9 – The Flying Doctors – Wie Wasser in der Wüste

von mops1980
GeschichteDrama / P12
10.11.2019
22.03.2020
20
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24.11.2019 2.282
 
„Ist unser Urlaub wirklich schon vorbei?“, fragte Chris wehmütig. Vor einigen Stunden waren sie mit Scotts Flugzeug in Alice Springs ihre Rückreise nach Coopers Crossing angetreten.
„Ich fürchte, du hast Recht.“, antwortete Scott lächelnd. „Hat es dir gefallen?“
„Ja sehr. Es war wundervoll.“ Chris legte eine Hand in Scotts Nacken und atmete tief durch. Zugegeben, sie war sehr nervös gewesen, immerhin hatte Scott sie ihren Eltern vorgestellt. Aber ihre Nervosität war unbegründet gewesen. Marian und Terence Davenport hatten sie mit offenen Armen empfangen und sie hatte sich auf Anhieb sehr gut mit ihnen verstanden.
Scott und sie hatten auch viele Ausflüge gemacht. Zum ersten Mal in ihrem Leben war Chris am Uluru gewesen, aber am schönsten war für sie der Besuch im Rainbow Valley. Das Farbspiel beim Sonnenuntergang hatte Chris sehr fasziniert zurückgelassen.
Scott griff derweil zum Funkgerät, um sich bei DJ anzumelden.
„Uniform Oscar Lima an Victor Charlie Charlie.“
„Hier Victor Charlie Charlie. Hallo Scott, na seid ihr wieder in unserer Reichweite?“, war DJ zu hören.
„Hallo DJ. Ja sind wir. In gut zwei Stunden dürften wir in Coopers Crossing landen.“
„Das ist schön zu hören. Hör zu, ich muss dich leider wieder direkt aus der Frequenz schmeißen. Wir fangen gleich mit der Funksprechstunde an.“
„Alles klar, DJ. Dann noch frohes Schaffen. Uniform Oscar Lima over and out.“
„Danke. Victor Charlie Charlie over and out.“
„Ich höre es schon. Die sind schon wieder voll im Stress.“, meinte Chris. „Ich hätte meinen Urlaub glatt noch verlängern können.“
„Das glaube ich dir gerne. Aber ich denke, da hätte Tom…“ Plötzlich sackte das Flugzeug ab. „Was zum Teufel…“
„Scott, was ist los?“ In Chris stieg leichte Panik auf.
„Ich weiß auch nicht. Schnall dich bitte an.“
Chris legte den Sicherheitsgurt an, während Scott versuchte, das Flugzeug, welches immer mehr absackte, unter Kontrolle zu bringen. Gleichzeitig setzte er immer wieder ein Mayday ab und gab die Position durch. Aber er bekam keine Antwort.
„Warum antwortet denn niemand?“ In Chris Stimme war Angst zu hören.
„Ich weiß nicht. Eigentlich kann der Funk ja nicht kaputt sein. Ich hab doch vorhin noch… verdammt.“
Für einen Moment hatte es so ausgesehen, als sei das Flugzeug wieder unter Kontrolle, aber jetzt sackte es wieder bedenklich ab.
„Chris, sofort den Kopf nach unten, zwischen die Knie.“
„Stürzen wir ab? Scott, sag doch was!“ Chris wurde immer panischer.
„Tu einfach, was ich sage, ja?“, gab Scott gereizt zurück.
Im nächsten Moment waren nur noch ein lautes Krachen und die Schreie von Chris und Scott zu hören.

In Coopers Crossing betrat Kelly gerade die Zentrale, um ihre Spätschicht zu beginnen. Man konnte ihr ansehen, dass es ihr nicht gut ging. Sie schwitzte stark und war sehr blass. Schon mehrmals hatte sie sich übergeben. Nicht mal Wasser konnte sie bei sich behalten.
Bis vor ein paar Tagen hatte sie noch keinerlei Übelkeit verspürt, aber jetzt fühlte sie sich einfach nur miserabel. Hinzu kam noch eine schier unerträgliche Hitze, die ihr zusätzlich noch zu schaffen machte.
Am liebsten hätte Kelly sich krank gemeldet, aber sie war ja nicht krank, sondern schwanger. Zwar wusste bis jetzt kaum jemand, dass sie schwanger war, aber sie wollte einfach keine Schwäche zeigen.
Wäre Tom zu Hause gewesen, hätte er sie bestimmt nicht gehen lassen. Aber er war wieder auf einer längeren Kliniktour und würde heute Abend zurück kommen.
Im Funkraum saßen David und DJ, die die Funksprechstunde abhielten.
„Mr. McGregor, es ist wirklich wichtig, dass sie die Medikamente regelmäßig einnehmen. Und vor allem, halten sie sich an den Diätplan. Ihre Blutwerte sind gelinde gesagt ein Katastrophe.“ David redete auf eine Patienten ein.
„Aber Doktor, wie soll ich denn satt werden? Da verhungere ich doch.“
„Sie setzen ihr Leben aufs Spiel, Mr. McGregor. Ich habe ihnen doch schon erklärt, welche Folgen eine Diabetes Erkrankung haben kann.“
Kurz raufte David sich die Haare. Dass manche Patienten nicht einsahen, wie wichtig die ärztlichen Anweisungen waren. Aus dem Funkgerät war ein wenig Gegrummel zu hören, aber der Patient versprach Besserung.
Nachdem der Patient verabschiedet war, drehte David sich um, um Kelly zu begrüßen. Er erschrak, als er sah, wie blass sie war. Gerade wollte er sie darauf ansprechen, als diese sich plötzlich die Hand vor den Mund hielt und Richtung Toilette stürzte. Sofort sprang David auf und folgte ihr. Er machte sich Sorgen, sie hatte am Tag zuvor auch schon schlecht ausgesehen. Als sie aus der Toilette zurück kam, schien sie noch blasser zu sein, als vorher.
„Ist alles Ordnung, Kelly?“ David sah die Krankenschwester besorgt an.
„Ja ja, es ist alles okay. Nur etwas übel heute.“
„Sicher?“ David war keineswegs überzeugt.
„Ja, sicher. Ich brauche nur ein Glas Wasser, dann geht…“ Kelly konnte den Satz nicht mehr zu Ende bringen, da ihr plötzlich die Beine weg knickten.
„Kelly!“, rief David erschrocken aus und fing sie im letzten Moment auf. Er nahm sie auf den Arm und trug sie in sein Büro, wo er sie auf der Liege ablegte.
Als er Kellys Plus fühlte, kam sie wieder zu sich. Sofort wollte sie wieder aufstehen. David hielt sie zurück.
„Liegen bleiben!“ Sein Tonfall war sehr bestimmt.
„David, mir geht es gut.“, widersprach Kelly und unternahm einen weiteren Versuch, aufzustehen. Dieser wurde sofort von David unterbunden.
„Das sehe ich anders. Immerhin warst du kurz ohnmächtig. Dein Puls ist sehr hoch. Ich messe mal deinen Blutdruck.“
„Kann ich helfen?“ DJ war besorgt hinter David hergegangen, als er gesehen hatte, was passiert war. Er war in der Tür stehen geblieben.
„Ja, besorg mir bitte einen Rollstuhl. Ich muss Kelly ins Krankenhaus bringen.“, antwortete David und maß Kellys Blutdruck. DJ drehte sich auf der Stelle um und kümmerte sich um alles.
„Ich brauche nicht ins Krankenhaus.“, protestierte Kelly.
„Doch! Dein Blutdruck ist zu niedrig und der Puls zu hoch. Du scheinst völlig dehydriert zu sein. Seit wann musst du dich schon übergeben?“
„Seit gestern Abend.“, kam die zerknirschte Antwort von Kelly. Im nächsten Moment richtete sie sich wieder auf und musste sich übergeben. Geistesgegenwärtig griff David zum Mülleimer und hielt ihn ihr hin.
„Keine Widerrede mehr, ab ins Krankenhaus. Wir sollten kein Risiko eingehen und das weißt du auch.“
Kelly hatte sich wieder zurückgelehnt und nickte nur. DJ brachte den Rollstuhl und zusammen mit David half er Kelly hinein.
Im Krankenhaus legte David ihr eine Infusion mit Flüssigkeit und etwas gegen Übelkeit. Zur Vorsicht machte er auch noch einen Ultraschall.
„Also, mit dem Kind ist alles in Ordnung. Wir behalten dich aber erst mal hier.“
„Danke David.“ Kelly klang erschöpft.
„Keine Ursache. Ist schließlich mein Beruf. Und außerdem, was wäre ich für ein Freund, wenn ich mich nicht um dich kümmern würde. Versuche etwas zu schlafen.“

Auf Booral Farm war gerade die Sprechstunde zu Ende gegangen und Tom und Tanya räumten gerade ihre Sachen zusammen.
Tanya beobachtete ihren Bruder. Sie war jetzt seit ein paar Tagen mit ihm unterwegs und er hatte eine schon fast unerträglich gute Laune. Tom räumte gerade seine Tasche ein und pfiff ein Lied vor sich hin. Lächelnd schüttelte sie den Kopf und ging auf ihn zu.
„Also Bruderherz, du nimmst entweder weniger von dem Zeug oder gibst mir was ab.“, neckte sie ihn und legte einen Arm um seine Schultern.
„Schwesterherz, ich weiß nicht, wovon du sprichst.“, antwortete Tom verwundert.
„Also, nicht dass ich deine gute Laune nicht gutheißen würde, aber irgendwann wird es unerträglich. Also – was ist mit dir los?“
„Was soll denn los sein?“, fragte Tom unschuldig. Seit er von Kellys Schwangerschaft wusste, schwebte er wie auf Wolke sieben. Das hatte er jetzt wohl doch zu deutlich gezeigt. Auch wenn Tanya seine Schwester war, konnte er ihr noch nichts erzählen. Es war einfach zu früh.
„Tom, wir mögen uns zwar noch nicht lange kennen, aber inzwischen kenne ich dich gut genug, um zu wissen, dass irgendwas im Busch ist. Also?“
Irgendwie fühlte Tom sich ertappt. Was sollte er jetzt machen? Auch er hatte seine Schwester inzwischen so gut kennengelernt, dass er wusste sie würde nicht locker lassen. Das war eine der Ähnlichkeiten zwischen ihnen. Ergeben seufzte er auf und ging zur Tür, um diese zu schließen.
„Okay, aber du musst mir hoch und heilig versprechen, dass du niemandem etwas sagst.“, meinte er schließlich.
„Großes Indianerehrenwort.“, antwortete seine Schwester feierlich und legte eine Hand auf ihre Brust, während sie die andere zum Schwur erhob. „Und jetzt mach‘s nicht so spannend.“
„Also gut – du wirst Tante.“ Ein breites Grinsen erschien auf seinem Gesicht.
Scheinbar brauchte diese Information etwas länger, bis sie bei Tanya angekommen war. Schließlich fiel sie Tom um den Hals und umarmte ihn.
„Oh, das ist wunderbar.“, rief sie aus.
„Psst, nicht so laut, sonst wird Mrs. Walker noch hellhörig.“
„Ich freu mich so für euch.“, meinte Tanya etwas leiser und umarmte ihren Bruder nochmal.

„Hallo zusammen!“, begrüßte Tom einige Zeit später DJ und David, als er zusammen mit Tanya und Debbie die Zentrale betrat. Er ging direkt in sein Büro, wo er noch liegen gebliebenen Papierkram erledigen wollte. Schließlich wartete zu Hause ja niemand auf ihn, da Kelly ja Spätschicht hatte.
Er hatte sich gerade hingesetzt, als David ihm ins Büro folgte und die Tür hinter sich schloss.
„Warum bist du eigentlich noch hier, David? Ab nach Hause mit dir, du hast doch schon längst Dienstschluss.“ Tom sah seinen Kollegen verwundert an.
„Ich habe auf dich gewartet, weil ich dir etwas sagen muss.“ David seufzte.
„Du klingst besorgt. Was ist los?“
„Ich habe Kelly heute ins Krankenhaus eingewiesen.“ David wusste nicht, wie er es sonst hätte sagen sollen, also hatte er sich für den direkten Weg entschieden.
Man sah förmlich, wie Tom alle Farbe aus dem Gesicht wich.
„Was ist passiert?“, fragte Tom erschrocken und besorgt gleichzeitig.
„Akute Schwangerschaftsübelkeit. Sie hat sich seit gestern ständig übergeben. Auch als sie zum Dienst kam, musste sie sich übergeben. Dazu noch die Hitze. Sie war völlig dehydriert und war kurz ohnmächtig.“
„Das Baby?“ Toms Angst war förmlich greifbar.
„Mit dem Baby ist alles in Ordnung. Kelly geht es den Umständen entsprechend gut. Sie bekommt Infusionen. Als ich das letzte Mal nach ihr gesehen habe, schlief sie.“
„Ich muss zu ihr.“ Tom sprang plötzlich auf und lief zum Krankenhaus. David hatte gar keine Chance, noch mehr zu sagen. Debbie und Tanya sahen sich verwundert an, als Tom durch die Hintertür aus der Zentrale stürmte.

Als Tom bei Kellys Zimmer ankam, schob er vorsichtig den Vorhang zur Seite.
Da lag seine schwangere Frau, ihre Hautfarbe war kaum vom Kissen zu unterscheiden. Sie schien tief und fest zu schlafen. Tom nahm sich einen Stuhl, setzte sich an ihr Bett und nahm ihre Hand.
„Tom…“ Scheinbar hatte Kelly doch nicht so fest geschlafen.
„Kelly Liebling, was machst du nur für Sachen?“ Sanft streichelte Tom mit dem Daumen über ihre Hand.
„Da hat mich die Schwangerschaftsübelkeit wohl eiskalt erwischt.“
„Scheint wohl so. Da lässt man dich ein paar Tage alleine und dann sowas.“, seufzte Tom.
Kelly wollte gerade zu einer Erwiderung ansetzen, als Tanya ins Zimmer kam.
„Hey Kelly, was machst du denn? Wie geht es dir?“
„Danke, etwas besser.“
„Ist mit dem Baby alles in Ordnung?“ Tanya sah Kelly fragend an.
„Woher…?“ Kelly war ein wenig erschrocken. Warum wusste Tanya Bescheid?
„Ich hab es ihr heute erzählt.“, meinte Tom etwas verlegen.
„Hatten wir uns nicht geeinigt, es noch niemandem zu erzählen?“ Kelly war nicht gerade begeistert. Tom sah seine Frau entschuldigend an.
„Bitte reg dich nicht auf, Kelly“, schritt Tanya ein. „Ich habe Tom praktisch gezwungen es mir zu sagen. Er hat seine Freude etwas zu sehr gezeigt. Seine gute Laune war fast unerträglich. Also, sei bitte nicht sauer auf ihn, ja?“
„Ich bin nicht sauer. Es ist alles okay. Wahrscheinlich müssen wir es jetzt sowieso bald erzählen. Violet war hier im Krankenhaus, als David mich gebracht hat.“ Kelly rollte mit den Augen. „Sie versucht bestimmt schon herauszubekommen, was mit mir los ist.“
„Da könntest du Recht haben.“, meinte Tom nur.
„Tom, könntest du vielleicht nach Hause fahren und mir ein paar Sachen holen? Ich fühle mich in diesem Krankenhaushemd total unwohl.“, fragte Kelly ihren Ehemann und zupfte an besagtem Hemd.
„Ja klar, irgendeinen besonderen Wunsch?“
„Einen Pyjama und etwas Unterwäsche. Ich denke mal das reicht.“
„Aber das kann ich doch machen.“, warf Tanya ein. „Du willst doch bestimmt gerne hier bleiben.“ Tanya sah zu Tom.
„Ja, eigentlich schon. Das wäre total nett.“, meinte Tom „Was meinst du Kelly?“ Vielleicht wollte sie ja auch gar nicht, dass Tanya in ihrem Kleiderschrank rumwühlte.
„Mir egal, Hauptsache ich bekomme meinen Pyjama.“
Daraufhin gab Tom ihr den Hausschlüssel und sie verschwand. Kaum war Tanya verschwunden, kam Kate ins Zimmer.
„Hier geht’s ja zu wie im Taubenschlag…“, meinte Kelly, als sie ihre Kollegin und Freundin erblickte.
„Tom, kann ich dich kurz draußen sprechen?“, fragte Kate.
„Ja klar.“, antwortete der Arzt „Bin gleich wieder da, Schatz.“
Kelly sah den beiden hinterher, als sie das Zimmer verließen. Kate hatte etwas niedergeschlagen gewirkt.
Ein paar Minuten später kam Tom zurück. Er wirkte noch besorgter als vorher.
„Ist etwas passiert?“, fragte Kelly ebenfalls besorgt.
Tom fuhr sich mit der Hand durchs Gesicht und seufzte.
„Es geht um Scott und Chris. DJ hat einen Anruf von der Flugsicherung bekommen. Das Flugzeug wird vermisst.“
„Wie bitte? Weiß man schon näheres?“ Kelly sah ihren Mann entsetzt an, der sich auf ihre Bettkante setzte und wieder ihre Hand nahm.
„Nur, dass Scott mehrmals ein Mayday mit der ungefähren Position gesendet hat. Man hat versucht, zu antworten, aber kam nicht durch. Kurz vorher hatte er noch mit DJ gesprochen, da war alles in Ordnung.“
„Es muss nach ihnen gesucht werden.“, meinte Kelly und schluckte.
„Eine Suche kann erst morgen beginnen, weil die Dunkelheit bereits einsetzt. Jack und DJ organisieren bereits alles.“
Kelly seufzte, Tom drückte ihre Hand. Beide machten sich große Sorgen um ihre Freunde.
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