Abyss aus Blech

GeschichteDrama / P18 Slash
03.11.2019
08.12.2019
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Hallo hallo und willkommen zurück.
Entschuldigung für die lange Wartezeit, die Uni hat mir viel abverlangt die letzten Wochen.
Danke für alle Rückmeldungen und Kommentare, das gibt einem als Autor viel, wenn man merkt, dass jemand zuhört und auch über das Geschriebene nachdenkt :)
TRIGGER-Warnung für dieses Kapitel!!: Es wird ein Mal kurz auf selbstverletzendes Verhalten angespielt. Wer darauf empfindlich reagiert, soll gewarnt sein - es wird im Laufe der Story vielleicht hin und wieder thematisiert werden.
Without further ado - viel Spaß mit dem ersten richtigen Kapitel von "Abyss aus Blech".

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Kapitel 1.


Stuttgart ist so ziemlich die einzige Scheißstadt auf diesem Planeten, die einem sogar einen goldenen, sonnendurchfluteten Oktobersonntag vollkommen vermiesen kann.
Denn statt wolkenlosem blauem Himmel sieht man nur graue Türme und pseudostattliche, mit im Vorbeihuschen von Assikids aufgesprühten Graffitis versehene Wohnhäuser an den ranzigen, ruckelnden, mit hässlichen Karomustern bezogenen Sitzen der Buslinie 42 vorbeiwalzen, und wenn man die Fahrt, eingepfercht zwischen stänkernde Omis und halbstarke Muckibudengänger, gerade zum Glück überstanden hat, taumelt man hinaus in eine so stickig schwere Luft, dass man meinen könnte, demnächst vom Feinstaubsmog erwürgt zu werden.
Tatsächlich hat dieser unverhofft lichtdurchflutete Morgen Temperaturen hoch dampfen lassen, die unter dem Abgasmief der Stuttgarter Innenstadt glatt für Hochsommerstimmung sorgen – ein paar Mädels haben nämlich tatsächlich ihre Crop Tops noch mal ausgegraben und laufen gerade, Arm in Arm, lachend und Chai Latte trinkend, in der Fußgängerzone an mir vorbei.
Ich mustere die Trienen latent irritiert, ziehe dann aber weiter meines Weges. Schließlich bin ich mit meiner besten Freundin verabredet und schon reichlich spät dran, was ziemlich ungünstig ist, weil wir in einer knappen Stunde im Glaspalast in Sindelfingen sein sollen, um dem Tanzturnier meines großen Bruders beizuwohnen.
Ursprünglich wollten wir bei meinen Eltern mitfahren, allerdings habe ich dann spontan gestern Abend noch bei Jan übernachtet, und als ich heute Morgen erst mal fett verpennt habe, sind meine Eltern, die schließlich Chesters Fahrservice übernehmen, dann einfach ohne Nikita und mich los gedüst.
Ich kann’s ihnen nicht verübeln.
Nur bin ich jetzt halt ganz schön im Stress, weil ich dieses Event um keinen Preis verpassen will! Immerhin ist heute der Tag, an dem die Talentscouts der Ballett-Kompanie aus Amsterdam zu Besuch sind, bei der Chester unbedingt aufgenommen werden will. Und als kleiner Bruder sollte ich dabei sein, um ihn seelisch, moralisch und mit päppelnden kleinen Worten zu unterstützen.
Tja.
Ganz schön shitty, wenn man gleichzeitig halt auch noch ein klassischer Teenage Dirtbag ist, der den Arsch einfach nicht hoch bekommt.
Und mit Jan hab ich mich auch noch gefetzt, weil er seinen Wecker abgestellt hat.
Das hat er natürlich nicht mit Absicht und im halben Delirium getan, nachdem wir abends mit Nikita, Valerie und ein paar anderen Freunden auf Kneipentour waren, um halb drei nach Hause gekommen sind, betrunken rum gevögelt haben und ich dann sofort weg gedämmert bin.
Trotzdem hab ich ihn deswegen angefahren, weil ich nun mal so bin – kratzbürstig, impulsiv, und definitiv kein Morgenmensch.
Bloß ist Jan das genauso wenig.
Dementsprechend heftig sind wir dann auch auseinander, und dementsprechend angefressen bahne ich mir jetzt auch am späten Nachmittag meinen Weg durch die Straßen von Stuttgart, eine Stunde vor Einbruch der Dunkelheit – rüber über den Arnulf-Klett-Platz, und hoch die steinernen, sandfarbenen Stufen zum Haupteingang des Hauptbahnhofs – wo Nikita schon ungeduldig wartet und energisch ihren karottenfarbenen Haarschopf schüttelt, als ich jetzt auf sie zu gehetzt komme.
„Mensch, wo warst du denn so lange, Miss Maple?“ Sie zieht mich in eine kurze, aber sehr herzhafte Umarmung und hält mich dann auf Armlänge von sich, um mich skeptisch zu mustern. Ein Blick genügt – beste Freundin eben – und sie hebt vielsagend ihre linke Augenbraue. „Lange Nacht?“
Weise und im geistigen Vollbesitz ihrer Impulskontrolle, wie Nikita eben so ist, ist sie gestern nämlich schon kurz nach Mitternacht in ihrer gläsernen Kutsche – das heißt, auf ihrer giftgrünen Vespa, denn sie hat nicht mal was getrunken – in die sternenklare Nacht entschwunden.
Deshalb sieht sie nun auch frisch wie der aufgetaute Morgen aus, während ich mich fühle, als würde meine Laune gerade aus einem tiefen Kellerloch kriechen, die ersten Strahlen der Sonne erblicken, gepflegt einen Mittelfinger heben und sich direkt zurück in den Abgrund begeben.
Auf ihre Frage hin zucke ich nur mit den Schultern und grunze abweisend: „Stress mit Jan.“
„Schon wieder?“ Nikita seufzt, anscheinend hat sie langsam genug von unserem Gossip-Girl-artigen Verhalten. „Ihr solltet echt lernen, eure Gefühle gesünder zu kanalisieren.“
„Vielen Dank auch, Frau Freud“, murre ich, schultere meine Tasche und scanne, als wir die Stufen wieder abwärts Richtung U- und S-Bahn-Netzwerk nehmen, die Umgebung nach der nächstbesten Koffeinquelle ab. Als ich einen Stand von Le Crobaq entdecke, packe ich Nikita am Ärmel ihrer navygrünen Jacke mit dem hohen Kragen und dirigiere sie entschieden mit mir.
Während wir auf den Milchkaffee warten, den ich bestelle, mustert Nikita mich weiter.
„Was war denn diesmal der Grund für den Liebeszwist, wenn ich fragen darf?“
Jetzt liegt es an mir, entnervt zu seufzen.
„Er hat den Wecker ausgestellt, als wir ins Bett sind.“
Nikitas Lachen platzt aus ihr raus wie Farbe aus einem Ballon, den jemand gegen eine Leinwand wirft.
„Und deswegen habt ihr euch gezofft? Im Ernst?“ Sie kichert, als hätte sie nun jeglichen ernsthaften Respekt vor meinen Kindergartendramen mit Jan verloren. „Ihr seid solche Diven, das ist kaum zu fassen.“
Ich nehme, leicht beschämt, den Kaffee entgegen, den die hübsche Verkäuferin mir hin hält. Ihrem verschmitzten Lächeln nach zu urteilen, hat sie Nikitas und meine Unterhaltung überhört und stimmt meiner besten Freundin offensichtlich wortlos zu.
Gott sei Dank können wir diese öffentliche Schmähung meiner Wenigkeit beenden und uns zu unserem Gleis begeben. Auf dem Weg dahin versuche ich noch mal, mich zu rechtfertigen.
„Also bitte, wenn er das nicht getan hätte, würden wir jetzt im klimatisierten Auto meiner Eltern hocken und müssten uns nicht die Hacken wund laufen, um bis zu Chesters Gala zu kommen!“
„Stimmt, weil es bis zur S-Bahn ja so ein Gewaltmarsch ist.“ Nikita nickt fachmännisch und schnalzt mit der Zunge. Ich dagegen unterdrücke ein genervtes Stöhnen.
„Du weißt, was ich meine. Es war einfach unpraktisch.“
„Du hättest auch weniger trinken können, dann hättest du vielleicht nicht so hart verpennt“, erinnert Nikita mich spitzfindig, und manchmal hasse ich sie für ihre Besserwisserei.
„Das weiß ich selbst. Danke für deine Lebensweisheiten, Mom.“
„Immer wieder gern!“ Sie grinst mich breit an, und wenn sie das tut, hab ich keine Chance, als wenigstens ein kleines bisschen mit zu lächeln.
Ich kann froh sein, dass Nikita so eine Gutelauneschleuder ist. Sonst wäre ich wahrscheinlich achtzig Prozent meiner Jugendzeit noch viel mieser drauf gewesen. Schließlich fühle ich mich ziemlich schnell ungerecht behandelt und reagiere in beinahe allen Fällen ausgesprochen impulsiv auf alles, was mich umgibt und mir begegnet – und wenn man mit so einem Temperament gesegnet ist und dann ausgerechnet im zarten Alter von dreizehn Jahren zwischen all den nach Sportsocken riechenden Klassenkameraden, die damals nichts anderes als Pokémon Go im Kopf hatten, feststellen muss, dass man auch noch schwul ist – dann ist es mit der seelischen Ruhe bald vorbei.
Angefeindet wurde ich zum Glück nicht besonders, was vor allen Dingen daran liegen könnte, dass ich advokatartig mit heftig und rücksichtslos gepredigten Wortschwallen gegen jeden noch so blöden dahin genuschelten Kommentar vorgegangen bin. Deshalb war bald wieder Ruhe auf den Fluren nach meinem Outing, das Getuschel und die Fingerzeige auf dem Schulhof verschwanden, und wenn etwa acht Wochen später noch jemand von der „Schultunte“ Jesse Delke sprach, dann hatte der Begriff schon beinahe so etwas wie eine zähneknirschende Anerkennung.
Ich mein – immerhin haben wir 2019, und im TV laufen zur besten Sendezeit Castingshows, in denen pompös aufgemachte Drag Queens zu Songs von Beyoncé um die Wette lipsynchen, wofür sie dann von Heidi Klum und Bill Kaulitz bewertet werden.
Wen, zum Teufel, stört da denn bitte ein kleiner blonder schwuler Zwerg mehr auf der Welt?
Jan dagegen ist sein Coming Out sehr viel weniger leicht gefallen.
Er hätte tierischen Schiss, hat er mir damals nachts erzählt, als ich zum ersten Mal bei ihm geschlafen hab und wir uns zum ersten Mal geküsst haben. Er lag da direkt vor mir, hat noch versucht, die Tränen zu verdrängen und irgendwas Wirres gestottert, davon, dass er es nicht mehr vor sich selbst verleugnen könne, seit er mich über die Theater AG unserer Schule kennengelernt habe, aber dass er solche Angst vor all den Reaktionen hätte, seine Eltern, seine Freunde, und, um Gottes Willen, vor allen Dingen sein großer Bruder und ----
„Pascal“, rutscht es mir tonlos raus, als mein Kopf beinahe mit einer in dunklen Stoff gehüllten Schulter kollidiert und mein Milchkaffee wie ein Kleist’sches Hirn in alle Himmelsrichtungen versprützt – Pascals blaue Augen blitzen irritiert auf, als er mir seinerseits ausweicht, einen halben Schritt zurücktritt, sich dabei halb zur Seite dreht – ich erwidere den Blick, für eine Sekunde starren wir uns an, Nikita bleibt ebenfalls stehen, sieht zurück, will irgendwas rufen –
Aber da platzt schon ein weiterer Wortschwall aus mir raus, der sich seinen Weg durch mein zerfleddertes Nervenkostüm arbeitet, so wie Ameisen durch kleinste Löcher in hauchdünnem Stoff krabbeln können.
„Na super! Als ob der Tag nicht noch beschissener werden könnte!“
Theatralisch schüttele ich meine Hand aus, an der jetzt ein paar Tropfen heißen Kaffees langsam abwärts rinnen.
„Vielen Dank auch dafür!“
Ich funkele Pascal wütend an, der sich bloß herablassend vor mir aufbaut und mich mit einem amüsierten Schmunzeln mustert, das ich ihm am liebsten aus dem Gesicht reißen würde.
„Nur so als Tipp, Barbie, solche Unfälle lassen sich vermeiden, wenn man einen Deckel auf den Becher packt“, erwidert er süffisant.
„Wenn hier einer ein Unfall ist, dann wohl eher du“, gifte ich zurück, woraufhin Pascal herzlich auflacht.
„Oho, na sieh mal einer an, wer plötzlich große Töne spucken kann! Neulich warst du noch so wortkarg zu mir?“
Er zwinkert – der Scheißkerl hat ohne Witz den Nerv dazu, mir hier, mitten in dieser Vorhalle der S-Bahnstation, dermaßen anzüglich zuzuzwinkern und mich an diesen einen Morgen zu erinnern, den ich mit aller Gewalt und nachtschwarzer Kohle aus meinem Gedächtnis zu streichen versuche!
Ich spüre genau, dass ich rot werde, und wende den Blick ab, um bloß noch gepresst hervor zu zischen: „Leck mich.“
Pascals Grinsen und sein Ton werden noch schlimmer.
„Gerne, sag mir nur wann und wo.“
Mein Mund klappt auf, ich will etwas zurück schnappen, starre ihn an, suche Worte, Worte…
Doch in diesem Augenblick machen sowohl meine als auch Pascals Begleitung (irgendein schlaksiger, ziemlich bekifft aussehender langer Lulatsch mit dunkelbraunem Wuschelkopf, der nach Pascals und meiner Kollision noch drei Schritte weiter geeiert ist, wo er jetzt leicht verloren in der Landschaft steht) darauf aufmerksam, dass sie immer noch auf uns warten.
„Jesse, die Bahn kommt!“
„Ey, Pascal, was’n da hinten los?“
Mit einem Ruck löst sich die angespannte Stimmung zwischen uns, als wir den Blickkontakt unterbrechen, noch einmal über die Schulter den jeweils anderen anlinsen, ehe wir so abrupt und wortlos auseinander hasten, wie wir uns eben plötzlich gegenseitig angepöbelt haben.
Ich stolpere zu Nikita rüber und greife nach ihrem Arm, als wäre sie ein rettender Portschlüssel, der mich zurück in die Realität beamen wird.
Sie scannt mich mit ihren braunen Augen von oben bis unten, so irritiert wie ich mich fühle.
„Sag mal, was zum Teufel war das denn?“
Ich schüttele den Kopf, fühle mein Gesicht nach wie vor prickeln, traue mich nicht, ein weiteres Mal über die Schuler zurück zu sehen, weil ich das Gefühl habe, dass der Blick aus diesen blauen Augen mich immer noch verfolgt wie ein fieses Gespenst.
„Ist das Arschloch weg?“, flüstere ich.
Nikita sieht sich um, dann nickt sie.
„Ja, ist abgehauen.“ Ihre Hand legt sich sanft auf meine, die immer noch ihren Oberarm umklammert, während wir über die Rolltreppe nach unten in den Bahnschacht gleiten. „Verrätst du mir jetzt, wer das war?“
Ich schlucke.
Dann sehe ich sie an.
„Das war Pascal.“
Nikitas Augen weiten sich.
„Oh.“
Dann wendet sie die Augen ab.
„Der miese Wichser.“
Ich nicke.
„Ja. Da hast du völlig recht.“



Als Jan sich vor etwas mehr als sechs Monaten vor seiner Familie geoutet hat, hat Manuel diese Information nicht so besonders gut weggesteckt. Jans Eltern haben ihrem Sohn sofort versichert, dass sie ihn lieben würden, vollkommen egal, wen er denn lieben sollte.
Bei Manuel lag die Sache ein bisschen anders.
Ich hab schon öfter davon gehört, dass Menschen eine vermeintlich liberale, tolerante Attitüde an den Tag kommen, die aber schnell ins Schleudern gerät, wenn sie damit konfrontiert werden, dass jemand aus der eigenen Familie zu dieser Sorte Mensch gehört.
Jedenfalls musste Manuel erst mal nachdenken und die Nachricht verdauen – Jan hat das ganz schön mitgenommen, weil sein großer Bruder sein großes Vorbild ist; die nächsten drei Nächte hat er bei mir geschlafen, weil er Manuel nicht mehr in die Augen sehen konnte, und sich dabei sogar noch Sorgen gemacht, dass Manuel noch schlechter von ihm denken werde, wenn er sich vorstellt, was zwischen uns so alles laufen könnte.
Ich versuchte mein Möglichstes, ihm klarzumachen, dass Manuel ihn bestimmt nie hassen könnte. Tat alles, um ihn auf andere Gedanken zu bringen.
Aber Jan war in einer mentalen Abwärtsspirale gefangen, hat geweint, gezittert, gelitten.
Gegen ein Uhr in der Früh ist mir dann klargeworden, dass ich nichts anderes für ihn tun konnte, als einen Arm um ihn zu legen und einfach für ihn da zu sein. Einfach nur anwesend, ein Beweis dafür, dass ich ihn nicht verlassen würde.
Nach drei Tagen kam die Nachricht von Manuel, der sich allein mit Jan treffen und sich mit ihm aussprechen wollte. Er müsse sich bei ihm entschuldigen.
Jan ist aus dem Haus gewankt, grün und elend im Gesicht.
Die beiden Brüder trafen sich in der Innenstadt in einem Café, unterhielten sich lange, und Manuel brachte seine Entschuldigung dafür hervor, dass er wegen seines Freundeskreises und seiner eigenen mentalen Verklemmung nicht so für Jan hatte da sein können, wie er es gebraucht hatte, in der wahrscheinlich schwierigsten Phase seines Lebens.
Jan nahm die Entschuldigung an.
Einen Tag später wurde Jan auf dem Schulhof unseres Gymnasiums von Pascal und zwei anderen Assis abgepasst, die ihn wegen seines Coming Outs ausfragten und dann anfingen, ihn als Homo, Schwuchtel und Analpirat zu beschimpfen.
Jan war so fertig mit den Nerven, dass er sich an diesem Tag wieder geschnitten hat, zum ersten Mal seit anderthalb Jahren.
Als Manuel davon erfahren hat, hat er Pascal ins Gesicht geschlagen und die Freundschaft beendet.

Drei Monate später kam Pascal ganz kleinlaut angekrochen und hat Manuel so lange um Verzeihung angefleht und sich sogar bei Jan so eindringlich entschuldigt, bis die beiden ihm vergeben haben.
Zumindest hab ich das mal so gehört.
Seitdem spukt er wieder in Manuels, in Jans, und neuerdings auch in meinem Leben rum, und ich schwöre bei Gott – mir hat vor alldem so rein gar nichts in diesem Leben gefehlt!
Pascal ist ein arrogantes, selbstgerechtes Arschloch, dem ich ums Verrecken nicht abkaufen kann, dass er sich irgendwie geläutert haben soll.
Und ich verstehe nicht, wieso Manuel und Jan das tun.
Manche Dinge kann man einfach nicht verzeihen, und man sollte es nicht tun und man sollte es nicht müssen.
Mal ernsthaft – wer zur Hölle würde Pascal vermissen, wenn diese Verschwendung von Lebensraum und Atemluft von heute auf morgen wie durch Zauberhand verpuffen würde?
Ich ganz sicher nicht.
Nicht nach allem, was er Jan angetan hat.
Ihn noch mal durch die Hölle zu schicken, vor der er sich so gefürchtet hat.
Ihm einen Rückfall zu verpassen, von dem er sich bis heute noch nicht vollständig erholt hat.
Ich hasse den Dreckskerl.
Ich hasse ihn.
Für sein blasiertes Grinsen. Für die Art, wie er mich immer anstarrt, schon seit unserer ersten Begegnung. Für die Weise, mit der er Beleidigungen um sich schleudert wie Konfetti auf dem Karneval.
Ich hasse alles, was er ist, wofür er steht.

Und am allermeisten hasse ich ihn dafür, dass er mir nicht mehr aus dem Kopf geht, seitdem ich seine Stimme zum ersten Mal aus einem nachtschwarzen Flur zu mir rüber tönen habe hören.



Im Glaspalast wimmelt und wuselt es an allen Ecken und Enden. Stimmengewirr sirrt durch die Luft, vermischt sich zu den unverkennbaren Tönen unverständlicher zwischenmenschlicher Konversation.
Nikita und ich schlagen uns unseren Weg durch die Menge, was aber schwierig ist, weil wir beide von der hohen, vollständig gläsernen Decke, die dem Bau seinen Namen gibt, abgelenkt werden – irgendwie hat das Team der Veranstalter es geschafft, Leuchtstrahler so unauffällig anzubringen, dass es aussieht, als würde ein permanenter Sonnenuntergang die Arena fluten, wo sich knapp zwanzig Meter unter uns, die schräg herabfallende Tribüne abwärts, die Athleten aufwärmen, für die eine hohe, zentral beleuchtete Bühne aufgebaut wurde. Das restliche Licht ist gedimmt, wodurch ein Eindruck hoher Konzentration und Erwartung entsteht.
Das Design des Ganzen ist ziemlich krass; so weit ich weiß, hat der Glaspalast noch nie ein Tanzevent veranstaltet, immer nur Fußball, Badminton und Boxen, und vielleicht haben sie deshalb so eine verrückte Inszenierung gestartet, um dem Anspruch von Kultur gerecht zu werden, den Ballett so nun mal sich bringt.
Andererseits ist die Veranstaltung heute ein Schritt in Richtung Neuzeit – oder wenigstens preist der Flyer, den Chester mir völlig begeistert vor ein paar Wochen in die Hand gedrückt hat, die Veranstaltung so an.
Deutsche Gala des modernen Balletts – so hat man sie genannt und so sieht es hier auch aus.
Statt einer Guckkastenbühne, die Bertolt Brecht zum Davonrennen gebracht hatte, und auf die man sonst so lange starren muss, bis man einen steifen Nacken bekommt, während die Tänzer und Tänzerinnen ihre unendlichen Pirouetten drehen, wurde hier ein zentraler Stage aufgefahren, den die Ballerinas später besteigen werden, um wirklich nach allen Seiten hin sichtbar zu sein.
Ich persönlich finde das eine coole Idee, weil so quasi jeder Einfalls- und Einblickswinkel zählt. Da geht keine Bewegung verloren, kein Sprung oder Spagat ist verschwendet, und niemand wird in den Hintergrund gerückt, selbst bei Gruppenauftritten, in denen sonst immer nur die Solisten ganz vorne stehen.
Chesters Auftritt ist relativ weit hinten angesetzt, was ein gutes Zeichen ist, wie meine Mutter mir versichert hat (und die weiß es wiederum von Chesters Trainerin). Anscheinend läuft es hier nach dem Motto Das Beste kommt zum Schluss, und als drittletztes Highlight kann mein Bruder sich eigentlich sicher sein, dass die Talentscouts ihn auf jeden Fall frisch in Erinnerung behalten werden, ohne dass sich allzu viele andere Eindrücke darüber lagern werden wie Sepiafilter auf einer Handykamera.
Nikita und ich quetschen uns nun also durch den Treppenaufgang runter in den Block 2A, wo meine Eltern ganz vorne am Geländer auf reservierten Plätzen sitzen und uns, als sie uns mit einem Blick über die Schulter gesichtet haben, begeistert zu sich winken.
„Jesse, Nikita, hier drüben!“
Der britische Akzent meiner Mutter schwingt durch den Raum und bringt mich automatisch zum Lächeln.
Ich finde es immer wieder süß, dass sie sich, egal wie oft sie Chester schon hat tanzen sehen, immer wieder so sehr freut, als wäre es das allererste Mal.
Und mein Dad braucht gar nicht so cool tun – wir haben alle ganz genau gesehen, wie er damals während Chesters ersten Solo mit den Tränen gekämpft und ein Taschentuch unter seine Nase gepresst hat.
Als Chester so zwischen zehn und fünfzehn Jahren alt war hat er sich wegen seines Hobbys, das schon lange seine große Leidenschaft geworden ist, ziemlich blöden Scheiß von seinen Klassenkameraden anhören müssen – natürlich primär von den männlichen. Für viele stand er deswegen auch im Verdacht, eine – Zitat – „Tunte“ zu sein (irgendwie ironisch, dass es dann am Ende doch nur sein kleiner Bruder war, der mit Pliés und Grand Pliés bei Lebzeiten wenig am Hut hatte).
Aber Chester hat sich von dem dummen Geschwätz nie was anhaben lassen, stand immer schon darüber und hat jedem stumpfsinnigen Pseudomobber, wenn es mal sein musste, die Stirn geboten.
Vielleicht lag’s auch an dem bedingungslosen Rückhalt, den er aus der Familie bekam.
Jedenfalls hat er es nie so empfunden, dass das Ballett etwas ist, für das er sich vor irgendwem rechtfertigen müsste – oder gar entschuldigen.
Dass er damit so locker umgehen konnte, hat tatsächlich später auch mir geholfen, als ich erkannt hab, dass ich wirklich schwul bin.
Chester ist deshalb, in mehr als einer Hinsicht, auch mein eigenes großes Vorbild. Wie Manuel das für Jan scheinbar ist – auch wenn ich in dem Fall nicht so ganz verstehe, warum, aber das ist eine Geschichte für einen anderen Tag.
Nikita und ich lassen uns neben meinen Eltern nieder, die fragen, wie unsere Bahnfahrt so war, und unser gestriger Abend. Wir stehen ihnen artig Rede und Antwort (auch wenn ich die Menge an Alkohol auslasse, die ich in Wirklichkeit konsumiert habe), und dann gehen irgendwann die Lichter aus, selbst die Leuchten an der Decke, nur das Dämmerlicht der fast vollständig dunkel gewordenen Welt da draußen dringt noch zu uns herein.
Das Gemurmel und Geraune verstummt.
Eine Sekunde halten mehrere hundert Menschen kollektiv den Atem an.
Dann geht das Deckenlicht wieder auf, die Bühnenstrahler beginnen zu blinken, zu kreisen, zu rotieren, und das Ganze hat was von der Einleitung eines riesigen Show-Acts, als wären wir bei einem Konzert von P!nk – die Stimme der Stadionsprecherin erschallt, begrüßt das werte Publikum und die angereisten Gäste aus dem Ausland, verspricht einen wunderbaren Abend mit dem besten Ballett, das Deutschland derzeit zu bieten hätte und geht dann ohne große Umschweife dazu über, den ersten Gruppenauftritt anzukündigen.
Das mit dem Schlagwort der „Moderne“ haben die Veranstalter offensichtlich ganz schön ernst genommen, um Ballett mal wieder salon- und anschlussfähig zu machen.
Meine Mutter sieht das genauso, denn sie beugt sich grinsend zu mir rüber und flüstert leise: „This thing sure has a lot of ‚Pepp‘!“
Ich lache und nicke, woraufhin sie zufrieden lächelt und sich im Sitzen bei mir unterhakt.
Was folgt, sind zwei Stunden gefüllt mit wunderschöner Musik und noch schöneren Choreographien – anmutig gedehnte, sich drehende, den Raum durchkreuzende Körper, die die Schwerkraft wie einen schlechten Witz aussehen lassen. Jemand ist auf die Idee gekommen, die klassischen Stücke, die nicht live, sondern über Lautsprecher gespielt werden, akustisch so zu verändern, dass in manchen wenigen, unaufdringlichen Sekunden, ein kurzer Eindruck von Dubstepbeats und –elementen entsteht.
Keine Ahnung, wie sie das geschafft haben; aber es passt zum Flair der Veranstaltung, lockert das Ganze auf, macht es irgendwie leichter für einen Jugendlichen wie mich, diese Sache hier zu verstehen (und das obwohl ich Ballettaufführungen seit meiner frühen Kindheit kenne; weiß Gott, wie Dankbar eine völlige Laiin wie Nikita für diesen innovativen ‚Pepp‘ ist!).
Dann ist endlich Chester an der Reihe.
Sein Auftritt mit Leo ist Teil eines Balletts, das vor zwei Jahren für das Stuttgarter Ensemble geschrieben und choreographiert wurde, zu dem Chester gehört. Es handelt sich um eine moderne Adaption von Goethes Faust; mit dem kleinen Unterschied, dass Faust den Mephistopheles zu Beginn für einen Engel hält.
Und so kommt es, dass mein blonder, drahtiger, gerade mal einen Meter zweiundsiebzig großer Bruder die Rolle des Teufels tanzt, während sein brünetter, hochgeschossener Counterpart die eigentliche Hauptrolle des Stückes hat.
Der Part, den die beiden heute Abend präsentieren, ist die erste Begegnung der beiden, die Verführung von Faust durch den Teufel, der ihn so unauffällig und unscheinbar betört, dass man sich am Ende fragt, wie zum Teufel (haha) man am Ende in so einem Desaster landen konnte, wenn Mephisto doch die ganze Zeit so freundlich war?
Das Veranstaltungsteam macht es noch mal extra spannend.
Die Lichter erlöschen erneut. Ein Raunen geht durch die Menge – das gab es vor den anderen Auftritten nicht. Meine Mutter drückt aufgeregt meine Hand, die mittlerweile ihre hält.
Ich linse kurz zu meinem Dad, sehe ihn schlucken.
Dann geht das Licht wieder an, und Chester steht auf der Bühne.
Von uns aus gesehen steht er im Profil, in Leos Richtung gewandt, der ihm den Rücken kehrt.
Er trägt dasselbe, strahlend weiße Kostüm wie damals bei der Premiere, in Stuttgarts großem Opernhaus.
Ich sehe, wie Chester ein- und ausatmet. Konzentriert. Beherrscht.
Dann beginnt die weiche, spielerische, langsame und anschmiegsame Melodie, zu der Chester sich bewegt.
Wie ein Vogel auf der Balz, aber ohne jede Lächerlichkeit und ohne jeden allzu großen Ernst.
Es sieht aus, als würde ihm sein eigenes Gewicht nicht einmal die kleinste Mühe machen.
Er dreht sich, streckt sich, springt und kreiselt um sich selbst – dann entdeckt Leo ihn, dreht sich zu ihm um, schreckt zurück.
Chester macht Pirouetten rückwärts, kommt zum Halt, pausiert. Leo nähert sich, zaghaft. Chester hüpft zur Seite, pausiert wieder. Und Leo folgt.
So geht es ein, zwei, drei Mal hin und her, quer über die große Bühne, bis Chester in einem aufreizenden Ausfallschritt zu Boden geht, sich weg zur Seite rollt, wieder nach oben kommt und dann in einer so zarten, unscheinbaren Bewegung Leo in die Arme fällt, dass es einen wundert, dass sein dünner Körper nicht zerbricht.
Leo fängt ihn auf. Die beiden sehen sich an. Die Musik setzt aus.
Und dann geht der eigentliche Auftritt erst los.
Die Musik schwillt an, wird lauter, schneller, aber ohne jede Aggression, es ist mehr ein Aufgehen und Erscheinen, das sich in allem spiegelt, was die beiden Tänzer da unten tun.
Ein Erweckungserlebnis, eine Initiation.
Chester übernimmt die Führung, aber kaum merklich, bringt Leo dazu, ihn zu imitieren, sich an ihn anzupassen, aber mit solchem Charme, solcher Verve, dass keiner je bestimmen könnte, wie genau er das eigentlich tut, weil es immer noch so scheint, als hätte Leo stets die Fäden in der Hand.
Alles an dieser Choreographie ist aufs Haargenaueste abgestimmt, jeder Millimeter des Bodens ausgemessen und benutzt, und heute Abend, das sehe ich genau, performen Leo und Chester diesen Tanz so präzise und genau wie nie zuvor.
Die letzten Akkorde schwellen an, nehmen zu, Chester setzt zum Anlauf an, springt, ein Split, eine Drehung, kein einziges Stolpern, und dann die letzte Folge waghalsiger schneller Pirouetten, der letzte Taumel abwärts, den Leo mitvollzieht, der ihm von der anderen Seite der Bühne entgegen kommt, so lange, bis sie exakt im Zentrum der Bodenfläche aufeinanderprallen und Chester Leo ein letztes Mal in die Arme sinkt.
Chester greift in Leos Nacken.
Das letzte Element der Überraschung, geklaut aus Jeremias Gotthelfs schwarzer Spinne: in dieser Fassung besiegelt Faust den Teufelspakt mit einem Kuss.
Das Licht erlischt.
Der Saal ist vollkommen und mucksmäuschenstill.  
Und dann brandet urplötzlich der Applaus auf, die Menschen klatschen, jubeln, pfeifen, stehen auf, ja wirklich, es zieht alle von den Sitzen, und obwohl vorher Schlag auf Schlag eine Choreographie auf die nächste folgt, halten die Veranstalter diesmal inne.
Das Licht geht wieder an, Chester und Leo stehen auf der Bühne, mit strahlenden Gesichtern, Hand in Hand, sie verbeugen sich, drehen sich reihum und verbeugen sich wieder, erwidern die Geste des Klatschens, weisen auf den jeweils anderen, und als der Applaus noch immer nicht enden will, kratzt Chester sich leicht verlegen am Hinterkopf und die beiden verlassen sehr langsam, den Menschen zuwinkend, die Tribüne.
Unnötig zu sagen, dass der Auftritt der beiden das absolute Highlight des Abends bleibt. Es folgen noch zwei weitere Choreographien, aber irgendwie ist die Luft raus. Und obwohl die Gruppe aus Hamburg sowie das finale Solo aus Berlin ihr Bestes geben und auf demselben Spitzenniveau tanzen wie Leo und Chester zuvor – ihnen fehlt dieser ganz bestimmte Zauber, dieser intime Touch, der die Zuschauer vorhin so mitgerissen hat. Vielleicht waren es die Elemente aus dem Contemporary, die in Chesters und Leos Choreographie vorhanden waren – ein Aspekt für den das Ballett damals, nebenbei bemerkt, in einer Rezension der Süddeutschen Zeitung damals heftig kritisiert wurde, bis das Stück zum absoluten Kassenschlager wurde.
Auf jeden Fall sind meine Eltern hellauf begeistert, als das Ende der Veranstaltung verkündet wird, die Lichter wieder angehen und die Menschen sich unter demselben allgemeinen Geplapper und Geplänkel in Richtung Ausgänge begeben. Und sie werden nur immer begeisterter, als wir alle bemerken, dass die meisten Zuschauer sich über den Auftritt von Leo und Chester unterhalten.
Meine Mutter drückt den Arm meines Vaters.
„What do you think honey, d’you think he made it? Did he make it in?”
Mein Vater erwidert die Geste, legt seinem Arm um sie, versucht aber dennoch, ein wenig sachlicher zu bleiben.
„We’ll see, honey.“ Er dreht sich zu Nikita und mir um, nickt uns zu. „Jetzt müssen wir ihn erst mal finden, und dann gehen wir was essen.“
„Gute Idee, ich hab Hunger“, trompetet Nikita daraufhin, wofür ich ihr meinen Ellbogen in die Seiter ramme. „Aua!“
„Reiß dich mal zusammen!“, zische ich ihr zu, worauf sie nur beleidigt das Gesicht verzieht.
Meine Eltern lachen darüber bloß.
Irgendwie könnte man manchmal fast meinen, dass sie in Nikita die Ersatztochter gefunden haben, die sie leider nie hatten. Jedenfalls ist sie immer gerne gesehen, und mit meinem Dad – der Architekt ist, was auch Nikitas großes Wunschziel ist – versteht sie sich, glaube ich, beinahe besser als ich selbst. Sie liegen ziemlich auf einer Wellenlänge, was mir manchmal einen kleinen Stich versetzt.
Denn wenn Nikita der Liebling meines Vaters ist und Chester der Liebling meiner Mutter…
Weiter muss ich die Rechnung wohl nicht fühlen, oder?
Und auch wenn dieses Gefühl heutzutage nur noch selten aufscheint; früher war es ganz schön hart mit meinem Überfliegerbruder aufzuwachsen.
Nicht nur, dass er dieses absurde Talent fürs Tanzen hat. Er ist auch lieb, nett, freundlich, umgänglich, wird von allen gemocht. Er bringt gute Noten mit nachhause, obwohl er so viel mit dem Ballett zu tun hat. Er macht nie Probleme.
Tja.
Und dann bin da noch ich.
Kleiner, sturer, irgendwie schwierig.
Und ohne jedes Talent.
Ich weiß, dass das bescheuert klingt, aber noch vor drei oder vier Jahren, da hatte ich manchmal wirklich das Gefühl, dass ich meinen Eltern nicht so viel nütze wie Chester.
Im Vergleich zu ihm eher gar nichts.
Inzwischen weiß ich ja selber, dass das Schwachsinn ist.
Aber trotzdem.
Man kämpft eben immer auf die eine oder andere Weise mit sich selbst, nicht wahr?

Wir finden Chester im Backstagebereich für die Sportler, wo man uns freundlicherweise einlässt, weil wir Familienangehörige sind (Nikita wird kurzerhand zu meiner zweieiigen Zwillingsschwester erklärt, und niemand fragt großartig nach).
Nikita lässt es sich natürlich nicht nehmen, direkt auf Chester zuzustürzen und ihn mit ihrer Umarmung beinahe umzutackeln.
„Du warst der Hammer! Du warst sowas von gut! Alter, die Leute sind ausgerastet, hast du das bemerkt?!“ Sie lacht ihm ins Gesicht, streicht ihre roten Haare zurück. „Ah und nebenbei, ich bin ab heute Jesses Zwillingsschwester!“
Chester lächelt zurück, hält Nikita auf Armlänge von sich (eine Geste, die sie wohl von ihm gelernt hat) und mustert sie mit gespieltem Ernst.
„Ich dachte es mir ja schon lange, dass man euch bloß bei der Geburt getrennt hat. Willkommen in der Familie.“
Ein Grinsen zieht sich über Nikis ganzes Gesicht.
„Danke!“
Hm. Ich glaub, ich muss sie nochmal fragen, ob sie eigentlich wirklich über diesen first crush on Chester weggekommen ist, von dem sie immer faselt.
Nun fallen auch meine Eltern Chester um den Hals und erdrücken ihn beinahe in ihrem überschwemmenden Stolz – ich schreite dazwischen, bevor es noch Tote gibt und Chester seine Karriere vergessen kann, ehe sie richtig begonnen hat.
„Mom, Dad, he needs to breathe!“
„Oh, ja. Verzeihung.“
Die beiden treten zurück, lassen mich Chester ebenfalls fest umarmen und ihm gratulieren, und fragen ihn dann endlich das, was beiden auf der Seele brennt.
„Und, hast du mit den Talentscouts gesprochen?“
Chester nickt. Ein seliges, glühendes Lächeln breitet sich dabei in seinem Gesicht aus, das seine grünbraunen Augen zum Leuchten bringt.
„Ja, hab ich. Sie fanden mich gut und wollen mich zum Probetraining nach Amsterdam einladen; morgen telefonieren wir noch mal.“
Als diese Info raus ist, gibt es von Seiten meiner Parentalgeneration kein Halten mehr: Völlig überdreht reißen sie ihren Sohnemann an sich, überschütten ihn mit Glückwünschen, Lob und Liebesbekundungen, und bevor die ganze Nummer noch peinlicher wird, ziehen Nikita und ich die drei fachmännisch auseinander und dirigieren sie Richtung Auto.
„Na los jetzt, wir haben einen Tisch reserviert.“
Und mein Vater nickt, kramt unter Tränen seine Autoschlüssel sowie ein weiteres Taschentuch hervor und schnäuzt ein Mal herzhaft in dieses hinein.
„Ach Jesse, du hast ja recht!“
Eltern zu erziehen kann manchmal echt ganz schön anstrengend sein.  

Wir feiern Chesters Erfolg bis spät in die Nacht hinein, auch bei uns zu Hause noch weiter, wo meine Eltern eine Flasche Champagner köpfen und uns quasi nötigen, uns ein bisschen mit ihnen zu bedüdeln.
Als die beiden dann endlich erschöpft ins Bettchen fallen, begeben Chester und ich uns ebenfalls in Richtung unserer Zimmer, die auf dem Flur unserer Wohnung direkt nebeneinander liegen.
Bevor Chester aber durch seine Türe verschwindet, halte ich ihn ein letztes Mal zurück.
„Hey, Chester?“
„Ja?“
„Ich bin echt richtig stolz auf dich. Das weißt du doch, oder?“
Chester grinst verhalten.
„Klar weiß ich das. Und ich weiß, dass du leicht betrunken ist.“
„Gar nicht wahr!“
„Okay, mein Fehler.“
„Genau.“
„Gute Nacht.“
„Chester?“
„Hm?“
„Ich hab dich lieb.“
„Ich dich auch.“
Und damit fallen unsere Zimmertüren in parallelem Akkord in ihr Schloss.
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