Morgue.

von Makaber
GeschichteRomanze, Thriller / P18 Slash
06.11.2019
09.11.2019
2
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Kapitel Eins - Geschwisterliebe.




Das Bild eines ausländischen Jungen im Fernsehen, darunter eine abstruse Headline.
Ich tunkte mein Ei in den Haufen Ketchup am Rand meines Tellers und biss die oberste Hälfte ab, genau durch die Mitte des Eigelbs. Es war noch flüssig und lief mir übers Kinn.
David reichte mir stumm eine Serviette. Er hatte sein Frühstück noch nicht angerührt.
„Keinen Hunger?“
„Bin satt von gestern Abend.“
Schweigen.
„Ich muss gehen.“ Er schob seinen Teller von sich, sah fahrig zum Fernseher.
Ich rückte sein Frühstück gerade wieder zu ihm zurück. „Iss was.“
„Nein, ich-“ Er schüttelte den Kopf. „Der Laden. Die Öffnungszeiten.“
„Du öffnest um zehn und wir haben acht. Komm schon, wenigstens ein halbes Brötchen. Danach kann ich dich auch hinbringen.“
Meine Worte schienen ihn nicht unbedingt zu überzeugen. Es dauerte eine ganze Weile, bis er eines der Gebäckstückchen in seinen Händen zerrupfte. Nur jeder dritte Brocken landete in seinem Mund.
Ich kommentierte sein Verhalten nicht, stand auf und bereitete ihm eine Tasse Tee vor. Schwarz, mit drei Löffeln Zucker und einem Schuss kalte Milch.
„Hier.“
Er nahm mir das Getränk ab, starrte es an. „Danke. Hat alles sehr gut geschmeckt.“
Wen wollte er bitte verarschen?
Ich schnaubte. „Du meinst, das trockene Brötchen mit nichts?“
„Ja?“ Er blinzelte. Manchmal mit dem linken Lid etwas zu spät, als wäre sein Gehirn damit überfordert, alle Bewegungen aufeinander abzustimmen. Es ließ ihn dümmer aussehen, als er tatsächlich war.
„Na gut.“ Ich zuckte mit den Schultern. „Räumst du die Aufstriche in den Kühlschrank? Ich werf' die Spülmaschine an.“
David tat, was ich ihm sagte. Er war sehr einfach gestrickt, was das anging.
„Bereit?“ Keine zehn Minuten später tippte ich ihm in die Seite und warf ihm sein Sweatshirt zu.
„Isaiha?“ Er drückte die Stoffjacke an seine Brust. „Du musst mich nicht fahren.“
„Ist schon okay. Ich mach das gerne.“ Ich schnippte ihm gegen die Nase, er kräuselte sie, ein bisschen wie ein Kaninchen, bevor er mich von unten herauf anlächelte.
Ich betete für diese Momente.
„Na los, gehen wir. Vielleicht können wir noch ein bisschen wischen, bevor die ersten Kunden kommen.“
„Lieber nicht.“
„Warum nicht?“
„Es ist sehr staubig.“
Entstauben ist ja auch der Sinn hinterm Wischen.“ Ich schüttelte den Kopf, lachte leise. „Tu nicht so, als wärst du allergisch dagegen.“
„Bin ich.“
„Bist du nicht. Ich kenne deine Krankenakte.“
Er verzog das Gesicht, sagte aber nichts mehr dazu. Meine Hand in seinem Rücken zwang ihn nach draußen.

Im Auto ging Davids erster Handgriff direkt ans Seitenfach der Tür. Dort lagerten meine CDs in einer abgewetzten, lila Mappe. Das Autoradio war zu alt, um die Musik von meinem Handy abspielen zu können.
Ich startete den Motor und setzte den Blinker, während er leise neben mir raschelte, jedes Mal, wenn er eine Seite umschlug. Mir war nicht ganz klar, wonach er da suchte, aber es endete immer damit, dass er CDs in einer anderen Reihenfolge anordnete, als gäbe es irgendein System, das durcheinander geraten wäre.
Ich wandte den Blick ab und fuhr los. „Hast du eigentlich wieder neue Bücher reinbekommen?“
„Die Bestseller, ja.“
„Kann ich mir welche ausleihen?“ Ich grinste ihn an, er lächelte sachte zurück, antwortete aber nicht. Also wechselte ich das Thema. „Wollen wir später dann zusammen zu Mittag essen? Ich kann einkaufen gehen und wir kochen uns bei dir was.“
Er kratzte sich am Hals, mit dem Ringfinger. Zwischen den anderen hielt er eine unbeschriftete Disk, wohl unsicher, wo sie hingehörte. „Ich hab nicht aufgeräumt.“
„Okay.“ Ich lenkte um die Kurve. „Und zu mir? Ich hole dich vom Laden ab.“
„Ich lasse heute länger geöffnet.“
Alles klar. Der altbekannte Wink mit dem Zaunpfahl.
„Ein andermal halt“, gab ich nach. Im Rückspiegel fuhr mir ein anderer Wagen fast auf den Arsch, ich drosselte demonstrativ die Geschwindigkeit unter das erlaubte Tempolimit und ignorierte sein aufgebrachtes Hupen.
„Ja, ein anderes Mal.“
Davids Kopf war komplett von mir abgewandt. Ich nutzte die Gelegenheit und ließ meinen Gesichtsausdruck komplett entgleiten, ließ mir die zehn Sekunden, um einfach mal enttäuscht zu sein. Ich wollte lediglich ein kleines Bisschen von ihm zurückbekommen. Und ich erwartete ja auch nicht die Welt. Bloß einen Abend zusammen. Wir, ein Film, eine bequeme Couch und die zwei Meter Sicherheitsabstand, die ich bevorzugte. Das reichte mir schon.
„Du guckst seltsam.“
Wie automatisch setzte ich wieder ein Lächeln auf, froh darum, dass ich ihn nicht direkt ansehen musste. Es war leichter, ihm auszuweichen, wenn ich die Straße vor Augen hatte. „Was meinst du?“
„Ich weiß nicht.“ Schulterzucken, bevor er sich die zu Fäusten geballten Handflächen gegen die Oberschenkel presste und die Augenlider fest zusammenkniff.
Ich sah nicht hin. Ich verabscheute es, wenn er das tat.

„Da wären wir“, verkündete ich, als ich mich abschnallte. „Machen wir uns an die Arbeit?“
„Ne.“ David schüttelte durchgehend den Kopf, während er ausstieg und die Ladentür öffnete. „Keine Lust.“
„Dann mach ich das halt. Hast du 'nen Staubwedel da?“
„Einen was?“
Wir sahen uns beide gegenseitig fragend an. Ich konnte nicht genau sagen, ob er mich nur auf den Arm nahm, weil es ihm gegen den Strich ging, dass ich in seinem Hoheitsgebiet aufräumte, oder ob er echt so weltfremd war, dass er keine Ahnung hatte, was ein verdammter Staubwedel war.
„Also nicht“, mutmaßte ich langsam und folgte ihm nach drinnen, nachdem er endlich die Ladentür geöffnet hatte. „Hast du dann eventuell eine neue Lieferung reinbekommen oder so? Irgendetwas, bei dem ich dir helfen kann?“
„Wir könnten gucken, ob die Bücher wieder im richtigen Regal stehen.“
„Was meinst du?“
„Na ja“, er kratzte sich über den Oberarm, „den Klappentext lesen und zum entsprechenden Genre einsortieren.“
Ehrlich jetzt? „Okay, klingt gut.“ Mit absoluter Sicherheit gab es schönere Beschäftigungen, die ich mir vorstellen konnte, aber es war mir recht, wenn David mich dafür nicht sofort wieder auf die Straße setzen würde. Kam nicht selten vor, dass er nach einem zusammen verbrachten Tag die dreifache Anzahl an Tagen Pause von jeglichem sozialen Kontakt brauchte.
„Dann fang du hier bei den Sachbüchern an. Ich gehe hinter zu den Thrillern.“ Er wartete meine Antwort gar nicht erst ab, war schon am anderen Ende verschwunden, bevor ich hatte zustimmen können. Dabei war mir klar, warum er sich dorthin verzog – ich gab ihm zehn Minuten, in denen ich lustlos überprüfte, ob die verschiedenen Bücher am richtigen Platz waren, bevor ich nach ihm sah und, Tatsache, da hockte er auch schon auf dem Boden mit einem Buch in der Hand und las. Nur nicht die Kurzbeschreibung, sondern den ganzen Band an sich.
„Sieht ja schwer nach Arbeit aus“, feixte ich in seine Richtung.
Er zuckte kurz zusammen und hob dann den Blick. „Ich war mir mit dem Genre nicht sicher, deswegen hab ich mal reingelesen.“
„Natürlich.“ Augenverdrehend machte ich mich wieder ans Überprüfen der Standorte.
Es war immer das Gleiche mit ihm.

Am Abend schrieb ich David eine kurze Nachricht, als ich mit dem Kochen fertig war. Nur für den Fall, dass er es sich überlegt hatte, dass er doch meine Gesellschaft wollte – und mein Essen. Und Tatsache, er wollte. Leider Gottes erst knappe dreizehn Stunden später.
Dementsprechend begeistert war ich, mitten in der Nacht von seinem penetranten Klingeln geweckt zu werden. Ich musste gar nicht nachdenken, ich wusste, dass er es war, kaum hatte ich die Augen aufgeschlagen. Niemand, absolut niemand, den ich kannte, war so rücksichtslos wie mein Bruder.
Seufzend stemmte ich mich auf die Unterarme und blinzelte einige Male. Der Radiowecker zeigte ein Uhr nachts an. Inhuman.
„Fuck.“ Ich rieb mir übers Gesicht. Immer noch klingelte es. Ununterbrochen. Würde er dieselben Geräusche unten hören können, würde er es sein lassen. Er würde vieles sein lassen, wenn er wüsste, was es für Auswirkungen auf andere hatte.
„Ja, verdammt!“ Meine Decke fiel zu Boden, ich schleppte mich zur Eingangstür und drückte den Summer.
Schritte auf der Treppe.
Ich lehnte mich in den Hausflur, horchte auf irgendetwas von den beiden Wohnungen neben und gegenüber von mir, doch das Theater schien niemanden geweckt zu haben. Gut. Ich konnte mir keinen Stress leisten. Die Wohnung war billig und in einer guten Gegend und ich hatte es nah zum Arbeitsplatz. Sozusagen ein Glückstreffer.
„Ich wollte früher antworten.“ Er erschien am Treppenabsatz, kam auf mich zu. „Tut mir leid.“
„Du könntest nächstes Mal einfach anrufen, statt das ganze Haus zu terrorisieren.“
„Wieso?“, fragte er und legte den Kopf leicht schief. „Die alte Dame rechts ist doch schwerhörig.“
„Ja, aber gegenüber von mir wohnt eine Familie mit Kind. Außerdem ist es allgemein unhöflich.“
„Okay.“ Er streifte sich die Schuhe ab. „Entschuldigung.“
„Ist in Ordnung.“ War es verflucht nochmal nicht. „Appetit bekommen?“
„Ja.“ Er zuckte mit den Schultern. „Du wolltest doch gemeinsam zu Abend essen.“
Ich blieb still. Es wäre nutzlos, ihm den Unterschied von Abend und Nacht zu erklären, er würde mich einfach nur anstarren und schließlich das Thema wechseln, wie er es immer tat.
„Komm rein.“
„Danke.“
Wie selbstverständlich lief er an mir vorbei in die Küche und suchte im Kühlschrank nach einem Topf oder einer Schüssel, irgendetwas, in dem man Nahrung aufbewahren konnte.
Es störte mich irgendwie – nicht, dass er bei mir herumwühlte, sondern die Art, wie er es tat. Als wäre er sich zu hundert Prozent sicher, dass ich ihm etwas übriggelassen hatte. Und natürlich hatte ich das, das tat ich immer. Jedes einzelne gottverdammte Mal.
„Asiatisch?“ Er stellte den Topf in der Mitte des Küchentisches ab, den Deckel bereits in der Hand. Er schien keine Reaktion meinerseits zu erwarten, holte stattdessen Geschirr und Besteck aus den Schubladen und häufte uns das Gemisch aus Reis, Erbsen, Karotten und Hähnchenstückchen auf die Teller. Noch bevor er sich überhaupt gesetzt hatte, stopfte er sich schon die erste Gabel in den Mund.
Ich resignierte. Er war speziell, in jederlei Hinsicht. „Willst du es nicht wenigstens vorher aufwärmen?“
Die Gabel flutschte zwischen seinen Lippen heraus, ein Krümel Reis fiel zu Boden. „Entschuldige.“
Also kamen die Teller in die Mikrowelle, sechshundert Watt, drei Minuten, und zurück auf den Küchentisch.
„Guten.“
Nicken.
David schaufelte das Essen regelrecht in sich hinein, ich beobachtete ihn dabei, nur leicht angewidert.
„Alles okay bei dir?“, fragte ich.
„Warum?“ Er legte sich über die Lippen, beugte sich tiefer über seinen Teller.
„Weil du isst, als wäre der Teufel hinter dir her.“
„Gar nicht wahr.“ Und er machte weiter, war fertig, als ich vielleicht einen Drittel in mir hatte – was mir auch reichte. Ehrlich, ich hatte nicht vorgehabt, jetzt nochmal meinen Magen zu füllen. Ich war noch satt vom eigentlichen Mittag.
„Bleibt das übrig?“ Seine Gabel schwang in meine Richtung, legte eine Spur Essensreste bis zu mir hin. Und auf meinen Tellerrand.
„Nein, schon gut. Du kannst es haben.“
„Wirklich?“
„Sicher.“ War ja nicht so, als würde er mich mit diesem hungrigen Blick dazu zwingen. Er war ein Gerippe. Man durfte froh sein, wenn er denn mal was aß. Umso seltsamer sein Heißhunger momentan. Aber was bitte an ihm war überhaupt normal?
„Es ist wirklich gut. Ich kann überhaupt nicht kochen.“ Er grapschte nach meiner Portion und schaufelte sie in Sekundenschnelle in sich. „Und dein Tofu schmeckt immer so echt. Das, was ich kaufe, ist widerlich. Wie getarntes Gemüse.“
„Ist ja auch nichts Anderes als das.“ Deswegen war das auch kein Fleischersatz, sondern das wahre Zeug. Er brauchte die Proteine, auch wenn er es nicht einsehen wollte.
Er musterte mich kurz, fuhr sich dann durchs Haar. „Dir hat das nicht geschmeckt? Merkst du den Unterschied eher? Du musst für mich nicht extra vegetarisch kochen, wenn du es nicht magst. Ich kann für mich alleine sorgen.“
Seufzend stand ich auf und verstaute unser Geschirr in der Spülmaschine. „Red' keinen Unsinn.“ Er konnte nicht mal für einen Goldfisch sorgen, wie dann erst für sich selbst?. „Wollen wir schlafen gehen? Kannst bei mir im Bett schlafen, ich penne dann im Wohnzimmer.“
„Nein, keine Umstände. Bitte. Ich gehe wieder heim“, winkte er sofort ab und hob verneinend beide Hände, in einer Manier, als wäre ich ein Polizist und würde meine Waffe geradewegs auf seine Stirn richten.
Ich schnaufte. „Alleine? Vergiss es. Am Ende murkst dich jemand ab.“
Er biss sich auf die Unterlippe. „Dann … dann schlafen wir beide in deinem Bett. Weniger Arbeit.“
„Wir beide?“ Oh, das war nicht weniger Arbeit, das war anstrengender als ein zehn Kilometer-Marathon. Und ich schaffte höchstens zwei.
„Ja!“, nickte er. „Wie früher manchmal.“
Nur, dass wir da noch Kinder gewesen waren. Und keine erwachsenen Männer.
„Soll ich davor duschen? Damit ich sauber bin?“, redete er weiter, irgendwie aufgeregt. Er hielt noch sein Glas in der Hand, trank es in einem Zug leer und reichte es mir dann.
Ich nahm es ihm ab und stellte es auf die Anrichte, falls er später noch etwas trinken wollte. Man musste ja nicht gleich zwei Gläser schmutzig machen. „Wenn du magst.“ Ich versuchte, mich von der Fantasie, er könnte nach meinem Duschgel, nach mir riechen, abzulenken. Sein Eigengeruch bestand nur aus Staub und dem Geruch frisch gedruckter Bücher. Nicht direkt unangenehm, auch nicht schön, aber zumindest vertraut. Er hatte schon immer viel gelesen.
„Okay.“
Ich blieb dämlich in der Küche stehen, den Kopf voller Gedanken, die ich nicht haben sollte, bevor ich mich ins Schlafzimmer schleifte und mir die Klamotten von Körper zerrte. Die Shorts ließ ich an. Manchmal schlief ich nackt, heute nicht. Ich musste so viel von meinem Unterkörper bedecken, wie nur möglich.
Hastig kramte ich in meinem Schrank nach einer meiner Jogginghosen, schlüpfte hinein und platzierte das Ende knapp unterhalb meines Bauchnabels. Dann folgte ein weites T-Shirt, ich stopfte das Ende in die Hose, versteckte die Haut an meinem Lenden, bevor ich in den Spiegel starrte.
Ich sah beschissen aus, wie ein Kleinkind. Fehlten nur noch ein Paar Hosenträger.
„Scheiße.“ Ich raufte mir die Haare. Das war nicht richtig, das war krank. Ein paar harmlose Berührungen sollte ich ertragen können. Es war affig, wie ich mich aufführte. Ich würde einfach schlafen wie jeden anderen Tag auch. Ohne Shirt, ohne Pyjama allgemein.
Ich hatte gerade Brust und Arme von hundert Prozent Baumwolle befreit, da verstummte das Rauschen aus dem Zimmer nebenan und schreckte mich aus meinen Gedanken. Ich hielt inne, die Finger am Hosenbund.
„Ich, äh, ich hab nichts zum Wechseln dabei …“ Seine klatschnasse Gestalt begrüßte mich. Da hing ein Handtuch, mein Handtuch um seine Hüften und ich fragte mich, wozu er es benutzt hatte, wenn offensichtlich nicht dazu, sich abzutrocknen. Ich konnte sogar sehen, wie einzelne kleine oder große Tropfen sich ihren Weg über seinen Körper bahnten. Seine dünnen, knochigen Rippen hinunter, um in einer seltsam schrägen Linie in seinem Bauchnabel zu verschwinden.
Ich konnte nicht atmen.
Vielleicht war es gut, dass er gekommen war, bevor ich mich komplett hatte ausziehen können, weil das Bild, das er mir präsentierte, sich in meine Netzhaut einbrannte und eine Gänsehaut über meinen gesamten Rücken schickte. Ich meine, er war praktisch entblößt. Hüllenlos, blank, im Adamskostüm.
Ich blickte tiefer auf die Stelle, an der er Haare haben müsste, aber dort war nichts. Nur glatte, helle Haut. Er hatte sich rasiert.
„Isa? Kannst du mir was leihen?“ Er wand sich unter meinem Blick, knackste unruhig mit den Fingerknöcheln.
Ich riss mich zusammen. „Sicher, selbstverständlich. Bedien' dich einfach.“ Ein Fingerzeig zum Schrank und schon bückte er sich nach frischer Kleidung, während ich versuchte, ihn nicht mit meinen Blicken weiter auszuziehen. Ich wollte ihm Dinge antun, die mich ins Gefängnis bringen würden. Und in die Hölle.
„Kann ich mich hier umziehen oder soll ich nochmal ins Bad?“
„Nein, Unsinn. Ich guck' dir schon nichts weg.“ Ich räusperte mich und versuchte mir einzureden, dass es tatsächlich nichts gab, was ich nicht schon gesehen hatte, damals, als wir noch klein gewesen waren. Zusammen in der Badewanne, im Kinderzimmer, im Schwimmbad. Aber, bei Gott, das war so viele Jahre her. Nichts an ihm sah mehr aus wie früher.
„Okay?“, meinte er unsicher und sah er auf das T-Shirt und die Boxer in seinen Händen, bevor er tatsächlich nach dem Rand des Handtuches griff und ich mich hektisch dafür entschied, es doch nicht mitansehen zu wollen. Ich war jetzt schon hart, alleine von der Vorstellung, ihn gleich nackt vor mir zu haben. Mein Schwanz hatte ein unübersehbares Zelt gebaut und ich hatte nicht vor, es David zu präsentieren.
„Kannst dich wieder umdrehen“, sagte er keine halbe Minute später, aber ich rührte mich nicht. Es war zu offensichtlich. Ich war so erregt, ich konnte kaum mehr klar denken.
„Ist alles in Ordnung? Warum schaust du die Wand an?“
„Kannst du das Licht ausmachen?“ Jetzt war es an mir, ihm mal nicht auf seine Fragen zu antworten. Vielleicht bekam er dadurch mal mit, wie furchtbar nervtötend das war.
„Ja, gut.“
Ich krabbelte unter die Decke, ganz an den Rand des Bettes, sobald Dunkelheit sich auf das Zimmer legte. Keinen Moment später sank die Matratze neben mir ein. Eine Hand schob sich auf meinen Unterarm.
„Ich fand's immer toll, wenn ich bei dir im Bett schlafen durfte. Da hab ich mich sicher gefühlt.“
„Wir haben uns doch eh ein Zimmer geteilt“, murmelte ich abgelenkt.
„Ja, aber … trotzdem.“
„Aha.“ Das hier war dermaßen falsch. Es war widerlich, in Kindheitserinnerungen zu schwelgen und gleichzeitig an Sex zu denken. Ich mochte nicht, wie die Grenze sich vermischte. Egal, wie ich über ihn dachte, ob als erwachsenen Mann oder als die jüngere Version von ihm, ich konnte die Gefühle nicht abschütteln, dieses konstante Wollen.
„Bist du müde?“ Er bewegte sich neben mir. Dabei rutschte seine Hand tiefer. Ich zuckte kurz zusammen, als sie nur wenige Zentimeter von meinem Ständer entfernt stoppte. Zum Glück bekam er es nicht mit, zumindest hoffte ich das. Falls doch, ließ er es sich auf jeden Fall nicht anmerken. „Oder magst du noch ein bisschen reden?“
„Mir egal.“ Meine Stimme klang heiser und er ließ seine Griffel einfach auf mir. Er war nah, viel zu nah, ich konnte seinen Atem an meinem Kinn spüren. Reispfanne mit einem Hauch von Minze, als hätte er sich vor dem Besuch noch die Zähne geputzt. Eigentlich widerlich, aber es machte mich an und ich konnte mich nicht dagegen wehren, weil verflucht noch eins alles an ihm mir das Blut aus dem Gehirn in den Süden schießen ließ. In seiner Gegenwart war ich wieder ein hormongeplagter Teenager, der zum ersten Mal einen Porno zu Gesicht bekam.
Gott. Das hielt doch keine Menschenseele aus.
„Wir könnten noch Karten spielen. Soll ich das Licht wieder anmachen?“, flüsterte er und mir war nicht ganz klar, ob ich mir das nur einbildete, aber seine Stimme kam mir irgendwie näher vor, ließ mich hart schlucken.
Wenn er wirklich erwartete, dass wir uns gesittet hinsetzten, hatte er sich geschnitten. Ich kannte ihn, er würde sich die Decke unter den Nagel reißen und mich damit auffliegen lassen. Mir blieb nur eine einzige Möglichkeit, um das zu verhindern – ich musste Druck loswerden. Im Bad, im Raum nebenan. Mit nur einer dünnen Wand zwischen, die uns beide voneinander trennte.
Möglichst unauffällig presste ich eine Hand gegen meinen Schritt und zwang mich selbst zu nichts weiter als einem lauten Ausatmen, obwohl ich hier und jetzt hätte kommen können.
„Ja oder nein?“ Er stützte sich auf mir ab, um halb über mich zu klettern. Als ich meinen Kopf leicht drehte, schwebte seiner direkt über mir. Ich sah nur die dunklen Umrissen, aber sein Gewicht und seine Körperwärme gaben mir den Rest.
„Warte mal kurz, ich muss nochmal pinkeln.“ Hastig befreite ich mich von ihm und stolperte ins Bad, warf die Tür gewaltsam hinter mir zu.
Warum ausgerechnet er?
Ich rupfte mir die Sachen von der Taille, packte meinen Schwanz, drückte hart zu. Fast zu schmerzhaft und gleichzeitig so gut, dass ich die Geräusche nicht mehr unterdrücken konnte, die mir seltsam erstickt über die Lippen kamen. Irgendwie wollte ich das auch gar nicht.
Ich stellte mir einfach vor, es wäre sein Stöhnen, sein Schwanz in meiner Hand. Die Vorstellung reichte, um mich zum Orgasmus zu bringen, nach nicht einmal drei Minuten Wichsen.
Erschöpft blickte ich auf das Sperma an meinen Fingern und wollte mich am liebsten wieder vor mir selbst ekeln, aber da war nichts als pure Erleichterung. Es war, als hätte mein Höhepunkt die ganzen bösen Gedanken einfach mit sich genommen und nur Ruhe hinterlassen. Vielleicht sollte ich mir einfach öfter einen runterholen. Bestimmt wäre ich dann auch wieder etwas zurechnungsfähiger in Davids Gegenwart. Es würde mir sicher guttun.
Seufzend klaubte ich etwas Klopapier zusammen und wischte mich und den Boden sauber, bevor ich mich anzog und mir die Hände wusch. Danach konnte ich endlich wieder zu David und nichts Anderes als großer Bruder sein.
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