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Luigi's Boat

von UAZ-469
Kurzbeschreibung
GeschichteHumor, Thriller / P12 / Gen
Luigi Mario OC (Own Character)
10.11.2019
03.07.2022
8
37.490
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10.11.2019 5.794
 
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„Nächster Halt: Hafengasse. Ausstieg in Fahrtrichtung links."
Unbewusst entwich Luigi ein erleichterter Atemzug und seine Mundwinkel bogen sich nach oben. Endlich würde er der erstickenden Enge des Busses entfliehen können! Nicht mehr den Koffer auf dem Schoß seines Sitznachbarn jedes Mal in die Seite gerammt bekommen, wenn sie eine Rechtskurve fuhren! Und vor allem: seine Geruchsnerven würden auch noch den morgigen Tag erleben, nachdem sie vom penetranten Gemisch aus Alkohol, Parfüm, Deodorant, Fast Food und Schweiß erbarmungslos angegriffen wurden. Immerhin funktionierte die Klimaanlage.
Sodann erhob sich Luigi, die Beine von der kaum vorhandenen Freiheit bereits taub, hielt sich an der Kopfstütze des Vordermanns fest und machte sich für den akrobatischen Akt bereit. Angesichts der schieren Menge an Fahrgästen kein einfaches Unterfangen, standen sie sich doch fast auf den Füßen und gebrauchten einander als behelfsmäßige Stützen. Wäre ein Taxi nicht besser gewesen? Obwohl, so teuer wie sie an Tagen wie diesen waren …
Am Nachbarn und seinem Koffer quetschte er sich gerade noch so unter einem gemurmelten „Verzeihung“ vorbei. Was dann mit seinem freien Platz geschah, war für ihn ohne Bedeutung mehr. Sollten sie doch übereinander herfallen, wie die ersten beiden Toads, keifend wer den Sitz ihrer Meinung nach eher verdient hätte – was sofort in Stille überging als der Transportbehälter seinen Weg auf das Polster fand. Und da wunderte sich Mario immer, warum Luigi die Öffentlichen mied wie ein Knochentrocken das Feuer.
Die anderen Passagiere machten ihm zum Glück Platz soweit es ihnen in der Enge möglich war und schon bald stand der Klempner vor dem Ausstieg. Nachdem der Bus dann etwas abrupt zum Stehen kam und einige Fahrgäste beinahe zu Fall brachte, ging die Tür mit einem lauten Quietschen auf und ein Hitzeschwall schlug ihm entgegen. Nichts, was Luigi aufhalten durfte: die Sonnenbrille aufgesetzt und eine Flasche Wasser in der Hand, trat er nach draußen auf den Bürgersteig.

Kaum der stickigen Atmosphäre entronnen, holte er tief Luft und atmete langsam aus. Frisch und unverbraucht und mit einer salzigen Note; bis zum Hafen war es nicht mehr weit. Lediglich ein Stück laufen, dann abbiegen und er würde er die Farbe Blau wie einen gigantischen Teppich über den ganzen Horizont gelegt sehen. Laut seines Hausarztes zudem gesund für die Atemwege, also nichts wie hin!
Zufrieden lächelnd schlenderte der jüngere Bruder den Weg entlang, beobachtete vorbeiziehende Passanten und das Flimmern über dem Asphalt. Einen besseren Tag hätte es für ihn nicht geben können: Ein wolkenloser Himmel, die Sonne verwandelte jeden ungeschützten Meter in ein Solarium und, ganz wichtig, er war allein. Mit all der Zeit, die er für sich benötigte, um, wie man so schön sagte, die eigene Mitte zu finden. Oder war es etwas anderes? Zen? Luigi wusste es nicht so genau, doch das war ihm egal. Hauptsache Ruhe und Entspannung, dank Marios Tropenshirt und Sonnenbrille zudem als Tourist getarnt. Niemand würde ihn jetzt noch stören …
Plötzlich vibrierte es in seiner Hosentasche.
Der Klempner stöhnte entnervt. Sein großer Bruder konnte es nicht sein, denn er hatte ihn vor seinem Aufbruch darum gebeten, ihn ausschließlich in Notfällen anzurufen. Ja, Mario war allein mit dem Polterpinscher. Aber es handelte sich bei dem Geisterhund um ein unheimlich robustes Tier und hatte sich vom Vorfall letzter Woche erholt. Unwahrscheinlich also, dass es schon wieder krank war oder aus Frustration die ganze Einrichtung zerlegt hatte. Deswegen, wer, oder was, war es?

Luigi brauchte keine Sekunde, um die Nummer auf dem Display als seine eigene Festnetznummer zu identifizieren. Gleichzeitig löste sich eine wässrige Perle von seiner Stirn und rann die Haut herunter. Von der Hitze kam sie nicht. Er schluckte.
„H-Hallo, Mario?“, antwortete Luigi kleinlaut. Was, wenn der Hund tatsächlich wieder zum Tierarzt musste?
„Brüderchen, schlechte Neuigkeiten.“ Sein Herz schlug gegen den Brustkorb und erhöhte das Tempo. In just diesem Moment erlaubte er sich die Frage, wann der nächste Bus fuhr und er wieder ankommen würde. Seine Planung konnte er schließlich auf ein späteres Datum verschieben, wenn nötig. Aber das körperliche Wohl des Haustieres hatte oberste Priorität! Darum erkundigte er sich zögerlich: „Ist Jeremia wieder schlecht?“
„Nein, das zum Glück nicht.“ So recht wollte dem Mann in Grün trotzdem kein Stein vom Herzen fallen. Denn das hieße, dass der Hund stattdessen ein anderes Problem hatte, wie Mario folgend erläuterte: „Aber Jeremia liegt nur noch vor der Haustür und ist zu nichts mehr zu bewegen. Kein Essen, kein Spielen, kein gar nichts.“ Luigi seufzte und ließ die Schultern hängen. Er hatte damit gerechnet, dass sein Aufbruch der ansonsten hervorragenden Laune des Geistes einen Dämpfer versetzen würde. Aber gleich so schlimm?
„Ach, das wird schon“, versuchte Luigi seinen Bruder zu beruhigen. „Ich bin ja heute Abend wieder da.“
„Nun Luigi, kurz nach deinem Abgang war er zwar etwas niedergeschlagen, aber durchaus noch lebhaft. Dass er danach allerdings vom Postboten fertiggemacht wurde, hat ihm den Rest gegeben, fürchte ich.“ Unkontrolliert landete daraufhin die flache Hand auf seiner Stirn. Nun, das erklärte so einiges. Als würde sich eine Katze von einer Maus verprügeln lassen.
Das rief nach seiner „Geheimwaffe“.
„Hm, na schön. Sei doch bitte so nett und gib ihm die Dose ganz oben im Schrank. Das sollte ihn wieder auf Trab bringen.“ Sein Gesprächspartner pausierte für einen Moment, bis er nachdenklich erwiderte: „Na ja, ich weiß nicht so recht. Es wäre wirklich besser, wenn du zurückkommen und ihn mitnehmen würdest.“

Immer noch wurde Luigi energisch von hinten Richtung Ausgang geschoben. Wer hätte gedacht, dass ein Toad derart Kraft entwickeln konnte, wenn er wütend war? Nicht dass der Klempner ihn dafür verurteilte nach dem, was Jeremia angestellt hatte. Doch direkt hochkant rauswerfen? Entsorgte der Kapitän auch jeden Gast, der einmal zu tief ins Glas geschaut hatte?
Kurz vor der Rampe zum Pier hörte es auf und Luigi erlangte sein Gleichgewicht zurück. Noch ehe er sich umdrehen konnte, um rasch eine Entschuldigung auszusprechen, hörte er jene Worte, die weiterhin in seinem Kopf widerhallten als wäre es gestern gewesen: „Schaffen Sie dieses transparente Gezücht hier raus.“
Unbarmherzig starrte der Besitzer die beiden unter seiner Brille an, sein Finger anklagend auf den grün angelaufenen Hund in Luigis Armen gerichtet. Dahinter funkelten mehrere Passagiere böse zu ihnen herüber während Reinigungskräfte sich anschickten, eine Pfütze aufzuwischen. Schwach öffneten sich die leuchtenden Augen, bis es hörbar im Bauch rumorte und ein Würgen aus dem Hals drang. Angewidert wich der Kapitän zwei Schritte zurück, dessen finstere Miene hellte sich aber auch dann nicht auf, als es diesmal drinnen blieb.
„E-Es tut mir leid, i-ich wollte doch nicht –“
„Schaffen. Sie. Es. Raus.“
Es half nichts. So ging Luigi letztlich schweigend gesenkten Hauptes mit seinem Haustier von Bord, auf dass sie nie wieder zusammen ein Schiff betreten würden.

Immer diese Flashbacks in den ungünstigsten Momenten.
„Aber dann wird er wieder seekrank und dann haben wir dieses Theater aufs Neue“, widersprach Luigi bestimmt. „Nein, das wird leider nicht gehen.“ Am anderen Ende hörte er zur Antwort unverständliches Gemurmel, ehe es klarer wurde.
„Fein, dann halte ich dich nicht weiter auf. Aber bitte beeile dich, einverstanden? Es tut richtig weh, den Kleinen so zu sehen.“
„Ihr könnt ruhig am Pier auf mich warten wenn ihr wollt, oder ich nehme ein Taxi. Übersende Jeremia bis dahin liebe Grüße von mir!“
„Mache ich, viel Spaß und einen schönen Abend wünsche ich!“
„Danke, euch auch!“
Das wäre also geklärt. Und, wo war er stehengeblieben? Im wahrsten Sinne des Wortes: War da nicht eine Abbiegung zu den Anlagen? Oder, halt, wo kam denn das Meer auf einmal her? Und die Schiffe? Und die zwei Möwen, von der eine einen Angler ablenkte während die andere einen Fisch stibitzte? Er zog eine Braue hoch und kratzte sich am Kopf. Könnte er mit dem Handy am Ohr wie fremdgesteuert das Bohnenland zu Fuß erreichen? Das musste er irgendwann ausprobieren.
Jetzt aber auf auf, für was er eigentlich gekommen war: Ein Tagesausflug auf hoher See! Den Wind auf der Haut spüren, das Salz auf der Zunge schmecken und das kühle Nass im Gesicht. Womöglich sogar ein, zwei Runden schwimmen und seine Ausdauer vor hungrigen Haien austesten? Bei diesem Gedanken allerdings zuckte Luigi prompt zusammen. Das wohl besser nicht, aber der Rest schon. Fehlte bloß das richtige Boot für seine Ambitionen.

An diesem Wochenende war es bemerkenswert ruhig am Hafen. Normalerweise wurde das allgegenwärtige Rauschen des Wassers von den Passanten übertönt. Heute jedoch waren sie nur vereinzelt anzutreffen. Ob es am Übergang zum Herbst lag? Nach einem flüchtigen Rundumblick schienen Touristengruppen aus dem Bohnenland gar in geringer Überzahl zu sein. Selbst die ansonsten so populäre Taverne „Zum feuchten Banditen“ war, wenn ihn seine Augen nicht täuschten, erstaunlich leer. Auch wenn er sich fragte, was Toad Town an Sehenswürdigkeiten bot. Außer dem Schloss selbstverständlich, aber war der Ort wirklich so anziehend? Nicht dass er sich in der Branche auskannte. Gegen eine private Audienz bei Prinz Mamek hätte er aber nun wirklich nichts – warum war ihm plötzlich so warm? Also noch mehr als sonst? Dem musste ein rascher Schluck aus der Flasche Abhilfe schaffen – leider ohne den erhofften Effekt.
Und siehe, da wartete bereits ein kompakter Zweidecker am Pier links mit heruntergefahrener Rampe auf Kundschaft. Dazu ganz klassisch mit einem Schaufelrad am Heck. Das sollte ein ganz entspannter Tag … Seine Beine erstarrten und sein Gesicht verzerrte sich vor Schmerzen. Waren das Menschenmassen an der Reling dieses modernisierten Raddampfers? Wie sie sich fast zu zerquetschen drohten und der Kahn vermutlich mit Mann und Maus unterging sobald auch nur ein Kilogramm mehr hinzukam? Hatte er einen gewissen Trend, einen Hype, verpasst? Bis auf das Schaufelrad unterschied es sich doch gar nicht von den anderen Passagierschiffen in puncto Optik und Ausstattung! Im Grunde ein schwimmender, angepinselter Ziegelstein! Wo war der Mut für Neues?
Enttäuscht wandte sich Luigi ab. An benachbarten Piers wollten weitere Schiffe um seine Aufmerksamkeit und Geld buhlen. Konnte ihn das Nächste rechts davon erreichen?

In dem Augenblick als er es anvisiert hatte, kam etwas Ungewöhnliches ins Sichtfeld. So klammheimlich versteckt und trotzdem auffällig, wie ein sportlicher Flitzer auf dem Parkplatz einer Armensiedlung. Rund und schmal ragte es über alle anderen Kähne empor und die Nationalfahne des Pilz-Königreichs zierte die Spitze. Der Klempner kniff die Augen zusammen und setzte seine vollste Konzentration ein: War das da unterhalb der Flagge nicht eine dieser Rundstangen mit der die Segel gehalten wurden? Ein richtiger Mast?! Seine Lippen formten ein Grinsen. Endlich etwas Originelles zur Abwechslung! Das musste er sich unbedingt ansehen.
Je näher er kam, desto mehr wurde von diesem Mast sichtbar. Ein echter Mastkorb! Und diese gespannten Seile gen Boden, zu erklimmende Wanten? Spätestens jetzt konnte Luigi seine Vorfreude nicht mehr bremsen, so sehr wie sein Mund nach oben gebogen wurde, neue Kraft in die Beine gelang und er wie ein Kind vor der Bescherung hüpfte. Segel setzen, in die Takelage, Leinen los, Feuer! Dass solche Schiffe heutzutage überhaupt noch existierten! Im Regelfall waren es Anlehnungen, die bis auf die ungefähre Silhouette nichts mit ihren Vorbildern gemein hatten. Im Grunde äußerst schade, die Zeugnisse längst vergangener Handwerkskunst einfach dem Zahn der Zeit anheimfallen zu lassen. Diese grässlichen Kopien wurden ihnen seines Erachtens nach schlicht nicht gerecht.

Sein Freudentaumel fand aber ein jähes Ende, als seine Brust gegen etwas Hartes prallte, sein Körper nach hinten gestoßen wurde und Luigi postwendend mit einem „Autsch!“ auf dem Gesäß landete. Das Bild vor seinen Augen verlor seine Schärfe für wenige Sekunden, so lange wie das Blut benötigte, um in seine geregelten Bahnen zurückzukehren. Was hatte er da nur getroffen? Versehentlich gegen eine Laterne gelaufen? Sobald er aber wieder klar sehen konnte, schaute er auf; dort! Dieser grünköpfige Mann mit Krücke da, der die Route des Geisterjägers in die entgegengesetzte Richtung ging und ihm keine Beachtung schenkte. Dachte er wohl, ihm allein gehörte die Straße? Drohend erhob Luigi erzürnter Miene die Faust und öffnete den Mund, um diesem unfreundlichen Herren die Meinung zu geigen. Letztlich aber siegte die Vernunft. Jetzt einen Streit vom Zaun zu brechen wäre kontraproduktiv gewesen. Dennoch konnte er nicht von ihm ablassen. Wozu trug er diese sonderbare Kleidung, vor allem bei der Hitze? Sein Haupt bedeckte ein Dreispitz mit Feder und der Großteil des Rückens verschwand hinter einem langen, grünen Mantel. Ausschließlich die Sohlen seiner Schuhe, oder Stiefel, lugten darunter hervor. Luigis Wissens nach war das Kostümfest mindestens ein halbes Jahr her und er mochte sich nicht ausmalen, wie der arme Bohnenmensch darunter schwitzen musste. Am Ende zuckte er bloß mit den Schultern. Wenn es diesem Herren Freude bereitete, wer war er, ihn daran zu hindern?
Bald schon kehrte die elektrisierende Freude beim Gedanken an das Schiff zurück, katapultierte ihn auf die Füße und trieb ihn weiter voran.

Hinter einem rostigen Trawler schließlich stellte sich ihm das abfallende, fensterlose Heck zur Schau. Nach erster oberflächlicher Begutachtung circa acht Meter breit und komplett aus Holz gefertigt; etwas grünlich, morsch und teilweise mit Algen behangen, aber Holz und kein billiger Kunststoff. Darunter, wie es sich gehörte, das schmale Ruderblatt. Genau wie die anderen Seefahrzeuge war es am Pier mittels Leinen an Pollern befestigt, in dem Fall zwei.
Das musste heute sein Glückstag sein. Nicht nur einmal zur See fahren, sondern dazu auf einem historischen Relikt. Hier konnte er den Abenteuergeschichten seiner damaligen Helden nacheifern, besonders Käpt'n Gumbart. Hatten sie auch Kanonen an Bord? Eher unwahrscheinlich, aber für ihn gehörten die Geschütze zu den Seefahrzeugen vergangener Epochen dazu.
Nochmal das Ruderblatt untersucht, fielen ihm zu seinem Missfallen mehrere Kabel und Schläuche auf. Am oberen Ende des Blatts befand sich am Rumpf eine kleine Öffnung, die von besagten Leitungen vollständig eingenommen wurde und welche ins Wasser verliefen. Offenbar war unter der Fläche ein Motor angebracht worden. Für ihn zwar eine kleine Sünde, aber nichts Dramatisches solange es mithilfe der Segel aus eigener Kraft fahren konnte. Wer nicht zum Alteisen gehören wollte, musste wohl mit der Zeit gehen.

Als Nächstes arbeitete er sich zur Steuerbordseite vor. Erst hier sah er den bauchigen Rumpf, ganz im Kontrast zu den schlanken Konstruktionen der Moderne und stellte fest, wie winzig das Schiff im Vergleich zu den Anderen wirkte. Fünfundzwanzig Meter, so schätzte er, klangen nach einer beeindruckenden Länge – wenn das Fahrzeug für sich allein stand. Luigi war fest davon überzeugt, dass es ohne den Hauptmast zwischen den größeren Exemplaren nahezu unsichtbar wäre. Da schoss ihm eine Idee durch die Denkzentrale: Wäre das denn keine Petition wert? Spezielle Anlegestellen für „Oldtimer“?
Die Bordwand war zu hoch, um jegliche Bewegungen an Deck zu erkennen, darum vertraute Luigi lieber auf sein Gehör und horchte: Außer dem Knarzen des Rumpfes vernahm er keine anderen Geräusche, die auf die Anwesenheit anderer Passagiere schließen ließen. Über eine Rampe schien das Schiff nicht zu verfügen, stattdessen musste das Deck über eine Strickleiter erreicht werden. War Luigi tatsächlich der erste Kunde? Unmöglich, er konnte doch nicht der Einzige sein, der für altgediente Boote einen Platz in seinem Herzen hatte! Oder?

Er umfasste sein Kinn mit einer Hand, runzelte die Stirn und warf einen genaueren Blick auf die Beplankung. Sicherlich konnte die Vielzahl an notdürftig mit Holzbrettern vernagelten Löchern – als Urheber verdächtigte er aufgrund ihrer Größe Kanonenkugeln – nicht der Grund dafür sein. Stellte es denn nicht ausdrücklich die Zuverlässigkeit des Fahrzeuges unter Beweis, selbst unter schwersten Schäden funktionsfähig zu bleiben? Was konnte dann die Ursache für die mangelnde Beliebtheit sein? Der schnabelförmige Bug? Die Galionsfigur, dessen humanoider Torso nicht so recht mit dem Kopf eines Huhns harmonieren wollte? Oder der Name „Suppenhuhn“ in weiß unmittelbar daneben auf einer gehobelten Stelle? Wobei, wenn er sich den Namen so anschaute, musste sich der Klempner zerknirscht eingestehen, dass er als Otto-Normal-Verbraucher ebenfalls wenig Lust hätte, in See zu stechen. Wer wollte schon ernsthaft mit der berühmten „Suppenhuhn“ in die Geschichtsbücher eingehen? Das klang für ihn derart daneben, er war sich zu neunundneunzig Prozent sicher, dass es ein Fehler sein musste. Wenn er heute Abend wieder im Hause wäre, würde er Recherchen anstellen müssen.
Nach all den dank professioneller Beobachtungsgabe ergatterten Informationen über diesen Kahn streckte er seine vor Stolz geschwellte Brust hervor, rückte seine Mütze zurecht und war endlich bereit, der Welt zu berichten, welches Stück Geschichte sie hier hatten. Kein Zweifel.
Luigi hatte nicht die leiseste Ahnung was es war.

„Entschuldigung, dürfte ich Sie kurz stören?“
„Hm? O-Oh, tut mir leid!“ Er hatte zuerst nicht registriert dass er soeben angesprochen wurde. Zu sehr hing er am Namen fest, starrte die beschädigte Stelle darunter eindringlich an, wollte das Holz zu einer Aussage zwingen.
So wirbelte er förmlich herum und riss sich die Sonnenbrille vom Gesicht.
„Liege ich richtig mit der Annahme, dass Sie mit dieser Karacke fahren wollen?“ Eine junge, erwachsene Bohnenfrau präsentierte sich ihm zart lächelnd mit Strohhut, Handtasche und in knallbunten Kleidern. Dazu hing eine zerkratzte Spiegelreflexkamera samt langem Objektiv um ihren Hals. Luigi war beileibe kein Experte darin, doch glaubte er, dass das Gerät im unbeschädigten Zustand viel wert sein musste. Und wer gab so viel Geld für Kameras aus, wenn nicht Fotografen?
Nichtsdestotrotz setzte der Klempner pflichtbewusst zum Antworten an: „Also ich –“
„Moment, ich habe mich ja noch gar nicht vorgestellt!“, schnitt sie ihm auf einmal hastig das Wort ab und streckte ihm verlegen ihre rechte Hand entgegen. „Beanelda Hornblower, zu Ihren Diensten!“ Ihr Gegenüber jedoch ließ sich von dieser Reaktion nicht verunsichern, nahm den Handschlag an und reagierte freundlich: „Nennen Sie mich einfach Luigi. Sehr erfreut, Ihre Bekanntschaft zu machen.“ Seinen Nachnamen hatte er mit Absicht verschwiegen. Ansonsten wäre er Gefahr gelaufen, entweder mit seinem berühmten Bruder verwechselt zu werden oder man erkannte ihn sofort als den „legendären Stubenhocker“. Ein Titel, den er gerne auf den Grund des Meeres versenken wollte.

„Also möchten Sie fahren, ja?“ Luigi nickte.
„Habe ich zumindest vor, jedoch scheint vom Kapitän jede Spur zu fehlen. Warum fragen Sie?“
„Nur so, ich freue mich über jeden der dieselbe Leidenschaft teilt wie ich.“ Dann, bevor der Stubenhocker darauf antworten konnte, wandte sich die Frau zum Schiff um, warf ihre Arme breit in die Höhe und erhob theatralisch ihre Stimme. „Historische Schiffe wie diese noch wunderbar erhaltene Karacke hier! Zwar mit einem zugegeben peinlichen Namen, aber nichtsdestotrotz ein Stück Kultur unserer beiden Reiche das es zu erhalten gilt!“ Wenn Luigi eines über Beanelda aus dieser Konversation erfuhr, dann dass man ihr keinen mangelnden Enthusiasmus vorwerfen konnte. Zudem schien sie in dem Gebiet äußerst bewandert zu sein, so schnell wie sie den Schiffstyp erkannte. Für den gemeinen Laien würde jedes Holzschiff womöglich identisch aussehen, außer in der Größe. Dafür gebührte ihr ohne Wenn und Aber seine Bewunderung.
„Na, ich weiß nicht ob man es unbedingt Leidenschaft nennen kann“, lachte Luigi verschmitzt. „Aber sagen wir mal, dass ich diese alten Nussschalen faszinierend finde. Was führt Sie denn ins Pilz-Königreich, wenn man fragen darf?“
Fröhlich die gepflegten Zähne bleckend zeigte sie ihm ihren Fotoapparat nicht ganz ohne Stolz und öffnete dazu ihre Handtasche, in der weitere Objektive und Ersatzrollen verwahrt waren. Was Luigi von all dem investierten Geld kaufen könnte … Was wäre eigentlich aus den angehäuften Reichtümern seiner Geisterexkursionen geworden, wenn der Professor sie nicht vorher eigenhändig in den Neubau der Villa gesteckt hätte?
„Für meinen Blog ,Seefahrt im Wandel der Zeit‘ reise ich um die Welt, um übriggebliebene Exemplare in Bildern zu verewigen. Mein Film mag eines Tages zerstört werden, doch dank des Internets werden meine Medien bis in alle Ewigkeit überdauern.“ Ein schiefes Lächeln huschte über das Gesicht des Heimhüters und der blaue Himmel füllte seine Sicht aus. Wenn sie unbedingt glauben wollte, dass sich noch irgendjemand in hundert Jahren um einen beliebigen Blog scherte …

„Nun, wollen wir dann mal?“, erwiderte Beanelda nicht weniger enthusiastisch und deutete zur Strickleiter. „Kommen Sie, entern wir das Suppenhuhn!“ Sie musste unfreiwillig beim Aussprechen des Namens kichern und steckte Luigi damit prompt an, fing sich aber wieder und setzte sich eilends in Bewegung. Doch der Klempner hielt unsicher inne. Durften sie ein fremdes Schiff einfach so betreten, ohne zu zahlen? Fiel das nicht unter Hausfriedensbruch?
„Jetzt seien Sie kein Spießer, das Abenteuer wartet nicht auf die Wankelmütigen!“
Ein Lid zuckte. Spießer?! Allein dieses Wort genügte, um Luigis verstrickte Takelage im Hirn zu entwirren und Wind mittels kolossalem Gasbrenner in seine Segel zu blasen. Er würde Beanelda gleich „Spießer“ geben! Mehr noch, er würde ihr zeigen, wie bereit er war! Sowas von bereit, er könnte ins Wasser springen und die Karacke anschieben, während er einen Kraken strangulierte und dabei singend ein Akkordeon spielte! Ob das alles als zweiarmiges Wesen zu bewerkstelligen war, war wiederum eine andere Sache, aber der Gedanke zählte.

Unterdessen zog sich die Frau geschwind einem Affen gleich die Leiter hoch, was von Luigi mit einem leicht offenen Mund quittiert wurde. Würden Mario und Beanelda nicht das perfekte Paar abgeben? Amüsiert stellte sich Luigi vor, wie beide die Hochhäuser der Stadt per Wandsprüngen erkletterten, auf den Dächern nachts die Sterne beobachteten und danach, wenn um sie herum nur Stille herrschte …
Verdutzt griff er sich an die Nase. Er musste dringend wieder Briefe an Daisy schreiben und fragen, ob sie irgendwann Zeit hätte. Dem Schöpfer sei Dank konnte Jeremia nicht lesen, hatte er doch schon einige von den schmalzigen Gedichten in den Schränken gefunden und bislang einzig versucht zu essen. Hoffentlich würde die Prinzessin nicht Reißaus nehmen sobald sie erfuhr, dass er einen Geist hatte.
„Yo ho ho and a bottle of rum!“, rief er zuletzt voller Elan, nur um danach auf die Leiter zuzustürmen und zu erklimmen. Dasselbe Tempo blieb ihm jedoch verwehrt, da er ständig abrutschte. Das sanfte Schaukeln des Schiffes half dabei nicht. Wie schaffte die Frau das nur? Sein Atem beschleunigte deutlich, es wurde allmählich feucht im Rücken und in seinen Armen breiteten sich ziehende Schmerzen aus. Langsam hegte er den Verdacht, sie war keine Fotografin, sondern eine Piratin im falschen Jahrhundert.

Noch ein letzter Zug, die anderen Finger klammerten sich bereits an der Kante, und …
Ein gleißendes Licht tauchte alles in ein grelles Weiß, begleitet von sich bewegenden Punkten und Luigi schrie auf. Fühlte es sich so an, mit dem Stroboblitz betäubt zu werden?
„Ups, tschuldigung!“ Ein bunter Schemen, der sich kurz darauf als Beanelda entpuppte, rannte jauchzend auf dem Deck umher und schoss Bilder von jedem erdenklichen Winkel des Schiffes. Deren Neugier wirkte dermaßen inspirierend, der Geisterjäger musste sein Augenmerk förmlich vom Anker wegreißen, der verführerischen Stimme standhalten, die befahl, diesen sofort fallen zu lassen. Dem konnte er auch später nachkommen, sobald sie den Kapitän lokalisiert hatten. Wie praktisch, dass das Suppenhuhn so klein war.
Zuallererst jedoch genehmigte er sich eine Verschnaufpause.
Während seine Reisebegleitung in der Zwischenzeit fortwährend von Ecke zu Ecke lief und das Blitzgewitter partout nicht aufhören wollte, richtete Luigi seinen Fokus nach achtern. Besonders deshalb da ihn die Form der Karacke an Bowsers Luftschiffe erinnerte und deren Kabinen im Heck untergebracht waren. Das „Warum“ hinterfragte er nicht; war es nicht im Grunde dieselbe Frage wie Links- oder Rechtsverkehr? Für irgendeine Möglichkeit musste man sich letztendlich entscheiden.

Auf seiner Ebene entdeckte er im Schatten verborgen zuerst eine Art großen, gebogenen Holzblock, auf dem ein hölzerner Stab auf Rollen saß und anschließend weiter nach draußen führte. Dabei musste es sich um den Ruderschaft handeln, wie er ihn von handelsüblichen Segelbooten kannte. Bedeutete dies im Umkehrschluss, dass das Suppenhuhn statt eines Steuerrads über einen Ruderstock verfügte? Wie viel Kraft man wohl dafür benötigte? Mario würde er definitiv zutrauen dem Kahn die Flinkheit eines Motorboots verleihen zu können. Relativ gesprochen.
Rechts führte eine steile Treppe auf das, wenn ihn seine Kenntnisse jetzt nicht in Stich ließen, Achterdeck des sich nach oben verjüngendem Rumpfes. Da Luigi bezweifelte, dass es sich ein Kapitän tief im Schiffsinneren gemütlich machen würde, außer um eine Entschuldigung zum Trinken des Rums zu haben, beschloss er, seine Suche dort oben fortzusetzen. Schließlich war er als Baby nicht auf den Kopf gefallen, sondern als Kleinkind gegen eine Tischkante gelaufen. Raketenwissenschaft sah anders aus.
Bereits nach den ersten Stufen baute sich mit jedem weiteren Schritt ein weiterer Stab samt eines Fahrstufenreglers über den Planken auf. Höchstwahrscheinlich der Ruderstock. Dahinter folgte dann das eigentliche Ziel seiner Suche – die Tür auf der rechten Seite zur Unterkunft des Kapitäns. Und wenn das nicht die Kabine war, wusste Luigi auch nicht mehr weiter.
Der Klempner dachte darüber nach, Beanelda hinzuzurufen, überlegte es sich jedoch sofort anders als er sie kopfüber hängend an einer der Wanten fand. War sie noch nicht am Ende ihrer Kräfte? Wieso bekam er den Eindruck, etwas bei seiner Fitness grundlegend falsch zu machen? Wie konnte er problemlos laufen und springen, aber nach einer Strickleiter reif für den Sessel sein? Überhaupt, warum verbrannte er nicht in einem Vulkan oder fror in eisigen Gefilden? Kopfschüttelnd schob er es notgedrungen darauf, in einer Welt voller ungelöster Fragen zu leben. In einer Welt, in der er gefühlt jedes Gespenst anzog wie Prinzessinnen alle möglichen Schurken.

Sogleich klopfte der berühmte Hüter von Heim und Hof siebenmal an. Die ersten Sechs schnell hintereinander, den Siebten mit Abstand von einer Sekunde. Reine Angewohnheit, verwurzelt im Unterbewusstsein. Danach hustete er einmal, räusperte sich und stellte sich kerzengerade mit überkreuzten Händen vor dem Bauch hin. Dadurch sollte jeder erkennen können, wie wichtig er die Angelegenheit nahm. Oder ob er das Äquivalent zum Smoking auf der Baustelle bildete, je nachdem wen man fragte.
So wartete er. Starrte die Tür an. Blinzelte erst als es brannte. Zählte lose Splitter und Sekunden. Eins, zwei, drei, vier … Wo sollte er hingucken, wenn jemand öffnete? Oben, Unten, mittig, mit dem Rücken? War der Kapitän lebendig oder, oh Graus, ein Geist? Gab es einen Besitzer? Schmälerte die Flasche in seiner Hosentasche seine Chancen auf ein erfolgreiches Gespräch? Kamen die polternden Geräusche von Beanelda oder von drinnen?

Auf einmal schwang die Tür gequält quietschend auf – an der Schwelle empfing den Geisterjäger, neben einem Geruch, der von einer Abneigung gegen Wasser in Kombination mit Duschgel zu zeugen schien, ein schnell atmender Toad. Das blitzartig aufgekommene Verlangen, sich zu entschuldigen und in die nächste Parfümerie zu gehen, wahlweise in den Waschsalon und gleich darauf seine Kleidung zu verbrennen war stark, aber er war zu weit gekommen, um jetzt aufzugeben. Trotzdem unterzog er das Pilzwesen einem imaginären Drogentest, nachdem ihm dessen glitzernde Stirn ins Auge stach. Testergebnis: Vorläufig bestanden, Pupillen nicht geweitet und keine blutende Stelle am Leib. Dafür waren sein Caban und die Schirmmütze verblüffend sauber. Bis auf die dunklen Flecken unter den Achseln, verstand sich. Nicht dass Luigis Eigene besser aussahen.
Sein Gegenüber legte umgehend los und seine von einem leichten Bartschatten umgebenen Lippen formten eloquent zwei Worte: „Was ist?“
Oh, jemand der direkt zum Punkt kommen wollte! Das vereinfachte die Kommunikation natürlich ungemein. Und dessen hängende Oberlider und starre Miene sorgten dafür, dass der Stubenhocker eine kurze Unterhaltung klar vorzog. Ein bisschen Höflichkeit musste aber dennoch sein.
„Guten Tag, wir –“
„Rhabarber Rhabarber.“
„Nun, ich wollte fragen –“
„Ich habe zu tun.“
„Ist Ihr Schiff –“
„Meins.“
„Fahren Sie aufs Meer?“
„Ja.“
„Können wir mitfahren?“
„Helfen Sie beim Losbinden und wir können ablegen.“ Er deutete an Luigi vorbei zu einer Leine, die über einen Haken an der Steuerbordwand befestigt war. Die Andere dagegen wurde vom Deck verborgen.
„Was ist mit dem Geld?“
„Später.“
„Danke.“
Ging doch!

Weil Luigi nicht den Eindruck hatte, länger erwünscht zu sein, beendete er das überaus konstruktive Gespräch mit einem stummen Nicken. So überraschte es ihn auch nicht, dass sich der Kapitän daraufhin wortlos hinter die Pforte zurückzog und im Begriff war, sie ihm vor seiner Nase zuzuschlagen. Doch nicht ohne vorher einen Blick hinein zu erhaschen, solange der Toad abgelenkt war: die dunkle Kabine erschien selbst im Verhältnis zu ihrer geringen Größe leer, erweckte die Ästhetik einer Gefängniszelle, obgleich er von seiner Position aus nur das Fußteil eines unordentlichen Betts erspähen konnte. Aber noch bevor die Tür schließlich laut ins Schloss fiel, machte er die Konturen eines großen, rechteckigen Behälters auf der Decke aus – war das ein Koffer? Was wollte der Besitzer damit auf hoher See, wenn da nichts war außer die endlosen Weiten des Meeres? Isla Delfino erreichte man ohnehin am besten mit dem Flugzeug.
Das sollte aber nicht seine Sorge sein. Ein Grinsen breitete sich auf seinem Gesicht aus als er über die Schulter zum Haken auf dem Hauptdeck schaute und je länger er es auf sich einwirken ließ, umso weiter wurde seines. Er war ein Seemann! Teil eines Teams! Damit betraut, sicherzustellen, dass die Karacke bei höchster Effizienz arbeitete. Ganz gleich ob es zurzeit lediglich darum ging, das Schiff von seinen Fesseln zu lösen. Das Grinsen entwickelte sich in Sekundenbruchteilen zu einem kindlichen Gelächter und so sprintete der Klempner, Matrose, Tourist, für wen oder was er sich gerade halten mochte, los, rutschte die Leiter herunter und machte sich schleunigst am ersten Knoten zu schaffen.

In seinem Eifer zog und rüttelte er wild am Tauwerk, mehr darauf bedacht es schnellstmöglich hinter sich zu bringen. Wie schwer konnte das denn sein? Zumindest nichts im Vergleich zu verworrenen Gummibändern, die die Präzision einer Maschine erforderten. Zu seiner Verwirrung jedoch musste er feststellen, dass seine Anstrengungen unabsichtlich für einen bombensicheren Halt gesorgt hatten. Stöhnend ließ er das Haupt hängen. Das würde er schneiden müssen. Aber womit? Hektisch suchte er danach die Wanten ab, wo er Beanelda zuletzt gesehen hatte. Ihn hätte es nicht verwundert, wenn sie in ihrer Handtasche neben ihren Objektiven andere Ausrüstung beherbergte.
„Hier oben!“
Er fasste es nicht, rieb sich über die Augen. Da fand er sie winkend im Mastkorb vor. Um überhaupt hineinzugelangen hätte sie sich zunächst auf das gefährlich schmale Tauwerk stellen, nach hinten beugen und in einem Satz hochziehen müssen. Diese Frau musste eine Piratin sein. „Kommen Sie ruhig hoch, die Aussicht ist –“
„Nee nee danke“, entgegnete Luigi mit erhobenen Händen wie aus der Kanone geschossen, „Ich bleibe lieber hier unten. Hören Sie, können Sie mir vielleicht beim Losbinden helfen? Ich fürchte, ich hab da was verbockt …“
„Und wie Sie das haben, Sie Depp.“ Der Klempner buckelte mit zusammengebissenen Zähnen. Vorsichtig wandte er sich um, wollte dem Zorn des Kapitäns so lange entgehen wie möglich. Mit verschränkten Armen stand der Toad vor ihm und tippte mit einem Schuh ungeduldig auf den Boden bis er raunte: „Alles muss man selber machen, auf euch Landratten ist absolut kein Verlass mehr.“ Seine Hand tauchte geschwind unter den Stoff, um gleich darauf ein Messer mit einer Sägeklinge zu Tage zu fördern. „Weg da, Sie würden sich nur die Finger amputieren.“ Dem Mann machte Luigi nur zu gern Platz und er schaute ihm hinterher, wie er auf eine Kiste stieg da er sonst nicht an den Haken gelangte, dann das Messer ansetzte und die Leine grummelnd zu schneiden begann.

„Äh, Luigi? Das –“ Kreischend sprang er auf, wirbelte noch in der Luft herum und fing dank seiner antrainierten Reflexe seine Mütze auf. Vor ihm war Beanelda aufgetaucht, ihre Stirn gerunzelt. Wie war die Fotografin so schnell wieder unten?
Zitternd schalt er sie: „Himmel, erschrecken Sie mich nicht so! Das macht mein Hund schon oft genug!“ Sie aber schmunzelte nur.
„Hier, das sollten Sie sich mal ansehen“, flüsterte sie und zeigte mit ihrem Daumen nach hinten. Zunächst warteten beide Fahrgäste bis der Toad die zweite Leine gelöst und ins Wasser geworfen hatte.
„Okay“, meldete der Kapitän emotionslos und wischte sich den Schweiß von der Stirn. „Bereit oder nicht, wir starten.“ So stapfte er zurück die Treppe hoch, streckte dabei seinen Kopf über die Außenhaut – und rannte plötzlich die verbleibenden Stufen zum Achterdeck hoch. Kaum war er ihren Augen entgangen, rieb sich Beanelda auch schon die Hände.
„Los jetzt, bevor er nach uns guckt!“ Mit diesen Worten fasste sie einen verdattert dreinschauenden Luigi und schleifte ihn zur Backbordseite. Dort konnte der Klempner allerdings nichts Außergewöhnliches ausmachen: Rechts setzte sich der Kai bis zur Marina fort, weiter stiegen die bewaldeten Klippen in die Höhe, wogegen links noch mehr Meer wartete. Bis er eine Hand auf seinem Nacken spürte und sein Kopf nach unten gedrückt wurde. Seine Verärgerung darüber klang jedoch auf der Stelle ab, nachdem er gesehen hatte, was neben dem Rumpf angebunden war.
Ein Jet-Ski?

„Luigi, mir gefällt das nicht.“ Mal kein Lächeln auf Beaneldas Antlitz zu sehen ließ ihn vermuten, dass sie es ernst meinte. Nur wollte ihm kein Grund einfallen, inwiefern ein Wassermotorrad ein schlechtes Zeichen sein sollte. Es hätte ja der Ersatz für ein Rettungsboot sein können, so klein wie das Suppenhuhn war. So auf Anhieb jedenfalls konnte Luigi keinen Platz für eines finden. Deshalb gab er seine Meinung nüchtern zum Besten: „Also ich sehe das Problem nicht. Wenn er damit Leute in Seenot rettet, soll er das ruhig mit einem Jet-Ski machen.“ Mittendrin setzte sich das Suppenhuhn träge in Bewegung, die Segel noch eingeholt.
„Aber ist das denn nicht komisch? Warum nicht gleich ein Rettungsboot anbinden? Auf dem Teil passt neben dem Fahrer ohnehin nur eine Person.“ Lächelnd sah Luigi zur Seite. Diese Frau war offenbar erpicht darauf, dem Kapitän eine Beteiligung in dunklen Machenschaften nachzuweisen. Vom Koffer erzählte er ihr besser nicht, sonst wäre das Chaos perfekt und die Boulevardzeitung um eine Meldung reicher: „Verrückte Touristin greift Kapitän auf eigenem Schiff an. Diskussionen über Einreiseverbote.“
Hier sah er sich gezwungen, entschlossen einzuschreiten.
„Frau Hornblower“, sagte er mit einer für ihn ungewöhnlichen Strenge im Ton, „jetzt atmen Sie mal bitte locker durch die Hose. Bis jetzt gibt es keine Anzeichen, dass der Mann irgendwelche krummen Dinger dreht. Solange wir also keinerlei handfeste Beweise haben, kann ich Ihnen nur anraten, den Ball flach zu halten. In Ordnung?“ Zunächst starrte sie ihn nur stumm an. Dann sah sie misstrauisch zum Achterdeck hoch und steckte ihre Hände in die Hosentaschen.
„Geht klar.“ Es mochte verständnisvoll klingen, doch im Zusammenspiel mit ihrem Verhalten für Luigi wenig überzeugend. Aber bevor er etwas nachsetzen konnte hatte sie sich schon von ihm abgewandt und wieder an die Takelage geklemmt. Sollte sie doch im Krähennest kampieren und nicht ihren Ausflug torpedieren.

Steuerbord am Rande mit den Armen abgestützt verfolgte er ihren Aufbruch. Einige Passanten taten es ihm gleich, die Meisten hingegen gingen desinteressiert ihrem Tageswerk nach. Was die alle verpassten! Nun, ihr Verlust, sein Gewinn. Damit würde er vor jedem schwärmen. Ob er Kopien von Beaneldas Fotos haben könnte? Jeremia und Mario wären bestimmt gespannt darauf zu erfahren, worauf er sein Abenteuer angetreten hatte. Ersterer vielleicht weniger solange sein Herrchen nur gesund und munter nach Hause kam.
Zu guter Letzt wurden die Segel gesetzt. Der Klempner staunte nicht schlecht, fuhr das Tuch doch herunter wie ein Garagentor. Was er zuerst für Teile des Takelwerks gehalten hatte, stellte sich im Nachhinein als biegsame Führungsschienen heraus. Persönlich wertete er diese Anbauten ähnlich wie den Motor, eine Beeinträchtigung der „natürlichen Schönheit“. Es stimmte ihn aber versöhnlich zu sehen, wie sich die Segel in Windrichtung drehten, wölbten, trotz geflickter Löcher ihren Dienst verrichteten und der Karacke einen geringen Geschwindigkeitsschub verliehen. Blieb nur die Frage ob sie notfalls manuell bedient werden konnten.

Zum krönenden Abschluss ihrer gelungenen Abfahrt trank er den Rest seiner Flasche in einem Zug aus.
Und sang.

„Yo ho yo ho, a pirate's life for me!“
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