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Spuren des Lebens

GeschichteDrama / P18 / Gen
Dr. Sara Tancredi Lincoln "LJ" Borrows Junior Lincoln Borrows Michael Scofield Paul Kellermann
02.11.2019
04.01.2020
11
56.399
2
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21.12.2019 3.402
 
Disclaimer:    
Alle Charaktere und die Idee der Serie Prison Break sind geistiges Eigentum von Paul T. Scheuring. Ich leihe mir seine Figuren nur aus und gebe sie am Ende wieder zurück.
Der Dialog am Anfang der Geschichte zwischen Michael und dem Geistlichen ist aus der Folge ‚Bolshoi Booze‘ der 2. Staffel. In einem Gespräch zwischen Michael und Sara im späteren Verlauf der Geschichte stammen Teile davon aus der Folge ‚Chicago‘ der 2. Staffel, sowie ist im letzten Drittel der fertigen Geschichte ein abgewandelter Dialog zu finden, welcher aus der Folge ‚Disconnect‘ der 2. Staffel stammt.

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Eine Maschine brummte rhythmisch neben seinem Ohr. Es war ein stätiges Brummen begleitet mit einem immer wiederkehrenden gleichmäßigen Piepen. Er lag wieder im Bett und nur sehr, sehr langsam kam Leben in seinen geschundenen Körper. Eine Zelle nach der anderen, ein Muskel nach dem anderen erwachte zum Leben. Träge bewegte er mit geschlos-senen Augen den Kopf auf dem Kissen in Richtung der brummenden Maschine. Seine rechte Hand zuckte kurz, bevor er sie versuchsweise bewegte und sie langsam über die Matratze gleiten ließ.
„Mr. Scofield?“
Eine fremde Männerstimme erklang direkt neben der Maschine und reflexartig erstarrte er. Er holte rasch Luft und Panik stieg in ihm auf. Die Stimme kannte er nicht und in seiner gegenwärtigen Situation war alles Fremde gar nicht gut. Sein Puls beschleunigte sich, sein Herz begann zu rasen. Das Piepen der Maschine kam in immer kürzeren Abständen und gab eindeutig sein Inneres wieder.
„Ganz ruhig, Mr. Scofield“, rief die Männerstimme schnell. „Ich bin ein Freund von Sara!“
Zögernd öffnete Michael die Lider und blinzelte gleich darauf mehrmals, als ihn ein helles Licht blendete.
„Oh, tut mir leid. Warten Sie einen Moment!“
Der Mann erhob sich vom Stuhl, welcher an der rechten Seite des Bettes stand, lief rasch zu der aufgestellten Baustellenlampe und drehte sie zur Seite, so dass er nicht mehr von dieser angeleuchtet wurde. Michael schloss für einen Moment die Lider und gab seinen Augen die Gelegenheit sich an die neuen Lichtverhältnisse zu gewöhnen. Als er die Augen erneut aufschlug, saß der Mann bereits zurück auf den Stuhl und betrachtete ihn aufmerksam.
„Wer …“ Seine Stimme war ein einziges Krächzen, sein Hals war total ausgetrocknet und die Worte kamen nur schwer über seine spröden Lippen. „… sind … Sie?“
Der hochgewachsene Mann, welcher nicht viel älter als er selbst war und dunkelblondes Haar besaß, bückte sich und nahm einen Becher Wasser mit Strohhalm zur Hand. Ohne auf seine Frage einzugehen, beugte er sich zu ihm herüber und setzte den Strohhalm behutsam an seine Lippen.
„Trinken Sie“, meinte er ruhig. „Dann geht es Ihnen besser. Machen Sie aber langsam!“
Nicht schnell und auf den Rat des Mannes hörend, trank Michael von dem Wasser. Kaum berührte aber das kühle Nass seine Kehle, wollte er den Becher am liebsten an sich reißen und ihn in einem Zug leer trinken. Es war, als hätte sein Körper nur auf Flüssigkeit gewartet und reagierte dementsprechend. In immer schnelleren Zügen trank er und wollte so viel mehr, da nahm der Mann den Becher mit dem Strohhalm bereits von seinen Lippen.
„Mehr“, bat er leise. Seine Stimme hörte sich schon geschmeidiger an. „Bitte.“
„Später“, erwiderte der Mann ruhig und lehnte sich mit dem Becher in der Hand zurück. „Wenn ich Ihnen jetzt zu viel Wasser gebe, werden Sie es bereuen. Glauben Sie mir, Mr. Scofield. Manchmal ist weniger mehr!“ Er stellte den Becher weg und musterte ihn von neu-en. „Ich bin Thomas Clark. Dr. Thomas Clark.“ Er nickte ihm zu. „Ich bin ein ehemaliger Kollege und guter Freund von Dr. Sara Tancredi.“
Michael erwiderte das Nicken, bevor er seinen Blick nicht gerade schnell durch den kargen Raum wandern ließ. Die Wände des kleinen Zimmers waren kahl und nicht einmal tapeziert. Das helle Grau der kahlen Wände ließen den Raum noch spärlicher wirken und da es kein Fenster gab, wirkte es noch trostloser. Nur der Stuhl, die Maschine, ein kleiner Rollcontainer und die Baustellenlampe schmückten seinen Aufenthaltsraum. Selbst das Bett war kein richtiges, wie er jetzt erst feststellte. Es war eine einfache Liege, die nur den Zweck diente, dass er weich lag und sich erholen konnte. Es war kein Vergleich zu dem Doppelschlafzimmer in dem Haus.
„Wo sind wir?“, wollte er flüsternd wissen und sah Dr. Clark an. „Wo sind Sara und …“ Michael stockte. Er wusste nicht, wie viel der Arzt von sich, seinen Bruder und der Flucht wusste. Wenn er zu viel verriet, dann war Lincoln und auch Sara in Gefahr. Wenn er sich selbst in Gefahr befand und das FBI ihn schlussendlich erwischt hatte, war das eine Sache, aber den Beiden durfte nichts geschehen.
„Ihr Bruder?“, beendete der Mann seine Frage und lächelte aufmunternd. Er deutete mit dem Kopf auf die geschlossene Tür. „Sie sind am anderen Ende des Ganges. Wir müssen uns hier etwas bedeckt halten“, erklärte er ruhig weiter. „Wir befinden uns im Keller eines mexikanischen Krankenhauses!“
Michael riss die Augen auf und wollte sich aufsetzen, aber Dr. Clark reagierte blitzschnell und drückte ihn entschlossen zurück auf die Matratze. „Bleiben Sie liegen!“
„Aber Lincoln und Sara …“ Sein Puls begann von neuen zu rasen, als er an all die Konsequenzen dachte, die den Beiden drohten, wenn sie bei ihm blieben und sie gefunden wurden. „Sie müssen hier weg!“
„Beruhigen Sie sich, Mr. Scofield. Sie sind in Sicherheit. Da sind alles nur Vorsichtsmaßnahmen, solange Sie an das Krankenhaus gebunden sind.“
Jetzt verstand er gar nichts mehr. Irritiert musterte er den Arzt. „Warum? Was ist passiert?“
„Ich hol am besten Sara, damit Sie erst einmal ein bekanntes Gesicht vor sich haben. Sie kann Ihnen dann auch alles Medizinische erläutern. Das kann sie ja genauso gut wie ich.“ Ohne auf eine Antwort seinerseits abzuwarten, stand er in einer fließenden Bewegung auf, durchquerte den Raum und blieb vor der geschlossenen Tür stehen. Michael hob erstaunt die Brauen, als er sah, wie der Doktor sich an die Tür anlehnte, das Ohr an diese legte und offensichtlich auf Geräusche von draußen lauschte. Anscheinend war die Luft frei, denn er schloss die Tür auf, öffnete sie langsam und verließ schnell den Raum. Die Tür wurde von Dr. Clark wieder zugeschlossen und Michael blieb allein zurück.
Noch einmal sah er sich in dem winzigen Zimmer um und kam endgültig zu der Auffassung, dass dies kein Krankenzimmer im herkömmlichen Sinne war. Sara und ihr Kollege mussten einiges in Bewegung gesetzt haben, um ihn hier unterzukriegen. Was ihn zur nächsten Frage brachte. Warum war er in einem Krankenhaus? Und dann noch in Mexiko?
Einen langen Augenblick starrte er die gegenüberliegende Wand an und wartete geduldig. Er konnte sich noch so viele Gedanken machen, sich noch so viele verschiedene Szenarien ausdenken, aber nichts davon würde ihm helfen. Also wartete er und hoffte, dass all seine Fragen von Sara beantwortete wurden.
Michael atmete ruhig ein und aus. Er versuchte sich zu entspannen und sich bequemer auf die Matratze zu betten, aber die Muskeln in seinen Rücken verkrampften sich leicht. Das erstaunliche dabei war, dass es auch schon alles war, was er von seinem Körper wahrnahm. Verblüfft hob er die Decke an und sah, dass seine Brust so gut wie verheilt aussah. Nur noch vereinzelt zählte er einige Pflaster. Selbst sein Oberschenkel sah schon besser aus und der Verband war bedeutend schmaler als in seiner Erinnerung. Als er die Decke zurückfallen ließ, hob er seine linke Hand und stellte zu seinem Erstaunen fest, dass selbst seine gebrochenen Finger fast vorzeigbar waren. Sie waren zwar weiterhin durch ein dünnes Band zu Paaren miteinander verbunden, aber sie fühlten sich schon richtig gut an. Es würde nicht mehr sehr lange dauern und er konnte sie wieder ganz normal bewegen.
Gerade wollte er nach seinen Fuß sehen, als er das Drehen des Schlüssels im Schloss hörte. Gespannt blickte er zur Tür. Als Sara leise eintrat, verzogen sich seine Lippen unwillkürlich zu einem liebvollen Lächeln. Ein tiefes Kribbeln breitete sich in Sekundenschnelle von seinen Inneren kommend in seinen kompletten Körper aus.
„Hey“, hauchte er und grinste.
Ihr Gesicht hellte sich augenblicklich auf und nachdem sie die Tür verschlossen hatte, trat sie schnell zu ihm an die Liege. Sie setzte sich auf dem Stuhl und griff sogleich nach seiner Hand. Sacht drückte sie diese und lächelte ihn unglaublich erleichtert an. Er musste schwer schlucken, als er ihre strahlenden braunen Augen sah, die vor Tränen nur so schimmerten. „Was auch passiert ist, Sara“, flüsterte er unbeschreiblich sanft. „Jetzt bin ich wieder bei dir!“
„Und dafür bin ich jeden Tag dankbar!“ Sie hob seine Hand an ihre Lippen und küsste sie zärtlich. Glücklich lächelte sie ihn an.
„Warum sind wir in einem Krankenhaus, Sara?“, wollte er sogleich wissen und sah sie fragend an. „Und dann noch in Mexiko? Was ist passiert?“
„Erinnerst du dich noch an die Infektion in deiner Schulter?“, wollte sie stattdessen wissen und musterte ihn. Er neigte stumm den Kopf und sie redete ruhig weiter: „Ich habe noch versucht, die Infektion zu bekämpfen, aber durch die Schnittwunden kamen dennoch Bakterien in deinen Blutkreislauf und haben sich in deinen Körper ausgebreitet.“ Sie seufzte leise und straffte die Schultern. Anscheinend suchte sie die passenden Worte und musste sich diese erst zurechtlegen. „Bei deinen Zusammenbruch haben dann alle Symptome auf eine Sepsis hingewiesen. Wir haben es gerade noch ins Krankenhaus geschafft, denn dein Zustand hatte sich rapide verschlechtert.“ Ein weiteres Mal seufzte sie schwer und wartete einen längeren Moment, bevor sie ihm die ganze Wahrheit offenbarte: „Michael, du lagst insgesamt zweieinhalb Wochen im künstlichen Koma!“
Geschockte starrte Michael sie einfach nur an. „Was?“
Sie hielt inne und sammelte sich. „Du hast dich endlich soweit erholt, dass wir es wagen konnten dich zurückzuholen.“ Sie legte nun auch ihre andere Hand an seine und sah ihn schon etwas gefasster an. „Wir sind mit dem Krankenwagen nach Mexiko gerast. Thomas hat auf der Fahrt hierher alles arrangiert und wir haben dich unter falschen Namen in das Krankenhaus einliefern lassen. Thomas hat hier einige enge Freunde und wir konnten dich ohne ernste Probleme behandeln lassen.“ Sie verstummte einen Augenblick und betrachtete sein Gesicht. Jetzt musste sie paradoxerweise erleichtert grinsen. „Natürlich hat es sehr geholfen, dass dir in der Zwischenzeit ein Bart gewachsen ist und deine Haare bedeutend länger sind als auf den Fahndungsfotos.“
Sprachlos blinzelte Michael einige Male und konnte nicht glauben, was Sara ihm da eröffnete. Da er ihre Hand nicht loslassen wollte, nahm er seine geschundene Hand und fuhr langsam über sein Gesicht. Nicht gerade wenige Haare bedeckten sowohl seine Kinn- als auch seine Halspartie und auf seinem Kopf waren die Haare ebenfalls ordentlich gewachsen.
„Oh man“, entfuhr es ihm laut. Beschämt verzog er das Gesicht und blickte Sara an. „Da kann ich ja froh sein, dass du bei mir geblieben bist!“
Trotz der prekären Lage musste sie lachen. Fassungslos schüttelte sie den Kopf. „Ist das deine einzige Sorge? Dein Haarwuchs?“
Er zuckte die Schultern und lächelte sein halbes Lächeln.
Sara antwortete mit einem Lächeln und drückte sacht seine Hand. „Uns hat es auf jeden Fall geholfen“, nahm sie den Faden wieder auf. „Du hattest ein Nierenversagen und musstest eine Zeitlang auf der Intensivstation verbringen.“ Sie stoppte plötzlich in ihrer Erzählung und starrte vor sich hin. Ihr Blick verlor sich in der Erinnerung und ihr Gesicht nahm einen traurigen Ausdruck an. Michael musste schlucken, als er begriff, dass die letzten Tage und Wochen die reinste Tortur für Sara und auch für Lincoln gewesen sein mussten.
„Ich hatte mir geschworen, dass ich dir nie wieder solche Sorgen bereite“, flüsterte er schuldbewusst und sah sie entschuldigend an. „Es tut mir leid, dass ich mein Vorhaben nicht einhalten konnte und du da durchmusstest!“ Einige wenige Sekunden schwieg er, ehe er den Mut fand, um das Unvermeidliche zu fragen: „Bin ich auf den Weg der Besserung, oder muss ich mit Folgeschäden rechnen?“ Er hatte zwar schon einiges über die Sepsis gehört und wusste, dass die Todesrate relativ hoch war, wenn mit der Therapie nicht früh genug begonnen wurde, aber auch die Folgeschäden konnten verheerend sein.
„Die Ärzte konnten dich zum Glück retten“, sprach sie gefasst und sah ihn von neuen warm an. „Das schlimmste war dabei das Nierenversagen. Gegen die Infektion hast du Antibiotika erhalten und jetzt endlich zeigen sie ihre vollständige Wirkung. Dein Blutbild hat sich deutlich gebessert und zeigt keine Auffälligkeiten mehr. Auch deine Nieren arbeiten wieder normal und zeigen keine Auffälligkeiten. Wir müssen dennoch noch etwas warten, aber bisher sieht es recht vielversprechend aus. Wenn du etwas Kraft gesammelt hast, können wir also von hier verschwinden.“
„Das hört sich gut an.“ Er ließ den Kopf zurück aufs Kissen gleiten und betrachtete Sara lange und ausgiebig. Eine gefühlte Ewigkeit sah er sie nur an und bemerkte ihren sowohl über-raschten als auch befreiten Gesichtsausdruck. Sie hatte anscheinend mit mehr Gegenwehr von seiner Seite aus gerechnet, was sein schlechtes Gewissen zurückbrachte. Sein Bruder hatte recht. Die Menschen, die er liebte, um die er sich Sorgen machte und die er beschützen wollte, ging es mit ihm ganz genauso. Er musste es endlich zulassen und sich von ihnen helfen lassen. Er war mit seinen Sorgen und seinen Leid nicht allein.  
„Wann kann ich hier raus, Sara?“, fragte er schnell weiter, ehe sie ihn wegen seines Sinneswandels ansprechen konnte, und sein schlechtes Gewissen die Möglichkeit ausnutze, um sich in jeder Pore seines Körpers festzusetzen. Gleichzeitig kamen ihm seine letzten wachen Momente in den Sinn und wie abrupt diese geendet hatten. „Und wo sind Lincoln und …“ Für Sekunden stockte Michael in seinen Redefluss und er durchlief noch einmal das vergangene verhunzte Gespräch in seiner glasklaren Erinnerung. Er atmete tief durch, ließ die Auseinan-dersetzung Revue passieren und versuchte nicht allzu genau darüber nachzudenken. Es musste aber etwas passieren, daher überwand er sich. Es gab viel zu tun und viel zu be-sprechen. Nach wie vor. „Wo ist mein Vater?“
„Lincoln ist bei Thomas den Gang runter“, berichtete sie ihm und beugte sich vor. „Wir haben einen ehemaligen kleinen Lagerraum umfunktioniert und konnten so unbemerkt in deiner Nähe bleiben.“ Vorsichtig hob sie ihre Hand und fuhr liebevoll lächelnd mit ihren weichen Fingern über seinen Kopf hinab zu seiner Wange. „Michael, wenn es dir heute Abend weiterhin so gut geht, wollen wir noch heute abreisen!“
Seine Augen weiteten sich bei dieser neuen Information und er war sichtlich überrascht, dass ihre Abreise bereits geplant war, aber Sara sprach schon weiter: „Wir haben dich extra etwas länger im Koma behalten, damit du theoretisch nur die Benommenheit ablegen musst, die durch das Koma verursacht wird, und wir dann zurück zum Haus fahren können.“ Sie legte ihre Hand zurück an seine und drückte sie leicht. „Dein Vater ist mit seinen Leuten in Thomas‘ Haus geblieben, um weiterhin Vorbereitungen zu treffen.“ Augenblicklich entglitten ihr die Gesichtszüge und ihre Augen vergrößerten sich schlagartig, als sie merkte, wie sich das für ihn höchstwahrscheinlich anhören musste. „Versteh das bitte nicht falsch, Michael“ fuhr sie rasch fort. „Er ruft alle drei bis vier Stunden an, um zu fragen, wie es dir geht. Er macht sich große Sorgen um dich und es tut ihm sehr leid, wie euer Gespräch schlussendlich verlaufen ist!“
Obwohl er nicht darüber nachdenken wollte und er es erst recht nicht zulassen wollte, kamen die tiefvergrabene Enttäuschung und die heiße Wut gegenüber seinem Vater abermals an die Oberfläche. Sie waren wie ein Geschwür, was immer wieder kam. Michael musste erst einmal einige wenige Atemzüge verstreichen lassen, um sich soweit zu beruhigen, dass er nicht voreingenommen an die Sache heran ging. Er ließ den Blick durch den kargen Raum wandern, betrachtete die kahlen Wände und mied Saras besorgten Blick. Er musste einfach seine Gedanken sortieren. Als hätten diese nämlich nur auf sein Aufwachen gewartet, stürmten sie über ihn herein und rissen ihn mit.  
Aldo Burrows‘ hatte seine Frau und seine beiden Söhne von jetzt auf gleich verlassen und war spurlos in die Welt verschwunden. Als Lincoln meinte, dass er noch sehr klein war, als ihr Vater verschwand, entsprach das der Wahrheit, aber das hieß nicht, dass er sich nicht an seinen Vater erinnerte. Klar, sein Vater hatte, wegen ihrer gemeinsamen Leidenschaft für den Sport, mehr den Draht zu seinem großen Bruder gehabt, und er selbst kam eher nach seiner Mutter, dennoch hatten sich die wenigen Erinnerungen an seinen Vater in sein Gehirn gebrannt. Es war alles gewesen, was er noch von ihm gehabt hatte. Daher wusste er noch viel zu gut, wie niedergeschlagen und enttäuscht Lincoln gewesen war, als ihr gemeinsamer Vater ohne ein Wort zu sagen von der Bildfläche verschwunden war. Es wurde höchste Zeit, dass sie den Konflikt untereinander aus der Welt schafften und hoffentlich wieder eine Familie wurden. Sein Vater musste einen Grund gehabt haben, die Familie zu verlassen und den wollte er so schnell wie möglich erfahren! Auch, wenn er nach wie vor zwischen der Wut, der Enttäuschung und der neu aufgekommenen Hoffnung hin- und hergerissen war.
„Michael?“
Die ruhige und vor allem sehr sanfte Stimme von Sara drang in seine Gedanken und ließ ihn den Kopf unbewusst in ihre Richtung drehen. „Ja?“
„Ich wollte es dir unbedingt als erste sagen.“ Ihr Gesicht hellte sich auf und ihre Augen strahl-ten. „Es gibt sehr gute Nachrichten. Du wirst es nicht glauben, aber das FBI hat T-Bag in Utah geschnappt!“
Sprachlos sah Michael sie an. Fassungslos schüttelte er den Kopf. „Was …?“ Er konnte nicht glauben, was sie da sagte.
Die junge Ärztin nickte heftig. „Es stimmt, Michael! T-Bag ist zurück in Fox River und erwartet einen neuen Prozess.“ Sie drückte seine Hand. „So, wie ich gehört habe, sitzt er in Einzelhaft und seine Haftstrafe wird fortgesetzt. Er wird niemals wieder in Freiheit kommen!“ Sie nickte ihm entschieden zu. „Einer weniger, um den wir uns Sorgen machen müssen!“
Michael erwiderte ihr Lächeln und freute sich, aber anderseits war Theodor ‚T-Bag‘ Bagwell nur wegen ihm überhaupt freigekommen. Nur wegen ihm allein war der Mörder und Verge-waltiger als einer der Fox River Acht auf freien Fuß gekommen. Menschen waren wegen ihm gestorben, weil sie T-Bag im Weg gestanden hatten. Er war für alles Schuld, was T-Bag angerichtet hatte.
„Du gibst dir die Schuld“, flüsterte sie sacht und Michael sah ihr langsam in die Augen. Verständnisvoll erwiderte sie seinen Blick. „Du freust dich zwar, aber ich sehe es dir deutlich an, dass die Freude deine Augen nicht erreicht. Die Schuld ist dein ständiger Begleiter, oder?“
Er konnte ihr nicht antworten, daher neigte er lediglich stumm den Kopf.  
Sie seufzte und ließ jetzt selbst den Blick durch den Raum wandern. „Weißt du, Michael, ich hab‘ lange überlegt, ob ich es dir überhaupt erzähle“, gestand sie ihm. „Ich habe geahnt, dass du nicht das Positive an seiner Verhaftung siehst, sondern nur das, was er angestellt hat. Ich bin dann zu der Überzeugung gelangt, dass es dir trotz allem guttun würde. Er ist hinter Schloss und Riegel! Sag dir das bitte immer wieder, ja?“
„Ich versuch es“, meinte er ehrlich. „Danke, dass du es mir gesagt hast. Trotz deiner Bedenken.“
„Alles wird gut, Michael.“ Aufmunternd lächelte sie ihn an.
Jetzt musste er auf jedem Fall lächeln. Gespielt verwirrt verzog er die Augenbrauen. „Ist das nicht irgendwie mein Spruch?“
Sie strahlte ihn an und ihre braunen Augen leuchteten wunderschön auf. „Ich weiß.“ Sie zwinkerte ihm zu und er musste einfach lachen. „Ich weiß, was du vorhast, Sara!“
„Ach ja?“ Sie grinste schelmisch. „Weißt du das?“
Er nickte entschieden. Außerdem spürte er, wie ein wohliges und mitreißendes Gefühl durch seine Adern rauschte. Seine trüben Gedanken verschwanden in den Hintergrund und hinterließen nur seine tiefen Gefühle für Sara. Die wohlige Wärme wurde von einer senkenden Hitze abgelöst und mit einem Mal war die junge Frau in all seinen Gedanken, in all seinen Gefühlen. Sara war sein Mittelpunkt und sie allein schaffte es, ihn zu erden. Egal, was ihn gerade beschäftigte, sie schaffte es immer wieder, ihn zurückzuholen. Sie musste erfahren, wie viel sie ihm bedeutete: „Weißt du eigentlich, wie sehr ich dich liebe, Sara?“
Nun erhellte ihr Lächeln das ganze Zimmer. „Und ich liebe dich!“
Sie beugte sich zu ihm und drückte ihre Lippen sanft auf seine. Michael genoss ihre weichen Lippen und erwiderte ihren Kuss. Viel zu schnell löste sie sich von ihm. Dafür fuhr ihre Hand noch einmal über seinen Kopf und streichelte ihn liebevoll durchs Haar. Sie ließ sich zurück auf den Stuhl sinken und hielt seine Hand fest umschlungen. Sie lächelte über beide Ohren und strahlte so glücklich, wie er sich fühlte, und zum ersten Mal seit einer Ewigkeit hatte Michael das Gefühl, dass wirklich alles gut werden würde …

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Fortsetzung folgt ...
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