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Spuren des Lebens

GeschichteDrama / P18 / Gen
Dr. Sara Tancredi Lincoln "LJ" Borrows Junior Lincoln Borrows Michael Scofield Paul Kellermann
02.11.2019
04.01.2020
11
56.399
2
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21 Reviews
Dieses Kapitel
2 Reviews
 
14.12.2019 5.562
 
Disclaimer:    
Alle Charaktere und die Idee der Serie Prison Break sind geistiges Eigentum von Paul T. Scheuring. Ich leihe mir seine Figuren nur aus und gebe sie am Ende wieder zurück.
Der Dialog am Anfang der Geschichte zwischen Michael und dem Geistlichen ist aus der Folge ‚Bolshoi Booze‘ der 2. Staffel. In einem Gespräch zwischen Michael und Sara im späteren Verlauf der Geschichte stammen Teile davon aus der Folge ‚Chicago‘ der 2. Staffel, sowie ist im letzten Drittel der fertigen Geschichte ein abgewandelter Dialog zu finden, welcher aus der Folge ‚Disconnect‘ der 2. Staffel stammt.

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Irgendwo in seiner Nähe machte ein Auto eine Vollbremsung. Die Reifen quietschten laut, verstummten abrupt und gleich darauf hupte jemand wild vor sich hin. Als Antwort beschwerte sich jemand aggressiv zurück. Erneut hupte das Auto, dann war es still auf der Straße.
Michael öffnete die schweren Lider und blickte zum offenen Fenster hinüber. Frische Luft wehte in das Doppelschlafzimmer und Tageslicht erhellte einen kleinen Teil des Raumes. Das Fenster, welches genau neben dem Bett lag, war mit zwei Vorhängen zugezogen, so dass er auf dem Bett im Halbdunkeln lag. Das zweite Fenster war nur mit einem Vorhang zu gezogen und der Bereich, der offen war, ließ sowohl das Licht als auch die Luft hinein. Der Vorhang bewegte sich sanft im Wind und erzeugte trotz des alltäglichen Lebens auf der Straße eine ruhige Atmosphäre.
Noch schlaftrunken schloss er wieder die Augen und spannte für Sekunden seinen Körper an. Seine Verletzungen wummerten und sprachen eine ihm sehr bekannte Sprache. Sie berichteten ihm, dass er wahrscheinlich Stunden geschlafen hatte. Das Schmerzmittel war ab-gebaut und die Schmerzen hatten seinen Körper zurückerobert.
Benommen hob er seinen rechten Arm, um über sein Gesicht zu streichen, als er innehielt. Erst jetzt bemerkte er, dass er auf der linken Seite lag und nur deswegen zur Fensterseite schauen konnte. Vollkommen irritiert sah er sich um. Wie er sah, war der Zugang auf seiner linken Hand nicht mehr mit der Infusion verbunden und daher hatte er sich gedankenlos im Schlaf bewegen können. Anscheinend ging es ihm langsam aber sicher wirklich besser, wenn er sich im Schlaf endlich drehen konnte.
Behutsam drehte Michael den Kopf über seine Schulter. Er wollte sehen, ob Sara neben ihm lag und noch schlief, aber die andere Bettseite war leer. Er war allein. Als er seinen Blick zurück auf die Fensterseite richtete, fing plötzlich sein Körper an unkontrolliert zu zittern. Es begann in seinem Inneren und breitete sich schlagartig auf seine vier Gliedmaßen aus. Von einem Moment auf den anderen zitterten seine Beine, zitterten seine Arme und als wäre das nicht genug, zitterten auch seine Ober- und Unterkiefer. Seine Zähne schlugen aufeinander und gaben den Begriff Zähneklappern eine ganze neue Bedeutung. Ihm war eiskalt. Er griff nach der weg gerutschten Bettdecke und deckte sich bis zum Kinn zu. Die aufkommende Wärme unter der Decke half etwas, aber er zitterte immer wieder in Schüben. Warum er unter einem Schüttelfrost litt, war ihm unverständlich. Es ergab für ihn überhaupt keinen Sinn. Er war auf dem Weg der Besserung. Seine Verletzungen heilten und es ging ihm mittlerweile so gut, dass sich sein Körper im Schlaf verselbstständigte.
Michael konnte nicht weiter darüber nachdenken, denn in diesem Moment öffnete sich die Zimmertür einen Spalt breit und Sara lugte in den Raum. Als sie sah, dass er wach war, machte sie die Tür ganz auf und trat ein.  
„Hey.“ Liebevoll lächelte sie ihn an, schloss die Tür und trat mit einem Teller in der Hand ans Bett.
„Hey.“ Auch er lächelte leicht, wobei er den nächsten Zitterschub aber unterdrückte. Er ließ sich nichts anmerken und sah ihr stattdessen dabei zu, wie sie den Teller auf dem Nachttisch abstellte und sich auf die Bettkante des anderen Bettes setzte, welches näher an der Fensterseite lag.
„Als ich das Auto so laut hupen hörte, hab‘ ich mir schon gedacht, dass es dich munter macht.“ Sie ließ ihren Blick über ihn wandern und wunderte sich nicht, dass er bis oben hin zugedeckt war. „Wie geht’s dir?“
„Mein Körper wummert ordentlich und mir ist kalt.“ Er sah zum Fenster und hoffte wirklich, dass der Schüttelfrost damit zusammenhing. „Kannst du bitte das Fenster schließen?“
„Natürlich.“ Sie erhob sich und schloss gleich darauf das Fenster. „Und ansonsten? Was machen die Schmerzen?“
„Es geht“, beantwortete er ihre Frage und zog die Decke fester um sich. Er ignorierte dabei den Druck, der auf seine Wunden entstand. Zuerst wollte er diese verdammte Kälte bekämpfen und wenn ihm dann warm war, konnte er sich wieder seiner Verletzungen widmen. „Ir-gendwie ist gerade alles ein dumpfer Schmerz und wummert. Selbst die Schulter.“
Sie neigte den Kopf und verzog verständnisvoll die Lippen. „Hast du Hunger?“
Nur bei den Gedanken an Essen stieg eine leichte Übelkeit seine Speiseröhre hinauf und er verzog angeekelt das Gesicht. „Eigentlich nicht, Sara.“
Ihre Augen weiteten sich und echte Besorgnis huschte über ihr weiches Gesicht. Noch einmal betrachtete sie ihn. Dieses Mal bedeutend länger. „Ist alles okay bei dir, Michael?“  
„Ja.“ Er schloss die Augen, ließ seinen Kopf tiefer ins Kissen sinken und sah sie von neuen an. „Mir ist nur kalt.“ Sobald er das gesagt hatte, spürte er, wie sich die Wärme langsam, aber sicher unter der Decke staute und ihm zum Glück warm wurde.
„Du solltest etwas essen, Michael!“, beharrte Sara. Sie beugte sich vor und griff nach dem Teller. Ein zubereitetes Sandwich lag dort und schien nur auf ihn zu warten. „Du brauchst Kohlenhydrate. Vor allem aber brauchst du Energie.“ Sie stellte den Teller auf die Matratze und schob ihn zu ihm hin. „Dein Körper verbraucht für die Heilung sehr viel Energie, da musst du dafür sorgen, dass er auch die Kraft dazu bekommt.“ Sie legte den Kopf schief und zauberte ihr schönstes Lächeln auf die Lippen. „Bitte, Michael, wenn du es nicht für dich tun möchtest, dann ess‘ das Sandwich mir zuliebe. Du wirst sehen, mit etwas zu Essen im Bauch, wirst du dich gleich besser fühlen!“
Michael musste lachen und richtete sich auf. „Du weißt aber schon, dass das unfair ist, oder?“ Er stützte sich mit seinem Ellenbogen auf der Matratze ab. „Du weißt ganz genau, dass ich dir nichts abschlagen kann.“
Erneut lächelte sie und strahlte übers ganze Gesicht. „Wenn es hilft und du dann etwas isst, werde ich es wieder und wieder anwenden!“ Sie zwinkerte ihm zu und schob den Teller ganz zu ihm hin. Er konnte ihr deutlich ansehen, dass sie ganz genau wusste, dass sie gewonnen hatte. Also gab er sich geschlagen. Leise seufzte er auf und nahm das Sandwich in die Hand. Einen Augenblick betrachtete er es. Sein Körper war über seine Empfindungen komplett uneins. Einerseits knurrte seine Magen nur beim Anblick von den zwei Weißbrotscheiben mit Belag auf, anderseits wurde ihm schon allein beim Geruch übel. Er sah über den Geruch hinweg und biss einfach ab. Schweigend kaute er. Nach dem dritten Bissen verschwand die Übelkeit und er spürte, wie sich sein Magen über die Nahrungsaufnahme freute und jedes bisschen Essen willkommen hieß. Während er noch mit den letzten Bissen beschäftigt war, stand Sara auf, lief um das große Bett herum und holte eine Wasserflasche vom anderen Nachtschrank. Innerhalb weniger Sekunden saß sie wieder neben ihm und reichte ihm wortlos die geöffnete Flasche. In kurzen Zügen trank er die Flasche leer und war dann doch froh etwas gegessen zu haben. Seinem Magen ging es gut. Die Flüssigkeit half ihm, sich frischer zu fühlen und sein Wohlbefinden steigerte sich – und wieder einmal zeigte sich, wie Recht Sara hatte. Ihm ging es besser.
„Danke, Sara“, flüsterte er, gab ihr die Flasche zurück und ließ sich gesättigt auf die Matratze sinken. Er brummte zufrieden, zog die Decke über seine Brust und schloss die Augen. Er war zwar gerade erst aufgewacht, aber er konnte schon wieder schlafen. Es war erstaunlich, wie der Körper funktionierte. Im Schlaf verbrauchte der Körper Energie, um all seine Verletzungen zu heilen. Es war ein Wunder. Er schlief und konnte bei jedem Erwachen sehen, wie sein Körper etwas mehr verheilt war.
„Am liebsten würde ich dich einfach schlafen lassen“, sprach Sara sehr leise. Er öffnete die Lider, hob verwirrt eine Augenbraue und sah sie fragend an. „Aber es gibt da jemanden, der dich heute noch treffen möchte.“ Sie stand neben dem Fenster und sah ihn sichtlich nervös an. Unruhig knetete sie ihre Hände und sah immer wieder zur Tür, als würde dieser Jemand bereits hinter der geschlossenen Tür warten.
„Ach ja“, rief er und erinnerte sich an das geplante Treffen. „Wir hatten ja eine Abmachung.“
Er richtete sich erneut im Bett auf und drückte beide Ellenbogen fest in die Matratze, damit er seinen Oberkörper langsam in eine senkrechte Position bekam. Sara kam schnell um das Doppelbett herum, trat neben ihm und half ihm in eine sitzende Position.
„Wir können es auch absagen, Michael“, meinte sie fürsorglich und ließ eine Hand auf seiner Schulter ruhen. „Ich kann sagen, dass es dir nicht gut geht und wir verschieben das Treffen.“ Verwundert sah er sie mit großen Augen an. Sie sah noch nervöser aus, und langsam, aber sicher fragte er sich wirklich, wer dieser Jemand war. Wer brachte Sara so aus der Fassung? Wie sein Bruder vor ein paar Tagen konnte jetzt Sara ihre Nervosität nicht mehr verstecken. Abermals fragte er sich, was die Beiden ihm verschwiegen. Im Gegensatz zu den vergangenen Tagen aber, wo er keine Antwort erhalten hatte, war jetzt die Zeit gekommen, wo er alles erfahren würde. Schon bald würde er alles verstehen.
Zuvor gab es aber ein anderes Problem zu lösen, welches ihn seit einigen Tagen auf der Seele brandete. Da es ihm nie gut genug ging, war es kein Thema gewesen. Nun aber musste er es tun. Er sollte einen Gast empfangen und momentan fühlte er sich dafür überhaupt nicht bereit. Michael nahm das eine Ende der Decke und wollte sie aufschlagen, als Sara ihre Hand auf seine legte und ihn sanft aber entschieden in seiner Bewegung stoppte.
„Was hast du vor?“ Irritiert musterte sie ihn.
„Ich würde gerne ins Badezimmer und mich frisch machen“, klärte er sie über sein Vorhaben auf und blickte verlegen zu ihr hinauf. „Kannst du mir bitte dabei helfen, Sara? Ich würde mich gerne waschen und schaff es bestimmt nicht allein.“
Mit einem Mal wirkte sie beschämt. Sie fuhr mit ihrer anderen Hand durch ihre langen braunen Haare und hockte sich plötzlich neben dem Bett nieder. „Ähm, Michael, ich hab dich gestern Abend gewaschen.“ Schüchtern verzog sie das Gesicht und betrachtete ihn gleichzeitig sehr aufmerksam. „Durch die Infusion warst du, wie von mir beabsichtigt, nicht bei Bewusstsein und ich habe die Zeit genutzt, um deine Wunden zu versorgen und …“ Sie hob betreten die Schultern. „Ich hab‘ es gleich mit einer Körperwäsche verbunden. Und bevor du es sehen solltest, ich hab‘ dir auch frische Unterwäsche angezogen.“  
Mit jedem weiteren Satze waren seine Augen größer und größer geworden. Er hörte, was sie sagte, aber sein Stolz und seine Scham wollten nicht wahrhaben, was sie damit meinte und er wollte sich vor allem nicht vorstellen, was das alles zu bedeuten hatte. Sehr, sehr langsam holte er tief Luft und atmete erst einmal nur ein und aus. Sein Stolz war nicht das wirkliche Problem. Seine Scham dagegen schrie ihn an, er solle einfach aus dem Zimmer verschwinden und sich nie wieder umdrehen. Er schluckte ein paar Mal und versuchte sich zu beruhi-gen. Sara kniete weiterhin neben dem Bett und sah ihn noch immer verlegen an.
„Ähm … ja“, begann er und musste für einen kurzen Augenblick total überfordert die Augen schließen. Leicht fahrig fuhr nun er mit seiner gesunden Hand durch seine Haare und versuchte klar zu denken. „Das ändert natürlich einiges.“ Er musste einfach grinsen, als er sich das alles vorstellte. Sara war in der gleichen Situation wie er. Es war für sie beide alles so neu und doch erleichterte es von Anfang an so vieles. Michael gab sich einen Ruck und lächelte sie liebevoll an. Wenn er mit der Situation locker umging, würde sie das bestimmt auch. „Tja, ich würde sagen, das hebt unsere Beziehung auf eine ganz neue Ebene, was?“ Er grinste sie an – und Sara atmete erleichtert auf. Ihr Gesicht hellte sich auf und ihre Augen begannen zu strahlen. Sie nickte, stimmte ihm stumm und erwiderte das Lächeln. „Das tut es, Michael.“
Er schmunzelte und hatte auf einmal eine Idee. Seine Augen funkelten und Michael grinste sie übers ganze Gesicht an. Sehr langsam beugte er sich zu ihr hinüber und fesselte sie mit seinem Blick. Tief sah er ihr in die wunderschönen braunen Augen.
„Das heißt aber auch“, hauchte er verführerisch. „Dass ich eine Körperwäsche bei dir guthabe und …“ Seine Stimme wurde schwer vor Verlangen. „… und du wirst nicht glauben, wie sehr ich mich darauf freue, deinen Körper zu erkunden!“ Er legte seine Hand an ihre Wange und ließ all seine tiefe Liebe für sie in seinem Blick fließen. „Ich möchte dich erkunden und dich lieben!“ Bei seinen Worten kam sie ihm unbewusst näher und näher. Nur wenige Zentimeter trennte sie. „Ich hab‘ das Gefühl, dass unsere gemeinsame Zeit ewig her ist.“ Er schluckte schwerfällig und versuchte seine aufkommenden Gefühle irgendwie zu bändigen. „Ich sehne mich so sehr nach dir, Sara!“, flüsterte er eindringlich und sehnte sich mit jedem Millimeter seiner Haut nach ihr. Alles in ihm schrie nach ihr und er wollte unbedingt, dass sie das verstand.
„Ich weiß ganz genau, was du meinst“, flüsterte sie und küsste ihn leidenschaftlich.
Ihre unglaublich weichen Lippen waren wie ein Sturm. Sie rissen ihn mit, wirbelten sein gan-zes Wesen durcheinander, berauschten ihn und mit jeder weiteren Sekunde wollte er mehr von ihr. Trunken vor Liebe erwiderte er ihren Kuss und steckte all seine Liebe in ihn hinein.
Er löste sich kurz von ihr, schnappte wie sie gierig nach Luft und drückte erneut seine Lippen auf ihre. Wieder und wieder küssten sie sich. Die Liebe, die sie füreinander empfanden, hing schwer zwischen ihnen. Ihre Leidenschaft berauschte sie beide und ließ ihr Verlangen füreinander weiterwachsen. Sie waren in ihrer eigenen kleinen Welt eingetaucht, wo es nur sie beide gab.
„Shit“, rief eine Bassstimme mehr als überrascht, und er und Sara fuhren auseinander. Erschrocken sahen sie zur Schlafzimmertür, wo sein Bruder im Türrahmen stand und genauso erschrocken aussah wie sie.
Michael keuchte unkontrolliert und versuchte seine Atmung unter Kontrolle zu bekommen. Adrenalin und eine kaum vorstellbare Lust jagten durch seine Adern. Sein Blut rauschte laut in seinen Ohren und hatte ihn alles um sich herum vergessen lassen. Kurz sah er zu Sara und bemerkte, wie auch sie mit ihrer Erregung zu kämpfen hatte. Ihr Dekolleté und ihr Hals hatten einen wunderschönen leichten roten Schimmer angenommen und sprachen nur zu deutlich für ihre Gefühle. Wenn er es sah, dann sah es auch sein Bruder – und das sollte er nicht. Sein Beschützerinstinkt brüllte auf und mit aller Macht wollte er Sara vor fremden Blicken beschützen, auch wenn es nur sein Bruder war.  
Lincoln wirkte mehr als verlegen, als er die Augen abwandte und entschlossen aus dem Fenster starrte. „Entschuldigt bitte“, stammelte er betreten und trat von einem Fuß auf den anderen, was Michael mehr beruhigte als sein Bruder vielleicht ahnte. „Ich wollte euch nicht stören. Eigentlich wollte ich nur sehen, ob du für das Treffen bereit bist.“ Er schüttelte fassungslos den Kopf und lachte nervös. Ihm war die Situation offenbar peinlich. „Ihr solltet vielleicht ein Schild an die Tür machen oder noch besser, einfach die Tür abschließen!“, schlug er vor und fuhr unruhig mit seiner großen Hand über seinen fast kahlen Schädel. „Ich lass euch allein.“ Er drehte sich um.
„Warte, Lincoln, das brauchst du nicht“, rief die junge Ärztin schnell und erhob sich. „Wir müssen uns entschuldigen. Wir haben uns gehen lassen und einfach unsere Umwelt vergessen!“
Michael sah erst zu ihr und dann zu seinem Bruder. Perplex schüttelte er kaum merklich den Kopf und blickte wieder zu ihr. „Also ich entschuldige mich nicht, Sara“, murmelte er und musste trotz der Störung schon wieder grinsen. „Ich habe mir den Kuss mehr als verdient!“ Sein Grinsen verschwand nur langsam und seine Liebe für sie kehrte in jede Geste zurück. Er hob seine Hand und bat stumm um ihre. Sara schloss lächelnd die Augen, reichte ihm ihre Hand und drückte sie sanft. Sie wusste ganz genau, was er meinte und wie er sich fühlte, denn ihr ging es ganz genauso. Das hatten die letzten Augenblicke gezeigt.
„Am besten wir drei vergessen einfach die Peinlichkeit und tun so, als wäre nichts passiert“, meinte Lincoln mittlerweile gefasster und Michael löste seinen Blick von Sara. Er sah zu seinem Bruder und dieser sah ihm fest in die Augen. „Ich respektiere eure Beziehung und freu mich für euch.“ Er kratze leicht verlegen über seinen 3-Tage-Bart. „Ich muss mich nur noch daran gewöhnen, dass ihr auch mal allein sein wollt.“ Jetzt musste er lächeln. „Verkehrte Welt, was, Kleiner? Sonst hast du mich immer bei meinen Freundinnen gestört und nun ist es genau anders herum.“
Michael erwiderte das Lächeln und erinnerte sich nur zu gut. „Tja, die Zeiten ändern sich, und ...“ Sein Blick wanderte wieder zu Sara und sein Herz machte abermals einen Sprung. Er musste nur an die junge Frau denken, sie sehen, und schon beschleunigte sich sein Herzschlag. Sie war seine Welt und das würde er sowohl ihr als auch allen anderen zeigen.
„… und ich hätte es niemals für möglich gehalten, aber ich habe meine verwandte Seele gefunden“, flüsterte er an Sara gewandt und sah ihr lange in die Augen. „Ich will dich nie mehr missen!“
Ihre Augen begannen abermals zu strahlen und sie trat näher zu ihm. In einer fließenden Bewegung beugte sie sich zu ihm hinab, legte zärtlich ihre Hand an seinen Kopf und hauchte einen sanften Kuss auf seinen Kopf. Michael atmete tief ein und genoss diese winzige Geste, die so viel über ihre Liebe sagte.
Als sie sich löste, wirkte sie überglücklich und nickte ihm zu, was wiederum ihm glücklich machte. Sie war definitiv seine Welt.
„Was meinst du, Michael?“, begann Sara und wechselte das Thema. „Bist du bereit für deinen Besucher oder wollen wir das Treffen doch lieber verschieben?“
Einen langen Augenblick ließ er ihre Worte auf sich wirken und suchte tief in seinem Inneren eine Antwort auf die Frage. Er versuchte sich auf den mysteriösen Unbekannten einzustellen, was auch immer dieser von ihm wollte. Da er aber keine Ahnung hatte, wer dieser jemand war, konnte er sich auch keinen wirklichen Plan zurechtlegen. Er war der unbekannten Situation hilflos ausgeliefert und musste sehen, was passierte – und das ging nur, wenn es zu diesen Treffen kam. Also neigte er den Kopf und sah zwischen Lincoln und Sara hin und her. Beiden sah er jeweils fest in die Augen, denn er wollte, dass sie sahen, dass er für das Treffen mehr als bereit war. „Es kann los gehen!“ Er setzte sich aufrecht hin und richtete die Decke in seinem Schoß. Sein Oberkörper war nach wie vor eine Landschaft aus Mullbinden und auch seine Finger steckten weiterhin in den Metallschienen. Michael wusste, er war nicht annähernd ausgehfertig und erst recht nicht vorzeigbar, aber dieser Fremde wusste, dass er verletzt war. Also wusste er höchstwahrscheinlich auch, wie er zurzeit aussah.
„Ich geh und hol ihn“, rief Lincoln, verließ das Schlafzimmer und schloss die Tür hinter sich.
„Michael?“ Fragend sah Sara ihn an. „Macht es dir etwas aus, wenn ich bei dem Treffen dabei bin und dir zur Seite stehe?“
„Nein, natürlich nicht.“ Wieder einmal war er verunsichert, was das nur alles sollte.
Sara verzog leicht die Lippen und trat näher zu ihm. Als könnte sie seinen Körper lesen wie ein offenes Buch, schüttelte sie das Kissen hinter seinen Rücken auf und bedeutete ihm, sich anzulehnen. „Danke“, flüsterte er und lehnte sich an die Holzvertäfelung des Bettes. Statt die ganze Zeit aufrecht zu sitzen, war das Anlehnen bedeutend angenehmer und nicht annähernd so anstrengend.
Die junge Ärztin neigte nur den Kopf und sah sichtlich angespannt zur geschlossenen Tür.
„Alles wird gut, Sara“, sprach er beruhigend und hob ihr seine rechte Hand entgegen.
„Ich hoffe es, Michael“, antwortete sie ebenso leise und ergriff seine Hand. „Ich hoffe es.“
Einen endlosen Augenblick sahen sie sich in die Augen. Michael sah, wie aufgewühlt sie war. Sie versuchte zwar, es zu überspielen und offensichtlich wollte sie Stärke demonstrieren, aber er sah ihren inneren Kampf an. Er wusste beim besten Willen nicht, wie er ihr helfen konnte. Er konnte nur hoffen, dass das Treffen zu ihrer vollen Zufriedenheit verlief und es ihr danach besser ging.  
Gerade wollte er einen neuen Versuch starten, um sie zu trösten, als es an der Schlafzimmertür klopfte und die Zeit schließlich gekommen war. Endlich würde er den Fremden kennen lernen und alles erfahren.
Michael atmete ein letztes Mal tief durch, sah zur Tür und rief laut: „Herein.“
Fest drückte er Saras Hand und hoffte auf das Beste.
Lincoln öffnete zögernd die Tür, trat in den Raum und blieb neben dem Fenster stehen. Mit geweiteten Augen sah ihn sein Bruder an. „Ich habe jemanden mitgebracht, der dich unbedingt sehen möchte!“ Er drehte sich zur offenen Tür. „Komm rein!“
Interessiert folgte Michael den Blick seines Bruders und beobachtete, wie ein älterer Mann in fortgeschrittenem Alter und mit weißen Haaren das Doppelschlafzimmer betrat.
„Hallo Michael“, sprach der Mann unglaublich sanft. Nicht schnell stellte er sich neben das Sideboard und sah ihn mit großen Augen an. Wie Lincoln und Sara wirkte auch der ältere Mann unruhig und nervös – und das zu Recht.
Michael schnappte hörbar nach Luft. Sein Herzschlag setzte aus und seine Augen weiteten sich schlagartig. Ihm blieb der Mund offenstehen, als er die Gestalt und die Stimme des Mannes wiedererkannte. Er konnte nicht denken. All seine Gedanken waren wie weggewischt. Er konnte keinen einzigen Gedanken fassen. So leer hatte sich sein Kopf noch nie angefühlt. In seinen ganzen Leben nicht.
„Michael“, begann Lincoln so ruhig und so gefasst wie nur irgendwie möglich. „Ich weiß, dass du noch sehr klein warst, als er verschwand, aber erinnerst du dich vielleicht noch an Dad?“
Noch einmal schnappte er nach Luft. Er schluckte und schluckte. Sein Mund war mit einem Schlag vollkommen ausgetrocknet und was er auch tat, sein Körper hatte die Speichelproduktion komplett eingestellt. Als sein Herz nach einer gefühlten Ewigkeit die Arbeit endlich wieder aufnahm, schlug es so laut in seinen Ohren, dass er glaubte, es springe gleich aus seiner Brust. Sein Puls raste und nahm eine Geschwindigkeit an, die ihn Angst machte. Als dann noch all die Erinnerungen auf ihm einstürmten, fing sein Körper an zu zittern. Fest biss er die Zähne zusammen und zog die Luft scharf durch seine Nase. Tränen brannten in seinen Augen, als die verschiedensten Gefühle seine Erinnerungen verstärkten und er sich so hilflos und verletzlich fühlte wie damals als kleiner Junge.  
„Verschwinde!“ Seine Stimme zitterte genauso stark wie sein Körper.
Sowohl Sara als auch Lincoln sahen ihn verwirrt an. Nur wage nahm er wahr, wie sie erst ihn ansahen und dann fragend zu dem älteren Mann blickten. Doch Aldo Burrows‘ Blick war starr auf ihn gerichtet. Sekunden, wenn nicht sogar Minuten starrten er und sein Vater sich an. Immer mehr Tränen füllten seine Augen und benetzen seine Wangen. Das Zittern, was seinen Körper erfüllte, wurde stärker und mit einem Mal war er wieder der kleine Junge von damals und er fand sich in absoluter Finsternis wieder.
Er hatte Lincoln nie erzählt, was genau er alles durchmachen musste, als sein Bruder vor Jahren in ein Erziehungsheim gesteckt und er selbst von einer Pflegefamilie zur nächsten geschickt wurde. Er konnte es einfach nicht. Lincoln hatte danach genug damit zu tun, sie beide über die Runden zu bekommen. Er sollte nicht wissen, wie sein kleiner Bruder in der einen Pflegefamilie misshandelt wurden war. Sein ehemaliger Pflegevater hatte seine Wut immer und immer wieder an ihm ausgelassen und ihn verprügelt, wo er nur konnte. Wenn er dann mit ihm fertig war, hatte er ihn in einen kleinen stockdunklen Raum gesperrt – und das stunden- und im schlimmsten Fall tagelang. Noch heute kam die tief vergrabene Angst zum Vorschein, wenn er sich zu lange in absoluter Dunkelheit aufhielt.
Nach wie vor in seinen Erinnerungen gefangen, bemerkte er kaum, wie sich sein Bruder bewusst oder unbewusst vor dem Fußende des Bettes stellte und eine sichtbare Mauer zwischen seinen kleinen Bruder und seinen Vater schaffte. Auch Sara trat noch näher ans Bett heran und legte behutsam ihre Hand auf seine Schulter. Beruhigend fuhr sie mit ihrer Hand über seine unversehrte Haut. Beide gaben ihn den Beistand, den er gerade so dringend brauchte.
„Michael“, begann sein Vater sacht und beugte sich zur Seite, um an Lincoln vorbei zu sehen. „Lass es mich bitte erklären!“
Kaum merklich schüttelte er den Kopf. „Verschwinde“, wiederholte er, atmete tief durch und wischte schnell die Tränen von seinem Gesicht. „Geh und lass mich in Ruhe!“
„Beruhige dich, mein Junge“, versuchte es sein Vater erneut und trat einen Schritt vor, aber Michael verneinte abermals. Dadurch, dass Aldo Burrows seiner Bitte nicht nachkam, wurde die Angst der Erinnerung in den Hintergrund gedrängt und heiße Wut stieg in seinem Inneren auf. „Wie konntest du das nur mit deinen bloßen Händen tun?“
Aldo erstarrte in seiner Bewegung und seine Augen weiteten sich. Angespannt schluckte er.
Wieder starrten sie sich an.
Lincoln sah zwischen ihm und seinen Vater hin und her und war mehr als verstört. „Was geht hier eigentlich ab, Leute?“ Er sah ihn streng an. „Woher kennst du ihn, Michael? Du warst doch ganz klein, als er verschwand?!“
„Lincoln“, fuhr Sara unruhig dazwischen. „Vielleicht sollten wir …“
„Weil ich ihm noch einmal begegnet bin“, unterbrach Michael die junge Ärztin und sah seinen Vater weiterhin fest in die Augen.
Es war, als hätte sein Vater eine Tür geöffnet, die er ursprünglich nie wieder öffnen wollte. All die schrecklichen Erinnerungen, die er tief in sich vergraben hatte, traten mit aller Macht zurück an die Oberfläche und rissen ihn innerlich in zwei. Sein ganzer Körper bebte und seine Gefühle waren so widersprüchlich, dass er nicht wusste, was er fühlen sollte. Was er denken sollte.
„Was?“, riefen Sara und sein Bruder wie aus einem Mund.
Michael schluckte schwerfällig, löste den Blick nur widerwillig von Aldo und sah zu Lincoln. Er sprach das aus, was er niemals erzählen wollte: „Als dich die Behörden in das Erziehungsheim gesteckt hatten, bin ich von einer Pflegefamilie zur nächsten gewandert.“ Sehr langsam nickte Lincoln, als er sich erinnerte. „In einer der letzten Familien hatte es der Pflegevater auf mich abgesehen.“ Sichtlich aufgewühlt fuhr er mit seiner geschienten Hand über seinen Kopf und konnte einfach nicht glauben, dass er von dieser schlimmen Zeit überhaupt berichtete. „Er verprügelte mich“, erzählte er langsam weiter und sah zu seinem Vater. „Er misshandelte mich. Tagelang sperrte er mich in eine dunkle Kammer.“ Als Sara neben ihn vor Schock keuchte, ignorierte er sie so gut wie er konnte. Wenn er es jetzt nicht vollständig erzählte, würde er niemals wieder darüber reden. Das wusste er. Deswegen holte er tief Luft. „Die Dunkelheit ist das schlimmste, was es auf der Welt gibt und ich habe nicht nur einmal versucht, mich daraus zu befreien.“ Er drückte vorsichtig Saras Hand und zu seiner Erleichterung erwiderte sie seine Geste. Sie konnte sich gar nicht vorstellen, wie gut ihm diese kleine Geste tat. „Jedes Mal, wenn ich mich befreien konnte, war die Strafe schlimmer als die vorherige.“ Er schluckte schwer und richtete seine nächsten Worte direkt an seinen Vater: „Und dann kamst du und hast den Mann getötet!“ Seine Stimme klang rau, durchdringend und von seinen Gefühlen überwältigt.
„Ich musste dir helfen!“
„Mir helfen?“, rief er plötzlich mehr als wütend. Er löste seine Hand von der von Sara. „Ich war ein Kind und hatte furchtbare Angst! Ich hätte Liebe und Trost gebraucht und keinen Mörder!“
Unbeschreibliche Wut kroch durch seine Adern, steckte alles in Brand, was sie berührte und verjagte endgültig die Angst. Jede Zelle in ihm schrie auf, und mit einem Mal konnte er nicht mehr im Bett sitzen bleiben. Sie mussten sich auf Augenhöhe begegnen und das ging nicht, solange er hier im Bett lag. Er schlug die Decke zurück und zog die Beine über die Bettkante. Erschrocken wich Sara zurück und war sichtlich überrascht, um zu reagieren. Er musste diese wenigen Sekunden gnadenlos ausnutzen. Mit ganzer Kraft stellte er seine Beine auf den Fußboden und drückte sich in der gleichen Bewegung von der Matratze ab. Schwankend kam er in die Höhe. Seit einer Ewigkeit befand sich sein Körper in der kompletten Senkrechten – was diesem ganz und gar nicht gefiel, aber es war ihm im Moment einfach egal.
„Michael!“, kam es sogleich besorgt aus drei verschiedenen Richtungen. Er ignorierte sie alle. Auch die Schmerzen, die aus jeder Pore seines Körpers drangen, ignorierte er. Zähneknirschend lief er, am ganzen Körper zitternd, seinem Vater entgegen.
„Wo warst du?“, schrie er ihn an. Neue Tränen traten in seine Augen. Er schnaufte schwer und zitterte mittlerweile wie Espenlaub. Sein Körper war mit der Situation komplett überfordert. Psychisch und physisch war er fertig mit der Welt. Nur seine Wut trieb ihn immer weiter. Dass er endlich das Ende des Bettes erreichte und sich an dem Bettgestell festhalten konnte, war dabei wie der Zieleinlauf bei einem Marathon.
„Sechs Monate“, rief er enttäuscht und wütend zugleich. „Sechs lange Monate war ich bei Pflegefamilien.“ Mit der ausgestreckten Hand deutete er auf seinen Vater. „Wo, verdammt noch mal, warst du?“
„Ich habe dich gesucht“, erklärte Aldo sanft und trat näher zu ihm. „Aber sie haben dich immer wieder weggebracht!“ Auch die Stimme seines Vaters bebte vor Emotionen. „Jedes Mal, als ich dich gerade gefunden hatte, wurdest du bereits woanders hingesteckt.“
Michael schüttelte fassungslos den Kopf. Er konnte und wollte seinen Vater nicht glauben. Zu tief saßen der Schmerz und die Angst, die er erleben musste. Zu tief saß die Wut.
„Michael, bitte.“ Sara trat neben ihm, griff nach seinem Arm und versuchte ihn zu stützen. „Du musst dich unbedingt wieder hinlegen. Dein Körper ist noch lange nicht so weit!“ Pure Angst sprach aus ihr. „Du zitterst fürchterlich!“
Er neigte nur den Kopf. Es tat ihm in der Seele weh, aber er musste Sara ignorieren.
„Du hast meinen Pflegevater getötet“, fuhr er leise fort und hielt sich am Bettgestell noch stärker fest. Sein Körper wehrte sich mit aller Macht gegen die viel zu frühe Anstrengung. Kalter Schweiß brach auf seiner Haut aus und plötzlich schnappte er in kurzen Zügen nach Luft. „Wie konntest … du … das nur tun?“ Er holte mehrere Male tief Luft und stieß sie gleich wieder aus. „Mit deinen … bloßen … Händen!“
Michael schwankte unaufhörlich und er begann von neuen zu weinen. Seine Wut war allgegenwärtig, aber die tiefen Wunden seiner Seele schrien umso heftiger. All die vergangenen Geschehnisse brachen über ihm zusammen und drängten sich mit unglaublicher Macht in all seine Gedanken. Mit dem Auftauchen seines Vaters war der letzte Tropfen da, der das Fass zum Überlaufen brachte. Er konnte nicht mehr. Seine Seele schrie, sein Körper schrie! Aber das dringendste Problem war gerade der fehlende Sauerstoff.
Stoßweise schnappte er nach Luft und stieß sie gleich wieder aus. Seine Atemzüge wurden flacher und immer kürzer. Er atmete regelrecht abgehakt und augenblicklich hatte er das Gefühl, dass nicht mehr genügend Sauerstoff in den Raum war. Immer schneller atmete er ein und aus und kam der Luftzufuhr gar nicht mehr hinterher. Für Sekunden wurde ihm schwarz vor Augen. Er kniff die Augen zusammen und schüttelte heftig den Kopf. Als er die Lider öffnete, sah er nur noch verschwommen und er spürte, wie sein Herz raste. Panik stieg in ihm auf, als er nicht aufhörte, in kurzen und tiefen Zügen zu atmen und nichts mehr erkennen konnte.
„Michael?“
Sein Kopf ruckte von einer Seite zur anderen. Saras Stimme war neben ihm und gleichzeitig auch wieder nicht. Sie kam von allen Seiten zugleich. „Sara?“
„Was ist los, Michael?“ Abermals kam ihre besorgte Stimme von allen Seiten.
Irritiert verzog er die Augenbrauen. „Sara?“
„Ich steh direkt neben dir, Michael!“
Er spürte ihre Hand an seinem Arm, aber die Stimme kam von woanders her. Unbewusst versuchte sein Körper sowohl der entfernten Stimme zu folgen als auch der Hand an seinem Arm nach zu gehen. Er schwankte hin und her.
„Kleiner, du musst dich dringend hinlegen!“
Die Stimme seines Bruders erklang hinter ihm und instinktiv drehte er sich halb um seine eigene Achse, aber seinen großen, bulligen Bruder konnte er nicht ausfindig machen.
Was war hier nur los?
„Lincoln?“ Er drehte seinen Kopf in alle Richtungen, aber er fand ihn nicht. „Wo bist du?“
„Ich steh direkt vor dir, Mann! Was ist mit dir?“
Er schüttelte den Kopf und konnte ihm nicht antworten. Die Welt begann sich zu drehen.
„Lincoln, ruf sofort Thomas an. Wir brauchen einen Krankenwagen!“ Saras Stimme klang jetzt ebenfalls weit weg. Als sich Michael nach rechts drehte, tat sich ein Abgrund unter ihm auf und von einem Moment auf den anderen wurden seine Beine unter ihm weggerissen. Er fiel einfach in sich zusammen. Seine Beine knickten ein und sein Kopf stieß gegen das Bettgestell. Für Sekunden verlor er das Bewusstsein. Nur aus weiter Ferne hörte er, wie Sara und sein Bruder hektisch miteinander sprachen. Aber egal, wie sehr er sich auch anstrengte, er verstand sie nicht. Es war nur ein an- und abschwellendes lautes Rauschen. Ein letztes Mal versuchte er all seine Kräfte zu mobilisieren, um den Geschehen zu folgen, aber es half nichts. Er hatte keine Kraft mehr. Sein Körper hatte keine Kraft mehr. Sein Blick verschwamm abermals und wurde erneut schwarz, aber dieses Mal fand er den Weg nicht zurück …


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Fortsetzung folgt ...
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