Vom Wiederfinden

GeschichteAllgemein / P16 Slash
Boris Saalfeld Tobias Ehrlinger / Saalfeld
04.11.2019
09.12.2019
8
19329
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Versprochen ist versprochen! Deshalb heute schon ein neues Kapitel, ehe es danach wieder etwas länger dauert, bis etwas Neues kommt. Vorab aber noch mal vielen Dank für eure lieben Reviews. Macht Freude, sie zu lesen!

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Hoffnung, von einem zum anderen Moment zerronnen. Boris fühlt sich von Watte umhüllt, nimmt alles um sich herum wie durch einen Nebel wahr, schiebt sich an Dr. Koch vorbei ins Behandlungszimmer und setzt sich, ohne dazu aufgefordert worden zu sein. Wird er sprechen können, sprechen wollen? Und macht das überhaupt Sinn? Boris schlägt die Hände vors Gesicht und sackt in sich zusammen.
„Geht es Ihnen nicht gut, Herr Saalfeld? Soll ich Ihnen ein Glas Wasser bringen?“
„Im Moment weiß ich nicht, was ich brauche, ob ich hier sein möchte, ob ich hier sein soll. Ohne meinen Mann macht das doch keinen Sinn. Für mich bricht gerade … eine Welt zusammen.“
„Langsam, Herr Saalfeld. Ich bin doch noch gar nicht dazu gekommen, Sie vorzuwarnen. Ihr Mann ist da. Ich habe ihm den Brief gegeben, den Sie mir gestern gebracht haben. Er hat  ihn in meinem Beisein gelesen und er schien … nun ja, sehr bewegt zu sein. Im Augenblick sitzt er im Nebenzimmer, wollte ein paar Minuten mit sich und Ihrem Brief alleine sein und nachdenken. Bitte beruhigen Sie sich und nehmen auch Sie sich ein paar Minuten. Ich lasse Sie so lange allein und spreche noch mal kurz mit Ihrem Mann. Ich hoffe sehr, er wird gleich mit mir zu Ihnen kommen.“

Während Boris spürt, wie seine Sinne langsam wieder Besitz von ihm ergreifen, die Aufruhr in seinem Inneren sich ganz allmählich legt, sein Körper entspannt, sitzt Tobias im Nebenzimmer, Boris’ Zeilen auf seinem Schoss und fühlt den Worten nach. Entfernt hat er es klingeln gehört, die gepolsterten Türen lassen mehr an Geräuschen allerdings nicht durchdringen. Trotzdem ist er sich sicher, Boris ist gekommen, er spürt es geradezu körperlich. Nochmals liest er die Zeilen seines Mannes, obwohl er sie fast schon auswendig kennt.

Tobias,
immer noch Schatz, immer noch der Allerbeste. Ich würde gerne mein Schatz, mein Allerbester schreiben weil es das ist, was ich fühle. Dieses kleine Wörtchen „mein“, es klingt so nach Besitzanspruch, das soll es nicht sein, sondern ein Zeichen, wie sehr ich mich immer noch mit dir verbunden, dir nah fühle. Aber du hast allen Grund, daran zu zweifeln.

Mein spontaner Besuch neulich in deiner Wohnung hat dich erschreckt. Das wollte ich nicht, verzeih mir. Erst hinterher ist mir klar geworden, wie sehr du dich überfallen und unter Druck gesetzt gefühlt haben musst. Du solltest dich nicht sofort entscheiden, solltest Zeit haben nachzudenken. Aber ich hatte Angst du könntest ablehnen, wenn ich dich um ein Gespräch bitte. Die Stimmung da bei dir in der Wohnung war so gedrückt, dass ich mir nicht die Zeit genommen habe, dir ausführlicher zu erklären, warum ich gekommen bin. Stattdessen bin ich geflüchtet, weil es das ist, was auch ich am Besten kann.

Und nun schreibe ich dir diesen Brief, möchte den Fehler nicht noch einmal machen. Du sollst frei entscheiden, ob du dich mit mir auf diese Reise begibst, die mir so wichtig ist. Aber ich bin dir nicht böse, wenn du jetzt aufstehst und gehst, auch wenn es mich traurig machen würde.

Ich habe viel nachgedacht in den letzten Wochen und mich gefragt, was schief gelaufen ist. Wir haben so viel gemeinsam durchgestanden, haben das, was für ein Menschenleben reicht, in kurzer Zeit bewältigen müssen. Die Verliebtheit, die wir anfangs im Geheimen leben mussten, später die nicht immer leichten Outings, mein Vater, der uns das Leben mehr als schwer gemacht und dich in die Sucht getrieben hat, das Attentat meiner Mutter auf dich, der Unfall, dein Bein, das dich hindert, dein Leben so zu führen, wie du es dir vorgenommen hast, der Tod meiner Mutter, erschossen von meiner Schwester. Wir haben über all diese zum Teil so traumatischen Ereignisse nie ausführlich geredet, sind immer schnell zur Tagesordnung übergegangen. Ich habe dir nie erzählt, wie es mir damit geht, welche Gefühle das bei mir ausgelöst hat, wollte es vielleicht selber nicht wissen oder unser Glück nicht trüben. Und ich habe dich nie gefragt, was das mit dir macht, weiß es bis heute nicht. Es war wohl naiv zu glauben, unsere schnelle Verlobung, Heirat und der Umzug weit weg von Bichlheim könnte all das Schlimme vergessen und ungeschehen machen. Wir haben schlicht versäumt, darüber zu reden.

Wann habe ich dir eigentlich zuletzt gesagt oder gezeigt, wie wichtig du mir bist und wie froh es mich immer macht, dich an meiner Seite zu wissen? Du hast so vieles was mir fehlt und was ich bewundere. Du bist mutig und klug, phantasievoll, spontan, immer hilfsbereit und verlässlich und hast so einen wunderbaren und mitreißenden Humor. Mit dir an meiner Seite fühlt sich alles so leicht an. Darüber  habe ich vergessen, dass es auch noch einen anderen Tobias gibt und versäumt, auch den noch besser kennen zu lernen, genauso wie ich dir den anderen Boris nur selten gezeigt habe. Das würde ich so gerne nachholen.

Du hast mal im Büro des Fürstenhofs vor mir gestanden und gefragt „Was muss ich machen, damit du mir glaubst?“ Erinnerst du dich noch? Heute stehe ich vor dir und frage „Was muss ich machen, damit du mir wieder vertraust und mit mir gemeinsam versuchst, das was passiert ist zu verarbeiten?“ „Ich weiß es nicht“ habe ich dir damals geantwortet, das war weder aufbauend noch mitfühlend, auch wenn ich noch rechtzeitig gegengesteuert habe. Und ich wage kaum zu hoffen, dass deine Antwort für mich anders, positiver ausfällt.

Wenn ich die Augen schließe, sehe ich das vor mir, was ich mir so sehr wünsche. Ich komme zu unserem Termin ins Therapiezimmer von Herrn Dr. Koch, du sitzt im Besuchersessel und vielleicht lächelst du mich sogar an. Tobi, mit Hilfe kann es uns gelingen, unsere Krise zu überwinden. Ja, für mich ist es eine Krise und nicht das Ende. Bitte denk darüber nach. Lass dir soviel Zeit wie nötig. Aber wenn auch du eine Chance für unsere Beziehung siehst, wie  immer die dann aussieht, dann lass es mich wissen und lass es uns versuchen - gemeinsam.

Ein kluger Mensch hat sinngemäß einmal gesagt, erst wenn man etwas verloren hat, weiß man es so richtig zu schätzen. Er hatte Recht.

Immer noch in Liebe – Boris

Tobias’ Augen sind tränenblind. Er versucht sich abzulenken, mustert den schmucklosen Raum, den Teppichboden, gediegen und dezent in zartem grau in grau gemustert, die beiden Sitzmöglichkeiten als einzige Möbelstücke farblich darauf abgestimmt. Keine Bilder an den hellgrau gestrichenen Wänden, nichts was ablenken könnte. Wahrscheinlich ist dieses Zimmer für die schweren Fälle gedacht. Durch das große Panoramafenster schaut er in einen gepflegten Garten. Eine Fliege versucht sturköpfig aber wenig erfolgreich durch die Scheibe nach draußen zu gelangen. Tobias wundert sich, dass ihre heftige Konfrontation mit dem Glas nicht zu Bewusstlosigkeit führt, denkt kurz über die Möglichkeit nach, das Tier irgendwie in die Freiheit zu entlassen und  fühlt sich ihm verbunden. Möchte doch auch er am liebsten raus hier. Allerdings hindert ihr kein Glas, sondern die sich selbst auferlegte Verpflichtung, das hier auszuhalten, durchzuhalten, und sei es auch nur kurz und nur aus Höflichkeit.

Nach diesem gedanklichen Ausflug zu den Themen Gefangenschaft und Freiheit wendet Tobias seine Aufmerksamkeit der Tür zu. Warum dringt kein Geräusch zu ihm? Einem spontanen Impuls folgend möchte er aufstehen um das Rätsel zu lösen. Aber dazu müsste er die Tür öffnen, und das könnte unangenehme Folgen haben. Die Angst vor Entdeckung ist zu groß, wäre ihm peinlich, deshalb bleibt er dann doch sitzen. Wie gut, denn in diesem Moment öffnet sich die Tür und Doktor Koch betritt den Raum.
„So, Ihr Mann ist jetzt da. Sind Sie bereit, mit mir zu ihm zu gehen?
Tobias nickt, steht auf und folgt dem Therapeuten zögerlich ins Nebenzimmer. Boris sitzt blass und angespannt in einem der Besucherstühle, blickt aber auf und lächelt zaghaft.
„Tut mir leid! Ich weiß, das hast du dir anders vorgestellt. Eigentlich sollte ich da sitzen und dich anlächeln, wenn du reinkommst. Dumm gelaufen.“
Jetzt lächelt Boris erleichtert und ist glücklich, als Tobias sich während er spricht zu ihm beugt und leicht und beruhigend über seinen Oberarm streicht, ehe er auf dem zweiten Sessel Platz nimmt.

Doktor Koch sitzt inzwischen hinter seinem ausladenden Schreibtisch, ordnet ein paar Unterlagen und macht Notizen, wohl um den beiden etwas verwirrt wirkenden Herren da vor ihm Zeit zur Sammlung zu geben. Irritiert schaut Tobias aufs Fenster, wo eine Fliege – ist es die aus dem Nachbarzimmer, die ihm hierher gefolgt ist? – einen verzweifelten Ausbruchsversuch in Angriff nimmt. Ihr stetiges monotones Klopfen gegen die Scheibe beruhigt Tobias jetzt erstaunlicherweise. Seine Arme locker auf die Armlehne gelegt wirkt er plötzlich tiefenentspannt.

Ganz anders Boris. Das sonst übliche Spiel seiner Finger genügt ihm nicht, deshalb wendet er sich vorerst den Knöpfen seines Sakkos zu, zieht, dreht, drückt einen nach dem anderen, überprüft ihren Halt am Stoff , gibt diese Beschäftigung aber schnell wieder auf. Stattdessen geht er dazu über, seinen Ehering, den er immer noch trägt bis zum Knöchel zu ziehen, wieder zurück zu schieben um ihn dann ein paar Mal zu drehen. Gleichzeitig inspiziert er Dr. Kochs Schreibtisch, wirft einen sehnsüchtigen Blick auf  die Schale mit Stiften, die für ihn, würde er sich etwas nach vorne beugen, durchaus erreichbar wäre. Fieberhaft überlegt er, ob er an einen der Kugelschreiber kommen kann, angeblich in Gedanken und ohne allzu unangenehm aufzufallen. Nachdem er auch diese Möglichkeit als wenig praktikabel verwirft, wühlt er hektisch in seinen Sakkotaschen. Vielleicht findet sich dort ein Einkaufswagenchip oder ein nicht mehr benötigter Zettel, den er knicken, rollen, knüllen kann.

Die hektische Betriebsamkeit auf dem Sessel neben ihm bleibt Tobias nicht verborgen und lenkt seine Aufmerksamkeit weg von der verzweifelten Fliege am Fenster und hin zu seinem nicht minder verzweifelten Mann. Boris’ sehnsüchtiger Inspektion von Herrn Kochs Schreibtisch ist ihm ebenso wenig entgangen wie die jetzt stattfindende Taschensuche und er kann ein amüsiertes Grinsen nur schwer unterdrücken. Kurz überlegt er ob es sinnvoll  wäre, in seiner Jacke nach einer geeigneten Alternative zu suchen um sie Boris in die nervösen Hände zu drücken. Dr. Koch kommt ihm zuvor, fördert ein angebrochenes Päckchen Taschentücher zutage und reicht es Boris. Der nimmt es dankbar an, überlegt flüchtig, ein Tuch anstandshalber seinem eigentlichen Zweck zuzuführen, verwirft dies aber schnell wieder und beginnt die Packung knisternd in den Händen zu kneten.

Endlich ist auch Dr. Koch so weit.
„Wenn es Ihnen recht ist, würde ich Sie gerne mit Vornamen und Sie ansprechen. Ich möchte vermeiden, dass Sie sich bei Nennung Ihres Nachnamens beide angesprochen fühlen und ich mich erklären muss. Ist das in Ordnung?“
Beide nicken.
„Tobias, Sie hatten jetzt etwas Zeit um nachzudenken. Reicht diese Zeit, brauchen Sie mehr, oder sind Sie schon zu einer Entscheidung gekommen?“
Tobias spürt, wie ihm schlagartig der Schweiß ausbricht. Er hat Angst, die Stimme könne ihm versagen, wenn er jetzt antwortet. Gleichzeitig fühlt er zwei Augenpaare auf sich gerichtet. Boris scheint das Atmen eingestellt zu haben und selbst die unermüdliche Arbeit seiner Finger hat er kurzfristig unterbrochen.
„Ich möchte es versuchen.“
Boris atmet hörbar und erleichtert aus. Eigentlich hatte er sich ein wenig mehr erhofft,  kennt seinen Mann aber nur zu gut, sieht den verkniffenen Mund und weiß, mehr kann er im Moment nicht erwarten. Nach einer kurzen Zeit der Stille, einzig die Fliege müht sich immer noch unter klopfenden Geräuschen ab, ergreift Dr. Koch wieder das Wort.
„Schön! Dann lassen Sie mich kurz erklären, wie das jetzt hier weiter geht. Wir werden gleich gemeinsam die ersten zehn Termine festlegen. Wie Sie vielleicht schon festgestellt haben, sind die Sessel, auf denen Sie sitzen drehbar. Versuchen Sie sich bei unseren zukünftigen Treffen ins Gesicht zu sehen. Sie sollen vor allem miteinander reden und nicht mit mir. Ich werde Sie zu Beginn jeder Sitzung fragen wie die Zeit nach unserem letzten Treffen gelaufen ist, wie es Ihnen geht und ob Sie Fragen, Probleme, Anregungen haben, Dinge die Ihnen auf der Seele brennen. Falls das nicht der Fall ist, werde ich Fragen stellen. Es könnte möglich sein, dass ich es für erforderlich halte, Sie zu Einzelgesprächen zu bitten. Sollten Sie selbst das Bedürfnis danach haben, dann kommen Sie bitte auf mich zu. Sie bekommen von Zeit zu Zeit „Hausaufgaben“, wie das aussieht, werde ich Ihnen im Einzelfall erläutern. Es kann sein, dass ich Ihnen auch mal eine gemeinsame Aktivität verordne – oder um ein paar Tage Kontaktvermeidung bitte. Haben Sie noch irgendwelche Fragen dazu?“
Von der Fülle der Informationen erschlagen schütteln beide stumm den Kopf.
„Ich denke, wir machen Schluss für heute. Sie haben sicher genug zu verarbeiten und ausreichend Denkfutter!?“
Diesmal erntet Dr. Koch doppeltes vehementes Kopfnicken.
„Eine kleine erste Hausaufgabe gebe ich Ihnen noch mit. Denken Sie an Ihr Kennenlernen, ihre erste Zeit miteinander. Was fällt Ihnen dazu ein? Diese Gedanken bringen Sie bitte beim nächsten Mal mit, wenn es Ihnen hilft gerne auch schriftlich.“
Kurz stimmen sie noch die nächsten Termine ab, verabschieden sich von Dr. Koch und stehen sich dann, überfordert von dem eben Erlebten, auf der Strasse gegenüber. Tobias findet als erster seine Sprache wieder.
„So, ich muss dann mal …“
Flüchtig zieht er Boris in eine Umarmung, dreht sich dann rasch zur Seite und geht. Seinen Mann lässt er verwirrt aber glücklich zurück.
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