Briefe von Anonymus

von Tiberius
GeschichteRomanze, Freundschaft / P12 Slash
OC (Own Character) Percival Graves Seraphina Picquery
06.11.2019
18.11.2019
2
17527
1
Alle Kapitel
2 Reviews
Dieses Kapitel
2 Reviews
 
 Datenschutzinfo
 
 
Hallo zusammen :)
Zuerst einmal, das hier ist einfach mal ein Versuch von mir. Ich hatte die Idee, und dachte, ich gebe dem Ganzen mal eine Chance. Ob es weitergeht und, falls ja, wie lang diese Geschichte wird, kann ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht sagen.
Achso, es ist sehr gut möglich, dass ihr über ein paar Rechtschreibfehler oder fehlende oder wahlweise auch überflüssige Kommata stolpert. Ich bemühe mich natürlich um Fehlerfreiheit, kann sie euch aber leider nicht garantieren.

So. Zum Inhalt. Wann genau Percival zur Schule gegangen ist, und ob Seraphina im Jahre 1901 ihren Abschluss gemacht hat, kann ich nicht mit Sicherheit sagen. Ich habe einfach ein bisschen herumgerechnet und fand diese Jahreszahl authentisch –Aber, wie gesagt, alles ohne Gewehr.
Genauso auch die Beschreibung von Ilvermorny, der Schulleiterin, den Lehrkräften, den Mitschülern. Ein Gesamtpaket an OCs gewissermaßen.

Alle Rechte gehören J.K. Rowling und ich verdiene hiermit natürlich kein Geld.
Viel Spaß beim Lesen :)
_____________________________________________________________________________________________




Willst Du ein Spiel mit mir spielen?

...Da sitzt er. Nur ein paar Plätze weiter. Seine Nase wie so oft in eines seiner Bücher vergraben...Er hat eine niedliche, kleine Nase...Seine Augen tanzen über die Zeilen...Ein dunkles, tiefes Schokobraun...Zum Versinken tief...Konzentriert. Gebannt. Seine Umgebung vollkommen ausblendend...Merlin, wie ich diesen Blick mit leicht gerunzelter Stirn bei ihm liebe...Was würde ich nicht alles dafür geben, wenn er einmal mir seine kostbare, ungeteilte Aufmerksamkeit schenken würde, wie sonst nur seinen Büchern...Alles, ich würde alles dafür geben...Aber so wird das nichts. Das geht jetzt schon ganze fünf Jahre so. Fünf Jahre, in denen ich mich nicht getraut habe, es ihm zu sagen...Was es mit mir macht, wenn sich unsere Blicke einmal flüchtig kreuzen...wenn er sich im Unterricht meldet und ich seiner Stimme lauschen darf...wenn er so nah bei mir ist, dass sich beinahe unsere Schultern berühren könnten...Nein, dieses Jahr wird es anders. Es ist unser sechstes und somit auch unser vorletztes...Ich könnte mir dafür immer und immer wieder in den Hintern treten, ehrlich! Fünf Jahre, fünf lange Jahre habe ich verschwendet...Mich nicht getraut, auf ihn zuzugehen. Meine Gefühle versucht, in den Griff zu bekommen. Zwecklos. Habe versucht, dem ganzen mit Vernunft entgegenzuwirken und meine Lage als hoffnungslos anzuerkennen. Erfolglos. Mein Herz ist nun einmal stärker als mein Verstand...Er ist chronischer Einzelgänger, warum sollte er sich überhaupt dafür interessieren, dass mein Magen Purzelbäume schlägt, jedes Mal, wenn er mir zufällig über den Weg läuft?...Fünf lange Jahre habe ich damit verschwendet, Gründe zu finden, die gegen ein »uns« sprechen, und daran zu denken, dass sich meine Hoffnungen und Sehnsüchte sowieso niemals erfüllen können werden...Doch dieses Jahr wird es anders. Dieses Jahr habe ich einen Plan...Einen Plan, Percival Graves für mich zu gewinnen...


*

01. September 1901. Ein Sonntag. Der Beginn ihres nächsten Schuljahres in Ilvermorny. Für Percival war dieser Tag nicht mehr und nicht weniger als das. Er hatte gestern allein seine Sachen gepackt und war ebenso selbstständig heute Morgen in den Zug hierher eingestiegen. Begleitet allein von Moore. Moore, sein kleiner, schwarzfelliger Knieselmischling mit wachen Augen, die im richtigen Licht wie Bernsteine leuchteten. Mittlerweile wartete er bestimmt schon in seinem Bett auf seinen menschlichen Gefährten –oder macht das Schloss unsicher, fügte Percival innerlich schmunzelnd hinzu. Es wäre nicht das erste Mal, dass er sich etwas aus der Schulküche stibitzt oder mir eine tote Maus aufs Kopfkissen legt.
Insgeheim freute sich der heranwachsende Zauberer schon darauf, in ein paar Stunden –wenn er das ganze alljährliche Prozedere hinter sich hatte– mit seinem pelzigen Freund kuscheln zu können. Sein Gesicht in seinem glänzend schwarzen, kurzhaarigen Fell zu vergraben. Ihm über seinen kleinen weißen Fleck in seinem Brustpelz zu kraueln und mit seinem tiefen Schnurren im Ohr einzuschlafen.

Doch das lag in der Zukunft. Noch saß Percival an dem linken der vier Tische, mit dem Rücken zur Wand, blätterte in seiner Ausgabe von Chadwicks Zaubersprüche Band 6 und lauschte nur mit halbem Ohr der Eröffnungszeremonie. Sie würde noch andauern. Die neuen Schüler wurden noch auf die Häuser verteilt, was immer etwas dauern konnte, und dann mussten sie erst noch von ihren Zauberstäben erwählt werden, was ebenso länger dauern würde.
Percival riss sich erst aus seinen Gedanken und nebenbei seiner Lektüre los, als ein Raunen durch die gesamte Halle ging, dicht gefolgt von tosendem Beifall. Graves klatschte ebenfalls, mehr beiläufig denn wirklich euphorisch, ehe seine Aufmerksamkeit wieder auf seiner Lektüre lag.
Der Grund für diese kurze gesteigerte Aufregung war auf die Eröffnungszeremonie zurückzuführen gewesen. In Ilvermorny gab es, ebenso wie in Hogwarts, der britischen Schule für Hexerei und Zauberei, vier Häuser. Nur entschied hier nicht irgendein sprechender, zerbeulter Hut über die Zugehörigkeit der Neuankömmlinge, sondern vier hölzerne Statuen, die symbolisch für die vier Häuser standen. Da wären die gehörnte Schlange, die für den Geist eines Magiers steht, der Donnervogel, der für die Seele eines Magiers steht, der Wampus, der für den Körper eines Magiers steht, und dann noch der Pukwudgie, der für das Herz eines Magiers steht.
Erwählte eine der Statuen den gerade vortretenden neuen Schüler für sich, so leuchtete ein Kristall auf der Stirn der Schlange auf, der Donnervogel schlug mit den Flügeln, der Wampus brüllte und der Pukwudgie spannte seinen Bogen. Nur äußerst selten kam es vor, dass alle vier einen Schüler für ihr Haus beanspruchten. Percival selbst hatte die Wahl zwischen dreien gehabt, so wie die Hexe, die soeben von der gesamten Schüler- und Lehrerschaft Applaus erhalten hatte. Bei ihr hatte der Wampus gebrüllt, der Pukwudgie seinen Pfeil gehoben und der Kristall der Schlange aufgeleuchtet. Nur die Flügel des Donnervogels hatten sich nicht gerührt.
„Bei dir war es die gehörnte Schlange, nicht wahr?“, zog ihn die flüsternde Stimme seiner direkten Sitznachbarin aus seinen Gedanken zurück ins Geschehen.
Seraphina Picquery war ein Jahr über ihm und die frisch ernannte Schulsprecherin ihres Hauses, der gehörnten Schlange. Sie hatte sich verschwörerisch zu ihm herübergelehnt, so dass sich ihre Schultern berührten und verfolgte beinahe mit gelangweiltem Blick das weitere Geschehen in der Halle, während sie auf ihre Antwort wartete. Als Percival lediglich nickte und auf ihre als Stichelei gemeinte Frage sonst nicht weiter einging, konnte der junge Zauberer aus den Augenwinkeln eine sich bei ihr bildende Schmollippe ausmachen, was ihn wiederholt innerlich schmunzeln ließ. Er hatte auch keine andere Reaktion von seiner Sitznachbarin erwartet. Doch Seraphina ließ ihn noch nicht vom Haken.
„Ich verstehe immer noch nicht, warum ausgerechnet die gehörnte Schlange dich nicht wollte. Du wärst doch eigentlich ein Paradebeispiel für einen Schüler aus ihrem Haus. Sieh dich doch nur an. Schon wieder kriegt man dich nicht von einem Buch los. Was der Pukwudgie da gerade von dir wollte, ist mir wirklich schleierhaft.“
Wie immer praktizierte Seraphina ein energisches, beinahe vorwurfsvolles Auftreten, jedoch mit einem gewissen Charisma, mit welchem sie sowohl Mitschüler, als auch Lehrkräfte schnell auf ihre Seite ziehen konnte. Vielleicht war es genau dieses gebieterische, selbstüberzeugte Auftreten, vielleicht auch etwas anderes, jedenfalls bereitete es Percival immer wieder aufs Neue ein diebisches Vergnügen ihr aus Prinzip zu widersprechen und sie damit auf die Probe zu stellen. Und Seraphina ihrerseits mochte seinen Charakterzug, ihr nicht einfach zu folgen, wie es so viele einfach kommentarlos taten, sondern sie immer wieder herauszufordern. Sie waren Freunde. Gute Freunde, die sich neckten, stichelten und sich jetzt bereits über Jahre hinweg auf dieser Ebene zwanglos verstanden, obwohl Percival eine Jahrgangsstufe unter ihr war.
„Ich weiß wirklich nicht, was dich daran so verwundert. Vielleicht lese ich ja nur so viel, um die Defizite, weswegen mich die Schlange verschmäht hat, hoffentlich irgendwann mal ausgleichen zu können. Durchaus möglich.“, Percival zuckte einmal mit den Schultern und blätterte auf die nächste Seite, „Abgesehen davon bin ich nicht arrogant genug, um eine gehörnte Schlange zu sein.“
Der Zauberer kassierte dafür sofort einen freundschaftlichen, echauffierten Knuff in die Seite, worauf seine Mundwinkel amüsiert nach oben zuckten.
„So kannst du nicht argumentieren, Graves. Du bist immerhin auch nicht aufbrausend genug, um ein Wampus zu sein. Trotzdem hast du dich für das Haus des Kriegers entschieden –Warum?“
Seraphina hielt mittlerweile ihre Arme vor ihrem Oberkörper verschränkt und musterte ihren Gegenüber erwartungsvoll. Percival seinerseits legte gelassen sein Buch auf dem Tisch vor sich ab und betrachtete noch eine kleine Weile stumm das Fortschreiten der Eröffnungszeremonie, ehe auch er sich zu seiner Gesprächspartnerin umdrehte.
„Ich mag Katzen.“, war sein einziger Kommentar dazu, begleitet von einem weiteren gelassenen Schulterzucken, was die ungeduldigen, unzufriedenen Schwingungen, die ihm Seraphina aussendete, nur noch verstärkte.
„Das-das ist doch kein Argument, Graves!“, Percival entnahm ihrem Tonfall, dass sie eigentlich verärgert und entrüstet klingen wollte, doch irgendetwas war auf dem Weg von ihrem Kopf über ihre Zunge wohl schiefgelaufen, denn sie konnte sich während sie sprach nur knapp von einem belustigten Kichern abhalten. Eine seltsame Kombination, doch für sie beide in dieser Konstellation nicht unbedingt ungewöhnlich. Seraphina konnte sich häufiger nicht entscheiden, ob sie den Jüngeren lieber entrüstet und pikiert anfahren wollte, oder ihm doch nicht lieber durch seine Haare wuscheln und gemeinsam mit ihm in schallendes, absurdes Gelächter ausbrechen wollte, weil er sie mal wieder bewusst gefoppt hatte und dabei aber gleichzeitig so unverschämt toternst blieb.
„...Mit dir kann man einfach nicht vernünftig argumentieren.“, setzte sie diesmal in klar erkennbar unterschwellig schmollendem Tonfall nach, weiterhin ihre Arme vor der Brust verschränkt.
„Es bringt ja auch nichts, darüber zu argumentieren.“, ging Percival nicht näher auf ihre offen dargestellte Unzufriedenheit mit ihm ein und griff erneut nach seinem Buch.
„Aber es muss dich doch stören. Mich hätte es auf jeden Fall gestört, Graves.“, Seraphina wandte sich wieder dem Geschehen der Eröffnungszeremonie zu, während sie weiterargumentierte, „Ich meine, du bist genauso talentiert wie ich. Du bist Jahrgangsbester. Du bist Vertrauensschüler.“
„Das hat doch nichts miteinander zutun, Picquery. Man muss keine gehörnte Schlange sein, um gute Noten zu schreiben und so etwas. Jeder Pukwudgie, jeder Donnervogel, jeder Wampus hat die gleichen Chancen, genauso gute Noten zu erzielen, wie jede Schlange. Ins Haus der Gelehrten gewählt zu werden ist doch keine Garantie für schulischen Erfolg, Picquery.“, klärte Percival seine Freundin nebenbei auf und blätterte währenddessen eine weitere Seite um.
„Trotzdem.“, bestand Seraphina unerschütterlich auf ihrer Meinung, „Wenn du die Möglichkeit gehabt hättest, wenn der Kristall der Schlange geleuchtet hätte, wärst du dann in mein Haus gekommen?“
„Wie schon gesagt, ich mag Katzen.“ Für diese Aussage erhielt Percival einen weiteren halb ruppigen Stupser in die Seite, welcher ganz deutlich „Du Dorcus“ auszusagen schien. Erneut zuckten die Mundwinkel des Jüngeren kurz nach oben.
„Ich bin nicht wie du, Picquery. Für dich stand es schon von Anfang an fest. Klar, dich wollte jedes Haus, dennoch, hätte ausschließlich der Kristall geleuchtet –es hätte für dich keinen Unterschied gemacht. Du wolltest die Schlange und hättest auch nichts anderes akzeptiert. Bei mir war das anders.“, Percival schlug eine weitere Seite um, „Es war einfach ein Bauchgefühl. Ich habe ohnehin nicht damit gerechnet, mich letztlich entscheiden zu müssen. Ich hätte jedes Haus akzeptiert.“
Seraphinas resigniertes, verständnisloses Seufzen ging in dem tobenden Beifall unter, welcher plötzlich den gesamten Saal erfüllte. Alle neuen Schüler hatten nun ihr Haus ausgewählt und nun ging es um den Erhalt ihrer Zauberstäbe. Jedoch, noch bevor die Erstklässler von ihren Hauslehrern aus dem Saal geführt wurden, hielt ihre Schulleiterin noch ihre Schuljahreseinstiegsrede. Neben ein paar Floskeln und mühevoll locker nebenbei eingestreuten amüsanten Bemerkungen, die von Jahr zu Jahr in ihrer Formulierung leicht wechselten, wurden die Schüler in ihrer Rede noch einmal an geltende Ge- und Verbote erinnert und über Veränderungen im Lehrkörper aufgeklärt. Der neue Professor im Fach Kräuterkunde stellte sich kurz vor. Das war’s. Nichts wirklich Neues also.
Nach sich lang und länger streckenden Minuten, die sich zäher zogen als Kaugummi, erklärte ihre Schulleiterin schließlich das Festessen für eröffnet und die vier langgestreckten Tafeln, sowie der Lehrkörpertisch deckten sich durch eine beidhändige Hebebewegung fast wie von selbst.

Percival, dem erst über diesen Anblick bewusst wurde,  wie hungrig er eigentlich war, ergatterte sich sofort einen Kürbiseintopf, welcher noch im frisch gebackenen Sweet Dumpling serviert wurde, und entschied sich dazu für ein Glas Cranberrysaft. Seraphina schüttelte darüber nur verständnislos mit dem Kopf, während sie nach Fisch, Grillgemüse und Reis griff und kein anderes Getränk als Kaffee akzeptierte.
„Wenn du wieder so übertreibst wie letztes Jahr, hältst du nachher noch deinen ganzen Schlafsaal wach.“, war Percivals einziger Kommentar dazu, bevor er genüsslich an seinem Cranberrysaft schlürfte und Seraphina damit bewusst ein Augenrollen entlockte.
„Kaffee hat schon keine Wirkung mehr auf mich, Graves. Das weißt du doch“, der Jüngere erhielt von ihr ein schelmisches Augenzwinkern, „Wenn ich mein Haus nachher wachhalte, hat das sicher nichts mit Kaffee zu tun.“
„Nein? Würde ich auch nur eine Tasse trinken, hielte mich das mit Sicherheit die ganze Nacht über wach –da hilft dann auch kein Schlaftrank mehr.“ Ein weiterer Löffel Kürbiseintopf landete in seinem Mund.
„Du bist ja auch nicht normal.“, Seraphina piekte ihren Freund mit bitterernster Miene in seinen Oberarm, „Ich habe dich noch nie Kaffee trinken sehen. Du magst ihn nicht einmal. Wie kann man nur keinen Kaffee mögen? Er ist das beste Gegenmittel für einen hartnäckigen Kater.“
„Willst du da jetzt etwa auf etwas Bestimmtes anspielen?“ Percival bemerkte Seraphina mit einem fragenden Blick –obwohl er bereits eine Vorahnung hatte, da er seine Freundin und ihre Vorlieben nun einmal kannte– und konnte beobachten, wie sich die Erstklässler nach und nach auf die vier Tafeln verteilten und sich die Halle wieder füllte.
„Tja, du wirst es wohl nicht vor morgen früh erfahren –Immerhin bist du keine gehörnte Schlange und somit heute Nacht auch nicht in meinem Schlafsaal, um es herauszufinden, Graves.“
Über diesen Kommentar konnte Percival nur mit seinem Kopf schütteln, ehe er einen weiteren Löffel Eintopf nahm.
„Alle Achtung, Picquery. Die Schulsprecherin, die gegen die Schulregeln verstößt. Alkoholkonsum ist uns Schülern in Ilvermorny strengstens untersagt –aber ich nehme an, für dich gilt das nicht.“ Der gelassene, beinahe schon desinteressierte Tonfall des Jüngeren zauberte Seraphina sofort ein diebisches Grinsen ins Gesicht.
„Eifersüchtig?“, ein weiterer foppender Knuff in die Seite folgte, während Percival an seinem Glas nippte und sich nicht im geringsten aus der Ruhe bringen ließ.
„Und ich dachte, du kennst mich.“, Percival zwinkerte seiner Freundin einmal kaum merklich zu, „Mich am ersten Abend direkt abzuschießen, entspricht nicht meinem Konzept.“
„Jaja, ich weiß schon. Du legst dich lieber ins Bett und vergräbst deine Nase in einem Buch.“, ein ergebenes Seufzen folgte, „Wirklich Graves, du solltest dich mal locker machen und dir ein bisschen Spaß gönnen. Nur zu lernen, das Leben besteht doch aus mehr.“
„Sagt gerade die Schulsprecherin der gehörnten Schlange, ich bin schwer enttäuscht.“ Über diese Nuance an unverholendem Sarkasmus konnte Seraphina einen kurzen Giggelanfall nun doch nicht mehr zurückhalten, ehe sie ihren Kaffee leerte und direkt nachfüllte.
„Pass nur auf, dass nicht die falschen Leute Wind von deiner Privatfeier bekommen, sonst bleibst du nicht lange Schulsprecherin“, setzte Percival diesmal in ernstem Tonfall noch nach, „Nebenbei, habe ich dir überhaupt schon dazu gratuliert?“
„Nein, hast du nicht.“, Seraphina lächelte fröhlich in ihre dampfende Tasse hinein, welches zum Schluss eine Spur verschmitzter wurde, „Aber danke. Und keine Sorge, ich bin dahingehend immer vorsichtig, weißt du doch. Und es ist ja auch nicht mein erstes Mal.“
Percival konnte vor allem über ihre letzte Bemerkung nur mit dem Kopf schütteln, sagte aber nichts weiter.

Nachdem Seraphina dem Jüngeren noch einen ausgiebigen Bericht über den Verlauf ihrer Sommerferien gegeben hatte –Percival beschränkte sich darauf, zuzuhören– und nach offizieller Auflösung des Festmahls durch das gemeinschaftliche Singen der Schulhymne, machte sich der Vertrauensschüler auf, die Erstklässler des Wampus-Hauses in ihre Schlafseelen zu führen.
Noch im Zug und im Folgenden hatte Percival sich bereits ein erstes Bild von den Frischlingen machen können und hatte sich Querschläger, Pechvögel und jegliches Gesicht, welches zu aufmüpfigem Verhalten tendierte, bereits eingeprägt. So einige waren nun in seinem Haus, doch längst nicht alle. Er bedachte sie direkt mit einem strengen, keinen Widerspruch duldenden und Folgsamkeit suggerierenden Blick, um diese Aufmüpfigkeit ihm gegenüber direkt im Keim zu ersticken und erst gar nicht aufkommen zu lassen.
Seine Schar folgte ihm problemlos. Nebenbei klärte der Vertrauensschüler seine Schützlinge noch über ein paar Eigenheiten des Schlosses auf und erzählte ihnen, an welchen Räumen sie jeweils vorbeikamen, damit sie sich schon einmal ansatzweise orientieren konnten, wenn es morgen losging –und er nicht allzu viele Langschläfer, die sich verlaufen würden, in den merkwürdigsten, entferntesten Ecken wieder aufsammeln musste.
...Das wird unter Garantie passieren. Jedes Jahr gibt es diese Kandidaten, egal, was ich tue...

Als er seine Erstklässer, die ihm wie aufgeregte, wild durcheinander schnatternde Kücken ihrer Mutter bis in ihren Gemeinschaftsraum hinterhergelaufen waren, in ihren Schlafsälen verstaut hatte –links die Jungen, rechts die Mädchen– verabschiedete er sich noch von seiner Vertrauensschülerkollegin und stieg die Treppen empor zu seinem eigenen Schlafsaal.
Er teilte sich das Zimmer mit vier weiteren Jungen seines Jahrgangs, die waren aber alle noch unten im Gemeinschaftsraum und tauschten sich höchstwahrscheinlich über ihre Erlebnisse während der Ferien, ihre Hoffnungen und Befürchtungen das kommende Schuljahr betreffend, oder die bald anstehende diesjährige Quidditch-Auswahl aus. Percival störte es nicht unbedingt, dem Trubel zu entkommen, zumal er sowieso nicht vorhatte, aktiv an einem derartigen Gespräch teilzunehmen. Seraphina hatte es vorhin ganz richtig erkannt. Entspannt im Bett zusammen mit einem guten, interessanten, spannenden Buch und Moore, mehr wollte der junge Zauberer heute nicht mehr.
Als Percival also in dem ansonsten menschenleeren Schlafsaal direkt von Moore in Empfang genommen wurde, welcher um seine Füße scharwenzelte und ihn schnurrend als sein Eigentum markierte, schlich sich auf der Stelle ein glückliches, gelöstes Lächeln auf Percivals Gesicht. Der Vertrauensschüler nahm seinen Knieselmischling hoch, zog ihn in eine kurze Umarmung und gab ihm einen Kuss zwischen die Ohren –was sofort mit einem glücklichen Maunzen belohnt wurde– bevor er ihn wieder aus seinen Fängen ließ und beschloss, die Gunst eines leeren Waschraums für sich zu nutzen.
Während sich Percival sein Duschzeug aus dem Koffer neben seinem Bett herauskramte und sich nebenbei schon einmal von seinem Umhang, Pullover und seinen Schuhen befreite, sprang sein Kater schon einmal aufs Bett und weihte es ein. Der junge Graves zupfte sich gerade an seiner Krawatte, als er aus dem Augenwinkel bemerkte, wie Moore aufgeregt auf der Tagesdecke herumsprang und offenbar mit etwas, was darunterlag, »spielte«.
...Hoffentlich nicht wieder eine Maus wie letztes Jahr...
Percival entschloss sich, sich dem, was auch immer es war, egal ob tot oder (noch) lebendig, erst nach der Dusche zu stellen und Moore bis dahin einfach machen zu lassen, wandte daher seinen Blick mit leichter Unruhe wieder von seinem geliebten Knieselmischling ab und steuerte mit Handtuch, Duschzeug und Pyjama in den Armen den Waschraum an.
Eigentlich hatte der junge Graves vorgehabt, sich, jetzt, wo er allein hier war, eine ausgiebige, heiße Dusche zu gönnen –doch dieses für ihn noch undefinierte Etwas spukte hartnäckig in seinem Hinterkopf und ließ ihn einfach nicht los. Es ließ ihm keine Ruhe und so wurde aus einer ausgedehnten, entspannenden Dusche ein kurzes Abbrausen.
Keine fünf Minuten später stand der Zauberer auch schon erneut vor seinem Bett. Die Augenbrauen angestrengt zusammengezogen. Sich angespannt auf die Lippen beißend. In ein schwarzes T-Shirt und eine hellgrau gestreifte Pyjamahose gehüllt, die seine bloßen Knöchel umspielte.
Er musterte die kleine Beule unter seiner Tagesdecke skeptisch, während sie von seinem Kniesel bearbeitet und unter der Decke hin und her geschoben wurde. Nach einigen Minuten des ideenlosen Starrens, beschloss der junge Graves, dass genau das überhaupt keinen Sinn ergab und wollte gerade die Decke vom Bett ziehen, um dieses Mysterium zu lösen –eine Maus oder etwas anderes Lebendiges hatte er bereits ausschließen können, da sowohl die Form nicht passte, als auch ausschließlich sein Kater für Bewegung unter der Decke sorgte– als plötzlich etwas anderes seine komplette Aufmerksamkeit auf sich zog.
Auf seinem Kopfkissen. Auf seinem Kopfkissen lag ebenfalls etwas, was ebenfalls keine Maus war –und er so gesehen noch weniger erwartet hatte. Ein Briefumschlag. Ein Briefumschlag und eine blutrote Rose. Ihr Stil war mit feinen Dornen und zwei grünen Blättern versehen.
Sein spielender Kniesel war vergessen. Seine Augenbrauen deutlich irritiert weiter zusammengezogen setzte er sich auf sein Bett zwischen Moore und Kopfkissen, legte die Rose beiseite und nahm den Umschlag behutsam in beide Hände.
Kurz überlegte Percival, ob sich jemand im Bett geirrt hatte, doch der angegebene Adressat auf dem Briefumschlag schloss einen Irrtum aus. Auf der Frontseite stand mit dunkelblauer Tinte in fein geschwungenen, mehr gezeichneten, denn geschriebenen Linien gut leserlich sein Name: »Percival Graves«.
Der Vertrauensschüler wendete den Umschlag mehrmals, konnte aber keinen Absender finden –und wurde eine Spur misstrauisch, neben seiner anhaltenden Verwunderung. Percival wirkte mit seinem Zauberstab vorsichtshalber ein paar Aufspürzauber, die er in den letzten Jahren schon gelernt hatte, um nicht Opfer eines bestimmt urkomischen Streichs zu werden. Doch scheinbar beinhaltete der Inhalt des Briefes nichts auch nur ansatzweise »Gefährliches« wie eine Stinkbombe oder einen Fluch, der einem die Zähne wachsen ließ, zum Beispiel.
Darüber beruhigt, legte er seinen Stab zurück auf den kleinen Nachttisch direkt neben dem Bett, öffnete den Umschlag und entfaltete den darin enthaltenen Brief.


»Percival,

Du weißt noch nicht, wer ich bin und das ist von mir auch genauso beabsichtigt.
Du sitzt bestimmt gerade jetzt milde beunruhigt und voller Skepsis auf Deinem Bett und fragst Dich, was das alles überhaupt soll und wie dieser Brief seinen Weg auf Dein Kopfkissen gefunden hat...
Zuerst zu dem Wie. Ich habe das Fest verfrüht verlassen und bin hier zugegebenermaßen unerlaubterweise eingedrungen. Niemand hat mich gesehen und ich war auch schon wieder im Saal, ehe jemand mein kurzzeitiges Verschwinden bemerken konnte. Es wird Dir also nichts bringen, diesen Weg weiterzuverfolgen und näher werde ich darauf jetzt hier auch nicht eingehen.
Aber jetzt, zu Deiner sehr viel wichtigeren Frage. Was soll das alles?
Schreib es einfach meiner Unfähigkeit zu, es anders zu machen. Mehr kann ich dazu nicht sagen und ich glaube –oder habe vielmehr die Hoffnung– dass Dir das, was ich dieses Jahr mit Dir vorhabe, genauso gefällt, wie mir.
Ich weiß, dass Du Rätsel liebst und da ich Dich über alles liebe, möchte ich mit Dir ein Rätselspiel spielen.
Tut mir leid, ich hätte es Dir gern persönlich gesagt und wüsste ich wie, hätte ich es auch bestimmt bereits vor fünf Jahren getan –Also falls Du gerade über meinen vorangegangenen Satz gestolpert bist und ihn Dir zur Sicherheit noch einmal durchgelesen haben solltest, weil Du deinen wundervollen Augen nicht getraut hast, werde ich hier noch einmal etwas ausführlicher:
Percival, ich habe mich in Dich verliebt. Du bist mir schon aufgefallen, noch bevor Du im Saal standest und Dich ganze drei Statuen für sich gewinnen wollten. Bei jedem flüchtigen Gespräch, bei jedem viel zu seltenen Lächeln auf Deinen Lippen, bei jedem Blickkontakt, bei jedem Klang Deiner sanften Stimme habe ich mich ein Stück mehr in Dich verliebt. Fünf Jahre lang. Fünf Jahre lang habe ich versucht, es Dir zu sagen. Ich habe es nicht geschafft. Ich schaffe es noch immer nicht. Deshalb baue ich jetzt einfach auf Dich...

Gut. Soviel erstmal. Also, ich nehme an, Du hast es bereits verstanden, aber nur um sicherzugehen, schreibe ich es hier noch einmal klar und deutlich nieder:

Finde heraus, wer ich bin.
Das ist Deine Aufgabe. Nicht mehr und nicht weniger. Solltest Du Dich tatsächlich dazu bereit erklären, zu spielen, hier noch ein paar Regeln, wie sie zu jedem Spiel dazugehören:
1. Das hier ist ein Spiel für zwei. Ich bitte Dich also darum, diesen Brief, die folgenden und alles, was dazu gehört, für Dich zu behalten und an niemand Dritten weiterzutragen. Ich werde Dich nicht aufhalten können, falls Du es doch tust, doch dann ist dieses Spiel auf der Stelle vorbei.
2. Du antwortest mir, indem Du im Gewächshaus des ersten Jahrgangs den Topf anhebst und Deine Nachricht darunterschiebst. (Ich weiß, du weißt, welchen ich meine.)
3. Versuche nicht, Deine Nachrichten zu verzaubern, den Blumentopf zu beschatten oder beschatten zu lassen. Ich möchte, dass Du herausfindest, wer ich bin, indem Du dem Inhalt meiner Briefe folgst, nicht indem Du schummelst. Bitte.
4. Es gibt natürlich auch eine Frist. Ich habe mir gedacht, in unserer Lage ist nichts passender als der Valentinstag. Ich weiß auch nicht, irgendwie hat das einfach was und außer Dir würde ich sowieso niemandem etwas am 14. Februar nächsten Jahres überreichen wollen. Es wäre schön, ich könnte Dir dabei ins Gesicht sehen, aber das liegt ja jetzt allein in Deiner Hand.

Mehr habe ich bis hierhin auch nicht zu sagen. Jetzt liegt es an Dir. Hast Du Lust, dieses Spiel mit mir zu spielen? Überbringe mir Deine Antwort bitte bis spätestens diesen Freitag.
Anonymus

PS: In Deinem Bett findest Du –vielleicht als kleinen Vorgeschmack auf das Ende unseres gemeinsamen Rätselspiels– neben einer Rose eine Schachtel Pralinen. Keine Angst, ich habe sie ganz bestimmt nicht vergiftet oder einen Liebestrank untergemischt. Garantiert nicht. So etwas würde ich Dir niemals antun und es wäre auch ganz und gar nicht mein Stil. Ja, ich möchte, dass Du Dich ebenfalls in mich verliebst –von ganzem Herzen wünsche ich mir das– aber das, was ich mir wünsche, geht über jede Wirkung einer künstlichen Herbeiführung hinaus. Es wäre nicht echt. Nicht echt, falsch und feige.
Dennoch möchte ich Dich vorwarnen. Sie sind selbstgemacht und ich kann Dir nicht garantieren, dass sie Dir schmecken –hoffe es aber natürlich trotzdem.
Gute Nacht, Percival.
Ich hoffe, ich habe Dich hiermit jetzt nicht um Deinen Schlaf gebracht. Falls doch, tröstet es Dich vielleicht, wenn ich Dir sage, dass ich ganz gewiss keinen Schlaf bekommen werde, bis Du mir geschrieben hast.
Ich liebe Dich.«



Beim ersten Durchlesen hatte Percival den Brief nur überflogen –weil er es einfach nicht länger ausgehalten hatte und mit jeder weiteren Zeile sein Unglaube schneller wuchs. Und auch jetzt, beim dritten Mal, hatte Percival noch immer das Gefühl, nicht wirklich auch nur ein einziges Wort von dem, was da geschrieben stand, wirklich verstanden zu haben.
Er tauchte erst aus seinem tranceähnlichen Zustand wieder auf, als es plötzlich neben ihm laut polterte. Der junge Zauberer ruckte reflexartig hoch, die Augen vor Schreck geweitet und im ersten Moment einem Herzinfarkt nahe. Viel hätte nicht gefehlt, da machte der Vertrauensschüler die Ursache dieses schlagartig aufgetauchten Geräuschs ausfindig. Zu seinen Füßen lagen einige Pralinen verstreut und eine kleine hölzerne Schachtel, die halb kopfüber mit geöffnetem Deckel dalag. Der junge Graves brauchte nicht lang um Eins und Eins zusammenzuzählen und den Verursacher für dieses Chaos zu identifizieren. Moore. Er kugelte sich wie ein schuldbewusstes Unschuldslämmchen auf der Tagesdecke von einer Seite auf die andere und kommentierte Percivals vorwurfsvolle Miene mit einem Maunzen und fragendem Blick.
...Du kleiner Unruhestifter...Gut, damit wäre wohl zumindest die Frage geklärt, was mit den Pralinen passiert ist, von denen in dem Brief die Rede ist...
Graves schloss, dass die Wölbung unter der Tagesdecke wohl die Schachtel Pralinen gewesen war, die sein verschmuster, frecher Knieselmischling soeben aufgrund seines Spieltriebs –oder aufgrund von zu wenig Beachtung seitens Percival und daraus folgender Langeweile und Rachedurst– so genau wollte Percival sich da nicht festlegen, aus dem Bett und auf den Boden befördert hat. Moore deswegen wirklich böse sein, konnte der Zauberer nicht. Er konnte einfach nicht und krauelte seinen Kater daher lieber abwesend zwischen den Ohren.

„Hey, Graves, wieder bei uns, ja?“ Percival schnellte augenblicklich zu der heiteren, etwas belustigt fragenden Stimme herum –und bekam ganz nebenbei den zweiten Beinaheherzinfakt diesen Abend.
Einer seiner Zimmergenossen lehnte lässig an der Wand zum Waschraum und hatte bereits erwartungsvoll seine Augenbrauen hochgezogen. Alfi. Alfred Zabini. Ein breitschultriger, großer Zauberer mit rotblonden Locken und schilfgrünen Augen. Und –er erwähnte es selbst immer wieder gern– der stolze Kapitän der Qudditchmannschaft des Hauses Wampus. Er trug ebenfalls bereits seinen Pyjama –bestehend aus nichts weiter als einer etwas zu engen Hose. Alfi schlief schon seit Anbeginn der Zeiten oberkörperfrei und mochte –laut eigener Aussage– seine trainierten Oberschenkel viel zu sehr, um sie zu verstecken, so dass nur die Hälfte seines Oberkörpers durch ein lässig über die Schulter geworfenes Handtuch bedeckt wurde.
Percival musste schlucken. Nicht, weil dieser Anblick für ihn irgendwie ungewohnt war –sie teilten sich immerhin schon seit ihrem ersten Schuljahr ein Zimmer– es war vielmehr ein Reflex. Schon im nächsten, kniete er sich so beiläufig wie möglich nieder und begann hektisch, die verstreuten Pralinen wieder aufzusammeln. Er versuchte zwar, sich normal zu verhalten –obwohl ihm eigentlich hätte klar sein müssen, dass dieser Zug sowieso bereits abgefahren war– sich seine Überraschung über die Anwesenheit eines anderen menschlichen Wesens in diesem Zimmer nicht weiter anmerken zu lassen und sich weniger ertappt zu fühlen, doch es half alles nichts. Und Alfi war auch nicht der einzige, der in der Zwischenzeit dieses Zimmer betreten hatte, ohne, dass Percival auch nur das geringste davon mitbekommen hatte.
Da der junge Graves lieber auf dem Boden herumstocherte, als Alfi seine Frage zu beantworten –die Percival schon ganz aus seinem Verstand gestrichen hatte–  fand er sich kaum eine Minute später auch schon vor vier an ihn herangetretene Paar Füße wieder. Als Percival das bewusst wurde und seinerseits über diesen Umstand irritiert hochguckte, schauten seine Zimmergenossen kritisch, erwartungsvoll, musternd zu ihrem Mitschüler hinab.
„Kann man dir irgendwie helfen, Graves?“, erkundigte sich Alfi erneut mit weiterhin hochgezogenen Augenbrauen, während er sich zu Angesprochenem in die Hocke begab und interessiert eine der Pralinen aufhob, „Was treibst du hier eigentlich?“
„Sind das Pralinen?“
„Wer schickt dir denn Pralinen?“
„Deine Freundin? Sag bloß, du hast endlich jemanden aufgerissen!“
„Ist nicht dein Ernst? Wann? In den Ferien? Graves? Graves, jetzt sag schon –Wer ist sie? Wie sieht sie aus?“
„Jetzt rück schon raus, Alter. Du bist immer so scheiß verschwiegen, weißt du das?! Du kannst es uns doch sagen. Komm schon. Zumindest ihren Namen. Bitte, bitte, bitte. Einen kleinen Tipp. Nur einen klitzekleinen.“
„Schreibt ihr euch schon länger? Geht sie hier auch zur Schule? Ist es Picquery? Letztes Jahr hast du uns noch versichert, da wäre nichts zwischen euch –Ist doch so? Ist doch so, oder?“
Die Fragen prasselten nur so auf ihn ein, während er sich beeilte, die Pralinen so schnell wie möglich mit dem Brief, welchen er bis eben noch immer in seiner Hand gehalten hatte, in der kleinen Holzkiste zu verstauen. Percival riss die Letzte Alfi geradezu aus der Hand, ehe er den Deckel zuschnappen und alles unter seinem Kopfkissen verschwinden ließ.
„Wow, sogar eine Rose!“, war Alfis einziger Kommentar dazu, während Percival noch dabei war, sich zu sammeln, „Deine Verehrerin kommt damit eindeutig zu früh. Valentinstag ist doch erst im Februar.“
...Wie war das noch? Regel Eins. Es ist ein Spiel für zwei. Super Sache, ey! Wie kann ich es denn nur so schnell verbocken?!...
Percival wurde weiterhin von allen Seiten fragend und erwartungsvoll angestarrt und fühlte sich regelrecht gezwungen, etwas zu sagen. Er wusste, dass sie ihn ohne eine Erklärung nicht mehr in Ruhe lassen würden –und er brauchte Ruhe. Er brauchte unbedingt Ruhe, um sich überhaupt erst einmal selbst darüber klar zu werden, was passiert ist.
Der Druck stieg von Sekunde zu Sekunde, da er weiter erwartungsvoll niedergestarrt wurde und musste ein weiteres Mal schlucken, um überhaupt in der Lage zu sein, etwas zu sagen.
„Ihr liegt falsch.“, brachte der junge Graves schließlich heraus und erntete augenblicklich nicht länger erwartungsvolle Mienen, sondern verwunderte, irritierte Gesichter, „Mir wurde nichts zugeschickt. Ich verschicke.“
„Aha!“, ein Laut, als wäre er gerade eines Verbrechens überführt oder auf frischer Tat ertappt worden, begleitet von einem triumphierend auf ihn gerichteten Zeigefinger, „Du hast also definitiv eine Freundin, wenn du dich so ins Zeug legst. Pralinen. Eine Rose...Na, wer ist sie? Sag schon, Gravesi, in wen hast du dich so hoffnungslos verknallt? Vielleicht kann man ja helfen?“
Alfi wippte unterstützend spielerisch mit seinen Augenbrauen. Am liebsten hätte Percival alle Anspannung in einem Befreiungsschlag einfach unkontrolliert aus sich herausgeschrien, hätte sie alle, sie alle und auch alles andere einfach hinter sich zurückgelassen und wäre wie vom Knarlkiel gestochen aus dem Zimmer, dem Gemeinschaftsraum, dem Schloss, der Welt gestürmt –und hätte sich wahrscheinlich in Ermangelung einer besseren Alternative, die praktisch auch wirklich umsetzbar war, in die Schulbibliothek geflüchtet. Seinen Zufluchtsort. Tat diese Option aber im gleichem Atemzug als strategisch alles andere als günstig ab. Würde er diesen Raum jetzt verlassen, hielt er es für mehr als wahrscheinlich –nahezu todsicher– dass sich seine vier Zimmergenossen in seiner Abwesenheit über sowohl die Pralinen und, was noch sehr viel folgenschwerer wäre, den Brief hermachen würden, um ihre Neugier selbst zu stillen, wenn Percival schon nicht bereit dazu war.
Anstatt also fluchtartig das Weite zu suchen, gemahnte er sich selbst zum »cool-play« und sortierte so schnell seine Gedanken, suchte in rasender Geschwindigkeit eine schlüssige Ausrede, Erklärung –was auch immer– dass ihm schon ganz schwindelig wurde und er sich mit einem Seufzer mit dem Rücken auf sein Bett fallen ließ.
Er brauchte noch einen Moment, welcher die Geduld seiner Mitbewohner weiter strapazierte, ehe er mit geschlossenen Augen zu einem zweiten Versuch ansetzte, dieses Thema so schnell und endgültig zu beenden, wie möglich.
Man kann garantiert nicht helfen, Leute. Überlegt doch mal, wie stünde ich denn da, wenn ich mir von einem von euch helfen lassen müsste? Wer auch immer es ist, würde doch dann denken, ich kriege nichts selber auf die Kette und würde mich dann sowieso nicht mehr nehmen –Ist doch logisch, oder?“
Percival ließ die Frage einfach so im Raum schweben und wartete, weiterhin mit geschlossenen Augen wie ein Marienkäfer auf dem Rücken liegend, auf die nächste Reaktion. Um sich ein wenig selbst zu beruhigen, krauelte er nebenbei seinen darüber zufrieden vor sich hinschnurrenden Knieselmischling –doch von wirklicher Entspannung war er immer noch um einiges weiter entfernt als noch vorhin in der Halle. An Schlaf war beim besten Willen nicht zu denken, dabei wollte er doch eigentlich diesen ersten Abend einfach nur ruhig ausklingen lassen. Mehr nicht. Mehr hatte er nicht gewollt und jetzt befand er sich unbeabsichtigt im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit –etwas, was er sowieso nicht unbedingt mochte– in seinem Kopf, nichts als heilloses Chaos.
„Gut, helfen wir dir eben nicht. Aber jetzt sag schon. Verrate uns wenigstens, in welchem Haus sie ist. Komm schon, Graves, nur ein kleiner Tipp. Wir finden es früher oder später doch sowieso heraus.“
„Ihr findet es gar nicht heraus, kapiert?!“, Percival hatte sich ruckartig aufgesetzt und musterte jeden einzelnen von ihnen mit seinem strengen, endgültigen Blick –der so endgültig dann aber doch nur auf die Erstklässler wirkte, nicht auf seine Mitbewohner, mit denen er sich jetzt schon seit fünf Jahren den Schlafsaal teilte– und stöhnte einmal entnervt auf, als er von ihnen, neben einer kleinen, minimalen Spur Verunsicherung, ausschließlich grinsende Gesichter erntete, „Das würde mich nur sabotieren, also vergesst es ganz schnell wieder. Vergesst es. Vergesst einfach alles.“
„Das kannst du vergessen, Graves. Eines ist mal klar, wir werden dich ab sofort nicht mehr aus den Augen lassen. Das ist ein Versprechen.“
...Nein, ist es nicht. Es ist eine Drohung. Eine Drohung, Alfi...
Graves presste angespannt seine Kiefermuskulatur zusammen, doch Alfred war noch nicht fertig und zeigte sich über Percivals Mimik mehr erfreut, denn verunsichert. Er grinste ihm geradezu unverhohlen siegessicher entgegen.
„Aber da du dein Geheimnis für dich behalten willst, will ich dir ein Angebot machen, mein Bester. Das ist schon lange überfällig, Graves.“, nun war es Percival, der seinen Gegenüber fragend und zugleich erwartungsvoll musterte, „Du weigerst dich schon viel zu lange. Jeder liebt Quidditch. Jeder möchte in die Hausmannschaft. Und du bist ein guter Flieger. Das weiß ich.“, zögerte Alfi das Wesentliche gekonnt immer weiter hinaus, bis Percival ihn mit einem entnervten „Komm zum Punkt“ unterbrach.
„Du wirst dich aufstellen lassen, Graves. Für unsere Hausmannschaft. Letztes und auch vorletztes Jahr hast du abgelehnt und ich will herausfinden, warum. Also kannst du jetzt wählen: Entweder du nimmst am Auswahltraining teil und strengst dich an –oder dein kleines Geheimnis wird schneller publik als dir lieb ist.“
Alfi hielt mittlerweile erwartungsvoll seine Arme vor seinem Körper verschränkt, sein breites Grinsen durch ein lupenreines Pokerface ersetzt. Die anderen drei musterten erst Percival, dann Alfi, dann wieder Percival erwartungsvoll und mehr als gespannt.
Graves wusste nicht wohin mit sich. Also tat er etwas, was er sonst eigentlich nie tat. Er strubbelte sich durch seine dunklen, kurzen, noch leicht feuchten Haare und knabberte nebenbei auf seiner Unterlippe herum, den Blick zu Boden gerichtet, seine Zehen abwesend dabei beobachtend, wie sie sich kneteten. Seine Gesten der Unsicherheit nahm er nur eingeschränkt wahr und beschäftigte sich lieber damit, in Gedanken seine Chancen auszuloten.
Letztlich kam Graves zu dem Schluss, das ihm im Moment wohl keine andere Wahl blieb, als zunächst zuzusagen, den Weg des geringsten Widerstands zu wählen und sich somit zumindest ein wenig Zeit zu erkaufen –obwohl es ihm ganz und gar nicht schmeckte, erpresst zu werden.
Als Percival schließlich resigniert nickte und seine Zusage auch noch verbal mit einem alles andere als enthusiastischen „Na schön. Ich gehe hin“ bestätigte, wich Alfis Pokerface wieder diesem triumphierenden Grinsen und der Vertrauensschüler erhielt ein bestärkendes Schulterklopfen.
„Guter Mann. Das ist klasse!“, plötzlich war Alfi völlig aus dem Häuschen, „Das muss ich sofort den anderen sagen! Mit dir schlagen wir die Schlangen bestimmt und können damit endlich ihre schreckliche Siegesserie beenden. Wird auch echt mal Zeit, Freunde!“
Damit war Alfi auch schon davongedüst, kam aber nur eine halbe Minute später wieder zurück, da er einsah, dass es vielleicht doch besser wäre, nicht nur in einer zu engen Pyjamahose durch die Zimmer und in den Gemeinschaftsraum zu stürmen –und sich womöglich den kritischen Blicken der Mädchen auszusetzen. Alfi warf sich also hektisch einen Pulli über, dann war er auch schon wieder verschwunden und ließ hinter sich die Tür zuknallen.
„Ey, Graves, da hast du jetzt aber was losgetreten.“, machte sich einer der übriggebliebenen drei nebenbei bemerkbar, „Kneifen kannst du dir abschminken. Das wird jetzt nichts mehr.“
Amüsiertes Gekicher folgte. Percival blendete es aus. Nachfolgende weitere Sticheleien ebenfalls. Graves rollte sich einfach neben seinem Kater auf seiner Tagesdecke zusammen, bemüht zu verarbeiten, dass er jetzt nicht mehr nur mit dem Unterrichtsstoff und dem damit einhergehenden Arbeitspensum des kommenden Schuljahres zurechtkommen musste, sondern jetzt auch noch zusätzlich würde Quidditch spielen müssen –nicht zu vergessen der Brief. Darum musste er sich ja schließlich auch noch kümmern, doch vor allem an den Brief gestattete er sich gerade nicht zu denken. Er wollte keine weitere ungünstige Entwicklung heraufbeschwören und verlegte das Thema »Brief« mental auf einen späteren Zeitpunkt, wenn die anderen sich nicht mehr für ihn interessierten.

...


Alfi war mittlerweile wieder zurück und so wurde Percival erneut von vier statt drei Paar aufmerksamen Augen verstohlen gemustert. Die Vier hatten sich auf Alfis Bett versammelt und spielten eine Runde Zauberquartett, doch das kaufte der junge Graves ihnen nicht vollkommen ab. Dass er von ihnen weiterhin immer mal wieder prüfende Blicke zugeworfen bekam und das unverständliche Gemurmel ihn und sein seltsames Verhalten zum Thema hatte, wusste er einfach. Er spürte es. Sie warteten offensichtlich noch auf etwas, also sah sich Percival gezwungen, seine Taktik zu ändern. Der Zauberer versiegelte die kleine Holzschachtel unter seinem Kopfkissen magisch, sodass sie sich nur noch mit dem richtigen Passwort öffnen ließ, machte sie aufbruchssicher und wies den bereits schlummernden Moore dazu an, diese Schachtel wenn nötig mit seinem Leben zu verteidigen. Das alles waren provisorische Sicherheitsmaßnahmen, um auch unter Garantie zu verhindern, dass sich seine ach so feinen Mitbewohner in seiner kurzzeitigen Abwesenheit über sein Bett hermachten. Als Moore sich auf seinem Kopfkissen niedergelassen hatte, suchte Percival sich, bemüht gelassen zu wirken, sein Zahnputzzeug zusammen und machte sich unter den beobachtenden Blicken seiner Zimmergenossen auf in den Waschraum.

Als er nach ein paar Minuten wieder zu ihnen ins Zimmer trat, warf er ihnen direkt einen skeptischen Blick mit erwartungsvoll hochgezogenen Augenbrauen zu, woraufhin sich ihre musternden Blicke und sich sichtlich ertappt fühlenden Gesichter sofort schlagartig wieder von ihm ab- und ihrem Spiel zuwandten.
Percival schmunzelte darüber zufrieden in sich hinein, während er seinen Knieselmischling behutsam von seinem Kopfkissen hob und ihn sich ans Fußende setzte, ehe er unter die Decke schlüpfe, sich darunter zurechtkuschelte und sein Licht schon einmal ausmachte. Moore kam wieder zu ihm hoch, rollte sich an seiner Brust zusammen und ließ sich streicheln.
Percival schlief nicht. Er hielt seine Augen geschlossen, lauschte auf das Treiben seiner Mitbewohner und wartete. Wartete darauf, dass sie sich ebenfalls hinlegten. Wartete, bis er keine musternden Blicke mehr in seinem Nacken spürte. Wartete, bis die ruhigen Atmungen ihm verrieten, dass die anderen eingeschlafen waren. Wartete, bis er gänzlich unbeobachtet war.
Erst als er sich dessen sicher sein konnte, holte er die kleine Schachtel wieder unter seinem Kopfkissen hervor. Dass er sich dabei an einigen Dornen der Rose schnitt, registrierte er nicht einmal. Seine Aufmerksamkeit brauchte er für etwas anderes.
Unter Protest seines bereits schlafenden Knieselmischlings, den er zurück ans Fußende verfrachtete, schlüpfte Percival nun ganz unter seine Decke. In einer Hand seinen an der Spitze durch einen simplen Lumos erleuchteten Zauberstab, in der anderen den Brief, der ihn wortwörtlich um seinen Schlaf brachte.



--------------
So. Das war dann auch schon die Einführung.
Schreibt mir gerne einen Review, eine PN oder was auch immer. Kritik hilft immer, außerdem bin ich auf Kommentare angewiesen, um abschätzen zu können, ob es sich lohnt, das Ganze weiterzuverfolgen, oder ob ich es lieber sein lassen sollte. Wie auch immer, ehrliche Meinungen sind erwünscht (und wenn es euch bis hierhin gefällt, dürft ihr mir natürlich auch gerne ein Sternchen dalassen ;))
Review schreiben