Morgue.

von Makaber
GeschichteRomanze, Thriller / P18 Slash
06.11.2019
14.02.2020
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Kapitel Elf - Fragen übers Verliebtsein


„Darf ich etwas fragen?“
„Na klar.“ Ich kniff die Augen zusammen und tupfte mit dem Daumen etwas der dunkelbraunen Creme unter das Auge. Der Mann hatte Augenringe, als würde er nicht mal im Tod ordentlich ausschlafen können. Wie ich von Julia mitbekomme hatte, war er Vater von sechs Kindern gewesen. Alles Mädchen. Kein Wunder also.
„Wieso bist du Bestatter geworden?“
Ich hob den Blick kurz.
Franziska war immer noch sehr leise und höflich. Diese Frage war so ziemlich das Privateste, das sie mich in den letzten Wochen gefragt hatte.
Schulterzuckend wandte ich mich wieder über den Leichnam. „Das weiß ich selbst nicht genau. Ich hab relativ früh meine Mutter, dann meinen Vater und meine Schwester verloren. Vielleicht deswegen.“
„Das tut mir leid.“ Aus den Augenwinkeln sah ich, wie sie sich nervös eine Strähne hinter das Ohr strich. „Ich hätte nicht fragen sollen.“
„Nein, schon gut. Ist lange her.“ Der Mann war an Krebs gestorben. Es war schwer, seinem Gesicht wieder mehr Leben einzuhauchen. Er wog vielleicht keine fünfzig Kilo mehr. „Warum wolltest du hier ein Praktikum machen?“
Sie trat näher, berührte sachte den Handrücken des Mannes. Sie zuckte kurz, Gänsehaut auf den entblößten Unterarmen. Ich erinnerte mich noch an das erste Mal, als ich einen Toten angefasst hatte, nachdem er bereits eine Weile im Kühlhaus residiert hatte. Es war nichts, was man schnell vergaß. Die Haut war eisig gewesen, teigig, als würde sie Fett absondern. Damals hatte ich mich geekelt, mittlerweile war es Alltag geworden.
„Bis vor ein paar Jahren habe ich in Japan bei meiner Großmutter gewohnt. Sie hat mich großgezogen. Ihre Beerdigung“, sie hielt kurz inne, „es war furchtbar. Sie sah nicht einmal mehr tot aus. Wie ein Monster. Ich will das anderen ersparen.“
Unsere Blicke trafen sich. Sie lächelte mich an.
„Deine Kunden sehen alle aus, als würden sie einfach nur schlafen. Das finde ich sehr schön.“
Auf den Gedanken, das ausgerechnet so ein junges Küken verstand, was meine Arbeit bedeutete, wäre ich im Leben nicht gekommen.
Ich erwiderte ihr Lächeln mit einem ernstgemeinten Danke, bevor ich das Thema wechselte: „Du sprichst fast akzentfrei Deutsch. Wie kommt das, wenn du in Japan aufgewachsen bist?“
„Mein Vater kommt aus Deutschland. Ich bin von Anfang an zweisprachig erzogen worden.“
„Ah, und wieso bist du hierher zurück?“
„Meine Eltern leben hier. Ich wollte damals nicht mit nach Deutschland, weil ich dort in die Schule ging.“
„Ist es kulturell sehr unterschiedlich?“
„Oh ja.“ Sie kicherte leise. „Eine komplett andere Arbeitsmoral.“
„Stimmt es, dass sie bei euch teilweise im Job schlafen dürfen?“
Sie nickte kurz. „Das ist ein Zeichen dafür, dass man so viel gearbeitet hat, dass man nicht mehr wach bleiben konnte.“
„Krass.“
„Dafür haben wir längere Arbeitszeiten“, fügte sie noch hinzu, bevor wir wieder in Schweigen verfielen. Ich bepinselte und puderte meinen Kunden zu ende, dann machte ich mich sauber und warf Franziska einen Blick über die Schulter zu.
„Hast du Lust, etwas essen zu gehen?“, fragte ich sie.
„Gerne.“ Ihr Oberkörper neigte sich leicht vor, in dieser kaum merklichen Verbeugung, die sie sich in meiner Gegenwart einfach nicht abgewöhnte.
„Bestimmte Vorlieben? Wir haben paar Imbisse in der Nähe.“
„Asiatisch?“ Sie grinste, das allererste Mal.
Mir entwich ein belustigtes Schnauben. „Da hätte ich jetzt auch selbst drauf kommen können.“

„Heilige Maria, Mutter Gottes!“ Unwillkürlich fasste ich mir ans Herz. „Was zum Teufel machst du hier?“
David hockte im Wohnzimmer vor der Couch auf dem Boden, zusammengekauert mit seinem Handy in der Hand, als wäre er eine Figur aus einem Horrorfilm, am ehesten der kleine Junge aus The Grudge. Nur hatte der kein Mobiltelefon, auf dem er Sudoku spielte. Was die Situation aber auch nur minimal weniger gruselig machte.
„Ich weiß nicht so richtig“, antwortete er leise und legte sein Handy vor sich auf dem Kaffeetisch ab. „Aber du hast mir doch den Schlüssel gegeben, damit ich herkommen kann, oder?“
„Ja, aber gib doch wenigstens vorher Bescheid.“ Ich atmete tief aus, schüttelte den unfreiwillig erlittenen Schock aus meinen Gliedern.
„Hab ich dich erschreckt?“
„Bloß zu Tode.“
Er musterte mich. „Du lebst noch“, sagte er dann, als wäre mein Versterben gerade wirklich Thema zur Besorgnis gewesen.
Seufzend deutete ich auf das Sofa. „Setzt dich wenigstens wie ein normaler Mensch hin.“
„Ist bequem hier unten.“
„Du holst dir noch eine Blasenentzündung.“
„Ich sitze auf dem Teppich.“
Ich gab nach. Irgendwo hatte er ja recht und ich übertrieben keine Lust, mich jetzt mit seiner Logik auseinanderzusetzen. „Also“, sprang ich deshalb auf den nächsten Zug, „hast du Hunger? Soll ich uns was kochen?“
„Spaghetti?“
„Mit Tomatensoße?“
Er nickte und packte endlich das Handy weg, bevor er aufstand und mir in die Küche folgte.
Zum Glück hatte ich absolut immer eine gut gefüllte Gemüsebox im Kühlschrank und sonst noch Zeug, weil es ja nun nicht selten vorkam, dass David spontan zum Essen vorbeikam, ohne mir vorher Bescheid zu geben.
„Kann ich dir helfen?“ Er wuselte ein bisschen um mich herum. Man merkte, dass da irgendetwas war, was ihm auf der Zunge lag, für das er allerdings noch keine passenden Worte gefunden hatte. Die würden aber vermutlich bald kommen, also übergab ich ihm die Aufgabe, Tomaten zu zerhacken. Dabei konnte er nicht viel falsch machen – zermatscht sahen sie am Ende eh aus.
„Ist es komisch, dass ich mit Judah befreundet bin, wenn er Vater ist?“, rückte er schließlich mit dem Grund seines Auftauchen heraus. War ja klar, dass es sich wieder um den Wichser handeln musste.
„Warum sollte es?“, gab ich zurück und kippte unsere geschnippelten Tomatenstückchen in eine Pfanne. Dann fiel mir ein, dass ich vergessen hatte, vorher den Knoblauch anzubraten.
Seufzend besorgte ich mir eine Zehe, zerkleinerte sie und kippte sie einfach so hinein. Dazu etwas Pfeffer und Salz und dann eine gute halbe Stunde köcheln lassen.
„Weil es den Unterschied zwischen ihm und mir doch nur noch größer macht.“ David setzte sich auf den kleinen Küchentisch und zupfte an den Knien an seiner Jeans herum.
„Wichtig ist nur, ob man sich versteht. Nur weil jemand es schafft, ein Kind in die Welt zu setzen, macht das einen nicht automatisch reifer. Vielleicht war Theresa ja sogar ein Unfall.“
„Sag das nicht. Das klingt gemein.“
Ich zuckte mit den Schultern. „Vielleicht hab ich aber auch recht. Oder hast du dort ihre Mutter gesehen?“
„Meinst du, sie sind geschieden?“
„Oder nie verheiratet gewesen.“ Langsam rührte ich das rötliche Gemisch um. Einige Tropfen landeten auf meinem Unterarm. Ich krempelte mir die Ärmel höher. „Keine Ahnung. Hat er dir vorher schon erzählt, dass er eine Tochter hat?“
„Nein.“ Er schwang seine Beine hin und her. „Hab am Anfang gedacht, das wäre seine Schwester.“
„Mh“, machte ich und gab noch eine Prise Salz zu unserer Soße hinzu. „Ich finde, die beiden sehen sich überhaupt nicht ähnlich.“
„Ja.“ Kurz blieb er still, dann räusperte er sich unwohl. „Kannst du ihn vielleicht fragen, ob er verheiratet ist?“
„Wozu?“
„Weil ich ihn nicht fragen will.“
„Ich meinte, wozu du das wissen willst.“ Als ich mich wieder vom Essen weg und zu ihm umdrehte, erkannte ich einen ganz zarten, dunklen Schimmer auf seinen Wangenknochen. Das gefiel mir überhaupt nicht.
„Weiß nicht.“
„Hat er dich mal angefasst, David?“
„Wie?“ Er blinzelte. „Ja, ständig. Er umarmt mich doch auch bei Begrüßungen, das hast du doch gesehen.“
Himmel, wie begriffsstutzig konnte man eigentlich sein?
„Ob er dich mal auf eine unanständige Weise angefasst hat.“
„Auf eine-“ Er hielt inne, dann wurden seine Augen riesengroß und sein Gesicht machte unserem Mittagessen Konkurrenz. „Nein! Also, weil … wieso sollte er?“
Ich lehnte mich gegen die Anrichte und musterte ihn. „Magst du ihn?“
„Als Freund“, flüsterte er abgehackt und biss sich ein bisschen zu fest auf die Unterlippe, als er mich anblickte. Etwas Blut sammelte sich über der zerplatzten Haut, seine Zunge ließ es verschwinden. Seine kleine, rosa Zunge. „Ich hatte noch nie auf so eine Art … Interesse an wem.“ Er stoppte und sah urplötzlich todunglücklich aus. „Denkst du, etwas stimmt nicht mit mir?“
„David“, murmelte ich leise und ging auf ihn zu, wuschelte ihm sanft durchs Haar. „Du hast noch nicht viele Leute kennengelernt, oder? Es war einfach noch nicht die oder der Richtige dabei. Das kommt schon noch.“
Er schwieg, seufzte dann. „Ich bin schon fast dreiundzwanzig. Ist es nicht peinlich, dass ich noch nie jemanden geküsst habe?“
„Finde ich nicht.“ Ich fand es eigentlich ziemlich unwiderstehlich. Der Gedanke, dass er vollständig unberührt war, rein. Niemand, der ihn versaut hatte. Unschuld in Person.
Ich wollte sie ihm nehmen. Mehr als alles Andere.
Er antwortete nichts darauf, stand bloß auf und durchsuchte meine Schränke nach Nudeln, kippte viel zu viel in einen Topf und sah mich anschließend abwartend an, bis ich Wasser aufkochte, es über sie schüttete und den Timer auf fünfzehn Minuten stellte.
„Ich mein's ernst, okay? Mach dir keinen Kopf. Wenn es passieren soll, dann wirst du dich schon noch verlieben.“ Dabei hatte ich keine Ahnung, ob er das konnte oder der Mist aus seiner Kindheit seine emotionale Seite vollkommen zerstört hatte. Außerdem wollte ich auch nicht darüber nachdenken, dass er irgendwann jemanden finden, heiraten und sein eigenes Leben leben würde. Ein Leben, in dem ich nicht mehr eine der Hauptrollen spielen würde. Sondern seine neue Ehefrau. Oder seine Sprösslinge.
„Okay.“ Er kletterte zurück auf den Küchentisch und presste die Beine zusammen. „Danke, Isa.“
„Mm, kein Problem. Lass es einfach auf dich zukommen, ja?“
Er nickte und warf mir dann ein klitzekleines Lächeln zu. „Wie lange noch, bis das Essen fertig ist?“

Ich hatte vielleicht drei Stunden geschlafen, als Davids Finger mich unsanft in die Seite stieß und damit weckte.
„Bist du wach?“, hauchte er und stach weiter in meinen Rippen herum.
„Verflucht, Dave!“, zischte ich entnervt und wischte mir übers Gesicht. „Jetzt bin ich wach. Gezwungenermaßen.“
„Können wir kurz reden?“
„Ja, rede halt. Aber beeil dich, bitte.“
„Ähm.“ Er griff nach meinem T-Shirt und zog leicht daran.
Ich schloss die Augen und umfasste sein Handgelenk. „Dave …“ Er musste aufhören mit diesen abartig vertrauten Gesten, wenn er nicht wollte, dass ich wahnsinnig wurde. Und die Kontrolle verlor.
„Wie … woran merkt man, dass man verliebt ist?“
„Deswegen weckst du mich?“
„Ich kann nicht schlafen“, murmelte er. „Es schwirrt mir im Kopf herum.“
Seufzend löste ich seine Griffel von mir, brachte es aber nicht über mich, ihn ganz loszulassen. Ich war schwach in diesen Momenten, wenn es so furchtbar einfach war, sich vorzustellen, dass er nicht bloß mein Bruder war. Dass es völlig in Ordnung war, dass er sich so dicht neben mir befand und an mir festhielt, sein Gesicht nur Zentimeter von meinem.
„Du merkst es, wenn du jemanden magst, glaub mir.“
„Aber woran?“
Er hatte so verdammt große Augen. Er kam nach unserer Mutter. Ich erinnerte mich daran, wie es unseren Vater um den Verstand gebracht hatte, sie in ihm zu sehen. Das war eine Sache, die ich nachvollziehen konnte. Manchmal, wenn er lachte, wenn er es ganz ehrlich meinte, dann sah ich sie auch, eine flüchtige Sekunde lang. In der Art, wie es vom Herzen kam.
„Man fühlt es“, sagte ich leise. „Du willst immer bei ih-“, ich schluckte, „ihr sein. Und selbst wenn man nebeneinander liegt, ist es irgendwie nie nah genug.“
Er drehte seine Hand in meiner und unsere Finger glitten ineinander, überkreuzten sich.
„Stimmt es, was alle sagen? Dass man dann alles toll findet?“
„Na ja“, ich blickte auf eine Stelle an der Hüfte, an der ihm das Oberteil hochgerutscht war und einen Flecken Haut entblößte. Seine Shorts lag knalleng um seine Taille, ließ keinen Platz für Fantasie. „Am Anfang vielleicht. Aber dann merkst du die ganzen Fehler und Eigenheiten und sie nerven, aber die Sache ist, dass du es hinnimmst. Du arrangierst dich damit, weil sie dich glücklich macht. Egal, wie gerne du ihr manchmal den Kopf abreißen und in die Kloschüssel tauchen würdest.“
„Das klingt schön.“
„Wenn es erwidert wird.“
Er nickte sachte. „Das will ich auch irgendwann haben.“
Ich könnte es dir geben. Jederzeit.
„Jetzt sollten wir aber wirklich mal schlafen gehen. Wir haben Vier in der Frühe.“
„Entschuldige.“ Er wandte mir den Rücken zu. Meine Hand hielt er einfach weiter fest, zerrte mich an ihr näher an seinen Körper heran, bis ich unfreiwillig zum großen Löffel wurde.
Das war neu.
„David?“, fragte ich leise. Mein Schritt lag unmittelbar hinter seinem Arsch. Wir waren viel zu eng umschlungen, es war falsch.
„Können wir kuscheln?“ Er platzierte unsere Hände auf seiner Brust und ich bildete mir ein, sein Herz durch sein Shirt schlagen spüren zu können. Ich bildete mir ein, dass es genauso schnell pochte wie meines, obwohl ich wusste, dass es nicht stimmte. Er atmete ganz ruhig, war vollkommen entspannt.
Wieso sah er nicht, wie schrecklich verkehrt das war? Dass er nicht so mit mir im Bett liegen durfte?
„Du kuschelst gar nicht richtig.“
Was ist schon dabei, wenn er sich gar nichts dabei denkt?
„Sorry.“ Ich rückte näher. Seine Kehrseite war eiskalt an meiner Brust, Nervenenden, die brennend gegeneinander zuckten.
Vorsichtig legte ich meinen Kopf auf dem Kissen ab. Sein Haar streifte meine Nase und ich atmete seinen Geruch ein. Eine Mischung aus alter Tinte und abgewetzten Büchern, billigem Shampoo und David.
„Besser.“ Er ruckelte sich zurecht. „Gute Nacht, Isa.“
„Schlaf gut.“ Ich liebe dich.
„Du auch.“
Ich konnte nicht widerstehen und platzierte einen unmerklichen Kuss in seinen Nacken.
Wenn du nur wüsstest.

Am nächsten Morgen hatte ich Kopfschmerzen. Das war absolut unbrauchbar, weil ich noch einen ganzen verschissenen Acht-Stunden-Dienst vor mir hatte. Und heute war wieder Botengänge-Tag, das hieß, ich durfte mit dem Auto auch noch mehrmals zig Kilometer durch die Stadt gurken. Wenigstens konnte ich mich im Krematorium mit Louis ablenken. Vielleicht könnte ich eine Viertelstunde rausschlagen und nachher einfach sagen, ich war in einen kurzen Stau geraten. Was auch immer.
„Alles okay?“ David nippte an seinem Glas Orangensaft und sah mich von seinem Platz auf der Couch aus an. Im Fernsehen lief irgendeine Serie, die er gerade schaute, ich kippte mir rasch meinen Morgenkaffee hinter die Kiemen und zuckte mit den Schultern.
„Mir dröhnt der Schädel“, murmelte ich. „Bleibst du noch einen Moment hier und schließt nachher ab oder fahren wir zusammen los?“
„Zusammen.“ Er trank aus und stellte das Glas ab, bevor er aufstand. Wenigstens in die Spüle hätte er es legen können. Das hätte ihm mit Sicherheit keinen Zacken aus der Krone gebrochen. „Ich mag nicht abschließen.“
„Gut, dann mach dich fertig.“
Während David ins Bad huschte, zog ich mich an und wartete dann an der Haustür, bis er sich endlich zu mir bequemte. Als er es schließlich bewerkstelligte, sich die Schuhe anzuziehen, war ich bereits zu spät dran.
Hoffentlich war Schneider heute nicht da, ich hatte keinen Nerv, ihm zu erklären, wie ich es wagen konnte, unpünktlich zu sein.
„Können wir?“, drängte ich und schloss die Tür auf, als David schließlich angezogen vor mir stand.
„Ja, wir können.“
Also scheuchte ich ihn vor mir weg durchs Treppenhaus und zum Auto. Er stieg automatisch auf der Beifahrerseite ein und durchsuchte meine CDs, legte sie aber schon wieder ins Fach, bevor ich überhaupt die Scheiben vom Frost befreit hatte. Er hatte sie ja letztes Mal erst sortiert und seitdem hatte keiner daran herumgefummelt.
„Eine Sitzheizung wäre schön“, sagte David leise und kuschelte sich tiefer in den Sitz.
„Das wird das erste, was ich mir einbauen lasse, wenn ich eine Gehaltserhöhung bekommen“, meinte ich ironisch und löste die Handbremse, ehe ich losfuhr.
Er lächelte mich von der Seite aus an, während seine linke Hand auf meinem Oberschenkel Platz fand.
„Was tust du da?“
„Ich hab meine Hand auf deinen Oberschenkel gelegt.“
Hilfe.
„Ja, aber warum?“
„Darf ich nicht?“ Er runzelte die Stirn, bis sich tiefe Furchen abzeichneten, und ich seufzte laut, den Kopf schüttelnd.
„Nein, alles gut. War nur kurz verwirrt.“
„Okay.“
Er ließ die Hand da liegen. Immer mal wieder bewegten sich seine Finger, malte er Muster mit seinem Daumen. Hätte Louis das gemacht, wäre ich mir zu Hundert Prozent sicher gewesen, dass er damit irgendwelche niederen Intentionen verfolgte, aber bei David war ich mir da nicht so sicher. Er tat so vieles, was man anders verstehen könnte. Würde ich nicht wissen, wie er tickte, würde ich-
„Gehen wir nach der Arbeit zusammen einkaufen?“
Okay, krasser Themenwechsel meiner Gedankenwelt.
„Seit wann willst du denn freiwillig einkaufen gehen?“
„Willst du nicht?“ Seine Hand glitt von meinem Oberschenkel. Fast sofort wurde die Stelle kalt.
Ich hielt an einer roten Ampel, drehte ihm mein Gesicht zu. „Doch, klar. Aber sonst muss man dich zu so etwas regelrecht zwingen. Außerdem haben wir mitten in der Woche. Was machst du denn mit dem Laden, wenn du einfach nicht bist?“
„Abschließen.“
„Du kannst nicht nach Belieben deine Öffnungszeiten ändern.“
„Aber ich bin doch der Inhaber?“
„Ein Inhaber, der damit seine wenigen Kunden verwirrt“, gab ich zurück. Aus den Augenwinkeln sah ich, wie er die Unterlippe leicht vorschob, als wüsste er nicht, ob er schmollen sollte oder lieber doch nicht. Eventuell konnte man das Bild auch als trotzig abstempeln.
„Dann gehen wir nicht einkaufen.“
Es klickte und schon war die Beifahrertür offen.
Perplex starrte ich zu David rüber, der sich aggressiv abschnallte und dann einfach ausstieg.
„Hey, was zum-“
„Den Rest laufe ich!“
„Es sind noch über eine halbe Stunde Fußweg bis zu dir. Steig wieder ein und mach die Tür zu.“
„Du hast mir nichts zu sagen“, murmelte er, bevor er die Stimme hob. „Ich laufe!“
Es krachte, dann war er auch schon auf der Straße, lief vorne am Wagen vorbei und auf den Gehsteig. Ich gaffte ihm perplex hinterher, aber er drehte sich weder um, noch beachtete er mich in einer anderen Art und Weise.
Was hatte ich denn jetzt schon wieder falsch gemacht?
Hupen.
Ich zuckte zusammen. Die Ampel war schon längst wieder grün, ich ließ die Kupplung zu schnell kommen und würgte ab. Zweiter Versuch, selbes Ergebnis. Beim dritten Mal klappte es, aber da war die Ampel schon wieder auf Rot gesprungen. Und hinter mir ging das Hupkonzert weiter. Durch den Rückspiegel zeigte der Typ hinter mir mir den Mittelfinger.
Ich seufzte und ließ den Kopf auf das Lenkrad sinken. Wenn das mal kein toller Start in den Tag war.

Weil heute eh schon so ziemlich alles schiefgegangen war, was hätte schiefgehen können, entschied ich mich dafür, Franziska an die Frau zu lassen, die wir zusammen von Tom zu uns geschoben hatten.
„Sie sieht noch so jung aus“, murmelte Franziska und musterte sie trübsinnig.
Ich breitete meine Materialien auf einem kleinen Beistelltisch neben der Liege aus und winkte sie zu mir. „Also“, erklärte ich ruhig, „ich habe keine Ahnung, wie die Sachen heißen. Ich weiß nur, was ich wann benutzen muss, deswegen drücke ich dir die Dinger in die Hand und zeige dir dann, wie du sie anzuwenden hast, in Ordnung?“
„Ich darf?“ Sie sah mich überrascht an, bevor sie mich regelrecht anstrahlte. „Vielen, vielen Dank!“
„Ich vertraue dir.“ Ich warf ihr ein knappes Lächeln zu. Das war nicht ganz wahr, aber ich fühlte mich genervt und war in einer Scheiß drauf-Stimmung, weil Schneider mir gerade einen heftigen Einlauf verpasst hatte – von wegen, was fiele mir ein, einfach zwanzig Minuten nach Schichtbeginn aufzutauchen.
Der konnte mich mal kreuzweise. War eh Davids Schuld. Hätte er nicht so viel getrödelt oder wäre einfach aus dem Auto gestiegen und hätte mich damit durcheinandergebracht, dann-
„Ähm, Isaiah?“ Franziska stand mit einem besorgten Gesichtsausdruck neben mir. Ich blickte zu ihr und bemerkte, dass ich einer der Tuben für die Grundierung gerade so fest in der Hand zerquetscht hatte, dass der Inhalt sich über dem Fußboden verteilt hatte.
Oh.
„Entschuldige.“
„Ist alles in Ordnung?“
„Ja.“ Ich grapschte nach einigen Taschentücher und wischte die Fliesen sauber, bevor ich sie in den Mülleimer warf und mir Handschuhe überzog. „Wobei, eigentlich nicht. Ich hab mich heute Morgen mit meinem Bruder verkracht und ich hab keinen blassen Schimmer, worüber wir uns eigentlich streiten. Es ist einfach so passiert.“
„Vielleicht hatte er einen schlechten Tag“, sagte sie vorsichtig.
„Weiß nicht. Er ist eh ein bisschen speziell.“
„Das renkt sich bestimmt wieder ein.“
„Ja, klar, es ist nur …“ Kurz fragte ich mich, warum ich ihr das erzählte, dann sprudelte es auch schon aus mir raus. „Es gibt halt seit Jahren nur ihn und mich. Er ist meine einzige Familie und ich hasse es, wenn er wütend auf mich ist. Und das Problem ist, dass er so ein Eigenbrötler ist, dass es ihm egal ist, wenn wir nicht miteinander reden. Ich bin immer der, der zu ihm kommen muss, sonst vertragen wir uns einfach nicht. Das ist zum Kotzen. Vor allem, wenn ich absolut nichts falsch gemacht habe.“
Sie blinzelte kurz. Zugegeben, das war gerade mehr Text gewesen, als ich ihr sonst zuteil werden ließ. Sie durfte ruhig ein bisschen verdattert sein. „Ich … ich kann mir vorstellen, dass er eventuell einfach Angst hat, sich zu entschuldigen.“
„Was?“
„Wenn ich mich mit meinen Freunden streite und merke, dass ich eigentlich schuld daran bin, dann schäme ich mich so sehr, dass ich mich nicht traue, deswegen auf sie zuzugehen.“
„Hm.“ Ich schwieg, ließ mir das Gesagte durch den Kopf gehen, konnte mir aber irgendwie nicht vorstellen, dass das bei David der Fall war. „Keine Ahnung. Ist ja auch egal. Komm, zieh dir Handschuhe an und dann los.“
„Oh, ja, selbstverständlich.“
Die nächste Stunde arbeitete wir in stiller Eintracht am Kunden, bloß unterbrochen von meinen Erklärungen, bevor wir alles wegpackten und das Gesicht der Frau noch einmal begutachteten. Ich war zufrieden, Franziska hatte ganze Arbeit geleistet.
„Hätte ich selbst nicht besser machen können“, lobte ich und schob die Liege bereits Richtung Flur, um sie im Kühlfach zu verstauen.
„Wirklich? Ist es gut geworden?“
„Sehr gut sogar. Wenn du möchtest, kannst du ab jetzt öfter mal Hand anlegen.“
„Das wäre fantastisch.“ Sie neigte sich vor, die Hände vor die Brust geschlagen. „Danke sehr!“
„Ist dein eigener Verdienst“, meinte ich leichthin und schob die Trage durch die Tür, nachdem Franziska sie mir geöffnet hatte. „Hättest du das nicht gut gemacht, würde ich dich nicht wieder ranlassen. Also musst du dich bei dir selbst bedanken und nicht bei mir.“
„Das bedeutet mir viel.“
Wir lächelte uns kurz an, dann brachten wir die Frau weg und machten uns zurück zu meinem Arbeitsplatz, um die Handschuhe loszuwerden und die Hände vom Leichengeruch zu befreien.
„Haben jetzt keinen weiteren Kunden mehr. Möchtest du lieber zu Julia oder hast du Lust, mit mir zum Krematorium zu fahren und dir dort ein bisschen die Arbeit anzuschauen?“
„Wenn das in Ordnung ist, dann würde ich sehr gerne mitkommen.“
„Alles klar.“
Wir verließen das Gebäude, ich gab Julia am Empfang Bescheid, dass wir zu Louis fuhren, und schon stiegen wir in den Firmenwagen und düsten los.
„Wird dir im Auto schlecht?“, fragte ich vorsichtshalber, als ich vom Parkplatz rollte, und war erleichtert, als ich im Augenwinkel ihr sachtes Kopfschütteln sah.
„Nein, überhaupt nicht.“
„Einem Freund von mir wird nach knapp einer Minute schon übel“, sagte ich. „Du wirst ihn gleich kennenlernen, er arbeitet im Krematorium.“
„Ich freue mich schon.“
Wir wurden still, aber es war keine peinliche Stille. Franziska war lieb und hatte eine angenehme Art an sich, ein bisschen wie eine kleine Schwester.
Kurz wanderten meine Gedanken zu Ellen, dann tauchte unser Ziel vor der Windschutzscheibe auf und ich schob die Erinnerungen sie wieder beiseite.
„Sind da“, lenkte ich mich selbst ab und stellte den Wagen hinter dem Gebäude auf dem Mitarbeiterparkplatz ab.
„Okay.“
Wir stiegen aus und ich führte sie hinein, erzählte ein bisschen was über Einäscherungen, über die Zusammenarbeit zwischen unseren Unternehmen, als Louis drinnen sofort auf mich zu preschte.
„Isa! Was lässt du mich so lange warten? Ich hab fast umgekommen vor Sehnsucht!“ Er warf sich mir um den Hals, ich drückte ihn sofort von mir.
„Lass den Mist.“
„Warum so miesepetrig? Sonst hast du doch auch nichts dagegen, mir gaaanz nah zu sein.“ Er griff mir tatsächlich demonstrativ in den Schritt.
Ich gab ein ausgesprochen unmännliches Geräusch von mir und stolperte nach hinten. Da erst schien Louis Franziska zu bemerken und wandte seine Aufmerksamkeit von mir ab.
„Uh, wen haben wir denn da?“
„Ich, ähm, meine Name ist Franziska, ich …“ Sie war ganz rot im Gesicht und sah etwas hilflos zu mir herüber, aber gerade konnte sie echt nicht viel von mir erwarten. Ich trug selbst noch einen harten Kampf mit meinem Schamgefühl aus.
„Ah, die Praktikantin? Isa hat von dir erzählst. Musst echt super sein, er hat bis jetzt kein schlechtes Wort über dich verloren. Sonst hasst er Aushilfskräfte wie die Pest.“ Er kicherte. „Oh, und ich bin Louis. Hab mich ja noch nicht vorgestellt, deswegen … hi!“ Er griff ungefragt nach ihrer Hand und schüttelte sie kräftig durch. „Bitte bleib immer in meiner Nähe. Isa tötet mich nämlich bei der nächsten Gelegenheit, bei der es keine Zeugen gibt, dafür, dass ich ihn unfreiwillig geoutet habe.“
Louis“, fand ich endlich meine Sprache wieder und packte ihn an den Schultern, um ihn ein Stück beiseite zu nehmen. „Halt's Maul.“
„Baby, dirty Talk bei der Arbeit? Du machst mich ganz wuschig!“
Es war eine miserable Idee gewesen, zu denken, dass ich Franziska ganz ungefährlich einfach hierher mitnehmen konnte. Und jetzt hatte ich den Salat.
Mir stieg das Blut in die Wangen. Es war nicht unbedingt, dass ich mich dafür genierte, auf Männlein und Weiblein zu stehen, aber ich entschied doch ganz gerne selbst, wem ich es anvertraute. Und im Unternehmen wusste keiner. Allgemein wusste es niemand außer Louis. Na gut, vielleicht war es ja so etwas wie ein Geheimnis, vielleicht war mir nicht wohl dabei, wenn es wer erfuhr. Vor allem nicht David. Er sollte nicht denken, dass er meine Berührungen etwas Böses zu bedeuten hatten. Er sollte sich nicht davor fürchten müssen, mit mir in einem Bett zu schlafen.
Ich schloss kurz die Augen. „Ist dir klar, dass außer dir keiner weiß, dass ich bi bin?“
„Was?“ Louis blinzelte mich verwirrt an. „Hä? Aber du gehst doch auch ganz öffentlich mit mir aus und-“
„Niemand. Außer. Dir. Also vielen Dank dafür, Wichser. Tu mir den Gefallen und gib mir die Urne und dann verpiss dich, bevor ich deine Worte wahr werden lassen und dich umbringe.“
Er öffnete den Mund, sagte aber nichts.
Ich ließ ihn los und verschränkte die Arme vor der Brust. „Du bist ausgesprochen gut darin, mir das Leben schwer zu machen. Erst der Dreck mit David, jetzt das.“
„Tut mir leid.“ Er senkte den Blick. „Das war blöd von mir.“
Meine Augen flogen zu Franziska, die vermutlich unser gesamten Gespräch mitbekam. Immerhin hallte es hier wie in einer leeren Sporthalle.
„Egal, vergiss es. Wir rede später darüber. Bring einfach nur die Urne her.“
Louis wollte gerade davon trotten, als er noch ein Mal stehenblieb und zu uns sah. „Ähm, soll ich dir vielleicht was über den Laden hier sagen? Interessiert dich so etwas?“ Er sprach zu Franziska. Vermutlich war das seine Art einer Wiedergutmachung, indem er sie mir zwei Minuten abnahm, damit ich mich abreagieren konnte. Oder er wollte mit ihr über gerade eben sprechen, um Schadensbegrenzung zu betreiben.
„Ja, natürlich! Ich meine, wenn … wenn es in Ordnung ist?“ Sie blickte eingeschüchtert zu mir, ich winkte ab.
„Klar, geh ruhig. Ich warte hier.“
Sie machten sich vom Acker. Louis redete ganz leise mit ihr, ich hockte mich auf einen der schwarzen Stühle, die an die Wand gereiht waren, und holte mein Handy aus der Jackentasche.
Keine neuen Nachrichten.
Toll.
Ich öffnete den Verlauf mit David. Wir schrieben nie viel miteinander und seine Antworten waren meisten Einwortsätze, aber trotzdem. Mich würde ein simples Hi schon mehr als nur befriedigen. Einfach nur ein kleines Lebenszeichen.
Seufzend dachte ich an Franziskas Worte. Obwohl ich nicht wirklich daran glaubte, dass David einfach nur zu schüchtern war, sich bei mir zu melden, war die Vorstellung doch schön. Ich fantasierte ein bisschen herum, wie er im Laden vor einem der Bücherregale stand und nervös mit seinem Handy spielte, unsicher, ob er mir schreiben sollte. Wie er auf seiner Unterlippe herumkaute und sich im Nacken kratzte, bis er blutete, weil er die Ungewissheit nicht ertrug, ob wir uns wieder vertrugen, weil es ihn genauso schmerzte wie mich, wenn wir auf keinem grünen Zwei miteinander kamen.
Ich merkte es gar nicht richtig, da hatte ich schon seinen Kontakt herausgesucht und auf den grünen Telefonhörer gedrückt. Erst als das monotone Tuten an mein Ohr drang, wurde es mir so richtig bewusst.
Nach dem dritten Klingeln nahm er ab. Als hätte sein Handy direkt neben ihm gelegen. Als hätte er auf meinen Anruf gewartet.
Bilde dir nichts darauf ein. Bestimmt hat er mit Judah geschrieben.
Mein Herz setzte einen Schlag lang aus. Wie gut, dass ich immer noch wusste, wie ich mir selbst mit Worten wehtun konnte.
„Isa?“
Seine Stimme schlug mir zielgenau in den Magen.
Ich presste die Augenlider zusammen und kniff mir an die Nasenwurzel. Das war doch absurd, warum war ich so aufgeregt? Ich kannte ihn seit mehr als zweiundzwanzig Jahren. Ich hatte zugesehen, wie ihm die Windeln gewechselt wurden. Ich war mit ihm beim Arzt gewesen, als er geimpft worden war, hatte seine Hand gehalten, weil er solche Angst vor der Spritze gehabt hatte. Ich war es gewesen, der ihm fast jede Nacht Geschichten über meine Klassenkameraden vorgetragen hatte, als unser Vater entschieden hatte, ihn vor der Schule zu nehmen und ihm Privatunterricht zu erteilen. Dabei war er gerade erst ein paar Wochen in der ersten Klasse gewesen.
„Isa?“
Keine Ahnung, wann genau ich meinen gesunden Menschenverstand verloren hatte. Irgendwann hatte ich einfach gemerkt, dass es nicht mehr normal war, was in seiner Nähe mit mir passierte. Dass ich ihn nicht mehr liebte, wie man seinen Bruder zu lieben hatte. Dass ich an ihn gedacht, während ich mit meiner Freundin geschlafen hatte.
So abartig. So krank.
„Bist du dran? Hast du aus Versehen angerufen?“
Ich schüttelte den Kopf, riss mich zusammen. „Nein, sorry. Ich war kurz abgelenkt.“
„Achso.“
Stille.
Ich atmete tief ein. „Was auch immer ich heute Morgen gemacht hab, ich wollte es nicht, okay? Tut mir leid.“
David erwiderte einen Moment lang nichts und eine ängstliche Stimme in meinem Oberstübchen flüsterte mir zu, dass es das jetzt gewesen war, dass er mich nicht mehr brauchte. Er hatte mittlerweile Judah und eventuell bald auch noch diesen Alex. Und irgendwann würde ein hübsches Mädchen vorbeikommen und ihm den Kopf verdrehen und dann war ich komplett abgeschrieben.
Gott, hör einfach auf, nachzudenken.
„Nein, ich … ich war …“ David stotterte ein bisschen herum und warf gleich darauf einfach den Streit beiseite, als hätte es ihn nie gegeben. „Also, ähm, Kino? Ich will Brightburn sehen.“
„Was?“ Erleichterung durchflutete mich, obwohl wir uns bis jetzt noch jedes Mal wieder vertragen hatten. Und trotzdem machte ich jedes Mal ein Theater, als wäre gerade die Welt untergegangen.
„Kino?“, wiederholte David zögerlich und räusperte sich leicht. „Brightburn? Der Film?“
„Ja, ja, schon verstanden. Wann willst du denn ins Kino?“
„Heute?“
Das war ein Date.
Es ist kein Date.
„Hast du nachgesehen, ob er heute läuft?“, fragte ich und nahm die Hand von meiner Nase, um sie fest gegen meine Brust zu drücken. Es fühlte sich schrecklich an, als würde mir jemand die Luft abschnüren.
„Nein.“
Typisch.
„Okay, dann schaue ich nach. Ich rufe dich nochmal an, wenn ich Feierabend habe.“
„Mhm, ich warte.“
Wir verabschiedeten uns voneinander. Und mein Herz klopfte immer noch. Als wollte es platzen.
Ich hasste mich dafür.
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