Volksgrenadiere

GeschichteDrama, Freundschaft / P16
05.11.2019
09.11.2019
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Bastogne, Fluss Our

Es war noch dunkel, als die ersten Volksgrenadiere den Fluss überquerten. In kleinen Ruderbooten. Die Soldaten waren bewaffnet mit Karabinern, Maschinenpistolen und einige trugen das hochmoderne Sturmgewehr 44. Handgranaten hatten sie sich unter ihre Koppeln geklemmt. Sie sammelten sich am anderen Ufer. Der Leutnant war aufgeregt. Im Sekundentakt schaute er auf seine Armbanduhr und dann in den Himmel. Er wartete nur auf den Artillerieangriff. Meier kniete wie alle und stützte seinen Karabiner auf den Boden. Er wandte sich zu Kleinert und einigen anderen jungen Soldaten.”Haltet euch an mich, klar? Dann werdet ihr Überleben” beschwor er die jungen Männer. Alle nickten etwas. Einige der Jungs hatten jetzt schon die Hosen voll. Kleinert war richtig in Vorfreude. Immer wieder strich er mit seinem Händen über seinen Karabiner. Meier schüttelte nur schweigend den Kopf. Das hier war kein verdammter Ausflug oder ne Wanderung mit der HJ. Das war Krieg. Und die Amerikaner waren nicht das was immer gesagt wurde. Es waren keine Cowboys und Farmer. Die Amerikaner waren Soldaten, wie die Deutschen. Und sie waren besser ausgerüstet. Von allem hatten sie mehr. Männer, Munition, Artillerie, Panzer und Flugzeuge. Dank des Winterwetters blieben ihre Flieger aber am Boden. Eine rote Leuchtrakete flog in einiger Entfernung in die Luft. In der Ferne hörte man Kanonendonner. Das war die Artillerie. Instinktiv zogen die erfahrenen Männer den Kopf ein. Sie wussten, dass die bei der Artillerie nicht immer die besten Schützen waren. Die jungen Soldaten schauten zu. Sie waren begeistert.”Runter ihr Idioten, das ist kein Silvesterfeuerwerk!” stutzte der Unteroffizier die Jungs zurecht. Das Artilleriefeuer dauerte nicht lange. Nach ein paar Minuten war der Feuerzauber zu ende.

“Also gut Männer! Mit dieser Offensive werden wir die Anglo-Amerikaner in Antwerpen ins Meer zurückwerfen!”. Der Leutnant zückte eine Signalpistole. Als der Zeiger halb Sechs zeigte schoss er die Signalrakete in den Himmel. Zeitgleich stiegen mehrere Leuchtsignale in den Himmel. Die Deutschen gingen zum Angriff über. Sie kämpften sich durch den Wald der Ardennen. Die Amerikaner eröffneten sofort das Feuer. Die Artillerie hatte den Überraschungseffekt genommen. In den steinharten Boden hatten die Amerikaner Schützenlöcher gegraben. Sie wehrten sich verbissen. Mit Maschinengewehren, Garands und Thompsons schossen die auf die Grenadiere. Viele suchten hinter Bäumen Deckung. Einige wurden angeschossen. Manche waren sofort tot. Ein Schuss in den Kopf oder die Brust. Einige bekamen einen Bauchschuss. Ein qualvoller Tod. Sie lagen schreiend in ihrem eigenen Blut und beteten zu ihrem Gott, Führer oder schrien nach ihren Müttern. Der MG-Schütze hatte sich auf den Boden gelegt. Mit dem MG-42 eröffnete das Feuer. Eine wahre Höllenmaschine. Bis zu 1500 Schuss pro Minute spuckte diese Waffe aus. Man hörte keine Schüsse mehr. Nur ein Geräusch. Als würde man ein riesiges Stück Stoff zerreißen. Die Grenadiere feuerten aus ihren Deckungen und warfen Stielhandgranaten. Doch sie waren noch zu weit weg.”Immer weiter Männer, Vorwärts!” brüllte der junge Leutnant. Der wollte sich nur Orden verdienen. Die Männer rannten und Deckung zu Deckung und erwiderte das Feuer.

Die Amerikaner zogen etwas die Köpfe ein dank dem MG-42. Die Schlacht im Wald war unübersichtlich. Die Amerikaner schienen überall. Granatwerferfeuer setzte ein. Eine Granate schlug mitten in einer Gruppe von Grenadieren ein. Meier schubste Kleinert auf den Boden und warf sich selbst auch hin.”Bleib unten, die Splitter sind Schlimmer als Kugeln!”. Die beiden Soldaten robbten durch den Schnee. Meier erblickte ein Maschinengewehr. Er zog eine Granate aus seinem Gürtel und reichte sie Kleinert.”Das MG-Nest, zeig mal was du gelernt hast!”. Kleinert nickte strahlend. Endlich konnte er sich beweisen. Er schraubte den Deckel vom Granatenstiel ab und zog die Zündschnur. So schnell er konnte warf er die Handgranate.”Fuck, Grenade!” brüllte eine Stimme. Der Amerikaner konnte die Granate schnell aus den Loch werfen. Sie explodierte ohne etwas zu treffen. Meier fluchte und ging hinter einem Baum in Deckung. Er klemmte sich seine letzte Granate unter den Arm und schraubte die Kappe ab. Schnell zog er die Zündschnur. Sofort begann er zu zählen. Er kochte die Granate ab. Eigentlich war es verboten, da die Gefahr zu groß war, sich selbst zu sprengen. Aber manchmal musste man Opfer bringen.”Drei!!” brüllte Meier, verließ die Deckung kurz und warf die Granate. Diesmal konnte sie der Amerikaner nicht zurückwerfen. Die Explosion schleuderte Erde in die Luft. Das Maschinengewehr schwieg. Trotzdem wurden immer mehr Grenadiere getroffen.”Wo sind denn unsere Panzer verdammt?!” schrie Kleinert durch den Gefechtslärm.”Scheiß auf die Panzer!” schallte es zurück.”Rückzug! Rückzug!”. Der Leutnant pfiff seine Männer zurück. Meier schubste Kleinert in die Richtung. Der Unteroffizier stützte Peter. Ihn hatte es über getroffen. Der Hals. Ein Verband war notdürftig um den Hals gewickelt worden. Trotzdem lief ihm Blut aus dem Mund und den Hals herunter. Meier rannte zurück und half dem Unteroffizier. Zusammen trugen sie den Gefreiten. Die Amerikaner stellten das Feuer ein. Auch die Explosionen der Granatwerfer ebbten langsam ab. Es kamen viel weniger Grenadiere aus dem Kampf zurück als in den Kampf zogen. Peter hing nur noch auf den Schultern der beiden Männer. Die Verletzten wurden zuerst in die Boote geladen. Es ging zurück auf die Ausgangsposition. Die Yankees konnten den Angriff zurückwerfen.

Peter hatte aufgehört sich zu bewegen.”Komm schon Junge!”. Der Unteroffizier rüttelte an ihm. Sein Körper kippte stumpf auf den Boden. Er war blass und kalt. Peter galt zwar schon als erfahren, aber auch er war gerade mal 21. Ein halbes Kind noch. Der Unteroffizier zog seinen Helm ab. Er war ein gestandener Soldat. Älter als viele seiner Soldaten, die er immer “meine Jungs” nannte. Der Unteroffizier war ein Lehrer an der Volksschule gewesen. Er versuchte immer die Männer zusammen zu halten.”Komm schon Peter. Du kannst bald wieder auf deiner Mundharmonika spielen und uns mit deinen Geschichten von zuhause langweilen”. Meier trat zum Unteroffizier. Die beiden kannten sich schon gut.”Er ist tot…”. Der Unteroffizier sah Meier an. Mit einem traurig verzerrtem Gesicht blickte er den toten Grenadier an. Peters Augen waren weit aufgeschlagen und blickten in den Himmel. Der Verband an seinem Hals war mehr rot als weiß. Der Unteroffizier schloss die Augen des jungen Mannes und griff in die Uniform des Toten. Er brach seine Erkennungsmarke ab und steckte sie ein.”Er hat mich so an meinen Jungen erinnert Meier….”. Der Unteroffizier trat weg. Kleinert trat neben Meier. Der junge Soldat schien beim Anblick der Leiche etwas übel zu werden. Meier verzog keine Miene.”Komm mit Junge. Wir können nichts mehr für ihn tun”. Meier ging. Kleinert folgte ihm schnellen Schrittes.

“Ich brauche einen vollen Schadensbericht”. Die Grenadiere waren zurück auf ihrer Ausgangsposition. Der Leutnant sprach mit dem Feldwebel seines Zuges. Dieser salutierte und trat weg. Der Leutnant ließ danach seine restlichen Soldaten antreten.”Männer, es war ein harter Tag für unsere Kompanie. Aber es war nicht grundlos. Einheiten der 2. Panzerdivision konnten vordringen. Bastogne ist nun vollständig umzingelt. Die Yankees werden aufgeben. Diese Bauern können deutscher Militärmacht nichts entgegensetzen. Wir haben Männer verloren. Aber sie sind für Deutschland gefallen. Für die Zukunft des Reiches. Für Führer, Volk und Vaterland. Diese Helden gaben alles um unser Reich zu retten”. Der junge Offizier hielt weiter seine Ansprache. Die Augen der jungen Soldaten funkelten. Auch sie wollten den Heldentod an der Front sterben. Die altgedienten Soldaten wussten, dass es sowas wie Heldentum nicht gab. Im Krieg gab es keine Helden. Nur Männer die überleben wollen. Jeder hatte schon etwas getan, worauf er nicht stolz ist um zu überleben. Jeder hatte schonmal eine Leiche gefleddert. Jeder hatte schon auf Sanitäter geschossen.  Die Soldaten konnten wegtreten. Weitere Anweisungen würden folgen. Die Männer kehrten zum Leben abseits der Front zurück. Etwas Schlaf erschaschen, Briefe schreiben, Essen, Rauchen und sich irgendwie die Zeit vertreiben. Der nächste Angriffsbefehl würde nicht lange auf sich warten lassen. Ganz sicher nicht.
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