Salz, Wind, Feuer

von Nakkita
GeschichteDrama, Schmerz/Trost / P18 Slash
05.11.2019
17.11.2019
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"Er hat keinerlei Interesse", murre ich und ziehe die Schenkel in der engen Badewanne an mich, während Ronan mir die Haare wäscht. Er wäscht den Whiskey aus mir heraus. Das einzig wertvolle, in dem ich je gebadet habe. 100.000 Dollar verschwinden im Abfluss. Es versetzt mir einen Stich.
"Komm schon, das war sicher eine Art Vorspiel für ihn. Er wollte sich an deiner Hilflosigkeit aufgeilen", redet Ronan mir gut zu.
"Nein, da war nichts. Rein gar nichts! Es fühlte sich eher an, als würde er mich auf meinen Platz verweisen. Eine dreckige Slum-Ratte hat er mich genannt."
Ich seufze schwer. Eigentlich sieht es mir nicht sehr ähnlich, so schnell aufzugeben. Aber Adrians Verhalten hat mich stark verunsichert. Er hat mir meine Herkunft von der Nasenspitze abgelesen. Was sonst wird er aus mir herauslesen, wenn wir einander ein weiteres Mal begegnen, auf intimere Weise? Was, wenn er erkennt, was ich vorhabe? Was, wenn er erkennt, dass ich ein Spion bin, der ihn töten wird, wenn er genug Informationen hat?
Ich weiß, ich habe Ronan einen Feigling genannt. Aber ich bin eigentlich genau wie er. Ich will auch nicht sterben. Ich würde alles für die Freien Denker tun und ich habe bereits viel getan, ich habe meine Grenzen überschritten, um sie zu unterstützen. Jeden Tag widme ich meinen Körper, meine Seele, mein Herz und alles, was ich habe, dieser Organisation. Weil ich mit aller Macht daran glaube, dass sie Veränderung für dieses geplagte Land bringen werden. Aber was bringt es, wenn ich sterbe? Ich will überleben. Deshalb bin ich doch Teil der Freien Denker. Ich will leben.
"Du bist so wunderschön", wispert Ronan und massiert das billige Shampoo in meine Kopfhaut ein. "Heute Abend war nur der Termin des Erstkontakts und ich bin sicher, du hast einen bleibenden Eindruck bei Adrian hinterlassen. Es braucht nur ein paar mehr Gelegenheiten zur Begegnung. Irgendwann wird er dir mit Haut und Haaren verfallen."
Er senkt nachdenklich die Lippen an meinen Nacken und küsst meine nasse, saubere Haut. "Ehrlich gesagt, ich persönlich bin froh, dass er dich heute noch nicht berührt hat. Es ist schwer für mich, diesen Gedanken zu akzeptieren. Jemand anderes wird mit dir schlafen, wird mit dir zusammen sein – es macht mich verrückt!"
Ich lehne mich zurück und er küsst mich auf die Lippen. Er schmeckt langweilig. Ich kann nicht aufhören, an den Whiskey zu denken, schwer und brennend auf meiner Zunge. Als hätte ich Erde gefressen.
Ich zerre Ronans Hand ins Wasser, zwischen meine Beine.
Vorhin, als Adrian auf mich herabgeblickt hat, als die Kleidung an meinem Körper klebte, klamm vom Whiskey – da habe ich etwas gespürt. Jetzt spüre ich gar nichts. Ich reibe seine Finger gegen meinen Schwanz und er stöhnt überrascht, er lächelt mich an.
Er denkt, das wäre meine Zustimmung. Meine Zustimmung, dass wir noch immer zusammen sind, dass wir zusammengehören, egal was Adrian mit meinem Körper anstellen wird, egal was ich mit anderen Männern tun muss, um meinen Status zu sichern.
Ich will nur irgendetwas fühlen. Irgendetwas. Ich muss.
Als seine Finger mich endlich soweit gebracht haben, dass ich eine Erektion habe, zieht er seine Hand weg, braust mich ein letztes Mal mit lauwarmem Wasser ab und holt mir ein Handtuch. Wütend reiße ich ihm das Stoffstück aus den Händen und schlinge es mir um die Hüften. Ronan kann es nur im Bett mit mir tun, Missionarsstellung, Auge in Auge, streichelnde Hände…
Es widert mich an.
Wir gehen ins Schlafzimmer und ich lasse das Handtuch fallen, lege mich auf das Bett, räkle mich für ihn. Endlich lässt er sich darauf ein. Er seufzt glücklich, er kriecht über mich.
Wenn er in mir ist, geschieht irgendetwas mit mir. Mit jedem Stoß kann ich fühlen, wie mein Wert sinkt. Es hört sich schräg an, aber wenn ich mit Ronan schlafe, dann zerfalle ich. Es ist, als wäre meine Haut mit Gold überzogen und er reibt das kostbare Material von mir ab, er schleift es einfach weg, wäscht es weg mit seinem Schweiß.
Ich verliere an Wert, jede Sekunde, die wir miteinander verbringen, auf diese Weise.
Denn er ist so ein Wurm. Er ist ein lächerliches Kind, das sich gegen seine Eltern auflehnt und Rebell spielt. Und von so einem muss ich mich ficken lassen. Von einem Schwächling, einem Nichts, einem Hochstapler. Weil ich die Freien Denker brauche. Weil ich den Zugang zur High Society brauche, den Zugang zu Adrian. Weil ich eine Wohnung brauche. Weil ich überleben will. Überleben muss.
"Du fühlst dich so gut an", raunt Ronan mir ins Ohr, seine Augen und seine Atemstöße glühen verliebt. Ich fühle mich verbrannt.
Ich umarme ihn, dränge mich an ihn. Lass mich etwas fühlen, irgendetwas, bitte… Du nutzloser Mistkerl…!
Ich denke an den Whiskey. An mir kleben 100.000 Dollar. Jemand hat mir diesen Wert gegeben. Adrian hat das getan. Es ist nicht abwaschbar, es ist noch immer da, es ist in meine Poren eingedrungen. Ronan kann diesen Wert nicht wegficken, er kann es nicht wegreiben.
Ich atme tief ein, sehe Adrians Augen vor mir, eisig blau.
"Ah…"
Ronan kommt in mir. Ich halte ihn fest, es ist wie ein Reflex, meine Muskeln pulsieren. Aber zugleich will ich ihn von mir wegstoßen, weil es so erbärmlich ist. Er japst mir ins Ohr wie ein erschöpfter Hund.
Irgendwann zieht er sich langsam aus mir zurück, er umarmt mich, er küsst mich. Wie kann man sich in einer Umarmung so einsam fühlen? Wie kann man so leer sein, obwohl man von Wärme umhüllt ist?
Als er einschläft, beiße ich so hart in mein Kissen, dass es fast aufplatzt. Am liebsten will ich schreien.




Ich schließe die Augen, als die Assistentin mir eine weitere Schicht Puder auf das Gesicht stäubt. Mein Manager erklärt mir, dass wir nach dem Auftritt eine Feier mit Freunden und Geschäftspartnern des Labels in einem Restaurant in der Innenstadt haben werden. Wie üblich werde ich also nach meinem Bühnenauftritt keine Zeit haben, mich auszuruhen. Am liebsten präsentieren sie mich, wenn ich noch ganz glühend und von Adrenalin erfüllt bin, frisch mit Applaus geduscht. Dann bin ich so viel prächtiger. Ein schillernder Star.
"Du wirst freundlich sein und dich tadellos benehmen, klar? Das sind sehr wichtige Leute", fügt er hinzu.
Ich nicke artig. Warum sagt er mir das immer und immer wieder? Es ist doch jedes Mal dasselbe. Der gleiche Ablauf. Wir werden essen und trinken, sehr viel trinken. Die Manager werden darauf achten, dass ich nur billiges Zeug bestelle, um keine unnötigen Luxusausgaben für mich machen zu müssen. Danach werden alle angeheitert sein. Vermutlich ziehen wir dann weiter in eine Karaoke-Bar. Es wird noch mehr Alkohol fließen. Und irgendwann lassen mich meine Manager dann allein in dem Raum. Im Hintergrund wabert leise die Musik umher, aber niemand wird mehr singen. Einer nach dem anderen, jeder, der den "Star" persönlich näher kennenlernen will, wird reinkommen.
Manchmal wünsche ich mir, jemand würde die Bar stürmen, mit erhobener Waffe. Ich wünsche mir, jemand würde die mächtigen Männer umbringen, die das mit mir machen. Jemand, der noch mächtiger ist als sie alle zusammen. Aber es ist naiv, sich das zu wünschen. Ich bedeute niemandem genug, als dass mich jemand aus diesem Loch rausholen würde. Wenn ich doch nur selbst mächtiger werden könnte… Wenn mir doch nur Flügel wachsen würden… Ich würde mich in die Lüfte schwingen, ich würde die Stadt überwinden, die voller stummer Schreie überquillt. Ich würde über den Köpfen und über den Flaggen der Feinde und Verräter hinwegfliegen. Dann wäre ich über den Palmen, über dem Strand und schließlich wäre ich über dem offenen, endlosen Meer. Immer weiter und weiter weg, irgendwo anders hin. Aber ich weiß, selbst das würde mich nicht glücklich machen. Wie ein Feigling würde ich mich fühlen. Ich bin derjenige, der hier etwas bewirken kann. Als Teil der Freien Denker bin ich jemand, der hier Veränderung herbeiführen kann. Wir sind die einzigen, die klar sehen. Wir sind die einzigen mit Mut in den Knochen. Und ich bin jemand, der nichts zu verlieren hat. Ich könnte eine Explosion herbeiführen, die das System erschüttert. Es könnte mich das Leben kosten, zweifellos. Aber ist das nicht unglaublich, diese Vorstellung, sich für etwas Großes zu opfern? Meine Explosion könnte diese Insel aus den Klauen der Invasoren herausreißen. Die Erde wird aufreißen und die Verräter verschlucken, ihre Flaggen werden brennen. Und wir werden unsere Häupter wieder mit Stolz erheben.
Ich will leben – aber dafür würde ich sterben.



Ich habe nicht viele Live-Auftritte. Ich bin oft beim Fernsehen, im Radio, gebe Interviews für Promi-Zeitschriften, singe im Studio, drehe Musikvideos in Industriehallen, aber Live-Auftritte sind schwierig. Entgegen der Meinung meiner Fans bin ich kein perfekter Sänger. Auf der Bühne darf ich mir keinen Fehler erlauben und es gibt keine Hilfsmittel, die die Mäkel und Unreinheiten in meiner Stimme verdecken könnten.
Ich muss noch mehr herumhampeln, noch mehr schwitzen und mich plagen, um die Leute zu beeindrucken. Und ich muss strahlen wie die Sonne. Grinsen und mit dem Publikum flirten wie eine Nutte.
Vor mir ist noch jemand anderes dran, ein neues Sternchen des Labels. Eine junge Frau, bildhübsch, asiatisch, mit sehr hoher Singstimme. Sie wählen immer schöne Gesichter aus. Die Musik-Labels, die Fernsehsender, die Zeitungen – sie sind alle eng mit der Regierung vernetzt. Wir sind das Ablenkungsprogramm für die dummen, unzufriedenen Massen. Was zum anhören. Was zum anschauen. Was zum anfassen.
Die Lyrics, die sie mir schreiben, sind so seicht. Heimat, Familie, Krieg, Unterdrückung – das alles sind zu heikle Themen. Deshalb wird fast nur über Liebe gesungen, verpackt in blumige Worte und offensichtliche Metaphern. Es ist immer der gleiche Dreck, unerträglich. Und die Melodien sind immer gleich. Ich kann meine Alben, meine Songs gar nicht mehr voneinander unterscheiden. Alles gleich.
Die hübsche Newcomerin ist fertig und ich gehe auf die Bühne. Die Show findet in einem ehrwürdigen, alten Theater statt, ein ungewöhnlicher Ort. Bisher hat das Label eher praktische Mehrzweckhallen ausgewählt, um uns der Welt auf dem Servierteller darzubieten. Mein Blick schweift. Unten sitzen sehr viele Frauen mit hellen Gesichtern, allesamt aus der Ober- oder zumindest oberen Mittelschicht, andere können sich dieses Vergnügen gar nicht leisten. Ihre Sitze sind mit rotem Samt bezogen, über uns schillert ein Kronleuchter, auf marmorne Säulen gestützt thronen die Logenplätze weit über dem Boden. Und dort sehe ich ihn. Er schaut auf mich herab. Adrian.
Was macht er denn hier?
Ich gerate ins Stocken und verpasse den Einsatz für meinen ersten Song. Erst, als ich ein Zischen vom hinteren Bereich der Bühne vernehme, eine Mahnung von meinem Manager, lasse ich meine Stimme erklingen. Ich gebe mir Mühe und bald habe ich über den anfänglichen Aussetzer hinweggetröstet und kann das Publikum in meinen Bann ziehen, die Frauen quietschen und schreien. Ich kann es nicht unterdrücken, immer wieder rutscht mein Blick nach oben, zu Adrian. Ist das Zufall? Wurde er vom Label eingeladen? Ist er einer der einflussreichen Männer, die heute von uns beglückt werden sollen? Oder hat er sich über mich informiert, hat er herausgefunden, wer ich bin und mich verfolgt? Doch wieso sollte er das tun? Bekommt er mich etwa nicht mehr aus dem Kopf, so wie ich ihn nicht mehr aus dem Kopf bekomme?
Ich suche die Logentribüne weiter ab, aber ich sehe niemanden anderen, keine weiteren MfS-Funktionäre. Heißt das, er ist wirklich allein hier? Aus eigenem Antrieb?
Mein Set ist vorbei. Ich lache, als hätte ich keine Sorgen auf der Welt. Ich verneige mich, bade im Applaus. Dann sprinte ich hinter die Bühne und der Nächste kommt, um sich verehren zu lassen. Es sind immer mehrere Auftritte, das Label will sein ganzes Portfolio an hübschen Talenten zeigen.
"Scheiße!"
Ich höre ein Klirren, mehrere Stimmen fluchen. Ich drehe mich um und sehe die Neue, sie hat ihr Glas fallenlassen und hat sich an einer Scherbe geschnitten, das Blut tropft auf ihr weißes Outfit, ihre Stylistin springt erschrocken zurück.
"Fuck, Lily, du solltest doch nochmal raus!", brüllt sie einer der Label-Bosse an. "So kannst du unmöglich auftreten."
Lily schluchzt leise, während eine Assistentin ihr die verletzte Hand mit Mullbinden umschlingt.
"Du da! Queeny!" Der Kerl zeigt mit dem Finger auf mich. "Du singst die Nationalhymne zum Schluss, alles klar?"
Ich beiße mir auf die Unterlippe. Bei kulturellen und sportlichen Anlässen wird zu Beginn und zum Schluss die Nationalhymne gesungen, die neue Hymne, die amerikanische. Das soll die neue Gesellschaft festigen, soll die Amerikaner und die Eingeborenen enger zusammenschweißen. Sie zwingen es uns auf. Wer nicht inbrünstig mitsingt, der läuft Gefahr, von der Geheimpolizei entführt und überprüft zu werden. Wer nicht aus voller Seele das Lied der Amerikaner trällert, offenbart sich als Rebell, als Querulant, als Störfaktor. So jemand muss eliminiert werden. Und die Elimination übernehmen Männer wie Adrian Vjord mit dem größten Vergnügen.
Es frisst mich innerlich auf.
"Kann das nicht jemand anderes machen?", lehne ich mich auf, fasse mir an die Kehle. "Ich habe eine etwas raue Stimme heute –"
"Halt die Klappe und tu, was man dir sagt!", grollt mein Manager und es ist beschlossene Sache. Ich muss die Nationalhymne singen, unter Adrians strengen Augen. Das wird noch demütigender als das, was er mit mir bei der Party getan hat.
Ich fühle mich nass und schmutzig. Mein Herz schlägt so wild in meiner Brust, als würde es ausbrechen wollen.
Die letzten Lieder hallen durch den Raum. Ich kann das nicht…!
Eine grobe Hand schubst mich vor, ich taumle zur Bühne zurück.
Voller Inbrunst soll ich singen, von der Fahne der Feinde. Für die Sterne und Streifen in Morgen- und Abendrot. Das Land der Freien und Tapferen.
Dieses Lied schmeckt nach Krieg.
Wie glücklich die Amis waren, als sie sich von den Briten befreiten. Und dann schwappten sie hinein in all die fremden Länder und sie zwangen uns ihre Lebensweise auf, verwickelten uns in Kriege, nahmen uns unsere eigene Unabhängigkeit.
Ich stehe auf der Bühne, angestarrt von allen. Diese Momente sind brenzlig. Da verstummt alles Jubeln und Schwärmen und die Popstars sind keine Popstars mehr, sie sind Stimmen der Propaganda. Es wird nicht einmal mehr geatmet, nirgends. Als wäre jegliche Luft aus dem Raum gepresst worden.
Ich ziehe das Mikrofon an mich heran.
Oh! Sagt, könnt ihr seh'n in des Morgenrots Strahl, die Ankunft der Feinde am Ufer der Heimat? Mit Leuchten und Bomben kamen sie in dunkler Nacht, mit dem Banner voller Sterne und Streifen. Nahmen uns unser Land, unsere Freiheit, unsere Seelen, damit das sternenbesetzte Banner über'm Land der Unfreien und Gepeinigten weht.
Ich kann das nicht.
Ich starre hoch.
Adrian.
Er hat das zugelassen, er und all die anderen Landesverräter. Wegen ihm ist unsere alte Hymne längst verboten, wer sie anstimmt, muss mit den härtesten Strafen rechnen, vollstreckt in geheimen, dunklen Kellern, fernab von Gerechtigkeit, Justiz und Gesellschaft.
Adrian hat mich gedemütigt, hat mich schmutzig genannt. Aber er ist derjenige, der sich von seiner Sünde nie reinwaschen kann. Egal, wie sehr er es versucht, er wird sich nie mehr in die Augen blicken können. Er hat uns verraten, er hat sich selbst verraten.
Ich will, dass er sich schmutzig fühlt. Ich will, dass er sich schämt.
Er soll sich so fühlen, wie ich mich immer fühle.
Du bist Dreck, Adrian. Du bist menschlicher Abfall.
Schau mich an. Hör mir zu.
Ich öffne den Mund und singe einfach. Ich singe die Hymne dieser wunderschönen Insel, die Hymne meiner Heimat, in der alten Sprache, die bald vergessen sein wird. Das Lied, das unsere Vorfahren zusammengetragen haben, auf diesem friedlichen Fleckchen Erde, wo all die Flüchtlinge zusammenkamen, wo wir uns alle fanden, als wir Schutz vor den Kriegen der Mächtigen und Großen suchten. Alle Kulturen vermischten sich hier und hier waren wir frei.

"Da schwimmt sie im grasgrünen Meer
Die Perle der Perlen
Unsere Heimat auf hoher See
Anker und Zuflucht im Sturm

Der Wind in unseren Herzen
das Salz auf unserer Haut
Ewig dort, ewig treu
meine Heimat,
die Perle im grasgrünen Meer."


Nie zuvor habe ich so schön gesungen, so gut, so rein und ehrlich. Ich bebe am ganzen Körper, meine Stimme hat gezittert, sie war verzerrt und voller Angst, aber es spielt keine Rolle. Ich habe es getan.
Ich wische mir die Tränen aus den Augen. Wind im Herzen, Salz auf der Haut.
Es ist noch stiller als zuvor und die Blicke durchlöchern mich wie Dolchstiche. Ich habe gerade Hochverrat begangen. Ich habe die übermächtige Nation beleidigt, die uns in ihrem Würgegriff hält.
Ich schaue auf und sehe Adrian. Er ist aufgesprungen. Seine Hände umfassen das Geländer, er starrt herab, er ist angespannt am ganzen Körper, lehnt sich so weit vor, als würde er sich wie ein Raubvogel im Sturzflug auf mich stürzen wollen.
Er wird mich töten. Er wird mich in meiner Garderobe abfangen, wird mich verhaften, mich verschleppen, mich töten, eigenhändig.
Aber ich sehe, wie blass er geworden ist. Ich sehe, wie seine Lippen zucken. Und ich sehe, dass er sich schämt. Ich habe ihn bespuckt und niedergetreten, ich habe ihn beleidigt und gedemütigt, nur mit meiner Stimme, nur mit meinem Lied. Verräter…! Du Verräter!
Ich gehe hinter die Bühne und auch dort starren mich alle an. Keiner weiß, wie man mit mir umgehen soll. Die Manager sind tomatenrot im Gesicht, kurz vorm Explodieren, aber sie sind zu schockiert, um mich anzuschreien.
Meine "Karriere" ist vorbei. Aber das ist jetzt egal, weil auch mein Leben vorbei ist.
Ich marschiere an ihnen vorbei, an den anderen Talenten, an den Managern, den hohen Tieren vom Label. Ich ziehe mich einfach zurück in meine Garderobe, knalle die Tür hinter mir zu.
Ich habe meine Chance wohl verschwendet. Ich habe mein Leben so leichtfertig weggeworfen. Ein trockenes, komisches Geräusch dringt aus meiner Kehle. Würgen. Schluchzen. Ich presse eine Hand auf meine Brust. Mein Herz…
Ich habe alles weggeworfen. Ich hätte mich lieber in die Luft sprengen sollen, damit hätte ich mehr bewirkt. Vielleicht hätte ich Adrian dann mit mir in den Tod reißen können.
Aber ich konnte nicht anders. Ich habe ihn angesehen und ich – …
Ich musste es tun.
Die Tür öffnet sich und ich verkrampfe mich. Langsam drehe ich mich auf meinem Stuhl um und sehe ihm ins Gesicht. Tatsächlich, es ist Adrian. Er hat seine Pistole bereits gezückt. Er richtet sie auf meine Stirn. So kurz wird mir also der Prozess gemacht? Gleich hier will er mich töten?
Ich habe den leisen Weg gewählt. Statt Bomben, statt Anschlägen, statt Chaos habe ich ein Lied gewählt. Kaum jemand hat es gehört. Niemand wird sich an mich erinnern. Meine Tat wird unerwähnt bleiben in den Geschichtsbüchern. Ein unbesungener Held.
Jetzt bleibt mir nur eines übrig: Ich will Adrian weiter quälen. Ich will Selbstzweifel und Scham in seinem kalten Herzen aussäen.
"Es wird nichts ändern", flüstere ich und starre in den Pistolenlauf hinein, dann gleitet mein Blick hoch. Adrian zittert. Der Kragen seines Hemdes ist schweißgetränkt, nahezu durchsichtig, und seine Stirn ist feucht.
Als du ein Kind warst, Adrian, hast du da am Strand gespielt, so wie ich? An jenem Strand, an dem jetzt die Kriegsschiffe der Amerikaner liegen, der Strand, der jetzt für Zivilisten gesperrt ist? Hast du im Herbst Wanderungen zum Vulkankrater unternommen, auf dem einsamen, friedlichen Pfad, der jetzt mit Hotels und Wohnungen für reiche Weiße zugepflastert ist? Bist du je zum Hulqoa-Riff hinausgeschwommen und hast die Fische bewundert, in all ihren Farben, ehe das Wasser trüb und schmutzig wurde und alle Korallen starben? Haben deine Großeltern noch in der alten Sprache mit dir gesprochen, im Klang der Heimat, der jetzt als Zeichen des Ungehorsams gilt?
"Es ist egal, wie viele Menschen du tötest. Und es ist egal, was aus diesem Land wird. Egal, wie die Geschichte sich entwickelt – du wirst immer ein Verräter sein. Alle anderen werden das vergessen, aber du musst damit leben, bis zum Schluss", wispere ich.
Und ich sehe in seinen zuckenden, wilden, verzweifelten Augen, dass er nicht damit leben kann. Er hat es erfolgreich verdrängt, aber dann bin ich gekommen und habe ihn wieder daran erinnert, was er ist. Ich habe ihn mit Scham und Schande überschüttet. Meine Revanche für die Sache mit dem Whiskey.
Ich will, dass er sich immer daran erinnert, auch wenn ich längst tot und verscharrt unter der Erde liege. Ich will, dass er daran stirbt, daran erstickt.
Er kommt näher, er schnaubt, er presst mir die Pistole direkt an die Stirn. Sie ist eiskalt. Jetzt kann ich nicht mehr reden. Es wird gleich vorbei sein.
Ich schnappe nach Luft und im selben Moment, wie aus einem Mund, da höre ich ihn schluchzen. Sein großer Körper, der einen Schatten auf mich wirft, der über mir kauert, verkrampft sich heftig und der Lauf reibt über meine Stirn, ich schließe die Augen, die Tränen kommen. Ich schäme mich nicht. Gleich ist alles vorbei, es ist ganz egal.
Plötzlich bewegt er sich ruckartig, ich schreie auf vor Schreck, ich rechne mit dem lauten Knall des Schusses, aber er reißt meine Hände an sich, zerquetscht mir fast die Handgelenke dabei, er drückt mir die Pistole in die Finger, er drängt sie mir auf und er zieht sie an sich, er zieht meine bewaffneten Hände an seine Brust.
Er knickt ein, seine Stirn liegt an meiner Stirn und er keucht mir ins Gesicht, sein Atem ist so heiß wie Feuer.
"Tu es…", wispert er. Ein Flehen, ein Drängen, ein Befehl, alles zugleich.
Seine Tränen tropfen auf mich.
Seine Hand schnellt vor, er packt meine Wange, seine Finger bohren sich in meinen Nacken.
"Tu es!", wiederholt er, diesmal lauter, fast schon panisch.
Meine Finger sind am Abzug. Die Pistole liegt genau über seinem Herzen. Ich kann spüren, wie es schlägt. Es pulsiert so heftig, seine Brust hebt und senkt sich und schiebt die Pistole weg, bäumt sich gegen den kalten Stahl auf.
Er hat Angst, so viel Angst, genau wie ich.
Wind im Herzen und Salz auf der Haut.
Wir weinen beide.
Ich kann es nicht.
Ich krümme und strecke die Finger und das klobige Stück Stahl fällt einfach aus meinem Griff. Er stöhnt, erleichtert und doch voller Bedauern.
Er greift jetzt mein Gesicht, mit beiden Händen, grob. Er nimmt die Stirn von meiner und schaut mich an. Er betrachtet mein Gesicht.
Was er wohl denkt?
Was ich wohl denke?
Mein Kopf ist ganz leer. Aber zum ersten Mal seit langer Zeit fühle ich dafür etwas. Ich fühle etwas, tatsächlich.
Auf der Party, da hat er mich nicht einmal richtig angesehen. Jetzt streicheln mich seine Augen.
Etwas hat sich verändert, zwischen uns. Wir haben uns am Leben gelassen.
Er presst seine Finger in meinen Nacken, so tief und hart, dass mein Kopf nach hinten schnappt. Und dann küsst er mich. Er schmettert seine Lippen gegen meine und knackt meinen verkniffenen Mund wie eine Walnuss. Er öffnet mich. Seine Zunge dringt in mich und er schmeckt mich.
Meine Hände zucken unkontrolliert, ich packe sein Hemd, ich ziehe ihn näher, spüre seinen Herzschlag. Und dann reiße ich die Arme hoch und schlinge sie um ihn.
Ich weiß nicht, wie lang es dauert. Irgendwann öffnet er den Mund, zieht sich zurück, meine Zunge zuckt ihm hinterher, ein Faden Speichel bleibt zurück, klebt jetzt an meiner Lippe.
Seine Hand ist noch da, warm an meiner Wange. Er hat die Augen geschlossen, atmet schwer. Er greift in sein Sakko, holt ein Kärtchen hervor, legt es auf meinem Oberschenkel ab, merkwürdig berührungsscheu, er lässt es vorsichtig auf meine Hose gleiten.
Ich kann nur kurz hinschauen, da ist eine Telefonnummer, handschriftlich, dann nehmen mich seine Augen wieder gefangen.
Ich habe noch nie richtig mit diesem Mann gesprochen, das wird mir gerade klar. Aber ich habe in meinem Leben schon mit tausenden Menschen gesprochen und bin ganz müde von den leeren Worten. Ich habe tausend Gespräche geführt und habe mich leer und einsam gefühlt, aber mit Adrian spreche ich nicht und dennoch spüre ich, dass wir dasselbe in uns tragen. Wir haben einander genau deswegen verschont.
Er reißt die Finger von mir weg, es ist, als hätte er mit Gewalt einen magnetischen Kontakt unterbrochen. Er starrt mich an, mit offenem Mund. Er starrt tief in mich hinein, durch so viele Schichten und Masken dringt sein Blick, aber obwohl er mich kennt, auf eine Weise, auf die mich wohl kein Mensch kennt, wagt er es nicht, etwas zu sagen.
Er hebt die Pistole wieder auf, er verlässt den Raum und er lässt mich mit dem Kärtchen zurück. Ich streiche über die Ränder, das Papier ist rasiermesserscharf.
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