Erinnerung

von Biskuit
OneshotAllgemein / P6
09.11.2019
09.11.2019
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Es wurde Winter in Berlin. Die kalte Luft zog scharf an seiner Haut und ließ ihn frösteln. Sein Atem bildete weiße Wölkchen. Der junge Mann fröstelte und zog den Reißverschluss seiner Jacke bis zum Kinn zu. Erst dann wagte er einen Schritt hinaus auf den Bürgersteig vor seinem Wohnhaus. Er zog die Tür mit einem Ruck hinter sich zu, setzte die Kapuze auf und tauchte in den Strom der Passanten ein. Nur einen Wimpernschlag später war er verschwunden. Die Anonymität der Großstadt hatte ihn verschluckt.  
Wenige Minuten später schnaufte der gelbe Zug durch den Untergrund. In einem der Waggons saß der junge Mann. Niemand schien sich für ihn zu interessieren, den anderen Fahrgästen war sein Reiseziel herzlich egal.  An einem anderen Ort in der regennassen Stadt tauchte der junge Mann wieder auf. Das Tageslicht, durch die tiefhängenden Wolken in ein trübsinniges Grau getaucht, ließ ihn kurz blinzeln. Zielstrebig setzte er seinen Weg durch die schmutzigen Straßen fort. Schlängelte sich an Kinderwagen und Pärchen beim Samstags-Einkauf vorbei, balancierte um Müllberge und matschigen Blätterhaufen herum und erreichte kurz darauf die Bornholmer Brücke.
Einen Moment lang ließ er seinen Blick über die Passanten und die Gleise unter ihm gleiten. Dann zog er ein Teelicht aus seiner Tasche, zündete es an und stellte es am Brückengeländer ab. Rasch platzierte er den kleinen Plüschbären daneben und wandte sich wieder zum Gehen.
Bevor ihn die anderen Leute bemerken konnten war der junge Mann bereits wieder verschwunden. Nur eine alte Dame auf der anderen Seite hatte ihn gesehen. Wortlos wandte sie sich in Richtung des Teddybären und sein Teelicht. Mühsam und auf ihren Stock gestützt ging sie auf die Stelle am Brückenrand zu. Mit einem leisen Seufzer beugte sie sich zu dem Teddy hinunter und berührte ihn am Kopf. Ein Energiestoß durchfuhr die alte Dame und mit neuer Entschlossenheit griff sie nach ihrer großen Tasche. Heraus holte sie das schwarz-weiße Porträt einer jungen Frau und eine rote Rose. Vorsichtig legte sie beides neben den Teddybären. Auch sie wandte sich ab und ging ihres Weges.
Im nächsten Jahr würden sie beide, der junge Mann und die alte Dame wiederkommen.

Niemand fragte die beiden warum sie an diesem Tag zur Bornholmer Brücke gekommen waren. Doch der Grund der beiden Menschen war derselbe und doch ein ganz anderer. Zwei verschiedene Menschen aus verschiedenen Teilen dieser Stadt. Geteiltes und doch gemeinsames Leid auch viele Jahre nach dem Verlust ihrer geliebten Menschen an der Berliner Mauer.


Vielen lieben Dank fürs Lesen!
Dies ist meine erste veröffentlichte Geschichte, die eben aus einer Laune heraus entstanden ist. Ich würde mich über ein (ehrliches) Feedback zu meinem Geschreibsel freuen. Gern auch per Privatnachricht oder anonym.

Lieben Gruß Eure Biskuit

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