Abyss aus Blech

GeschichteDrama / P18 Slash
03.11.2019
08.12.2019
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„Das Glück begreifen, dass der Boden, auf dem Du stehst, nicht größer sein kann, als die zwei Füße, die ihn bedecken.“
-     Franz Kafka. Betrachtungen über Sünde, Leid, Hoffnung und den wahren Weg. 1917-1919.




Prolog


Im Nachhinein habe ich keine Ahnung mehr, wann genau die Dinge so beschissen kompliziert geworden sind.

Ob es an dem Abend war, an dem Manuel Pascal zum ersten Mal wieder mit zu seinen Eltern nach Hause gebracht hat, nach ihrer großen Wiederversöhnung, als sie beide sternhagelvoll waren und gegen Mitternacht lachend und lärmend durchs Treppenhaus gestolpert sind, während Jan und ich gerade in seinem Bett lagen und uns geküsst haben, und ich dennoch ganz genau Pascals tiefe, vom Rauchen verdunkelte Stimme draußen auf dem Flur gehört habe.

Oder ob es an dem Morgen einige Wochen danach geschehen ist, als Pascal mir beim Frühstück samstags zum ersten Mal gegenübersaß, mich mit keinem Wort zur Kenntnis genommen hat, sondern nur weiter mit Manuels und Jans Vater über politisch inkorrekte Rapmusik aus den frühen 2000er Jahren diskutierte. Er hatte dunkle Augenringe, und ein T-Shirt von Manuel an, weil auf seinem scheinbar die Nacht zuvor noch Kotze gelandet war. Als ich mich gerade von diesem merkwürdigen, fast erbärmlichen Anblick abwenden wollte, sah er mich mit seinen stahlblauen Augen an, und sein Mundwinkel zuckte, in Richtung eines leicht abschätzigen Lächelns.

Oder ob es an dem Tag passierte, an dem ich an der nächstgelegenen Haltestelle von den Scholzens auf meinen Bus nachhause wartete, und Pascal auf seinem hässlichen, giftgrün lackierten Fahrrad auf der anderen Straßenseite den Gehweg entlang eierte, mich über die kaum befahrene Straße hinweg erkannte, stehen blieb und mich anstarrte. So lange und so intensiv, bis ich wortlos meinen rechten Mittelfinger hob und ihm den demonstrativ entgegenhielt. Er grinste und fuhr weiter.

Es könnte jeder dieser Momente gewesen sein, oder auch gar keiner von ihnen.

Ich kann nur mit Bestimmtheit sagen, dass der Augenblick, in dem auf einmal wirklich alles anders wurde, ganz genau an dem Morgen eintrat, als ich gerade im Haus der Scholzens geduscht hatte und mit noch nassen Haaren in meine Jeans gestiegen war. Es klopfte an der Tür. Ohne groß nachzudenken, schloss ich auf, und stand auf einmal Pascal gegenüber, der mich genauso erstaunt musterte, wie ich ihn, nur einen winzig kleinen, abgerissenen Sekundenfetzen lang. Ich öffnete den Mund, wollte ihm gerade sagen, dass ich noch Zeit brauchte und dass er sich gefälligst zurück in Manuels Zimmer verpissen sollte – da hatte Pascal urplötzlich zwei Schritte auf mich zugemacht, die Tür hinter sich ins Schloss gedrückt, mich mit seinem ganzen Körper gegen die nächstbeste Wand gepresst und mich geküsst.

Es dauerte keine zehn Sekunden, und ich weiß noch, dass er nach Kaugummi und Morgenatem geschmeckt hat, und dass meine Knie fast nachgegeben hätten, während mein Magen unwillkürlich rebellierte.

Da war es aber auch schon wieder vorbei, Pascal hat mich losgelassen, sein Geruch ist mir in die Nase gezogen, hat sich ätzend und leicht zugleich angefühlt, ich habe noch einen Blick auf dichtes, schwarzes Haar erhascht – und dann war er weg, so unvermittelt und endgültig, dass ich mit heftig klopfendem Herzen auf den von der Fußbodenheizung plötzlich viel zu warm gewordenen Fliesen stehenbleiben musste, die letzten Wassertropfen von der Dusche zitternd auf meinem Oberkörper spürend, und ich konnte mich nur noch fragen, ob das gerade wirklich passiert war, oder nicht.

Als ich in den Spiegel sah, waren meine Wangen ungesund gerötet. Mir war schlecht.
Ich zog mich an, ging wieder zu Jan und tat, als sei weiter nichts gewesen.
Wir verbrachten den ganzen Tag zusammen, und am Abend schliefen wir miteinander.

Aber – und das ist es eben, was ich meine, das ist das beschissen Komplizierte an der ganzen Sache – ich denke nicht an diesen Tag zurück und denke an die schöne Zeit mit meinem festen Freund, an den Besuch in der Wilhelma, das Lachen, die Küsse und den Sex.

Ich denke an den Morgen im Badezimmer, an Pascals Lippen und seinen Atem, seine Eisvogelaugen und die absurde Wärme, die sein Körper ausgestrahlt hat.

Es kribbelt und juckt, als würde sich ein ekelhafter, schmieriger, schleimiger Abszess in meinem Inneren bilden.
Ich schließe das Gefühl weg, versuche, es weit nach unten zu verbannen, hinab in diesen rostigen, sich rau und kratzig anfühlenden Abyss in mir.
Und dennoch bricht es immer wieder hoch, bricht sich Bahn.

Und das Allerschlimmste ist: in manchen Momenten genieße ich es sogar.
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