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Mephisto

von lunalinn
GeschichteDrama, Fantasy / P18 Slash
Itachi Uchiha Kisame Hoshigaki Naruto Uzumaki Sakura Haruno Sasuke Uchiha
09.11.2019
20.11.2020
15
50.975
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Dieses Kapitel
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11.09.2020 4.236
 
Eigentlich konnte Kisame nicht von sich behaupten, ein Langschläfer zu sein. Im Gegenteil, denn bei einem Leben wie seinem war es von Vorteil, wenn man achtsam blieb. Dass er seine Missionen seit dem letzten Jahr mit Suigetsu bestritten hatte, änderte nichts daran – auch wenn er dem Jungen vertraute. Allerdings war dieser eben noch ein halbes Kind und obwohl es ihm nicht an Talent mangelte, fehlte es ihm an Erfahrung. Er war impulsiv und vorlaut, trotzdem Kisame und Zabuza ihn von allen am besten im Griff hatten. Möglicherweise lag das daran, dass er ähnlich aufgewachsen war, wie sie beide und zudem noch aus derselben Gegend kam. Ob es dem Bengel gut ging? Hoffentlich stellte der während seiner Abwesenheit keine Dummheiten an…wobei sich Pain und Konan schon um ihn kümmern würden. Er atmete durch, verdrängte den Gedanken daran, als er sich auf die Seite drehte…und feststellte, dass der Futon neben ihm leer war.
Seine kurzzeitige Befürchtung, sein Begleiter könnte es sich anders überlegt haben und verschwunden sein, stellte sich im nächsten Moment als unnötig heraus. Der Uchiha stand mit dem Rücken zu ihm am Fenster, schien sich den Sonnenaufgang anzusehen. Goldene Strahlen durchzogen den rötlich gefärbten Himmel und tauchten das Zimmer in warmes Licht. Erst auf den zweiten Blick fiel ihm der schwarze Vogel auf, der neben dem Uchiha auf dem Fenstersims saß und sein Gefieder putzte. Anscheinend stimmte es, dass die Krähe niemals gänzlich von seiner Seite wich. Kisames Blick verharrte für einige Sekunden auf Itachis dunklen Haaren, die offen über seinen Rücken fielen. Sie wirkten länger, erinnerten an schwarze Seide…und sicher zog er damit den Neid einiger Frauen auf sich. Ein wenig bedauerte er, dass der andere wieder komplett bekleidet war und auch am Abend zuvor sein Untergewand getragen hatte. Kisame konnte eine gewisse Neugierde bezüglich Itachis Körpers nicht verhehlen; ob ihm viele Narben von damals geblieben waren? Er selbst war gezeichnet gewesen, schon bevor sie ihn in diesem Kerker gefoltert hatten, doch sie machten ihn aus, beschrieben sein Leben genauso, wie seine Muskeln, die er durch hartes Training geformt hatte. Sicher hatte auch Itachi unter seinem Onkel trainieren müssen, trotzdem er sogar in der weiten Kleidung schlank wirkte. Es wäre wahrlich interessant, einmal gegen ihn zu kämpfen und seine Stärke zu testen.
Vermutlich hatte er seinen Blick gespürt, denn er sah plötzlich über die Schulter zu ihm, wobei seine Haut durch die Sonnenstrahlen heller wirkte, einen noch stärkeren Kontrast als sonst bildete. Die schwarzen Augen mit ihren dichten Wimpern funkelten ihm aus seinem ebenmäßigen Gesicht entgegen – doch wenn man genau darauf achtete, fiel die kleine Narbe an der rechten Wange auf. Dort, wo man ihn mit der Eisenzange geschlagen hatte. Nicht, dass ihn dies unansehnlich gemacht hätte. Kisame kannte kaum Männer, die man als schön bezeichnen konnte; Itachi gehörte zweifellos dazu. Ob ihm das überhaupt bewusst war? Vermutlich nicht, nach allem, was ihm widerfahren war, und sicher machte er sich über so etwas Banales keine Gedanken.

Das unangenehm laute Krächzen des Vogels ließ ihn beinahe zusammenzucken und er kam nicht umhin, diesen im Stillen zu verwünschen. Die Krähe war ihm nach wie vor suspekt und dem Blick nach viel intelligenter, als er es so einem Viech zugetraut hätte. Er setzte sich kurzerhand auf, fuhr sich durch die Haare, die im Gegensatz zu denen seines Begleiters wirr abstanden.
„Du scheinst gut geschlafen zu haben.“
Kisame schnaubte auf die Aussage hin, da er dies nicht deuten konnte.
„Machst du mir einen Vorwurf?“, fragte er daher, woraufhin der Uchiha eine Braue hob.
„Ich nahm an, deine Wunden würden dich daran hindern.“
„Ah…nein, die brennen nur leicht…oder jucken. Nichts, was man nicht aushalten kann.“
Schließlich hatte Itachi ihn lange genug mit seinen Kräutern behandelt, aber er wollte sich über seine Sorge nicht beschweren. Er blickte über die Schulter zu seinem entblößten Rücken, doch viel konnte er natürlich nicht erkennen, nur ein paar wulstige Striemen im oberen Bereich.
„Sieht es so schlimm aus?“, fragte er betont locker, woraufhin Itachi zögerte.
Offenbar wusste er nicht, was er antworten sollte, kam dann unerwartet näher, um hinter ihm Platz zu nehmen. Mit kritischem Blick betrachtete er seinen Rücken, neigte dabei leicht den Kopf. Kisame schauderte, kaum dass ihn die Fingerspitzen für einige Sekunden streiften…so sanft, dass es ihn nicht schmerzte.
„…deine Haut ist noch sehr empfindlich, aber sie wird heilen“, hörte er ihn murmeln. „Und…nein. Es sieht nicht schlimm aus. Nicht mehr.“
Kisame kam nicht umhin zu schmunzeln, während er seinen Blick über die Schulter erwiderte.
„Das sagst du nur, weil du meine Gefühle nicht verletzen willst – gib es zu!“, feixte er, erntete jedoch lediglich einen verwirrten Ausdruck.
„Uhm…eigentlich…“
„Schon gut“, wiegelte der Hüne ab und streckte sich einmal mehr. „Das war ein Scherz…wohl kein besonders guter, was?“
„Nicht wirklich.“
„Na, immerhin bist du ehrlich“, meinte er bloß und wandte sich dann um. „Anziehen, frühstücken und weiter?“
Itachi gab ein Nicken von sich, erhob sich ebenfalls wieder. Auch wenn der Uchiha fürs Erste genug Geld bei sich trug, mussten sie sich etwas für die weiteren Tage überlegen. Schließlich besaß er nicht mal eine Waffe und Pferde wären sicher auch keine schlechte Idee, wenn sie nicht ewig brauchen wollten. Wobei eine Verzögerung ihrer Reise vielleicht praktisch war, um Itachi davon abzuhalten, direkt wieder kehrtzumachen. Nun gut, er würde sein Wort in jedem Fall halten. Eine andere Wahl blieb ihm ohnehin nicht.


Schon wieder hatte sie sich allein auf den Weg gemacht und sie war sicher, dass Tsunade sie dafür vierteilen würde, fände sie es heraus. Sakura seufzte leise, während sie sich dem Treffpunkt näherte. Naruto war mal wieder zu spät, aber das war ja typisch. Warum wunderte sie sich überhaupt noch?
Genervt setzte sie sich auf einen größeren Stein, stellte ihren Korb auf dem Boden ab.
„Hm…“
Unweigerlich musste sie an den jungen Mann zurückzudenken, den Ino und sie am Fluss gesehen hatten. Ob er hier irgendwo lebte? Oder kam er womöglich aus dem Dorf? Sie hatte jemanden wie ihn noch nie gesehen, da war sie ganz sicher.
Seine Haut war so blass gewesen, ganz anders als Narutos von der Sonne gebräunte Haut…ob er wohl aus einem Adelshaus stammte? Aber dann würde er sich doch sicher nicht ganz allein und ohne Wachen in den Wald trauen? Schon gar nicht, um sich zu waschen.
Sie stützte die Ellenbogen auf ihren Beinen ab und stützte das Gesicht auf ihre Handflächen, während ihr ein sanfter Luftzug durch die langen Haare fuhr. Tsunade schimpfte immer mit ihr, dass ihre Mähne sie nur am Kämpfen hindern würde und sie sie sich gefälligst zusammenbinden sollte, doch ein bisschen Eitelkeit wollte sich die junge Frau bewahren.
Sie war schon nicht mit besonders weiblichen Rundungen gesegnet, da wollte sie wenigstens durch ihre langen, gepflegten Haare auffallen. Ob der Junge nur Ino angeschaut hatte? Das war ja meistens der Fall und das nicht bloß, weil ihre Freundin ausgesprochen hübsch war, sondern auch ihrer einnehmenden Persönlichkeit wegen. Ino kannte einfach kein Schamgefühl und redete so, wie ihr der Schnabel gewachsen war. Sakura kannte sie schon so lange und seit frühster Kindheit hatte sie sich gewünscht, ein bisschen mehr wie Ino zu sein. Der Gedanke rief unweigerlich Neid in ihr hervor, doch sie besann sich; vermutlich würde sie diesen Jungen niemals wiedersehen, warum sich also verrückt machen für etwas, das sich nicht lohnte.
Auch wenn sie ihn schon gern kennengelernt hätte…
Sie hielt inne, als sie aus dem Augenwinkel erkannte, dass sich etwas im Geäst bewegte. Sofort war sie auf den Beinen, die Finger um ihren Dolch geklammert.
„Naruto?“, rief sie den Namen ihres Freundes.
Erlaubte er sich wieder einen Scherz mit ihr? Sie leckte sich die trockenen Lippen, als keine Antwort folgte. Dann passierte es wieder…ein Rascheln…und sie fuhr zusammen, als der nachtschwarze Rabe aus der Baumkrone stürzte. Mit einem Aufschrei duckte sie sich, wich damit den scharfen Krallen aus, welche knapp über ihren Kopf hinwegrasten.
Erschrocken und empört zugleich sah sie dem Vogel nach, der mit schnellen Flügelschlägen aus ihrer Sicht verschwand. Was war denn das für ein merkwürdiges Tier gewesen? Sicherlich wusste sie, dass Raben gefährliche Vögel waren, aber noch nie hatte solch einer gezielt angegriffen. Allmählich spielten wohl wirklich alle verrückt…
Sakura schnaubte, wollte sich wieder setzen, als es erneut passierte…ein Schatten…sie fuhr herum, doch da war er schon wieder verschwunden. Instinktive Furcht fuhr ihr in die Glieder und sie trat einen Schritt zurück.
„Naruto? Naruto, wenn das ein Scherz ist…das ist nicht witzig!“
Sie versuchte sich selbst Mut zu machen, indem sie lauter wurde, doch niemand antwortete ihr. Vielleicht hätte sie doch nicht allein rausgehen sollen…wo blieb ihr Freund denn nur? Sie waren doch verabredet gewesen! War er aufgehalten worden? War ihm etwas passiert?
„So ein Mist!“, entfuhr es ihr, ehe sie langsam ein paar Schritte zurückmachte.
Nur nicht die Nerven verlieren, so schwer es ihr fiel. Den Korb ließ sie einfach stehen, es war nicht länger wichtig, denn sie war hier nicht allein und sie fühlte es deutlich. Wenn Naruto sich nicht mehr meldete, würde sie ihn später suchen – und ganz sicher nicht allein. Jetzt saß ihr die nackte Angst im Nacken…irgendjemand verfolgte sie, auch wenn sie niemanden erblickte. Sie fühlte ihn…hörte ihn…und es war ein schreckliches Gefühl.
Ein Keuchen entkam ihr, als sie über eine Wurzel stolperte und sich die Knie beim Fallen aufscheuerte. Sie rappelte sich wieder auf, fluchte unterdrückt, ehe sie erstarrte.
Vor ihr…direkt vor ihr stand jemand. Sie taumelte zurück, packte den Dolch fester, bereit, sich zu verteidigen. Diese Augen…sie kannte diese Augen, hatte sie schon einmal gesehen. Tiefschwarz…und ein Feuer schien in ihnen zu brennen. Eines, das sich ausbreitete, bis diese bedrohlichen Augen blutrot funkelten.
Ihr Hals fühlte sich wie zugeschnürt an, sie bekam kaum noch Luft. Wie gelähmt starrte sie in diese Augen, gab nur noch erstickte Laute von sich…und dann spürte sie, wie sie nach hinten kippte, einer Puppe gleich. Der Dolch glitt ihr aus der Hand, kam noch vor ihr auf dem Boden auf. Schwärze breitete sich aus, raubte ihr das Bewusstsein.


Gegen Nachmittag kamen sie im nächsten Dorf an, wobei sie allmählich weit genug entfernt von dem Unglücksort, an dem er um ein Haar sein Leben gelassen hätte, waren. Sein Gesicht war leider recht markant und blieb damit wunderbar im Gedächtnis hängen, was für einen Söldner deutlich ungünstig war. Er warf einen Blick zu dem Uchiha, der neben ihm schritt, dabei in seine Gedanken versunken schien. Sie hatten die letzten Stunden relativ schweigsam hinter sich gebracht, seitdem sie nach dem Frühstück aufgebrochen waren. Diese seltsame Krähe hatte sie die ganze Zeit über begleitet, auf Itachis Schulter gethront und dabei alles im Auge behalten, doch nun spreizte sie die Flügel und erhob sich unter lautem Krächzen in den Himmel. Beinahe so, als wüsste sie, dass die Menschen ihre Anwesenheit als schlechtes Omen deuteten. Der Vogel war eindeutig zu intelligent für ein Tier.
Kisame hoffte, dass es hier ein Gasthaus für Reisende gab, aber davon ausgehen konnten sie nicht. Die vielen Felder auf denen die Leute arbeiteten, ließen jedoch noch auf andere Möglichkeiten schließen. Zuerst einmal sollten sie sich wohl vorstellen, denn in solch einem Kaff kannte man sich für gewöhnlich. Fremde sorgten höchstens für Misstrauen…und bevor jemand die falschen Schlüsse zog…
„Du willst hier bleiben?“
Er warf einen Blick zu dem Uchiha, der in Richtung Dorf schaute, dabei keine Regung zeigte. Schon am letzten Abend hätte sein Begleiter eine Nacht im Wald vorgezogen, was ihn keineswegs wunderte.
„Wenn sich uns die Gelegenheit bietet, ja, dann sollten wir bis zum Morgen bleiben.“
Fast rechnete Kisame mit einem Gegenvorschlag, doch zu seiner Verwunderung nickte Itachi.
„Einverstanden.“
Er blinzelte, glaubte, sich verhört zu haben.
„…ach echt?“, entkam es ihm verdutzt, was Itachi seufzen ließ.
„Dazu bin ich mitgekommen…richtig?“
„Eh…ja…schon.“
Dennoch hatte er nicht erwartet, dass sich der Uchiha widerspruchslos einem ganzen Dorf voller Fremder stellen würde. Verlangte er zu viel? Andererseits konnte es kaum schlimmer als in der Taverne werden und selbst da hatten sie die Situation unter Kontrolle gebracht. Anscheinend meinte Itachi es ernst, dass er versuchen wollte, sich mehr auf ihn zu verlassen.
„Na gut, dann lass uns mal schauen, an wen wir uns hier wenden können…“


Kisame musste einige Stunden später zugeben, dass ihn das Teufelskind verblüffte. In der vorigen Nacht wäre die Taverne um ein Haar in Flammen aufgegangen, weil ihn so ein Schwachkopf angepöbelt hatte…und nun saß er dort oben, auf einem der Dächer, um dieses mit neuem Stroh auszubessern. Geschickt war er anscheinend, so schnell wie er sein vorrübergehendes Handwerk begriffen hatte – möglicherweise war dies auch nicht das erste Mal, dass er so etwas tat?
Unweigerlich fragte er sich, wie sehr Itachi dort oben in seinem Gewand schwitzen musste, denn die Sonne begann sich erst jetzt zurückzuziehen, hatte sie den ganzen Tag bei der Arbeit begleitet. Zwar herrschten noch keine sommerlichen Temperaturen, doch die Anstrengung reichte aus, um ihnen warm werden zu lassen.
Kisame wandte den Blick ab und richtete ihn wieder auf den Heuwagen, den er als Letztes hatte reparieren dürfen. Ein Rad war gebrochen gewesen, die Achse dadurch schief geraten, doch nun sah es recht ordentlich aus, wenn man bedachte, dass dies nicht sein Tageswerk war. Immerhin würden sie für ihre Unterstützung einen Schlafplatz beziehen können – und ein Mahl war ihnen auch versprochen worden. Er wischte sich den Schweiß von der Stirn, denn trotzdem er nur noch seine Hosen trug, spürte auch er die Anstrengung. Zwar hatte der ein oder andere Dörfler seinen zugerichteten Rücken gemustert, aber darauf angesprochen hatte ihn niemand. Nicht, dass er das erwartet hätte.
„Wenn dein Freund dort oben fertig ist, könnt ihr euch mit dem Brunnenwasser waschen.“
Er neigte den Kopf ein wenig, als ihn die Stimme des alten Mannes aus den Gedanken riss. Abermals wurde er für einen Moment gemustert, ehe sich die scharfen, grauen Augen dem Heuwagen widmeten. Er machte einen Schritt darauf zu und klopfte mit seinem Gehstock auf das Rad, welches zu Kisames Glück nicht nachgab.
„Besser als erwartet“, brummte der Alte mit dem schütteren Haar. „Wie vereinbart, könnt ihr die Scheune für die Nacht beziehen. Mein Weib wird euch nachher etwas zu essen bringen.“
Nun, mehr konnte man hier wohl auch kaum erwarten, wenn er bedachte, wie wenige Hütten es für die Anzahl von Menschen gab. Es war ein kleines Dorf, wie dafür gemacht, um möglichst wenig Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen, immerhin stellten sie beide günstige Arbeitskräfte dar, die schnell wieder verschwanden.
„Habt Dank“, erwiderte er, doch der alte Mann hatte sich bereits abgewandt.
Kisame blickte ihm nicht lange hinterher, sondern fixierte den Uchiha, der gerade vom Dach stieg, anscheinend fertig geworden war. Wenn er erschöpft war, verbarg er das jedenfalls gut, denn er wankte kein bisschen, rieb sich lediglich den Nacken.
„Der Alte ist zufrieden“, teilte er ihm mit. „Wenn wir uns gewaschen haben, gibt es was zu essen.“
Ein knappes Nicken folgte von dem Jüngeren, der noch mal prüfend zum Dach sah, ehe er ihm zum Brunnen folgte. Kisame fragte sich unweigerlich, ob er sich auch dieses Mal genieren würde, obwohl die Dämmerung eingesetzt hatte und es in Kürze dunkel sein würde. Generell hatte Itachi den Tag über wenig gesprochen, war nur für kurze Pausen vom Dach gestiegen – vermutlich, weil man ihn dort oben in Ruhe gelassen hatte.

Der Brunnen stand etwas abgelegener im Hof, sodass sie zumindest ein bisschen Privatsphäre hatten, was ihnen beiden ganz gelegen kam. Er kehrte dem anderen den Rücken, während er den Eimer am Seil hinunter ließ, um ihn gefüllt hochzuziehen.
„Hätte nicht gedacht, dass du da so zielstrebig ran gehst“, brach er die Stille unvermittelt.
Itachi antwortete nicht sofort, man vernahm bloß die Geräusche des Eimers, den er hochzog. Das kalte Wasser ließ den Hünen schaudern, kaum dass er es sich über Kopf und Körper gekippt hatte. Die Tropfen flogen aus seinen Haaren, als er sich schüttelte, dann den Eimer erneut in den Brunnen sinken ließ.
„Madara konnte es sich nicht leisten, uns zu schonen“, hörte er Itachi murmeln. „Wir haben von Anfang an mitangepackt.“
Geschadet hatte es den beiden nicht, wie Kisame fand, zumal das in den meisten Familien der Fall war – von wohlhabenden Leuten einmal abgesehen. Er drehte sich zu dem Uchiha um, wollte diesem den Eimer reichen, hielt jedoch inne. Itachi hatte das Gesicht zur Seite gedreht, den Blick fest auf die Behausung ihrer Gastgeber gerichtet, wobei seine Finger langsam das Gewand, das ihn obenrum bekleidete, öffneten. Trotzdem es sich nicht gehörte, konnte er sich nicht abwenden, musterte die Haut, die allmählich freigelegt wurde.
Wie erwartet, war der Uchiha unter der weiten Kleidung schlank, aber nicht dünn, die Brust gut definiert. Ohne ein gewisses Training konnte man nicht so drahtig aussehen, das wusste Kisame aus eigener Erfahrung. Er bezweifelte nicht, dass er stämmigere Gegner mit der richtigen Taktik überwältigen konnte und es machte ihn noch interessanter. Die Narben fielen Kisame erst auf den zweiten Blick auf, auch wenn sie eigentlich nicht zu übersehen waren. Einige stachen deutlicher hervor als andere, doch er hatte in seinem Leben schon Schlimmeres gesehen; es schreckte ihn nicht.
Jedenfalls bis Itachi den Stoff komplett zu Boden fallen ließ und ihm den Eimer aus der Hand nahm, wobei der Hüne einen Blick auf seinen Rücken werfen konnte. Plötzlich kam ihm der hässliche Gedanke, dass Itachi möglicherweise schon vor seiner öffentlichen Hinrichtung gefoltert worden war. Diese Narben unterschieden sich von denen auf Brust und Armen, wirkten nicht, wie ungezügelte Peitschenhiebe. Nein, da war jemand mit kalkulierter Grausamkeit vorgegangen.
Er löste den Blick von den Wunden, als sich der Uchiha mit dem kalten Wasser übergoss, dabei nicht mal zusammenzuckte. Tropfen perlten aus seinen Haaren, liefen ihm übers Gesicht, das noch starrer als sonst wirkte. Zweifellos musste Itachi bemerkt haben, wie er ihn angesehen hatte…und vielleicht war das der Grund für die seltsame Spannung zwischen ihnen.
Kisame selbst konnte mit seinen Narben leben, akzeptierte sie als einen Teil von sich, der seinen Weg beschrieb. Allerdings waren die meisten dieser Narben Kämpfen entsprungen oder der Strafen für seine Taten als Söldner. Itachis Narben waren anderen Ursprungs und vermutlich verabscheute er sie bis heute.
Anstatt etwas zu sagen, griff er nach einem der Leinentücher, die über dem Brunnen hingen, und legte es dem Uchiha um die Schultern. Dieser sah ihn für einen Moment auf eine Weise an, die er nicht deuten konnte, ehe er sich kommentarlos abzutrocknen begann. Manchmal war Schweigen eben doch Gold, kam es Kisame in den Sinn, während er sich eines der Tücher nahm.


„Die Menschen, zu denen ich dich begleite…wie sind sie?“
Eigentlich hatte Kisame nicht damit gerechnet, dass der Uchiha noch ein Gespräch beginnen würde. Nach ihrem Mahl hatten sie sich auf den Dachboden der Scheune zurückgezogen, wo sie nächtigen würden. Das Stroh, auf dem sie lagen, pikste gelegentlich durch die Decken, die man ihnen gegeben hatte. Kisame hatte die Arme hinterm Kopf verschränkt, während er auf dem Rücken lag und eine Spinne dabei beobachtete, wie sie ihr Netz zwischen den Dachbalken webte.
„Nun…speziell trifft es wohl am besten“, antwortete er bedächtig.
Itachi, der ihm gegenüber lag, sagte eine Weile nichts dazu, doch dann vernahm Kisame das Rascheln von Stroh. Der Jüngere setzte sich auf, die Decke dabei um seinen halb entblößten Körper geschlungen und in seinen dunklen Augen funkelte Interesse. Wenn Kisame ehrlich war, war ihm das weitaus lieber, als diese erschreckende Leere.
„Von Konan habe ich dir ja schon erzählt. Sie hat Akatsuki zusammen mit unserem Boss gegründet“, begann er und setzte sich dabei ebenfalls auf.
„Akatsuki?“
„Unter diesem Namen nehmen wir unsere Aufträge an…doch darüber sollten wir jetzt nicht reden.“
Wer wusste schon, ob sie nicht jemand belauschte, auch wenn Kisame seiner Wahrnehmung vertraute. Außerdem hielt sich dieser schwarze Aasgeier sicher in der Nähe auf und würde Alarm schlagen, wenn sich jemand in die Scheune schlich. Itachis Worten nach zu urteilen, war sie ja seine persönliche Leibwache.
„Unser Boss wird von allen Pain genannt. Nur Konan spricht ihn mit seinem richtigen Namen an…aber die kennen sich auch schon eine halbe Ewigkeit. Er ist anders, als du es vielleicht erwartest…hab noch nie mitbekommen, dass er aus der Haut fährt oder so. Sind beide ziemliche Eisblöcke.“
Kisame machte eine kurze Pause, doch Itachi stellte keine Fragen, schaute ihn nur weiterhin aufmerksam an.
„Kakuzu ist nicht nur das älteste Mitglied, sondern auch der Älteste von uns. Er ist Mitte 40 und permanent schlecht gelaunt – frag mich nicht, warum das so ist. Er kann besser mit Geld umgehen, als mit Menschen, aber na ja…Hidan stört es anscheinend nicht. Hidan ist sein Partner und…ich weiß nicht, wie ich ihn beschreiben soll. Verrückt, laut…und oft ziemlich vulgär. Der hat Sprüche drauf, da fällt einem alles aus dem Gesicht, im Ernst. Vor allem wenn er sich mit Deidara oder Suigetsu in die Haare bekommt – die sind ungefähr im selben Alter, muss daran liegen. Alle recht temperamentvoll, aber im Allgemeinen kommt man gut mit ihnen klar.“
Itachis Blick und die gerunzelte Stirn machten deutlich, dass er daran zweifelte, doch er äußerte sich nach wie vor nicht.
„Suigetsu ist mit 15 Jahren der Jüngste von uns und er ist meistens mit mir unterwegs. War er auch, bevor du mich da rausgeholt hast…“
„Du hast ihm die Flucht ermöglicht.“
Kisame stutzte, als er das hörte, und setzte sich auf, um Itachi direkt ansehen zu können. Stimmte ja…er hatte den Vogel auf ihn angesetzt. An Zufälle konnte er hier nicht mehr ausschließlich glauben. Inwieweit konnte Itachi mit dem Tier kommunizieren, dass er so etwas wusste? Dubios…

„Es hätte nichts gebracht, hätten sie uns beide erwischt…und er ist jünger als ich.“
„Für jemanden, der sich nicht für einen guten Menschen hält, triffst du recht selbstlose Entscheidungen“, bemerkte der Uchiha und brachte ihn damit zum Verstummen.
Selbstlos sollte er sein? So hatte man ihn auch noch nicht bezeichnet und falsch war es definitiv. Ein sarkastisches Grinsen legte sich bei dem Gedanken auf seine Lippen, ehe er zu einer Antwort ansetzte.
„Suigetsu kommt aus meiner Gegend und ist vorher mit seinem älteren Bruder umhergezogen – bis der ums Leben kam. War mehr Zufall, dass er bei uns aufgekreuzt ist...und es hat gedauert, bis er uns vertraut hat, aber mittlerweile hat er sich ziemlich gemacht. Ist hartnäckig, der Kurze, deswegen hoffe ich, dass ihn Pain und Konan davon abgehalten haben, nach mir zu suchen.“
So wie er Suigetsu kannte, würde der seinen Tod nämlich nicht einfach akzeptieren, und da Zabuza zurzeit im Gebirge auf Mission war, konnte der ihm auch keine Vernunft einbläuen. Nicht, dass er Konans Durchsetzungsvermögen infrage stellte, doch es war Fakt, dass Suigetsu zu ihnen beiden am meisten aufsah.
„Weißt du, er spielt sich oft so auf, als würde er niemanden brauchen, ist rotzfrech…na ja, ich kenne ihn besser und denke daher, dass er nicht einfach die Füße stillhalten kann.“
Itachi neigte ein wenig den Kopf, maß ihn mit einem nachdenklichen Blick. Vielleicht erinnerte ihn die Beschreibung von Suigetsu an seinen Bruder, der ja alles versucht hatte, um ihn an dieser Reise zu hindern. Zwar würde Kisame niemals mit Sasuke warm werden, doch er verstand, dass die beiden eine starke Bindung teilten.
„Wie auch immer“, lenkte er ein und ließ einmal den Nacken knacken, rieb sich diesen. „Falls du dir Sorgen machst, dass sie dich eigenartig finden…die kann ich dir nehmen. Sie sind selbst alles andere als normal…aber du solltest dir darüber besser deine eigene Meinung bilden, hm?“
Dies sah der Uchiha anscheinend genauso, denn er nickte wortlos. Kisame wollte ihm gerade sagen, dass sie langsam schlafen sollten, um am nächsten Tag ausgeruht zu sein, als ihn ein verräterisches Rascheln innehalten ließ. Sofort spannte er sich an und auch sein Begleiter hob alarmiert den Kopf – wurden sie tatsächlich belauscht? Allerdings kam das Geräusch aus der Ecke, nicht von unten, wenn sich also jemand hier versteckt hatte, musste er sich bislang wie unsichtbar verhalten haben.
Angespannt fixierte er den raschelnden Haufen Stroh, der sich plötzlich bewegte…und fiepte. Zwei spitze Ohren lugte mit einem Mal aus dem Stroh hervor, dicht gefolgt von dem restlichen, winzigen Körper. Perplex blinzelnd beobachtete Kisame das schwarze Kätzchen, das zuerst ihn und dann Itachi mit seinen gelben Lampenaugen ansah. Abermals ein Fiepen, ehe es auf den Uchiha zu tapste und dreist auf seinen Schoß krabbelte, so als wäre dies sein Recht.
Itachis starre Mimik wirkte viel weicher, während er das schwarze Knäul hinter den zuckenden Öhrchen kraulte, fasziniert auf dieses hinabsah. Sicher, auf einem Bauernhof gab es immer Katzen, schon allein um den Ratten und Mäusen vorzubeugen.
Kaum war ihm der Gedanke gekommen, ertönten ähnliche Geräusche wie zuvor und drei weitere unterschiedlich gefärbte Katzen kraxelten aus dem Stroh. Eine von ihnen schien das Muttertier zu sein, denn sie war wesentlich größer und behielt die drei Kleineren stets im Blick. Diese schienen lieber Itachis Nähe als seine zu suchen, doch ihm war das nur recht. Schließlich wusste man nie, woran man bei diesen hinterhältigen Viechern war…in der einen Sekunde schnurrten sie, in der anderen schlugen sie zu.
Wenn er sich Itachi jedoch so ansah, wie er dort mit zufriedener Miene die drei Katzenjungen auf seinem Schoß streichelte, musste er unweigerlich schmunzeln. Mit Tieren schien er sich im Gegensatz zu Menschen wesentlich schneller anzufreunden.
„Miau!“
Er warf einen Blick zur Seite, wo die große dreifarbige Katze saß und auffordernd maunzte. Kisame seufzte bloß, ehe er sich überwand und sie unter dem Kinn zu kraulen begann, was mit einem tiefen Schnurren belohnt wurde.
Ihm entging dabei, dass auch Itachi verhalten, aber durchaus amüsiert lächelte.
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