In der Nacht

von Bookworld
GeschichteRomanze / P18
07.11.2019
07.11.2019
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Prolog

Stille. Sie dringt durch jede Ritze. Durch mich hindurch. Ich trinke sie und atme sie. Ich liebe die Stille und ich liebe es, alleine zu sein. Ich führe ein stilles, ein gleichmäßiges Leben, ohne Höhen und Tiefen. Zumindest versuche ich das. Ich nehme mir nie mehr vor, als ich schaffen kann. Lebe mein Leben Portion für Portion ohne Großartiges zu erwarten. Das macht mich ruhig und gelassen. Der Umzug nach New York war nicht vorgesehen und es wird eine Zeit dauern bis ich mich in meinem neuen Leben eingerichtet habe. Aber eigentlich bleibt alles, wie es ist. Abends sitze ich alleine in meinem Zimmer, esse etwas und schaue Serien. Bevor ich das Licht ausmache, lese ich noch in einem Buch. Immer nur leichte Kost oder Fantasy, nie etwas, das zu tief geht. Ich schwimme leicht auf der Oberfläche, denn vor der Tiefe fürchte ich mich. Ordnung ist mir deshalb wichtig. Ich kann es nicht haben, wenn diese auch nur einen Millimeter verrückt. Das macht mich nervös. Ich balanciere hoch oben auf einem Seil und wähne mich in Sicherheit, weil ich nie nach oben oder unten, nach links oder rechts blicke, sondern nur nach vorne, einen Fuß vor den anderen taste. Tag für Tag und Woche für Woche und Monat für Monat und plötzlich ist ein ganzes Jahr vergangen und ich frage mich, wo all die Tage hin verschwunden sind.

Ich stöhne auf, denn ich denke schon wieder viel zu viel. Aber ich schaffe es nicht, denn Fernseher einzuschalten. Ich kann meine Hand nicht zur Fernbedienung bewegen. Ich kann mich überhaupt nicht rühren. Die Stille hält mich gefangen. Und ich atme tief ein und aus und wieder ein und aus. Ganz tief in mir spüre ich, dass etwas Neues in mir aufbricht. Etwas, von dem ich nicht weiß, was es ist. Aber es macht mir seltsamerweise nichts aus. Ich bin bereit es zuzulassen. Das Aufrechterhalten meines alten Lebens kostet mich zu viel Kraft und ich schweife zu oft mit meinen Gedanken ab, drifte in dunkle Löcher ab und finde zunehmend schwerer wieder aus diesen heraus. Ich brauche dringend etwa, das mich beschäftigt, das meine Konzentration einfordert und mich mehr ablenkt als dieser Einklang. Ich brauche ein Orchester. Nicht zu laut, nur die ersten Töne eines Orchesters, die den Beginn eines Stückes einleiten. Nur die ersten Takte. Das genügt mir vollkommen.

Ich bin bereit die eine Ordnung in eine andere zu überführen. Eine die mir besser entspricht, die mich nicht so sehr in Ketten legt, sich natürlicher und weniger verkrampft anfühlt. Ich spüre, dass etwas passieren wird. Keine Ahnung, woher diese Ahnung kommt.

Statt den Fernseher einzuschalten, gehe ich ins Bett, obwohl es erst neun Uhr ist. Aber ich möchte den kleinsten Geräuschen lauschen und dieses kleine Lächeln zulassen, das von meinem Mund aus durch meinen ganzen Körper strömt. Ich erwarte aufgeregt den nächsten Tag.

Wann bin ich das letzte Mal wirklich aufgeregt gewesen?

Ich vernehme ein Kribbeln in meinem Magen. Es kündigt den Aufbruch an. Vielleicht werde ich morgen sogar ausgehen - in eine Bar oder einen Club. Vielleicht werde ich tanzen und einen Cocktail trinken.

Ich liege auf den Rücken. Es ist noch hell. Draußen höre ich Stimmen und Gelächter. Es ist Sommer. Ich bin ganz ruhig, rühre mich nicht und gleite langsam in ein Reich zwischen Wachsein und Traum.
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