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Spuren des Lebens

GeschichteDrama / P18 / Gen
Dr. Sara Tancredi Lincoln "LJ" Borrows Junior Lincoln Borrows Michael Scofield Paul Kellermann
02.11.2019
04.01.2020
11
56.399
2
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21 Reviews
Dieses Kapitel
2 Reviews
 
28.12.2019 3.715
 
Disclaimer:    
Alle Charaktere und die Idee der Serie Prison Break sind geistiges Eigentum von Paul T. Scheuring. Ich leihe mir seine Figuren nur aus und gebe sie am Ende wieder zurück.
Der Dialog am Anfang der Geschichte zwischen Michael und dem Geistlichen ist aus der Folge ‚Bolshoi Booze‘ der 2. Staffel. In einem Gespräch zwischen Michael und Sara im späteren Verlauf der Geschichte stammen Teile davon aus der Folge ‚Chicago‘ der 2. Staffel, sowie ist im letzten Drittel der fertigen Geschichte ein abgewandelter Dialog zu finden, welcher aus der Folge ‚Disconnect‘ der 2. Staffel stammt.

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Das Knurren seines Magens holte ihn langsam, aber sicher aus einem Traum voller wirrer Erinnerungen. Michael wusste nicht mehr alle Einzelheiten des Traumes. Nur, dass er anscheinend noch einmal alle möglichen Phasen seines Lebens durchlebt hatte. Angefangen von der Zeit als kleiner Junge, der viel Zeit mit seiner Mutter und seinen Bruder verbracht hatte, über die schwere Zeit, als er mit seinem Bruder alleine war bis hin zu den letzten Tagen in Fox River. Die vergangenen letzten Wochen seines Lebens, die alles verändert hatten, waren dagegen überhaupt kein Thema gewesen. Wahrscheinlich lag es daran, dass er die meiste Zeit davon in einen bewusstlosen Zustand verbracht hatte und somit nicht allzu viele Erinnerungen vorweisen konnte. Was er in den letzten Tagen und Wochen geschlafen hatte, reichte für mindestens einen Monat, wenn nicht sogar für zwei. Vielleicht war endlich der Moment gekommen, wo er wieder ein Teil der Gesellschaft wurde und er Sara, Lincoln, LJ und auch seinen Vater Aldo wieder voll und ganz zur Seite stehen konnte. Zumindest hoffte er das.
Abermals knurrte sein Magen und Michael gab sich schweren Herzens geschlagen. Leise seufzte er auf. Er drehte sich von seiner linken Seite auf den Rücken und schlug langsam die Augen auf. Das Schlafzimmer mit dem Doppelbett im Haus von Dr. Clark lag in matten Sonnenschein und er musste einige Male blinzeln, ehe sich seine Augen an das Licht gewöhnt hatten. Sein Bauch gab ein Grummeln von sich und Michael setzte sich vorsichtig auf. Sein Körper war allem Anschein nach munter genug, um für andere Bedürfnisse empfänglich zu werden. Er gähnte und rieb sich mit der Hand über die Augen.  
So hoch, wie die Sonne am Himmel stand und ihr Licht in das Zimmer warf, musste es bereits früher Nachmittag sein. Sie waren doch gerade erst hier angekommen, überlegte Michael und sah erstaunt zum Fenster.  
Vor nicht mal einem Wimpernschlag war er in den Laderaum eines schwarzen Transporters gestiegen und hatte sich auf die dünne Matratze gelegt, die Lincoln irgendwo aufgetrieben hatte. Die vielen Decken und die zwei Kissen machten dabei seine Liegefläche für die lange Fahrt fast schon bequem. Die ersten gefahrenen Kilometer hatte er sich mit Sara unterhalten, die ihm im Laderaum Gesellschaft geleistet hatte.
Nachdem sie bis zum Abend gewartet hatten und sie in jedem Fall sicher sein konnten, dass er die Benommenheit des Komas vollständig abgelegt hatte, hatte ihm Lincoln mit seinen neugekauften Klamotten geholfen und war ihm dabei behilflich gewesen die Strümpfe, die Jeans, das blaue T-Shirt und den schwarzen Pullover anzuziehen. Dr. Thomas Clark und Sara hatten währenddessen alles für die Rückreise vorbereitet. Zusammen waren sie dann aus dem Krankenhaus verschwunden, als zur gleichen Zeit die Besuchszeit zu Ende ging und es nicht weiter auffiel, dass ein weiterer ehemaliger Patient mit seiner Familie und seinen Freunden das Krankenhaus verließ. Lincoln hatte ihn in einen Rollstuhl zum wartenden Transporter geschoben und Sara hatte beim Rausgehen noch zwei Krücken mitgehen lassen, so dass ihr Bild einer Familie vollständig war und keine unnötigen Fragen verursachte.
Sie waren mit dem Auto bereits eine Weile unterwegs gewesen, als Michael durch das monotone Fahren und der Dunkelheit, welche sowohl im als auch außerhalb des Autos herrschte, wieder müde wurde. Sara hatte gemerkt, dass er immer stiller geworden war und hatte ihn in Ruhe gelassen. Nur wenige Augenblicke später musste er eingeschlafen sein.
Als er dann von Sara in den frühen Morgenstunden geweckt wurde, standen sie schon mit dem Transporter vor dem Haus, welches den Arzt gehörte und Michael sah zum ersten Mal, wo er die letzten Tage und Wochen eigentlich verbracht hatte.
Es war ein nettes, mittelgroßes, beiges Einfamilienhaus, das wirklich zum Verweilen einlud. Die Holzterrasse, die um das ganze Haus herumführte, rundete das Erscheinungsbild ab. Die großen, länglichen Fenster ließen sowohl die Welt hinein als auch hinaus. Doch mit ihrem Aufenthalt waren die vielen Fenster größtenteils zugezogen und schützten ihre derzeitigen Bewohner vor neugierigen Blicken. Nichts regte sich hinter den Vorhängen und nichts zeugte davon, dass das Haus überhaupt bewohnt war.
Michael war mit der Hilfe seines großen Bruders dem idyllischem Haus entgegen getreten. Sie waren zwar nur langsam vorangekommen, aber er hätte nie gedacht, wie gut es tat, endlich wieder auf eigenen Füßen zu gehen. Sein Oberschenkel murrte zwar noch etwas, dafür gab es keine Probleme mehr mit seinen Fuß. So froh war er schon lange nicht mehr gewesen, dass es endlich, endlich, voran ging.
Sara war nicht von seiner anderen Seite gewichen und hatte sich für mögliche Komplikationen bereitgehalten – nur, dass es zu keinen Schwierigkeiten kam.
Gerade als sie die drei Stufen zur Terrasse hinauf hinter sich gelassen hatten, war die Haustür aufgegangen und sein Neffe war freudestrahlend an sie herangetreten. So schnell, wie die ehrliche Freude über ihre Rückkehr über sein junges Gesicht gehuscht war, umso schneller verschwand sie auch wieder und die unterschiedlichsten Gefühle hatten seine Gesichtszüge gezeichnet. Einerseits war er sichtlich froh, sie alle wieder zu sehen, anderseits hatte er offensichtlich Angst und große Sorge, ihnen nahe zu kommen. Michael hatte ihn die Entscheidung abgenommen und ihn in eine herzliche Umarmung gezogen. LJ war so überrascht gewesen, dass er erst einmal einige Sekunden brauchte, ehe er die Umarmung erwidern konnte. Eine gefühlte Ewigkeit hatte Michael seinen Neffen nicht losgelassen. Zu glücklich war er, dass er seine Familie zurückhatte. Erst das Ziehen in seinem Oberschenkel und das leichte Zittern der Muskeln in seinen Beinen sagten ihm, dass er noch auf sich aufpassen und sich ausruhen musste. Sowohl Lincoln als auch Sara hatten die Veränderung gesehen und ihn so schnell wie möglich ins Innere des Hauses gebracht.  
Beim Frühstück hatte LJ ihnen dann erzählt, dass sein Großvater mit vielen seiner Leute noch in Chicago war, aber plante, bis zum Abend zurück zu sein. Es gab so viel zu besprechen. Worum es genau ging, konnte sein Neffe nicht erzählen, da er es schlicht und einfach nicht wusste. Aus diesem Grund hatte sich Michael mehr auf das wunderbare Essen konzentriert und seinem Körper neue Energie verschafft. Alles andere musste nach wie vor warten.
Bei dem Gedanken, wie Sara in Hand umdrehen die Küche in Beschlag genommen hatte, um ihnen allen ein Frühstück zu zaubern, musste er lächeln. Seine geliebte Sara überraschte ihn immer wieder aufs Neue.
Michael sah bei den Gedanken an Sara in das andere Bett und war unglaublich froh, dass die junge Ärztin durch seine Bewegungen nicht munter geworden war. Sie musste unbedingt Schlaf nachholen. Die lange Autofahrt hatte nicht nur Sara viel Kraft gekostet, sondern auch allen anderen, die bei ihm in Mexiko geblieben waren. Nach dem guten Frühstück hatten sie sich daher alle zum Schlafen oder zum Ausruhen zurückgezogen. Er spürte, wie sein Blick weich und sein Herz schwer wurde, als er sah, wie entspannt Sara neben ihm schlief. Ihr schönes Gesicht wirkte seit langem gelöst und von den Sorgen befreit. Sie hatte sich dabei die Decke bis ans Kinn hochgezogen und schlief tief und fest an seiner Seite. Sie lag auf der Seite und war ihm zugewandt, wobei sie wohl im Schlaf unbewusst in die Mitte der beiden Matratzen gerutscht war, um näher bei ihm zu sein.
Er musste schmunzeln. Auch, wenn sie zusammen in einem großen Doppelbett lagen, so war doch ihre Hand auf seine Seite gewandert und zeigte ihm nur zu deutlich, wie viel er ihr bedeutete. Ein unbeschreibliches Kribbeln breitete sich in seinem Körper aus und er wusste ganz genau, wie sie sich fühlte.
Für einen Moment schloss er die Augen und versuchte sich von ihrem Anblick loszueisen. Wenn er sie weiter so anstarrte, kam er nie aus dem Bett und jetzt, wo er sich entschlossen hatte aufzustehen, machte sich auch seine Blase bemerkbar. Statt also zuerst in die Küche zum Kühlschrank zu gehen, musste er vorher noch einen kurzen Abstecher machen.
Er schlug die Bettdecke zur Seite und zog seine Beine vorsichtig und vor allem leise über die Bettkante. Da er am Morgen nach dem Frühstück nur ins Bett wollte, hatte er gerade mal seine Jeans und den Pullover ausgezogen, so dass er zu seinen Boxershorts noch immer das blaue T-Shirt und die Socken an hatte. Jetzt war es natürlich von Vorteil, dass er die Strümpfe trug, da wurden seine Schritte gedämpft und er konnte hoffentlich lautlos ins Badezimmer gehen. Seine beiden Krücken lehnten einsatzbereit neben dem Nachtschränkchen. Er griff nach ihnen, stellte sie rechts und links neben seine Beine und stützte sich auf ihnen. Mit ganzer Kraft und unter größter Anstrengung kam er in die Höhe. Leise keuchte er auf, als er merkte, wie kräftezehrend das war. So schnell, wie er konnte, streckte er seine Arme in die Halterungen, damit er einen sicheren Stand bekam. Als er endlich aufrecht stand, keuchte er schwer und verharrte einige Sekunden in dieser Position. Er schielte über seine Schulter und blickte zu Sara, ob er sie nun doch noch geweckt hatte, aber das Glück war auf seiner Seite. Sie regte sich zwar kurz, schlief aber weiter.
Beruhigte atmete er auf, stützte sich im gleichen Augenblick mit seinem ganzen Gewicht auf die Krücken und machte einen ersten Schritt. Nach einigen unsicheren Schritten hatte er den Dreh raus und kam schon etwas besser vorwärts. Die Badezimmertür stand weit offen, als hätte Sara für alle möglichen Situationen für ihn vorgesorgt. Er dankte ihr im Stillen und betrat das große Bad. Michael balancierte auf seinem gesunden Bein, drehte sich zur Tür und zog sie, bis auf einem kleinen Spalt, zu. Dann drehte er sich herum und ging mit Hilfe der Krücken zur Toilette. Er stellte seine Gehhilfen an die Wand, hob den Toilettendeckel an und erleichterte sich. Zum ersten Mal seit einer Ewigkeit war er allein auf der Toilette und es war ein Segen. Die einfachsten Dinge wurden immer als alltäglich wahrgenommen. Etwas, wo der Mensch keine fremde Hilfe benötigte, nicht darüber nachdachte und einfach tat. Wie zum Beispiel ganz selbstverständlich auf die Toilette zu gehen. Erneut seufzte Michael und betätigte in der gleichen Bewegung die Toilettenspülung. Nach den vergangenen Wochen würde er diese Selbstverständlichkeit mehr denn je zu schätzen wissen!
Vorsichtig und seine Balance haltend, drehte er sich zum naheliegenden Waschbecken. Rechts und links vom Waschbecken hielt er sich fest und zog sein geschundenes Bein mit der Hilfe des anderen Beins vor das Waschbecken. Er gab seinen Körper einen Moment Zeit, um sich von der Anstrengung zu erholen, erst dann wusch er sich die Hände und beugte sich vor, um sich Wasser ins Gesicht zu spritzen. Er hielt seine Augen geschlossen, griff nach dem Handtuch und trocknete sich sowohl die Hände als auch das Gesicht. Als er das Handtuch sinken ließ, hob er den Kopf und sah in den Spiegel – und erstarrte.
Sara hatte nicht übertrieben. Der Mann, der ihm in den großen Spiegel entgegenblickte, war definitiv nicht er selbst! Seine Haare waren deutlich gewachsen. Wo er sonst seine Haare sehr, sehr kurz hielt, waren sie sogar noch länger, als er sie in den Wintermonaten im Fox River hatte wachsen lassen. Sie waren sogar bereits so lang, dass sie anfingen sich zu wellen. Er schnaufte leise und betrachtete seinen anderen Gesichtswuchs. Sein Kinn und sein Hals waren kaum mehr zu sehen. Sein Bart musste dringend getrimmt oder gar ganz abrasiert werden. Wie hatte Sara diesen Anblick bloß ertragen? Er sah wie ein Höhlenmensch aus! Frustriert sah er sich in die Augen und erstarrte ein weiteres Mal. Er schnappte nach Luft und beobachtete sich dabei, wie sich seine Augen weiteten, als er sein eingefallenes Gesicht bemerkte. Seine langen Haare und sein Bart lenkten im ersten Augenblick davon ab, aber je länger er sich betrachtete, umso mehr stach es ihm entgegen. Seine Haut wirkte käsig und spröde. Seine Wangen waren eingefallen, seine Wangenknochen wirkten viel zu spitz und seine blau-grauen Augen stachen viel zu groß aus seinem Gesicht heraus. Michael schluckte gequält und verstand mit einem Mal, warum LJ ihn so besorgt gemustert hatte.
Wie in Trance ließ er seine Hände über sein T-Shirt gleiten und schluckte abermals. Wenn sein Gesicht schon so eingefallen war, wie sah dann sein restlicher Körper aus? Er griff nach den Enden seines Shirts und zog es sich vorsichtig über den Kopf. Achtlos ließ er es zu Boden fallen und trat einige Schritte zurück, damit er seinen Oberkörper im Spiegel sehen konnte.
Schnelle Sekunden wurden zu langsamen Minuten.
Michael konnte den Blick nicht von seinem Körper wenden. Die letzten Wochen hatten sicht-liche Spuren hinterlassen. Neben den vielen kleinen und großen Narben, welche seine Brust zierten, wirkten seine Brust und sein Bauch, wie sein Gesicht, eingefallen. Die Rippen stachen bereits hervor und zusammen mit seinem eingefallenen Bauch wurde das Erscheinungsbild seines Oberkörpers nur verschlimmert. Wie betäubt schüttelte er den Kopf und konnte nicht glauben, was er da sah und was sein Gehirn nicht verstehen wollte. Sein Körper war nur noch ein Schatten seiner selbst. In den vergangenen Wochen musste er etliche Kilos verloren haben, was gewiss verständlich war. Sara und ihre Kollegen mussten ihn mit Infusionen und künstlicher Ernährung am Leben erhalten. Dies war aber nur das absolut Nötigste gewesen und sein Körper hatte sich seine Nährstoffe anderweitig besorgt – und das Ergebnis sah er gerade im Spiegel. Deswegen fühlte er sich auch so wackelig auf den Beinen. Seine Muskeln hatten ebenso unter den letzten Tagen und Wochen gelitten wie der Rest von ihm.    
„Oh man“, murmelte er und holte tief Luft.
Warum ihn sein magerer Körper nicht schon beim Aufwachen aus dem Koma aufgefallen war, konnte er beim besten Willen nicht sagen. Es sprang einen geradezu ins Gesicht, aber er hatte es einfach nicht wahrgenommen, hatte es nicht gesehen oder wollte es nicht sehen. Umso schlimmer war der Anblick jetzt.
Im Spiegel sah er, wie sich sein Oberkörper beim Luft holen aufblähte und wieder in sich zusammenfiel. Seine große Tätowierung weitete sich mit der Haut und sah für einen ganz kurzen Moment wieder normal aus. Da konnte er fast die vielen Narben vergessen. Es war sogar gut, dass sein Oberkörper so tätowiert war, da fielen die Narben weniger auf. Vielleicht verblassten diese mit der Zeit und er konnte sie mit neuer Tinte aufbessern? Eventuell konnte er so die schrecklichen Stunden seiner Folter vergessen? Zumindest hoffte er es.
Er seufzte.
In diesem Augenblick wurde die Badezimmertür aufgezogen und Michael sah Sara in ihren langen hellblauen Schlafshirt mit Hilfe des Spiegels im Türrahmen stehen.
Mit großen Augen betrachtete sie ihn. Ihr gehetzter Blick wechselte zwischen seinem Gesicht im Spiegelbild und seiner Gestalt vor dem Waschbecken hin und her.
„Hey.“ Ihre Stimme war vor Sorge belegt und nackte Panik zeichnete sich auf ihrem schönen Gesicht ab. Höchstwahrscheinlich hatte sie sich beim Aufwachen erschrocken, weil er nicht mehr neben ihr gelegen hatte – und jetzt, wo sie ihn so schnell gefunden hatte, sogar bei einer alltäglichen Handlung, versuchte sie sich wieder zu beruhigen. Er sah ihr an, dass es ihr sichtlich peinlich war, dass sie so schnell in Panik geraten war und sie versuchte es mit einem Lächeln zu überspielen. Dann erst bemerkte sie seinen erschütterten Gesichtsausdruck: „Ist alles okay?“  
„Nein“, erwiderte er leise und drehte sich ganz zu ihr herum. Eine Hand hielt er am Waschbeckenrand und hielt sich weiter daran fest. „Ich sehe schlimm aus, Sara.“ Michael sah an sich hinab und deutete mit der freien Hand auf seinen eingefallenen Bauch. Er konnte und wollte einfach nicht glauben, dass er so abgemagert war und blickte sie daher noch immer sehr aufgewühlt an.  
Die Ärztin trat langsam in den Raum, stellte sich vor ihm und sah zu ihm hinauf. „Du bist am Leben, Michael“, erwiderte sie genauso leise. „Ja, du hast in den letzten Wochen sehr viel abgenommen, aber das ist eine Kleinigkeit! Das allerwichtigste ist, dass du am Leben bist! Alles andere bekommen wir wieder hin.“
Äußerst bedacht legte sie ihre Arme um seine Hüfte und schmiegte ihren Kopf hauchzart an seine Brust. Michael schloss die Augen und zog sie fester in die Umarmung. Sie brauchte ihn nicht mehr mit Samthandschuhen anzufassen und das wollte er ihr zeigen. Erleichtert seufzte sie und schmiegte sich enger an ihn. Unbeschreiblich sanft küsste er ihr aufs Haar und schmiegte seinen Kopf an ihren.
Michael genoss ihre Umarmung und ihre Nähe, und er war noch glücklicher, dass es Sara gut ging und sie bei ihm war. Trotz aller Geschehnisse und Probleme, die nur auf sie zu warten schienen, waren sie zusammen. Sie würden deswegen alles schaffen. Sara war seine Welt und er würde ihr alles zu Füßen legen, was sie sich wünschte.
„Sara?“
„Hm?“
„Ich hab‘ zwar einen Bärenhunger und mein Magen hängt irgendwo zwischen meinen Kniekehlen, aber könntest du mir erst einmal mit meinen Gestrüpp helfen, was sich Haare schimpft?“
Leise lachte sie und löste ihren Kopf von seiner Brust. Sie hauchte einen zärtlichen Kuss auf seine Haut, erst dann hob sie ihr Gesicht seinem entgegen. Ihre Augen strahlten und hellten ihr Gesicht auf wunderbare Weise auf. Sie musterte sein Gesicht, als hätte sie das Chaos nicht schon längst gesehen, und grinste.
„Gestrüpp?“, wiederholte sie und fuhr mit einer Hand durch seine langen Haare. „Vielleicht gefällt es mir ja, wenn es so lang ist?“
Entsetzt zog er seinen Kopf zurück und starrte sie an. „Ernsthaft?“
Abermals grinste sie. „Nein.“ Sie legte den Kopf schief und betrachtete ihn noch einige Sekunden. „Aber ganz so kurz musst du sie auch nicht wieder machen.“
„Was hältst du davon, wenn du sie mir einfach schneidest? Dann entscheidest du, wie lang sie werden sollen. Hauptsache sie sind kürzer als das hier!“ Er schielte zu den Strähnen hoch, die ihm ins Gesicht fielen und pustete sie gespielt genervt in die Luft.
Sie lachte erneut, trat neben ihn und schloss den Toilettendeckel.
„Setzt dich“, rief sie und bugsierte ihn sanft, aber bestimmt zum Toilettensitz.
Michael setzte sich und beobachte sie interessiert, wie sie erst den Waschbeckenschrank durchsuchte und dann im länglichen Hängeschrank fündig wurde. Mit einer kleinen schwarzen Tasche, welche ein Bild einer Haarschneidemaschine abbildete, trat sie zurück zu ihm und breitete deren Inhalt auf der breiten Heizung aus. So schnell konnte er gar nicht gucken, da hatte Sara ein Handtuch um seinen Oberkörper gelegt und machte die Maschine einsatzbereit. Das vertraute Summen erfüllte das Badezimmer und sie begann vorsichtig seine Haare zu schneiden. Innerhalb weniger Sekunden fielen büschelweise Haare auf das Handtuch und Michael spürte geradezu, wie sein Kopf leichter und eine Last von seinen Schultern genommen wurde. In langen Bahnen fuhr Sara mit der Maschine über seinen Kopf und brachte so wieder Ordnung und Normalität in sein Leben.
Nach wenigen Minuten trat sie einen Schritt zurück und betrachtete ihn aufmerksam. Er musste bei ihrem konzentrierten und süßen Anblick einfach grinsen, was wiederum sie zum Schmunzeln brachte.
„Lenk mich nicht ab“, murmelte sie so ernst, wie sie konnte, und doch hatte sie ein Lächeln im Gesicht. Sie drehte seinen Kopf in alle Richtungen und überprüfte, ob sie keine Stelle übersehen hatte.
„Ja, Ma’am“, antwortete er feierlich, hielt still, lächelte aber weiterhin.
Sara hielt in ihrer Bewegung inne und blickte ihn lange in die Augen. Die Zeit zwischen ihnen schien still zu stehen. Wie in Trance wischte sie ein Haarbüschel von seiner Wange und da, wo sie seine Haut berührte, ging sie in Flammen auf. Sein Herz begann zu rasen und tausende Schmetterlinge flogen in seinen Bauch umher. Sein Blut rauschte laut durch seine Adern. Jede Sekunde, die er sie ansehen durfte, war ein Geschenk des Himmels und er genoss sie in vollen Zügen.
Saras braune Augen begannen zu strahlen. Sie beugte sich zu ihm hinunter und drückte ihre weichen Lippen auf seine. Es war ein federleichter Kuss. Ihre Lippen bewegten sich flüsterzart und genauso zärtlich erwiderte er ihre Bewegungen. Viel zu schnell beendete sie den Kuss.
„Ich liebe dich“, flüsterte sie.
„Ich liebe dich, Sara“, sprach er genauso sanft und strahlte nun seinerseits. Sie neigte den Kopf und lächelte. Erst dann begann sie den Aufsatz der Maschine grob zu reinigen und durch eine noch feinere zu tauschen. Ruhig trat sie wieder an ihn heran und hob sein Kinn. „Ich stutzte dir gleich den Bart, okay?“
Er nickte nur und sie begann von neuen mit ihrer Arbeit. Behutsam und bedacht fuhr sie mit der Maschine über seine Kinnpartie und über seinen Hals. Noch mehr Haare fielen und mit jedem Schnitt fühlte sich Michael mehr und mehr als Mensch.
Im angenehmen Schweigen beendete die junge Ärztin die Tätigkeit. Sie legte die Maschine auf die Heizung, ging zum Waschbecken und machte ein kleines Handtuch nass. Dann kehr-te sie zu ihm zurück und wusch ihm das Gesicht und den Hals, um die losen Haare, so gut wie es ging, zu entfernen. Ihre Bewegungen waren ruhig und selbstsicher und wie das Haare schneiden, genoss Michael auch diese hauchzarten Berührungen.
Es dauerte nur wenige Sekunden und sie war auch damit fertig. Sie warf das Handtuch in den Wäschekorb, nahm ihm das große Handtuch von den Schultern und schüttelte die losen Haare aus. Wie das kleine landete auch dieses in den vorgesehenen Korb.  
Während Sara das Badezimmer aufräumte und die losen Haare zusammenkehrte, stand Michael auf und griff nach den Rand des Waschbeckens. Er zog sich zum Wachbecken und betrachtete sich im Spiegel. Der Mann, der ihm jetzt entgegenblickte, wirkte nach wie vor ausgemergelt und von den vergangenen Wochen gezeichnet, aber er sah wieder wie er selbst aus. Sara hatte seine Haare auf mehrere Millimeter gekürzt. Nicht so kurz, wie er es sonst tat, aber kurz genug, dass er damit ohne Probleme leben konnte, und seinen Bart hatte sie auf einen 3-Tage-Bart zurückgetrimmt. Endlich blickte ihm sein gewohnter Anblick entgegen.
„Danke“, hauchte er ergriffen.
Sara trat wortlos neben ihn und sah ihn durch den Spiegel an. Sie legte einen Arm um seine Hüfte und lehnte sich sanft an seine Schulter. „Und jetzt sorgen wir dafür, dass du wieder etwas auf die Hüften bekommst.“ Zaghaft lächelte sie und er erwiderte dieses Lächeln …

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Fortsetzung folgt ...
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