Sciamachy

von Sisu
GeschichteDrama, Angst / P16 Slash
Castiel Dean Winchester OC (Own Character) Sam Winchester
04.11.2019
09.11.2019
6
46001
 
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Sechs

And now I come to realize
That I’m not happy without your eyes
I cheated myself and let you in
Just like Finn let Stella in
It broke two hearts

______


Die Ruhe vor dem Sturm sagt man. Aber niemand spricht je darüber, dass es auch eine Ruhe nach dem Sturm gibt. Und sie ist so viel besser als erstere. Viel klarer, viel offensichtlicher, denn man weiß, dass es fürs Erste vorbei ist. Die Vorhänge gelichtet, die Sonne kommt raus und man sieht, was übrig ist.

Das scheue Licht des frühen Morgens warf dreieckige Formen in den Raum und der Regen hatte nachgelassen. Cas hatte diese Nacht nicht geschlafen und im Grau in Grau der staubigen Luft und dem Geruch nach altem Teppich fühlte sein Kopf sich schwer an. Sam und Bert schliefen im zweiten Zimmer und alles war still. Es war eine Stille, der er nicht traute.

Er rutschte etwas auf dem Bett herum, sein Rücken gegen das Eichenkopfteil, das so vertraut und dennoch so fremd war. Ein Symbol für eine Lüge über Blutergüsse und Bettgestelle, die in diesem Zimmer saß und ihn an Dinge erinnerte, die nie passiert waren.

Dean lag auf dem Boden in der hinteren Ecke beim Tisch, halb versteckt durch einen der Stühle, und Cas fragte sich, wie er schlafen konnte. Wie er überhaupt wusste, wie man in diesem Körper schlief. Immerhin war er ein Löwe und er war noch nie einer gewesen. Seine Hinterbeine waren neben seinem hellen Bauch überkreuzt und sein großer Kopf lag auf seinen Vorderpfoten. Etwas von dem Haar seiner majestätischen Mähne hing ihm ins Gesicht und seine Atemzüge kamen lauter als sie es täten, wäre er menschlich.

Cas fragte sich, wie jemand es schaffte so schön zu sein, egal in welcher Form.

Er liebte ihn. Er liebte alles an ihm, all das Gute und all das Schlechte sogar. Seine gesamte Existenz lang hatte er geglaubt Liebe wäre etwas, das Menschen nur dachten zu fühlen. Eine biochemische Reaktion, basierend auf Instinkt und Trieb und eingebettet in ihre DNS, und sie stellten sich vor es wäre mehr. Etwas, das sie nicht begreifen oder verstehen konnten, irgendein Glaube, den sie anbeteten, wie eine Religion.

Aber dieser Mann, er hatte einen Halt an seinem Herzen, den er nicht verstehen konnte. Er wäre nicht fähig das zu brechen oder überhaupt zu bestreiten, auch wenn er wollte. Es war da, unerklärlich und unglaublich. Und es hatte in der Tat Zeiten gegeben, in denen er aufhören wollte. Es war überwältigend gewesen und irritierend und meistens war es schmerzhaft. Trotzdem konnte er nicht mehr aufhören ihn zu lieben als er aufhören konnte zu sein.

Dean war ein Löwe. Und es hatte ihn geschockt so wie es alle anderen geschockt hatte. Cas hatte erst wieder zu Atem kommen müssen, bevor er verstanden hatte, welches Gewicht das hatte. Und dann hatte er aus Instinkt heraus gehandelt, und aus dem Realisieren, dass Dean wieder weglaufen könnte, und hatte ihn direkt in dieses Zimmer geflogen.

Nachdem er Sam geschrieben hatte, kam eine weitere plötzliche Erkenntnis. Er war gefangen in einem Raum mit einer großen und wütenden Raubkatze. Und wenn Dean fähig war ihn in seiner menschlichen Form zu verletzen, mit riesigen Pfoten und spitzen Krallen und einem Kiefer, der ihn auseinander reissen konnte, entschließe er sich dazu, war er das nun sogar noch mehr.

Dean war das Zimmer auf und ab gelaufen und hatte Möbel umgestoßen und sich in Wände und Holz und Vorhänge gekrallt und er hatte gebrüllt und gestampft und hatte alles beschädigt, was es zu beschädigen gab. Das Zimmer sah aus wie es das sollte, wenn man ein wildes Tier darin einsperrte. Und während Dean damit beschäftigt gewesen war seine Frustration heraus zu lassen, war Cas in einer Ecke geblieben, gegen die Wand gepresst und versucht still zu bleiben. Irgendwann hatte Dean sein Temperament verloren und sich hingelegt und Cas hatte die Chance bekommen zu atmen.

Trotzdem hatte er diese Nacht nicht geschlafen. Er war so müde, dass er nicht einmal wusste, wie er immer noch die Augen offen halten konnte. Sie waren auf Dean fixiert, wie immer, oder vielleicht sogar mehr als immer. Er wusste außerdem nicht, wie er es geschafft hatte genug seiner übrigen Gnade zu sammeln, um sie hierher zu fliegen. Er war schwach und mitgenommen und sein Rücken schmerzte von den langen Blutergüssen, die auf seiner Haut blühten wie neue Flügel, mit denen er nicht fliegen konnte.

Er wünschte die Umstände wären andere.

Er wünschte er würde nicht menschlich. Er wünschte er könnte der Engel sein, der er früher war. Er wünschte er könnte Dean zurück verwandeln und mit ihm sprechen und ihn fragen, was er tun sollte. Er wünschte er könnte das Disaster reparieren, das sich zwischen ihnen gebildet hatte. Von vorne anfangen und dazu zurückkehren, was sie immer gewesen waren. Familie. Er wünschte er könnte wieder mit Dean befreundet sein und zusammen lachen und ihre Mitternachtsunterhaltungen haben, über Gott und die Welt und alles. Er wünschte er könnte Deans Arm berühren und ein Lächeln zurück bekommen, das all die Worte sagte, die nie Deans Lippen verließen. Er wünschte er könnte den Moment nutzen, ein Risiko eingehen, abenteuerlustig und mutig sein, und sich vorbeugen, um ihn zu küssen. Und er wünschte Dean würde den Kuss erwidern. Er wünschte er könnte diese Liebe erkunden, von der er gedacht hatte, dass sie nur eine biochemische Reaktion wäre, und sie wie ein Mensch erleben. Und mit seinem Mensch.

Er wünschte er hätte keine Angst, als Dean aufwachte.

Der Löwe bewegte seine Ohren und öffnete langsam seine Augen. Ein träges Gähnen zeigte die scharfen Reihen aus Zähnen und das leise Knurren, das es begleitete, fühlte sich an wie ein Stich in Cas’ Herz. Der Löwe schnüffelte die Luft und starrte ihn auf eine Weise an, die Cas in all seinen Bewegungen stillhalten ließ. Er wagte es kaum zu atmen. Die Vorderpfoten des Löwen bewegten sich, als wäre er bereit aufzustehen, und er stellte die Ohren auf.

Cas war nicht sicher, was er tun sollte. Er fühlte sich wie Beute. Und dennoch hatte er das Gefühl Dean lauerte und bedrohte ihn nicht, sondern war schlicht verwirrt. Er war immerhin noch nie ein Löwe gewesen. Er war noch nie irgendein Tier gewesen, unfähig zu sprechen und neu in seinem eigenen Körper. Cas wusste wie sich das anfühlte, trotzdem konnte er nicht helfen.

Und das frustrierte ihn, denn er schätzte seinen Wert immer nur danach ein, wie nützlich er war.

Ein paar Minuten vergingen und dann erhob sich der Löwe auf seine Beine. Er schüttelte seinen Körper und seine Mähne, ein dunkel leuchtender, mahagonibrauner Fluss aus Haaren gegen sein helles Fell, und machte einen zögernden Schritt aus seiner Ecke. Cas bewegte sich nicht, noch sah er weg, er hielt das beidseitige Starren, als hinge sein Leben davon ab. Und vielleicht tat es das.

Der Löwe schritt auf stillen Pfoten anmutig durch den Raum. Seine Augen verließen nur Cas’, als er auf das zweite Bett sprang. Dort stand er für einen Moment und beäugte die Laken, als wollte er herausfinden, ob das Bett seine über 400 Pfund Gewicht halten konnte. Dann legte er sich hin. Seine Haltung war nicht so entspannt wie sie es in der Ecke gewesen war und vielleicht lag das daran, dass er das nicht war.

Vielleicht hatte er einen Luftzug in der Ecke gespürt. Vielleicht war es auf dem Fußboden zu unbequem geworden. Cas konnte nur sich selbst fragen, warum er ihn nicht mehr mied. Er wusste es nicht und er konnte ihn nicht fragen. Andererseits, würde Dean antworten, wäre er kein Löwe?

Die Angst in ihm erreichte ihren Höhepunkt und begann die Welt auszufüllen. Trotzdem, gegen alle Vernunft, drehte er sich, schwang seine Beine über die Matratze und blickte den Löwen an. Es fühlte sich an, als wäre so viel Zeit vergangen, wenn es auch nur eine Nacht war. Jetzt da er in diese vertrauten großen grünen Augen in diesem fremden Gesicht blickte, war es beinahe, als hätte er nie einen anderen Dean gekannt.

Die Zeit mag manchmal für dich anhalten. Die Zeit mag dir manchmal zeigen, was du verpasst hast und was du verpassen wirst. Manchmal mag die Zeit sogar schneller vergehen oder langsamer. Aber die Zeit wird niemals auf irgendjemanden warten. Und Cas hatte das Gefühl völlig außerhalb des Konzepts der Zeit leben zu wollen.

Er realisierte nun, dass er in der Vergangenheit gelebt hatte. Er hatte so getan, als wäre er der Engel, der er all die Äonen seiner Existenz gewesen war, für so lange. Bis die Zeit ihn eingeholt hatte und ihm dieses Stück der Realität gezeigt hatte, das er sich geweigert hatte anzuerkennen. Er war nun anders, schwächer und verwundbar, erniedrigt zu seinen neuen Limits. Und er war so verzweifelt eine Zukunft in dieser Welt zu haben, in dieser Welt, die er immer nur einzig und allein durch die Augen eines Winchesters gesehen hatte. Und er konnte jede einzelne gewaltsame Drohung und jeden Tritt der Gegenwart so sehr spüren, dass er ganz und gar aufgeben wollte.

Sieh, was aus ihm geworden war.

Er war eine bloße Ruine, eine zerschmetterte Schale, eine leere Hülle und dennoch so voll mit seinem Verstand, dass er panisch war. Panik war seine neue Gnade und Angst sein neuer Sauerstoff.

Doch es gibt verschiedene Arten von Liebe, richtig? Und vielleicht waren er und Dean gerade dabei eine völlig neue zu erschaffen. Und vielleicht verlor Cas seinen Verstand zusammen mit seiner Gnade und seinem Dasein als Engel, doch war das nicht der ganze Punkt der Liebe? Ging es bei Liebe nicht ums Glauben und Opfern und darum füreinander zu schmerzen und wegen einander? Ging es bei Liebe nicht um Veränderung und Loslassen und darum Dinge aufzugeben, die weniger wichtig waren? War es nicht eine Art Aufmerksamkeit, die er bekam? War es nicht eine Art Zuneigung, die Dean ihm gab? War es kein Geschenk der Einzige zu sein, der Dean je sah, wenn er am verwundbarsten und schwächsten war?

Vielleicht war sein Herz nicht gebrochen. Vielleicht wuchs es nur weiter.

Er blickte den Löwen vor sich an und es war, als wollten die Augen des Tiers etwas übermitteln, dass sein Mund nicht sagen konnte. Der Löwe war ruhig und relativ friedlich, wenn auch etwas angespannt, und es war, als wäre es der selbe alte Dean Winchester, der ihn anstarrte.

Tu das nicht. Wir können das nicht tun.

Aber was war das? Was tat er? Und was sollte er nicht tun? Wovor hatte Dean Angst?

Er streckte seine Hand zu dem Löwen aus und spürte seinen heißen Atem gegen seine zitternde Handfläche. Er beobachtete jede Bewegung der Raubkatze, studierte jedes Zucken seiner Ohren und jedes Blinzeln seiner Augen und jede mögliche Bewegung der Pfoten und Zähne und Krallen. Alles, das ihn in Stücke reissen würde, wenn er es wünschte.

Der Löwe brüllte und Cas schreckte zurück. Er machte seine Anwesenheit bekannt, warnte ihn zurück zu bleiben, soviel wusste Cas. Und als er wieder in diese smaragdgrünen Augen blickte und fand, dass sie genauso unruhig wirkten wie sie unsicher schienen, erkannte er seinen Freund.

„Dean“, sagte er in die Millionen Meilen Stille hinein, die sich zwischen ihnen ausgebreitet hatte. Der Name polterte in seiner Kehle und ließ seine Stimmbänder auf diese Weise vibrieren, wie es nur dieses bestimmte Wort je schaffen würde. Da war etwas in den Augen des Löwen, das das Gewicht dieses Geräuschs erkannte, und er blinzelte, ein langsames und behutsames Blinzeln, das fast wie ein Schließen seiner Augen war.

Cas streckte wieder die Hand aus, genauso zögernd und vorsichtig, doch dieses Mal würde er sich durch Deans Erscheinung nicht beirren lassen. Am Ende war es noch immer Dean. Und dann konnte er es. Er legte seine Hand auf die weiche Stirn und spürte wie die Wärme, die von dem Tier ausging, jeden seiner Nerven füllte. Sein Daumen wagte es dann sich zu bewegen, zog langsame Linien über den Kopf des Löwen, und dann bewegte sich seine Hand nach unten über seine Nase und er zog sie zurück.

Dean war ruhig und er beäugte ihn mit Neugier. Er war friedlich auf eine Weise wie er es schon lange nicht mehr gewesen war und Cas fragte sich, ob er das gemacht hatte, ob er es geschafft hatte ihm das zu geben. Die Sonne, die durch das Fenster hinter ihm kam, malte helle Quadrate in die Mähne des Löwen und ließ sie glühen wie ein herbstfarbener Baum und die Zeit schien letztendlich auf sie zu warten, stand still und genoss den Moment des gegenseitigen Verständnis und das Gefühl friedlicher Co-Existenz, das sie schon seit Jahren nicht mehr hatten.

„Ist das nicht zauberhaft“

Es war keine Frage, es war ein Statement, ein herablassendes Kommentar, gesprochen mit einer Stimme, die Cas nur zu gut wieder erkannte. Sein Kopf schnellte herum und fand den Fremden gelehnt gegen die Kochnische. Seine Arme und Beine waren überkreuzt und er lächelte, als würde er Affen im Zoo beim Spielen beobachten. Doch bevor er all die Fragen stellen konnte, redete der Mann weiter.

„Ich hätte nicht gedacht, dass es so gut laufen würde, ehrlich gesagt. Wer hätte gewusst, dass ihr zwei nur aufhören müsst zu reden, um die Dinge zu klären? Ziemlich interessant, muss ich sagen.“

Der Mann legte seine Glieder gerade und machte einen Schritt auf sie zu. Sowohl Cas als auch Dean erhoben sich gleichzeitig und es war nicht möglich zu sagen, wessen finsterer Blick drohender war. Löwen-Dean öffnete sein Maul, um seine obere Zahnreihe zu fletschen, sein Hals gestreckt und sein Kopf hoch gehalten. Dann wurde ein Knurren zu einem weiteren Brüllen, so laut und tief, dass es beinahe die Wände erzittern ließ.

Der Mann hob die Hände in Kapitulation. „Kein Bedarf mich zu warnen, Dean Winchester. Ich weiß es besser als einem Jäger zu nahe zu treten, Löwe oder nicht. Ich bin hier, um zu helfen.“

Du bist derjenige, der das hier überhaupt erst verursacht hat!“, blaffte Cas.

„Richtig. Ich hab die Suppe eingebrockt, jetzt muss ich sie auch auslöffeln. Ist das nicht das Sprichwort?“

„Warum solltest du das tun?“

„Oh, glaub mir, ich hab dutzende Gründe es nicht zu tun.“ Der Mann steckte die Hände in die Taschen. Da war sie wieder, seine aus der Fassung bringende Arroganz. „Aber auch nur ein einziger Grund es zu tun ist manchmal genug.“

„Was soll das heißen?“, fragte Cas, sowohl verwirrt als auch genervt.

Der Mann schmunzelte und sah auf seine teuren schwarzen Schuhe. “Ich will, dass er er selbst ist, damit er bei klarem Verstand leiden kann.“

„Was—“ Doch der Mann war bereits wieder verschwunden.

Cas drehte sich um. Dean starrte ihn an, mit weiten Augen und in Entsetzen, dann begann er an sich herunter zu klopfen, als wollte er prüfen, dass er echt war. Er schluckte und sah auf zu Cas.

„Gott sei Dank“, sagte er.

****

Und alles war wieder beim alten. Die zwei Motelzimmer in Old Saybrook, Connecticut, und die vier Männer, die deren vier Betten besetzten, hatten sich in eine friedliche Stille niedergelassen, jeder von ihnen beschäftigt mit seinem eigenen Kram. Sam, zum Beispiel, hatte seine Nase tief im Internet vergraben und Bert tat das selbe mit Paperbacks und gebundenen Büchern des letzten Jahrhunderts. Sie hatten eine Art Routine gefunden, in der Sam und Bert all die langweiligen Dinge taten und Dean zu Tode gelangweilt war. Cas war irgendwo dazwischen.

Es hatte an diesem Tag wieder angefangen zu regnen und es schien dieser Herbst würde ein sehr nasser. Dean hasste Stürme immer noch und er hasste es immer noch durchnässt zu werden in der Minute, in der er hinaus auf den grauen und verlassenen Parkplatz trat, der perfekt hineinzupassen schien in all die Tristesse. Es schien allem an Farbe zu fehlen und Dean fühlte sich, als lebe er in einem Schwarz-Weiß-Film. Ohne das Drama allerdings. Oder zumindest war das der Anschein von außen.

„Bist du okay?“, fragte Sam aus heiterem Himmel.

Dean blickte auf von seiner wichtigen Aufgabe die Waffen zum dreizehnten Mal an diesem Tag zu reinigen. Es war erst 13 Uhr. „Ja, mir geht’s gut.“

Und es war nicht einmal eine Lüge. Er hatte sich schon seit langem nicht mehr so okay gefühlt. Er hatte sich noch nie so okay gefühlt wie als Löwe. Von allen Umständen. Ein Löwe war mächtig, stark und vor allem war er ein wunderschönes Tier. Irgendwie vermisste er seine majestätische dunkelbraune Mähne und wie er Emotionen riechen und die Atmosphäre schmecken konnte. Und er vermisste seine Löwenpfoten und all die verängstigten Blicke, die er bekommen hatte. Respekt. Er hatte sich in seinem ganzen Leben noch nie so respektiert gefühlt. Außerdem, als Löwe konnte er nichts vermasseln. So verrückt wie das sein mochte, nicht fähig zu sein zu sprechen hatte sich als Geschenk herausgestellt. Er war sowieso nie gut mit Worten gewesen.

Trotzdem, er begann zu glauben, dass an all dem mehr dran war als er gedacht hatte.

Früher hatte er die wahnsinnige Idee gehabt, dass sie es schaffen könnten nichts zu sein. Außer Freunde vielleicht.

Aber durch die Augen eines Löwen und aus seinem eigenen Selbst gezogen und unfähig sich auszudrücken hatte die Welt plötzlich wie der Grund einer Flasche Scotch ausgesehen. Erst wenn man das letzte Bisschen weggekippt hat, wird einem klar, dass man sie geleert hat. Er hatte seine Welt geleert und sie mit allem gefüllt, das er nie sein wollte.

Doch am Ende war es egal, wie erleuchtend diese Erfahrung gewesen war oder wie gut es sich angefühlt hatte. Egal waren der Mangel an Worten und die unausgesprochenen Vereinbarungen in diesem kleinsten nackten Augenblick, den sie geteilt hatten, denn am Ende hatte Cas noch immer Angst vor ihm gehabt. Und Dean fragte sich, warum er noch hier war und warum er immer noch sein bestes gab und immer noch in seiner Nähe sein wollte.

Leute tendieren dazu das schmeichelhaft zu finden. Jemand, der um sie herum tanzt, tief beeinflusst, tief involviert in was immer sie sehen und was immer man tun und was immer man sagt. Jemand, der dir einfach nur nahe sein will. Doch Dean fand das nicht, denn zur Hölle nein. Warum sollte ihm irgendjemand nahe sein wollen? Das ist nicht schmeichelhaft, es ist dumm. Denn tief im Inneren wusste er, dass alle sich immer nur zu einer Idee von ihm hingezogen fühlten.

Er hatte sein ganzes Leben darauf gewartet, dass irgendjemand sein wahres Ich entdeckt, und jetzt hatte er Angst, dass es einer wirklich tat.

Er sah herüber zu Cas in seinem Lieblingssessel am Fenster, dunkelgrünes Polster gegen seinen schmutzigen Trenchcoat, und er dachte, irgendjemand sollte dem Kerl bald sagen, dass er ihn ausziehen und waschen sollte. Oder seine Klamotten komplett wechseln sollte. Er sah sein abgespanntes Gesicht an und die Falten auf seiner Stirn und das Make-Up unter seinem Auge, das einen schlechten Job machte den Bluterguss zu überdecken. Und er sah die dunklen Wimpern über seinen Augen an, die in in irgendein Buch starrten, und er hatte das Gefühl zu sterben.

Cas anzusehen fühlte sich immer wie Sterben an. Er war schon so oft gestorben, er hatte das Zählen vor langem aufgegeben, und er war genauso oft zurückgekommen. Doch jedes Mal hatte er das Gefühl ein weiteres Teil von sich verloren zu haben, ein weiteres Teil seines Friedens. Es war, als wäre all das Sterben und all die toten Blicke ein einziger großer Tod für ihn, als würde er Stück für mieses Stück sterben. Und er wusste, sterbende Menschen brauchen einen Grund morgens aufzuwachen, sonst würden sie das nicht. Was war also sein Grund?

War er also okay?

„Eigentlich nicht“, warf er in das neu gebildete Schweigen, das über sie fiel.

Sam blickte zu ihm auf und zog die Stirn in Falten.

„Nein, ich bin nicht okay.“, fuhr Dean fort. „Ich bin verdammt weit entfernt von okay.“

Sein Bruder schloss seinen Laptop und lehnte sich über den Tisch, seine Unterarme auf der Tischplatte abgelegt. Bert blickte ebenfalls auf und Dean hatte Lust ihn raus zu schicken, doch er hielt sich zurück. Cas strahlte eine Art geheimen Duft der Angst in seine Richtung aus, irgendeinen Geheimcode, den nur Dean entschlüsseln konnte. Und er fragte sich, ob diese Empfindung ein Überbleibsel seiner kurzen Zeit als Löwe war. Nein, es war Sorge, keine Angst. Oder vielleicht beides.

„Ich— ich hab das Gefühl als… ich weiß nicht.“, sagte Dean. „Ich weiß nicht.“

Irgendwie hatte ihn seine Zeit als Löwe ein paar Dinge erkennen lassen. Es ließ ihn erkennen, welchen Schaden er anrichten konnte. Es ließ ihn erkennen, dass das Rauslassen von Wut in einem Wutausbruch immer noch die beste Art war sie rauszulassen. Es ließ ihn erkennen, dass Krallen sehr hilfreich dabei sind. Es ließ ihn erkennen, dass er ein Arschloch war, egal in welcher Form. Es ließ ihn erkennen, dass er möglicherweise nicht in der Lage war jemals aufzuhören ein Arschloch zu sein, doch er konnte es zumindest versuchen und es besser machen. Es ließ ihn erkennen, dass er aufwachen sollte.

Denn er war ein Idiot, wenn er glaubte er könnte so weitermachen und am Ende nicht alles verlieren. Das war ein Traum, den er nicht weiter haben durfte.

Am Ende gibt es Träumer und Realisten in dieser Welt. Man könnte denken Träumer tun sich mit Träumern zusammen und Realisten mit Realisten. Aber tatsächlich ist meistens das Gegenteil der Fall. Träumer brauchen Realisten, um nicht vom Boden abzuheben. Und Realisten brauchen Träumer, um nicht festzustecken. Es gibt Träumer und Realisten, und irgendwie war Dean keins von beidem. Und gleichzeitig war er beides.

„Also, äh, was halten wir von Mr. Niceguy?“, fragte Dean unbeholfen, denn manchmal ist die Arbeit an einem Fall die perfekte Ausrede, wenn man sich zu verletzlich fühlt, um sich mit Gefühlen zu beschäftigen. „Denkt ihr wir sollten ihn jagen?“

„Vermutlich“, gab Sam und wandte sich zurück zu seiner Recherche. Wenn man es so nennen konnte.

****

Vermutlich war Mittagessen eine gute Idee. Sie hatten das Frühstück ausfallen lassen, weil keiner wirklich Lust dazu gehabt hatte.

Jetzt saßen sie also im selben alten Diner in ihrer selben alten Nische und warfen einen Blick auf alles und hatten noch immer keine Ahnung.

Eine Familie saß an einem der Tische in der hinteren Ecke, ein Vater, eine Mutter, zwei Kinder, Junge und Mädchen. Es war offensichtlich, dass sie auf ihre Rechnung warteten, leeres Geschirr war auf dem Tisch verteilt und ein Geldbeutel war bereit geöffnet zu werden. Die Kinder trommelten mit ihren kleinen Fingern auf der Tischplatte und spielten mit den Menükarten. Es schien, als wären sie bereit sich auf ein Abenteuer zu begeben.

Eine Bedienung wischte den weißen Fliesenboden mit einem alten Wischmop. Man konnte sehen, wo sie fertig war und wo sie noch hin musste. Die glänzenden Spuren des Seifenwassers teilten den Laden in zwei Bereiche. Sauber und unsauber. Es war, als würde sie den Laden für wichtige Gäste vorbereiten.

Aus der Küche konnte man ein Klirren von Geschirr hören, wo jemand fettige Teller und verkrustete Tassen spülte. Den Schmutz von früher abwusch und es zu neu säuberte.

Ein Typ in einem schweren, dunklen Wollmantel und einem Hut kam zur Tür herein. Die Glocke über dem Eingang verkündete seine Ankunft. Hier für ein weiteres Essen, ein Raststopp während seiner Reise oder seines eigenen kleinen Abenteuers oder vielleicht nur die Rast während eines normalen Tages.

Und dann war da die Welt draußen, außerhalb dieses kleinen gemütlichen Platzes. Die Farbe der Herbstblätter, die träge an den Ästen ihrer Heimbäume festhielten. Die nicht-Farbe der Straße und des Parkplatzes, vollgestopft mit Autos und Verkehrslärm. Und die überhaupt-nicht-Farbe des grau-weißen Himmels, der über allem thronte wie Schwaden aus Nebel, die die Wälder beschatteten.
Alles war Frieden und Stille und Warten. Als stünde das Universum auf Pause.

„Was darf ich euch bringen, Jungs?“, fragte die Bedienung in ihrer süßen, hohen Stimme, die einen Notizblock und einen Stift hielt, bereit ihre Bestellung aufzunehmen.

Sam bestellte Salat mit Hähnchenstreifen und Brot und Bert gönnte sich ein Steak in der Größe von Texas. Dean bekam endlich eine Vorstellung davon, warum Bert so außer Form war. Cas dann schien in einer Art Verzweiflung darauf zu warten, dass Dean bestellte, denn er hatte sich daran gewöhnt das selbe zu nehmen. Doch da war ein plötzlicher wundersamer Moment des Missverständnisses darüber, wie die Dinge normalerweise abliefen, und die Bedienung wandte sich zuerst dem Ex-Engel zu. Unter ihren erwartungsvollen Augen schrumpfe Cas in sich zusammen und begann zu stottern und stammeln und am Ende bestellte er einen Cheeseburger mit Pommes. Es schien weniger wie eine Bestellung und mehr wie Raten.

Schlecht geraten, allerdings. Denn als Dean sich zur Bedienung drehte, sagte er, mit aller Entschlossenheit und Gleichgültigkeit: „Ich hätte gern äh, den Veggie-Burger mit Salat und etwas Brot und Zwiebelringe, bitte.“

Die Bedienung ging und da war ein Moment, der sich in einer Art Ewigkeit ausbreitete.

Natürlich war es eine ungewöhnliche Bestellung. Dean aß nie Veggie-Burger, geschweige denn Salat. Seine Zwiebelringe waren das Einzige, das vor Fett triefte und das irgendwie in seine gewöhnliche Diät aus ungesunden und reichhaltigen Dingen passte, die direkt Richtung Herzversagen führten. Es sind die kleinen Dinge, die zählen.

Die Sache war die, Dean war fucking hungrig. Die ganze Nacht und den ganzen Tag schon war er hungrig gewesen, ein lautes Verlangen in ihm, das er zuvor noch nicht erlebt hatte. Doch er erlebte es jetzt. Er war nicht einfach nur hungrig gewesen, er wollte Fleisch. Seltsamerweise hatte er sich selbst dabei erwischt, wie er von Wild oder Büffelfleisch oder sogar Antilope fantasiert hatte. Hungrig auf Tier, immerhin ist das, was ein Löwe isst. Steak, Burger, Hähnchen, Schinken, Würstchen, es war alles dort auf der Karte. Doch jetzt, da er endlich die Chance hatte zu bestellen und all das Fleisch der Welt zu essen, wurde ihm allein von dem Gedanken daran übel.

Dean konnte ihre Blicke spüren und sah auf. Bert sah ihn an, als würde er seine Meinung über den anderen Jäger anpassen, dann wandte er sich zurück zu etwas, das aussah wie eine stille Unterhaltung mit der Serviette. Dean fragte sich, was diese Zwei zu besprechen haben könnten. Cas sah so besorgt wie immer aus und in Worten in seinem Kopf, die Dean sich nicht laut aussprechen lassen wollte, sagte er seinem Freund, dass er eine Dusche nehmen und diese tiefen Falten und die traurigen Augen aus seinem Gesicht waschen sollte. Und Sam, Sam gab ihm diesen Blick, der auf kritische und grausame Weise alles anzweifelte, was er sagte und tat. So wie er es früher getan hatte, als sie noch klein waren. Als Dean von ihrem Dad gesprochen hatte, als wäre er ein Superheld, und Sam von ihrem Dad als jemand gedacht hatte, der nie da war.

Jetzt hatte Dean keine Helden mehr und die Welt um sie herum brauchte so dringend einen. Monster versteckten sich nicht mehr unter ihren Betten oder schlichen sich in ihre Träume. Jetzt waren diese Monster in ihren Köpfen und verteilen Albträume in den willkürlichsten Dingen.

„Was?“, fragte Dean.

Cas sah weg, irgendwie schüchtern, oder verängstigt, dass seine Augen eine Tür geöffnet hatten, die er nicht offen haben wollte.

„Was zur Hölle, Mann?“, warf Sam hilfreich ein.

Was?“

****

Sie war weg.

Dean pirschte durch das Motelzimmer. Er hob getragene Klamotten an, auf dem Bett und dem Boden und geworfen über die Lehnen von Stühlen, kramte in seinem Duffel herum, öffnete den Schrank, er sah sogar unter den Betten nach. Aber sie war weg.

„Kommst du?“, rief Sam von draußen vor der offenen Tür, wo helles unerwartetes Sonnenlicht hereinschien. Seine Augen waren auf sein Handy fixiert, bereit loszugehen, um durch die Geschichte der Stadt zu blättern.

„Ja. Nein. Warte kurz.“, gab Dean zurück. Er wandte sich wieder seinem wilden Suchen und Herumkramen zu und dem Umdrehen jeden sprichwörtlichen Steins und jedes möglichen Gegenstands. Er wurde jede Sekunde verzweifelter und etwas begann in seiner Brust zu schwellen bei Aussicht darauf, dass etwas schlimmes passiert war.

Nach noch mehr Minuten mit zausenden Geräuschen und mürrischem Grummeln, sah Sam auf und machte einen Schritt in den Türrahmen. „Nach was suchst du?“

„Nach meiner verdammten Jacke“, antwortete Dean.

Sam hob eine Augenbraue und zeigte auf einen der Stühle am Tisch. „Da ist sie doch.“

Sein Bruder schenkte ihr nur einen kurzen Blick und wandte sich wieder seiner Verzweiflung zu. „Nein, nicht die.“, sagte er. „Meine Lederjacke.“

Sam legte seinen Kopf schief und sah seinen Bruder nun genauer an. Dean vibrierte beinahe aus seiner Haut, so nervös war er.

„Welche Lederjacke?“, fragte der Jüngere, diese Spur dämmerndem Wissens in seiner Stimme.

Dean richtete sich am Bett auf und drehte sich um, sein Blick auf einen Schlag völlig perplex. „Naja, die, die ich von Dad bekommen hab natürlich.“

Sam verlagerte sein Gewicht. „Dean. Die hast du nicht mehr, erinnerst du dich?“

Dean wurde leblos. Die drohende Gefahr entstand, dass er direkt aus sich heraus springen würde und jemandem an die Kehle, und seine Augen funkelten so sehr mit Unglauben und Fassungslosigkeit, dass Sam Angst hatte er würde am Ende dieser jemand sein.

Dean lächelte. „Du verarschst mich“, sagte er. „Oder?“

„Äh, nein? Du hast sie in eine Kiste mit dem anderen Zeug gepackt, als du weggelaufen bist, um ja zu Michael zu sagen.“ Er stieß ein schweres Seufzen aus, erinnerte sich an diese blanke Wut, die er gehabt hatte, als er seinen Bruder in diesem Motelzimmer gefunden hatte. Während er sich einen Drink genehmigt hatte und alles wegwarf, das ihm einmal etwas bedeutet hatte. Wie seinen kleinen Bruder zum Beispiel. „Danach ist sie irgendwie verloren gegangen.“

„Ich hab meine Jacke verloren?!“, stieß Dean hervor.

In irgendeiner vergessenen Zeit vor Cas hatte es Dinge gegeben, an die Dean festgehalten hatte. Dinge, die ihn nie vergessen ließen, wer er war. Ein paar Ringe, die er unterwegs gesammelt hatte, und eine Waffe mit weißem Griff und eine Kette, die er von Sam bekommen hatte. Und eine Lederjacke so alt und abgenutzt, dass man kaum sagen konnte, wie sie früher einmal ausgesehen hatte, als sie neu gewesen war. Eine Lederjacke, die nach Benzin und Schwarzpulver und getrocknetem Blut roch. Eine Lederjacke, die mehr als nur ein Kleidungsstück war. Sie bedeutete warm und sie bedeutete richtig und sie bedeutete zu wissen, wer er war, auf solch eine schwere Art und Weise, dass sie ihn gleichzeitig herunterziehen und aufbauen konnte. Sie war die Rüstung, die er immer gekannt hatte.

„Du erinnerst dich daran, oder?“

****

Manchmal geht es nicht darum, wie man an einem Ort endet, sondern dass man überhaupt dort endet.

Castiel erinnerte sich nicht daran, wie er in diesen Zug gekommen war oder wo er überhaupt hinfuhr, doch er fühlte sich unbekümmert. Er saß auf einer dick gepolsterten Couch, ein dünn-gestreiftes, schwarz-weißes Ding mit hoher Rückenlehne und dunkelblauen Samtkissen mit goldenem Saum. Der Teppich unter seinen Füßen war cremefarben und hatte ein sanftes Muster an sich, das zu den dunklen Holztischchen passte, auf ihnen weiße Tischlampen mit weiten, gefalteten Stoffschirmen. Noch mehr Lampen hingen zwischen den Fenstern, winzige goldene Schnörkel mit blumenartigen Birnen. Die Fenster waren behangen mit schweren dunkelblauen Samtvorhängen an goldenen Stangen. Die Wände und die Tür am Ende des Waggons waren aus dunklem, auf Hochglanz poliertem Holz, sowie Teile der strahlend weißen Decke.

Es war gemütlich und heimelig dort drinnen, wunderschön sogar. Doch abgesehen von ihm war es leer.

Er drehte sich und schob den Vorhang hinter sich beiseite und sah aus dem großen Fenster und in die Welt. Die Sonne hing tief und brennend über dem Horizont, färbte den Himmel in Gelb und Orange und Rot darüber und in einem verschmierten Grau und Blau darunter, wo die Berge in einer schwarzen Skyline standen, wie eine Grenze zwischen hier und da. Näher bei ihm war eine Traube einsamer Pinien, die schwärzlich und spitz in den Sonnenuntergang hervorstachen, mit ihren Füßen verborgen durch eine dicke und wollige Schicht Nebel, der alles bedeckte. Der Dunst schien die Luft und jeden Zentimeter so vollkommen zu ummanteln, dass Castiel keinen einzigen Fleck Boden sehen konnte. All das hatte etwas silbriges an sich, die Art wie die Sonne ihn anblickte oder die Art wie der Nebel sich bewegte oder die Art wie schwarz diese Bäume waren.

Dann hielt der Zug an. Sie waren angekommen und Castiel zögerte nur leicht seinen Platz zu verlassen. Draußen trat er auf einen Betonboden. Das Bahnhofsgebäude war ein kleiner Würfel mit flachem Dach und grün-gerahmten Fenstern und einer dunklen Tür. Es erinnerte ihn an etwas, das er schon mal gesehen hatte, jedoch wusste er nicht an was.

Er verließ das Gleis und ging hinaus ins Land um ihn herum. Es gab keine Straße und keinen Pfad und keine einzige Person war hier. Da war nur Stille und das genaue Wissen, wo er war in diesem Moment. Das hier war ein Traum.

Und das erschreckte ihn ein bisschen, doch es verängstigte ihn nicht. Er hatte noch nie zuvor einen Traum gehabt. Jedoch wusste er, dass Träume ein normaler Mechanismus des menschlichen Verstands waren, und dass er nun seinen allerersten hatte, bedeutete nur das. Er wurde menschlich.

Ein paar Schritte in den Dunst hinein auf weich gefrorenem Gras, drehte er sich um zurück zum Bahnhof. Er war verschwunden und so auch der Zug und die Gleise, auf denen er ihn hierher gebracht hatte. Sein Ausdruck wurde etwas dunkler, obwohl er nicht wusste, warum.

Seine Beine führten ihn zu der Traube Pinien, aus überhaupt keinem Grund, doch er hatte das Gefühl das war der Ort, wo er von hier aus hin musste. Während er tiefer und tiefer in den Nebel ging, begann dieser höher und sogar dichter zu werden. Er bedeckte jedes einzelne von allem, sogar ihn, und bald konnte er nichts mehr sehen, außer grau und weiß und so etwas wie ein Licht irgendwo in der Ferne.

Der Nebel verschwand und er lief inmitten eines pechschwarzen, sandigen Bodens und Flüssen aus glühender Lava. Da waren Berge um ihn herum, roh und schwarz und sie schnitten durch die Röte des Himmels über ihnen. Seine Füße knirschten auf dem sonderbaren Grund und die Haut in seinem Gesicht und Nacken und Händen fühlte sich zu straff an. Es war heiß über das Erträgliche hinaus und die Luft roch nach Schwefel und Kohle und Verwesung. Ascheflocken regneten auf ihn herunter und verfingen sich in seinem Haar und seinem Trenchcoat. Und als er seine Hand ausstreckte, landeten viele von ihnen auf seiner Handfläche und fühlten sich leicht und schwer zugleich an.

Er ging weiter, neben Strömen aus Feuer, die durch den Boden schnitten wie Adern, und auf Hügel und Berge zu, die niemals näher zu kommen schienen. Egal in welche Richtung er sah, es sah alles gleich aus, und dennoch überhaupt nicht. Und als er hinab sah, fand er, dass das der einzige Weg war Richtungen auszumachen an diesem Ort aus Feuer und Dunkel und Licht und Asche.

Er kam zu einem Pfad in dieser Schwärze, begleitet und gesäumt von mehreren dunklen Drachenbäumen. Er hatte immer gefunden, dass diese aussahen, als würden sie auf dem Kopf stehen, ihre Äste wie Wurzeln und ihre Kronen wie Boden. Man konnte nie sagen, wie grün oder nicht-grün sie wirklich waren, es sei denn man sah sie von oben oder von der Ferne aus an. Wenn man nah bei ihnen stand, fühlte man sich immer nur, als würde man mit dem Kopf nach unten vom Boden hängen und ihre Wurzeln über sich ansehen. Es war nervenzerreissend.

Ihr Holz schien ihn zu berühren, während er an ihnen vorbeiging, obwohl er nie irgendeinen von ihnen tatsächlich anfasste. Sie strahlten Hitze aus und eine Fäule, die nicht ganz greifbar für ihn war. Doch irgendetwas berührte sein Gesicht und seine Arme, während er vorbeiging, und vielleicht waren es am Ende Hände. Sie berührten ihn und setzten ihn in Brand und irgendwie waren es dennoch sie, die brannten und loderten, wo ihre Finger auf seine Haut trafen. Oder trafen seine Finger ihre Haut? Da waren keine Verbrennungen oder irgendwelche verkohlten Flecken in ihrem Holz, doch Castiel dachte zu wissen, dass sie es genauso spürten wie er.

Er hatte Asche in den Lungen. Mit jedem Atemzug konnte er sie rascheln und schmerzen spüren, es war so schwer zu atmen. Er erstickte. Er erstickte mit jedem Schritt, den er durch dieses gottverlassene Land machte, mit nirgendwohin zu gehen und nirgendwo anzukommen.

Der Dampf und Rauch um ihn stieg auf wie es der Nebel zuvor getan hatte und es verschleierte seine Sicht und gab ihm das Gefühl von Betäubung. Bald darauf stellte er fest, dass die Drachenbäume bis in den grauen Himmel gewachsen waren, so hoch, dass er ihre Kronen nicht mehr sehen konnte. Sie türmten über ihm wie Wolkenkratzer und ließen ihn so klein und so demütig fühlen, dass er sich wie eine Maus im Unterholz vorkam. Er ging auf dem einzigen Pfad, den er sehen konnte, zwischen einer Allee aus Bäumen doppelt so groß wie Mammutbäume. Und er fand, dass hier nichts als Stille herrschte, abgesehen von den entfernten verwirrten Echos der Vögel.

Der neblige Wald dünnte aus und er fand sich vor einer Tür. Sie war blau und hölzern und sah dort winzig aus. Er öffnete sie und trat dann in etwas, das ein Garten zu sein schien und ein Palast und ein Ballsaal und gleichviel keines dieser Dinge.

Der Boden bestand aus Wasser und Stein und vier massive römische Säulen reichten hinauf zu so etwas wie einer Decke. Hinter ihnen waren eine Millionen Lichter, aufgereiht wie ein Horizont aus Gold. In deren Mitte war ein riesiges rundes Loch in der dicken Decke, wo helles Tageslicht vom hellblauen Himmel strömte. Es schien hinab auf einen Baum, der im Zentrum der Säulen wuchs, als wären sie ein Rippenkäfig und der Baum das Herz.

Er leuchtete in Tönen von rot und rosa und gold, wie die Kombination aus einem Kirschbaum und flüssigem Sonnenlicht und Gold. Sein Glitzern, das Scheinen, die sanften Äste und Blätter, all diese Verletzlichkeit, es traf ihn. Es traf ihn so sehr, dass er aufhören musste zu gehen. Heller als Sonnenlicht, dachte er, heller als alles, das er je gesehen hatte. Es schmerzte ihn anzusehen. Er war zu schön für Castiels Augen, zu schwer anzusehen, noch schwerer wegzusehen. Er fürchtete, dass er jede Sekunde blinder wurde, und er wagte es nicht näher zu kommen. Dennoch konnte er nicht anders als sich auf ihn zu zu bewegen, angezogen, als hätte er nie irgendwo anders hingehört. Wie wenn man sich Unterschlupf sucht, während es regnet, und Schatten in der Sommerhitze und einen geschlossenen Raum, wenn der Wind zulegt. Wie wenn man dumm im Gewitter tanzt, egal wie gefährlich es ist.

Nur noch ein paar Fuß vom Baum entfernt streckte Castiel seine Hand aus, das Bedürfnis ihn zu berühren ein tumultartiges Verlangen, das er nicht unter Kontrolle hatte. Doch bevor er die Gelegenheit dazu bekam, wurde er in etwas anderes gesaugt, letztendlich doch erblindet. Entnommen von diesem Ort, aber nicht von seinem Verlangen.

Er öffnete seine Augen zu Wasser. Wasser überall um ihn herum, eine Verklärung so glanzlos und vollkommen, dass er anfing etwas zu zittern. Da waren Dinge um ihn herum, tausende, vielleicht Millionen. Und sie sangen hübsche Lieder mit hübschen Stimmen. Sänger, dachte er. Sie klangen alle so schön und er bestaunte sie, getroffen von dem plötzlichen Gefühl sich einfach dort treiben zu lassen und zuzuhören. Doch sie klangen alle gleich. Alle bis auf eine. Da war ein Ding, eine Stimme, die er ausmachen konnte. Er dachte er wäre fähig sie überall herauszuhören. Mit jeder Sekunde, die verstrich, konnte er sie lauter und klarer hören, als wären seine Ohren auf diese Stimme eingestellt. Er konnte sie hören, durch das Lachen von tausend Kindern, durch die Melodie von Millionen Liedern, durch das Flattern von hundert Flügelpaaren, und durch alle singenden Vögel dieser Welt. Und ganz plötzlich ließ diese eine Stimme alles andere so hässlich klingen.

Er folgte ihr. Begann zu schwimmen, rasend beinahe, als hinge sein Leben davon ab. Irgendwie wusste er genau, wo er hinschwimmen musste. Als wäre es kein Klang, dem er folgte, sondern das Licht eines Leuchtturms oder die Sonne selbst.

Und dann stand er auf Gras. Kein grünes Gras, es war irgendwie orange oder gelb sogar, aber nicht so wie ausgetrocknetes Gras während einer Hitzewelle aussehen würde. Er war wieder in einem Wald, und dennoch war es etwas völlig anderes. Da waren violette Allium Ambassador Blumen und da waren roter Mohn und gelbe Schafgarbe und die hohen Bäume mit Blättern, die keine dieser Farben trugen, die grün waren. Aber nicht grün wie ein Wald oder grün wie die üblichen Blätter oder überhaupt grün auf eine Weise, die die Natur produzieren konnte. Sie waren grün wie die Sonne, wenn man sie durch einen Smaragd hindurch sehen würde. Und grün wie die Welt aussieht, wenn man über ein stilles Feld in den frühen Stunden eines Morgens im Frühling blickt.

Es war, als wäre ein Regenbogen ausgelaufen und in jede kleine Zelle dieses Orts geschmolzen, und innerhalb des kleinsten nackten Moments fühlte sich Castiel vollständig und trotzdem in Stücke zersprungen. Er fühlte sich zuhause, zuhause wie in diesem wunderschönen Zug, doch gleichzeitig mehr. Und obwohl er wusste, dass es nur ein Traum war, wollte er dort für immer bleiben.

Aber er konnte nicht. Nicht weil es ein Traum war und nicht weil er aufwachte, nicht einmal weil das hier nicht real war und er es wusste. Er konnte nicht, weil er wieder gezogen wurde, von einer unsichtbaren Kraft angestoßen sich zu bewegen, die entdecken wollte, was es da noch gab. Die dieses Reich erobern wollte, auf eine Weise.

Er begann wieder zu gehen. Sein Kopf neigte sich hinauf zum Baldachin aus Ästen und Blättern über ihm und manchmal sank er hinunter zu dem Teppich aus wilden Blumen auf dem Boden. Er schritt über das weiche Bett aus orangem Gras, dass sich wie Wolken unter seinen Füßen anfühlte. Und er fühlte sich beobachtet. Er hatte das Gefühl, als wären das keine Blätter an Bäumen, sondern Augen in Gesichtern. Augen, grün genug, um in ihnen zu ertrinken. Aber nicht so wie man es in Wasser würde. So wie man in einem Büschel aus Gras und Natur würde, als würde er in die Erde gesaugt, stetig sinkend, immer tiefer runter. Runter, runter, runter.

Bis er in einem weiten Feld stand. Dieses stille Feld, das er in den frühen Stunden eines Morgens im Frühling ansehen wollte. Das Erste, zu dem er seine Augen gegen die Morgensonne öffnen wollte. Oben über ihm war der Himmel allerdings nicht hell, es war nicht Morgen. Es war Nacht und da waren eine Millionen Sterne und Galaxien. Konstellationen und irgendeine Art Ordnung, in der nur Gott seinen Weg hindurch finden sollte. Er kannte diesen Himmel. Er hatte das Gefühl er kannte jeden einzelnen Stern, der dort hing. Als wäre es kein Nachthimmel, sondern ein Gesicht mit Sommersprossen, die sichtbarer wurden an sonnigen Tagen.

Er sah Dinge, die er nicht ergründen konnte, er sah alles, und dennoch überhaupt nichts. Er kannte diesen Himmel. Er liebte ihn, durch tausende Leben hindurch, über eine Millionen Sterne hinweg. Er streckte sich nach ihm aus, versuchte ihn zu berühren wie er diesen zu schönen Baum in diesem Nicht-Garten und auch Nicht-Gebäude berühren wollte. Er wollte ihn haben, wollte ihn mit seinen ausgestreckten Fingern finden und halten. Ihn niemals loslassen und niemals verlassen.

Doch dann konnte er das noch immer nicht. Er war so nah und doch zu weit weg und als er schließlich aufhörte es zu versuchen, fand er sich plötzlich in einer Höhle. Er war erst verwirrt, davon, wie das kniehohe Wasser kalt wie Eis und dennoch heiß wie Feuer war. Davon, wie viel Licht dort war und dennoch so viel Dunkelheit, die es verschluckte. Davon, wie die Wände und die Decke weich und glatt und dennoch kantig und spitz waren wie Zähne. Davon, dass dort ein Licht am Ende des Tunnels dieser Höhle zu sein schien und wie er dennoch kein Ende zu haben schien.

Von über ihm erleuchteten Tröpfchen türkisem und hellblauem Lichts die Höhle. Sie waren wie winzige Lampen oder wie dieser Himmel voller Sterne draußen im Feld am frühen Morgen, doch irgendwie beweglich. Wie Billionen von fliegenden Glühwürmchen. Es schien der Stein hinter ihnen, und darüber und über sie hinaus, war überhaupt nicht eben. Er war eher gefaltet und gewellt und verschnörkelt wie eine chaotische Unordnung von Schichten. Es wirkte als hätte diese Höhle mehr an sich als bloßen Stein und Wasser und Licht, egal wie schockierend schön all das war. Es hinterließ Castiel sowohl verwirrt als auch verängstigt.

Schließlich erreichte er dieses Ende des Tunnels. Da war wieder Nebel, doch dieses Mal bedeckte er nicht den Boden. Er schwebte in der Luft und verschmolz den wolkenbehangenen Himmel mit dem grauen Ozean. Da waren Klippen und eine Art Strand, mit weißen Felsen gegen noch weißeren Sand und Wasser, die die Landschaft in Land und Meer schnitten. Und da war wieder dieses unnatürliche und unmögliche Grün, das dieses Land bedeckte wie ein gigantischer Bluterguss. Und ein schlammiger Pfad wie ein Schnitt in Haut. Es war alles Wildnis und verwittert, wie ein vergessener Ort geschoben in das hinterste Eck jedermanns Verstands.

Der Pfad führte ihn zu einem Haus. Es stand einsam und irgendwie fehl am Platz, als würde es nicht hierher gehören. Und gleichzeitig schien es genau da zu sein, wo es sein sollte. Als wäre es hier geboren worden, doch irgendwie vergessen, unterdrückt und vernachlässigt.

Castiel ging zu dem winzigen Haus, das zwei Schornsteine hatte, Schwaden aus Rauch stiegen in die Luft. Jemand war zuhause. Er zögerte, nicht sicher, ob er hinein gehen wollte, oder ob er überhaupt sollte. Eine Holzbank stand neben der Tür auf der Veranda mit einem Beistelltisch. Und dort ruhte eine Tasse feinen Porzellans, elfenbeinfarben und filigrane blaue Muster. Er nahm sie und drehte sie in seinen Händen. Sie war zerbrochen worden, vielleicht hatte sie jemand fallenlassen, Risse und Sprünge korrumpierten ihre Form. Doch sie war repariert worden, wieder zusammen geklebt mit Gold, ausgerechnet. Man konnte den Schaden sehen, doch sie war immer noch wunderschön, vielleicht sogar noch schöner als zuvor. Irgendein unerwarteter Mut stieg in ihm auf und er öffnete die Tür.

Als er im Inneren war, fühlte er sich, als wäre er irgendwie in einer anderen Zeit. Man konnte nicht sagen, ob es die Vergangenheit war oder die Gegenwart oder die Zukunft, er wusste nur, dass er sich jetzt erinnerte. Er erinnerte sich, warum dieser Bahnhof, dieses kleine würfelförmige Gebäude mit dem flachen Dach und den grün-gerahmten Fenstern und der dunklen Tür, warum es ihm so bekannt vorgekommen war. Es war kein Bahnhof, es war eine Tankstelle. Eben diese Tankstelle, wo er zum ersten Mal mit Dean gesprochen hatte. In seiner wahren Stimme, die alle Fenster zerschmettert hatte und den Winchester auf dem Boden zusammen rollen und aus den Ohren bluten ließ. Er hatte sich damals getäuscht, damals in der realen Welt.

Aber nun täuschte er sich nicht, hier in diesem Traum, als er sah, was er sah. Es waren er selbst und Dean, die zusammen saßen. Sie lächelten sich an und Castiel, der echte Castiel, sah Deans Hände, die die Hände seines Doubles berührten. Sie sahen sich tief in die Augen und da war eine Wärme an all dem, die er nicht erklären konnte. Da war eine Fremdartigkeit an dem, die überhaupt nicht fremd war, eine Natürlichkeit, eine Klarheit. Als wäre es keine Andeutung, sondern eine Realität, die er noch nicht erreicht hatte. Ich wünschte, dachte er.

Es war, als wäre alles Feuer und Fieber und Furcht von ihnen abgefallen. Durch eine simple Berührung und ein simples Lächeln und einen simplen Blick. Oder vielleicht eine Millionen von ihnen. Und es brachte Castiel dazu sich zu fragen, wo genau alles schiefgegangen war. Wo sie die falsche Ausfahrt genommen hatten und angefangen hatten zusammen zu schmettern und auseinander zu fallen. Statt ineinander. Wo hatte es angefangen? Und am wichtigsten, warum?

Denn in all dieser Stille und all dieser Gewalt zwischen ihnen, in all diesen brutalen Handlungen und all dem behutsamen Frieden danach, in all diesem Bitte und all diesem Nicht, in all diesen ausgesprochenen Entschuldigungen und all den unausgesprochenen, in all dem war ein Sie irgendwo. Ein Zusammen. Es war nicht hier, in diesem Traum, es war nicht dort, draußen in der realen Welt. Es war nicht einmal ein konkretes Konzept, nicht damals, nicht gerade und nicht jemals. Doch diese abnormale, wenn auch besondere Idee von ihnen zusammen existierte. Sie. Cas und Dean.

Vielleicht war es schwer zu finden in dieser lärmenden Welt und diesem beschäftigten Leben, besonders, wenn Monster und Dämonen und Engel und Apokalypsen die Sicht versperrten. Und trotzdem fand er es. Und trotzdem sah er es. Und trotzdem spürte er es. Und er fand und sah und spürte es immer wieder, jedes Mal, wenn ihre Augen sich trafen. Wenn die Welt sich eine halbe Sekunde voraus bewegte und sich alles einen Schritt entfernt anfühlte, wenn alles Chaos war und hilflos und einsam und leer. Wenn alles weniger war, fanden sie mehr. Sie fanden sich in einem Blick.

****

An diesem späten Morgen, ein paar Stunden nach dem Frühstück, tröpfelte der Regen gegen die Fenster aus dem grauen Himmel. Die Luft war feucht und geladen und es war fast unmöglich sich nicht durchnässt zu fühlen. Sogar in den selben trockenen Klamotten, im selben alten Motelzimmer, in der selben alten Stadt. Es war ein anderes Motel, denn sie waren rausgeschmissen worden, nachdem sie den anderen Laden demoliert hatten. Und es war auch ein anderer Tag, denn offensichtlich ging die Zeit weiter. Doch alles fühlte sich an wie das selbe alte irgendwas und das hatte schon etwas zu sagen, wenn man bedenkt, was alles passiert war.

Und immer regnete es, immer war es kalt. Warum zur Hölle war es immer so kalt?

Opfer kamen und Opfer gingen und egal auf welchen Fall sie einen Blick warfen, es gab keinen Schritt zu machen und ebenso wenig irgendeinen Fortschritt. All diese Leute, die vermisst wurden und verrückt wurden und starben, es waren so viele. Diese Leute waren alle so gesichtslos.

Das war also, was sie wussten. 1. Menschen in Hazardville verschwanden, weil ihnen 2. ein Geheimnis verraten wurde, weil 3. das ist, was J.D. Salinger sagt. 4. Wurden Menschen in New Canaan verrückt, was 5. ein weiteres Zitat war, das zum Leben erwachte, 6. dieses Mal eines von Hemingway. 7. Ein Flammenmeer tötete Menschen in Old Saybrook, was a) kein Zitat war, sondern b) eine Analogie, obwohl es c) immer noch in all die Merkwürdigkeit passte. Und 8. war da ein Mann, der erstens ein bisschen offensichtlich arrogant war, zweitens mehr offensichtlich mächtig, und drittens sehr offensichtlich irgendeine Art übernatürliches Wesen. Denn a) hatte er die Angewohnheit sich in Luft aufzulösen, immer wenn er das gerade wollte, und b) kannte er ihre Namen irgendwie und wusste, wer sie waren, und am wichtigsten, er hatte c) Dean in einen Löwen und wieder zurück verwandelt. 9. Waren sie am Arsch. 10. Sie waren immer noch irgendwie ahnungslos.

„Ich will nicht rassistisch rüber kommen“, sagte Dean, „aber wie wär’s, wenn wir… in afrikanischen Überlieferungen suchen? Sowas in der Art?“

Bert verschränkte die Arme über seinem Bauch. „Warum sollten wir das tun?“

„Ähm“, gab Dean, seine Augenbrauen unentschieden, ob sie hoch oder runter gehen sollten. „Weil äh… komm schon, muss ich das wirklich aussprechen?“

„Was aussprechen?“

Die Brauen des Winchesters einigten sich schließlich darauf sich zusammenzuziehen. „Er ist schwarz, Mann. Er ist ein schwarzer Mann. Er ist vermutlich ein afrikanischer Gott oder Halbgott oder irgendein bösartiges Mistkerl-Voodoo-Kreatur-Dings aus welchem fucking Land es auch immer in Afrika gibt.“

„Tut mir leid, ich sehe Leute einfach nicht mit der Farbe ihrer Haut.“, sagte Bert.

Dean schnaubte, raunte ein Bullshit zu sich selbst.

„Ich stimme Dean zu“, meldete sich Sam zu Wort, der gegen die Küchentheke lehnte mit einem Bier in seiner Hand. „Es ist einen Versuch wert.“

Cas tat das ebenfalls, ihm zustimmen. Und auch wenn das keine so große Überraschung war, überraschte es Dean dennoch zu sehen, wie sie ihn mit irgendeiner Art Erwartung ansahen und ihm zuhörten, so einfach. Wann war das passiert? Es traf ihn jedermanns Ohr zu haben — zumindest die derjenigen, die zählten — so plötzlich und ohne überhaupt seine Stimme erheben zu müssen und sauer zu werden und eine Bedrohung. Er wusste nicht, was er damit anfangen sollte. Es war ihr einziger Punkt, wo sie gerade ansetzen konnten, doch Dean hatte das Gefühl egal wie offensichtlich die Dinge waren, die er vorschlug, sie wurden nie wirklich gehört, bevor sie nicht zuerst alles andere ausprobiert hatten.

Sam nahm seinen Platz am Tisch ein und öffnete seinen Laptop. Cas kramte im Stapel an Büchern, die sie mitgenommen hatten. Beide begannen direkt ihre Recherche-Sitzung. Dean sah ihnen zu, als wäre er erstarrt, als würde er etwas neues sehen. Und es war in der Tat neu und er hatte ein kleines Gefühl von endlich.

„Wir haben etwas übersehen“, sagte Bert und schnitt damit in das Rascheln von Seiten und das Tippen auf einer Tastatur.

Drei Augenpaare sahen dann zu ihm. Bert schaffte es irgendwie immer alle Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Er war tief in Gedanken, wie es schien, zog an seiner Unterlippe, seine Augen auf irgendeinen Fleck auf dem Boden fixiert. Dean fand, dass es immer einen speziellen Gestank gab, der von Bert ausging, wenn er nachdachte. Oder vielleicht kein Gestank, vielleicht nicht einmal etwas, das man riechen konnte. Eher eine Art Aura oder Veränderung der Temperatur, die immer zu kommen schien, wenn sein Gehirn arbeitete. Ihm wurde übel.

„Der Regen“, sagte Bert dann gedehnt, und keiner der anderen schien zu verstehen, was er meinte. Da war immer Regen, da war immer das Grau in Grau des bewölkten Himmels und Feuchtigkeit und Pfützen und Tropfen, die ihnen überall hin und zu jeder Zeit folgten.

„Der Sturm“, machte Bert weiter. „Dieses Gewitter. Und das Erdbeben. Und das konstant schlechte Wetter.“

Dean sah von Bert zu seinem Bruder, dessen Gesichtsausdruck aussah wie ein Sonnenaufgang. Etwas dämmerte.

„Du hast recht“, sagte Sam.

„Mit was? Dem Wetter? Haben wir hier irgendeinen tiefsinnigen Smalltalk?“, gab Dean.

Cas öffnete den Mund, als wolle er etwas sagen, doch der leicht irritierte Blick in Deans Gesicht, der potent genug war, um in Wut auszubrechen, ließ ihn den Mund halten. Er bewegte seine Augen zurück zu Bert.

„Dieses Gewitter, Dean“, sagte Sam und wandte sich zu seinem Bruder. „Das in Lebanon, erinnerst du dich? Dann das Erdbeben in New Canaan? Warst du je zwei Vorfällen von Naturgewalt ausgesetzt, in so einer kurzen Zeit? In zwei verschiedenen Staaten? Und ich bin sicher, wenn wir es prüfen, ist der ganze Regen hier auch nicht unbedingt gewöhnlich.“

„Lebanon war keine Naturgewalt-Sache, das war nur ein Gewitter“, argumentierte Dean.

„Ein Gewitter, das den Lockdown des Bunkers in Alarm versetzt?“

Dean wollte etwas sagen, doch stoppte in seiner eigenen Dämmerung. Irgendwie hatten sie hier ein wichtiges Detail übersehen: warum sollte der Lockdown des Bunkers losgehen durch einen normalen Sturm? Aber was, wenn es überhaupt kein normaler Sturm gewesen war?

„Ich denk an dämonische Omen, aber ich glaub nicht, dass das ist, was ihr Nerds meint, richtig?“, gab Dean, ein wenig kleinlaut.

„Ich denke dieses Gewitter war überhaupt keine Naturgewalt“, antwortete sein Bruder und schluckte irgendein unsichtbares Ding in seiner Kehle. „Und das Erdbeben auch nicht. Wenn der Lockdown losgegangen ist, muss es irgendetwas übernatürliches gewesen sein. Und wie wahrscheinlich glaubst du ist es zwei solche Vorfälle in unserer Nähe zu haben, innerhalb weniger Tage?“

„Du denkst was immer es ist, es folgt uns“, schloss Dean. Er fuhr sich mit der Hand übers Gesicht.

Sam und Bert nickten im Chorus und Dean seufzte. Das war nicht gut. Seltsames Wetter war nie gut und wenn es ihnen tatsächlich folgte, sie anpeilte, dann bedeutete das, dass es etwas auf sie abgesehen hatte. Und wieder einmal waren sie die Gejagten und nicht die Jäger und das traf ihn etwas. Es nervte ihn mehr. Immer ging es um sie, immer waren sie die Spielzeuge eines übernatürlichen Depps oder des anderen.

Nun, Sam wusste noch nicht, was das mit irgendetwas zu tun hatte, wenn es das überhaupt tat. Er wusste nur, dass es ein langer Tag, und vermutlich Nacht, voller Recherche werden würde und dafür brauchte er Kaffee. Also schnappte er sich Bert als Gesellschaft und ging, womit er seinen Bruder und den früheren Engel sich selbst überließ. Absichtlich, tatsächlich.

Es gab unerledigte Angelegenheiten zwischen den beiden, das konnte er sehen. Er wollte nicht wissen, was es war, er wollte nicht einmal mehr von Cas’ blauem Auge wissen, das quälend langsam verheilte, oder warum er entschieden hatte es mit Make-Up abzudecken. Er wollte es nicht wissen. Zum ersten Mal, seit die Zwei angefangen hatten sich seltsam in der Nähe des jeweils anderen zu verhalten, wollte er nicht herausfinden, was los war. Es störte ihn nicht mehr. Er hatte seine eigenen verdammten Dinge zum nachdenken. Es konnte warten.

Aus Mangel eines anderen Platzes zum Sitzen sank Dean auf die modrige dunkelgrüne Couch neben Cas. Die Betten waren keine Option, offensichtlich. Aus irgendeinem unsagbaren Grund wollte Dean nirgendwo in der Nähe eines Betts sein, während er allein in einem Raum mit Cas war, außer in der Nacht, wenn sie beide schliefen. An irgendeinem Punkt an irgendeinem Ort hatte irgendein grausamer Schicksalsschlag entschieden, dass Dean und Cas ständig das Zimmer teilten, während sein Bruder seines mit Bert teilte.

Vielleicht war Sam in den Kerl verliebt oder so. Doch Dean konnte dieser speziellen Gedankenstraße nicht folgen, denn Cas bewegte sich neben ihm. Er drehte seinen Kopf und fand ihn zitternd. Cas zog die Schultern an und seine Beine waren angewinkelt und eng an ihn gezogen, seine Hände das offene Buch in seinem Schoß umklammernd. Nicht bevor Dean seine Zehen sah, die sich einrollten, realisierte er, dass Cas kalt war. Tatsächlich schien er zu erfrieren.

Er erhob sich und wanderte davon zu den Betten. Noch immer widerwillig in ihrer Nähe zu sein und versucht herauszufinden warum, zog er eine der Bettdecken weg. Er ging zurück zur Couch, stoppte hinter der Rückenlehne und streckte seine Hand aus, um Cas ein wenig nach vorne zu drücken, um ihm die Decke umlegen zu können.

Seine Fingerspitzen streiften den Rücken des Ex-Engels kaum, als Cas so rapide herumwirbelte, dass Dean beinahe aus der Haut fuhr. Cas’ Augen starrten ihn so weit an und so blau und grell, er vergaß beinahe das Entsetzen in ihnen wahrzunehmen.

„Ich werd nicht…“, sagte er, erstickte beinahe, „ich versuch nur eine Decke über dich zu legen.“

Cas sagte nichts, starrte ihn immer noch in dieser seltsamen verdrehten Position an, und die Vene an seinem Hals pumpte so heftig, dass Dean fürchtete sie würde platzen.

„Dir ist kalt“, stellte Dean fest, leise und fast murmelnd, und hielt immer noch die Decke hoch. Seine eigene Atmung war nicht weniger schnell, so wie er angesehen wurde. Es traf ihn dann, dass er seinen Vater so angesehen haben musste. Mit den selben weiten Augen und der selben alten Anspannung und diesem selben unverkennbaren Entsetzen in seinem Gesicht. Dean wurde oft getroffen, in letzter Zeit und sein ganzes Leben hindurch, mit Worten und Dingen und Händen und Füßen. Doch nichts tat wirklich so sehr weh wie Erkenntnisse über ihn selbst.

Cas beruhigte sich allerdings ein bisschen. Drehte sich sogar wieder um und beugte sich nach vorne, um Dean zu erlauben die Decke über ihn zu werfen. Und Dean tat das, derart leicht und sanft legte er die Decke um die Schultern seines Freundes. Er fühlte sich so unruhig, dass seine Hände angefangen hatten zu zittern, und seine Augen waren ebenfalls weit. Vielleicht mit dem selben Entsetzen in ihnen. Er zog den Stoff um Cas’ Körper, seine zitternden Hände trafen sich in der Mitte bei Cas’ Brust. Er war nach vorne gebeugt und als sein Gesicht nur Zentimeter von Cas’ Kopf entfernt war, schloss er seine ängstlichen Augen und konnte nicht anders als den Geruch seiner Haare einzuatmen. Sie rochen alt und trotzdem wie etwas völlig neues. Wie die Äste eines Baums oder die Seiten eines Buchs, wie Papier und Natur und Mensch gleichzeitig, und Cas schien nicht zu bemerken, dass er das tat.

Doch dann bemerkte er es und er schloss eine Hand über Deans und Dean fühlte sich noch unruhiger. Er konnte nicht aufhören seinen Geruch einzuatmen und es machte ihm Angst und es traf ihn und es fühlte sich noch mal ganz von vorne an wie sterben. Immer sterben. Immer sterben durch Cas’ Blicke und Cas’ Anwesenheit und Cas’ Berührungen und Cas. Er fühlte sich, als würde er sterben, wenn er Cas’ Geruch nicht einatmete. Als wäre es die einzige Luft zum Atmen, die er hatte, plötzlich und so absurd.

****

Der Tag ging vorbei und als es Zeit fürs Mittagessen war, gingen Sam und Dean, um Essen für alle zu holen. Die Sonne schielte durch den dicken bewölkten Himmel und sah aus wie der Mond. Es hatte für eine Weile aufgehört zu regnen und die Pfützen aus Regenwasser auf dem Parkplatz und den Straßen und Gehwegen, ausnahmsweise lagen sie still und ungestört. Keine neuen Tropfen fügten ihnen hinzu und veränderten sie in der Form und ließen sie wachsen.

Die Winchester gingen aus dem Diner, bepackt mit Tüten voller Essen und Getränken, und irgendwo in der Mitte des überraschend großen Parkplatzes hielt Dean an. Sam bemerkte es zunächst nicht, doch als er auch anhielt und sich zu seinem Bruder drehte, fand er ihn dabei, wie er sich umblickte.

„Kommst du?“, sagte er, und er fragte sich, was seinen Bruder diese Tage so zögerlich machte.

Und Dean zögerte wieder. Er sah zu Sam mit etwas wie Unruhe, weit offene Augen und sein Mund formte ein stilles „O“.

„Komm schon“, drängte Sam und hatte das Gefühl er lockte einen Hund ihm zu folgen.

„Wohin?“, fragte Dean mit all den Fragezeichen dieser Welt auf seinem Gesicht.

Der Jüngere zog die Brauen zusammen. „Zum Auto?“, fragte er mehr als er sagte. „Bist du okay, Dean?“, fragte er dann sicher.

„Ja, es—“, Dean verhallte, nuschelte etwas unverständliches zu sich selbst.

„Du erinnerst dich nicht daran, wo du das Auto geparkt hast?“, fragte Sam. Unglaublich.

Dean zog die Brauen zusammen, sein verwirrter Ausdruck verwandelte sich innerhalb einer Sekunde in Verärgerung und Verleugnung. Und in irgendeinem schließlichen Moment schnaubte er. Unglaublich.

„Natürlich erinnere ich mich!“, behauptete er und ging weg zu seinem Auto.

„Falsche Richtung, Dean.“, verkündete Sam und ging in die andere Richtung. Wie bereits gesagt, unglaublich. Doch er konnte an dieser Unglaublichkeit nicht festhalten und an der Tatsache, dass sich sein Bruder sogar noch seltsamer verhielt als vorher, wenn das möglich war. Es schien da war nicht mehr so viel Anspannung. Jetzt hingen seine Schultern mehr, als dass sie sich an irgendeinem unsichtbaren Problem festhielten, sein Nacken erzählte nicht mehr so viel, hielt auch nicht mehr so viel zurück. Dean war ziemlich still geworden. Da war eine Stille an ihm, die sich falsch anfühlte.

Als sie den glänzenden schwarzen Rahmen des Impalas erreichten, stellte Sam die Tüten auf ihrem Dach ab und fixierte Dean, um ihn zu mustern. Egal wie verschleiert der Himmel zu bleiben schien, Dean Winchester schaffte es immer noch verschleierter zu sein.

Dean kam zu ihm und fummelte nach seinen Schlüsseln. Er traf den Blick seines Bruders nicht sofort, aber als er es tat, fand er sofort die Sorge in ihm. Ein Zeichen in dem riesigen Nichtsnutz, der mal sein kleiner Bruder gewesen war, für den er früher das Abendessen gekocht hatte. Dieses Zeichen würde sich nie auflösen und es würde nie nicht direkt dort sein, wo er es sehen konnte.

„Ich bin nur müde, Sammy. Keine Sorge.“, sagte er.

„Das ist nicht, worüber ich mir Sorgen mache.“, gab Sam zurück.

Dean seufzte und legte seine Tüten ebenfalls ab. Eine Skyline aus braunen Papiertüten säumte die Grenze zwischen ihnen, doch das machte ihr gegenseitiges Starren nicht weniger intensiv. Es war nur eine Frage der Zeit, wann einer von ihnen einknicken und nachgeben oder aufgeben würde. Nur eine Frage, wer schlauer war und wer nicht. Doch Dean wusste, Sammy hatte einen Halt an ihm. Einen Schlüssel zu seinem Kopf, der ihn immer öffnen würde, wenn er es wünschte, und egal wie hoch und stark seine Mauern waren.

„Worüber machst du dir dann Sorgen?“, fragte er und sah weg. War er nun schlauer oder war er das nicht? So oder so, er fühlte sich betäubt, fühlte sich, als würde der Moment über ihn spülen und ihn wegspülen, als wäre er nicht einmal mehr anwesend. Bring’s hinter dich. Komm lebend und atmend durch und dann stopf es wieder zurück, wo es hergekommen ist, und sprich nie wieder davon. Trotzdem fühlte er sich bereits tot. Erschossen, auf eine Weise, getroffen, könnte man sagen. Gefangen in einer Unterhaltung, die er nicht führen wollte.

„Ich äh…“, begann Sam und fuhr sich mit der Hand durch sein Haar. „Ich hab bemerkt… dass etwas nicht stimmt, mit dir und Cas.“

Dean fiel für eine Sekunde aus seiner Leblosigkeit heraus und sah seinen Bruder direkt an. Ein Zucken bildete sich erst an Deans Augen, wie ein nervöser Tick. Dann verschwand es und sein Gesicht glättete sich wieder zurück zu seinem Pokerface.

„Ich weiß nicht, wovon du sprichst.“ Er drehte sich und lehnte sich gegen den Rahmen des Autos, seine Arme über seiner Brust verschränkt, und starrte wieder in die Luft.

„Dean“, sagte Sam und es war diese Art Dean, die ihm sagte, dass er seinen Bullshit jetzt nicht duldete. Dass es keinen Weg aus dieser Unterhaltung heraus gab. Kein Entkommen.

Natürlich stimmte etwas nicht mit ihm und Cas. Es gab so viele Dinge, die nicht mit ihnen stimmten, dass Dean sich fragte, ob es überhaupt irgendetwas gab, das nicht lose und verworren und verdreht und pervertiert war. Sie waren nicht mehr, was sie früher gewesen waren, und er wusste er hatte recht zu glauben, dass es seine Schuld war, und nur seine Schuld.

Du hast ihm wehgetan, sagte er in Gedanken zu sich selbst und ignorierte das Starren seines Bruders auf seinen Hinterkopf. Er bemerkte, dass Sam sich mit den Unterarmen auf das Dach des Autos lehnte und darauf wartete, dass er sprach. Doch es gab nichts, was er sagen könnte. Er tat Cas weh. Er schlug ihn. Er trat und verprügelte ihn. Er machte ihn klein und schwach und ließ ihn auf dem dreckigen Boden kriechen und sein Gesicht bedecken, entweder mit Händen oder mit Make-Up. Er hatte seinen alten Freund gesehen, ein Teil seiner Familie. Und hatte gesehen, wie er sich in etwas neues verwandelte. Und er hatte dieses Wissen genommen und etwas hinzugefügt. Formte Cas, pervertierte ihn in ein Wesen, das so viel Angst vor ihm hatte, dass er nicht einmal lauter sprach oder es wagte sich gegen ihn aufzulehnen oder ihn überhaupt anzusehen ohne Angst in seinen Augen. Der Blick, den sie früher geteilt hatten, dieser Blick, der früher so intensiv und gütig und intim gewesen war. Er hatte sich verwandelt in Angst und Angst allein.

Dean war früher die Sonne gewesen und Cas der Mond. Er war Krieg und Cas war Frieden. Er war Disaster und Cas war Schönheit. Er war Kummer und Cas war Glück. Cas sollte seine Rettung sein und Dean war am Ende seine Zerstörung. Es wurde weniger eine Andeutung und mehr zu einer Realität, dass Dean für diesen speziellen früheren Engel schlecht war. Er wusste einfach nicht, wo genau es schief gelaufen war.

„Dean?“, forderte Sam, leise und geduldig.

„Ja“, gab Dean. „Ich weiß nicht.“, sagte er und es war die Wahrheit, irgendwie.

Sein Bruder ging um das Auto und kam neben ihn und Dean zitterte mittlerweile. Ein langsames und winziges Beben an seinen Schultern, das Sam beinahe anhielt mit seiner Hand auf seinem Arm. Beinahe. Es war, als versuche Dean sich selbst in seinem eigenen Körper zu halten. Es fühlte sich an, als wäre so viel Zeit vergangen. Und dennoch nicht genug, um Dean zu einem der teilenden Sorte zu machen.

Was sollte er auch sagen? Die Wahrheit? Darüber, wie er sich wieder in diesen fast-Dämon zurückverwandelte? Der, der in der Versenkung Seelen abgeschlachtet und gefoltert hatte? Der Mann, in den er sich in der Hölle verwandelt hatte? Dass er wieder genau dort war, wo er angefangen hatte, und es nicht schaffte auch nur einen einzigen Schritt von dieser Realität weg zu machen? Dass er sich in seinen Vater verwandelte? Dass er die Personen verletzte, die er liebte? Sie bis zur Unkenntlichkeit zerstörte?

Weil er das tat. Er liebte Cas. Nein, er war nicht in ihn verliebt. Er liebte ihn nicht auf eine romantische Weise. Sie waren nicht zusammen oder planten es zu sein. Oder wollten es sein. Doch irgendwie fühlte es sich dennoch an, als hätten sie Schluss gemacht. Sie hatten sich voneinander abgewendet, jeder von ihnen auf seine eigene Weise. Cas war damals nicht sein Partner gewesen und er war jetzt nicht sein Ex-Freund. Aber er war ein Ex-Irgendwas. Ein Ex-Vielleicht. Ein Ex-Beinahe. Eine Andeutung im Wind, ein Tropfen im Regen. Ein Geruch des Sturms, den man immer vergisst, bis zu der Zeit, in der der Sturm zurückkehrt und man sich dann wieder erinnert.

Als er also wieder sprach, sprach er fast in sich hinein, wie zu jemandem, der in seinem Inneren versteckt war. Und er sagte: „Wir sind okay.“

Presste es in ein nettes kleines Wort zusammen, okay. Und dann tat er, was er schon sein ganzes Leben lang tat, und stieg in sein Auto ein.

****

Dean erinnerte sich daran, wie er an diesem Morgen aufgewacht war. Wie steif er sich gefühlt hatte, als er seine Augen einen Spalt geöffnet hatte, zu einer Sonne, die nicht da war und es dennoch schaffte Tageslicht zu produzieren. Wie das Tröpfeln gegen das Fenster ein dumpfes Geräusch in seinen Träumen gewesen war und ein noch dumpferes, als er wach war. Wie Cas im Nebenbett noch geschlafen hatte und unter Laken und seiner Decke vergraben gewesen war. Und wie er dennoch zu frieren schien.

Dean erinnerte sich daran, wie sie ihre Fälle diskutiert hatten und wie sie ihm zugestimmt hatten. Dieses kleine Gefühl von endlich, als er etwas gesagt hatte, das sie hören. Wie Bert brillant war, tatsächlich, auf seine eigene Art und Weise, darauf zu kommen, was sie übersehen hatten.

Dean erinnerte sich daran, wie Cas dann immer noch gefroren hatte. Wie er ihn beim Zittern erwischt und ihm eine Decke gebracht hatte. Wie Cas vor Angst vor ihm zusammengeschreckt war. Wie er sich selbst für den winzigsten nackten Augenblick erlaubt hatte Cas’ Geruch einzuatmen. Wie er sich danach gefühlt hatte, als müsse er sterben.

Dean erinnerte sich daran, wie der Regen für ein paar Sekunden zu fallen aufgehört hatte. Wie die Sorge seines Bruders eine Stichwunde in seiner Realität gewesen war. Wie Sam nun bemerkte, dass etwas mit ihm und Cas nicht stimmte. Wie er gezittert hatte, weil er nicht wusste, wie er darüber sprechen sollte. Wie er dann gelogen und gesagt hatte, dass sie okay wären.

Aber Dean erinnerte sich nicht daran, wie er dabei geendet war auf seinem Bett zu sitzen und auf etwas zu warten. Vielleicht darauf, dass der Regen wieder aufhörte. Vielleicht auf Sam oder sogar Bert. Vielleicht wartete er darauf, dass sie zurückkamen?

Doch als die Badezimmertür sich öffnete und Cas in den Raum trat, wusste Dean, dass es das war, worauf er gewartet hatte. Der Moment dehnte sich aus in unendlichen Lagen aus Zeit, in denen Cas’ Haar nass war und auf sein weißes Hemd tröpfelte und in denen Cas barfuß war. Da war keine Krawatte und kein Trenchcoat und da war kein Make-Up.

Cas durchquerte den Raum, wich deutlich seinen Augen aus, und setzte sich auf das andere Bett. Seine Hände waren auf seinen Knien und sein Blick nach unten gerichtet. Der Moment dehnte sich noch etwas mehr aus und irgendwann drehte sich Cas’ Gesicht zu ihm. Erst als er es vollständig gedreht hatte, erst dann blickte er auf zu dem Winchester und da waren sanfte Falten irgendwo in seinem Gesicht.

Falten, die Dean nicht entschlüsseln konnte, noch konnte er ihnen irgendwelche Aufmerksamkeit schenken, denn da war das blaue Auge. Breitete sich aus unter Cas’ Auge wie ein Gemälde in blau und rot und braun und gelb. Und Dean streckte eine Hand aus, eigene Falten bildeten sich auf seiner Stirn und zwischen seinen Augenbrauen.

Cas beachtete seine Hand oder seinen Arm nicht, er beachtete irgendeinen entfernten Punkt irgendwo in der Nähe des Kopfs des Jägers. Vielleicht gedankenverloren, vielleicht vertieft darin, wie sein Hemd nasser und nasser auf seinen Schultern wurde, oder darin, wie der Regen und der Wind draußen ihr Lied spielten.

Deans Fingerspitzen berührten seine Haut, sein Gesicht, und wieder einmal fuhr Cas beinahe aus seiner Haut. Und wenn diese Reaktion nicht wirklich neu war, für Dean fühlte sie sich vollkommen neu an.

„Nein“, flüsterte Cas, lehnte sich weg, fixierte wieder den Boden. Dann, entschlossener: „Nein.“

Dean zog seine Hand zurück und starrte. Cas wirkte ebenfalls neu. Er wirkte als hätte er endlich seine Stimme wieder gefunden. Als hätte er es geschafft diese Stille zu verscheuchen und lauter zu sprechen. Als müsste er etwas nicht wollen aus dem bloßen Grund, dass Dean es wollte.

Dean allerdings verstand all das nicht.

„Was“, krächzte Dean hervor, „was ist mit deinem Auge passiert?“

Cas sah wieder auf. Die Falten in seinem Gesicht wurden so tief, dass Dean sich fragte, ob er etwas falsches gesagt hatte. Und falsch, in der Tat, war es. Ausnahmsweise war da kein Ärger im Ton des Winchesters. Da war kein wütendes Gesicht und keine gewaltsame Drohung. Es war nicht die Ruhe vor dem Sturm. Es gab keinen Sturm. Und nichts daran war ruhig.

„Dean“, schaffte Cas und sah direkt in die Augen des anderen. „Erinnerst du dich nicht?“

Deans Brauen schossen nach oben. „An was?“

Die Augen des anderen suchten nun, rasend beinahe, und Dean fragte sich, was es da in ihm zu finden gab. Und mit all dem Drängen in den Augen des früheren Engels nahm er sich dennoch Zeit mit dem Antworten.

„Wie ich das blaue Auge bekommen habe?“

„Woher soll ich das wissen, Cas? Ich hab dich gerade gefragt, woher du es hast, Dummchen.“

Dean lächelte sein liebevolles Lächeln und Cas hatte das Gefühl schon wieder einen anderen Dean vor sich zu haben. Ein Dean, mit dem er sprechen konnte, ein Dean, gegen den er sich auflehnen konnte. Ein Dean, der irgendwie, unerklärlicherweise, die Erinnerung an das hier verloren hatte. War das etwas gutes oder etwas schlechtes?

„Du warst das, Dean.“

Ich?“

„Ja.“

„Ich denke ich würde mich daran erinnern, Cas. Komm schon, hör auf Zeit zu schinden und erzähl’s mir. Ich werd dich auch nicht auslachen, ich versprech’s.“

Cas schluckte, ein großer, schmerzender Kloß in seiner Kehle, der drohte ihm die Luft abzuschneiden. „Ich schinde keine Zeit, Dean.“, sagte er. „Es ist die Wahrheit. Du warst das.“

Dean bewegte seine Lippen, als wollte er etwas sagen, aber nichts kam heraus. Er starrte ihn nur an, als würde er auf die Pointe eines Witzes warten. Dann: „Aber— ich kann mich nicht erinnern. Das— das war ein Unfall, richtig?“

Cas schüttelte den Kopf. Dann erzählte er es ihm. Und er war sich nicht ganz sicher, was schlimmer war, alles zu ertragen, was passiert war, oder demjenigen zu erzählen, der es wieder und wieder geschehen hatte lassen, dass es das war, was er getan hatte. Aber auf irgendeine seltsame und absurde Weise war es gut darüber zu sprechen, wenn es auch mit Dean war. Oder vielleicht gerade deswegen.

Als er fertig war, starrte Dean seine Hände an. Er drehte sie herum, als versuche er herauszufinden, wie sie funktionierten. Er fand die Kratzer und die kleinen roten Abschürfungen an ihren Knöcheln, wo er Cas’ Knochen getroffen hatte, und er berührte sie mit zitternden Fingern und schloss die Augen.

Er atmete ruhig, doch im Inneren seines Kopfs war Chaos. Jede einzelne Gehirnzelle versuchte herauszufinden, was passiert war, wo es angefangen hatte, und am wichtigsten, warum. Das Einzige, das er fand, war eine entfernte Erinnerung an sich selbst, zusammengekauert in irgendeiner Ecke und sein Gesicht von seinen Armen bedeckt. Er war ein Kind, klein und knochig, und da war sein Dad, der auf ihn ein prügelte. Er fragte sich, was er getan hatte, um das zu verdienen, doch er verwarf diesen Gedanken sofort wieder. John hatte keinen Grund gebraucht.

„Cas?“, sagte er mit noch immer geschlossenen Augen. „Warum… warum hab ich angefangen dir das anzutun?“

„Ich weiß nicht, Dean.“

„Dann wann. Wann hab ich angefangen?“

Cas sah weg von ihm, seine Lippen zusammengepresst und diese Falten breiteten sich wieder in seinem Gesicht aus. Es schien, als verletze es ihn nur darüber nachzudenken.

Nach einer Weile zu viel, sprach Cas wieder, sein Kopf nach unten hängend. „Es hat angefangen, als… ich dir gesagt habe, dass meine Fehler und Sünden im Himmel mich zum gefallenen Engel machen. Das ich menschlich werden werde, schlussendlich.“

„Was ist dann passiert?“

„Du wurdest wütend. Du hast einen Stuhl gegen eine Wand geschleudert. Ich habe dir gesagt, du sollst dich beruhigen, dass es okay sei, aber du—“ Er schluckte. „Du hast dich dann mir zugewandt. Zuerst hast du mich geschubst, aber dann…“

Dean legte eine Hand auf den Arm des früheren Engels und durch das Zusammenzucken, das das verursachte, begann seine Unterlippe zu beben. „Es tut mir leid“, hauchte er. „Es tut mir so leid, Cas. Ich hätte— ich war verrückt.“

Cas sah ihn an, entspannte sich etwas unter seiner Berührung. „Nein. Du wusstest, was du tust, Dean. Und du wusstest es würde mich verletzen. Aber— aber irgendwie hat dich das nicht aufgehalten. Das tut es nie.“

Eine Emotion huschte über das Gesicht des Winchesters, die so schnell wieder verschwand, dass sie vermutlich nichts bedeutete. Oder sie bedeutete alles. So oder so, Dean war sprachlos. Wie konnte er das tun? Wie konnte er seinen besten Freund verletzen? Wie konnte er Cas je so behandeln? Und wie konnte er sich dann, sogar, nicht einmal daran erinnern?

„Es ist meine Schuld“, flüsterte er kaum.

„Das ist es.“, sagte Cas. „Aber es ist nicht deine Schuld, dass du so bist.“

„Wie kannst du das sagen, nach dem, was ich dir angetan hab?“

Cas seufzte und fixierte seinen Blick. „Monster werden nicht geboren, Dean. Sie werden erschaffen. Gerade du solltest das besser wissen als jeder andere.“

So viel Stille folgte dann, dass Dean sich fragte, ob die Zeit gänzlich still stand. Er hatte so viele Fragen und er war nicht sicher, an wen sie gerichtet waren, und ob er sie überhaupt beantwortet haben wollte. Aber da war eine Frage, die er stellen musste, und als er es tat, war seine Stimme nichts als ein kiesiges Etwas.

„Warum bist du noch hier, Cas?“, fragte er. „Nach allem, das ich dir angetan hab?“

„Weil wir Freunde sind, Dean.“

„Sind wir das denn? Sind wir noch Freunde?“

Cas verengte die Augen und presste wieder seine Lippen aufeinander. „Ich denke das sind wir. Wir leben zusammen. Wir jagen zusammen. Wir teilen eine Geschichte, die uns unsere Leben ebenfalls teilen lässt. Ich wüsste nicht, wo ich sonst hingehen sollte.“

„Das ist nicht, was ich gemeint hab, Cas. Ich meine— ich meine, willst du immer noch… mein Freund sein? Also… magst du mich immer noch?“

„Seit ich in die Hölle gekommen bin, um dich zu holen… seit ich wieder auf der Erde wandle… seit ich dich kennengelernt habe… ich denke nicht, dass ich jemals zuvor irgendjemanden gemocht habe. Ich bin immer gekommen, wenn du gerufen hast, und ich habe alles für dich getan. Und das war nicht, weil ich keinen anderen Ort hatte, wo ich hingehen konnte, oder wegen der Art und Weise, wie du mich behandelt hast. Es war wegen dem, der du bist. Und egal, wer du jetzt bist, es ändert nichts daran, wie ich für dich empfinde. Mag das dumm sein oder nicht.“

Mag das dumm sein oder nicht. Es war nicht nur dumm, dachte Dean, es war unmöglich. Trotzdem, er wusste genau, wie sich das anfühlte.

Er erinnerte sich an die Hölle. Er erinnerte sich daran, wie er sich seinen Weg aus seinem eigenen Grab gegraben hatte und wie er sich gefühlt hatte, als stünde er in Flammen. Wie seine Schulter gelodert hatte, wo seine Finger seine Haut berührt hatten. Wie geschockt er gewesen war herauszufinden, dass ein Engel ihn aus der Hölle gerettet hatte. Wie schwer es gewesen war zu atmen, als würde er ersticken.

Er erinnerte sich daran, wie Cas alle Birnen in dieser Scheune zerplatzen hatte lassen und wie es beinahe wehgetan hatte ihn anzusehen. Wie sehr er geleuchtet hatte, wie hell er gewesen war. Wie schwer es gewesen war ihn anzusehen und sogar noch schwerer wegzusehen. Wie er sich gefühlt hatte, als würde er blind.

Er erinnerte sich daran, wie er zum ersten Mal seine Stimme gehört hatte und wie seine Ohren geblutet hatten und wie sehr es geschmerzt hatte. Wie das Blau seiner Augen ihm das Gefühl gegeben hatten zu ertrinken. Wie er angefangen hatte darin zu versinken, mit jedem Blick ein bisschen mehr.

Er erinnerte sich daran, wie er gedacht hatte ihn zu kennen, wie er ihn Stück für Stück liebte wie Familie. Wie er sich selbst geschworen hatte, irgendwann, ihn niemals zu verlassen und niemals zu verlieren. Wie er ihn immer retten würde, egal was es kostete, so wie er immer seinen Bruder retten würde. Und plötzlich erinnerte er sich wieder an alles, das er diesem Mann angetan hatte.

Und plötzlich erkannte er, warum Cas ihn nie aufhielt. Er liebte ihn auch.

Oder vielleicht war er nur ein Freund. Ein guter Freund, den man behalten musste, weil er so wertvoll ist und du niemand anderes finden wirst, der so ist wie er. Und keine Ausrede, wenn da etwas mehr ist, das man nicht zugeben will oder zu viel Angst hat es zu erkunden.

Cas mochte ihn noch. So wie Leute sagen, dass sie Regen mögen, aber ihre Schirme öffnen. So wie sie sagen, dass sie die Sonne mögen, aber im Schatten bleiben. Und so wie sie sagen, dass sie Wind mögen, aber ihre Fenster schließen, wenn er stärker wird.

Cas war immer noch sein Freund. Und Dean würde gerne glauben, dass das alles war, was zählte, doch das war es nicht. Es war keine Überraschung, dass er Angst hatte, dass ihn jemand mochte, oder sogar lieben könnte. Denn egal wie oft Leute behaupteten den Geruch und die Schönheit eines Gewitters zu lieben, sie blieben dennoch drinnen, wenn es kam. Denn die, die wir lieben, sind diejenigen, die wir am meisten fürchten. Und wer könnte ein Monster lieben?
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