Kunst | Twoshot

KurzgeschichtePoesie / P12
Jungkook OC (Own Character)
08.11.2019
09.11.2019
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Leer.
Anders kann man die Leinwand vor ihr nicht beschreiben. Nicht mal ein einziger Farbtupfer, gar ein Strich bedecken das eintönige weiß. Der Pinsel in ihrer Hand verharrt seit einer halben Stunde in derselben Position.
Ein enttäuschter Seufzer entweicht ihr, ehe sie den Pinsel beiseite legt. Kein Glanz erhellt Shiyun’s schokobraune Augen, während diese die Leere auf der Leinwand widerspiegeln.
Dieses Ergebnis hat sie bereits erwartet. Die Enttäuschung weicht anschließend einer Gleichgültigkeit, welche deutlich in ihrer Mimik zu erkennen ist.
Für Shiyun gehört dieser Ablauf bereits zu ihrem tristen Alltag. Vor der Schule. Nach der Schule. Vor dem Schlafen gehen. Immer wieder stellt sie sich vor die Staffelei und hofft, dass eine kreative Explosion sie überflutet. Doch nichts dergleichen ist bisher passiert. Nicht ein Pinselstrich zog sie über die weißen Leinen.
Shiyun kehrt ihrer einstigen Leidenschaft den Rücken, um mit ihrer Schultasche das Zimmer zu verlassen. Ein weiterer Morgen, der genauso ist wie die vergangenen.
Nichts besonderes.
Auch die bereitgestellte Bento Box im Flur ist nichts neues, weshalb Shiyun ihren Schulweg unbeeindruckt weiter verfolgt. Selbst die strahlende Sonne am wolkenlosen Himmel schafft es nicht, ihre Stimmung aufzuhellen. Den Blick starr zu den grauen Pflastersteinen unter ihren Füßen gerichtet, achtet sie nicht weiter auf ihr Umfeld.
Vorbeifahrende Autos. Hektische Passanten. Das Knirschen kleiner Steinchen unter ihren Schuhsohlen.
Alles wie immer.
Das Schultor passiert Shiyun ohne auch nur einmal auf zu sehen. Sie hat hier keine Freunde, die auf sie warten könnten. Zu dem ist um diese Uhrzeit kaum ein Schüler hier. Immerhin beginnt die erste Unterrichtsstunde erst in 30 Minuten.
Für Shiyun macht es jedoch keinen Unterschied, ob sie diese Zeit zu Hause vor der Leinwand oder in der Schule verbringt. Das Ergebnis wäre dasselbe.
Leere.
Auf der Leinwand. In ihrem Kopf.
Die Schulflure unterstreichen diesen Gedanken noch einmal. Nicht mal ein Lehrer läuft ihr über den Weg. Selbst die schlichten Wände wirken heute deprimierend. Sonst hängen manchmal Kunstwerke von Schülern aus. Doch heute ist nichts dergleichen zu sehen. Nicht im ersten Gang. Nicht in der zweiten Etage.
Im Klassenzimmer setzt sich Shiyun an ihren Platz am Fenster. Die Schultasche landet neben der Bank. Stille kehrt nach dem dumpfen Geräusch des Aufpralls ein. Sie richtet ihren Blick nach draußen. Das Schultor mit all den nach und nach herein strömenden Schülern beobachtet sie jeden Tag aufs neue. Und doch scheint dieses Mal etwas ein wenig anders zu sein.
Automatisch fokussieren Shiyun’s Augen die Scheibe, lassen die Schülermengen unten verschwimmen. Ein einzigartiges Spiel aus Farben zeichnet sich auf dem Glas. Überrascht von dieser Schönheit sieht sie sich anschließend nach der Quelle um. Das Bild an der gegenüberliegenden Wand zieht Shiyun sofort in den Bann, als sie es erblickt. Fasziniert betrachtet sie jeden einzelnen Pinselstrich, der gezogen wurde.
Dieses Kunstwerk versprüht so viel Kreativität, dass sich ihre Augen gar nicht mehr auf etwas anderes richten können. Diese kräftigen Farben sind so harmonisch miteinander.
Der Künstler scheint sehr mutig zu sein oder eben viel erzählen zu haben. Sonst würde keiner einfach diese vielen strahlenden Farben alle auf eine Leinwand zaubern.
Jedes Element des Werkes untersucht sie genau. Bis ihr Blick an der Unterschrift hängen bleibt. Irgendwoher kennt Shiyun diese Signatur.
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