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