Die Stunde des Wolfes

KurzgeschichteSchmerz/Trost / P16
Solas
08.11.2019
10.11.2019
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5 – Regen


Das Fieber war zurück. Wenn er vorher gefroren hatte, fühlte es sich nun so an, als würde er erfrieren. Zu allem Überfluss setzte ein Dauerregen ein, der die Wege in Schlammpisten verwandelte und das Vorankommen dermaßen verzögerte, dass Solas – wenn er gefragt worden wäre – geschworen hätte, bereits seit zwei Monden unterwegs zu sein. Die gewachste Plane, die sie über den Wagen geschlagen hatten, das trübe Wetter und sein unregelmäßiger Schlafrhythmus gaukelten ihm vor, dass ewige Nacht ihn gefangen hielt.
    Er fing an, zu halluzinieren. Sah Dinge, die nicht sein konnten, Gesichter längst Verblichener, spürte Mythals schlanke Finger, wie sie über seine nackte Haut wanderten und sich dann genussvoll in die eitrige Wunde gruben. Solas schrie. Seine Zähne klapperten so laut wie Hufe auf Kopfsteinpflaster, er zitterte am ganzen Leib, und sie zurrten die Gurte noch fester, damit der notdürftig genähte Riss in seinem Fleisch nicht ständig wieder aufbrach.
    Irgendwann veränderte sich Mythals Gestalt, wuchs etwas, ihre Silhouette wurde ein wenig schlanker, Kiefer, Nase, Kinn, plötzlich sah sie aus wie Mia, und er presste die Augen zusammen. Doch auch in der Dunkelheit verschwand sie nicht. Mia lag neben ihm, einen Arm um seine Brust geschlungen, ihr Kopf auf seiner Schulter ruhend. Sie weinte. Ohne Anfang und ohne Ende, ein Meer aus Tränen, es erdrückte ihn, er würde ertrinken, er würde in ihren Tränen ertrinken, und begierig öffnete er den Mund, um es schnell hinter sich zu bringen.
    Die Plane war gerissen, Regen tropfte auf seine fahle Haut.

Es wurde besser. Das Fieber klang ab, der Regen ließ nach, sie konnten mit der Behandlung fortfahren, und der Schmerz wurde erträglich. Der körperliche zumindest.
    »Warum ist deine Liebe so viel mehr wert als die aller anderen?«
    Er wusste immer noch keine Antwort.
    Als sie den Fuß des Gebirges erreichten, der vorausgeschickte Späher mit der Hiobsbotschaft zurückgeeilt kam, die Feste stünde nicht mehr, und Mia in wildem Galopp hinter ihrem Bruder her preschte, wünschte sich Solas inständig, sie vorher noch einmal angeschaut zu haben. Doch er konnte ihr nicht einmal hinterherblicken, da sein Kopf bereits mit dem Holz des Wagendecks verwachsen zu sein schien.
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