Stray Cats

von Kathey
KurzgeschichteFreundschaft / P12
Gavin Reed RK900
08.11.2019
09.11.2019
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Never try to outstubborn a cat.

- Robert A. Heinlein, Time Enough for Love




- Tag 1 -

„Nein!”

„Ich befürchte, ich habe den Moment verpasst, in dem ich dich nach deiner Meinung gefragt habe, Reed.”

Fowlers Nasenflügel bebten, und wenn er es nicht besser wüsste, würde er behaupten, dass der Blutdruck des Mannes innerhalb weniger Sekunden auf ein ungesund hohes Maß angestiegen war. Nicht, dass das neu oder auch nur im Ansatz überraschend wäre, denn jeder auf diesem Revier wusste, dass Captain Jeffrey Fowler ein verdammter Choleriker war, der sehr, sehr gerne aus der Haut fuhr, wenn man ihm nur die richtige Steilvorlage lieferte. In diesem extremen Fall hatte schon ein einfaches “Nein“ dafür gereicht, wohl, weil die Stimmung im Büro ohnehin schon zum Zerreißen gespannt war.

Gavin blickte über die Schulter nach hinten, sah den Grund, aus dem er hier überhaupt eine hitzige Diskussion führen musste – oder es vielmehr wollte, denn die Versuche wurden von Fowler bereits im Keim erstickt. Mit einem leisen Grollen wandte er sich wieder an den Captain, startete einen letzten, allerletzten Versuch, an die Vernunft des Mannes zu appellieren.

„Warum ich?“, fragte er in einem Tonfall, der Fowler hoffentlich vermittelte, dass er den Scheiß hier wirklich nicht mitmachen wollte und ein gutes Dutzend Leute kannte, die besser dafür geeignet wären, sich damit auseinanderzusetzen.

„Weil wir seit der Revolution noch mehr Arbeit haben als jemals zuvor! Und weil hier alle gestresst und überarbeitet sind, aber im Gegensatz zu dir sind sie auch in der Lage, mit unseren Androiden zusammenzuarbeiten! Alle! Nur dein verdammter Sturschädel scheint nicht zu kapieren, dass mir der Ausschuss für Androidenrechte im Nacken sitzt und nur darauf wartet, bis sie irgendwas finden, das sie gegen mich verwenden können. Wie etwa den Detective, der den verdammten Umgang mit Androiden trotz drei verschiedener Schulungen nicht geregelt bekommt! Deswegen übernimmst du Fälle, die mit Androiden zu tun haben und deswegen habe ich dich ausgesucht.“

Mittlerweile war Fowler aufgestanden, hatte die Hände auf sein Pult gelegt und sich nach vorne gelehnt, wohl in dem für Gavins Empfinden eher müden Versuch, sich noch wichtiger zu machen.

„Also spar dir die dumme Frage, wenn du doch genau weißt, weswegen du mit ihm arbeiten sollst. Weil du dich mit all den Änderungen hier abzufinden hast, wie jeder. Andere. Auch.“

Die letzten Worte wurden durch Fowlers Zeigefinger untermalt, der bei jedem einzelnen davon gegen Gavins Brust stieß.

„Und jetzt verschwinde.“



Seine Stirn traf auf die kühle Oberfläche seines Schreibtischs, während er leise vor sich hin fluchte. Dass Fowler ausgerechnet ihn ausgewählt hatte, kam ihm noch immer wie ein schlechter Scherz vor, sogar regelrecht wie Hohn. Gavin blieb in dieser Position, bis er Schritte näher kommen hörte, die direkt neben seinem Platt verstummten. Mit einem leisen, unwilligen Laut hob er den Kopf, und hätte ihn am liebsten sofort wieder sinken lassen, als er das Ding neben sich erblickte.

Er hatte das Memo gelesen, ja. Das, in dem gestanden hatte, dass CyberLife dem Revier einen weiteren Prototypen zur Verfügung stellte, einen, der eigentlich in Massenproduktion hätte gehen sollen, hätte Markus‘ Revolution nicht mit einem Mal das ganze Land verändert und diese Pläne vereitelt. Keine Ahnung, ob es nicht trotzdem noch mehr von diesen Arschgeigen in irgendwelchen Lagern warteten, aber ein Einziger von ihnen reichte auch schon vollkommen aus.

Ein RK900. Nachfolgemodell des RK800, besser in jeder Hinsicht, weil höher, schneller, weiter wohl auch für CyberLifes Androiden galt. Und als wäre das nicht genug, sah dieser dumme Arsch bis auf einige, wenige Unterschiede fast genauso aus wie Gavins allerliebster Lieblingsandroid Connor. Er hatte sogar die gleiche dämliche Frisur wie sein Vorgängermodell, aber insgesamt schien es fast so, als hätten sich seine Erbauer gedacht, dass sie ihn irgendwie bedrohlicher machen mussten. Seine Augen waren heller als Connors, gingen schon fast in ein blaugrau über, seine Schultern waren breiter, und mit seinem beschissenen Rollkragenpulli unter der Jacke sah er fast aus wie ein vermaledeiter Türsteher.

Gavin wurde aus seinen Gedanken gerissen, als ein Becher Kaffee auf seinem Platz abgestellt wurde. Mit gerunzelter Stirn sah er erst zu seinem liebsten, koffeinhaltigen Heißgetränk hinüber, und dann wieder zurück zum Androiden.

„Mir wurde mitgeteilt, dass man sich Ihre Gunst eventuell mit einem Becher Kaffee erkaufen könnte“, meinte der Android ruhig. So ruhig, dass sich Gavin dabei schon wieder die Nackenhärchen aufstellten. Die Menschheit hatte noch immer nicht die richtigen Worte für seine Abneigung gegenüber diesen Dingern erfunden. Statt dem Androiden zu antworten oder sich – Gott bewahre – bei ihm zu bedanken, schnappte er sich das Datenpad mit den Infos zu seinem neuesten Fall, den er bearbeitet hatte, bevor Fowler ihn in sein Büro zitiert hatte.

„Ich befürchte außerdem, dass wir einander noch nicht richtig vorgestellt wurden. Mein Name ist RK900, ich -“

„Erstens: Nein, man kann sich meine Gunst nicht mit einem Kaffee aus unserem Automaten erkaufen. Zweitens: Deine Bezeichnung ist kein verdammter Name. Drittens bis Zehntens: Rutsch mir den Buckel runter, Blechbüchse.“

Gavin stand auf, richtete seine Jacke etwas und schnappte sich dann das Datenpad und den Kaffee, den er trotz allem sicher nicht verschmähen würde, um sich auf den Weg zum im Bericht erwähnten Tatort zu machen.

Und er machte sich keine Hoffnung, dass der Android ihm nicht folgen würde.



- Tag 2 -

„Versteckst du dich wirklich vor deinem neuen Partner?“ Tinas amüsierte Stimme brachte ihn fast wieder auf die Palme, ehe er unter dem Schreibtisch hervor kam und sein Smartphone auf die Tischplatte warf. „Ich hab‘ nur mein verdammtes Handy aufgehoben“, murrte er leise und deutete auf das Gerät, ehe er mit einem Hauch von Dankbarkeit nach dem Kaffee griff, den ihm Tina reichte.

„Und?“, fragte der Officer dann mit einem Lächeln. „Wie war der erste Tag? Hat er was angeleckt? Ihr habt euch ja offensichtlich nicht die Köpfe eingeschlagen, was bei dir schon eine Menge zu heißen hat.“

„Har-di-har“, machte Gavin freudlos, ehe er an seinem Becher nippte. Nein, sie hatten sich nicht gegenseitig umgebracht und wenn, dann wäre es sicher von Gavin selbst ausgegangen, weil der RK900 ein verdammter, stoischer, unnahbarer Klotz von einem Androiden war, der alles besser wissen wollte. „Um deine Neugier zu befriedigen: Er hat nichts angeleckt. War auch nichts da, aber ich will auch nicht ausschließen, dass der Creep es niemals tun würde.“

„Hat dein Creep eigentlich schon einen Namen?“

Gavin schnaubte bei der Frage leise. Es war ihm scheißegal, ob der Android einen Namen hatte oder nicht. Er war nicht sein Besitzer und noch weniger war er derjenige, für den es überhaupt eine Rolle spielte.

„Nein…?“

Tina hätte ihm sicher gerne gesagt, dass er sich als Partner des Androiden doch einen überlegen sollte, aber in diesem Moment kam der RK900 zur Tür herein und überfiel den Detective sofort mit der Nachricht eines Mordfalls an einem Androiden, den sie untersuchen sollten.



Gavins Zeigefinger trommelte im Takt der Musik auf dem Lenkrad, während sie an der roten Ampel warteten. Der RK900 saß neben ihm, mit derselben stoischen Ruhe, die dem Detective so abging, und er sah einen Moment lang zu dem Androiden hinüber.

„Mochten dich die Leute bei CyberLife eigentlich so wenig, dass sie dir nicht mal einen richtigen Namen gegeben haben?“, fragte er schließlich, als die Ampel gerade auf Grün schaltete.

„Ich sollte erst gar nicht in Betrieb genommen werden, Detective“, antwortete der RK900, ohne ihn auch nur eines Blickes zu würdigen. „Ich habe eine Bezeichnung, eine Seriennummer und eine Aufgabe. Das sollte ausreichend sein.“

„Also könnte man jederzeit einen Namen registrieren? Robocop? Toaster? Terminator? Connor 2.0? Connor, die Rückkehr?“

“Wie es Ihnen beliebt, Detective. Wobei ich Ihnen versichern kann, dass ich Beleidigungen nur sehr selten meine Aufmerksamkeit schenken werde. Ich würde Sie also bitten, davon abzusehen.“

Gavin rollte bei der Antwort nur die Augen und setzte den Blinker, um in die nächstbeste Seitengasse einzubiegen. Nicht nur, dass er sich einen Androiden eingetreten hatte, er hatte sich einen mit einer Attitüde angelacht.

„Sonst was?“

„Nun, da bereits Connor in der Lage war, sie im Zweikampf zu besiegen und ohnmächtig im Beweisraum liegen zu lassen, wollen Sie sicher nicht herausfinden, wozu Connor 2.0 in der Lage ist, richtig?“

Wow. Jetzt war es offiziell.

Er hasste dieses Plastikarschloch. Mit jeder Faser seines Körpers.



- Tag 8 -

„Sie sollten wirklich weniger Kaffee trinken.“

„Du solltest mir wirklich weniger auf die Eier gehen.“„Vielleicht ist ihre Gereiztheit dem übermäßigen Koffeinkonsum und dem Schlafmangel geschuldet.“

„Vielleicht. Oder aber es ist deine charmante Art, die mich langsam aber sicher in den Wahnsinn treibt.“



- Tag 14 -

Es war nicht so, als wäre der RK900 nicht nützlich. Das Problem war, dass er zu nützlich war. Komplette Erstellung von Täterprofilen, Wiederherstellung von Tathergängen, Analyse von Blutproben und Thiriumrückständen. Alles, wofür sie früher Tage und einen Hochleistungsrechner benötigt hatten, erledigte ein Android in Minuten, während die gesamte Polizei nur um ihn herumstand und zusehen konnte. Und nichts war für Gavin schlimmer als das Gefühl, unnütz zu sein, und ersetzbar. In sämtlichen Bereichen des Lebens hatten die verdammten Androiden schon Einzug gehalten, in einigen hatten sie Menschen gänzlich verdrängt und Gavin hatte gehofft, dass sie zumindest in seinem Bereich nie eine übergeordnete Rolle spielen würden. Dass menschlicher Instinkt und Intellekt der kühlen und distanzierten Berechnung eines Androiden immer voraus sein würden.

Aber wenn er dann in Fowlers Büro stand und das Lob für einen gelösten Fall einheimste, bei dem er eigentlich nicht mehr als ein stiller Zuschauer gewesen war, dann kochte in ihm eine unbeschreibliche Wut hoch, die er kaum unterdrücken konnte.

„Das war gute Arbeit heute, Detective“, meinte der RK900, nachdem sie Fowlers Büro verlassen hatten und auf dem Weg zu Gavins Platz waren.

„Was genau?“, fragte Gavin schnippisch, als er sich auf seinen Stuhl fallen ließ und zu seinem Partner nach oben sah. „Dazustehen, während du alle Beweise zusammenträgst und erläuterst, was passiert ist? Ja, großes Kino.“

„Sie hatten doch bereits erahnt, wie der Fall abgelaufen war, noch ehe ich meine Berechnungen zu Ende geführt hatte. Ich wollte nur Ihren Instinkt loben.“

„Wie wäre es, wenn du dir dein Lob an den Hut steckst? Oder jemanden lobst, der sich auch etwas daraus macht?“

Als er aufblickte, sah er die LED an der Schläfe des Androiden gelb blinken, die Augenbrauen waren leicht zusammengezogen und er sah den Detective an, als hätte dieser ihm gerade ins Gesicht gespuckt. Gut, im Grunde hatte Gavin genau das getan, aber wenigstens etwas unterschwelliger.

„Ich bin hier, um Ihnen bei Ihren Untersuchungen und Fällen zu helfen, Detective, nicht, um Ihren Ruhm einzuheimsen oder Sie zu ersetzen.“

Und warum fühlte es sich dann so sehr danach an?



- Tag 22 -

Eigentlich hatte er nur noch den Androiden zurück aufs Revier bringen wollen. Er wusste nicht, wo der RK900 seine Nächte verbrachte, und es war ihm eigentlich auch egal, aber er hatte zumindest so viel Anstand, ihn nicht im Regen stehen zu lassen. Es war mehr Entgegenkommen, als er sich selbst normalerweise eingestanden hätte.

Auf dem Weg zurück hatte er noch an einem Imbiss angehalten, um sich etwas zu Essen mitzunehmen und sich damit die Mühe des Kochens zu ersparen, und jetzt, ein paar Minuten später, da kniete er neben dem Imbisswagen und warf einer streunenden Katze etwas Fleisch hin, weil sie aussah, als könnte sie einen kleinen Snack vertragen.

„Ja, das schmeckt dir, was?“, fragte er, als er das Tier mit dem grau gestreiften Fell fressen sah. „Fühl dich geehrt, ich teile mein Essen nicht gerne.“

„Ich befürchte, die Katze wird sie nicht verstehen.“ Der RK900 stand neben dem Wagen, den Gavin auf dem Gehweg geparkt hatte, und betrachtete das Szenario anscheinend mit einer bizarren Faszination. „Sie ist ein Tier. Sie wird mit menschlicher Sprache nicht viel anfangen können.“

Der Detective stand auf und ging wieder zum Auto hinüber, öffnete die hintere Tür, um sein Essen zu verstauen, ehe er an der Fahrertür stehen blieb und den RK900 betrachtete.

„Du bist eine Maschine, und ich rede trotzdem mit dir“, sagte Gavin schließlich leise. „Dann kann ich wohl auch mit einem Tier reden. Das lebt wenigstens.“

Als die LED des Androiden rot zu blinken begann, hätte Gavin einen Moment lang fast so etwas wie ein schlechtes Gewissen überkommen. Fast. Denn so schnell, wie der Augenblick gekommen war, war er auch wieder vorbei, und der Android nickte nur schwach, ehe er mit einem fast schon verständnisvoll klingendem „Natürlich“ ins Auto einstieg.

Kurz blieb der Detective stehen, betrachtete die Katze, die sich gerade ihre Pfote putzte, ehe sie ins Gebüsch sprang, und stieg dann ebenfalls ein.