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Vollrausch

GeschichteHumor, Freundschaft / P16
OC (Own Character) Versengold
08.11.2019
10.06.2020
2
2.163
5
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08.11.2019 1.089
 
Erstens

Es klingelt.

Stöhnend ziehe ich die Decke über meinen Kopf und drehe mich auf den Bauch. Einfach ignorieren.

Es klingelt wieder.

Die Klingel dringt sogar bis zu mir unter die Decke durch. Ich kann sie nicht ignorieren.

Frustriert schnaufend schaue ich auf meinen Wecker. 04:42 Uhr. Um die Uhrzeit, mitten in der Nacht von Freitag auf Samstag kann das nur einer sein. Dieser Scheißkerl!

Ich bring’ ihn um.

Ich sollte liegen bleiben, so tun als wäre ich nicht da. Vielleicht verschwindet er dann wieder und schlüpft in das Bett von irgendeiner Schlampe.

Oder er pennt im Park auf einer Bank, weil er den Weg zu seiner Wohnung nicht mehr gefunden hat.

Stöhnend schäle ich mich also aus der Decke und schleiche zur Tür.

Es klingelt schon wieder.

“Alter, es reicht! Ich höre dich gut genug”, schimpfe ich der Tür entgegen.

Von der anderen Seite höre ich leises Kichern.

Ja.

Er ist es definitiv.

Ich öffne die Tür und lehne mich an den Türrahmen. “Guten Morgen, Herr Otten”, grüße ich meinen besten Freund. “Kann man Ihnen behilflich sein?”

Eike sitzt neben der Wohnungstür auf der Treppe, die in die oberen Geschosse des Hauses führt, und grinst mich von unten herauf an. “Moggeeeen Liiiisaaaa.” Seine Augen sind ganz glasig und der Geruch nach Kneipe liegt in der Luft.

“Es wundert mich ja immer noch, dass du in dem Zustand meine Wohnung findest”, bemerke ich und strecke ihm die Arme entgegen.

Er greift nicht ganz so zielstrebig danach und als er sie endlich zu fassen bekommen hat, zieht er sich schwerfällig daran hoch. Gott sei Dank mache ich das regelmäßig, sonst läge ich jetzt mit ihm auf der Treppe. Als er endlich steht, sieht er mich mit seinem verfluchten treudoofen Hundeblick an. “Kaffee?”

Am liebsten hätte ich gelacht. Was auch sonst. “Alter, hast du mal auf die Uhr geschaut?”

Er hebt sein rechtes Handgelenk, um auf die Uhr zu schauen. Die Uhr, die nicht da ist. “Hab’ ich wohl verloarn”, kommentiert er sein nacktes Handgelenk.

“Ich hoffe nicht, die war nämlich von mir.” Natürlich hat er sie nicht verloren. Immerhin trägt er sie um sein linkes Handgelenk. Rechtshänder eben.

“Dann komm’ halt rein.” Damit drehe ich mich um und gehe zurück in meine Wohnung.

Zielstrebig steuere ich die Küche an, Eike hinter mir - stets darauf bedacht, keinen Krach zu machen, in dem er gegen Möbel rennt. Er will immerhin nicht, dass meine Großeltern ihn so sehen.

Nicht zum ersten Mal bin ich froh über die Tatsache, dass ich schon eine ganze Weile nicht mehr zuhause wohne.

Während ich Wasser aufsetze und Kaffeepulver in die French Press-Kanne schütte, lässt sich Eike auf einen der Stühle fallen.

“Wo warst du?”, beginne ich schließlich ein Gespräch, auch wenn ich die Antwort bereits kenne. Ich muss ihn wach halten, damit er den Kaffee trinkt. Immerhin will ich nicht umsonst aufgestanden sein.

“Klaus”, nuschelt er schließlich.

Dacht’ ich mir.

Klaus’ Eck ist eine kleine Kneipe hier im Randgebiet von Oldenburg. Eike und seine Jungs sind da eigentlich jeden Freitag.

“Und warum bist du da weg?”, frage ich weiter und lehne mich mit dem Rücken gegen die Arbeitsfläche.

Er zuckt mit den Schultern. “Gab kein Kaffee.”

Skeptisch ziehe ich die Augenbrauen hoch. “Und es gab keine potentielle Eroberung für die Nacht, bei der du einen Kaffee bekommen hättest?”

Stöhnend lässt er den Kopf auf die Tischplatte fallen. “Zu betrunken für lange Sätze.”

Genervt verdrehe ich die Augen. “Gab’s keine heißen Chicas?”

“Die sin’ eh alle nisch so heiß wie du”, brummt es von der Tischplatte.

Oh Gott, jetzt sind wir wieder soweit.

Immerhin erlöst mich das Signal des Wasserkochers. Ich gieße das kochende Wasser in die Kanne und stelle sie mit einer Tasse vor Eike auf den Tisch.

Mühselig hebt er den Kopf. “Vier Minuden”, erklärt er mir.

Lächelnd schüttle ich den Kopf. “Ich weiß.”

“Weck mich dann.” Und schon landet der Kopf wieder auf der Tischplatte.

“Vergiss es”, schnaube ich und haue ihm auf den Hinterkopf. “Soweit kommt’s noch. Wenn du jetzt pennst, krieg’ ich dich nicht wieder wach.”

“Bin aba so müüüüüde”, gähnt er.

“Mit wem warst du denn bei Klaus?”, versuche ich ihn abzulenken.

“Malte, Flo, Dan”, zählt er auf.

“Und der Rest? Wollten Alex und Sean nicht mit?”

“Alex hat Besuch von seiner Nichte und Sean hat wohl ‘ne Chica am Start.” Seine Stimme klingt weiter gedämpft durch die Tischplatte, die ziemlich nah an seinem Mund sein muss.

Die Eieruhr piept. Der Kaffee ist fertig.

“Boah, mach’ das Gepiepse aus”, stöhnt Eike und schlägt die Arme über dem Kopf zusammen.

Ach herrje, der Alkohol scheint nachzulassen. Ich drücke den Kaffeesatz mit dem Sieb runter und schenke das schwarze Gold in eine Tasse. “Da, dein Kaffee.”

Langsam hebt er den Kopf und greift fast noch langsamer nach der Tasse.

Fassungslos sehe ich ihm dabei zu. “Herrschaftszeiten, was hast du denn alles getrunken?”

“Gerd”, ist die einzige Antwort, ehe er die Tasse ansetzt und einen großen Schluck trinkt.

Ach ja, De rode Gerd. Ich erinnere mich.

Das wird ein Spaß morgen früh. Wobei, eher nachher.

Schweigend sitzen wir in der Küche, während Eike seinen Kaffee trinkt.

Als er die leere Tasse schließlich wieder abstellt, stehe ich auf. “Komm.”

“Hä?”

Ich seufze und versuche, ihm nicht eine zu kleben, damit er wacher wird. “Beweg dich, die Couch wartet auf dich.”

Er erhebt sich. “Ich will nicht auf der Couch schlafen”, jammert er. “Darf ich zu dir ins Bett?” Scheiße man, ich vergesse immer wieder was für eine Mimose der Kerl wird, wenn er voll ist.

“Alter, Eike, wir führen diese Diskussion schon seit Jahren!”

“Und trotzdem sagst du immer irgendwann ja.” Siegessicher tappst er an mir vorbei und verschwindet in meinem Schlafzimmer. “Ich lass auch die Boxer an”, ruft er mir noch über die Schulter hinweg zu.

“Bloß nicht!”, brülle ich. “Wetten, die stinkt genauso nach Kneipe wie du? Ich leg dir eine raus. Ab ins Bad mit dir!”

Während er also ins Bad trottet und vor sich hin schimpft, krame ich aus dem Vorrat, der sich durch seine ständigen alkoholisierten Kaffee-Besuchen angesammelt hat, eine frische Boxershort raus und werfe sie ins Bad.

Dann lege ich mich wieder ins Bett und warte.

Irgendwann stolpert er zurück in mein Schlafzimmer und lässt sich der Länge nach auf mein Bett fallen. Nach dem er ein Bisschen hin und her gerutscht ist, liegt sein Kopf schließlich an meiner Schulter, ein Arm hat er über mein Bauch gelegt und er schläft zufrieden ein.

Gott sei Dank mache ich ihm jedes mal koffeinfreien Kaffee.
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