Immer wenn wir uns sehen

OneshotRomanze, Freundschaft / P6
Julia Schindel Tonio Niederegger
09.11.2019
09.11.2019
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Disclaimer: Tonio & Julia gehört mir nicht.

Der Titel sowie das Gedicht stammen aus dem Song "Immer wenn wir uns sehen" von Lea. Danke für diesen tollen Song, über den ich rein zufällig gestolpert bin und der mich so inspiriert hat.

Vielen Dank für Deine Unterstützung. Du bist ein Schstz!

Immer Wenn Wir Uns Sehen

In der fünften und sechsten Stunde habe ich Deutsch. Das ist das einzige Fach, in dem ich neben Julia sitze. Das Herz schlägt mir jedes Mal bis zum Hals, wenn sie in meiner Nähe ist. Das ist auch der Grund, warum ich kaum noch ein Wort in ihrer Gegenwart sage. Julia ist einmalig, sie ist schon seit dem Kindergarten meine beste Freundin. Dass sich meine Gefühle so ändern werden, habe ich nicht erwartet. Deshalb genieße und fürchte ich die Zeit neben ihr in Deutsch gleichermaßen. So sitze ich auch an diesem Tag auf meinem Platz und schaue abwechselnd zur Tür, durch die sie jeden Moment kommen wird, und in meine Notizen. Dann betritt sie den Raum und plötzlich ist die Schule nebensächlich. Ihre braunen Locken umrahmen ihre wunderschönen Gesichtszüge, ihr Lächeln ist umwerfend und ihre Augen funkeln fröhlich. Ihre Art und ihr Wesen ziehen mich sofort in den Bann. Dass sie dabei auch noch wunderschön ist, ist das I-Tüpfelchen. Julia ist einfach perfekt, anders kann ich sie nicht beschreiben. Doch für sie bin ich nur der gute Freund, mit dem sie über alles reden kann.

"Hey Tonio", begrüßt sie mich mit ihrem unvergleichlichen Lächeln, als sie sich neben mich setzt.
"Hey", bringe ich stammelnd hervor und merke schon, wie mir die Röte ins Gesicht schießt.

Doch Julia bekommt davon nichts mit, denn sie hat schon Brigitte angestupst, die in der Reihe vor uns sitzt, und redet mit ihr über David, den neuen Jungen in unserem Jahrgang, der aus Berlin hierher gezogen ist und für mächtig Gesprächsstoff sorgt. Ich schaue ganz intensiv in meine Notizen und das Arbeitsbuch, lausche aber eigentlich jedem Wort der beiden. Dass er süß ist, möchte ich nicht hören, ebenso wenig, dass er interessant ist, weil er aus der Großstadt kommt. Ich frage mich, warum sie mit Brigitte nicht in den anderen Fächern, die sie zusammen haben, darüber redet. Zum Glück rettet mich die Ankunft des Lehrers von der Tortur.

Dann ändert sich die Stimmung zwischen uns auch schlagartig und es ist fast wie früher. Sie kritzelt in ihren Block Karikaturen, die mich zum Lachen bringen, weshalb ich den Unterricht störe. Währenddessen zeichne ich Drei gewinnt auf den Rand meines Blockes, das sie mit mir spielt. Eigentlich soll ich aufpassen, aber diesen Gedanken ignoriere ich vollkommen. In diesem Moment, wenn ich nicht mit ihr rede, gehe ich völlig normal mit ihr um und das ist mir absolut bewusst. Diese Unbeschwertheit fehlt mir, denn trotz der anderen Gefühle ist sie immer noch meine beste Freundin, mit der ich über alles (bis auf ein Thema) reden kann. Aber wenn sie mit mir spricht, dann ist mein Kopf leer und es spuken immer die selben Wörter in in mir herum, die ich niemals aussprechen werde, denn ich will sie nicht verlieren. Aber ich traue mich auch nicht, etwas anderes zu sagen, weil ich befürchte, mich und meine Gefühle mit jedem Wort zu verraten. Deshalb freue ich mich über unbeschwerte 90 Minuten, in denen sich unsere Kommunikation auf wortlose Banalitäten beschränkt.

Als die Glocke das Ende der Stunde verkündet, springe ich auf und verstaue meine Sachen. Ich traue mich kaum den Blick zu heben, da mich gefühlt alles verrät und doch kann ich es nicht lassen. Natürlich bemerkt sie das und schaut auf. Als sich unsere Blicke treffen, lächelt sie sanft und ich merke, wie sich meine Wangen rot färben. Daher wende ich meinen Blick ab und konzentriere mich wieder auf meine Tasche, die schon eine gefühlte Ewigkeit fertig ist.

"Bis dann", verabschiede ich mich mit gesenktem Blick von ihr.
"Ich freue mich auf Deutsch", erwidert Julia.

Ich halte die Situation nicht aus und mache mich ohne ein weiteres Wort auf den Weg zur Tür. Draußen halte ich einen Mitschüler auf und frage ihn nach seinen Notizen sowie den Hausaufgaben, denn die Stunde muss ich nacharbeiten. Bereitwillig gibt er mir die Informationen. Währenddessen verlassen auch Brigitte und Julia den Raum, beide lachen sie herzlich. Im ersten Moment denke ich, dass sie sich wieder über David unterhalten, der gefühlt ihr liebstes Thema in den letzten Wochen ist. Vielleicht machen sie sich aber auch über mich und mein affiges Verhalten lustig.

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Obwohl unsere Schule und auch der Ort nicht groß sind, schaffe ich es relativ gut, direkte Begegnungen mit Julia zu umgehen, aber eben nicht immer. Ich bin gerade auf dem Weg vom Schwimmverein nach Hause, als ich schon aus der Ferne Julia und Brigitte vor einem Kaffee in der Sonne sitzen sehe. Natürlich kann ich umdrehen und einen Umweg nach Hause nehmen, aber schon bei dem Gedanken frage ich mich, welches Bild das auf mich wirft, falls sie mich doch gesehen hat. Also versuche ich, meinen Weg unauffällig fortzusetzen und bin schon fast an ihnen vorbei, als Brigitte wie wild in meine Richtung winkt und meinen Namen ruft. Es ist klar, dass mein Plan nicht aufgeht. Daher gehe ich auf die beiden zu, ohne sie anzuschauen.

"Hi!", begrüßen sie mich unisono. Sofort fällt mir Julias wunderschönes Lächeln auf, das mich in seinen Bann zieht. Darüber vergesse ich fast, die beiden ebenfalls zu begrüßen.
"Hey", antworte ich schließlich doch noch und konzentriere mich dabei auf Brigitte, da sie mich von dem innerlichen Chaos in Julias Gegenwart ablenkt. So ist es für mich fast schon einfach, mit den beiden zu reden.
"Ich habe gerade Julia eingeladen, aber du darfst bei meinem Geburtstag auch nicht fehlen. Ich feiere am Samstagabend. Wir sind nur eine kleine Runde. David kommt auch." Der Name aus ihrem Mund versetzt mir einen Stich, den ich mir aber hoffentlich nicht anmerken lasse.
"Alles klar. Ich muss gucken, ob ich es schaffe", antworte ich ausweichend, denn die Lust auf den Geburtstag ist mir vergangen.
"Tonio Niederegger, du wirst nicht den Geburtstag verpassen! Wir drei feiern schon immer zusammen!", weist Julia mich zurecht und lächelt dabei.
"Jaha", antworte ich und ein Lächeln schleicht sich auch auf mein Gesicht, ich kann es nicht verhindern. "Wir sehen uns", verabschiede ich mich dann schließlich und konzentriere mich wieder auf Brigitte.

Dann setze ich meinen Weg nach Hause fort und bin dabei in Gedanken schon bei Samstag und frage mich, wie das wohl wird. In meinem Bauch rumoren ungesunde Gefühle, denn wahrscheinlich werde ich nun Zeuge, wie Julia und David zusammen kommen. Wie ich damit umgehen soll und kann, weiß ich nicht.

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Nachdem ich mit Verspätung, die überhaupt nicht meine Art ist, ankomme, das Geschenk übergeben und das übliche Geplänkel überstanden ist, sitzen wir zu viert am Tisch in einer unangenehmen Stille. Brigitte und auch Julia haben schon mehrfach versucht, ein Gespräch in Gang zu bringen, doch ich bin nicht in der Stimmung für das allgemeine, oberflächliche Blabla. Auch David beteiligt sich nur wenig, woran das bei ihm liegt weiß ich nicht. Zwischendurch hat Julia mich schon mehrfach unter dem Tisch unauffällig mit dem Fuß angestupst, aber ich lasse mich von ihr in meinem Verhalten nicht beirren und verstehe auch nicht, warum ich ihr helfen soll, sie zu verkuppeln.

"Was haltet ihr von einem Spiel?", fragt Brigitte. Es ist ihr verzweifelter Versuch, Stimmung in diese Veranstaltung zu bringen. Das merke ich ihr deutlich an.
"Sorry Leute, aber ich dachte, das hier ist eine Party und kein Kindergeburtstag", antwortet David daraufhin und steht auf. "Viel Spaß noch." Dann geht er einfach. Brigitte folgt ihm, während Julia und ich zurückbleiben. Verwundert suche ich ihren Blick.
"Du bist so ein Esel", faucht sie mich leise an, woraufhin ich sie erschrocken anschaue, denn so redet sie nie mit mir. "Brigitte ist total verschossen in David und hat extra deshalb nur uns eingeladen. Du verhältst dich wie ein Idiot, indem du nicht mal versuchst, dich in das Gespräch einzubringen, geschweige denn ein eigenes zu starten. Ich frage mich, wo du unseren Freund Tonio gelassen hast. So kenne ich dich nicht." Mir fällt nichts ein, was ich darauf antworten kann oder soll. Meine Suche nach einer Antwort unterbricht sie, indem sie aufsteht und auch den Raum verlässt. Dabei schaut sie mich nicht an und sagt auch kein weiteres Wort.

Während ich auf die Rückkehr der beiden warte, denke ich ich viel über Julias Worte nach. Ich muss ihr Recht geben, ich bin ein schlechter Freund, auch wenn es mir schwer fällt. Sonst bin ich immer hilfsbereit und stelle meine Bedürfnisse sowie Wünsche hinten an, wenn es die Situation erfordert. Das war so ein Moment.

Mir wird klar, dass meine Gedanken und Gefühle in den letzten Wochen meine Urteilsfähigkeit getrübt haben, denn die Gespräche über David sind meistens von Brigitte ausgegangen, Julia hat sie nur bestätigt. Eigentlich will ich hinterhergehen und mich entschuldigen, weiß aber, dass das ein Fehler ist, denn sie will mich nicht sehen. Außerdem wird sie sich um Brigitte kümmern, da bin ich fehl am Platz. Deshalb warte ich auf die Rückkehr der beiden.

Ich starre auf die Uhr an der Wand, deren Zeiger sich gefühlt nicht bewegen. Von Sekunde zu Sekunde fühle ich mich unwohler. Mein Gedanken schlagen Purzelbäume und Zerlegen den Abend in alle Einzelteile. Darum kann ich mir nicht vorstellen, dass Julia mir verzeihen wird, und entschließe mich, nach Hause zu gehen.

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Am nächsten Montag haben wir wieder Deutschunterricht, die Hausaufgabe ist fällig und ich habe sie tatsächlich fertig. Ein Gedicht. Es liegt vor mir auf dem Tisch und ich lese immer wieder die Worte, die ich schon auswendig kann. Dabei schwanke ich hin und her, ob ich es abgebe oder ob ich es in die Tasche stecke und sage, dass ich die Hausaufgabe nicht gemacht habe. Dann betritt Julia den Raum und ich klappe mein Heft zu. Ihr übliches Strahlen umgibt sie nicht, sie schaut mich kaum an und lächelt nicht. Mein Verhalten vom Wochenende wirkt offensichtlich noch immer nach. Julia sagt kein Wort, setzt sich neben mich und schaut in ihr Schulbuch.

Zum Glück werden wir von der Glocke erlöst, im selben Moment betritt auch der Lehrer die Klasse. Julia schaut kaum auf und ich hefte meinen Blick auf den Lehrer, höre ihm dabei aber nicht wirklich zu. Daher bekomme ich auch nicht mit, dass er meinen Namen aufgerufen hat. Erst als Julia mich anstupst, wache ich aus meiner geistigen Starre auf.

Ich soll mein Gedicht vortragen und ich will es auch machen, obwohl ich lange darüber nachgedacht habe, die Aufgabe zu verweigern. Meine Notizen benötige ich nicht, stattdessen konzentriere ich mich auf einen Punkt an der Wand und beginne.

Immer wenn wir uns sehen
Fängt mein Kopf an zu drehen, es gibt viele, doch ich spür' du bist anders
Immer wenn wir uns sehen
Bleibt mein Herz wieder stehen und mein Kopf leer, wo soll ich anfangen?
Immer wenn wir uns sehen
Muss ich sofort wieder gehen, weil ich rot werde, wenn du mich anlachst
Immer wenn wir uns sehen


Nachdem ich geendet habe, brennen meine Wangen vor Scham. Ich habe das Gefühl, mich fürchterlich blamiert zu haben. Leise murmel ich eine Entschuldigung und greife dann nach meinen Sachen, ehe ich fluchtartig den Klassenraum verlasse. Eigentlich habe ich vor, nur den Rest der Stunde zu schwänzen, aber ich habe Angst ihr über den Weg zu laufen. So gehe ich viel zu früh an diesem Tag nach Hause.

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Obwohl nur mein Herz und meine Seele Schmerzen, muss ich überzeugend gewirkt haben, denn der Arzt hat mich krank geschrieben. Morgen muss ich wieder in die Schule und mich mit meinen Gefühlen auseinandersetzen. So kann es nicht weitergehen. Ich möchte wieder der sein, der ich vor meine Gefühlen für Julia war. Doch ich weiß nicht, wie ich mich ihr gegenüber verhalten soll. Schon bei dem Gedanken, sie wieder zu sehen, schnürt sich mir meine Kehle zu. Mit ein paar Worten habe ich zu viel gesagt. Jetzt weiß jeder über meine Gefühlswelt Bescheid.

Das Klopfen an der Tür reißt mich aus meinen Gedanken. Ganz automatisch gehe ich hin und öffne sie. Als ich Julia erblicke, erstarre ich. Kein Wort zur Begrüßung kommt über meine Lippen, keine Regung zeigt mein Körper. Ich schaue sie nur an und finde, dass sie noch schöner, noch perfekter geworden ist. Ein ganz feines Lächeln umspielt ihre Lippen.

"Hi", begrüßt sie mich und ich sage noch immer nichts. "Ich habe das Material der Woche und die Hausaufgaben mit." Julia hält mir eine gut gefüllte Klarsichtfolie hin, doch ich greife nicht danach. Stattdessen bin ich völlig perplex über ihre Anwesenheit und versinke einfach in ihrer Gegenwart. "Darf ich?", fragt sie nach einer gefühlten Ewigkeit und ich mache keine Anstalten, sie durch zu lassen. "Dein Gedicht war wunderschön!"
"D..da..nke", bringe ich schließlich stotternd hervor und verfalle sofort wieder in Schweigen. Mir fallen einfach keine Wörter ein. Aber ich beobachte Julia, die den Mund aufmacht, als ob sie was sagen möchte, und dann doch wieder schließt.

Stattdessen macht sie einen Schritt auf mich zu. Ich möchte zurückweichen, doch irgendwas hält mich auf der Stelle. Die Distanz zwischen uns wird immer kleiner. Dann steht sie direkt vor mir und schaut mir in die Augen. Am liebsten möchte ich den Blick senken, aber sie hält mich mit ihrem fest. Dann schließt sie auch die letzte Lücke und berührt mit ihren Lippen sanft meine. Die Berührung ist überraschend, ein leichter Hauch. Viel zu schnell löst sie sich von mir.

"Ich hoffe, du fühlst das gleiche", sagt sie ganz leise. Doch ich möchte nicht reden, ich möchte wieder ihre Lippen spüren.
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