Family Reunion

GeschichteRomanze, Familie / P16
07.11.2019
25.11.2019
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„Heute lernt sie Dan kennen“, feixt mein 15-jähriges Gastkind Cathy und wirft mir ein diabolisches Grinsen zu.
„Wer ist Dan?“, frage ich verwirrt und schaue zum Beifahrersitz, um eine Antwort von meiner Gastmutter Claudia zu erhalten.
„Mein Neffe“, erwidert mein Gastvater Christopher, der hinter dem Steuer sitzt und den Wagen lenkt.
Claudia dreht sich zu uns um und ihr breiter Mund ist zu einem Lächeln verzogen. Sie schaut kurz zu Charly, um sich zu vergewissern, dass sie ihre Kopfhörer noch trägt.
„Das wäre genau dein Typ Alex“, sagt sie. „Gutaussehend, sportlich und intelligent. Er ist Yale Student und ich habe gehört, dass ihm seine Kommilitoninnen scharenweise hinterherlaufen. Sie liegen ihm regelrecht zu Füßen. Worüber ich mich nicht wundere, denn er ist ein Charmeur. Sei also gewarnt.“
„Lass dir nichts einreden“, wirft mein Gastvater ein.
„Da bin ich ja mal gespannt. Was studiert er denn?“, frage ich.
„Psychologie und Soziologie“, antwortet Claudia. Dabei wackelt sie mit den perfekt gezupften Augenbrauen.
„Ich finde ihr wärt ein super Match.“ Cathy beobachtete mich durch das Gespräch hindurch.
Ich rolle die Augen und schnaube. Meine Gastmutter zwinkert mir zu und dreht sich wieder nach vorn.
Ich weiß, dass meine Gastfamilie mich lediglich auf den Arm nimmt. Es ist eine angenehme Witzelei, die man nach 22 Monaten zusammenleben auf sich nehmen kann, ohne Abneigung zu verspüren.
Meine zwei Jahre als Au Pair sind fast vorbei. Noch zwei Monate und ein Reisemonat liegen vor mir und dann ist diese Erfahrung beendet. Ich weiß bis heute nicht, wie ich so viel Glück haben konnte, in eine solche Familie zu kommen. Meine Gasteltern sind beide einfach toll. Claudia ist eine attraktive blonde Kanadierin, die als Fotografin in NYC arbeitet. Trotz ihrer 51 Jahre ist sie energiegeladener als ich und ich bewundere wie sie ihr Leben jeden Tag meistert. Mein Gastvater ist ein Rechtsanwalt mit seiner eigenen Firma in Darien, Connecticut. Er ist ständig am Arbeiten und trotzdem, oder gerade deswegen, legt er viel Wert auf gemeinsame Zeit mit seinen Kindern und seiner Frau. Cathy ist ein selbstständiger, humorvoller und schlauer Teenager, die es liebt zu tanzen, zu lesen und zu zeichnen. Auf Cathy muss ich nicht mehr wirklich aufpassen. Abendessen bereite ich für sie vor und ich fahre sie manchmal zu Freundinnen oder zur Mall. Ich betrachte sie eher als kleine Schwester, auf die ich ab und zu aufpassen muss. Charly ist die Musikerin der Familie. Oft finde ich sie Gitarre oder Violine spielend im Zimmer. Dazu singt sie mit einer bezaubernden Stimme, deren Fülle eher an eine Opernsängerin erinnert, als an ein zwölf jähriges Mädchen. Sie besitzt viel Rhythmusgefühl und es ist daher nicht verwunderlich, dass sie, ebenso wie ihre große Schwester, das Tanzen liebt.
„Mama! Mama!“, ruft Charly und reißt sich die Kopfhörer voller Eifer hinunter. „Kommt Dan dieses Mal auch?“
Als hätte sie gespürt, dass wir gerade über ihn gesprochen hatten.
„Ganz sicher“, erwidert diese.
Charly dreht sich daraufhin zu mir. „Ich werde mit ihm singen.“
Ich nicke und lächle. Nach diesem Geistesblitz nimmt sie zufrieden das Musikhören wieder auf.
Heute sehe ich die ganze Familie das letzte Mal vereint.
Bei diesem Gedanken wird mein Herz schwer und mir ist zum Heulen zumute. Für gewöhnlich reserviere ich jedes dritte Wochenende für meine Gastfamilie. Zeit mit ihnen zu verbringen, liegt mir sehr am Herzen.
Jedes Jahr im August trifft sich die ganze Familie von der Seite meines Gastvaters. Zufällig liegt diese ‚Family Reunion‘, wie sie es nennen, genau an so einem Wochenende. Sie hatten den Termin dreimal umgelegt, bis es schließlich auf dieses fiel. Kann man dabei von Schicksal sprechen?

Wir befinden uns auf dem Weg zu der Schwester meines Gastvaters. Sie und ihr Ehemann besitzen ein riesiges Grundstück am Atlantik und sie hatten uns alle eingeladen dort für dieses Wochenende zu bleiben. Es liegt ungefähr zwei Stunden entfernt von uns.
Letztes Jahr hatten wir eine wundervolle Zeit. Ich habe alle Familienmitglieder (bis auf Dan) kennen gelernt. Es war ein bunter lustiger Haufen. Der Entertainmentfaktor war definitiv gegeben. Wenn dieses Wochenende genauso spaßig wird wie das letzte, dann kann ich nichts anderes als eine gute Zeit haben.

Als wir ankommen sind bereits die Gastgroßeltern Clara und Christian im Haus. Ich werde herzlich begrüßt.
„Schön, dass du dabei bist“, sagt Clara und hält mich in einer Umarmung. Christian zwinkert mir zu und schauspielert, wie jemand die Luft abgedrückt bekommt. Ich muss mein Lachen hinunterschlucken.
„Ich freue mich“, erwidere ich stattdessen.
„Legt eure Sachen hier in den Abstellraum. Wir können uns später einrichten.“
Wir entladen das Auto und Christopher parkt es an den Straßenrand.
„Gehen wir am Strand spazieren?“, fragt Cathy.
„Zu gern“, erwidere ich.
Cathy verdreht die Augen, als ich die Sonnencreme auspacke und wir verabschieden uns von den anderen.
Ich liebe Spaziergänge am Strand. Ich bezeichne es als Freudenfeier für die Sinne. Das Rauschen des Meeres, die Sandkörner zwischen den Zehen, das Meersalz in der Luft und die Schönheit der Natur. Einfach bezaubernd.
Das Grundstück selbst besitzt einen separaten Eingang zum Strand links am Haus vorbei. Als Cathy das Meer sieht, zieht sie ihre Flipflops aus und rennt darauf zu. Dabei wirft sie ihre Arme in die Luft, als könnte sie es wie einen Menschen umarmen. Ich folge ihr und am Wasser angekommen tauche ich meine Zehen in das kalte Wasser. Es umspült meine Sprunggelenke und ich atme wohlig ein.
Ich werde unterbrochen von meinem Gastkind, das mir Salzwasser entgegen spritzt.
„Na warte!“, rufe ich und renne auf sie zu. Sie kreischt, dreht sich um und rennt in entgegen gesetzter Richtung.
Ich fange sie an ihrer Taille ein und werfe uns beide in den Sand. Cathy lacht, kämpft sich los von mir und beginnt meine Beine einzugraben. Ich mache dasselbe mit ihren und wir hören erst auf, als sie komplett verschwunden sind. Wir legen uns beide auf den Rücken und starren zum blauen Himmel hoch.
„Weißt du. Ich liebe Charly. Aber mit ihr kann ich sowas nicht machen.“ Cathy dreht ihren Kopf zu mir und ringt nach wie vor nach Atem.
„Genau dafür hast du ein Au Pair“, erwidere ich und grinse breit.
Wir bleiben einige Augenblicke liegen und machen uns dann weiter auf den Weg. Zwanzig Minuten wandern wir am Strand entlang.
„Darf ich dir ein paar Tanzmoves zeigen?“, fragt mich Cathy. Ich nicke ihr aufmunternd zu.
Wir suchen uns eine Stelle, wo nicht so viele Menschen liegen. Ich setze mich und Cathy beginnt zu tanzen. So wie es aussah, hat sie ihre Ballettausbildung mit HipHop verbunden. Der Tanz ist einfach unbeschreiblich schön. Was ich aber besonders bezaubernd finde, ist ihr Gesichtsausdruck. Ihre Züge wechseln zwischen Freude, Versunkenheit, Neugier, ob sie eine Bewegung im Sand schafft und Konzentration. Sie beendet ihre Choreografie mit einem Sprung, landet gekonnt im Sand und verharrt in der letzten Position.
Cathy bekommt Applaus von den umliegenden Strandgästen und ich stimme mit ein. Mit rotem Kopf setzt sie sich neben mich.
„Hast du das selbst choreografiert?“, frage ich.
„Ja, für morgen Abend“, antwortet sie.
„Es war bezaubernd. Dein Gesichtsausdruck war Wahnsinn.“
„Weißt du, wenn du ein Typ wärst, dann wärst du spätestens jetzt in mich verliebt.“
„Wenn ich ein Typ wäre, dann hätte ich dir bei dieser Aufführung ganz sicherlich nicht ins Gesicht geschaut.“
Cathy lacht, schubst mich im Sitzen und starrt gerade aus. Ich hole mein Smartphone aus der Tasche und mache ein Bild.
„An wen schickst du das denn?“, fragt mein Gastkind und wackelt mit den Augenbrauen. „Sollte ich über irgendetwas Bescheid wissen.“
„Das geht an Kathi. Ich sagte dir bereits. Ich date hier niemanden.“
„Das ist eine Fähigkeit von dir.“ Sie schaut mich an und schürzt die Lippen.
„Was ist?“
„Dass du niemanden hast. Wenn eine Frau mit deinem Aussehen, deiner Intelligenz und Charme single ist, dann nennt man das Fähigkeit sich nicht zu binden. Obwohl, wenn ich es mit Recht überlege, ist es besser so. Du wirst Dan sowieso um den Hals fallen.“
„Ach hör doch auf“, erwidere ich und schubse sie. „Er gehört zu eurer Familie. Niemals würde ich das tun.“
„Sag niemals nie“, sagt Cathy und wackelt mit dem Zeigefinger. „Du solltest ihn erst kennen lernen.“
„Bla bla bla. Na los. Lass uns zurück gehen. Du hast offensichtlich zu viel Sonne abbekommen.“
Wir gehen zurück zum Grundstück.

„Da ist sie ja! Meine Lieblingsnichte“, sagt Diana, als Cathy und ich durch die Wintergartentür das Haus betreten. Sie kommt mit ausgebreiteten Armen auf mein Gastkind zu und drückt sie fest an sich.
„Ich weiß. Ich bin der Liebling von allen. Ich dachte, du wärst hier, wenn wir ankommen“, erwidert Cathy.
Diana ist mit Darius verheiratet und sie sind die Besitzer dieses wunderschönen Grundstücks.
„Entschuldige. Wir mussten ein letztes Mal zum Supermarkt rennen. Wenn die ganze Verwandtschaft eintrudelt, kann man nie genug Vorrat haben.“
„Dir sei verziehen“, sagt Cathy und lacht.
Während die beiden miteinander plaudern, begrüße ich Darius und ich bedanke mich, dass sie mich erneut eingeladen haben.
Und mit einem Mal füllt sich das Haus. Eine ganze Schar von Kindern sämtlicher Altersgruppen stürmt den Wohnbereich. Unter ihnen ist eine glücklich wirkende Charly. Sie flüstert ihren Cousinen etwas zu und alle kichern mit vorgehaltener Hand. Ich muss lächeln bei diesem Anblick. Als ich in ihrem Alter war, waren Geheimnisse etwas Tolles. Ich hatte das Gefühl, dass nur die Mitverschworenen und ich die Macht hatten, diese zu kennen.
Nachdem sich alle begrüßt haben und die Gepäckstücke gesammelt sind, treffen sich die Frauen in der Küche, um Lunch vorzubereiten. Es dauert fast eine Stunde bis wir mit dem Vorbereiten fertig sind, was zum Teil an unseren angeregten Unterhaltungen liegt und zum anderen an bereits zwei leeren Weinflaschen. Ich trage den frischen Salat, die Honigmelone und den Serrano Schinken zum Buffettisch. Der Rest wird von den anderen mitgenommen.
Nach kurzem Überlegen wird beschlossen, dass die Erwachsenen zuerst essen. Ich verwickle meine Gastmutter in ein Gespräch bis wir beide an der Reihe sind. Ich greife zum Pappteller und beuge Salat darauf.
„Hey! Hey!“, höre ich Christopher am Eingang rufen. „Der Mann der Stunde.“
„Hi wie gehts?“, fragt eine bisher unbekannte männliche Stimme.
„Das ist er.“ Claudia lehnt sich zu mir.
Ich umrunde das Buffet, um einen Blick zum Eingang zu erhaschen.
Verdammte Scheiße! Ist mein erster Gedanke, als ich ihn sehe.


Danke für's Lesen!
Liebe Grüße, eure Caitlin
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