Drunk nights in Paris

OneshotRomanze / P18 Slash
Jimin V
03.11.2019
03.11.2019
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Aloha!

Das ist das erste Mal, dass ich etwas selbst geschrieben und veröffentlicht habe. Daher würde ich mich auf jeden Fall über Feedback jeglicher Art freuen. Mir schwirren noch einige Ideen im Kopf herum, die ich zu verschriftlichen plane und es wäre schön zu wissen, ob ich hier nochmal etwas in dem Stil hochladen kann oder soll. Aber natürlich interessiert mich auch, wie ihr den Oneshot findet. :)

Zu der Geschichte:
Ich habe es mir herausgenommen, Taehyung aus BTS zu entfernen und ihn stattdessen zu einem mehr oder weniger durchschnittlichen Typen ohne prominenten Hintergrund gemacht. BTS gibt es in der Story trotzdem, Taehyung ist halt nur nicht dabei.
Achtung: detaillierte Beschreibungen von sexuellen Handlungen, teilweise auch recht explizite Sprache.

So, das war's auch schon. Viel Spaß beim Lesen! :)


***



Die Musik dröhnte. Ihr Klang war dumpf, der Boden vibrierte rhythmisch im Takt. Es war einer dieser RnB-Song mit Fick-mich-Beat und obszönen Texten, gesungen von Männern mit weicher, engelsgleicher Stimme. Einer von diesen Songs, zu denen junge, besoffene Frauen in kurzen Röcken mit ihrer besten Freundin so eng tanzen, als würden sie ein Paarungsritual vollziehen und versuchen, sich gegenseitig zu befruchten.
Männer, die heute keine Frau abschleppten, würden sich vermutlich mit einem Drink in der Hand an die Bar stellen und diese Frauen eine Weile beobachten, um sich ihre Bewegungen und Interaktionen möglichst gut einzuprägen, damit sie für Zuhause zumindest eine anständige Wichsvorlage hätten. Vielleicht würde auch Jimin davon Gebrauch machen. Die Möglichkeiten, hier eine Frau unbemerkt abzuschleppen, waren ganz und gar nicht gegeben. Zu viele Menschen, und zu viele Handys, die zu häufig von den Besuchern des Clubs zum Fotografieren in die Gesichter ihrer Freunde oder ihre eigenen gehalten wurden. Selbst, wenn ihn niemand erkannte, war es nicht unwahrscheinlich, unfreiwillig im Hintergrund eines Selfies während der Interaktion mit einer Frau zu landen, das dann in irgendeinem sozialen Netzwerk hochgeladen und schließlich früher oder später in den Händen irgendeines Fans landen würde, der mit dem üblichen detektivischen Geschick seine Identität lüften und die Information in der ganzen Welt verteilen würde. Nein, das war definitiv keine Option.
Dennoch fühlte sich Jimin ungewohnt unbeobachtet. Es gab keine Kameras, kein starrendes Publikum und die anwesenden Feiernden schienen sich erstaunlich wenig für seine Anwesenheit zu interessieren. Ein schönes Gefühl, dass er in den letzten Monaten oft vermisst hatte. Nahezu 24 Stunden am Tag stand er für gewöhnlich unter Beobachtung, Menschen hielten ihm Kameras ins Gesicht oder fingen bei seinem Anblick schlichtweg hysterisch an zu kreischen. Auftritte hier, Interviews da. Treffen mit Fans, bei denen er auch nach drei Stunden Schlaf, körperlicher und emotionaler Erschöpfung fröhlich und freundlich sein musste, schließlich hatten die Leute Unsummen für ein kurzes Händchen halten, eine flüchtige Begegnung ausgegeben.
Es war pure Erlösung, als Big Hit Entertainment ihre Auszeit verkündet hatte. Alle Mitglieder waren erschöpft, ausgelaugt und sehnten sich nach einer Pause. Es war deutlich darauf hingewiesen worden, dass die Band sich erholen müsse und die Privatsphäre der Mitglieder respektiert werden solle. Die Auszeit war kaum mehr als einen Monat lang, und dennoch die längste Pause seit Jahren.
Die Mitglieder hatte unterschiedliche Pläne, die zumeist völlig durchschnittliche Aktivitäten beinhalteten, die man in den Zwanzigern halt mal so macht. Familie und Freunde treffen, mit dem Hund im Wald spazieren gehen, verreisen. Jimin hatte sich für letzteres entschieden. Minho, der früher mit ihm zur Schule ging, war noch während des laufenden Schuljahres mit seinen Eltern nach Paris gezogen, weil sein Vater dort irgendeinen wichtigen, gut bezahlten Job bekommen hatte. Sie hielten über die Jahre dennoch regelmäßig Kontakt, und als Jimin von der Auszeit erfuhr, entschloss er sich kurzerhand, Minho für ein paar Tage zu besuchen. Er erhoffte sich in Paris Ruhe und etwas mehr Anonymität zu finden, schließlich waren BTS zwar weltweit bekannt, in Europa jedoch weitaus weniger präsent als in Seoul, wo an jeder Straßenecke Plakate von ihnen hingen oder man in 3598737 Läden irgendeinen Krempel mit ihrem Gesicht oder ihrem Namen darauf kaufen konnte.

Minho hielt es für eine hervorragende Idee, am zweiten Tag nach Jimins Ankunft, nachdem er den Jetlag einigermaßen gut weggesteckt hatte, in diesen Club in der Innenstadt von Paris zu gehen. Jimin hatte zugestimmt, geleitet von dem Wunsch nach einem ganz normalen Discobesuch, der Musik, normale Menschen und Suff beinhaltete. Die ersten beiden Punkte des „normalen Discobesuchs“ waren bereits erfüllt, die Musik hallte durch den nicht allzu großen Raum, die Menschen auf der Tanzfläche bewegten sich bemüht lasziv zum Rhythmus der Musik. Jimin schielte abermals zu den jungen Frauen in den kurzen Röcken, die ihm schon wenige Minuten nach seiner Ankunft aufgefallen waren. Eine von ihnen tanzte eng vor ihrer weiblichen Begleitung und rieb so ihren Arsch zum Rhythmus am Schritt ihrer Freundin. Jimin schmunzelte kaum merklich und drehte sich weg, bemüht, nicht zu offensichtlich zu gaffen.
Der letzte Punkt, „Suff“, war allerdings noch nicht erfolgreich abgehakt worden. Minho hatte am Abend aus „nostalgischen Gründen“, wie er sagte, den billigsten Fusel gekauft, den er im Supermarkt finden konnte. Die Art von Fusel, den man halt kauft, wenn man nur ein bisschen Taschengeld von seinen Eltern kriegt und eigentlich auch noch keinen Fusel kaufen darf, weil man halt minderjährig ist. Er hatte einige Umdrehungen und hätte sie schnell ins Nirvana befördern können, allerdings hatte sich Jimin während der letzten Tour mit deutlich hochwertigeren alkoholischen Getränken und einer durchaus erschreckenden Konsumregelmäßigkeit eine nicht zu unterschätzende Toleranz angetrunken, sodass ein paar Gläser Billigwodka mit Cola noch nicht ausreichten, um einen subjektiv ausreichenden Rausch zu erzeugen.
Glücklicherweise befand sich Minho bereits an der Bar des Clubs und warf Jimin, der einige Meter entfernt am Rande der Tanzfläche an einer Wand lehnte, einen fragenden Blick zu, auf das nicht zu verachtende Arsenal an Spirituosen deutend, das hinter der Theke auf einem langen, an der Wand hängenden Regal drapiert war. Jimin nickte und bewegte sich Richtung Bar, während Minho zuversichtlich grinste und sich umgehend zum Barkeeper drehte, um seine Bestellung aufzugeben. Als Jimin die Theke erreichte, hielt Minho bereits zwei randvolle Gläser mit irgendeiner Mischung in den Händen. Das Glas in seiner linken Hand reichte er Jimin, während er sich zu ihm nach vorne beugte.
„Die Weiber sind heiß. Hätte ich dich heute nicht dabei, würde ich beide mitnehmen.“
Er deutete enthusiastisch in Richtung der beiden eng miteinander tanzenden Frauen, als wolle er ihm sein neues Auto präsentieren. Mittlerweile hatte die Kleinere der Beiden, die zuvor noch ihren Hintern an der hinter ihr tanzenden Freundin rieb, sich zu selbiger umgedreht, und rieb sich nun beim Tanzen mit erstaunlich obszönem Hüftschwung an ihrem Bein. Sie sahen aus, als hätten sie die Welt um sich herum völlig vergessen. Als seien sie viel zu beschäftigt mit ihrer Performance, als dass es sie kümmern könnte, dass jemand ihr Tun bemerkte. Vielleicht war es aber auch genau der Sinn dahin, entdeckt zu werden. Vielleicht diente diese Art von Paarungsritual auch dazu, sich letztendlich mit anderen zu paaren.
Jimin überlegte kurz, wie viele Fotos und Schlagzeilen entstehen würden, wenn es sich bei dem Bein, an dem sich das kleinere Mädchen rieb, nicht um das Bein ihrer Freundin handeln würde, sondern um seines. Wenn er beim Tanzen ihre großen Brüste streicheln und sie anschließend aus dem Club in Minhos Gästezimmer, oder vielleicht doch nur auf die ranzige Discotoilette zerren würde. Gedanken, die er schnell wieder abschüttelte, da sie sich einfach zu gut anfühlten. In einem Club mit einer Erektion herumstehen wäre heute auch eine beschissene Idee.
„Sorry, tut mir echt leid.“ log er gespielt.
„Aber scheiß drauf, wir teilen sie. Ich krieg' die mit den großen Titten.“ fügte er hinzu und betrachtete weiter das Treiben auf der Tanzfläche.
Beiden Männern war klar, dass sich keine ihrer Fantasien heute Nacht bewahrheiten würde. Durch die strikten Verhaltensregeln, die Jimin auferlegt waren, war es ihm lediglich hauptsächlich möglich, andere bekannte Idole zu daten, die aus Angst vor dem drohenden Gesichtsverlust bei Bekanntwerden des Verhältnisses schlichtweg die sicherste Bank waren, was Diskretion und Stillschweigen betraf. Die Wahrscheinlichkeit, dass eine durchschnittliche Frau, die er in der Disco aufgabeln würde, zur Presse rannte und ihre Nacht mit dem Sänger für Geld verkaufen und vielleicht sogar noch heimlich prekäre Fotos schießen würde, die ihren Weg in Klatschzeitschriften mit reißerischen Titeln finden würden, wäre viel zu groß. Ihm war klar, dass er unter keinen Umständen am heutigen Abend eine Interaktion mit einer Frau führen sollte, die über ein freundlich neutrales „Hallo.“ hinaus ginge.

Einmal hatte Jimin eine Affäre mit einer Stylistin begonnen, die die Band auf einer ihrer Tourneen begleitete. Sie war ein paar Jahre älter als er und verheiratet, was sich allerdings schnell als überwindbares Hindernis entpuppte, nachdem sie Jimin von ihrem sich die Nächte im Büro um die Ohren schlagenden Ehemann erzählte, der laut ihren Schilderungen in der allgemeinen Beziehungsgestaltung ebenso unkreativ schien wie im Schlafzimmer. Leider flog ihre Affäre auf, nachdem Jimin es in einem Anflug von Übermut für eine gute Idee hielt, die Frau in der Nacht mitten auf dem Flur der Etage des Hotels, die für die Band und das Personal reserviert worden war, oral zu befriedigen. Er hatte die Rechnung ohne den Tourmanager gemacht, der sich zur fortgeschrittenen Uhrzeit doch noch dazu entschlossen hatte, sein Zimmer zu verlassen und die Hotelbar aufzusuchen. Die Frau war selbstverständlich sofort entlassen worden. Jimin bedauerte ihre Entlassung, jedoch weniger aus Liebe, Sorge um ihre finanzielle Situation oder den Ruf der Frau, vielmehr bedauerte er seinen eigenen Verlust, den Verlust einer unmittelbar verfügbaren Sexualpartnerin, mit der er auch in Anwesenheit anderer normal kommunizieren konnte und sie nicht verstecken musste, da sie Teil des Teams gewesen war. Es erfüllte ihn mit einem Gefühl von Normalität, das sich nicht einstellte, wenn er sich mit anderen Idolen an abgelegenen Orten um unmenschliche Uhrzeiten verabredete, um bloß nicht mit ihnen gesehen zu werden. Eine Beziehung zu führen war unter diesen Umständen gepaart mit dem vollen Terminkalender der Band sowieso nicht möglich, es ging ihm in der Regel lediglich um den Austausch von Körperlichkeiten. Über das Führen einer Beziehung, über aufrichtige Gefühle gegenüber einer Frau würde er irgendwann nachdenken, aber nicht jetzt, erst recht nicht heute.

Ein paar Drinks später schien das Ziel „Suff“ endlich in greifbarer Nähe. Minho erzählte gerade von einer Frau, die er in diesem Club im letzten Jahr abgeschleppt hatte. Er schmückte seine Erzählung mit zahlreichen Einzelheiten über die Begeisterung seiner Eroberung bezüglich seiner „Schwanzgeberqualitäten“, - ein Begriff, den er gern nutzte, um seine sexuellen Performancefähigkeiten zu beschreiben - sodass Jimin allmählich klar dämmerte, dass es sich hierbei nur um eine grobe Übertreibung handeln konnte. Minho war ein gutaussehender, für einen Koreaner recht großer Mann, und Jimin fragte sich unausweichlich, ob seine großspurigen Erzählungen daher rührten, dass er vermutete, Jimin verfüge um ein Vielfaches an interessanten Frauengeschichten, sodass sein Ego dafür sorgte, mit ihm mithalten zu wollen. Er konnte nicht ahnen, dass Jimins letzter Fick mit einer jungen, mittelmäßig bekannten Frau vor ein paar Wochen in ihrem Auto stattfand, das sie extra dafür mitten in der Nacht in ein entlegenes Waldstück gefahren hatte. Es war kalt und ungemütlich, Jimin hatte wegen der vielen stressigen Termine und dem Schlafmangel Erektionsprobleme, und in den Mund nehmen wollte sie ihn auch nicht. Es war ein beschissenes Treffen, und Jimin hatte Minho nicht davon erzählt, obwohl sie ansonsten fast alles miteinander teilten.

Sie standen immer noch am Tresen der Bar, während Jimin seinen Blick über den Raum des Clubs und deren Besucher schweifen ließ, während er nur noch mit einem Ohr Minhos Ausführungen über seine Eroberung folgte. Mittlerweile hatte sich der Club ein wenig geleert, die Menschen drängten sich nun nicht mehr ganz so eng auf der Tanzfläche. Sein Blick fiel auf den Gang Richtung Ausgang, der sich schräg neben der Theke befand, als er ihn bemerkte. Ein junger Mann stand dort neben dem Gang und unterhielt sich dort angeregt mit einer der lesbisch tanzenden Frauen. Es war die Kleine mit den großen Titten, die Jimin in seiner Vorstellung bereits in Minhos Gästezimmer ausgezogen hatte. Die beiden lachten und umarmten sich innig, und während sie sich Richtung Ausgang begab, bewegte sich der Typ Richtung Bar. Sein perfektes, symmetrisches Gesicht provozierte Jimin, genauso wie die innige Umarmung, die er der Frau gegeben hatte. Je näher er kam, desto schöner und anmutiger wirkte er. Er sah nicht aus, wie die anderen Gäste des Clubs. Der schwarze Hoodie und die enge Jeans sahen nicht danach aus, als habe er sich Mühe bei der Bekleidungsauswahl gegeben, sondern eher einfach irgendwas gegriffen, das gerade in Reichweite lag. Die Kapuze, die er ich über den Kopf gezogen hatte, gab einige schwarze Strähnen preis, die unfrisiert auf seiner Stirn lagen. Trotzdem war er locker der schönste Mann im ganzen Club. Jimin war nicht in der Lage,wegzusehen. Der Typ schritt zielgerichtet an die Theke, wobei er sich dabei wie eine Katze bewegte, die sich mit ihrem grazilen, anmutigen Gang an den Menschen um sie herum vorbei schob.
Als Jimin durch seinen vom Alkohol vernebelten Blick bemerkte, dass er immer näher kam, gelang ihm schließlich der Absprung und er drehte sich in einer flüssigen Bewegung zu Minho, der auf der anderen Seite neben ihm stand und immer noch in die Ausführungen seines Sexuallebens vertieft war. Er schien nicht minder betrunken und hatte offensichtlich noch nicht bemerkt, dass Jimin abgeschweift war und seinen Erzählungen nicht mehr folgte. Jimin bemühte sich, sich wieder auf den Monolog von Minho zu konzentrieren, wurde darin aber jäh unterbrochen, als er an seinem Rücken eine leichte, aber deutliche Berührungen spürte. Er schielte über seine Schulter und stellte fest, dass sich der Typ mit dem perfekten Gesicht in eine Lücke direkt neben ihm gequetscht hatte. Er beugte sich über die Theke und stütze sich dabei mit seinen Ellenbogen auf eben jener ab, sodass sein Oberarm an Jimins Rücken entlang strich. Jimin spürte den weichen Stoff des Hoodies durch sein Shirt, ein kurzer aber intensiver Schauer überkam seinen Körper. Mit dieser Art der Begegnung hatte er heute nicht gerechnet. Angespannt konzentrierte er sich wieder auf Minho, der mittlerweile verdutzt zu ihm herüber sah. Offensichtlich hatte er schon seit einer Weile ein Feedback zu seiner Bumsgeschichte erwartet, was Jimin in der Zwischenzeit entgangen war.
„Ist alles okay?“
Minho lallte bereits deutlich. Er verfügte nicht über die gleichen Saufkompetenzen wie Jimin.
„Ja, sicher. Trinken wir noch einen?“ erwiderte Jimin, nachdem er nach kurzer Überlegung entschieden hatte, dass ein weiterer Drink wohl das Beste wäre, um ungewollte Irritationen durch Männer mit hübschen Gesichtern zu ertränken.

In der koreanischen Musikbranche gab es eine Menge Männer mit hübschen Gesichtern. Sie waren nach eben jenen gecastet und ausgesucht worden, da sich weitläufig die Meinung hielt, dass lediglich das Gesicht stimmen müsse und man den Rest schon zurecht biegen könne. In den meisten Fällen stimmte das sogar. Junge Männer wurden über Jahre mit täglichen, stundenlangen Choreografie- und Gesangsübungen an den Rand des Wahnsinns getrieben, wodurch sich allerdings auch das gesamte Potential ihres Könnens entfaltete. Neue Frisur und Haarfarbe drauf, zack – fertig. Sie waren alle auf eine eigene, zumeist aber auch durchschnittliche Art und Weise hübsch. Der Mann an der Theke neben Jimin, der mittlerweile ein Bier in der Hand hielt, sah ganz und gar nicht durchschnittlich aus. Seine Gesichtszüge waren feminin und dennoch markant, seine schwarzes Haar fiel ihm ein wenig ins Gesicht. Alles in seinem Gesicht schien aufeinander abgestimmt worden zu sein, es gab kein Merkmal, dass übermäßig hervorstach, keinen Makel. Es war ein völlig stimmiges Gesamtbild, wie Jimin es noch nie gesehen hatte. Der Typ sah aus wie ein Kunstwerk, während er offensichtlich etwas gelangweilt am Etikett seiner Bierflasche herum knibbelte. Nach seiner Bestellung hatte er aufgehört, sich an der Theke abzustützen, sodass er Jimin nun nicht mehr berührte.

Jimin unterhielt sich mit Minho und leerte währenddessen zügig seinen Drink. Als er das leere Glas abstellte und beschloss, noch einen Blick auf die Auswahl an Spirituosen auf dem Regal der Bar zu werfen, realisierte er verzögert, dass er in der Drehung, die er vollzogen hatte, dem Typen neben ihm seinen Ellenbogen in die Seite gerammt hatte. Innerhalb einer Millisekunde verfluchte er den letzten Drink und entschied, dass er auf keinen Fall einen weiteren trinken sollte. Und das er sich freundlich entschuldigen und nicht weiter auffallen sollte. Auf französisch. Er sprach kein französisch. Noch bevor ihm diese Tatsache bewusst wurde, hatte er bereits Blickkontakt hergestellt. Er starrte direkt in die Augen des Schönlings, der aus Reflex auf die Berührungen in seine Richtung geschaut haben musste. Er war etwas größer als Jimin und bei eingängiger Betrachtung aus nächster Nähe zu Jimins Missfallen immer noch genauso schön, wie er es sowieso schon angenommen. Perfekt war das einzige Wort, das Jimin für die Beschreibung seines Gegenübers einfiel. Für einen winzigen Moment wünschte er sich, er hätte dieses Gesicht. Dieses zarte und doch maskuline Antlitz, diese unrealistische Fresse, die man eigentlich bei dem Portrait eines Malers erwartete, der bei der Ausführung der Gesichtszüge seines Modells schlicht übertrieben hatte. Abrupt fanden seine Gedanken ein Ende, als er realisierte, dass er den Fremden bereits seit einigen Sekunden anglotze, ohne irgendeine Form der Kommunikation aufzunehmen. Jimins Gehirn arbeitete auf Hochtouren. Der Mann hatte klar asiatische Gesichtszüge. Vielleicht sprach er koreanisch. Jimin überflog die Anzahl von Ländern mit asiatischer Bevölkerung, die kein einziges Wort koreanisch sprachen oder verstanden und kam zu dem Schluss, dass seine Chancen denkbar schlecht standen.  Als wäre diese Erkenntnis nicht frustrierend genug, zog in jenem Moment sein Gegenüber die Stirn kraus und sagte irgendwas auf französisch, das Jimin kein bisschen nicht verstand. Seine Stimme war tief und klang viel maskuliner, als Jimin es erwartet hätte. Etwas unbeholfen zwang er sich nach kurzer Schockstarre ein verschrecktes Lächeln sowie ein leises „Pardon.“ hervor. Er sprach dabei so akzentuiert, dass er seine Entscheidung sofort bereute und vermutete, der Typ würde nicht einmal ansatzweise erahnen können, dass es sich hierbei um eine Entschuldigun handeln sollte. In der Tat schaute der junge Mann ein wenig irritiert. Dabei betrachtete er eingehend jeden Zentimeter von Jimins Gesicht. Sein Blick glitt über Jimins Augenbrauen zu seiner Nase, zu seinen Lippen und über seine Wangenknochen wieder zurück in seine Augen. Jimin bekam ein unangenehmes Gefühl in der Magengegend, vermutete er doch aufgrund der eingehenden Betrachtung, in seiner Identität aufgeflogen zu sein.
„Ob ich dir irgendwie helfen kann, hab' ich dich gefragt.“ kam es schließlich auf koreanisch.
Na klasse. Jimin wusste nicht, ob er sich über das Einbrechen der Sprachbarriere freuen oder die Tatsache, dass der Typ ihn offensichtlich erkannt hatte, verfluchen sollte. Er hatte sich extra unauffällig gekleidet und die Haare schwarz gefärbt, um mehr nach einem durchschnittlichen Koreaner auszusehen. Aber offensichtlich war es nicht genug.
„Ähm, nein. Tut mir leid wegen dem Ellenbogen.“ erwiderte er und drehte sich zügig weg.
„Taehyung?! Meine Fresse, mit dir habe ich hier ja gar nicht gerechnet!“ kreischte plötzlich Minho, der immer noch neben ihm stand, in viel zu hoher Lautstärke in Jimins linkes Ohr.
Der Schönling schaute verwundert und grinste schließlich. Er presste sich an Jimin vorbei und begrüßte Minho, indem er ihm die Hand reichte und ihn mit selbiger schließlich zu einer recht vertrauten Umarmung an sich heranzog.
„Ja, ich weiß. Hätte ich auch nicht gedacht.“
Er lachte. Auch sein Lachen war schön.
„Ich bin allerdings vor ein paar Wochen umgezogen und wohne jetzt nur ein paar Häuser entfernt. Der Laden hat mich noch nie gereizt, aber ich muss nur 'n paar Meter zu Fuß gehen und es gibt ausreichend Alkohol, wenn sonst schon alles geschlossen hat. Das ist manchmal Grund genug.“ Schließlich drehte er sich zu Jimin und reichte ihm die Hand.
„Taehyung. Sorry, dass ich dich vorhin so angeglotzt habe. Ich dachte, du wärst vielleicht jemand, den ich schon mal irgendwo gesehen habe.“ sagte er entschuldigend.
„Vielleicht ist das so.“ gab Jimin zurück und nahm seine Hand.
Sie war größer als seine und er trug an drei Fingern auffällige Ringe mit Verzierungen und großen Farbsteinen in der Mitte. Er betrachtete sie kurz, während er den festen Händedruck erwiderte, beschloss aber schnell, dass er sie nicht zu lang festhalten sollte.

In weiteren Verlauf der von lauter Musik und im Rachen brennenden Shots durchtränkten Nacht erfuhr Jimin, dass sich Minho und Taehyung sich in einem Tattoostudio kennengelernt hatten, in dem Taehyung lernte und Minho sich vom Inhaber des Ladens eine Tätowierung stechen ließ, die Jimin bei näherer Betrachtung zwar als professionell und sauber gestochen, jedoch nicht als überragende künstlerische Leistung bezeichnen würde. Unumgänglich fragte er sich, wie gut man als Tätowierer werden könne, wenn der Lehrer lediglich Durchschnitt ist. Während Minhos Termin war er mit Taehyung, der der Prozedur beiwohnte und nebenbei Skizzen zeichnete, ins Gespräch gekommen und sie stellten schnell fest, dass sie aus der selben Ecke Südkoreas entstammten. Taehyung war bereits in seiner frühen Kindheit nach Paris gekommen, nachdem seine Mutter seinen weder gut verdienenden Vater noch besonders fürsorglichen Vater endlich verließ und ihrer Schwester folgte, die der Liebe wegen bereits einige Jahre zuvor in die europäische Großstadt gezogen war. Obwohl Taehyung den Großteil seines Lebens von der französischen Sprache umgeben war, sprach er immer noch fließend koreanisch. Während Jimin die Tage und Nächte in seiner Jugend vorwiegend mit Training und harter Arbeit verbracht hatte, um seine Fähigkeiten in Tanz und Gesang zu perfektionieren, hatte Taehyung Wodka gesoffen und sich mit einem jungen Mann in einer Bar geprügelt, nachdem dieser seiner vermeintlichen Freundin eine Ohrfeige gegeben hatte. Da Taehyung die Schlägerei begann und dem Typen im Anschluss zwei Zähne fehlten, wurde er zu einer Bewährungsstrafe verurteilt. Seitdem war er durchaus bemüht, nicht mehr negativ aufzufallen und seiner Mutter noch weitere Sorgen zu bereiten. Die Ausbildung beim Tätowierer war ein Kompromiss aus der Tatsache, dass Taehyung mit einer Bewährungsstrafe eine Vielzahl von Berufen verwehrt blieb und dem künstlerischen Talent, das ihm schon früh von einigen Lehrern bescheinigt wurde.
„Wo bist du tätowiert?“ wollte Jimin von Taehyung wissen.
„Ich bin nicht tätowiert.“
Jimin runzelte die Stirn und kicherte.
„Du willst Tätowierer werden und bist nicht tätowiert? Ist das nicht komisch?“
Er lehnte bereits mit beiden Ellenbogen auf dem Tresen, um sich zu stützen.
„Wieso? Ich muss mich ja nicht zupflastern lassen, nur um Kunden anzulocken. Und außerdem ist das dann eh nicht repräsentativ, weil sie nicht von mir sind.“
Taehyung zeigte abermals sein einnehmendes Lächeln. Es war ein zartes, verträumtes Lächeln, doch gleichzeitig wirkte es auf seinen perfekt geschwungenen Lippen auf eine gewisse Weise verführerisch, vielleicht sogar ein bisschen flirtend. Jimin kam nicht umhin, ihn nochmal anzusehen. Sein Gegenüber erwiderte den Blickkontakt. Trotz des Vollsuffs spürte er mit weiteren, verstreichenden Sekunde, dass er dringend irgendetwas sagen sollte, statt nur grenzdebil zu starren. „Die Weiber kommen eh zu dir und lassen sich von dir tätowieren. Wegen deiner hübschen Fresse.“ Just nachdem er es ausgesprochen hatte, fragte sich Jimin, ob er nicht lieber einfach noch eine Weile nur geglotzt hätte. Taehyung sah Jimin einen Moment lang überrascht an, schien zu Jimins Unbehagen durch das unkonventionelle Kompliment etwas überrumpelt. Schließlich fing er sich jedoch und brach kopfschüttelnd in Gelächter aus. Jimin schob seine rechte Hand ins Gesicht und bedeckte seine Augen mit selbiger, um den Moment der Scham besser ertragen zu können.
Schließlich zog er sie wieder zurück, als er Minhos Hand an seiner Schulter spürte. Minho bot einen erbärmlichen Anblick. Er war bereits zweimal auf der Theke eingeschlafen, augenscheinlich hatte er die letzten Shots nicht gut weggesteckt.
„Ich glaub', ich möchte nach Hause.“ wimmerte er.
Jimin teilte diese Ansicht, der Abend war hier eindeutig zu Ende. Eine Welle von Frustration überkam ihn unerwartet, als er sich vorstellte, wie er Taehyung gleich vermutlich ein letztes Mal in seinem Leben betrachten konnte. Sich noch im Dialog mit sich selbst über die momentane Situation befindend, wurde ihm die Entscheidung jedoch unerwartet abgenommen.
„Scheiße, Minho sieht echt fertig aus.“ kicherte Taehyung.
„Ich wohne ja hier um die Ecke. Wir können zu mir gehen, von mir aus können du und Minho bei mir auf der Couch pennen. Minho kann sich dann schon mal hinlegen und wir trinken noch einen.“
Er zwinkerte. Taehyung schien ähnlich trinkfest wie Jimin.
„Ich will in mein Beeeett.“ nölte Minho.
Jimins suffgetränktes Hirn arbeitete erneut auf Hochtouren. War es eine kluge Idee, mit einem nahezu Fremden in dessen Wohnung zu gehen und dort zu übernachten. War er vertrauensselig genug, als das Jimin ausschließen konnte, dass Taehyung es doch nur darauf abgesehen hatte, ihn im Schlaf, oder schlimmer noch, am nächsten Morgen unter der Dusche zu fotografieren und die Fotos der Presse zuzuschicken. Das Geld konnte er sicher gut gebrauchen, denn sein Lehrgeld beim Tätowierer war der Rede nicht wert.
„Jiiimiiin..?“ fiepte Minho.
Jimin beschloss, seine Zweifel nicht vollständig über Bord zu werfen und kam zu dem Schluss, dass ein Kompromiss aus seinen Wünschen, Taehyungs Angebot und Minhos Bedürfnissen wohl die klügste Entscheidung wäre.
„Pass' auf, wir besorgen dir 'n Taxi. Ich gehe noch mit zu Taehyung und komme später nach, ist ja nicht weit.“

Nachdem sie Minho in eines der vor dem Club wartenden Taxis gesetzt hatten und sicher stellten, dass er auch an der richtigen Adresse ankam, machten sie sich auf den Weg zu Taehyungs Wohnung. Sie lag tatsächlich nur wenige hundert Meter entfernt in einem kleinen Haus, das durch ein großes, zwischen zwei Häusern liegendes und mit Stickern und Graffiti beschmiertes Holztor von einer kleinen Seitenstraße aus zu erreichen war. Obwohl sie nicht weit gegangen waren, wirkte diese Ecke bei weitem nicht so charmant wie der Rest der Stadt. Dieses Gefühl bestätigte sich auch beim Anblick des im Hinterhof stehenden Hauses, dem zumindest ein neuer Anstrich sicher mal gut getan hätte. Es war ein Altbau mit hübschen Stuckverzierungen über der Haustür und zwischen den einzelnen Fenstern, allerdings wirkte es schmuddelig und vernachlässigt. Als Taehyung die Tür aufschloss, schoss Jimin modriger Geruch in die Nase. Auch innen schien man sich nicht besonders um das Haus zu kümmern.
Taehyung wohnte in der zweiten Etage. Die Wohnung hatte nur ein Zimmer plus Bad, die Küchenzeile befand in einem schmalen Gang, der von der Eingangtür aus direkt in den Hauptraum führte.
„Setz dich ruhig. Was willst du trinken?“
Taehyung hatte den Kühlschrank bereits geöffnet.
„Ich weiß nicht. Was hast du da?“
Jimin ging an ihm vorbei und setzte sich auf die Couch, nachdem er ein paar Kleidungsstücke, die kreuz und quer auf dem Sofa verteilt worden waren, zusammen geräumt und ordentlich auf die Lehne gelegt hatte.
„Du hättest wenigstens für mich aufräumen können.“ kicherte er.
Taehyung schaute hinter der Kühlschranktür hervor und grinste fast etwas verlegen.
„Sorry, Monsieur. Hätte ich bestimmt gemacht, wenn ich gewusst hätte, dass jemand wie du mich heute noch mit deiner Anwesenheit beehrst.“
Er zwinkerte und verschwand sofort wieder mit seinem Kopf im Kühlschrank. Jimin wurde unangenehm warm. Taehyung schloss die Kühlschranktür und zog unzufrieden die Augenbrauen zusammen, er schien nachzudenken.
„Da ist nur Scheiße drin.. Warte mal..“
Er ging in die Hocke, um an einen der unteren Küchenschränke zu kommen. Schließlich zog er dort eine grüne Flasche hervor und hielt sie präsentierend in Jimins Richtung, als wolle er einen Kunden von seinem neuesten Produkt überzeugen.
„Oh.“ entwich es Jimin.
Es war Absinth. Er hatte schon immer mal Absinth probieren wollen, allerdings nicht schon mit ordentlich Pegel und in der Wohnung eines Fremden. Taehyung reichte ihm die Flasche und ging zurück zur Küchenzeile, während Jimin das französische Etikett überflog und eine Angabe über 66% fand, bei der es sich wohl um den Alkoholgehalt handeln musste. Jimin seufzte und beschloss, dass er Urlaub hatte und es sowieso schon zu spät war. Wenn es schon keine heißen Frauen mit großen Titten gab, dann wenigstens Absinth mit einem recht ansehnlichen Mann. Taehyung kehrte zurück und stellte kichernd zwei Pinnchen und ein Schälchen Zucker auf den Tisch.
„Sag nichts. Ich weiß, dass man das mit Zuckerwürfeln trinkt, die man mit 'nem Löffel über dem Glas drapiert und dann mit Wasser übergießt, aber ich hab' halt keine Zuckerwürfel, weil ich das Zeug schon ewig nicht mehr gesoffen habe. Und mit Wasser ist es eh für Pussys. Also nimm dir einfach 'nen Löffel Zucker und stell dir vor, es wäre Espresso mit ganz besonderen Zutaten, oder so.“
Jimin brach in Gelächter aus, verlor das Gleichgewicht und kippte seitlich auf die Couch. Dort blieb er liegen, bis er sich wieder gefangen hatte. Dieser Abend, oder eher diese Nacht, war so skurril und unvorhersehbar, dass sie Jimin mit genau dem Gefühl von Freiheit und Leben erfüllte, nach dem er sich so lange gesehnt hatte. Als er sich wieder aufrichtete, hatte Taehyung bereits beide Pinnchen gefüllt und hielt ihm die Zuckerschale hin. Dabei sah er Jimin erneut gedankenverloren in die Augen. Jimin fühlte sich, als würde Taehyung mit seinen großen, mandelförmigen Augen in sein tiefstes Innerstes blicken. Es mischte sich mit Scham und der Angst, dass er seine Wünsche und Bedürfnisse in seinen Augen lesen konnte und erkannte, wonach sich Jimin gerade am meisten sehnte. Doch schließlich griff Jimin nach der Schale und füllte sich mit dem Löffel ein wenig Zucker in das kleine, mit Absinth gefüllte Glas. Er warf Taehyung einen herausfordernden Blick zu. Dieser hob das Glas in einer zuprostenden Geste und leerte es zügig, Jimin zog umgehend nach. Er spürte die feinen Zuckerkörner auf der Zunge und bemühte sich aus Ego-Gründen, das Gesicht aufgrund des starken Alkoholgeschmacks so wenig wie möglich zu verziehen. Kurz darauf spürte Jimin eine angenehme Wärme in seinem Körper aufsteigen, sie vernebelte ihm endgültig die Sinne.

Eine Weile saßen sie nebeneinander auf dem Sofa und schwiegen. Jimin schaute von dort aus auf Taehyungs Bett, dass direkt gegenüberliegend an der Wand stand. Die Bettdecke war dort genauso achtlos von Taehyung auf die Laken geworfen worden, wie er es mit seiner Kleidung auf der Couch getan hatte. Am Bettende lagen vermutlich benutzte Boxershorts. Der Mann hatte offenbar keinen Sinn für Ordnung. Jimin mustert das Bett. In ihm keimte ein Interesse daran, wer dort wohl zuletzt mit Taehyung geschlafen hatte. Liefen Frauen nicht sofort schreiend weg, wenn sie diese unaufgeräumte Bude sahen? Jimin konnte bei der Vorstellung des entrüsteten Gesichts einer potentiellen Sexualpartnerin, die diese Wohnung das erste Mal sah, ein Schmunzeln nicht unterdrücken. Dann erinnerte er sich an die hübsche Frau, die Taehyung im Club umarmt hatte. „Wer war diese heiße Braut?“
Während er seine Frage stellte, verweilte Jimins Blick nach wie vor auf dem Bett.
„Wen meinst du?“
Taehyung wirkte irritiert, er schien die Situation nicht zuordnen zu können.
„Als du im Club warst, hast du mit diesem Mädchen gesprochen. So eine kleine, hübsche. Sie hatte ziemlich große.. Brüste.“
Jimin war sich nicht sicher, ob er dieses letzte Erkennungsmerkmal wirklich hätte beschreiben sollen.
„Ah, Clara!“
Taehyung schwieg einen Moment.
„Hast du uns beobachtet?“
In seinem Unterton lag ein belustigter Hauch von 'Ich hab' dich ertappt.' Und genau so war es auch.
„Nein, Quatsch. Ich hab' sie vorher schon auf der Tanzfläche gesehen, wie sie ziemlich eng mit ihrer Freundin getanzt hat. Sah nicht schlecht aus.“
Jimin bemühte sich, das Szenario der lesbischen Fickshow auf der Tanzfläche möglichst neutral zu beschreiben. Taehyung lachte verächtlich.
„Das kann ich mir vorstellen. Sie und Julie sind oft in dem Club, lassen sich volllaufen und tun dann so, als würden sie 'nen Amateurporno drehen. Sind ziemlich coole Mädels, und ganz ehrlich, ist halt 'ne gute Taktik. Die beiden müssen eigentlich nie alleine nach Hause gehen.“
„Woher weißt du das?“
Jimins Frage kam unvermittelt. Taehyung schwieg einen Moment.
„Hat sie mir mal erzählt.“
„Aha..“
Jimin sah Taehyung ungläubig an. Dieser grinste schließlich und atmete hörbar aus.
„Was willst du wissen? Ob ich was mit ihr hatte?“
Er hatte den Nagel auf den Kopf getroffen. Jimin grinste unbeholfen und zuckte mit den Schultern. Er hatte aufgehört, sich zu fragen, welche Richtung dieses Gespräch besser nicht nehmen sollte und beschlossen, für jeden weiteren Faux-Pas die verschwindend geringe Menge Absinth verantwortlich zu machen.
„Naja..“ begann Taehyung und schien dann zu überlegen.
„Du hast sie gefickt!“ unterbrach Jimin seine Gedanken in triumphierendem Tonfall, als hätte er ein Kind beim Stehlen von Süßigkeiten erwischt.
Taehyung grinste und verdrehte die Augen, bevor erneut ansetzte.
„Ja, auch. Ist 'ne längere Geschichte.“
In dieser Situation wirkte Taehyung um einiges nahbarer, als er es im Club getan hatte. Er strahlte dort eine gewisse Coolness und Abgeklärtheit aus, im Gespräch mit Jimin über sein Privatleben wirkte er nun viel menschlicher, fast ein bisschen zerbrechlich. Jimin fühlte sich wohl in seiner Anwesenheit, er schien ihm seltsam vertraut. Es erinnerte ihn ein wenig an sich selbst, der stets eine professionelle Fassade aufsetzte, hinter der an manchen Tagen nicht viel von dem übrig war, was er zu verkörpern versuchte. Er wollte mehr über Taehyung erfahren.
„Ich hab' Zeit.“
Taehyung gab sich geschlagen.
„Okay. Also, ich hab' Clara vor ein paar Wochen in diesem Club kennengelernt. Julie und sie waren da und haben du weißt schon was gemacht. Also, auf der Tanzfläche getanzt wie zwei heiße Prostituierte. Die Typen waren super aufdringlich und die beiden wohl ziemlich genervt davon, weshalb ich davon abgesehen hab', mein Glück auch zu versuchen. Später bin ich dann mit Clara an der Bar ins Gespräch gekommen. Sie ist wirklich 'ne starke, emanzipierte Frau. Auch, wenn's auf den ersten Blick nicht so aussieht. Das mochte ich an ihr. Beziehungsweise, das mag ich immer noch an ihr.“
Taehyung sah gedankenverloren an die Decke. Jimin war positiv überrascht von der respektvollen Art und Weise, mit der er über sie sprach.
„Jedenfalls haben wir uns lange unterhalten und echt gut verstanden. Julie kam dann auch noch irgendwann dazu und wir sind dann zu dritt zu mir gegangen. Clara und ich haben uns dann noch ein paar Mal getroffen und ich glaube, sie war schon irgendwie verliebt. Oder hat sich zumindest mehr vorgestellt. Für mich hat's aber leider nicht so richtig gepasst.“
Jimin überhörte die letzten drei Sätze und sah Taehyung an, als hätte er ihm gerade seine Präsidentschaftskandidatur verkündet.
„Wie? Ihr seid dann zu dritt zu dir gegangen?“ zwang er sich hervor.
Er musste sich verhört haben. Doch Taehyung grinste nur unbeholfen.
„Du hast beide mitgenommen?“
Jimin wollte sich vergewissern. Wollte wissen, ob sein Gegenüber das getan hatte, was er sich beim Anblick der beiden Frauen nicht vorzustellen gewagt hatte.
„Ja, hab' ich.“
Jimins Kinnlade viel nach unten. Er wusste nicht, ob er Bewunderung oder Neid empfinden sollte. Oder beides. Gleichzeitig keimte Neugier in ihm auf. Die Vorstellung dieser Situation machte ihn an. Er wollte mehr Informationen und sah sich nicht mehr in der Lage, diese subtil mit unauffälligen Fragen zu erhalten.
„Und du hast beide..?“
Er hörte Taehyung leise lachen und sah, wie er sich eine Hand ins Gesicht hielt und diese schließlich nervös durch sein Haar fuhr. Dann suchte er Jimins Blick.
„Du lässt nicht locker, oder?“
Jimin versuchte nicht mehr, sein Interesse zu verstecken. Sollte Taehyung in ihn hinein sehen können, sollte er genau das sehen, was Jimin jetzt gerade dachte. Und offensichtlich gelang es Taehyung, Jimins Gedanken zu entschlüsseln.
„Du willst Details? Okay, pass' auf. So richtig mein Plan ist es nicht gewesen, die beiden abzuschleppen. Ich war auch nicht davon ausgegangen, dass sich die Situation dazu so ergeben würde. Ich dachte eher, wir gehen zu mir, trinken noch 'n bisschen was und irgendwann schlafen die Mädels auf meiner Couch ein oder gehen halt nach Hause. Wir kamen also her, saßen auf der Couch und haben was getrunken.“
Jimin betrachtete die Couch und tastete nach dem weichen Stoff. Es war ein klassisches Ikea-Sofa in L-Form. Der Bezug war dunkelgrün. Er stellte sich vor, wie die beiden Frauen an der Stelle gesessen hatten, auf der er nun saß.
„Irgendwann hat Clara dann angefangen, mit Julie rumzumachen. Sie haben sich geküsst und ich saß nur blöd da war total überfordert mit der Situation. Ich hab' halt echt nicht damit gerechnet. Ich hatte auch nix hier, keine Kondome oder so, gar nichts. Julie hat mich dann zu Clara ran gezogen und wir haben zu dritt rumgemacht, jeder mit jedem, immer abwechselnd. Ich hab' dann die Kurve gekriegt und Julie zuerst angefasst, die hatte auch schon ihre Hand unter Claras Rock. Wir sind dann auf's Bett und haben uns ausgezogen. Claras Brüste sind genauso schön, wie man es in ihren engen Tops vermuten könnte. Ich hab' sie gefickt, während sie auf dem Rücken vor mir lag und sie Julie geleckt hat, die saß auf ihrem Gesicht. Eigentlich wollte ich ihr über die Brüste spritzen, aber ich war einfach zu voll und hab's nicht hingekriegt, zu kommen. Reicht das erst mal an Informationen?“
Taehyung hatte während seiner Erzählungen seinen Blick von Jimin abgewendet und ihn im Raum umherschweifen lassen, um sich besser an das Erzählte erinnern zu können. Nachdem er fertig war, blickte er provokant zu ihm herüber. Er grinste anzüglich, empfand offenbar eine gewisse Freude darüber, den penetrant nachfragenden Jimin mit seinen Ausführungen zu überfordern.
Jimin saß versteinert neben ihm und starrte auf das Bett. Ihm war heiß, viel zu heiß. Er fühlte sich, als hätte man die Raumtemperatur mit jedem weiteren Satz, den Taehyung aussprach, um jeweils zehn Grad angehoben. Als er sich Details gewünscht hatte, hatte er nicht erwartet, sie in dieser Fülle zu erhalten. Nun war er ihnen ausgeliefert und konnte das Szenario, das vor seinem inneren Auge ablief, nicht mehr stoppen. Er sah Taehyung über der Frau, wie er sie mit seinen langen, schmalen Fingern berührte. Wie ihm der Schweiß über das hübsche Gesicht lief, während er sich mit gleichmäßigen Stößen bewegte. Wie sein vermutlich ebenfalls perfekter Oberkörper durch die Schweißperlen im gedämpften Licht glitzerte. Jimin versuchte krampfhaft, seine Vorstellungen auf eine der Mädchen zu fokussieren, doch es gelang ihm nicht. Sie waren nur Statisten, nur Mittel zum Zweck, damit er sich Taehyung in einer solchen Situation vorstellen konnte. Jimin bereute es, her gekommen zu sein. Er hatte sich selbst in eine Situation hinein manövriert, in der er mit Bedürfnissen und Wünschen konfrontiert wurde, die er bisher immer erfolgreich verdrängt hatte. Nun saß er immer noch auf der Couch neben Taehyung, der vor seinem geistigen Auge immer noch Clara fickte. Mit seinem beschissenen schönen Gesicht. In Jimin keimte Panik auf und in einer Kurzschlussreaktion beschloss er, die Beine zu überkreuzen, aus Angst, seine enge Jeans könnte Aufschluss über seine Gedanken geben. Er kratzte das letzte bisschen Fassung zusammen, dass ihm übrig geblieben war und erwiderte nun möglichst ausdruckslos den Blickkontakt.
„Und trotzdem hat es nicht gepasst?“ würgte er hervor.
„Sie war nicht wirklich das, was ich eigentlich gesucht hatte.“
„Und was hast du gesucht?“
Jimin hielt die Luft an. Taehyung sagte nichts, sein Blick ruhte auf ihm. Es war zu spät. Jimin konnte seine Frage nicht mehr zurück nehmen. Die Sekunden vergingen und Jimin bettelte innerlich darum, dass Taehyung doch noch so einen labidaren Spruch wie 'Na, eine mit kleineren Titten.' von sich gab. Oder irgendetwas, das die Situation entschärfte und verhinderte, dass sein Herz jeden Moment aussetzte. Doch es kam nichts. Stattdessen stütze sich Taehyung mit seiner linken Hand auf dem Sofa ab und beugte sich in Jimins Richtung. Für Jimin dauerte es eine gefühlte Ewigkeit, bis Taehyungs Gesicht kurz vor seinem eigenen stoppte. Mit den Fingern seiner rechten Hand strich er vorsichtig über Jimins Wange, der das kalte Metall seiner Ringe auf seiner Haut spüren konnte. Sie sahen sich schweigend an und es war klar, was passieren würde.
Jimin war es schließlich, der benommen die Augen schloss, die letzten Zentimeter überbrückte und seine Lippen Taehyungs berühren ließ, während dieser die Hand, die zuvor noch auf Jimins Wange verweilte, in dessen schwarzes Haar schob und fest hineingriff. Er griff so fest zu, als wolle er sich festhalten. Gleichzeitig zog er ihn näher, sodass er die Lippen, die Jimin so zögerlich und sanft auf seine gelegt hatte, fester auf seine presste. Eine Augenblick später konnte Jimin Taehyungs Zunge an seiner Oberlippe spüren. Ein kalter Schauer überkam ihn, doch er ließ ihn gewähren. Noch nie war er so fordernd geküsst worden. Ihre Zungen rieben sich aneinander, während ihre Zähne immer wieder zusammenstießen. Taehyung saugte an seiner Unterlippe, die rechte Hand nach wie vor in seinem Haar. Er nutze diese schließlich, um Jimin zu dirigieren und zog ihn vorsichtig nach hinten, während er sein Gewicht nach vorne verlagerte, sodass Jimin tiefer ins Sofa rutschte und er sich über ihn schob. Währenddessen unterbrachen sie den Kuss und Jimin öffnete die Augen. Taehyung stütze sich mit den Händen seitlich von Jimin auf dem Sofa an. Er atmete schwer und deutlich hörbar, während er auf Jimin hinabsah und auf seiner Unterlippe herumkaute. Sein dunkles Haar viel ihm in Strähnen ins Gesicht. Jimin wünschte sich, die Zeit würde stehen bleiben. Er würde diesen Anblick nie wieder vergessen. Erneut verfielen sie in einen tiefen Kuss. Taehyung griff an Jimins Hüfte und zog ihn so näher an sich, gleichzeitig schob er sein Knie zwischen Jimins Beine und teilte sie so, während sein Körper nun nur noch durch einen Ellenbogen abgestützt fast vollständig auf ihm zum Liegen kam. Jimin entwich ein überraschter Laut, den man wohl am ehesten als ein erregtes Wimmern bezeichnen konnte, als er realisierte, dass sich Taehyungs deutliche Erektion gegen seinen Oberschenkel drückte. Offensichtlich war er nicht der einzige gewesen, den Taehyungs Geschichte angemacht hatte. Gleichzeitig bemerkte er, wie Taehyung seinen eigenes Bein in Position brachte. Er fand sein Ziel trotz des Jeansstoff und Jimins diskreter Bemühungen, durch gezieltes Wegdrehen seiner Hüfte die sich in der Hose abzeichnenden Erektion, die er bereits während Taehyungs Erzählungen bekommen und zu verstecken versucht hatte, und rieb zielsicher immer wieder daran, während Jimin verzweifelt versuchte, lautlos zu atmen. Er wollte sich nicht anmerken lassen, wie gut er das hier tatsächlich fand, obwohl es quasi offensichtlich war. Oft hatte er sich gefragt, wie es war, mit einem Mann rumzumachen. Nie hatte er auch nur den Ansatz eines Versuches gewagt, zu groß war die Angst davor, erwischt zu werden und damit seine Karriere und seinen Ruf als niedlicher Mädchenschwarm, dem die Frauen zu Füßen lagen, zu verlieren. Jimin beschloss, dass gegen Bloßstellung Angriff die beste Verteidigung war und griff – ganz uneigennützig natürlich – an Taehyungs Hintern, um ihn näher an sich zu drücken und seinen eigenen Oberschenkel langsam an dessen Schritt entlang zu schieben. Taehyung stöhnte leise aber deutlich. Seine tiefe Stimme sickerte durch Jimins Ohren mitten in sein Gehirn und legte alle Synapsen lahm, sodass er abrupt in seiner Handlung stoppte. Mit einer so deutlichen Honorierung seiner Tat hatte er nicht gerechnet. Taehyung rieb sich an Jimins Bein und ließ letzterem die Hitze zu Kopf steigen, während er durch seine Bewegungen immer wieder auch an Jimins Erektion entlang strich.
„Weißt du, wie heiß ich dich finde?“ raunte er keuchend gegen Jimins Ohr, der nicht auf seine Frage antwortete, sondern sein Bein ungehalten um Taehyungs Hüfte schlang.
Sie rutschten quer über die Couch, während sie sich aneinander rieben. Taehyung musste Jimin unter sich mehrfach wieder in Position rücken, da er durch ihre ungestümen Bewegungen immer wieder von der Couch abzustürzen drohte. Sie klammerten sich grob aneinander, sodass es für Außenstehende so aussehen hätte können, als würden sie sich auf befremdliche Art und Weise miteinander prügeln. Jimin fühlte sich wie im Rausch gefangen. Seine Erregung stieg mit jeder noch so winzigen Berührungen. Sein Schwanz war steinhart und er war sich sicher, dass sie bereits ein nasser Fleck an seiner engen Jeans gebildet haben müsste.
„Oh Gott..“ wimmerte er, als er realisierte, dass Taehyung nun noch eine Hand zur Hilfe genommen hatte, die seine Erektion durch den spannenden Jeansstoff streichelte. Immer schwerer atmete er, während er sich verzweifelt an Taehyungs Hoodie klammerte.
Der sich anbahnende Orgasmus versetzte ihn in Panik. Er hatte nicht mal Klamotten zum Wechseln dabei. Unwillkürlich stellte er sich vor, wie er mit vollgewichster Hose im Taxi saß. Bei einem Taxifahrer, der sicher ein Handy mit Kamerafunktion bei sich trug. Oder ein uraltes Handy, mit dem er noch während der Fahrt zu Minhos Wohnung in der Zentrale anrufen konnte, um von seinem interessanten Fahrgast zu berichten, ohne dass Jimin es bemerkte, da er die Sprache nicht verstand. Vielleicht sah man ihm auch einfach an, was er getan hatte. Es war zu viel für Jimin.
„Scheiße.. Hör' auf.. HÖR' AUF!“ japste er und zog Taehyungs Hand mit einem bestimmten Griff aus seinem Schritt.
Taehyung sah ihn unwirsch an, er atmete immer noch schwer. Sich mit einer massiv unangenehmen Situation konfrontiert sehend entschied Jimin, dass es nun Zeit war, umgehend zu flüchten. Je schneller er von hier wegkam, desto schneller würde er das Geschehene vergessen. Vielleicht sollte er nach dem Urlaub noch eine Frau vom Staff flachlegen, um die Erinnerungen an diese Nacht damit zu überdecken.
„Tut mir leid. Scheiße.. Ich geh' jetzt. Sorry.“
Noch während er einzelne Worte vor sich hin stammelte, griff er nach seiner Tasche und ging schnellen Schrittes Richtung Ausgang.
„Hast du noch Wurst im Auto, oder was?“
Taehyung stand die Entrüstung ins Gesicht geschrieben. Verständlicherweise verstand er die Welt nicht mehr. Der Blick in seine Augen erfüllte Jimin mit schmerzhaften Schuldgefühlen, doch es gab kein zurück.
„Scheiße, tut mir echt leid!“ rief er ihm zu, bevor er die Wohnungstür hinter sich schloss.


Im Hinterhof angekommen übermannten Jimin seine Gefühle. Er hockte sich auf den Boden und heulte. Es war kein stilles, zurück genommenes Weinen, er japste und schluchzte so ungehalten, dass es im Hinterhof leicht hallte. Rotze lief ihm aus der Nase, während seine Tränen vom Kinn aus auf die Pflastersteine tropften.
Eine Weile saß er dort und starrte auf dem Boden, bis ein paar nackter Füße in seinem Blickfeld erschien. Taehyung stand vor ihm, er schien ihm mit etwas Abstand gefolgt zu sein.
„Ich hab' dir 'n Taxi gerufen. Weil du das selber nicht kannst, weil du kein Französisch sprichst. Und Englisch sprechen die meisten hier auch nicht vernünftig. Ich hab' denen auch schon die Adresse von Minho gesagt. Ich weiß ja, wo er wohnt. Es müsste gleich da sein. Ich wollte dir nur Bescheid sagen.“
Taehyung sprach leise und war bemüht, nicht zu sehr in Jimins verheultes Gesicht zu sehen. Jimin versetzte es einen Stich ins Herz. Das Gefühl, als sei er der schlechteste Mensch der Welt, kroch in ihm hervor. Er traute sich nicht, zu Taehyung aufzusehen, presste sich aber mit gebrochener Stimme ein 'Danke.' heraus.
„Okay. Mach's gut.“
Taehyung blieb noch einen Moment vor ihm stehen. Jimin hörte, wie er laut ausatmete. Dann sah er, wie sich Taehyungs Füße aus seinem Blickfeld entfernten und hörte, wie die Haustür des Altbaus sich schloss.
Er wischte er sich Tränen und Rotze aus dem Gesicht und beschloss, vor dem Eingangstor auf das Taxi zu warten. Es tauchte kurze Zeit später auf. Der Taxifahrer begrüßte Jimin freundlich und stellte keinerlei Fragen, sondern fuhr ihn zielsicher zu der Straße, in der Minho wohnte. Jimin verspürte große Erleichterung, als er den Ersatzschlüssel, den er von Minho für Notfälle bekommen hatte, in das Türschloss steckte. In der Morgendämmerung kündigte sich bereits der Sonnenaufgang an, Jimin konnte einige Vögel zwitschern hören.
In der Wohnung angekommen empfing ihn Minhos Stimme. Er stand im Türrahmen der Küche und hielt ein angebissenes Stück Pizza in der Hand.
„Hey! Ich bin ja 'n bisschen froh, dass du den Weg zurück gefunden hast. Willst du 'n Stück Pizza?“
Aufgrund seiner recht klaren Aussprache wirkte Minho zumindest nicht mehr desaströs betrunken, wenngleich er sich mit einer Hand unauffällig am Türrahmen stützte, um nicht das Gleichgewicht zu verlieren. Jimin nickte, um sich dann an ihm vorbei in die Küche zu schieben und nach einem der Pizzastücke zu greifen, die auf der Küchenarbeitsplatte lagen. Es war eine Fertigpizza aus dem Discounter, in dem Minho auch den widerlichen, billigen Wodka besorgt hatte. Vermutlich war er zu besoffen gewesen, um die Pizza nach dem Backen im Ofen adäquat auf einem Teller zum Schneiden zu drapieren. Also hatte er davon abgesehen und sie einfach auf der Arbeitsplatte geschnitten, die an einigen Stellen leichte Kratze aufwies. Jimin fuhr sie mit den Fingern nach.
„Wie siehst 'n du überhaupt aus? Ist irgendwas passiert?“
Er sah auf, Minho stand direkt neben ihm. Seine Augen mussten vom Heulen immer noch gerötet sein. Er überlegte kurz, ob er Minho erzählen sollte, dass er mit Taehyung Gras geraucht hätte, entschied sich dann aber dagegen, da er eine Standpauke über die Gefahren des Kiffens mit Fremden fürchtete. Das war echt das letzte, was er jetzt brauchen konnte. Daher schüttelte er einfach den Kopf und zwang sich ein erstaunlich echt wirkendes, wenn auch erschöpftes Lächeln hervor.
„Ist alles okay. Ich bin einfach viel zu besoffen.“
„Das glaube ich. Du siehst auch echt fertig aus.“
Er musterte Jimin und kicherte ein bisschen.
„Hab' ich irgendwie 'nen Filmriss und du hast doch noch mit der mit den dicken Titten rumgemacht, oder so?“
Jimin verstand nicht und blickte irritiert drein.
„Naja, du hast da 'nen roten Fleck am Hals..“
Jimins Augen weiteten sich.
„..und deine Hose..“
Das Stück Pizza, das er soeben noch in der Hand hielt, fiel auf zurück auf die Arbeitsplatte. Panisch sah er an sich herunter und Griff sich aus Reflex in den Schritt, um zu verstecken, was sowieso schon bemerkt worden war. Er spürte die Nässe des Präejakulats an seinen Fingern, das sowohl durch seine Unterwäsche, als auch durch den Jeansstoff gedrungen war, sodass sich ein kleiner Fleck auf seiner dunklen Jeans gebildet hatte. Der Fleck am Hals musste ebenfalls im Eifer des Gefechts mit Taehyung entstanden sein. Hatte Taehyung an seinem Hals gesaugt, um ihm einen Knutschfleck zu machen? Jimin konnte sich nicht erinnern. Er erinnerte sich nur an das berauschende Gefühl, das er empfand, während sie sich ineinander verschlungen auf der Couch herum wälzten.
Minho kicherte immer noch, hielt sich aber nun gnädigerweise die Hand dabei vor den Mund, was die Erniedrigung für Jimin jedoch nur geringfügig schmälerte. Jimin wünschte, er hätte sich doch für die Standpauke bezüglich des Kiffens entschieden. In der jetzigen Situation wirkte sie wie das deutlich kleinere Übel. Er war sich nicht sicher, wie er all die Gefühle, mit denen er sich in den letzten Stunden konfrontiert gesehen hatte, umgehen sollte. Oder konnte. Das Gefühl der Scham bildete nun die Spitze aller Gefühle, die er in der Vergangenheit immer erfolgreich verdrängt hatte. Jimin konnte spüren, wie ihm die Röte in die Wangen schoss. Schon wieder eine Situation, der er sich nicht gewachsen sah und sie schnellstmöglich beenden wollte.
„Was denn?! Ich musste halt pissen und hab's nicht rechtzeitig geschafft. Und am Hals muss ich mich irgendwie gestoßen haben, oder so. Was weiß ich. Als wäre ich so dämlich und würde mit irgendso 'ner Tussi rummachen.“
Jimins Tonfall war deutlich gereizt und ließ Minhos Kichern sofort verstummen.
„Sorry, ich wollte dich nicht aufregen.“ murmelte er.
„Ich denke, ich muss einfach pennen.“ erwiderte Jimin und lächelte matt.
Minho nickte, seine Augen warm und verständnisvoll. Jimin fühlte aufgrund seiner Lüge das schlechte Gewissen in seiner Magengegend aufsteigen. Obwohl sie sich nicht oft persönlich sahen, war Minho ein ehrlicher und aufrichtiger Freund, dem Jimin jederzeit vertrauen konnte. Er hatte es nicht verdient, angelogen zu werden. Vielleicht würde er es morgen aufklären und ihm die Wahrheit sagen. Vielleicht war ein ehrliches Gespräch mit jemandem, der bisher immer loyal war und seine Geheimnisse gewahrt hatte genau das, was er brauchte. Jimin griff wieder nach dem Stück Pizza, das er zuvor vor Schreck fallen gelassen hatte, und steckte es sich halb in den Mund, während er Richtung Flur schlurfte.
„Gute Nacht“, murmelte er um die Pizza herum und warf Minho einen letzten Blick zu.
Dieser hatte ebenfalls nach einem Stück Pizza gegriffen und winkte ihm mit der anderen Hand hinterher. Im Gästezimmer angekommen ließ sich Jimin sofort auf das Bett fallen. Es gelang ihm noch, sich ungelenk aus seiner Jeans zu schälen, bevor er sich auf die Seite rollte und einschlief.


„Jimin..?“
Minhos Flüstern drang durch Jimins Gehörgänge langsam in sein Bewusstsein vor. Desorientiert öffnete er die Augen einen winzigen Spalt. Das Sonnenlicht, das das Gästezimmer in Minhos Wohnung bereits seit Stunden flutete, traf auf Jimins Linse und führte sogleich dazu, dass sich der stechende Kopfschmerz zwischen seinen Schläfen verstärkte. Er verzog schmerzhaft das Gesicht und hielt sich eine Hand vor die Augen, um sich vor den Auswirkungen des Sonnenlichts zu schützen.
„Brauchst du 'ne Kopfschmerztablette?“
Minhos Stimme klang rau und belegt, als hätte er sich erkältet. Oder einfach zu viel gesoffen. Jimin schielte neben das Bett und erblickte ihn auf der Bettkante sitzend, er hielt bereits eine Tablette und ein Glas Wasser in der Hand. Minho wusste, was nach einer durchsoffenen Nacht am wichtigsten war, obwohl sie in ihrer Jugend nicht allzu oft gemeinsam getrunken hatten. Zittrig griff Jimin nach der Tablette und dem Glas, während er sich fühlte, als wäre er in der Nacht irgendwo zwischen Taehyungs Beinen und dem Bett im Gästezimmer gestorben. Er war sich nicht sicher, ob der Kater mehr schmerzte als die Erinnerungen, die langsam in sein Bewusstsein zurück kehrten.
Nachdem er die Schmerztablette herunter gewürgt und das Glas ausgetrunken hatte, ließ er sich auf zurück ins Bett fallen.
„Du siehst genauso scheiße aus, wie ich mich fühle“, schmunzelte Minho mit seiner kratzigen Stimme.
„Ich hatte überlegt, dich noch schlafen zu lassen, weil ich mir schon dachte, dass es dir so beschissen geht. Aber morgen geht dein Flug und es ist schon Nachmittag, deshalb dachte ich, ich wecke dich mal.“
Jimin dachte nach. Minho hatte recht, morgen flog er bereits nach Südkorea zurück. Seine Reise nach Paris war nur ein Kurztrip gewesen.
„Hast du noch Pizza da?“ flüsterte er.
„Sicher. Komm' mit, ich schmeiß' sie in den Backofen.“

Benommen saßen beide Männer schweigend in der Küche, jeder von ihnen ein Stück Pizza in der Hand. Minho hing mehr in seinem Stuhl, als dass er darauf saß, während Jimin seinen Ellenbogen auf dem Tisch abstützte und die Hand seitlich in den Haaren vergrub. Die Pizza hatte die Symptome des Katers ein wenig gelindert, aber keineswegs komplett behoben. Seit Jimin aufgewacht war und sich an seine Begegnung mit Taehyung zurück erinnerte, kreisten seine Gedanken um den Mann, der ihn innerhalb weniger Stunde dazu brachte, Dinge zu tun, zu deren Vorstellung er sich bisher lediglich hinter verschlossener Tür selbst befriedigt hatte. Wenn er sich doch mal einen Porno mit Männern, die Analsex hatten oder sich gegenseitig befriedigten, ansah, schloss er vorher die Tür ab und schaute den Film nur mit Kopfhörern, um durch die Geräuschkulisse keinen Verdacht bei den anderen zu erwecken. Nie hätte er es für möglich gehalten, einen Teil seiner Fantasien einfach so ungeplant mit einem Fremden umzusetzen. Dass er einfach zumindest für einen Moment die Kontrolle verlor und sich von seinen Bedürfnissen leiten ließ. Er dachte an Taehyungs perfektes Gesicht, in dem er sich innerhalb von kürzester Zeit verlor. An die unaufgeräumte Wohnung, die irgendwie dennoch charmant und vor allem ehrlich wirkte. An seine tiefe, sinnliche Stimme. Die Stimme, die seinem Atem ins Stocken brachte, als er sie in sein Ohr keuchen hörte, während sie sich aneinander rieben, um sich Befriedigung zu verschaffen. An den entrüsteten Ausdruck in seinem Gesicht, als er fluchtartig die Wohnung verlassen hatte und ihn ohne Erklärung zurück ließ. Selten war ein Abend beschissener geendet. Noch nie hatte er jemanden von sich gestoßen, obwohl er ihn so sehr wollte. Innerhalb von wenigen Stunden war Taehyung in seinen Verstand gesickert und hatte ihn von innen aufgeweicht, ohne dabei bemüht zu wirken. Er war einfach er selbst, und faszinierte Jimin damit zutiefst. Und dennoch hatte er im Angesicht des erneuten Versuchs der Selbstverleumdung und der Angst vor sich selbst fluchtartig die Wohnung verlassen. Kontrollverlust lag ihm nicht, es verunsicherte und beschämte ihn. Und nie war sein Kontrollverlust größer gewesen als in dieser Nacht. Er fragte sich, ob er die Zeit zurück drehen wollen würde, und wenn ja, was er anders machen wollen würde. Seine Gedanken schwankten zwischen 'Einfach erst gar nicht mitgehen.' und 'Ihn ausziehen und mit ihm ficken.'. Noch nie hatte er sich so zerrissen gefühlt.
„Junge, wo bist du?“
Jimin schreckte auf. Minho saß ihm immer noch gegenüber und musterte ihn eindringlich. Jimin fühlte sich plötzlich furchtbar nackt mit all seinen Gedanken, als habe er sie während seiner Überlegungen auf einem Silbertablett drapiert und Minho vor die Nase geschoben. Es gelang ihm nicht, zu antworten. Minho bemerkte es und setzte erneut an.
„Ich mein', du musst mir nicht alles erzählen. Aber du siehst echt nicht glücklich aus. Du guckst, als wärst du nach deinem Besuch bei Taehyung noch im Puff gewesen und überlegst jetzt, wie viel Geld du der Nutte in den Rachen werfen musst, damit sie die Schnauze hält. Dass du dich mit irgendjemandem gekloppt hat schließe ich jetzt mal aus, davon bekommt man zumindest keine roten Flecken am Hals. Wie gesagt, ich will dich jetzt nicht bedrängen, oder so. Aber ich kenn' dich jetzt schon 'ne Weile, und auch wenn wir uns in den letzten Jahren nicht mehr so oft gesehen haben, kenn' ich diesen Gesichtsausdruck.“
Minho war zu gut. Schon früher, als sie noch gemeinsam zur Schule gegangen waren, hatte er Jimin schnell durchschaut, wenn ihm etwas auf dem Herzen lag. Er war immer für ihn da gewesen, hatte ganze Nachmittage mit ihm im Park gesessen und geredet, wenn er mal wieder das Gefühl hatte, er könne dem Leistungsdruck und den hohen Erwartungen seiner Lehrer nicht mehr standhalten. Minho war ein guter Zuhörer und sah die Dinge meist pragmatisch, weshalb er für Jimin, der sich meist in seinen Gefühlen verlor und daran verzweifelte, oft einen guten Rat parat hatte.
Jimin gab ein gequältes Stöhnen von sich, während er sich nach hinten lehnte und sich mit den Händen die Augen rieb.
„Du siehst echt alles, oder?“, fragte er.
„Du versteckst es schlecht.“
Jimin lachte tonlos, Minho hatte eindeutig recht. Er hatte nun die Wahl. Sollte er es riskieren, Minho von der Nacht zu erzählen? Riskieren, Hohn und Spott von seinem Kumpel zu ernten und seine Schamgrenze damit endgültig zum Überlaufen bringen? Würde Minho ihn verständnislos ansehen und fragen, ob er ihn als nächsten angraben wollte? In jeder anderen Angelegeheit, in der er sich nicht so verletzlich gefühlt hätte, wäre er sich sicher gewesen, dass Minho nicht so war. Dass Minho nie Witze über ihn machen würde oder angeekelt wäre. Daher beschloss er, es zu riskieren.
„Pass' auf, ich würde dir gerne was erzählen. Aber ohne Scheiß, das muss echt unter uns bleiben.“
„Hab' ich je irgendwas weiter erzählt? Weißt du noch, als du mir von dieser Mitarbeiterin erzählt hast, mit der du was hattest? Die gefeuert wurde, weil ihr es im Hotelflur getrieben habt? Das hab' ich nie irgendwem erzählt, obwohl die Geschichte echt hörenswert klang.“
Minho legte den Kopf schief und grinste ein wenig.
„Ja stimmt, die Geschichte.. Das war echt blöd. Die Arme“, erwiderte Jimin und sah gedankenverloren an die Decke.
„Du warst nur traurig, dass dir 'n guter, verfügbarer Fick abhanden gekommen ist.“
Jimin grinste verschämt und hielt sich beschämt die Hände ins Gesicht.
„Stimmt. Ich war 'n ziemlicher Wichser, oder?“, meinte er schließlich ernst.
„Wir haben alle Bedürfnisse. Und ich denke, du warst einfach einsam. Aber lenk' hier jetzt nicht ab. Also, was hast du dieses Mal verbrochen?“
„Du hast damit angefangen!“, lachte Jimin empört.
Nachdem sich sein Lachen gelegt hatte, atmete er tief ein.
„Okay. Wie soll's ich's sagen.. Ich denke, ich hab schon irgendwie Scheiße gebaut. Ich hatte das überhaupt nicht so geplant, aber.. Naja..“
Er eierte herum. Das Geschehene anzusprechen fühle sich um ein vielfaches unangenehmer an, als er es erwartet hatte. Ein dicker Klos hatte sich in seinem Hals gebildet und verstopfte den Weg seiner Worte. Er war in dieser Hinsicht gehemmter, als er es sich eingestehen wollte. Auch darum hatte er nie jemandem von seiner Fantasie erzählt, mit einem Mann schlafen zu wollen.
Minho zog skeptisch die Augenbrauen hoch. Vermutlich malte er sich gerade einen viel gröberen Fehltritt aus, als ihn Jimin tatsächlich begangen hatte. Um zu vermeiden, dass Minho sich gedanklich weiter in Worst Case-Theorien verstrickte, beschloss Jimin, nach dem 'Augen zu und durch'-Prinzip vorzugehen.
„Ich hatte was mit deinem Kumpel. Mit Tahyung. Wir haben rumgemacht und dann bin ich hysterisch geworden und abgehauen.“
Es war kurz und auf den Punkt gebracht. Während er das sagte, holte Jimin nicht einmal Luft. Er hatte das Gefühl, er müsste seine Wort auskotzen, weil sie sonst nicht rauskamen. Angespannt suchte er Minhos Blick.
„Oh.“, gab der schließlich von sich.
Er schien zumindest nicht besonders schockiert über Jimins Geständnis, allenfalls etwas überrascht. Jimin blickte verwirrt drein.
„Also..“ setzte Minho schließlich an.
„Ganz ehrlich, mir ist schon aufgefallen, wie du ihn angeglotzt hast. Als hättest du den heiligen Gral gefunden. Ich war zwar irgendwann echt total voll, aber das hab' ich noch mitgekriegt. Wie gesagt, du musst mir nicht alles erzählen, und ich versteh's, wenn du bestimmte Dinge für dich behalten möchtest. Aber das war echt schwer zu übersehen. Ich meine, ich kann's schon nachvollziehen, Taehyung sieht echt aus wie 'n Model. Ich wäre jetzt nicht unbedingt davon ausgegangen, dass du ihn abschleppst, aber.. so richtig wundert's mich im Nachhinein jetzt auch nicht.“
Jimin sah Minho an, als sei dieser ein Priester, und habe gerade in der Kirche zu einer Orgie aufgerufen. Dass sein Interesse an Taehyung so offensichtlich gewesen war, hatte er entweder nicht mitbekommen oder erfolgreich verdrängt.
„Du findest es nicht.. schräg?“, fragte er schließlich zögerlich.
„Schräg? Alter, ich wohne hier in Frankreich. In Paris. Hier gibt’s an jeder Ecke Schwulenbars und mein Arbeitskollege hat 'ne Regenbogenflagge an seinen Laptop geklebt und ein Foto von seinem Stecher im Büro aufgestellt. Hier finden die meisten Leute so was echt relativ normal, die sind nicht so verklemmt wie in Korea.“
Minho antwortete mit einer Mischung aus Irritation und Belustigung in der Stimme. Es gelang ihm dadurch, Jimin ein kleines Lächeln ins Gesicht zu zaubern.
„Ob ich jetzt gedacht hätte, dass du.. Männer gut findest.. Nein, wohl eher nicht. Weil du noch nie irgendwas in der Hinsicht gesagt hast. Aber ganz ehrlich, mach' doch einfach, worauf du Bock hast. Scheiß auf die Leute, die dir sagen werden, dass es nicht okay ist. Das sind mit Sicherheit die, die sich heimlich gerne mal in den Arsch ficken lassen würden.“
Minho stockte und verzog unbeholfen das Gesicht.
„Ähm, sorry. War das jetzt zu-“
„Nein, schon okay. Ist ja wahr.“
Jimin sah vom Tisch auf und grinste verschmitzt. Ein Gefühl von unfassbarer Erleichterung hatte sich eingestellt, während Minho sprach. Es war, als wäre ein riesiger Fels einfach von seiner Brust gerollt. Als hätten Minhos Worte ihn sanft Stück für Stück von seinem Körper herunter bewegt, sodass er nun endlich frei atmen konnte. Seine Sorgen waren völlig unberechtigt gewesen. Wieder einmal hatte Minho bewiesen, dass er einer der besten Freunde war, die Jimin sich wünschen konnte. Zum ersten Mal fragte er sich, ob zumindest irgendwann die Möglichkeit bestand, dass er sich selbst so akzeptieren konnte, wie er in dieser Hinsicht war.
„Danke, man. Irgendwie sagst du einfach immer das Richtige.“
Er warf Minho den dankbarsten Blick zu, den sein Gesicht hervorbringen konnte.
„Das hat mich alles schon 'ne Weile beschäftigt. Aber.. ich habe mit niemandem darüber gesprochen. Und als das dann heute Nacht einfach so passiert ist, war ich total überfordert. Ich hab' mich richtig beschissen benommen.“
Sofort erschien Taehyungs verletzter Gesichtsausdruck wieder vor seinen Augen. Er schluckte.
„Wenn du dir Sorgen darüber machst, dass Taehyung anderen davon erzählt, dann würde ich dir sagen, dass ich denke, dass du das nicht musst. Ich kenne Tae jetzt schon 'ne Weile und war auch ein paar Mal mit ihm unterwegs. Er ist 'n echt korrekter Typ und auf keinen Fall 'ne Tratschtante. Ich weiß, dass in dem Tattoostudio, in dem er arbeitet, auch mal der ein oder andere Prominente tätowiert worden ist. Ich hab' ihn da mal nach gefragt, aber er meinte, dass ihm die Privatsphäre der Kunden wichtig ist und er nicht darüber sprechen möchte. Ich denke, wenn ich ihn fragen würde, was ihr noch gemacht habt, würde er wahrscheinlich nur sagen, dass ihr 'n bisschen was gesoffen habt und du dann zu mir gefahren bist. Und jemandem anderes würde er wohl gar nichts von dir erzählen. Bist du abgehauen, weil du Angst hattest, er erzählt's überall rum?“
„Auch, ja.. Die ganze Situation war einfach zu viel. Und jetzt tut's mir einfach scheiß leid.“

Ein dumpfes, regelmäßiges Surren unterbrach ihre Unterhaltung. Beide blickten sich zunächst irritiert um, bis Minho in die Seitentasche seiner Jacke griff, die er noch in der Nacht über die Stuhllehne gehängt haben musste, und sein Handy heraus zog.
„Oh“, gab er überrascht von sich und hielt das Display ins Jimins Richtung.
Jimin erstarrte. Taehyung rief an. Der Klos in seinem Hals war augenblicklich zurück. Minho schaute wieder auf das Display und schien angestrengt nachzudenken.
„Ich mach's auf laut“, sagte er schließlich und drückte auf den Lautsprecher-Button, ehe er das Gespräch annahm.
Jimin hielt die Luft an.
„Hey Tae, was geht?“, begann Minho das Gespräch, während er das Handy mittig auf den Tisch legte.
„Hey. Nicht viel, bin noch ziemlich im Arsch. Wie ist es bei dir? Du klingst auch nicht so fit.“
Taehyungs tiefe Stimme kratzte durch den Lautsprecher. Er klang ebenfalls angeschlagen, und dennoch Jimin bekam augenblicklich Gänsehaut.
„Gut erkannt.“, lachte Minho. „Was haben Jimin und du gestern noch gemacht?“
Jimin sah entsetzt zu ihm herüber. Minho zog die Augenbrauen hoch und sah ihn eindringlich an. Er schien Taehyung testen zu wollen.
„Nicht viel. Wir haben noch 'n bisschen was getrunken und er ist dann gefahren. Ist er nicht bei dir? Ich hatte ihm 'n Taxi gerufen und deine Adresse angegeben.“
Jimin meinte, in Taehyungs Stimme einen Hauch von Besorgnis erkennen zu können.
„Doch, er ist hier, aber er schläft noch.“, log Minho.
„Ah, okay. Weswegen ich eigentlich anrufe: Vermisst er zufällig 'n Handy? Ich hab hier eins auf meiner Couch gefunden, und ich hatte die letzten Tage sonst keinen Besuch. Ist eins mit so 'ner bunten Hülle.“
Noch während Taehyung sprach, hielt sich Jimin die Hände vor den Mund und warf Minho, der ihn fragend ansah, einen schockierten Blick zu. Er nickte aufgeregt. Das Handy musste im Eifer des Gefechts unbemerkt aus seiner Hosentasche gerutscht sein.
„Ja, ich glaube, davon hatte er mir noch erzählt. Bist du Zuhause? Dann würde ich's gleich einfach für ihn abholen.“
Minho ergriff die Initiative, um Jimin eine erneute Begegnung mit Taehyung zu ersparen.
„Ich bin Zuhause, und ich geh' heute auch nicht mehr weg. Komm' einfach vorbei, wann's dir passt. Die Adresse schicke ich dir gleich.“, erwiderte Taehyung.
Minho verabschiedete sich und beendete das Gespräch. Jimin hatte das Gesicht in den Händen vergraben und schüttelte apathisch den Kopf.
„Scheiße. Das hab' ich überhaupt nicht mitgekriegt.“, murmelte er durch seine Hände.
„Kein Ding, ist ja nicht weit.“, gab Minho lächelnd zurück.
Jimin hob den Kopf und sah an die Decke. Er hatte ein wahnsinnig schlechtes Gewissen. Mit Taehyungs Anruf, der sich scheinbar noch bemühte, dass Jimins Hab und Gut zu seinem Besitzer zurück kehrte, war es noch viel größer geworden, als es ohnehin schon gewesen war. Er dachte darüber nach, ob er sich zumindest entschuldigen, vielleicht sogar erklären sollte. Ob er den Mut, den er aufgebracht hatte, um Minho von der Nacht mit Taehyung zu erzählen, erneut zusammen kratzen konnte, um Taehyung gegenüber zu treten. War Taehyung noch sauer auf ihn und resultierte sein Anruf bezüglich des Handys lediglich aus Höflichkeit oder Pflichtgefühl? Oder bestand die Möglichkeit, dass er Jimin anhörte, ihn vielleicht sogar ein kleines bisschen verstand? Er entschied, dass wohl kein besserer Zeitpunkt mehr kommen würde, um es herauszufinden.
„Ich möchte das Handy selbst abholen. Ich will mich zumindest noch für meinen Abgang entschuldigen. Das hatte er nicht verdient. Er scheint echt 'n cooler Typ zu sein.“
„Okay, aber dann nüchtern wir noch 'n bisschen aus und ich fahr' dich dann. Das  ist am praktischsten.“
Minho lächelte zuversichtlich.


„Verpiss' dich doch, du hässliche Fotze!“
Minho war ein richtiger Europäer geworden. Er krönte sein lautstarkes Fluchen, indem er der Frau, die in der Tat mit etwas weniger als der auf dem Straßenschild angegebenen Geschwindigkeitsbegrenzung im Auto unterwegs war und Minho einen empörten Gesichtsausdruck zuwarf, als er sie aufgrund dessen scharf überholte, den Mittelfinger durch das offene Fenster entgegenstreckte.
„Alter, das kannst du doch nicht machen!“ empörte sich nun auch Jimin, der seine Belustigung über die Situation allerdings nicht gänzlich verstecken konnte.
„Natürlich kann ich das, das macht man hier so. Was glaubst du, wie viele Leute mir letzte Woche den Stinkefinger gezeigt haben? Das machen die Leute natürlich nur, wenn sie im Auto sitzen, weil sie ansonsten viel zu viel Angst hätten, eins auf die Fresse zu kriegen. Ganz schön pussymäßig, oder?“
„Keine Ahnung. Ich glaube nicht, dass es mir zusteht, die Pussymäßigkeit anderer Leute zu beurteilen.“
Jimin hing wieder schlaff im Beifahrersitz und starrte vor sich hin. Es war bereits früher Abend geworden, als sich beide Männer bereit fühlten, die Autofahrt in die Innenstadt der französischen Metropole zu bestreiten. Während der gesamten Fahrt kreisten seine Gedanken um den richtigen Einstieg für ein viel zu ehrliches, vielleicht sogar bloßstellendes Gespräch. Er war es leid, sich zu verstecken, sich selbst zu belügen. Andere zu belügen. Er war nicht bereit, Taehyung mit einem 'Oh, tut mir leid, ich war so voll, ich muss mich vertan haben.' abzuspeisen und sich selbst damit gleichzeitig noch dämlicher da stehen zu lassen, als er es eh schon tat. Weil es nicht stimmte. Er wollte Männer ficken. Er wollte sie berühren, sich in sie verlieben. Er war nicht mehr bereit, es zu leugnen.
„Du bist gar nicht pussymäßig. Ich finde ehrlich gesagt, dass du echt Eier hast. Ich an deiner Stelle wäre nicht mal mit mir hier her gefahren, denke ich. Ich hätte mich morgen einfach in den Flieger gesetzt und darauf vertraut, dass ich den Typen nie wieder sehe.“
„Ich hab' keine Ahnung, was ich sagen soll.“
Jimin ließ sich zur Seite rutschen, seine Stirn kollidierte sanft mit dem Beifahrerfenster. Die Scheibe war von den warmen Temperaturen aufgeheizt wie sein Gemüt durch die Erinnerungen an die vergangene Nacht. Immer wieder spielte er in seinen Gedanken die Szenen durch, die sich in sein Gehirn gefressen hatten und wie ein Parasit dort festgesetzt haben mussten.
„Versteh' ich. Falls du dich doch noch umentscheidest, ich bin hier. Ich kann da auch hingehen und das Handy für dich abholen. Er weiß ja nicht mal, dass du kommst.“ Minho zuckte hilflos mit den Schultern.
Jimin schüttelte den Kopf. Schlimmstenfalls würde er es bei einer einsilbigen Entschuldigung belassen und hoffen, dass Taehyung erkannte, dass seine Reserviertheit in Überforderung, und nicht in Überheblichkeit begründet lag.
Minho manövrierte seinen gebrauchten Kombi ohne Rückfahrkamera schon ein Weile in eine Parklücke, von der Jimin behauptet hätte, dass lediglich ein winziger Kleinwagen darin Platz finden würde. Schließlich kamen sie jedoch unfallfrei darin zum stehen, Jimin nickte ihm anerkennend zu.
„Näher komme ich leider nicht ran. In der winzigen Straße, in der Tae wohnt, kann ich unmöglich parken. Du musst hier geradeaus und die zweite Straße da hinten rechts rein. Soll ich noch 'n Stück mitkommen?“
„Lass' mal, das kriege ich schon hin.“ murmelte Jimin und zog sich die Kapuze seiner Jacke über den Kopf. Das letzte, was er jetzt wollte, war erkannt und um ein Autogramm gebeten werden. Er atmete tief durch und öffnete die Beifahrertür.
„Lass' dir Zeit, ich lauf' nicht weg. Viel Glück!“ Minho hielt die geballte Faust in die Luft, um Jimin Mut zu machen. Jimin erwiderte die Geste, nachdem er ausgestiegen war und schlug die Tür zu. Ein flaues Gefühl breitete sich in seiner Magengegend aus, während er langsamen Schrittes an den Ort der Erkenntnis zurück kehrte.

Im dämmrigen Abendlicht wirkte die kleine Seitenstraße noch viel schmuddeliger, als sie es schon in der letzten Nacht getan hatte. Die Graffiti an den Wänden wären stümperhaft ausgeführt oder schlicht hässlich. Nichts, was man im Nachhinein als kulturell wertvoll oder illegale, aber erfolgreiche Verschönerung bezeichnen hätte können. Wieder stand er vor dem großen Tor, durch das er einige Stunden zuvor Taehyung in etwas gefolgt war, das er vielleicht als Befreiung bezeichnet hätte. Doch mit jedem Schritt, den er die kleine, schmutzige Straße entlang gegangen war, wuchsen seine Zweifel. Plötzlich erschien ihm sein Vorhaben nicht mehr wie ein Befreiungsschlag, sondern wie ein Attentat auf sich selbst. Seine Entschlossenheit war aus seinem Körper heraus geflossen und offenbar irgendwo zwischen Beifahrersitz und Rückbank in den schmutzigen, mit Teppich überzogenen Boden von Minhos Auto gesickert. Da stand er nun, und  fühlte sich genauso verloren wie in jener Nacht, als er auf dem gepflasterten Boden vor Taehyungs Haus hockte, während seine Tränen sich ihren Weg über die Pflastersteine bahnten und in den moosbewachsenen Zwischenräumen verschwanden.
Er betrachtete die Klingelschilder. 'Kim' war auf einer der mittigen Klingeln handschriftlich eingetragen worden. In der Aufregung hatte Jimin vergessen, Minho nach Taehyungs Nachnamen zu fragen, doch es war die einzige Klingel mit einem koreanisch anmutenden Namen, also musste es die richtige sein. Um nicht in Spekulationen und Befürchtungen zu zerfließen, drückte Jimin kurzentschlossen zweimal fest auf den runden Knopf neben dem Namensschild. Minho hatte Taehyung nicht gesagt, dass Jimin sein Handy selbst abholen würde. Jimin hatte ihn darum gebeten, es nicht zu tun. Er hatte schlicht Angst, dass Taehyung ein weiteres Aufeinandertreffen ablehnte. Als er noch in Minhos Küche saß, entschied er, dass er sich diese Abfuhr lieber persönlich abholte, als die Möglichkeit auf ein persönliches Gespräch gar nicht wahrnehmen zu können. Nun bereute er diese Entscheidung.
„Warte kurz, ich komm' raus.“ kratzte es aus dem Lautsprecher.
Jimins Puls schoss augenblicklich in die Höhe, als er erneut die Stimme des Mannes hörte, den er gleich wohl zum letzten Mal in seinem Leben sehen würde. Den Mann mit den wunderschönen Augen und den weichsten Lippen, die Jimin je geküsst zu haben glaubte.
Taehyung hatte nicht den Namen seines Besuchers erfragt, offenbar erwartete er außer Minho sonst niemanden. Jimin hatte davon abgesehen, sich durch die Gegensprechanlage anzukündigen. Zu trocken war sein Mund, der altbekannte Klos in seinem Hals versperrte ihm jede Form der verbalen Konversation.
Es waren erste Schritte hinter dem Tor zu hören. Langsam kamen sie näher, während das Klimpern eines vermeintlichen Schlüsselbundes ertönte, an dem jemand den richtigen Schlüssel für das Tor zu suchen schien. Jimin entschied sich, eine Schritt vom Tor zurück zu treten, um mit seiner Anwesenheit nicht zu aufdringlich zu wirken. Es war schon aufdringlich genug, einfach mehr oder weniger unangemeldet aufzutauchen.
Das Tor hakte etwas und knarrte laut, als Taehyung es öffnete. Jimin konnte hören, wie er leise auf französisch vor sich hin zu fluchen schien, während er daran rüttelte und die Scharniere suchend betrachtete, um das Problem zu erkennen. Schließlich wandte er sich seinem Besucher zu, den er bis dahin noch keines Blickes gewürdigt hatte. Taehyung hielt abrupt in seiner Bewegung, das große Holztor zu öffnen, inne. Er schaute zu Jimin herüber, als sei er ein Teenager, der gerade auf frischer Tat von seiner Mutter beim Wichsen ertappt worden war.
„Hey..“
Taehyung konnte seine Überraschung über Jimins Erscheinen nicht verstecken. Jimin verspürte ein wenig Erleichterung, als er realisierte, dass sein unvorbereitetes Gegenüber genauso überfordert mit dem erneuten Aufeinander treffen sein musste. Langsam entspannten sich Taehyung Gesichtszüge und seine Starre löste sich. Dann schob er sich durch das halb geöffnete Tor und zog es hinter sich zu. Er trug ein schwarze Jogginghose und ein graues Shirt, auf festes Schuhwerk hatte er erneut verzichtet. In der rechten Hand hielt er Jimins Handy.
„Sorry. Ich hatte dich nicht erwartet.“ begann er. Sein Blick war für Jimin nicht zu deuten. „Ich dachte, Minho würde kommen. Ich hatte mit ihm wegen deinem Handy gesprochen.. als du geschlafen hast..“
In Jimins Herz spielten seine Gefühle Limbo. 'Angst' kroch gerade unter der Limbostange hindurch und drohte mit seinen ungelenkten Bewegungen, sie zu Fall zu bringen. Doch überraschenderweise geschah es nicht, und Jimin gelang es, den Klos in seinem Hals herunter zu schlucken.
„Ich weiß. Ich war dabei, als ihr telefoniert habt.“
Es waren nicht viele Worte, die seine Kehle verließen. Aber es war ein Anfang. Und es war ehrlich.
„Hmm..“ Taehyung zog die Stirn kraus und lächelte schief. Jimins Herz sprang in die Luft. „Ich hatte mich schon gewundert, warum er koreanisch spricht. Eigentlich unterhalten wir uns meistens auf französisch.. Es sei denn, er ist zu besoffen.“ Taehyung lachte leise.
„Echt?“
„Schon, ja. Ich spreche zwar gut koreanisch, denke ich, aber französisch ist irgendwie zu meiner Muttersprache geworden. Ich fühl' mich einfach sicherer damit.“
Jimin hatte nie auch nur den Ansatz eines Akzents bei Taehyung wahrgenommen. Er bewunderte, dass er zwei Sprachen perfekt beherrschte, während es Jimin nicht mal auf Englisch schaffte, eine halbwegs adäquate Konversation zu führen.
Sie sahen einander an und schwiegen. Jimin meinte, ein Gebirge aus Worten in Taehyungs Augen erkennen zu können. Worte, die er ihm vielleicht gern gesagt, vielleicht auch vor die Füße gerotzt hätte. Worte, die er vielleicht wie Jimin gedanklich immer wieder durchspielte, aber nie aussprach. Keines dieser Worte verließ seinen Mund. Stattdessen streckte er die Hand aus, in der er Jimins Handy hielt.
„Naja, jedenfalls hab' ich hier dein Handy. Keine Sorge, ich hab' nicht rein geguckt und auch keine Telefonsex-Hotlines damit angerufen oder so.“
Er schien die noch immer angespannte Stimmung auflockern zu wollen, doch Jimin überging seinen Witz und machte keine Anstalten, nach seinem Handy zu greifen.
„Tut mir leid. Ich war letzte Nacht total bescheuert zu dir. Ich weiß auch nicht, wie ich's erklären soll.. Ich war überfordert, denke ich.. Ich will einfach, dass du weißt, dass es nicht an dir lag. Und das ist keine Floskel, das meine ich wirklich so. Wenn es an etwas nicht gelegen hat, dann.. an dir..“
Jimins hauchte seine Worte leise in den sanften, warmen Wind, der mit den Haarsträhnen, die unter seiner Kapuze hervorlugten, spielte. Seine Worte waren so leise, dass sie den Eindruck erweckten, als versuchen sie, mit den Umgebungsgeräuschen zu verschwimmen und sich von der sanfte Brise aus der Gasse wehen zu lassen, ohne je gehört zu werden. Doch Taehyung hörte sie. Er ließ die Hand mit dem Handy wieder sinken. Sein neutraler Blick verunsicherte Jimin. Taehyungs Augen durchbohrten ihn so sehr, dass er fast meinte, einen stechenden Schmerz hinter den Augäpfeln verspüren zu können, der ihn dazu verleitete, die Augen sofort schließen zu wollen. Er wollte sie schließen und ihn berühren, an jeder Stelle, die er in der Nacht heimlich angeschaut oder durch Taehyungs Kleidung danach getastet hatte.
Ein unerwartetes Lächeln formte sich auf Taehyungs Lippen.
„Kein Ding. Ich meine, ich hab's echt übertrieben und mich auch nicht mit Ruhm bekleckert. Hätte ich nicht mit irgendwelchen komischen Geschichten angefangen, wäre das gar nicht passiert. Ich hatte echt nicht geplant, dich anzugraben, oder so. Irgendwie ist einfach passiert und ich hab dich damit wahrscheinlich auch total überrumpelt. Du warst total voll und wusstest nicht mehr, was du tust. Also mach' dir keinen Kopf. Ich bin derjenige, der sich entschuldigen muss.“
Nachdem Taehyung seine Version der Nacht dargelegt hatte, sah Jimin ihn prüfend an. Seine Augen und die Art und Weise, wie er sprach, verrieten, dass es sich hierbei nicht um die subjektiv erlebte Version von Taehyung handelte, der eine alternative Wahrnehmung der Geschehnisse hatte oder sich letzte Nacht schlicht in einem Paralleluniversum befunden haben musste. Sie beide erinnerten sich noch genau daran, wie Jimin mit seinen Fragen in Taehyungs Privatleben herumgestochert hatte. Wie er es war, der den Kuss begonnen hatte. Wie er jede Form der körperlichen Zuneigung von Taehyung erwidert hatte. Taehyung hatte keine verdrehte Wahrnehmung oder Gedächtnisschwund, es war das Angebot eines Schweigepakts, einer einvernehmlichen Widerlegung der Wahrheit, um Jimins Person und seine Gefühle zu schützen.
Jimin war sich in diesem Moment sicher, dass Taehyung jeden Kuss und jede Berührung der letzten Nacht mit ins Grab nehmen würde, wenn es notwendig wäre. Und es auch mit jedem weiteren Kuss und jeder weiteren Berührung so tun würde. Er trat einen Schritt näher an Taehyung heran und griff sanft in dessen Nacken, um ihn näher an sich heran zu ziehen. Ihre Lippen trafen behutsam aufeinander und Jimin spürte, wie sich ein Knoten in seiner Brust löste.
„Du erzählst Scheiße.“ hauchte Jimin in Kuss, bevor sich ihre Zungen trafen.
Er spürte Taehyungs heißen Atem auf seinen Lippen, als dieser lautlos auflachte.
„Ich weiß.“

Die Sonne stand mittlerweile tief am Himmel. Die Häuser in der kleinen Straße zogen lange Schatten, als wollten sie die Geschehnisse des frühen Abends in einen schützenden Schleier legen. So, wie sich die Sonne entschieden hatte, in den nächsten Stunden unterzugehen und der Nacht das Feld zu überlassen, hatte Jimin sich entschieden, seine inneren Mauern einzureißen und seine Gefühle über die Trümmer hinweg in seine Seele dringen zu lassen. Ein Gefühl von unfassbarer Glückseligkeit flutete seinen Körper, das so groß und überwältigend war, dass er fast fürchtete, daran sterben zu können. Seit einigen Minuten standen Taehyung und er vor dem großen Holztor und küssten sich, als seien sie alte Seelenverwandte, die sich nach Jahren der Sehnsucht wieder in den Armen hielten. Sein Herz schlug im selben Takt, indem Taehyung seinen heißen Atem in seinen Mund keuchte und ihn damit an die Grenzen der Selbstbeherrschung trieb. Aus einem inneren Impuls heraus, dass wohl dem unerwarteten Hochgefühl geschuldet war, gab Jimin dem Verlangen, dass ihn seit der letzten Nacht umtrieb, nach, und tastete nach Taehyungs Jogginghose. Er berührte den dünnen Stoff und glitt mit zwei Fingern und kaum spürbar darüber, bis der am Hosenbund angekommen war. Zunächst schob er die Finger nur zaghaft in den Bund, wo sie vorerst verharrten. In Gedanken spulte er innerhalb von Sekunden ab, wie er sich in letzter Zeit am liebsten selbst berührte, wie sich die Männer in den Pornos, die er heimlich geschaut hatte, gegenseitig die Schwänze streichelten und wie er von anderen angefasst werden wollte. Er plante, seinem Gegenüber und sich selbst zu beweisen, wie ernst es ihm war, sich selbst nicht weiter zu verarschen. Entschlossen schob er seine Hand schließlich komplett in Taehyungs weite Jogginghose. Zu seiner Überraschung war er es selbst, der darauhin scharf die Luft einzog. Er bemerkte unmittelbar, dass Taehyung es wohl nicht für notwendig befunden hatte, unter der dunklen, an einigen Stellen schon leicht abgewetzten Stoffhose so etwas wie Unterwäsche zu anzuziehen, und seine Hand geradewegs auf Taehyungs halb eregierten Penis landete. Seine Hand erstarrte und verspannte sich genauso abrupt wie der Rest seines Körpers. Eine so direkte Begegnung mit Taehyungs Intimbereich hatte er dann doch nicht erwartet. Ihre Lippen berührten sich noch immer, Jimin konnte Taehyungs hämisches Grinsen auf ihnen spüren. Er hielt die Augen weiter geschlossen.
„Ich.. hab' noch nicht gewaschen. Ich hatte nichts zum drunter ziehen.“, hauchte Taehyungs Grinsen in sein Gesicht.
Schließlich öffnete er sie und sah geradewegs in Taehyungs glitzernde Augen. Sie funkelten erwartungsvoll und lockten den Mut wieder hervor, der sich zuvor bekreuzigt und unter einem der Pflastersteine, auf denen sie standen, verkrochen hatte.
Zaghaft umschloss Jimin ihn mit den Fingern und begann langsam zu pumpen. Taehyung legte währenddessen eine Arm um sein Hüfte und zog ihn in eine Ecke des Tores, die aufgrund des etwas hervorstehenden Nebenhauses etwas weniger einsehbar war. Er drückte ihn nah an sich, sodass sich ihre Körper komplett berührten.
„Komm her.. Hier kann man uns nicht so gut sehen..“
Taehyungs Stimme zitterte leicht, als er sprach. Jimin ließ seinen Blick über den gepflasterten Weg der kleinen, schäbigen Straße schweifen. Es war ein früher Abend an einem Sonntag, an dem offenbar niemand der umliegenden Bewohner geplant hatte, das Haus zu verlassen oder diese Straße zu passieren. Seit Jimins Ankunft war er selbst der einzige Besucher gewesen. Ein kalkulierbares Risiko, dass er benebelt von Geilheit und Taehyungs mittlerweile steinharter Erektion in seiner Hand in Kauf zu nehmen bereit war.
„Scheiß drauf.“, brachte er lediglich hervor, während er sich ganz auf das Gefühl von Taehyungs Erregung und dessen heißen Atem an seinem Hals konzentrierte, seit Taehyung seinen Kopf in seiner Schulter vergraben hatte. Stoßweise durchbrach sein Keuchen, gespickt mit leisem Stöhnen, das Zwitschern der Vögel in Jimins Gehör, die in der beginnenden Dämmerung auf sich aufmerksam zu machen versuchten. Jimin bemühte sich, jedes einzelne Geräusch, das Taehyung entwich, in den hintersten Arealen seines Gehirns für immer zu speichern. Gerade hatte er die Augen geschlossen, um die Umgebung bestmöglich auszublenden, als er spürte, wie Taehyung um seine Hüfte griff und er durch eine fließende 90 Grad Drehung gegen das Holztor krachte. Das durch die Mittagssonne immer noch aufgewärmte Holz drückte sich hart in seinen Rücken, während sich Taehyung mit seinem gesamten Körper gegen ihn presste. Jimin zerschmolz bei dem Anblick von Taehyungs von Lust und Erregung gezeichnetem Gesicht, das nur wenige Millimeter entfernt von seinem entfernt war. Er wartete darauf, dass Taehyung ihn ermahnen würde, solche Dinge lieber hinter verschlossener Tür und ganz sicher ohne möglichen Publikumsverkehr durchzuführen. Dass das Erregung öffentlichen Ärgernisses sei und er eine Anzeige von geschockten und/oder aufgegeilten Passanten auf keinen Fall gebrauchen konnte. Dass er ihn bat jetzt zu gehen, weil ihm die Sache selbst zu heiß wurde und er sein Gesicht nicht auch in irgendeiner Klatschzeitschrift vorfinden wollte.
Doch nichts davon passierte. Stattdessen hielt Taehyung Jimins Blick, während er sich auf den Boden kniete und begann, an Jimins Gürtel zu nesteln und ihn schließlich zu öffnen. Jimins Körper reagierte postwendend mit Gänsehaut. Wie hypnotisiert sah er zu Taehyung herunter, der sich bewusst Zeit beim Öffnen der Jeanshose zu nehmen schien, um die Kombination aus Entsetzen und Erregung in Jimins Augen möglichst lang auszukosten. Schließlich gelangte Taehyung an sein Ziel und wandte seinen Blick erst nach unten, als er Jimins Erektion schon in der Hand hielt. Er betrachtete sie einen Moment und fuhr mit dem Daumen langsam über die Spitze, verrieb damit eine nicht unerhebliche Menge Präejakulat, die sich dort angesammelt hatte. Er krönte sein Handeln, indem er die Hand von Jimins Penis löste und sich den Daumen in den Mund steckte, um lasziv daran zu saugen. Selbstverständlich nahm er währenddessen erneut Blickkontakt zu Jimin auf, der an dem Holztor lehnte und sich an der anliegenden Hauswand festhielt, als sei es die einzige Möglichkeit, sich auf den Beinen zu halten. Taehyung spielte auf so obszöne Art und Weise mit dem Daumen in seinem Mund, dass Jimin fürchtete, allein von dem Anblick zum Orgasmus zu kommen. Er wusste genau, was er tat. Es war ein Vorgeschmack dessen, was noch folgen sollte.
„Ich hab mich seit Stunden gefragt, wie du schmeckst und mir das hier vorgestellt.“
Jimin war nicht fähig, etwas zu erwidern. Taehyung griff erneut nach Jimins Erektion und schloss die Augen. Jimin tat es ihm gleich, aus Sorge, den Anblick nicht ertragen zu können. Er fühlte die feuchte Wärme von Taehyungs Lippen, die sich langsam um seine Eichel legten. Taehyung saugte und leckte ein wenig daran, bevor er recht unvermittelt nahezu Jimins komplette Länge in den Mund nahm. Überrascht entwich Jimin ein lautes, dunkles Stöhnen, das ihm nicht mehr rechtzeitig zu unterdrücken gelang.
Taehyung bließ ihn rhythmisch, langsam und tief. Er nahm eine Hand zur Hilfe, mit der er im selben Rhythmus pumpte. Jimin hielt die Augen nach wie vor geschlossen. Das Vogelgezwitscher in den Bäumen wurde nicht mehr durch Taehyungs Keuchen ergänzt, stattdessen konnte Jimin ihn jetzt seinen Schwanz lutschen hören. Ihm war klar, dass er trotz Taehyungs Vorsicht nicht lange durchhalten würde. In ihm keimte der Wunsch, auch die letzten Hemmungen über Bord zu werfen. Die letzte Grenze zu überwinden, sich endgültig zu befreien und seinen Bedürfnissen freien Lauf  zu lassen. Unschlüssig, wie er sein Wunsch kundtun sollte, öffnete er schließlich die Augen und betrachtete Taehyungs Antlitz mit seiner Erektion im Mund. Obwohl selbiger seine Augen geschlossen hielt, konnte Jimin sehen, dass sie ein wenig tränten. Ihm lief etwas Spucke am Kinn herunter und tropfte an einem langen, durchsichtigen Faden auf den Boden. Jimin bemühte sich, das letzte bisschen Fassung zu bewahren.
„Warte.. Ich will mit dir ficken..“
Es war plump, aber wahr. Taehyung stoppte abrupt. In Zeitlupe ließ er Jimins Penis aus seinem Mund gleiten, nicht ohne ein letztes Mal mit seiner Zunge an Jimins Eichel entlang zu lecken, während er schon zu ihm aufsah. Er wischte sich das Kinn mit dem Handrücken ab. Seine Augen schimmerten, als sei er ein Raubtier, dass seine Beute doch noch erlegt hatte, nachdem sie ihm bereits entwischt zu sein schien.
„Ach ja?“
„Ja.“
Jimin flüsterte seine Worte lediglich, als stände jemand neben ihnen, der diese intime Konversation auf keinen Fall mitbekommen sollte.
„Willst du das wirklich?“
Taehyung war aufgestanden und streichelte durch Jimins Haar, während er ihn ansah und seine Worte in dessen Gesicht raunte. Seine tiefe Stimme bebte und ließ Jimin die Erregung erahnen können, die er in diesem Moment empfand.
„Ja..“
„Wirst du bleiben, bis ich sehen kann, wie dein hübsches Gesicht aussieht, wenn du kommst?“
Jimin schluckte und nickte benommen. Taehyungs direkte Worte waren wie Folter.
„Sag ja.“
„Ja.“
„Komm mit.“
Taehyung fasste in seine Hosentasche und holte seinen Schlüsselbund hervor. Er griff an Jimin vorbei und öffnete mit einem Ruck das hakende Tor. Erst jetzt fiel Jimin auf, dass Taehyung die ganze Zeit sein Handy in der Hand gehalten hatte. Auch jetzt hielt er es fest und schob Jimin mit der anderen Hand, in der er noch seine Schlüssel hielt, durch das Tor, nachdem dieser seine Erektion umständlich in seiner Jeans verstaut und diese geschlossen hatte. Schnellen Schrittes gingen sie über den Hof. Jimin ging voran, während Taehyung hinter ihm eine Hand auf seine Schulter legte und ihn sanft anschob, als würde er ihn in die richtige Richtung dirigieren. Doch Jimin erinnerte sich an den richtigen Weg, an das vergammelte, aber charismatische Haus und an Taehyungs Wohnung in der zweiten Etage. An den weichen Stoff des dunkelgrünen Sofas, das er wieder unter seinen Fingern spürte, als Taehyung ihn mit seinem Körper in das Polster drückte und seine Zunge erneut den Weg in Jimins Mund fand. Taehyungs Finger glitten unter sein Shirt und zogen es ihm ohne Umschweife in einer flüssigen Bewegungen über den Kopf. Jimin tat es ihm gleich und schielte unschlüssig auf die Jogginghose, unschlüssig, ob er sich dieses Kleidungsstückes an Taehyungs Körper auch direkt entledigen sollte. Taehyung begriff und nahm ihm die Entscheidung ab, indem er endlich das Handy aus der Hand und auf den Couchtisch legte und sich die Hose selbst auszog. Er kroch wieder über Jimin und diesen überkam ein Schauer, als er nicht mehr Taehyungs ausgewaschene Kleidung, sondern seinen nackten Körper berührte, als er seine Arme um ihn legte und seinen Rücken streichelte. Er war nackt genauso schön, wie er ihn sich vorgestellt hatte. Seine Haut war olivfarben, babyweich und makellos. Jimin fürchtete, seine Finger würden verbrennen, wenn er sie zu lang berührte. Taehyung schien Jimins Faszination zu bemerkten und grinste.
„Du bist zu angezogen..“, hauchte er neckisch.
Er griff nach Jimins Jeans und öffnete sie zügiger als beim ersten Mal. Jimin hob seine Hüfte an, damit Taehyung ihm die Hose ausziehen konnte. Dieser schien keine Notwendigkeit für ein schrittweises Entkleiden zu sehen und griff mit den Fingern in Jimins Shorts, sodass er sie direkt mit herunter zog. Nachdem er sie ihm ausgezogen hatte, warf er sie auf den Boden neben der Couch, auf dem sich in den letzten Stunden wieder neue Kleidungsstücke verteilt haben mussten. Jimin fühlte sich plötzlich furchtbar entblößt. Er hatte es im Kopf oft durchgespielt, wie es wäre, mit einem Mann zu schlafen. Er hatte es sich im Internet angesehen. Doch jetzt gerade hatte er keine Ahnung, was er als nächstes tun sollte. Unbeholfen suchte sein Blick nach Halt und fand die Kleidung auf Taehyungs Fußboden.
„Du kannst echt keine Ordnung halten..“
Er lenkte ab, um seine Unsicherheit zu verbergen. Er fragte sich, ob er sich nach seiner anstehenden Performance nicht in Grund und Boden schämen würde und den Mund nicht zu voll genommen hatte. Seine Erregung kämpfte abermals mit seinen Selbstzweifeln. Ablenkung erschien ein probates Mittel, um seine Anspannung zu lindern. Taehyungs Augen folgte seinem Blick auf dem Boden.
„Die Klamotten sind dreckig, die muss ich nicht zusammenlegen.“, gab Taehyung mit belehrendem Grinsen zurück. Jimin erwiderte es provokant, fühlte sich sofort etwas selbstsicherer.
„Wirfst du deine dreckige Wäsche immer auf den Boden?“
„Nein, nicht immer. Aber ich hatte heute Morgen keinen Bock aufzustehen. Als ich aufgewacht bin, hab ich an unsere Nacht gedacht und mir einen runter geholt. Dabei hab ich das T-Shirt nicht weit genug hochgezogen und drauf gespritzt. Und dann hab ichs da einfach hingeworfen.“
Jimins Grinsen erstarb noch während Taehyung sprach. Sein Ablenkungsmanöver war grandios gescheitert und Taehyung die Provokation gerade recht gekommen, um ihm wieder diesen altbekannten, verklärt erregten Blick ins Gesicht zu zaubern. Jimin erkannte, dass auch die Möglichkeit auf eine subtile Flucht in Form eines unverfänglichen Gesprächs über das fachgerechte Sortieren von Kleidungsstücken gestorben war. Er lag nackt auf dem Sofa und Taehyung, der um Effekt seiner Antwort wusste, saß ebenfalls nackt direkt zwischen seinen Beinen und sah triumphierend auf ihn herab.
„Wo waren wir stehen geblieben?“
Taehyungs Frage war keine Frage, sondern nur eine erneute Provokation.
„Ach ja.. du wolltest gefickt werden.“, hauchte er zart durch seine angeschwollenen Lippen.
Jimin grinste beschämt und bracht den Blickkontakt, indem er in Richtung Küchenzeile schaute, die er vom Sofa aus sehen konnte. Der Absinth war zusammen mit den benutzen Gläsern und dem Zuckerschälchen unordentlich auf die Arbeitsplatte geräumt worden. Für einen Moment erinnerte er sich an die Zuckerkörner auf seiner Zunge und an das warme, wohlige Gefühl, das seinen Körper nach kurzer Zeit in Besitz genommen hatte. Er würde es sein Leben lang schmecken können. Ob es Taehyung genauso ging? Ob er ihre Begegnung genauso faszinierend und unvergesslich fand? Oder ob er die Hälfte bereits aus seinem Gedächtnis gelöscht hatte?
„Hast du Gleitgel hier?“, fragte Jimin, ohne den Blickkontakt zu Taehyung wieder aufzunehmen.
Taehyung schnaubte belustigt.
„Ich hab nicht mal Kondome hier.“
Jimin sah ihn ungläubig an.
„Scheiße.. Wieso nicht?“
„Ich hab echt selten One-Night-Stands, ist eigentlich nicht so mein Ding. Ich lerne Leute für gewöhnlich besser kennen, bevor sie in meiner Bude landen. Und das passiert ehrlich gesagt auch nicht so wahnsinnig oft. Ich weiß nicht, ob das jetzt glaubwürdig wirkt, nachdem ich dir die Geschichte mit den Mädels erzählt habe. Das war echt 'ne Ausnahme. Und du.. naja, auf dich war ich auch nicht vorbereitet..“
Taehyung lächelte auf diese furchtbar aufrichtige Art und Weise. Es war warm und ehrlich, und Jimin meinte, in seiner Stimme etwas hören zu können, das ihm versicherte, dass auch er den Absinth der letzten Nacht ewig auf seiner Zunge schmecken können würde.
„Hast du keine Kondome dabei?“, setzte Taehyung erneut an.
„Glaubst du, ich renne durch die Gegend und bumse an jeder Straßenecke Groupies?“
Jimins ironische Worte ließen Taehyung auflachen.
„Keine Ahnung. Ich hätte es mir zumindest vorstellen können. Ich meine, du bist vermutlich stinkreich und.. wirklich unglaublich hübsch. Das klingt jetzt vielleicht creepy, aber ich hab mal eins von euren Videos gesehen und es ist schon krass, wie du.. dich bewegst. Keine Ahnung, welche Tussi da nicht feucht wird. Du könntest vermutlich jede Frau ficken, die du wolltest.. Und vermutlich auch jeden Typen.. Ehrlich gesagt ist es ganz schön abgefahren, dass du jetzt auf meinem Sofa liegst. Heute morgen hab ich mich noch gefragt, ob ich nicht einfach zu viel gesoffen und verrückten Scheiß geträumt habe.. bis ich dein Handy gefunden habe.“
Taehyung hatte mit seinen Worten eine Tür zu seinen Gefühlen geöffnet und Jimin um Eintritt gebeten. Jimin wurde bewusst, dass er nicht der einzige war, der aufgeregt war. Der vielleicht Angst hatte, einen beschissenen Eindruck zu hinterlassen. Er konnte es vielleicht einfach besser verbergen. Jimin schüttelte den Kopf und setzte sich auf, um Taehyung an sich heran zu ziehen und ihn in einen Kuss zu verwickeln.
„Mach's mir einfach.“, hörte er sich selbst sagen.
Sie unterbrachen den Kuss und Taehyung sah ihn mit rückversicherndem Blick an, während er zärtlich mit seinen Haarsträhnen spielte und sie durch seine Finger gleiten ließ. Jimin nickte zur Bestätigung und verlor sich erneut in seinen Augen. Er kehrte erst wieder vollständig in die Realität zurück, als er bemerkte, dass sich Taehyung wieder zurück gelehnt hatte und im Inbegriff war, auf seine eigene Erektion zu spucken. Der Speichel bildete einen glitzernden Faden zwischen Taehyungs Lippen und seinem Schaft, an dem der Tropfen entlang lief, ehe Taehyung ihn auf seiner gesamten Länge verrieb. Die Situation war auf gewisse Art und Weise obszön und machte Jimin unglaublich an. Taehyung griff an Jimins Beine legte sie über seine Schultern, während er über ihn rutschte. Jimin spürte Taehyungs Erektion an seinem Eingang und verkrampfte sich reflexartig ein wenig.
„Entspann dich, ich bin vorsichtig.“
Taehyung strich ihm einige Strähnen aus dem Gesicht, die an seiner Stirn klebten.
„Hat dir noch nie jemand beim Rummachen 'nen Finger in den Arsch gesteckt?“, flüsterte Taehyung fast sanft, doch seine Wortwahl belustigte Jimin ein wenig, sodass er kichern musste.
„Nein. Nicht, dass ich mich dran erinnern könnte.“
„Echt nicht?“
„Nee.. Ich hab höchstens den Frauen mal meine Finger in den Arsch gesteckt. Weil's irgendwie geil war, wenn.. ah..“
Jimin griff um Taehyungs Rücken und zog ihn näher an sich, suchte Halt. Taehyung hatte den Moment der Ablenkung genutzt, um Jimin zu entspannen und dann damit begonnen, sich langsam in ihn zu schieben, als er durch das Gespräch etwas abgelenkt und weniger verkrampft war. In Zeitlupe wagte er sich weiter vor, während Jimin kleine Schauer durchfuhren und er seinen Kopf auf das Sofapolster zurückfallen ließ. Er konnte sehen, wie Taehyung auf seine Lippe biss und offensichtlich um Beherrschung rang. Es beruhigte ihn, nicht der einzige zu sein, der nicht die Ausdauer für einen Marathonfick aufbrachte. Taehyung begann langsam sich zu bewegen, sein tiefes Keuchen waberte an Jimins Ohr. Jimin fühlte sich, als würde er in seiner Erregung ertrinken. Als sei Taehyung ein rettender Ast in einem reißenden Fluss, an dem er sich nur fest genug festhalten müsste, um nicht abzusaufen. Und so klammerte er sich an Taehyungs Körper, zog ihn immer näher an sich, während wimmernd und japsend unter ihm lag und Taehyung mal schneller, mal langsamer in ihm stieß.
„Oh scheiße.. Nicht!“, keuchte Jimin legte seine Finger um Taehyungs Handgelenk, als dieser mit einem festen Griff seine Erektion umschloss.
Taehyung ließ sich nicht beirren und bewegte sich weiter, griff zusätzlich noch mit seiner freien Hand um Jimins Hüfte, um seinen Körper besser unter Kontrolle zu haben.
„Warum nicht..?“
„Weil ich sonst komme..“
Einen kurzen Moment vernahm Jimin einen Funken Unsicherheit in Taehyungs Augen, doch kaum hatte er auf seine Frage geantwortet, breitete sich das altbekannte Grinsen ins Taehyungs Gesicht aus.
„Gut..“, erwiderte er, seine Stimme war nur noch ein tiefes Grollen.
Taehyung begann mit geschmeidigen, rhythmischen Bewegungen Jimins Penis zu reiben und stieß fester in ihn. Jimin hatte den rettenden Ast freiwillig losgelassen und war bereit, in seiner Lust zu ertrinken. Er biss sich so fest auf die Lippe, dass es schmerzte, als er hören und sehen konnte, wie Taehyungs Orgasmus unvermittelt über ihn hinweg rollte. Seine dunkles Keuchen steigerte sich innerhalb weniger Atemzüge zu einem hemmungslosen, gequälten Stöhnen, und Jimin sah dabei zu, wie er sich mit jedem Stoß weiter in den Abgrund trieb. Taehyung sah ihm währenddessen fest in die Augen. Er sah in diesem Moment aus, als hätte er die schlimmsten und gleichzeitig schönsten Schmerzen, die er je erlebt hatte. Nur Sekunden später spürte Jimin, wie sich sein ganzer Körper in Ekstase verkrampfte und sich sein warmes Sperma auf seinem Bauch verteilte.


Die Dämmerung hatte eingesetzt. Auf Jimins Handy, das er vom Couchtisch aufhob, befand sich lediglich ein entgangener Anruf von Minho. Vermutlich hatte er sich nach Lage erkundigen wollen, sie anschließend vollkommen richtig eingeschätzt und beschlossen, geduldig auf seinen Freund im Auto zu warten. Jimin hoffte, sich irgendwann dafür revanchieren zu können.
„Wann fliegst du zurück?“
Taehyung saß lediglich mit seiner Jogginghose bekleidet im Schneidersitz auf der Couch. Seine Haare standen in alle Richtungen, einige dunkle Strähnen klebten ungeordnet auf dem dünnen Schweißfilm seiner Stirn, seine Wangen glühten immer noch wie die hinter dem Horizont versinkende Sonne in der Abenddämmerung.
Jimin war wieder vollständig angezogen, stand vor dem Couchtisch und sah immer noch gedankenverloren auf sein Handy. Taehyungs Frage ließ ihn urplötzlich von seinem aus Glücksgefühlen entstandenen Hochgefühl erwachen und unvermittelt auf dem Boden der Realität aufschlagen.
„Morgen.“
Er sah sich im Zimmer um. Betrachtete das funktionelle Mobiliar, die Unordnung, das Bett, in dem er nie geschlafen hatte und nie schlafen würde. Würde es der letzte Moment sein, in dem er die Möglichkeit hatte, die Wohnung des Mannes zu betrachten, der sein Leben gerade auf eine grundlegende Art und Weise verändert hatte? Würde es einer der letzten Momente sein, in denen er die Gelegenheit hatte, sich in Taehyungs anziehender Erscheinung zu verlieren? Er fühlte sich plötzlich, als habe man ihn den phänomenalen Hauptgewinn eines Gewinnspiels einmal kurz halten lassen, um ihn ihm nach einigen Minuten, in denen er den Preis ausgiebig betrachtet hatte und sich an das Gewicht in seinen Händen gewöhnt hatte, doch abzunehmen und ihn dem nächstbesten Trottel hinzuwerfen. Sehnsucht machte sich breit,obwohl er den Raum noch nicht verlassen hatte.
„Oh.“
Taehyung nickte verständig und starrte ins Leere. Ihn schien die Realität ebenfalls eingeholt zu haben.
Jimin suchte seinen Blick, sie sahen einander abermals schweigend an. Er bedauerte, die Zeit nicht anhalten zu können. Er beugte sich zu Taehyung herunter und begann, sanft über seine Wange zu streicheln. Ganz leicht und vorsichtig, so, als könne er sich immer noch daran verbrennen. Taehyung zog ihn am Arm zu sich herunter und legte seine Lippen auf seine. Der Kuss war warm und innig, die Erregung war einer gewissen Vertrautheit gewichen.
„Danke..“, flüsterte Jimin, nachdem sie den Kuss beendeten.
„Du bedankst dich?! Das hat noch nie jemand gemacht..“, erwiderte Taehyung spöttisch. Sein Gesicht erwachte wieder zu Leben, ein freches Grinsen umspielte sein Lippen.
Jimin kicherte beschämt und sah auf den Boden, als er den missverständlichen Kontext erkannte.
„Also, nein.. Ich meine, danke für alles. Danke, dass du mich nochmal reingelassen und mir das Tor nicht einfach vor der Nase zugeschlagen hast, als ich hier unangemeldet aufgekreuzt bin. Danke, dass du auf mein Handy aufgepasst hast und es mir zurück gibst. Du kennst mich eigentlich gar nicht und hättest es auch einfach verticken können. Aber du bist einfach total aufrichtig.. und verdammt heiß, um ehrlich zu sein.“, schmunzelte er in seine letzten Worte.
Es schien, als würde Taehyung ansetzen, um etwas zu erwidern. Doch dann sah er nur auf seinen Daumennagel, an dessen Rand er nachdenklich herum knibbelte. Jimin nahm sich erneut Zeit, ihn zu betrachten. Zu gern hätte er einen Blick in Taehyungs Kopf und auf seine Gedanken geworfen.
„Also..“, setze Taehyung nun doch an und sah zu Jimin auf. Er knibbelte immer noch an seinem Daumennagel. „Wenn du dich so richtig bedanken möchtest, könntest du dir ja ruhig noch was einfallen lassen.“ Taehyungs Lippen formten ein unsicheres Grinsen.
„Ach.. zum Beispiel?!“, lachte Jimin.
Taehyung sah sich künstlich um und fixierte schließlich die Spuren ihrer Ekstase auf dem dunkelgrünen Sofa.
„Ich weiß nicht. Ne neue Couch zum Beispiel. Die hier hast du ja vollgeschmiert.“
„Pff.. Das ist dein Saft, der da aus mir raus gelaufen ist. Und außerdem ist das doch 'n waschbarer Bezug, oder nicht?“
„Genau, er ist aus dir raus gelaufen, und das zählt. Und wenn ich den Bezug wasche, ist er bestimmt nicht mehr genauso grün wie vorher.“
„Hättest du Kondome da gehabt, wäre das erst gar nicht passiert!“
Während sie einander neckten, sahen sie sich tief in die Augen. Da war viel mehr als die Worte, die sie eigentlich sprachen. Jimin beschloss, die weiße Flagge zu hissen und Taehyung ein Angebot zu unterbreiten, von dem er sich nichts sehnlicher wünschte, als dass er es annahm.
„Naja, okay.. Also, in Seoul haben wir einen hervorragenden Ikea mit 'ner vielfältigen Produktauswahl. Der ist echt einzigartig und man sollte ihn echt mal gesehen haben. Ich bin mir fast sicher, genau diesen Bezug dort schon mal gesehen zu haben.“ log Jimin. „Du könntest mich in Seoul besuchen, und ich würde dir dann einen neuen Bezug für dein Sofa spendieren.“
„Klingt nach 'nem sehr guten Deal.“ Taehyungs beflügeltes Grinsen war kaum zu übersehen. Es war breit und strahlte durch den kompletten Raum. Es ließ Jimin wissen, dass er sich genauso über ein Wiedersehen freuen würde wie Jimin selbst. Wäre es ihm nicht jetzt schon klar geworden, hätte er es spätestens am nächsten Tag verstanden, nachdem er auf dem Weg zu Flughafen bemerkte hatte, dass der nächste Ikea nur wenige Kilometer von Taehyungs Wohnung entfernt war.
Jimin hielt Taehyung sein Handy hin.
„Speicher deine Nummer ein.“
Taehyung nahm es an und begann damit, die Schutzhülle vom Handy abzulösen. Schließlich kam ein kleiner Zettel zum Vorschein, der zwischen Handy und Hülle geklemmt hatte.
„Du hast sie schon..“, schmunzelte er.