Morgue.

von Makaber
GeschichteRomanze, Thriller / P18 Slash
06.11.2019
26.03.2020
17
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Kapitel Sechzehn - Zwickmühle


„Achtung!“
Sebastian düste mit einem arg jungen Typen, wahrscheinlich einem Schüler, Louis' Bett an mir vorbei in Zimmer 606. Glücklicherweise musste ich dieses Mal nicht draußen warten, sondern durfte direkt mit.
„Ist er wach?“
„Im Moment schläft er. Aber oben war er's kurz.“ Sebastian stellte die Bremsen des Bettes fest und kam auf mich zu. „Wir schließen ihn jetzt zur Überwachung an den Monitor. Das machen wir aber bei allen Übernahmen von drüben, das hat nichts Schlimmes zu bedeuten. Ansonsten sollten Sie ihn nicht alleine aufstehen lassen. Nur mit Begleitung von einem von uns.“ Er trat näher an Louis heran und zeigte mir eine kleine, weiße Art Fernbedienung mit zwei gelben und einem fetten, roten Schalter in der Mitte. „Das ist die Notfall-Klingel.“ Fingerzeig auf Rot. „Wenn etwas sein sollte, einfach den Kopf drücken.“
„Okay.“ Ich erwiderte sein Lächeln etwas gefasster als gestern bei dem anderen Pfleger und blieb noch kurz auf der Stelle stehen, während der Schüler Louis verkabelte und dann an einer Seite die Bettgitter nach unten schob.
„Wenn Sie Fragen haben, kommen Sie einfach zu uns“, meinte er und verließ ebenfalls den Raum.
„Klar.“
Sofort hatte ich kein Bisschen Aufmerksamkeit mehr für irgendetwas mehr übrig, das nicht er war. Nicht für die anderen drei Patienten, die sich ebenfalls hier drin befanden, oder die ganzen Ableitungen an seinem Köper, mein Blick lag fixiert auf seinem Gesicht. Ganz friedlich, einfach nur erschöpft. Als wäre er nach einem Workout Schachmatt.
Langsam überbrückte ich den letzten Abstand zwischen uns und suchte unter der Bettdecke nach seiner Hand, drückte sie.
„Hey, Dummkopf“, hauchte ich und fragte mich, ob es scheiße wäre, ihn gewaltsam zu wecken, nur um ihn sprechen zu hören. Aber selbst mit ausbleibender Antwort war ich glücklich. Immerhin war er jetzt wieder auf einer normalen Station und damit ganz offiziell außer akuter Gefahr.
Ich stand noch ein bisschen neben dem Bett und musterte ihn wie ein mieser Stalker, dann holte ich mir einen Stuhl her und platzierte meinen Kopf neben seiner Schulter auf die Matratze.
Jetzt hieß es warten, bis er endlich aufwachte. Und zwar von selbst und nicht durch mich.

„He, Spaten. Ich lieg hier im Krankenhaus und nicht du! Hallo?
Verwirrt blinzelte ich vor mir hin.
„I-sa-i-ah!“
Mein Kopf schnellte hoch. „Louis!“
„Ja, ich bin's.“ Er grinste schief. Er trug keine Sauerstoffbrille mehr und seine Augen waren so fantastisch. Hellblau und glitzernd. „Claudio hat mir auf der Intensiv erzählt, wie unfassbar verzweifelt du warst.“ Kichern. „Und Sebastian meinte, du wärst kurz vorm Heulen gewesen. Oh, und was ich dich noch fragen wollte – wir heiraten?“
Wortkotze, dachte ich und konnte nicht anders, als laut aufzulachen. Es war mir egal, dass er mich gerade ärgerte, ich freute mich sogar darüber. „Ja, tun wir“, gluckste ich. „Ich hab mir gedacht, so am Achten? Da soll angeblich die Sonne scheinen.“
„Spinner.“ Er streckte seine Hand nach meiner aus und zog leicht an ihr. „Hab das Missverständnis übrigens nicht aufgelöst. Ich find's toll, dass jeder hier glaubt, dass du mein Verlobter bist.“
„Andernfalls hätten sie mich nicht zu dir gelassen.“
„Dann hättest du gleich Ehemann sagen sollen.“
Ich schüttelte den Kopf, schmunzelte. Seine Finger woben sich um meine, ein bisschen unkoordiniert.
„Nervös?“, zog ich ihn auf und griff fester zu. „Du zitterst ja.“
„Ah, nein.“ Sein Lächeln verrutschte etwas. „Die Ärzte meinten, das wären noch die Nachwirkungen. Soll wohl ein bisschen dauern, bis das wieder alles beim Alten ist.“
Mir fiel das dämliche Grinsen mindestens genauso schnell aus dem Gesicht wie ihm. „Welche Nachwirkungen?“
„Na ja, irgendwie muss ich mich verletzt haben. Und zwar ganz ordentlich. Hatte eine Hirnblutung. Deswegen haben die mir auch das Loch in den Schädel gebohrt.“
„Loch im Schädel? Warte! Ich dachte, der Verband wäre wegen der Platzwunde?“
„Hm? Hat dir keiner erzählt, warum ich unterm Messer lag?“
„Nein …“ Verwirrt sah ich ihn an. „Ich hab, ehrlich gesagt, nicht darüber nachgedacht, weil … ich hatte andere Sachen im Kopf. Ich meine … Ich dachte, vielleicht haben die was zugenäht?“
„Oh, okay.“ Er blinzelte mich an, kratzte sich ein bisschen verzögert über den Hals, da, wo der Verband endete. „Na ja, jetzt weißt du's. Jedenfalls sagen die Chirurgen, dass ich entweder extrem unglücklich gefallen bin oder mir jemand ordentlich eins übergebraten hat. Deswegen war mir bei Judah auch so schlecht. Das kam gar nicht vom Alkohol.“
„Den du eh nicht getrunken hast.“
Er hob eine Braue. „Ist doch Wurst. Immerhin kam ich relativ glimpflich davon. Wär's schon zu 'ner Blutung gekommen, als ich mir bei Judah Zuhause das Dach angehauen hab, hätte der Druck da oben ziemlich viel kaputtmachen können.“
Ich runzelte die Stirn, dachte nach. „Und wo kam dann die Blutung her?“
„Keine Ahnung. Muss irgendwann später bei dir passiert sein. Vielleicht durch Stress oder so.“
Das ergab überhaupt keinen Sinn, aber das würde ich nicht heute mit ihm ausdiskutieren. Das hatte Zeit, hier war er sicher. Und sobald es ihm wieder besser ging, würde ich ihn ausfragen, gezielt ausfragen. Im Moment jedoch nur das Wesentliche.
„Und das mit deinen Händen?“
„Meine Feinmotorik ist nur ein bisschen angeknackst. Das hätte viel schlimmer ausgehen können. Wusstest du, dass manche sogar daran verrecken? Und andere müssen jahrelang in die Reha, weil die gar nichts mehr können.“ Das Lächeln kehrte zurück. „Also bin ich ein Glückspilz!“
„Wie man's nimmt.“ Ich hob sein Patschehändchen und drückte einen flüchtigen Kuss auf den Rücken. Seine Haut war ganz weich, wie frisch eingecremt. „Hauptsache, dir-“ Verwirrt über seinen plötzlich entsetzten Gesichtsausdruck unterbrach ich mich selbst. „Louie?“
„Du … äh, du hast meine Hand geküsst.“ Er suchte meinen Blick, wurde tatsächlich rot. „Freiwillig. Ohne, dass ich dich dazu genötigt habe!“
„Achso.“ Ich lachte peinlich berührt. „Tja.“
„Ich lass mir öfter das Hirn vollbluten, ehrlich jetzt.“ Er beugte sich vorsichtig vor und spitzte die Lippen. „Und jetzt auf den Mund zur Unterstützung meiner Genesung!“
Unter anderen Umständen hätte ich ihm einen festen Schlag auf den Hinterkopf gegeben, aber in Anbetracht der Umstände haute ich ihm lediglich gegen den Oberschenkel.
„Idiot.“
„Ach je, sogar deine Beleidigungen werden sanfter, wenn du dir Sorgen um mich machst.“ Er kicherte und legte sich wieder auf sein Kissen. „Danke, dass du da bist. Wäre ziemlich einsam ohne dich. Mein Vater ist ja nicht ein einziges Mal vorbeigekommen. Oder hat angerufen.“
„Bestimmt hat ihm einfach nur keiner Bescheid gesagt.“
„Du musst nicht lügen, damit ich mich besser fühle. Ich kenne ihn doch.“ Er gähnte leise. „Gute Güte, ist meine Batterie schnell leer.“
„Dann ruh' dich aus.“
„Bleibst du da?“
„Mhm, ich werde genau hier sitzen, wenn du wieder aufwachst.“
Er lächelte mich glücklich an. Und ich hielt mein Wort, blieb bei ihm und hielt ihn fest, während er friedlich einschlief. Während ich mir weiter so meine Gedanken machte.

„Welch Überraschung!“ Judah sah mich fröhlich an. „Möchtest du eintreten?“
Und wie ich eintreten wollte. Gezielt in seinen Magen. Mit voller Wucht.
Er keuchte und torkelte nach hinten, stützte sich mit einer Hand an der Wand ab. „Weshalb-?“
Ich packte ihn am Kragen seines beschissen weichen Pullovers und zerrte ihn zurück in die Senkrechte. „Was hast du Wichser mit Louis angestellt, huh?“, zischte ich und drückte gleichzeitig meine Stirn hart gegen seine. „Was hast du getan?“
„Mit Louis …?“ Er wandte das Gesicht ab und hustete. So verdammt höflich, sogar während ich ihn verdrosch.
„Stell dich nicht dumm.“ Ich schleifte ihn näher an mich, um ihn dann kräftig wegzuschubsen. Erneut gegen die Wand, ohne ihn ganz loszulassen.
Er ließ es mit sich tun. „Isaiah?“ Sein Gesicht zeigte ehrliche Verwirrung, sein Körper wehrte sich nicht gegen meine Hände, die ihn heftig durchschüttelten. „Was soll ich getan haben?“
„Das weißt du ganz genau!“ Ich ließ ihn los, ballte die Fäuste und schlug ihm in die hässliche Visage.
Sein Kopf flog zur Seite.
„Weißt du es jetzt vielleicht wieder?“ Ich rieb mir über die Handknöchel, Judah fasste sich ans Nasenbein, ungläubig, fast ängstlich. Blut tropfte in die grüne Wolle seines Oberteils.
„Ich bin mir nicht bewusst, was … worüber sprichst du?“
„Muss ich dir etwa noch weiter auf die Sprünge helfen?“ Ich holte erneut aus und, gerade in dem Moment, in dem ich Davids Stimme meinen Namen schreien hörte, kollidierte ich erneut mit seinem Gesicht.
Judah sackte zur Seite weg und krallte sich in einem letzten Impuls an der Wand fest. Stürzte trotzdem.
Ich drehte mich langsam von ihm weg und starrte auf David, der wie versteinert einige Meter von uns entfernt mit dem Fußboden verwachsen war.
„Was tust du da?“, krächzte er erstickt und erlangte im nächsten Augenblick wieder Kontrolle über seinen Körper, preschte vor und fiel neben Judah auf die Knie. „Jude? Jude!
Ich keuchte. Mein Kinn fühlte sich feucht an und warm. Stockend brachte ich meine Hand zu der Stelle, wischte über sie und glotzte auf meine Finger.
Blut. Aber nicht meines.
Mein Blick rutschte tiefer zu Judah, der keinen Mucks von sich gab. Seine Lider waren nur halb offen. Um sein linkes Auge bildete sich ein roter Abdruck, der schneller blau wurde, als ich blinzeln konnte.
Oh-oh.
„Was soll das?!“ David sah mich an, wütend, enttäuscht. „Warum tust du das?!“
Ich ließ mich davon nicht beirren, ausnahmsweise war ich mal im Recht. „Du erinnerst dich, dass es Louis so beschissen ging? Ja? Das war nicht vom Alkohol, sondern von einer Platzwunde am Schädel. Er hatte eine Hirnblutung und lag bis vorgestern noch auf der Intensivstation. Und jetzt sag mir, dass er die sich selbst zugefügt hat!“
„Louis ist …?“ Davids Wut verrauchte sofort. „Ist er okay?“
„Geht so. Er wird ein paar Wochen Reha brauchen, bis er wieder ganz fit ist.“
Oh.“ Er schob die Unterlippe vor, besorgt, dann schien er sich erneut daran zu erinnern, dass wir bis eben noch am Streiten gewesen waren, zumindest reckte er das Kinn angriffslustig in meine Richtung. „Das beweist aber noch lange nicht, dass Judah etwas damit zu tun hat!“
„Tut es nicht? Und wer hat Louis nach oben in sein Zimmer gebracht, nachdem ihm schwindelig wurde?“
Eigentlich hatte ich keine Ahnung, ob ich mit der Behauptung überhaupt richtig lag, aber ich hatte im Gefühl, dass Judah seine kleinen, dreckiger Finger bei dieser Sache im Spiel hatte.
„Das … das war er.“
Aha!
„Aber er war vielleicht zehn Minuten lang weg! Und in den zehn Minuten hat er ihm beim Umziehen geholfen!“
„Ja, oder er hat ihn umgezogen und gleich danach das Hirn zermatscht!“
„Das ist nicht wahr!“ David ließ von Judah ab und stand auf, stampfte auf mich zu. „Er hat noch nicht ein Mal irgendetwas Böses gemacht! Du machst ihn die ganze Zeit über schlecht! Es geht immer nur von dir aus.“
„Von mir? Hast du Kartoffeln vor den Augen oder was? Du musst blind sein, wenn du nicht siehst, was er für eine Art Mensch ist.“ Ich trat einen Schritt auf David zu, sah von oben auf ihn herab, während er den Kopf in den Nacken legte und trotzig den Blick erwiderte.
„Judah war immer nett zu mir“, sagte er mit einer Nachdrücklichkeit, die mir einen Schauer über die Wirbelsäule schickte. „Ich weiß, dass ich seltsam bin. Ich bin nicht blöd. Mir ist klar, wieso ich keine Freunde habe. Und Judah ist es egal. Er nimmt mich genau so, wie ich bin. Er mag mich.“
„Und ich nicht oder was?“
Er presste die Lippen zusammen, dann brach er den Blickkontakt ab. „Zumindest hast du mich nicht gemocht, als Ellen noch am Leben war.“
„Wie bitte?“ Hörte ich schlecht?
„Ist doch wahr. Du hast mich ignoriert, bis du dich um mich kümmern musstest.“
„Ist dir klar, dass ich hätte nein sagen können? Ich hätte dich nicht aufnehmen müssen, wenn ich es nicht gewollt hätte.“
Er blinzelte verdächtig oft.
Ich senkte meine Stimme. „David, ich liebe dich, okay? Du bist mein Bruder.“
„Wenn du mich liebst, dann lass mich meine Freunde selbst aussuchen.“
„Aber er ist gefährlich. Warum verstehst du das nicht?“
„Judah ist nicht derjenige, der gerade zugeschlagen hat.“
Autsch.
„Hör zu, Dave. Okay, ich geb's zu. Vielleicht war das eben nicht so schlau von mir. Aber du kannst nicht mit hundert prozentiger Sicherheit sagen, dass er ihm nicht Rohypnol oder sonst eingeflößt und ihn später verdroschen hat – und wenn nicht, als er ihn hochgebracht hat, dann eventuell später, als ihr schon geschlafen habt.“
„Das hätte ich gehört.“
„Nicht unbedingt. Wenn Louis bewusstlos war, hätte er nicht mal 'nen Mucks gemacht, als-“
„Ich hätte es gehört.“
Ich seufzte frustriert. „Ich habe doch eben gesagt, dass-“
„Ich hätte es aber gemerkt, wenn er sein Schlafzimmer verlassen hätte.“
„Hast du die ganze Nacht Wache gehalten und gelauscht, ob sich im Raum nebenan etwas tut, oder was?“
Er schwieg und zwei Sekunden lang dachte ich, er würde endlich einsehen, dass er falsch lag, als er die Schultern anzog und mich wieder ansah, seine Pupillen mitten auf meine gerichtet.
„Ich hätte es gemerkt, weil ich bei ihm geschlafen habe.“
„Du hast was?“
„In seinem Bett.“
Jegliche Diskutierfreudigkeit verließ mich. Ich konnte ihn nur anstarren, Judahs Worte in meinen Ohren. Ich werde ihn dir schon nicht stehlen.
„Also war er's nicht.“ David wich zurück, drehte sich Judah zu, der mittlerweile wieder zu sich gekommen war. Im Gegensatz zu mir.
„Hat er … hattet ihr …?“ Sex, wollte ich fragen. Ich musste wissen, ob er David verdorben hatte mit seinen ekelhaften Pranken, ob sie ihn verunreinigt hatten. Ob er in ihm gewesen war.
„Geht dich nichts an, was wir gemacht haben!“
Oh Gott.
„Sag mal, spinnst du? Hast du überhaupt eine Ahnung, was das bedeutet?“
„Lass los! Hör auf, du tust mir weh!“
Ich nahm nichts mehr wahr, ich sah rot.
Meine Finger legten sich noch stärker um Davids Handgelenk, drückten zu, quetschten.
Und dann lag ich auf dem Boden.
Keuchend schaute ich auf. In Judahs grinsendes, blutiges Gesicht. „Fass David noch ein einziges Mal auf diese Art an und du wirst es bereuen, Isaiah.“
„Ich schwöre dir, wenn du ihn auch nur falsch ansiehst, werde ich-“
Ich zischte, als er mich packte und auf den Bauch warf, in einer simplen Drehung. So schnell, dass ich es gar nicht realisierte, bis es schon passiert war.
„Diese Drohung gilt eher dir“, meinte er ruhig und stemmte ein Knie in mein Rücken, überkreuzte meine Arme und drängte mich mit dem Gesicht voran nach unten gegen die Fliesen.
„Aufhören, bitte.“ Davids schwache Stimme drang von irgendwo hinter Judah zu uns und sofort lockerte sich dessen Griff minimal – aber nicht genug, dass ich mich hätte befreien können.
Wütend kickte ich nach hinten aus, ein paar Mal, dann gab ich auf. In dieser Position hatte ich keine Chance.
„Kann ich von dir ablassen, ohne befürchten zu müssen, dass du erneut versuchst, mir diverse Gesichtsknochen zu brechen?“
Ich knurrte, er presste meine Arme noch ein Stück weiter Richtung Nacken.
Ja, verdammt! Es reicht!“
„Gut.“ Er ging von mir runter, ich rollte mich hastig auf den Rücken und kroch ein paar Schritte von ihm weg.
Er beobachtete mich dabei. Mittlerweile war die eine Hälfte seiner Fresse in ein so tiefes Blau gehüllt, dass es fast schwarz wirkte. Und er verdiente es.
„Haben wir uns wieder ein wenig beruhigt?“ Er fasste sich an die Nase. „Hm, das wird dauern, bis es verheilt ist. Vielen Dank.
Gern geschehen.
„Hast du Interesse an einem ähnlichen Geschenk?“ Er hob eine Braue, leise Wut in seinen Zügen, aber auch so unheimlich viel Genugtuung. Er wusste, dass er gewonnen hatte.
Ich wusste es genauso. Ich war kein Kämpfer, wenn nicht gerade das Überraschungsmoment auf meiner Seite war. „ … nein.“
„Dachte ich mir.“ Mich fest im Blick ging er seufzend auf David zu und legte ihm einen Arm um die Hüfte. „Warum wartest du nicht in der Küche auf mich? Ich komme gleich nach.“
„Sicher?“ Davids Blick huschte von ihm zu mir, dann wieder zu ihm zurück. „Aber nur, wenn ihr aufhört, euch gegenseitig zu verletzen.“
„Du hast mein Wort.“ Judah lächelte, seine Finger schlichen über Stellen, die ihn nichts angingen. Den Punkt, an dem die Wirbelsäule ins Kreuzbein überging. „Und jetzt ab mit dir.“
Ich bekam keine Luft mehr.
Es gab so viele Menschen auf der Welt – warum er? Warum ein anderer Mann?
Meine Kehle schnürte sich zusammen.
Warum nicht ich?
„Du hast gesagt-“ Die Worte brachen auf meiner Zunge auseinander. „Du hast gesagt, du-
„Oh bitte.“ Judah fuhr herum, lachte. Eiskalt. „Und jetzt halt endlich den Rand, davon kriegt man ja regelrecht Migräne.“
Ich richtete mich auf, wackelte auf ihn zu, ignorierte seine Worte. „Du kannst nicht einfach-“
Das Lächeln wurde breiter, zerrte an seinen Mundwinkeln.
Ich war keinen Meter mehr von ihm entfernt, keinen halben. „David ist mein Bruder!“
„Du sagst es selbst“, Judah überwand die letzten Zentimeter, seine Stirn an meiner. „Dein Bruder.“
Fuck.
Mein Gesicht brannte, meine Augen brannten. Und ich wollte es nicht zeigen, nicht vor ihm. Nicht, wenn David vielleicht wiederkommen könnte. Wenn die Möglichkeit bestand, dass er erfahren könnte, wie ich wirklich über ihn dachte, nachts, wenn er ganz nah neben mir lag und sich an mich drückte. Wenn er mich ganz offen anblickte, verletzlich war. So wunderschön.
Er würde es nicht verstehen.
Ich spürte, wie meine Wangen nass wurden, und ich schämte mich, als Judahs Blick Löcher in mich bohrte. Ich sah es aus den Augenwinkeln, was er dachte. Diese eine Sache, die ich ihm nicht verübeln konnte. Weil es nicht normal war. Nicht akzeptiert.
Langsam trat ich einen Schritt zurück, drehte ihm meine Schulter zu. Damit er mich nicht weiter beim Heulen beobachten konnte.
„Verzeih mir.“ Er folgte mir, eine seiner Hände an meinem Rücken, das Gesicht nicht mehr länger angewidert. „Das war unsensibel und ungerechtfertigt. Ich hätte es nicht sagen sollen.“
Ich schwieg.
Er log.
Seufzen. „Lass uns reden. Auch über Louis. Ich möchte nicht, dass irgendwelche Anschuldigungen zwischen uns stehen.“
Ich hatte keinen Kopf mehr dafür – natürlich war ich wegen ihm hergekommen. Eigentlich. Aber jetzt war es anders. Jetzt gehörte David Judah, auf die schlimmste Weise überhaupt.
„Ich beantworte dir jede Frage.“
Fahrig wischte ich mir die Feuchtigkeit aus der Visage. Ich wusste nicht, was ich tun sollte. Einerseits wollte ich abhauen, mich irgendwo verkriechen und mich selbst bejammern. Andererseits konnte ich David nicht hier lassen. Judah war gefährlich. Judah hatte-
Hat er überhaupt etwas damit zu tun?
„Ich bitte dich lediglich um ein kurzes Gespräch.“
Vielleicht half es auch. Wenn Louis recht hatte, und ich wusste, dass er das hatte, dann reagierte ich jedes Mal über, wenn es um David ging. Die Chancen standen gut, dass ich ihn nur so sehr hasste, weil mir irgendwo im Unterbewusstsein klar gewesen sein musste, dass David ihn etwas zu sehr mochte. Ich meine, ganz objektiv war Judah nicht hässlich und Manieren hatte er auch. Er lobte David. Er machte ihm Geschenke. Und ich wollte ihm seine erste große Liebe kaputtmachen, von der ich ihm so lang und breit gepredigt hatte. Nur weil ich ihn für mich selbst wollte.
Es war nicht in Ordnung, dass ich Louis als Grund benutzte, ihn zu hassen. Wer wusste schon, ob er sich nicht verletzt hatte, indem er aus dem Bett gefallen war? Oder er könnte sich den Kopf irgendwo angeschlagen haben – war es nicht unwahrscheinlicher, dass ihm jemand die Birne mit einem Baseballschläger neu formen wollte? Vor allem jemand, der ihn danach ordentlich in seinem Bett ausschlafen ließ?
„Isaiah?“
Aber einfach so einzuschlafen, ohne sich vorher zu betrinken? Louis war nicht so einer. Ja, er trank gerne und, wenn er frustriert war, auch mal über den Durst hinaus, aber er kannte seine Blackout-Grenzen. Er soff sich keine Erinnerungen weg.
„Isaiah.“
Oder doch der Kreislauf? Er war dürr, also könnte es einfach zu viel gewesen sein. Sein Körper hatte nachher, als er wieder bei den anderen war, schlichtweg dicht gemacht. Oben im Schlafzimmer dann war er schließlich richtig ohnmächtig geworden und gegen die Kante irgendeiner Kommode geknallt. Oder den Waschbeckenrand. Die Türklinke. Das Bettgestell.
„Lass uns reden.“ Judahs Daumen zwischen Schultern und Schlüsselbein holten mich unsanft zurück in die Gegenwart.
Grob fegte ich seine Griffel von mir.
„Gut“, nickte ich knapp. „Aber nicht hier.“
„Selbstverständlich nicht. Wir können nach oben in mein Büro gehen.“ Ein kaum merkliches Lächeln schlich sich auf seine Lippen. „Dort hört uns niemand.“
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