I wanna see you smile again

von Corazon x
GeschichteDrama, Angst / P18 Slash
06.11.2019
04.04.2020
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37.437
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09.11.2019 3.877
 
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                                                                                                              Two



Den restlichen Nachmittag nutzte Rocinante, um die Fragen seines persönlichen Quacksalbers tatsächlich bis ins kleinste Detail zu beantworten - so ehrlich, wie nur möglich.

Selbst Fragen, die eher unangenehmerer Natur waren und die ihm den bloßen Angstschweiß den Rücken entlangtrieben.
Aber wie Law gesagt hatte, würde er da irgendwann nicht mehr drum herum kommen, wenn er wirklich ein unbeschwertes und sozialisiertes Leben führen wollte.
Also biss er die Zähne zusammen, und ignorierte die Magenkrämpfe bei Fragen wie Empfinden sie Ängste in Bezug auf fremde Menschen? Inwieweit ist ihr Leben durch ihre psychische Belastung eingeschränkt? Nehmen sie Medikamente, um ihren Alltag oder Schlaf zu erleichtern? Vollführen sie selbstverletztende oder Selbstverstümmelnde Handlungen oder Gedankengänge? - Wow, wer wird nicht gerne gefragt, ob er sich wegen seiner posttraumatischen Belastbarkeitstörung einen seiner Finger abschneidet?

Aber auch die Frage Geben sie sich selbst schuld an dem, was passiert ist? machte ihn nicht nur stutzig, sondern steigerte sein unwohlsein ins nächste Zeitalter.
Er schwitzte.

Gab er sich selbst die Schuld an dem, was passiert war? - Allerdings.



Rocinante presste die Lippen zusammen als ihm wieder einmal klar wurde, dass er soviel hätte verhindern können wenn er sich zur wehr gesetzt hätte - aber als Kind war man noch nicht soweit, um über so etwas nachzudenken oder alles in Frage zu stellen, wenn man ständig hörte, man sei selbst schuld an all dem was passierte.
Denn ein Kind konnte noch nicht abschätzen, ob etwas gut oder schlecht war, wenn es nicht geleitet wurde - konnte nicht ahnen, dass Schläge mit Gürteln nicht normal waren, und dass Schimpfworte wehtaten, wenn man sie jemanden an den Kopf warf.  

Allerdings versuchte er zu ignorieren, wie er sich fühlte während er alle Fragen seines Quacksalbers beantwortete und die Papiere zitternd aus seiner Sichtweite räumte, als er endlich fertig war.
Er hatte nichts detailgetreues aufgeschrieben - denn darüber würde er schon mit seinem Therapeuten selbst "sprechen" können, es müssen. Das erwatete der vermutlich auch.



Aufgewühlt, weil die Bilder seiner Vergangenheit wieder an seinem inneren Auge vorbeigezogen waren, ging er ans Fenster.
Seine Zigaretten hatte er am Fenstersims deponiert - völlig gleich dabei, ob er hier rauchen durfte oder nicht.
Andere fraßen Schokolade um sich zu beruhigen - und er rauchte eben eine Zigarette. Was war schon dabei?  

Gedankenverloren schweifte sein Blick hinaus, in die eintreffende Dunkelheit des letzten Novembertages.



Und dann entdeckte er die erste Schneeflocke, die den eintreffenden Winter ankündigte.
Rocinante lächelte wehmütig - der Schnee, dessen weiß so unschuldig wirkte, hatte ihn schon als Kind nicht losgelassen.
Noch bevor all das schreckliche passiert war.  

Er hatte es geliebt, draußen herumzustiefeln - dem knirschen unter seinen Stiefeln zu lauschen und die weiße Wonne zu beobachten, wenn sich einzelne Flocken in seinen goldenen Strähnen verirrt hatten.
Es war magisch gewesen, dass weiße Land mit all seiner Schönheit und Pracht.
Unberührt und unschuldig - wie ein Kind, dass das leibhaftige böse noch nie gesehen hatte. Das ihm noch nie in die Augen gesehen hatte - das es noch nie erlebt hatte.  


Aber so wie alles einmal endet, endet auch die Unschuld eines Kindes irgendwann - mal früher und mal später.
Irgendwann verliert alles seinen Glanz und den Zauber, irgendwann sieht man das magische nicht mehr - weil man erwachsen wird und diese Gabe verliert.



Rocinante würde gerne noch einmal die Schönheit und den Zauber hinter Dingen mit den Augen eines Kindes sehen. Ein Funkeln in den braunen Augen, die warm leuchten und die Schönheit erkennen, die hinter vielem verborgen lag.



Die Melancholie die ihn ergriffen hatte, endete abrupt - als hätte jemand einen Schalter umgelegt und dafür gesorgt, dass seine Vergangenheit in Form einer pechschwarzen Wolke über seine sonnige Gedanken gleitete und das Unwetter heraufbeschwörte, dass ihn heute hierher gebracht hatte.

Er zitterte und fühlte die Kälte, die noch immer durch das geöffnete Fenster hereinwehte, in seine Knochen vordringen. Seine Zigarette war halb geraucht, die Asche auf den Fenstersims gefallen.



Rocinante wischte sie in einer einfachen Handbewegung weg, löschte die Zigarette und schnippte sie aus dem Fenster, welches er wieder schloss.

Die Frage, was er nun tun wollte, keimte auf - die Fragen waren beantwortet und zeichnen wollte er gerade nicht.




Also, beschloss er einfach einen Spaziergang zu machen und bewegte sich zur Türe. Zwar hatte Robin ihm schon alles gezeigt und wichtige Hinweise und Regeln besprochen, allerdings tat es sicherlich gut sich ein wenig die Beine zu vertreten.


Gemächig schlenderte er aus seinem Zimmer, zog die Türe zu und spazierte dann einfach durch die Gänge.



Überall lief jemand herum - Pfleger, Insassen, Ärzte oder Besucher. Einige waren still in sich gekehrt wie er selbst und blickten zu Boden, aus dem Fenster oder lauschten Gesprächen - während andere lauthals schwatzen, sogar herumbrüllten und vollkommen sorglos zu sein schienen. Mit fröhlichen Lächeln auf den Lippen und einem glanz in den Augen.

Aber das musste nicht zwanghaft etwas bedeuten - denn niemand war ohne Grund hier.




Nichtsdestotrotz - für eine "Heilklinik", war es eigentlich relativ freundlich und hell eingerichtet - vermutlich, um den Insassen ein Gefühl von Zuhause und Geborgenheit zu vermitteln.
Und den "Heilungsprozess" ein wenig anzukurbeln.

Denn die Psyche eines Menschen ist durchaus leicht manipulativ und manipulierbar - und nicht jede Manipulation ist gleichgestellt mit etwas schlechtem, auch wenn viele bei diesem Wort sofort loskreischen und Anzeige erstatten wollten.  





Dennoch fühlte sich Rocinante unwohl - seine Selbsteinweisung war der letzte Schritt gewesen, den er vor dem endgültigen in Betracht gezogen hatte und vielleicht würde er das Licht am Ende seines persönlichen Tunnels ja noch finden.
Jedoch war das hier, womöglich, seine letzte Hoffnung - denn sonst, hätte er vermutlich alles beendet. Und gar kein Licht mehr erblickt.




„Wie ich sehe, machen sie einen Spaziergang.“
Und das zweite mal, an seinem ersten Tag, erschreckte er sich fast zu Tode.

Sein Herz pumpte wir verrückt und seine Augen waren weit aufgerissen, als er sich umdrehte und seinen Therapeuten erblickte, der im weißen Kittel und einer Brille auf der Nase vor ihm stand.
Law hob eine Braue. „Hab ich sie erschreckt? Das tut mir sehr leid.“  
Er beobachtete genau die Haltung, die Rocinante eingenommen hatte - geduckt und ängstlich, als würde er sich etwas oder jemandem unterwerfen.
Skeptisch beließ er die Reaktion unkommentiert - notierte sich allerdings etwas auf seinem Klemmbrett.
Dann sah er ihn wieder an.
„Scheint wohl nicht sehr spannend in ihrem Zimmer zu sein - mussten sie sich ein wenig die Beine vertreten?“
Rocinante nickte wahrheitsgetreu.
„Wenn sie möchten, können sie mich kurz begleiten - ich würde ihnen gerne etwas zeigen“ lächelte er plötzlich und der blonde runzelte die Stirn, nickte aber nur und folgte seinem Therapeuten.

„Wissen sie, nachdem Robin vorhin beim Abendessen ihre Begeisterung für ihr Zeichentalent und den Vorschlag für eine daraus enstehende Therapie vorgeschlagen hat, habe ich mich gleich hingesetzt und festgestellt, dass die Idee womöglich gar nicht mal so schlecht ist.“
Er führte ihn zu den Aufzügen und drückte den Knopf der Türe, ehe diese sich öffnete und er beiseite trat um seinem Patienten den Vortritt zu lassen.
Mit einem seltsamen und unwohlen Gefühl kam dieser der stillen Aufforderung nach und hielt den Atem an, als Law ihm folgte und dicht vor ihm zu stehen kam - denn der Aufzug war nicht für Besucher gedacht und führte in die Etagen der geschlossenen Anstalt.
Die überraschende Nähe des Mannes machte ihn ängstlich, denn es gab keine Fluchtmöglichkeiten.
Er stand so dicht vor ihm, als er eine der viele Zahlen drückte und sich die Türe mit dem allseits bekannten Klingeln wieder schloss, dass er die leichten Nackenhärchen erkennen und den Duft seines Parfums' wahrnehmen konnte.
Sein Herz hämmerte in seiner Brust und er begann, zu schwitzen.
Das Bedürfnis, die Türen wieder aufzureißen und fluchtartig das weite zu suchen, um so schnell wie möglich von ihm wegzukommen, ließ seine Fingerkuppen kribbeln.
Er begann, unkontrolliert zu zittern - seinen Atem konnte Rocinante nur schwer unter Kontrolle halten.
„Mir ist aufgefallen, dass dieser Teil unserer Einrichtung noch einige Räumlichkeiten zu Verfügung stellt - und mir kam die Idee, dass man einen davon vielleicht für sie nutzen könnte. Sagen wir, als ihr eigener kleiner Therapieraum.“

Als der Fahrstuhl wieder hielt und das Klingeln die Türen öffnete, musste Rocinante einmal erleichtert durchatmen.
Noch eine Sekunde länger - und er hätte die Türen eigenhändig aufgestemmt.  


Law trat heraus auf den Flur, dessen grelles Licht ihm leichte Kopfschmerzen verursachte - außerdem waren der Boden und die Wände in diesem hässlichen, hellen Minzeton gehalten.
Dennoch folgte er ihm.


„Der Raum ist gleich in der Nähe - daneben befindet sich auch die Schwesternkanzel. Wenn sie Probleme haben, können sie sich sofort an diese wenden - und ich werde informiert.“
Er führte ihn den Flur entlang und deutete auf einen verglasten Kasten, in dem jedoch niemand saß.
Generell war es hier ziemlich verlassen - und tierisch unheimlich, denn es gab keine Fenster und überhaupt sah es hier aus, wie in diesen unheimlichen Horrorfilmen.
Rocinante schluckte.
Dann deutete Law auf die Türe, die sich wie er schon gesagt hatte, neben der Kanzel befand und kam davor zu stehen, ehe er seinen Schlüssel herauskramte.
„Die Türe werden wir dann absofort einfach entriegelt lassen - denken sie jedoch daran, nichts in diesem Raum zurückzulassen. Die Insassen dieser Station sind Nachts gerne mal unterwegs.“
Rocinante hob eine Braue.

Fantastisch. Am besten hatten die noch eine Axt dabei und flöteten die Titelmelodie von irgendeinem Psychofilm.  



Als Law die Türe entriegelte und öffnete, kam ihnen erst einmal ein muffiger Geruch und vollkommende Dunkelheit entgegen.

Der blonde hustete und Law suchte nach dem Lichtschalter.
„Hier gibt es keine Fenster - der Geruch wird also erst mit der Zeit verschwinden. Aber wenn sie regelmäßig herkommen, wird sie das vermutlich gar nicht nicht mehr sonderlich stören.“

Als er ihn endlich fand, knipste er das Licht an. Im Gegensatz zu den grellen Lichtern der Flure, war das in diesem Raum angenehm warm.
Die nackte Glühbirne an der Decke enthüllte Gerümpel und abgedeckte Möbelstücke.
Der Raum war klein - aber bot ausreichend Platz für eine Person und ihren Skizzenblock.

Rocinante unterdrückte ein schmunzeln.




„Und, was meinen sie?“ fragte Law interessiert, als sein Patient den Blick schweifen ließ, ihn wieder ansah - und einen Daumen hob.

„Fantastisch. Dann würde ich sagen, können sie diesen Raum morgen nach unserem Gespräch direkt einweihen.
Ich spreche noch mit einigen Kollegen dieser Abteilung, welche dann die restliche Besatzung hier informieren wird - nicht, dass die einen Herzinfarkt erleiden, wenn sie die geöffnete Türe erblicken und glauben, sie wären ein Patient dieser Station.“
Rocinante nickte und folgte ihm wieder nach draußen.
Law löschte das Licht, schloss die Türe und kehrte mit ihm zurück zu den Aufzügen.


„Haben sie eigentlich schon einen Blick auf die Fragen geworfen?“
Der Fahrstuhl klingelte und die Türe öffnete sich wieder.
Rocinante nickte nur und trat ein.
Law folgte ihm.
„Ich hoffe doch sehr, sie haben sie wahrheitsgemäß beantwortet.“
Der blonde runzelte die Stirn.
Wollte er ihn jetzt verarschen oder was sollte diese, dezente, Unterstellung?

Er erwiderte nichts darauf, sondern starrte stur auf die Türen die sich gerade geschlossen hatten. Der Fahrstuhl setzte sich in Bewegung.
„Nehmen sie mir diese Aussage bitte nicht übel - aber es gab vor ihnen schon Patienten, deren Lügen sie noch mehr ins verderben haben stürzen lassen und ich möchte verhindern, dass dies noch einmal passiert.“

Irgendwie bereute er es, die Tafel nicht mitgenommen zu haben.
Sonst hätte er ihm das Ding direkt ins Gesicht geklatscht.
Wer ließ sich denn selbst einweisen und log dann über seine Probleme? Das machte ja vorne und hinten keinen Sinn!
Er schnaubte verächtlich.
So ein Blödsinn!



Law sagte daraufhin nichts mehr, sondern wartete ab bis der Fahrstuhl wieder zum stehen kam und verließ ihn, als sich die Türen öffneten.
Allerdings hielt er den blonden noch einmal auf, der schon beinahe fluchtartig wieder das weite suchen wollte.

„Denken sie bitte daran, die Fragen noch in mein Büro zu bringen. Am besten sofort.“  
Er klang, plötzlich, ziemlich müde und - ein wenig traurig.

Rocinante hob eine Braue, nickte aber nur über dessen seltsames Verhalten.



Wer wusste schon, was sein Doc' alles für Probleme mit sich herumschleppte - aber vielleicht wollte er das auch gar nicht so genau wissen.









Mit einem unwohlen Gefühl in der Magengegend klopfte Rocinante an die Türe zu Laws' Büro.
Wie dieser verlangt hatte, brachte der blonde ihm seine Unterlagen - wenn auch nicht gerade mit Begeisterung.
Allerdings wollte er sich auch keinen Ärger mit seinem Therapeuten einhandeln - und vielleicht noch aus der Klinik gewiesen werden, weil er sich an aktiver Mitarbeit weigerte. Immerhin musste er sich auch irgendwie auf diese Therapie einlassen - wenngleich er auch lieber den ganzen Tag unter seiner Bettdecke verbracht hätte.

Ein wenig ungeduldig wippte er mit seinem Fuß, als er das „Herein!“ hörte und zitternd die Türklinke herunter drückte.
Law saß in seinem Stuhl und schrieb auf irgendwelchen Papieren herum, als er den Kopf hob und überrascht die Brauen hob.
„Oh, sie sind es. Sie bringen mir ihre Fragebögen, nehme ich an?“
Der blonde nickte vorsichtig und durchquerte das Büro zu Laws' Schreibtisch, ehe er diesem die Unterlagen reichte.
„War es wirklich sehr schwer, die Fragen wahrheitsgemäß zu beantworten?“ fragte er und las sich nebenbei die Antworten durch.
Auch, wenn er es vermutlich nicht sehen konnte, nickte Rocinante langsam - quälend langsam, ziehend wie Kaugummi - und knetete sich nervös die Finger.

Die Gefühlsregungen in Laws' Gesicht waren angestrengter, als bei ihrem ersten Gespräch heute morgen - dieses mal erkannte er rein garnichts in dessen Mimik.
Und das machte ihn nur noch nervöser.



Als dieser letztendlich das Klemmbrett auf den Tisch legte, zuckte Rocinante auf.
„Was haben sie gefühlt, als sie sich all das durchgelesen und beantwortet haben?“
Law sah ihm direkt in die Augen.
Der blonde selbst, presste die Lippen zusammen - und sah letztendlich auf seine Tafel.
Er hatte dem Röntgenblick nicht länger standhalten können.

Seine Finger zitterten stark, als er nach dem Stift griff - der Deckel wäre ihm beim abziehen beinahe aus der Hand gefallen.
Seine Schrift war unsauber und krakelig, als er seine Antwort betrachtete und schluckte, ehe er sie Law zeigte.



Ich hatte Angst - war aufgewühlt. Nervös - traurig. Fühlte mich schuldig - müde, weil ich das alles nicht mehr.. ertragen kann. Schmerzen. Wut. Trauer - Angst. Nervosität - all das.

Es war soviel - zu viel - was ich gefühlt habe.




Law las Zeile um Zeile - und nickte wieder.
„Und wie fühlen sie sich jetzt?“


Rocinante biss sich auf die Lippe - wischte zitternd über die Tafel und verwischte die Schrift, die so unförmig und ungelenk gewirkt hatte, setzte zu neuen Worten an die ihm übel mitspielten.


Das Quietschen deines Stiftes erfüllte für einige Zeit als einzige Geräuschequelle den Raum, der plötzlich so erdrückend wirkte, als würde jeden Augenblick alles zusammenbrechen.
Der Geruch von Laws' Kaffee stieg ihm in die Nase, setzte sich dort fest und vermischte sich mit seinem eigenen Geruch nach Angst.

Blanker, purer Angst.


Zitternd legte er den Stift ab, steckte den Decken zurück auf die Spitze und umhielt mit klammenden Fingerspitzen den metallischen Rand seiner einzigen Kommunikation, die sich rutschig unter seiner Haut anfühlte.



Es hat.. es hat sich nichts geändert.


„Auch nicht, wenn sie zeichnen würden? Jetzt, in diesem Augenblick?“



Vor Schreck - und mit geweiteten Augen - rutschte ihm fast die Tafel aus der Hand, als sein Therapeut seine Frage unvorbereitet in den Raum warf.
Ihn mit seiner Ablenkung - seinem einzigen Lichtblick - konfrontierte. Und sie, vielleicht auch ein wenig, infrage stellte.

Er wusste nicht, ob Trafalgar Law etwas mit seiner direktheit bewirken wollte - und wenn doch, funktionierte das vielleicht ein wenig.


War das vielleicht auch eine seiner Methoden?
Das man sich mit seiner Vergangenheit konfrontieren musste, um sie endlich verarbeiten zu können, war klar - aber sollte solch ein Prozess nicht langsam herbeigeführt werden?



Rocinante drückte sich mit dem Rücken gegen seinen Stuhl - die natürliche Fluchtreaktion.

Seine Finger pressten sich in Tafel und Stift. Law beobachtete seine Reaktion - und sah ihn dann entschuldigend an.
„Verzeihen sie die Direktheit - aber manchmal ist dieser Weg hilfreicher, als um den heißen Brei zu reden. Und anhand ihrer Reaktion nehme ich an, dass ich richtig liege.“

Rocinante erwiderte nichts - sondern schien wie zur Salzsäule erstarrt.
„Traumata sind, in manchen Situationen, wie ein Schalter der sich umlegt - und die betreffende Person zu einem Wrack macht. Und die Entwicklung daraus ist unterschiedlich - der Fluchtreflex allerdings ist eine grundlegende Reaktion, die die betroffende Person zeigt, wenn sie konfrontiert wird.
Sie beispielsweise, klammern sich in die Armstützen des Sessels - weichen zurück, als hätten sie sich verbrannt und ihre Gedanken rasen durch ihren Kopf, denn sie wirken dabei ein wenig abwesend.“

Law faltet seine Hände zusammen. „Ich kann natürlich keinen ihrer Gedanken lesen - aber anhand ihrer körperlichen Gestiken und den Zügen auf ihrem Gesicht erkenne ich, dass sie angst haben. Angst vor etwas, dass sie von innen heraus auffrisst, wenn wir nichts dagegen tun. Allerdings scheint das zeichnen ihnen eine gewisse Sicherheit - einen gewissen Schutz - zu bieten. Und das ist, trotz all der für sie negativen Empfindungen, doch eine positive Entwicklung.“
Er lächelte - und packte die Papiere des blonden in seine Mappe.

„Ihre Therapie soll ihnen helfen all den Emotionen, Albträumen, Gedanken und der Vergangenheit hinter ihrer Stirn ein Gesicht zu geben - und wenn sie das tut, verarbeiten sie gleichzeitig ihr Trauma.

Und erobern ihr Leben Stück für Stück zurück. Ihr Hobby - ihr Talent - wird ihnen dabei helfen. So wie Robin und ich.“



Rocinante sah ihn zweifelnd an - aber erkannte, dass sein Therapeut recht hatte.
Wenngleich er das auch weder wirklich glauben - noch daran denken - wollte.  

Er beruhigte sich ein wenig - seine Haltung wurde ruhiger, und ein wenig entspannter.

„Und wenn sie den Rest der bei ihnen liegt, dazutun - sehe ich keine Probleme darin. Natürlich werden wir Ebene für Ebene freischaufeln - Schritt für Schritt.
Langsam, um sie nicht zu überfordern - denn wie ich ihnen bereits zu Beginn sagte, werden wir sie zu nichts zwingen. Wenn sie der Meinung sind, dass ihnen dieser Schritt nicht hilft und sie anderweitig Hilfe beanspruchen möchten, dann können sie das jederzeit abbrechen - und wir suchen eine andere Lösung.“


Doch Rocinante, der die Worte verstanden hatte, schüttelte so heftig den Kopf das sein Haar hin und her wirbelte.
Natürlich fühlte er sich nicht gerade wohl - jedoch war das vielleicht seine letzte Chance.
Und die wollte er nun irgendwie ergreifen - selbst wenn das hieß, die Hölle noch einmal zu erleben.


Wenn er danach endlich wieder ein glückliches Leben führen könnte, würde er das nun ertragen.








Als Robin ihn abholte, war er noch ein wenig blass - doch er fühlte sich nicht allzuschlecht wie gedacht.
Auch, wenn das vermutlich nur bis zu seinem Schlaf anhalten würde - bis die Albträume wiederkamen.


„Und, was hat Law gesagt? Hat er dir gesagt, wie deine Therapie ablaufen wird?“ Sie reichte ihm eine heiße Tasse mit Kakao.
Sie hatte sich mit ihm auf sein Bett gesetzt und noch einen Blick auf sein Bild geworfen.
Rocinante stellte die Tasse auf dem Nachttisch ab und griff nach seinem Stift.


Ja - und er hat mir noch einmal erklärt, dass ich nur Fortschritte erzielen kann, wenn ich mich darauf einlasse.

Robin las aufmerksam, während sie einen Schluck aus ihrer Tasse trank - sie runzelte sie Stirn, ehe sie seufzte.
„Law war wohl wieder sehr direkt - aber er glaubt eben daran, dass diese Art und Weise besser ist als jeden ständig wie ein rohes Ei zu behandeln.
Ich meine - natürlich ist er ein sehr guter Therapeut, ein bemerkenswerter Mediziner und auch wirklich sehr einfühlsam, um die Situation zu erkennen und die bestmögliche Lösung zu finden. Aber manchmal.. wirkt er doch.. sehr.. ruppig “ teilte sie ihre Gedanken mit ihm und umklammerte ihre Tasse, aus der ein warmer Dampf schwebte und dessen süßer Duft den Raum einnahm.

Nachdenklich neigte der blonde den Kopf zur Seite. Natürlich war ihm das auch aufgefallen.
Er wischte wieder auf seiner Tafel herum und schrieb etwas neues auf.


Naja, als Mediziner muss man auch subjektiv sein, denke ich - ich meine, man kann ja nicht in Tränen ausbrechen, wenn man jemandem sagen muss das er tödlichen Krebs und nur noch wenige Monate zu leben hat.  

Seine Pflegerin lächelt.
„Du hast ja auch eine relativ subjektive Betrachtungsweise.“
Es klang nicht vorwurfsvoll.




Er seufzte lautlos und zuckte dann mit den Schultern.
Was hätte er auch dazu sagen sollen?


Ja - ich selbst kriege zwar bei mir selbst immer Anfälle und den Wunsch vor den nächsten Zug zu springen - aber bei anderen hab ich den totalen Überblick!  - Ne, wirklich nicht.


Robin erkannte, dass er jetzt wohl in einem Zwiespalt mit sich selbst steckte und beschloss, das Thema zu wechseln.
Sie stand auf und ging zu seinem Schreibtisch.
Sie fuhr mit dem Finger über sein Bild und sah ihn an, lächelte breit und griff nach seinem Bleistift.


„Was hältst du davon, wenn wir gemeinsam an einem neuen Bild arbeiten? Ich würde meinem Freund gerne etwas persönliches schenken und habe mich gefragt, ob du nicht Lust hättest mir zu helfen.“  


Rocinante schien überrascht, aber nickte wohlwollend und begann wieder, auf seiner Tafel zu schreiben.

Er lächelte breit, als er sie ihr entgegen hielt.


Sehr gern - hattest du etwas bestimmtes im Sinn?  


Seine Pflegerin klatschte begeistert in die Hände, legte dann ihren Zeigefinger an ihr Kinn und überlegte kurz - ehe sie wissend ihre Faust in die Handfläche schlug.

„Zorro liebt Drachen! Ein Drache wäre perfekt! Oder wäre das zuviel verlangt?“ fragte sie nun leicht beunruhigt, doch Rocinante schüttelte lächelnd den Kopf.
Robin erwiderte seines.





Diese Ablenkung kam ihm mehr als gelegen.  









Law, der nach dem Gespräch mit seinem neusten Patienten gerade dessen Therapieplan zusammenstellte und die Akte mit neusten Ergebnissen füllte, stutzte.

Gruppentherapien würde Rocinante bald ebenso absolvieren müssen, um seine Eingliederung in die Gesellschaft wieder voranzutreiben - allerdings langsam. Erst einmal war die oberste Priorität, den blonden soweit zu sozialisieren um ihm das Gefühl von Angst in der Umgebung Fremder zu nehmen und ihn selbstständiger in aktiven Gesprächen werden zu lassen - das er sich freiwillig in Aktionen eingliederte, sich nicht unwohl fühlte wenn er mit Fremden in Kontakt trat und auch von sich etwas etwas erzählte.

Und darin bestand einer der nächsten Faktoren: Rocinante und seine Stimme.




Auf Laws' Schreibtisch lagen inzwischen einige Medizinjournale zum Thema Stummheit und Fragen, die er sich aufgeschrieben hatte.


Warum ist ein Mensch stumm? Warum spricht er nicht? Was für Gedanken kreisen in seinem Kopf? Welche Ursache hat Stummheit? Welche Schwierigkeiten und Hindernisse stehen einem Menschen mit Stummheit im Weg?  



Er atmete angestrengt ein und massierte sich die Schläfen.
Dieser Fall würde ihm wohl noch einige schlaflose Nächte bereiten.



Law notierte sich gerade noch einige Auffälligkeiten der kurzen und spontanen Besprechung, als sein Handy klingelte.
Stutzig legte er den Kugelschreiber beiseite und fischte es aus seiner Tasche.
Ein Blick auf das Display ließ ihn genervt schnauben und er drückte den Anrufer einfach beiseite, ehe er sich wieder seinen Unterlagen widmete.




Das würde er sich nervlich jetzt nicht antun.











ooc-robin. i'm sorry.
but she's kinda' cute one.
und ohne ooc funktioniert hier sowieso nichts. fantastisch.

letztendlich hat unser patient also ein hobby - das zeichnen.
und unser doktor konfuzius scheint robins vorschlag, dass mit der therapie unseres precious rocinantes' zu verbinden, eventuell ernsthaft in erwägung zu ziehen.
wenn das mal nicht schief geht - poor precious rocinante.

well.
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