And the morning comes

von JadeFeuer
KurzgeschichteAllgemein / P16
Neville Longbottom OC (Own Character) Regulus Arcturus Black Severus Snape
09.11.2019
09.11.2019
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Vorgänger sollte gelesen werden!

Viel Spaß beim Lesen!




Part II.I – Life goes on




London, 26.11.1986




Hallo du! Ich kann kaum glauben, dass mein letzter Eintrag über fünf Jahre her ist. Seitdem hat sich viel getan, und doch stehe ich irgendwie immer noch an derselben Stelle. Das Medaillon – noch immer habe ich keinen Weg gefunden, es zu zerstören. Es ist frustrierend und ich weiß einfach nicht weiter. Nichts, wirklich nichts habe ich dazu gefunden. Noch suche ich auch, aber meine Hoffnung geht immer mehr verloren, doch noch etwas zu finden.



Mein Leben hat sich nach meinem letzten Eintrag sehr verändert. Meine Mutter ist vor gut einem halben Jahr verstorben. Das sollte mich vermutlich traurig stimmen – doch ehrlich gesagt, es war erleichternd. Nachdem Sirius nach Askaban gekommen war und auch Vater verstorben war, war sie immer verrückter geworden. Es war schwierig und anstrengend gewesen, allein mit ihr zu sein. Sie schrie oft durchs ganze Haus, bestrafte mich dafür, dass ich nicht fähig gewesen war (so glaubte sie ja), Kinder zu gebären. Der Name Black würde verschwinden, und all das schrieb sie meiner Unfähigkeit zu. Die Familie, dieser altehrwürdige Name, der schon seit Jahrtausenden bestand, würde verschwinden und nichts würde bleiben. Aus den sogenannten „ Unantastbaren 28“ würde eine „27“ werden, und das war alles, woran Mutter noch denken konnte.



Ich bin ehrlich gesagt froh, dass es zu Ende geht mit uns. Ein paar Mal war noch eine Hochzeit im Gespräch für mich gewesen, aber das habe ich verhindern können. Zum anderen gab es eben auch kaum noch Männer, die zur Verfügung standen. Viele verheiratet oder in Askaban eingesperrt. Du ahnst gar nicht, wie erleichtert ich bin, den nach dem Tod meiner Mutter war niemand mehr da, der mich zu einer Ehe drängen konnte. Mit ihrem Tod war jedoch ein Problem gekommen: Weder sie noch mein Vater hatten ein Testament errichtet, so dass das älteste Kind der Familie erbte: Sirius. Das Haus, das Gold und alle anderen Wertgegenstände gehörten dem Gesetz nach ihm. Auch Kreacher. Solange Sirius lebte, würde dies auch so bleiben. Und damit war ich im Grunde mittellos.



Die rechtliche Situation wollte ich über das Ministerium klären lassen, es war schließlich mehr als unwahrscheinlich, dass er jemals aus Askaban kam. Er würde dort lebenslang verbleiben oder den Kuss eines Dementors bekommen. Auf jeden Fall nicht mehr als freier Mann herauskommen. Mir war es befremdlich, dass das Schicksal meines ältesten Bruders relativ egal war. Es sollte anders sein, doch das war es nicht. Aber du hast bis hier gelesen, also weiß du, wieso es mir mit meinem einzig verbliebenen Bruder so ging. Mehr als einmal hatte ich überlegt, ihm zu schreiben, jedoch es immer wieder verworfen. Er kontaktierte auch mich nicht.



Bis die Erbschaft allerdings rechtssicher geklärt war, war ich zu meiner Cousine Narcissa gezogen. Lucius Malfoy, ihr Mann, besitzt ein so großes Anwesen, da fiel ich nicht weiter auf. Die erste Nacht war gruslig hier gewesen, vor allem an meine Hochzeit musste ich denken. Aber ganz ehrlich: All das fühlte sich fast nach einem anderen Leben an, dass ich einmal gelebt hatte. Nicht wie etwas, das gerade mal ein paar Jahre her war. Versteh mich nicht falsch, ich bin froh, dass es mittlerweile so ist. Nur selten wirft es mich gefühlsmäßig zurück, dass ich an all das denken muss, was ich verloren habe und mich in den Schlaf weine. Diese furchtbaren Nächte wurden immer weniger, dafür waren so umso intensiver, wenn sie kamen.



Dass ich jetzt bei Lucius wohne hat noch einen weiteren Vorteil: Ich habe mehr Möglichkeiten, auf Severus zu treffen. Das hat sich in der Vergangenheit wirklich schwierig herausgestellt, irgendwie an ihn heranzukommen. Zum einen musste ich mit Bedacht daran herangehen, immerhin sollte keiner aus meiner Verwandtschaft annehmen, dass ich an einem Halbblut Interesse hatte, zum anderen ist Severus ein sehr verschlossener Mensch. Mit ihm in irgendeiner Form ein Gespräch zu führen, was über fünf Minuten hinausging, war wahrlich eine Herausforderung. Ganz zu schweigen von dem, wo ich eigentlich hinwollte. Severus ist jedenfalls ein sehr intelligenter Mensch – wenn nicht der Klügste, den ich je getroffen habe. Was das Fachliche angeht. Bei dem Zwischenmenschlichen schien das komplette Gegenteil zu sein.



Merlin sei Dank hatte ich bei Barty das ein oder andere über schwarze Magie aufgeschnappt – das gibt mir immer zumindest eine Basis, ein Gespräch mit Severus anzufangen. Barty … sicherlich hast du es auch gelesen: Er ist mittlerweile auch verstorben. Kurz nach dem ich dir das letzte Mal geschrieben habe, kam die Meldung, dass er in Askaban gestorben war. Die Nachricht hatte mir wirklich zugesetzt. So schlimm ich es auch fand, was er getan hatte – so sehr habe ich ihn doch geliebt. Ich vermisse ihn sehr. Manchmal wünsche ich mir, einfach nur in seinen Armen zu liegen, zugeflüstert zu bekommen, dass alles gut war – ab und an stellte ich mir auch unsere Kinder vor. Ein Junge und ein Mädchen, mit denselben schönen Augen, die Barty hatte. Doch jeder dieser Träume endete mit den Schreien der Longbottoms. Es ging mir durchs Mark, jedes verfluchte Mal.



Ich hatte gehofft, ein Besuch bei ihnen im St. Mungos würde mir helfen – aber das hatte alles nur schlimmer gemacht. Als ich sie gesehen habe, wurde mir schlecht. Von ihnen war nichts außer der Hülle übriggeblieben. Ihr Verstand … ich kann dir das gar nicht in Worte fassen. Sie waren verrückt, auf eine schreckliche Weise. Ich habe es nicht lange dort ausgehalten und bin geflüchtet und es seit dem auch nicht mehr versucht, sie zu besuchen. Ihre Schreie, die mich regelmäßig in meinen Träumen heimsuchten, reichten mir.



Hast du mal etwas schreckliches getan? Wenn ja, verfolgt es dich auch so, wie es mich verfolgt? Gerne würde ich mich mit dir darüber unterhalten, es mir einmal von der Seele reden. Das würde sicherlich helfen, denkst du nicht auch?



Neville, ihr Junge, wuchs bei seiner Großmutter auf, das hatte ich mittlerweile herausgefunden. Es freut mich, dass er bei einer Verwandten aufwuchs und ich bete jeden Tag, dass er dort glücklich ist. Mehr kann ich für ihn momentan nicht tun. Der Fond, den ich eingerichtet hatte, stockte gerade. Ein bisschen Geld habe ich für ihn angesammelt, doch mit dem Tod meiner Mutter hatte ich nicht mehr uneingeschränkten Zugriff auf unser Verließ in Gringotts, jede Zahlung wurde aufgrund der schwierigen Rechtslage genaustens überwacht. Deswegen habe ich seit einem halben Jahr nichts mehr für Neville einzahlen können, aber ich hoffe, dass sich das bald wieder ändert und der Junge wenigstens finanziell ausgesorgt hat, wenn er volljährig wird.



Heute Abend werde ich (hoffentlich) wieder eine Chance haben, mit Severus zu sprechen. Irgendwie muss dieses Medaillon doch zu zerstören sein. Wenn man es erstellen konnte, konnte man es auch zerstören. Es muss einfach so sein. Vielleicht kann ich dir morgen schreiben, ob ich endlich mit Severus weiterkomme. Ich habe bisher niemanden kennengelernt, der schwieriger war.







London, 25.12.1986




Endlich! Ich habe einen Zugang zu Severus gefunden. Ich bin zwar immer noch nicht weiter mit der Zerstörung des Medaillons, aber mittlerweile glaube ich fest daran, dass wenn jemand die Lösung kennt, es Severus ist. Mittlerweile treffe ich mich mit ihm auch allein, es ist zwar nicht ganz einfach, ihn dazu zu bekommen, aber ich glaube, mittlerweile hat er auch an mir gefallen gefunden. Oder er traut sich schlicht nicht, mich abzuweisen. Denn wenn ich ihn nach einem Treffen frage, dann immer nur in Lucius‘ Nähe, damit er gar nicht erst ablehnen kann. Denn das schien er sich nicht zu trauen, wenn Lucius in Lauschweite war. Das kann ich mir zwar nicht erklären, aber gut, wenn es mir hilft ist es mir nur recht.



Aber gestern, an Heiligabend, habe ich zum ersten Mal den Eindruck gehabt, dass Severus von sich aus das Gespräch mit mir gesucht hat. Lucius hatte zum heiligen Abend in sein Anwesen geladen, es waren viele Gäste anwesend gewesen, es gab wirklich leckeres Essen und ehrlich gesagt habe ich auch jetzt noch ein bisschen Magenschmerzen, so voll hatte ich mich gestern gefressen. Ja, wirklich gefressen. Es war das erste Mal seit langem, dass ich wirklich auch Appetit hatte und nicht nur gezwungenermaßen ein paar Happen aß. Vielleicht hatte es auch an Severus gelegen, der ähnlich verloren in den vielen Gästen war wie ich.



Glücklicherweise hatte die Sitzordnung uns ohnehin nebeneinander sitzen lassen, dann musste keiner von uns aktiv auf den anderen zugehen. Und, du würdest es kaum glauben, wärst du bei all den anderen Gesprächen zwischen mir und Severus dabei gewesen, er hat mich von sich aus was gefragt. Das hatte mich gestern überrascht und ich bin auch heute noch erstaunt. Ich hoffe, du denkst jetzt nicht, dass es eine besondere Frage war. Nein, er hatte mich schlicht nach meinem Befinden gefragt. Mehr nicht, aber es ist eben das erste Mal, dass er von sich aus das Gespräch suchte. Drücke mir die Daumen, dass ich bei ihm eine Antwort auf meine Frage finden kann und endlich die hinterlassene Aufgabe meines Bruders erfüllen kann.





Hogwarts, 04.03.1988




Hallo Du! Ist wieder ein bisschen her, ich weiß, aber irgendwie bin ich nicht dazu gekommen, dir zu schreiben. Leider bin ich noch immer nicht weiter, das Medaillon liegt immer noch hier neben mir, und noch ist kein Weg in Sicht, wie ich es zerstören kann. Zwar habe ich das Gefühl, dass ich näher dran bin als vor ein paar Jahren, aber wie sagen die Muggel so schön: Knapp daneben ist auch vorbei. Und nah dran ist nicht im Ziel. Wie dem auch sei, die Hoffnung habe ich noch nicht verloren. Ich glaube fest daran, dass ich eine Lösung finden werde.



Immer noch wohne bei meiner Cousine im riesigen Anwesen ihres Gatten – die rechtliche Situation mit dem Erbe meiner Eltern ist immer noch nicht geklärt, zwar meinte das Ministerium, dass ich über die Sachen verfügen könne, da Sirius ohnehin Askaban nicht mehr als freier Mann verlassen würde, aber solange er lebte, gehörte es ihm. Kurz war ich versucht, ihm zu schreiben, aber ich habe mich dazu entschlossen, es nicht zu tun und mir nur wenig Geld abzuzwacken. Denn ob du es glaubst oder nicht: Ich habe Arbeit gefunden. Der Weg dahin war zwar ein wenig schwierig, aber ich habe es geschafft.



Mittlerweile bin ich eine Lehrkraft in Hogwarts. Und das ohne regulären Abschluss. Durch Severus hatte ich mitbekommen, dass der Posten für das Fach Alte Runen frei werden würde – nach Rücksprache mit dem Schulleiter, Albus Dumbledore, hatte ich die Möglichkeit erhalten, mich zu beweisen und es hatte gut geklappt. Und natürlich spielte die Tatsache rein, dass es schlicht keinen anderen, halbwegs geeigneten Kandidaten gab, der sich beworben hatte. Mein Glück. Mittlerweile habe ich gelernt, dass ein wenig Glück immer dazu gehörte.



Die erste Hälfte meines ersten Schuljahres war vergangen, nach diesem Schuljahr würde Dumbledore entscheiden, ob er mich übernehmen würde. Dumbledore war bei weitem kein Freund von mir, im Gegenteil, er misstraute mir. Ich war mir sicher, dass der Severus beauftragt hatte, mich im Auge zu behalten. Wie weit Severus dem nachging, wusste ich nicht, aber immerhin war es auch Dumbledores Wort, dass Severus damals vor Askaban bewahrte. Angeblich war Severus sein Spion geworden und habe wichtige Informationen an ihn geliefert. Lucius dagegen war überzeugt, dass Severus weiterhin ein treuer Todesser war, sonst würde er ihn nicht bei sich in der Nähe behalten.



Wenn du mich fragst, wäre es klug, auf beiden Seiten zu sein, und sich dann der anzuschließen, die gewinnt – wenn das Ziel das eigene Überleben ist. Für Idealisten habe ich nicht viel übrig, aber es gibt sie zu Hauf und zwar überall, für jede erdenkliche Sache. Ich bin keine, wie du weißt, aber Loyalität war auch noch so eine Sache. Ich weiß nicht, auf welcher Seite Severus ist oder ob er es wie ich tun würde – aber es ist auch nicht wichtig für das, was ich von ihm will. Dumbledore gehe ich meistens aus dem Weg, ich kann ihn einfach nicht leiden und ich denke, er mich auch nicht. Sei’s drum, solange ich die Stelle behalten kann, war alles gut.



Neben der Tatsache, dass ich jetzt mein eigenes Geld verdiene, laufe ich auch immer wieder Severus über den Weg und ich habe Zugang zu der riesigen Bibliothek – auch wenn ich mit der Zerstörung des Medaillons auch sich noch nicht weiter gekommen bin. Mittlerweile weiß ich auch, dass das größte Problem ist, dass ich nicht weiß, wie genau der Zauber heißt und wie genau er funktioniert. Es wäre einfacher, nach einem Namen zu suchen, zu fragen.



Ich hoffe wirklich, dass wenn du das hier liest, ich es geschafft habe, das Medaillon zu zerstören.



Ich habe dir auch noch gar nicht geschrieben, dass ich jetzt auch eine Art Beziehung mit Severus führe. Das war wirklich nicht einfach, und ich weiß auch nicht, ob Beziehung das richtige Wort dafür ist – jedenfalls ist es mehr als bloße Freundschaft. Versteh‘ mich nicht falsch, ich mag ihn, aber er ist ein wirklich anstrengender Mensch. Ihm immer alles aus der Nase ziehen zu müssen war kraftraubend, und hätte ich nicht den Glauben, dass er die Antwort kannte, hätte ich schon längst wieder aufgehört. Obwohl es auch schön mit ihm sein konnte … nichtsdestotrotz ist unsere Beziehung heimlich, denn trotz Severus‘ Brillanz ist er und würde er auch immer ein Halbblut bleiben – niemand, mit dem ich ernsthaft eine Beziehung führen sollte. Ansonsten konnte ich mich aus dem Familienstammbaum selbst ausbrennen.



Und nach meinem … Mann ist es ganz angenehm jemanden zu haben, bei dem ich das Tempo und den Tiefgang unserer Beziehung bestimmen kann. Von Severus kommt in dieser Richtung wahrlich selten etwas, manchmal denke ich, er hat kein Interesse, aber ich glaube, das ist einfach seine Art. Und mir kommt es wirklich entgegen, ich weiß nicht, ob ich schon bereit wäre eine Beziehung zu führen, wo mein Partner mich fordern würde. Sicher, mit Barty war ich nach meinem Mann zusammen, aber zum einen habe ich ihn sehr geliebt, zum anderen wusste ich, dass es mit Barty schön ist. Muss komisch für dich sein, vielleicht verstehst du es auch nicht.



Severus ist in dieser Hinsicht wirklich passend für mich. Ich glaube auch, dass es daran liegt, dass er vor mir noch niemanden hatte. Ich habe ihn bisher nie gefragt, aber ich denke, er war noch Jungfrau, als wir das erste Mal zusammen waren. Mir ist es, wie ich dir schon geschrieben habe, nur Recht.



Manchmal denke ich auch, dass ich mehr für ihn übrig habe als ich sollte. Nicht so wie für Barty, aber ja, ich denke, ein wenig verliebt bin ich schon. Ob es Severus auch so geht, weiß nicht, aber ich habe weder vor, es ihm zu sagen, noch ihn danach zu fragen. Manche Dinge blieben lieber ungesagt.





Hogwarts, 30.08.1991




Hallo du! Mir ist gerade aufgefallen, dass ich dir bereits seit über zehn Jahren schreibe. Wenn ich so durch die ersten Seiten blättere, kommt es mir so vor, als würde ich die Zeilen einer fremden Person lesen. Das alles wirkt so weit weg, so unwirklich. War das mal mein Leben? Mein Bruder ist schon so lange tot, dass es sich manchmal so anfühlt, als hätte es ihn gar nicht in meinem Leben gegeben. Und so langsam gebe ich doch die Hoffnung auf, eine Lösung zu finden. Seit zehn verdammten Jahren bin ich nicht weitergekommen. Das Medaillon liegt immer noch neben mir, unversehrt. Irgendwie muss es doch eine Lösung geben, warum finde ich sie nicht? Ich habe alles Erdenkliche im Rahmen meiner Möglichkeiten getan. Ich habe so viele Bücher gelesen, mit Severus über die verschiedensten dunklen Zauber gesprochen – aber nichts, was mich irgendwie wirklich weitergebracht hätte. Vor nicht allzu langer Zeit hatte ich darüber nachgedacht, alles in eine Waagschale zu werfen und Severus das ganze Problem zu schildern. Aber ich weiß einfach nicht, wie er letztlich dazu steht. Ich weiß nicht, wie treu er dem Dunklen Lord ist, ob es überhaupt Loyalität von seiner Seite gab, und wenn ja, für wen?



Er ist ein Freund von Dumbledore, und seit ich hier in Hogwarts arbeite, ist mir auch klar geworden, dass Dumbledore ihm vertraute. Leider habe ich nie in Erfahrung bringen können, welche Geheimnisse genau dafür gesorgt hatten, dass Severus schließlich nicht das Todesser verurteilt wurde. Auch kann ich nicht ausschließen, dass Dumbledore ihn mit irgendetwas erpresst. Und auf der anderen Seite ist er eben auch mit Lucius befreundet – sehr gut sogar.



Alles in allem ist es einfach zu riskant, ihn einzuweihen. Sollte er doch dem Dunklen Lord treu sein, wäre das nicht nur mein Tod, sondern auch die Gewissheit, dass mein Bruder umsonst gestorben war. Und das konnte einfach nicht sein. Das durfte niemals der Fall sein. Mein Tod ist mir egal, ich habe mit meinem Leben auf eine gewisse Art schon lange abgeschlossen und war bereit für den Tag, wenn er kommen würde.



Auch mein Leben scheint es mir immer schwieriger zu machen. Mit Severus führe ich eine feste, wenn auch heimliche Beziehung. Zumindest meine Verwandtschaft wusste nichts davon, bei Dumbledore war ich mir da nicht sicher. Manchmal macht er seltsame Anspielungen, aber ich ignoriere sie. Severus ärgerten sie, das sah ich ihm an.



Die Beziehung mit Severus ist angenehm, er fordert selten und er ist keiner, der mich misshandelt oder verrückt ist. Mit Worten kann er durchaus gemein sein, so ist das nicht, aber es sind auch nur Worte. Körperlich hat er mir noch nie wehgetan und es das ist wirklich angenehm. Ich kann dir irgendwie gar nicht in Worte fassen, wie es mir damit geht. Es tut mir gut, vielleicht mehr, als ich verdient habe. Auch das gesamte Leben hier in Hogwarts ist schön. Ich habe einen geregelten Alltag, eine Aufgabe und ich habe Menschen um mich herum. Niemals hätte ich gedacht, dass es einen Ort für mich geben würde, an dem ich glücklich bin. Ja, wirklich glücklich.



Das Gefühl morgens aufzuwachen, mal neben Severus und mal nicht, aber dann in die Große Halle zu gehen, von dem ein oder anderen Schüler ein verschlafenes Lächeln zu bekommen, von den anderen Kollegen begrüßt zu werden, dann in den Unterricht zu gehen. Ich kann dir das gar nicht beschreiben, es ist wirklich schön an einem Ort zu leben, an dem ich willkommen bin. Mittlerweile bin ich auch Severus‘ Stellvertreterin. Er ist der Hauslehrer von Slytherin, falls du das nicht weißt. Es ist auch kein Vergleich zu meiner Schulzeit – ich bin im ganzen Schloß irgendwie zu Hause. Angekommen, obwohl ich vorher nicht gedacht hatte, unterwegs oder auf der Suche zu sein.



Vielleicht habe ich auch deswegen meine Aufgabe mit dem Medaillon vernachlässigt. Ja, es gab auch Tage, wo ich gar nicht mehr daran denke. Mein Leben ist wohl zu bequem geworden. Vielleicht spielt auch die Tatsache mit rein, dass es vom Dunklen Lord weiterhin nicht das geringste Zeichen gab, dass er wiederkehren würde. Ja, vielleicht war er tot? Aber das kann ich leider nicht glauben. Ich muss mich einfach wieder zusammenreißen, mehr tun. Wieder etwas tun.



Gerade jetzt. Übermorgen würde das neue Schuljahr beginnen – dann würden sowohl Draco, als aber auch Neville und Harry eingeschult werden. Mein Herz schlägt mir bis zum Hals, wenn ich nur daran denke, dass ich die beiden Jungen bald sehe. Harry habe ich noch nie gesehen, er hatte aber für einige Aufregung gesorgt, als er mit Hagrid in der Winkelgasse war vor wenigen Wochen. Es war sogar bis hier her, nach Hogwarts geschwappt. Und als Hagrid zurückkehrte, konnte er natürlich nicht anders, als über Harry zu erzählen. Ihm zu Folge solle Harry aussehen wie sein Vater. James. Wie lange habe ich nicht mehr an ihn gedacht? Jahre, schätze ich. Ebenso wenig an meinen Bruder Sirius. Sie spielten keine Rolle mehr in meinem Leben, James war schon zehn Jahre tot, und Sirius ebenso lange weggesperrt in Askaban. Und irgendwie … war James‘ Gesicht das, was mir am klarsten in Erinnerung geblieben ist. Die von meinen Brüdern waren irgendwie … weit weg, aber James sah ich so deutlich vor mir, als wären wir uns gerade erst auf dem Gang begegnet.



Zehn Jahre, das muss ich mir auf der Zunge zergehen lassen. Ich habe nicht gemerkt, wie schnell die Zeit doch vergangen ist. Im Übrigen ist Sirius der Erbe meiner Eltern, magisches Gesetz eben. Erst mit seinem Tod würde ich das Elternhaus und alles weitere erben. Aber es interessiert mich ehrlich gesagt auch gar nicht mehr, ich verdiene mein eigenes Geld, wohne hier in Hogwarts. In Sommerferien gehe ich zu meiner Cousine. Ich war auch seit Jahren nicht mehr im Elternhaus, vermutlich zerfiel es langsam. Aber darum werde ich mich auch erst kümmern, wenn Sirius tot war.



Ich bin aufgeregt wenn ich daran denke, auf Harry und Neville zu treffen. Neville hatte ich das ein oder andere Mal in der Winkelgasse gesehen, er schien ein eher plumper Junge mit dicken, roten Wangen. Seine Großmutter schimpfte wohl oft über ihn, zumindest ist mir das schon öfter zu Ohren gekommen, wenn ich mal im Drei Besen bin.



Mir geht es schlecht, wenn ich an den Jungen denke. Die Schreie seiner Eltern verfolgen mich manchmal immer noch nachts, wenn auch nicht mehr allzu oft. Auch das ist schon fast zehn Jahre her. Ein ganzes Jahrzehnt, und übermorgen würde ein elfjähriger Junge vor mir stehen.
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