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Spuren des Lebens

GeschichteDrama / P18 / Gen
Dr. Sara Tancredi Lincoln "LJ" Borrows Junior Lincoln Borrows Michael Scofield Paul Kellermann
02.11.2019
04.01.2020
11
56.399
2
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21 Reviews
Dieses Kapitel
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07.12.2019 7.140
 
Disclaimer:    
Alle Charaktere und die Idee der Serie Prison Break sind geistiges Eigentum von Paul T. Scheuring. Ich leihe mir seine Figuren nur aus und gebe sie am Ende wieder zurück.
Der Dialog am Anfang der Geschichte zwischen Michael und dem Geistlichen ist aus der Folge ‚Bolshoi Booze‘ der 2. Staffel. In einem Gespräch zwischen Michael und Sara im späteren Verlauf der Geschichte stammen Teile davon aus der Folge ‚Chicago‘ der 2. Staffel, sowie ist im letzten Drittel der fertigen Geschichte ein abgewandelter Dialog zu finden, welcher aus der Folge ‚Disconnect‘ der 2. Staffel stammt.

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Eine ihm bekannte Melodie drang an sein Ohr. Sie war ihm so bekannt, dass er sie fast schon mit summen konnte und doch wusste er nicht, woher er sie kannte. Sein Gehirn begann seine Erinnerungen zu durchforsten, aber er fand keine Anhaltspunkte.
Er runzelte die Stirn und seufzte leise. Träge bewegte er seinen Kopf auf dem Kissen und merkte, dass er mit der rechten Gesichtshälfte auf dem Kissen lag, und nicht nur sein Kopf lag falsch. Statt auf dem Rücken zu liegen, lag er auf dem Bauch. Abermals verzog er das Gesicht und versuchte sich zu erinnern, wann er seine Schlafposition so radikal geändert hatte. Die letzten Tage hatte er grundsätzlich auf dem Rücken geschlafen und war auch im-mer so aufgewacht. Als er jetzt langsam die Augen öffnete, starrte er zu seiner eigenen Verblüffung auf die fensterlose Wand. Er lag in dem anderen Bett des Doppelbettes und wusste nicht, wie er dahin gekommen war.
In diesem Moment änderte sich die Melodie, die ihn geweckt hatte, und ein Mann sprach entspannt: „Willkommen verehrte Damen und Herren. Hier sind die 16 Uhr Nachrichten von NBC News und ich bin ihr Moderator Adam Reißig. Das wichtigste in Kürze: Präsidentin Reynolds ist weiter auf ihrer Reise durch Nordamerika und die Umfragen beweisen, dass sie beliebter ist als je zuvor. Ich schalte nun zu meinen Kollegen Daniel Brown. Er ist in Denver vor Ort, wo Präsidentin Reynolds heute ein Kinderkrankenhaus besucht …“
Die Stimme des Mannes verschwand.
Er blinzelte und versuchte sich weiterhin zu erinnern.
„Michael?“ Die leise Stimme von Sara löste die Männerstimme ab.
„Hm?“ Mit halb geschlossenen Augen blickte er an der langen Bettkante entlang und sah, wie sich Sara vom stumm geschalteten Fernseher entfernte und zu ihm trat. Sie lächelte ihn zärtlich an und kniete sich neben ihm nieder.
„Na, wie fühlst du dich?“
Er schloss die Augen und lächelte.
Ihm kam die Situation so vertraut vor. Es war genau wie damals in Fox River. Vor nicht allzu langer Zeit hatte er in Saras Behandlungszimmer nach der Versorgung seiner Verbrennung auch bäuchlings auf einer Liege gelegen. Sie hatte bei seinem Erwachen neben der Liege gekniet und ihn gefragt, wie er sich fühlte.
„Groggy“, hauchte er wie damals, öffnete die Lider und sah gerade noch, wie sie lächelnd den Kopf senkte. Auch sie erinnerte sich. Natürlich. Im Gegensatz zu ihrer vergangenen Zeit im Krankenzimmer konnte er jetzt seine Liebe für Sara in jeder Geste zeigen. Unendlich langsam bewegte er seinen linken Arm über die Matratze, erreichte die Bettkante und wollte seine Hand an ihre Wange legen.
„Sei bitte vorsichtig“, flüsterte sie und er dachte, er solle mit den Metallschienen von seinen gebrochenen Fingern aufpassen, aber sie meinte etwas anderes. Er hielt in seiner Bewegung inne und bemerkte den Zugang auf seinem Handrücken. Sara musste seine Bewusstlosigkeit genutzt haben, um ihn einen Zugang zu legen.
„Ich musste dich noch einmal operieren“, erklärte sie leise und streichelte sanft seine Wange.
„In den Schnittwunden hatte sich erneut Eiter angesammelt und ich musste die Prozedur wiederholen.“ Sie wirkte ungewöhnlich nervös. „Ich habe dich in Narkose gesetzt. Nach der Operation haben wir dich auf dem Bauch gelegt, damit der Druck von deiner Verbrennung verschwindet und so hoffentlich besser heilt.“  
Er sah sie nur verwirrt an und konnte sich an nichts erinnern.
„Das letzte Mal als du wach warst, ist bereits anderthalb Tage her“, berichtete sie ihm. Sie wechselte ihre Position und setzte sich im Schneidersitz vor ihm nieder. So war sie näher und Michael genoss ihre Nähe.
Sie seufzte bedauernd und schüttelte unbewusst den Kopf. „Der letzte Eingriff war für dich viel zu anstrengend und zu schmerzhaft. Du warst völlig weggetreten, als ich deine Schulter einige Zeit später kontrolliert habe.“ Ihre Hand verharrte auf seine Wange und er sah ihr deutlich an, wie sie mit sich rang. Sie biss sich auf die untere Lippe und sah schnell weg, als ihr Körper zu beben anfing.
Michael wusste nicht, was sie beschäftigte. Er wusste nur, dass er sie nicht so leiden sehen konnte. „Sara“, flüsterte er sanft. „was ist los?“
Sie fing an zu schluchzen und endlich hob sie den Blick. Tränen brannten in ihren Augen und nur mit Mühe konnte sie diese zurückhalten. „Ich bin Ärztin, Michael“, sprach sie beschämt. „Ich habe jahrelang Patienten behandelt. Ich hätte es besser wissen müssen. Aber ich war so froh, dass du munter warst, dass ich nicht darüber nachgedacht habe. Ich hab‘ es einfach verdrängt und das hätte nicht passieren dürfen!“ Sie holte zitternd Luft. „Ich hätte dich schon beim ersten Mal in Narkose setzen müssen. Dann hättest du nicht durch diese Hölle gehen müssen. Es tut mir leid!“ Sie löste ihre Hand von seiner Wange, senkte den Blick und schluchzte abermals.
„Sara“, sprach er zutiefst bewegt. „Sieh mich an.“
Als sie keine Anstalten machte zu reagieren, zog er seine Arme unter dem Bauch und drückte seinen Brustkorb langsam nach oben. Er biss die Zähne zusammen, als sich seine Schulter und sein Rücken sofort bemerkbar machten, aber er gab keinen Laut von sich. Er wollte es Sara nicht noch schwerer machen. „Sieh‘ mich bitte an, Sara!“
Nach einer gefühlten Ewigkeit sah sie zu ihm auf. Ihr Anblick tat ihm in der Seele weh. Sie war völlig hin- und hergerissen und gab sich offensichtlich die Schuld an allen, was er seit ihrer Flucht erleiden musste. Dass sie ihm das Leben gerettet hatte, war ihr anscheinend komplett entfallen. Er wollte ihr die Last nehmen und am liebsten selbst tragen. So lange es ihr dann besser ging, würde er jeden Tag durch die Hölle gehen.
„Du hast dafür gesorgt, dass ich lebe“, sprach er sanft. „Hättest du das medizinische Hintergrundwissen nicht gehabt, wäre ich mit Sicherheit gestorben. Du hast mein Leben gerettet und ich bin auf den Weg der Besserung. Ich bin dir dafür unglaublich dankbar.“ Er lächelte sie aufmunternd an. „Bitte mach dir keinen Kopf mehr über die vergangenen Tage. Geißel dich nicht dafür. Bitte!“
Sie sah ihn sehr lange an und rang noch immer mit sich. „Ich versuche es“, versprach sie und lächelte schüchtern. Sein Herz machte einen Sprung und eine wohlige Wärme breitete sich in seinem Körper aus.
„So gefällst du mir gleich besser!“, flüsterte er und grinste sein halbes Lächeln.
Sie lachte spontan auf und fuhr mit den Händen über ihr Gesicht, um ihren Gefühlsausbruch weg zu wischen. Als sie ihn erneut ansah und er merkte, dass es ihr erkennbar besser ging, war er einfach nur froh. Er beugte sich zu ihr hinab. „Darf ich dich vielleicht küssen?“
Sara lachte noch einmal und sah ihn verschmitzt an. „Seit wann bittest du mich darum?“
Er grinste breiter und seine Augen begannen zu strahlen. „Da hast du natürlich auch wieder recht.“ Die letzten Zentimeter zwischen ihnen überbrückte er auch noch und stahl sich den Kuss. Ihre Lippen berührten sich nur für Sekunden und gerade, als er sich von ihr löste, folgte sie ihm sehnsüchtig. Sie beugte sich zu ihm hin und drückte ihre Lippen erneut auf seine. Sie vertiefte den Kuss und nur zu gerne erwiderte Michael diesen. Er genoss ihre Lippen auf seinen. Es fühlte sich wie Ewigkeiten an, seit sie ihre gemeinsame Zeit genießen konnten und er versprach sich im Stillen, das alles so schnell wie möglich hinter sich zu lassen, damit er mit ihr irgendwo ganz von vorne beginnen konnte.
Gerade als ihr Kuss leidenschaftlicher wurde, räusperte sich jemand im Zimmer.
Sara beendete zwar verlegen den Kuss, umfasste aber mit beiden Händen seine Wangen und legte ihre Stirn an seine. Offenbar wollte sie sich nicht von ihm trennen. Ihm ging es ganz genauso und er genoss diesen Hautkontakt mit ihr. So klein er auch sein mag.
„Soll ich vielleicht später wiederkommen?“ Lincolns tiefe Stimme erfüllte den Raum.
„Nein“, meinte Sara noch immer leicht außer Atem.
„Ja“, rief Michael und grinste sie an, was wiederrum sie zum Grinsen brachte.
„Echt jetzt?“, musste nun auch sein Bruder lachen.
Sara löste sich endgültig von ihm und sah zu Lincoln auf. „Du kannst hierbleiben, Linc.“
Sie richtete ihren Blick zurück auf ihn und sein Herz machte ein paar Purzelbäume, als ihr strahlendes Lächeln ihr schönes Gesicht noch schöner machte. „Wir hatten unseren Moment.“ Auch wenn sie das sagte, so war ihre Geste eine ganz andere. Liebevoll streichelte sie seine Wangen. Er schloss die Augen und schmiegte sein Gesicht an ihre Hand. Es waren nur wenige Sekunden der Zärtlichkeit, aber ihn gab es Kraft. So unendlich viel Kraft. Die Zeit schien still zu stehen und ihm war, als würde es nur sie beide geben.
Nur sehr widerstrebend nahm sie ihre Hände runter und erhob sich in einer fließenden Bewegung. „Möchtest du etwas zu essen, Michael? Du hast bestimmt Hunger.“
„Ja, gerne.“ Er nickte ihr dankbar zu.
„Ich hol dir was“, fuhr sie fort und verließ das Zimmer.
Michael blickte ihr nach und seufzte verliebt. Sein Herz war für Sara mit tiefer Liebe gefühlt und an manchen Tagen dachte er, dass es überlaufen würde. So unbeschreiblich war seine Liebe für sie. Heute war wieder so ein Tag und dennoch. Sobald sie außer Reichweite war und er sich sicher war, dass sie es nicht mitbekam, ließ er sich zurück auf die Matratze sinken. Er schob die Hände vorsichtig unter das Kissen und drückte sein Gesicht behutsam darauf. Leise keuchte er auf, schloss die Augen und ließ die Schmerzen vor sich hin pulsieren. Er würde die Zeit nutzen, um sich etwas auszuruhen. Etwas Ruhe hatte ihm noch nie geschadet. Sein Bruder lief durch den Raum und er hörte, wie er gleich darauf an seine Bettseite zurückkehrte.
„Wie geht‘s dir, Kleiner?“
Michael öffnete müde die Lider und sah Lincoln neben sich auf den Stuhl sitzen. Er hatte ein Bein angewinkelt und umfasste mit beiden Händen sein Knie. Die Augen seines Bruders waren vor Sorge geweitet und er musste wieder die Augen schließen. Diese Sorge, die alle in seiner Umgebung ausstrahlten, konnte und wollte er nicht mehr ertragen. Sie sollten ihn ganz normal behandeln und nicht ansehen, als wäre er dem Tode nahe.
„Es geht“, beantwortete er die Frage mit belegter Stimme. „Mein Rücken fühlt sich wie verätzt an, aber ich wollte es Sara nicht zeigen. Sie macht sich schon genug Vorwürfe.“
„Ich weiß nicht. Ich finde es nicht gut, wenn du ihr etwas verschweigst! Insbesondere, wenn es um deine Verletzungen geht!“ Er verstummte und schwieg einen langen Moment. „Weißt du“, fuhr er betreten fort. „Da waren wir monatelang zusammen in Fox River eingesperrt und haben so gut wie jede freie Minute zusammen an der Flucht gearbeitet und …“ Er schnaufte traurig und schüttelte fassungslos den Kopf. „Ich hab‘ es nicht gesehen!“
Michael sah ihn nur fragend an.
„Ich meine“, redete er weiter. „Du bist meine Familie, Michael. Zusammen mit LJ seid ihr alles, was ich habe. Sollte ich dann nicht sehen, wenn sich mein kleiner Bruder verliebt?“ Er deutete mit dem Arm zur offenen Schlafzimmertür und meinte anscheinend die junge Ärztin, die durch die Tür verschwunden war. „Ich hab‘ dich noch nie zuvor so gesehen.“ Er schmunzelte. „Es hat dich über beide Ohren erwischt.“
„Linc“, flüsterte er verlegen. „Wie solltest du es sehen, wenn ich es mir ja selbst nicht mal eingestehen durfte?“
„Aber …“ Er schien verwirrt.
„Alle meine Gedanken galten dir und der Flucht. Dass ich mich bei den Vorbereitungen ver-lieben würde, war nicht Teil des Plans.“ Bei den Gedanken an Sara schlug sein Herz wieder schneller und das pure Glück rauschte durch seine Adern. „Erst als wir draußen waren, konnte ich mir die Gefühle für Sara eingestehen.“ Er lächelte regelrecht berauscht. „Ich bin froh, dass ich die Liebe in Sara gefunden habe und unglaublich glücklich, dass es ihr ebenso geht. Sie ist großartig!“
Sein Bruder neigte den Kopf und erwiderte das Lächeln. „Ja, das habe ich in den letzten Tagen auch schon festgestellt. Wir hatten viel Zeit uns zu unterhalten. Das war kein Vergleich zu Fox River! Es ist alles einfacher, sobald die Gefängnismauern weg sind!“
Michael betrachtete ihn einen langen Augenblick und unwillkürlich beneidete er seinen großen Bruder. Immerhin durfte er mit Sara Zeit verbringen, während er wegen seiner Wunden lahmgelegt war. Mit den Gedanken an seine Verletzungen dachte er unwillkürlich an seinen Neffen. Sein Neffe, der ihn vor Schmerzen schreien gehört hatte.
„Wie geht es LJ? Ich hoffe, es ist alles okay?“
Verdutzt runzelte sein Bruder die Stirn. Irritiert überlegte er, was er meinte, als es ihm einfiel. Er erwiderte seinen Blick verständnisvoll. „Mach dir keinen Kopf, Michael. LJ geht es gut. Ich hab‘ es ihm hinterher erklärt und er hat es verstanden.“
„Kannst du ihn vielleicht herholen? Ich möchte es ihm gerne selbst erklären.“
„Das geht gerade nicht. LJ ist mit …“ Sein Bruder stockte prompt und verzog überrascht das Gesicht. „Er ist in der Stadt unterwegs“, sprach Lincoln schnell weiter und bekräftigte seine Aussage mit einem raschen Nicken. „Du kennst doch Teenager.“ Er verdrehte gespielt genervt die Augen. „Immer ruhelos und sehr schnell gelangweilt. Er wollte sich ein bisschen die Beine vertreten und hat freiwillig angeboten einkaufen zu gehen.“  
Eine endlose Zeit musterte Michael ihn. Misstrauisch betrachtete er seinen Bruder und bemerkte, wie dieser immer unruhiger wurde. Lincoln hatte gelogen und sein Bruder wusste, dass er es wusste, aber er hielt an seiner Lüge fest.
Skeptisch sah er ihn. „Lincoln, was verschweigst du mir?“
Sein Bruder schnaufte verärgert, weil er sich ertappt fühlte. Er nahm das Bein herunter, rieb die Hände über seine Oberschenkel und sah ihn betroffen an. „Es ist jemand hier“, erklärte er. „Es sind zwar schon einige Tage vergangen, aber erinnerst du dich noch an unserer Handygespräch?“ Michael nickte stumm. „Ich hab‘ dir gesagt, dass ich jemanden getroffen habe, der uns helfen möchte, dass das alles aufhört. Dieser jemand ist mit seinen Leuten hier mit im Haus und wartet …“
„Und auf was wartet dieser jemand?“, fragte Michael sehr ernst und mehr als verblüfft. Er vergaß mittlerweile sogar seine Schmerzen. Hier war etwas sehr Wichtiges im Gange, wovon er keine Ahnung hatte. Es musste etwas sehr Großes sein, wenn sein Bruder so nervös war.
„Er möchte dich treffen und mit dir reden. Aber er hat noch nicht das Okay dazu bekommen.“
Michael hob erstaunt die Augenbrauen und langsam, aber sicher wurde er wirklich ungeduldig. Was verschwieg ihm Lincoln?
„Wer hat das zu entscheiden, wann dieser jemand mich treffen darf? Jemand möchte mich treffen, sollte ich dann nicht entscheiden, wann dieser Unbekannte mich treffen darf?“
„Nein, Michael“, meinte Sara sachlich und betrat das Zimmer. „Als deine behandelnde Ärztin entscheide ich das!“ Sie trat mit einem voll beladenen Tablett in das Schlafzimmer und stellte dieses neben dem Fernseher auf dem Sideboard ab. Mit einem Teller und einer kleinen Wasserflasche kam sie zu ihm ans Bett. Michael beobachtete sie mit geweiteten Augen, wie sie sich neben ihn auf die Matratze setzte und ihn den Teller zu schob. Die Wasserflasche hielt sie weiterhin in der Hand. Auf den Teller stapelten sich zwei zubereitete Sandwiches, aber ihm war schlagartig der Appetit vergangen. Erst wollte er wissen, was hier los war. Wer war dieser Jemand, der ihnen unbedingt helfen wollte und selbst Tage wartete, um mit ihm zu sprechen? Erneut drückte er seinen Brustkorb nach oben, um wenigstens etwas mit Sara auf Augenhöhe zu sein. „Was ist hier los, Sara?“ Er sah zwischen den beiden hin und her. „Was verschweigt ihr mir?“
„Hör mal, Michael“, versuchte es Sara unglaublich sanft zu erläutern. „Als mir dein Bruder den Sachverhalt geschildert hatte, war ich der Meinung, dass du dieses Treffen einfach noch nicht durchstehst. Du brauchst momentan deine ganze Kraft für die Heilung und da kannst du das zurzeit nicht gebrauchen.“
Er zog die Augenbrauen nach oben und perplex sah er sie an. „Wie bitte?“
„Michael, bitte, jetzt sei nicht sauer“, sprach sein Bruder dazwischen und Michael sah nun ihn fassungslos an. „Wir sind beide der Meinung, dass du dich erst einmal erholen musst! Du bist schwer verletzt und warst fast zehn Tage durchgängig bewusstlos. Deine Schmerzen sind allgegenwärtig und da glaubst du, dass wir dir dann jemanden ins Zimmer schicken, der deine Welt auf den Kopf stellen wird?“ Lincoln blickte ihn entgeistert an. „Mit Sicherheit nicht! Du musst dich erholen. Das ist momentan das aller wichtigste. Alles andere muss warten!“
„Was?“ Er konnte nicht glauben, was sein Bruder versuchte ihn begreiflich zu machen. Er verstand gar nichts mehr. Es war genau wie damals, als er im Hotel mit Lincoln das Handygespräch geführt hatte. Sein Bruder hatte in Rätsel gesprochen und jetzt tat es nicht nur sein Bruder, sondern Sara tat es ihm gleich. Was war in seiner Abwesenheit nur geschehen?
„Ich mach dir einen Vorschlag, Michael!“ Sara sah ihn aufgeschlossen an, aber Michael war zu sehr mit seinen eigenen Gedanken beschäftigt, um sich auf die junge Frau zu konzentrieren. Erst als sie ihn am Arm berührte, sah er sie endlich an. „Ich mach dir einen Vorschlag“, wiederholte sie. „Wenn es dir den nächsten Tag kontinuierlich besser geht, stimme ich dem Treffen zu. Ich verstehe, dass du unbedingt wissen willst, wer dich treffen will, aber ich kann das nicht mit meinen Gewissen vereinbaren. Selbst mit dem jetzigen Vorschlag komme ich nur schwer klar, aber ich weiß mittlerweile, dass du dich von nichts abbringen lässt. Gib uns und auch dir selbst bitte einen weiteren Tag! Ein Tag, 24 Stunden, wo du dich weiter erholen kannst!“ Eindringlich blickte sie ihn fest in die Augen. „Bitte.“    
„Michael, bitte.“ Auch Lincoln sah ihn mit Nachdruck an. „Was sind schon läppische 24 Stunden im Gegensatz zu den zehn Tagen, die längst vergangen sind?“
Endlose Minuten verstrichen, wo er die beiden nur anstarrte. Wieder und wieder sah er erst Sara, dann Lincoln an. Er musterte sie und versuchte aus dem Gesagten schlau zu werden. Die Beiden hielten seinem Blick entschlossen stand. Doch sahen beide auch betrübt aus. Ihre Gesichter waren mit Kummer überzogen und beide teilten ein Wissen, das ihm versagt blieb. Als wüssten sie mit Sicherheit, dass das Treffen für ihn nicht gut war, aber nicht verhindern konnten. Er wusste nicht, was er denken sollte, geschweige denn tun sollte. Er wusste nur zwei Dinge mit absoluter Sicherheit und die drängten sich immer mehr in den Vordergrund.
Er atmete tief ein und ließ die Luft wieder entweichen. Die aufkommende Fassungslosigkeit verschwand allmählich. Er senkte den Blick auf den Teller mit den zwei belegten Broten, welcher wartend vor ihm stand. Sein Magen knurrte überdeutlich und sprach wohl das aus, was er verspürte. Er hatte Hunger, sogar einen Bärenhunger. Seit Tagen hatte er nichts Handfestes gegessen und seinem Körper war alles andere mittlerweile egal. Sein Magen wollte nur endlich etwas zu tun haben.
Sehr langsam und äußerst behutsam drehte er sich auf seine rechte Seite und stützte sich mit dem Ellenbogen auf der Matratze ab. Sara zuckte kurzzeitig und wollte ihm helfen, hielt dann aber inne, als sie sah, wo seine Hand hin ging. Er lächelte flüchtig und griff nach dem oberen Sandwich. Abermals knurrte sein Magen und ihm lief das Wasser im Mund zusammen. Fast schon ausgehungert biss er vom Sandwich ab und kaute gemächlich. Lincoln und Sara sahen sich überrascht an und richteten ihre Augen dann wieder zurück auf ihn. Fragend beobachteten sie ihn beim Essen. Als er das Sandwich mehr als die Hälfte aufgegessen hatte, sah er, wie Sara zu lächeln anfing. „Schmeckt es?“
Michael nickte begeistert. „Oh ja. Es ist himmlisch. Ich hätte es nie für möglich gehalten, aber das Sandwich ist wie Ostern und Weihnachten zusammen.“
„Tja“, feixte Sara. „Und wieder mal ist die These bewiesen, dass hungrige Männer unleidliche Männer sind.“ Sie öffnete die Wasserflasche und reichte sie ihm.
Dankbar nahm er sie entgegen und trank die halbe Flasche in einen Schluck leer.
„Tu mir einen Gefallen und übertreib es nicht“, warnte sie ihn. „Dein Magen muss sich erst auf die Nahrungsaufnahme einstellen. Ich würde dir raten eine Pause einzulegen und das zweite Sandwich später zu essen.“
Er zögerte und kaute langsamer. Sara würde das nicht ohne Grund sagen, daher nickte er und ließ das zweite Sandwich unberührt auf den Teller liegen. Die Wasserflasche leerte er aber und gab sie ihr zurück.
„Wie sieht es aus, Kleiner?“ Sein Bruder brummte ungeduldig und sah noch einmal zu der jungen Frau, bevor er ihn forschend ansah. „Was sagst du zu Saras Vorschlag?“
Michael neigte den Kopf. „Es ist okay. Ich bin einverstanden.“
„Was?“ Lincoln blinzelte perplex. „Wie jetzt? Gerade warst du noch echt angepisst!“
„Ich weiß“, antwortete er leise. „Entschuldigt bitte.“ Er schob den Teller zu Sara und sie nahm ihn wortlos auf ihren Schoß. „Ich gebe es nur ungern zu, aber ihr habt recht. Ich bin müde und erschöpft, und wenn ihr 24 Stunden haben wollt, dann bitte schön. Auf den Tag kommt es auch nicht mehr drauf an.“ Ungelenk drehte er sich wieder auf den Bauch und legte seinen Kopf auf das Kissen. Einen Arm schob er unters Kissen, damit sein Kopf höher zum Liegen kam. Seinen anderen Arm ließ er ruhig neben sich liegen.
Nun, wo er etwas im Magen hatte, fühlte er sich auf der einen Seite gut und vor allem gesät-tigt, auf der anderen Seite kamen die Schmerzen mit voller Wucht zurück. Er schlug die Augen nieder und keuchte leise auf. Nur einen Moment musste er sich auf die Zähne beißen, um eine Schmerzwelle von seinen Rücken zu verarbeiten, aber Sara sah es trotzdem: „Wie schlimm sind die Schmerzen, Michael?“
Er sah sie müde an. „Könntest du mir bitte etwas geben?“, beantwortete er ihre Frage mit einer Gegenfrage und vermied eine nähere Erläuterung. Er wollte nicht über seine Schmerzen reden. Sie waren da. Das musste reichen.
Sara seufzte resigniert und erhob sich kopfschüttelnd. Sie trat zum Sideboard und stellte den Teller zurück auf das Tablett.
„Er hat vorhin gemeint, dass sich sein Rücken wie verätzt anfühlt“, antwortete stattdessen sein Bruder auf die gestellte Frage und blickte zu Sara.
„Was?“ Die junge Frau drehte sich ruckartig um und starrte ihn geschockt an. „Michael, warum sagst du mir das nicht?“
„Genau deswegen, Sara. Genau deswegen“, murmelte er, aber er sah enttäuscht zu seinem großen Bruder. „Das habe ich dir in Vertrauen gesagt!“
Lincoln zuckte die Schultern und erwiderte seinen Blick gelassen. „Und ich habe dir gesagt, dass ich es nicht gut finde, dass du ihr verschweigst, wie schlimm deine Schmerzen wirklich sind.“ Er zeigte mit dem Arm auf Sara. „Sie ist hier die Ärztin und sie muss wissen, wie es dir geht.“ Frustriert schnaufte er. „Sie ist die Einzige von uns allen, die dir helfen kann. Ich will dir ja gerne helfen, Kleiner, aber ich kann es nicht. Daher gebe ich die Informationen weiter, wenn es dir schlussendlich hilft.“ Sein Bruder beugte sich zu ihm vor und sah ihn mehr als ernst an. „Hast du es etwa schon wieder vergessen, Michael? Ja? Dann erinnere ich dich gerne daran: Geteiltes Leid ist halbes Leid! Klingelt da irgendetwas bei dir?“ Provozierend sah er ihn an. „Also? Willst du dich weiter mit mir anlegen oder können wir das endlich abhaken und weiter machen?“
Leicht genervt verdrehte Michael die Augen und doch, er musste grinsen. „Du bist echt anstrengend, wenn du so viel redest!“
Lincoln schloss erleichtert die Augen, grinste ebenfalls und lehnte sich auf seinem Stuhl zurück. „Dann sorg du dafür, dass ich nicht so viel reden muss!“
„Das werde ich mir wohl merken müssen.“
Michael ließ seine Augen zu Sara wandern. Noch immer stand sie am Sideboard und wusste offenbar nicht, was sie von ihren leichten Geschwisterzank halten sollte. Ihr Gesicht war zwischen Faszination, Besorgnis und Verärgerung zwiegespalten. Er konnte es verstehen. Immerhin war sie Einzelkind und kannte so eine Auseinandersetzung zwischen Geschwistern nicht aus eigener Erfahrung. Wenn sie bei ihm blieb, würde sie sich daran gewöhnen. Tja, wenn … Zuerst musste er seinen Fehler wieder gut machen. Er konnte sehen, wie verletzt sie war. Unter all der Sorge und der Verärgerung war sie zutiefst verletzt. Sie zeigte es nicht in ihren Gesichtszügen. Es war der winzige Hauch in ihren Augen, der es ihm deutlich machte. Ihre schönen braunen Augen hatten ihren Glanz verloren und schimmerten mit einer Spur Traurigkeit. Sein schlechtes Gewissen meldete sich mit einem gewaltigen Vorschlaghammer und machte seinen Fehler umso drastischer.
An seinen Bruder gewandt, flüsterte er beschämt: „Kannst du uns bitte einen Moment allein lassen?“ Lincoln sah von ihm zu der jungen Frau und wieder zu ihm. Er neigte den Kopf. „Natürlich.“ Sein großer Bruder erhob sich, lief durch das Schlafzimmer und blieb noch einmal im Türrahmen stehen. „Wenn ihr was braucht, dann ruft einfach.“ Als er den Raum verließ, zog er die Tür hinter sich ins Schloss – und sie waren allein im Zimmer.
Bevor sich irgendeine Spannung aufbauen oder ein unangenehmes Schweigen zwischen ihnen ausbreiten konnte, brachte er seinen Fehler rasch auf den Punkt: „Es tut mir leid, Sara. Ich hätte mit dir über meine Schmerzen reden müssen. Ich hab‘ es verbockt.“ Er drückte seinen Oberkörper nach oben und deutete mit der Hand auf den Stuhl neben sich. „Könntest du dich bitte zu mir setzen, Sara?“ Er ließ den Kopf hängen und gab es nur ungern zu: „Mir tut der Rücken weh und diese Haltung strengt mich sehr an.“ Ein starkes Zittern breitete sich über seinen Körper aus, als hätte dieser nur darauf gewartet, dass er es endlich zugab. Er konnte nicht warten, bis Sara seiner Bitte nachkam. Während er sich auf seinen Bauch sinken ließ und den Kopf zurück aufs Kissen bettete, trat Sara langsam näher. Wortlos ging sie zu dem Stuhl und setzte sich. Sie atmete tief durch und richtete ihren Blick auf ihn. Sie wirkte weiterhin sehr betroffen.
„Lincoln hat Recht. Ich kann mich nur entschuldigen“, begann er von neuen und sah zu ihr auf. „Mein Rücken tut am meisten weh. Die Schmerzen sind unerträglich und … und …“ Lange sah er ihr in die braunen Augen und erklärte schuldbewusst. „Es tut mir leid, dass ich dir meine Schmerzen nicht beschrieben habe, Sara. Das wird nicht wieder vorkommen. Versprochen!“ Für einen Augenblick schloss er die Lider, atmete ruhig ein und aus und versuchte neue Kraft zu sammeln.
„Warum sagst du mir das nicht gleich?“, wollte sie flüsternd wissen und er biss die Zähne zusammen, als er hörte, wie gekränkt sie war. „Warum machst du aus deinen Schmerzen so ein Geheimnis?“
„Weil ich dir nicht weh tun möchte“, gab er ehrlich zu. „Ich sehe doch, wie sehr dich meine Wunden und meine Schmerzen verletzen. Ich kann den Gedanken nicht ertragen, dich leiden zu sehen. Da geh lieber ich durch die Hölle!“
„Aber das bist du doch bereits, Michael“, erwiderte sie leise und schluckte mehrfach.
Irritiert hob er die Augenbrauen und sah sie verwirrt an. „Was willst du damit sagen, Sara?“
Sie holte zitternd Luft. Ihr Körper bebte leicht und sie wischte sich schnell über die Augen. Von einem Moment auf den anderen begann sie zu weinen. Er konnte gar nicht so schnell reagieren und ihr Gesicht war tränennass.
Michael erhob sich und drehte sich auf seine rechte Seite auf den Ellenbogen. Die Schmerzen waren vergessen. Dass er eigentlich keine Kraft mehr hatte, war vergessen. Seine Sara weinte und kämpfte offenbar mit etwas, was ihr sehr zu schaffen machte. Es musste schon länger in ihr brodeln, aber erst jetzt kamen ihre Gefühle zu Tage. Er musste etwas tun. „Sara? Was hast du?“
„Du bist für mich durch die Hölle gegangen!“, schniefte sie jetzt lauter und weinte heftiger. Immer wieder wischte sie die Tränen weg, aber es kamen andauernd neue hinzu. Mit großen glasigen Augen sah sie ihn an. „Er hat dich wegen mir gefoltert!“
Schlagartig weiteten sich seine Augen, als er endlich verstand, was sie bedrückte. Sie gab sich die Schuld daran, weil er gefoltert wurde und sie so gut wie verschont geblieben ist – und dass, obwohl es ihr Schlüssel war. Sie hatte den Schlüssel von ihrem Vater gefunden, bei sich getragen und er war deswegen gefoltert wurden. Sie fühlte sich für seine Verletzungen und seinen Schmerzen schuldig. Jetzt war ihm klar, was sie bedrückte und was sie von innen heraus quälte. Wie aber konnte er ihr helfen? Die Misshandlung war ihm persönlich egal. Er lebte und er erholte sich von seinen Verletzungen. Hätte der Agent aber Sara gefoltert, wäre er definitiv nicht mehr zu halten gewesen. Erst wollte er sie trösten, dass es ihm nichts ausmachte, so verletzt zu sein, aber dann hielt er inne und drehte ihren Gedankengang herum. Er dachte daran, wie es wäre, wenn nicht er die Folter erlebt hätte, sondern sie, und dieser Gedanke ließ alles in ihm aufschreien. Mit einem Mal konnte er ihre Gefühle mehr als deutlich verstehen. Er wusste nicht, was er sagen sollte. Er wusste nicht, was sie auch nur ansatzweise trösten würde. Daher versuchte er rational an die Sache heranzugehen: „Sara, er wollte dir auch weh tun!“, erinnerte er sie und sah sie unendlich sanft an. „Da er von mir keine Informationen erhalten hat, wollte er mit dir weiter machen!“ Als das Bild der gefesselten Sara vor seinem inneren Auge auftauchte, musste er heftig schlucken. Dieses Bild wollte er am liebsten aus seinem Gehirn verbannen, aber das würde wohl niemals geschehen.
„Gib dir bitte nicht die Schuld an all dem hier“, versuchte er es noch einmal und endlich, endlich, klärte sich ihr Blick auf und sie sah ihn richtig an. Sie hörte ihm zu. „Kellermann ist ein ausgebildeter, skrupelloser Profi. Er macht sich keine Gedanken, ob seine Zielperson ein Mann oder eine Frau ist. Er hatte nur den Befehl herauszubekommen, was wir haben. Dass er dabei mit mir angefangen hat, war reiner Zufall.“ Dass der Agent mit ihm angefangen hatte, weil er Frauen ungern misshandelte, verschwieg er lieber. Er wollte Sara trösten und da half dieses Wissen nicht gerade.
„Ich weiß, dass du das nicht hören willst, aber mir geht es den Umständen entsprechend gut und mir wird es auch bald wieder besser gehen.“ Er seufzte leise, gab sich einen Ruck und sprach doch seine eigentlichen Gedanken aus: „Und um ehrlich zu sein, Sara. Mir ist es lieber, ich bin verletzt, als wenn du es bist!“
Sie ließ den Kopf hängen. „Michael …“
„Sara“, unterbrach er sie. „Mein Leben bedeutet mir nichts, denn du bist mein Leben! Ohne dich kann ich nicht leben und wenn jemand dir etwas zu leide tun möchte, werde ich es zu verhindern wissen!“
Es schien eine Ewigkeit zu vergehen, wo sie schwieg und ihren eigenen Gedanken nachhing. „Mir geht es mit dir ganz genauso“, entgegnete sie sehr sanft. Ihre Augen schimmerten in ihrem wunderschönen Braun. „Du bist mir sehr wichtig und ich würde alles für dich tun!“
„Das hast du doch bereits“, erinnerte er sie sacht. „Du hast in Fox River die Tür offenstehen lassen und hast mir und meinen Bruder geholfen!“ Er legte den Kopf schief. „Was meinst du? Sind wir dann nicht Quitt? Ein Leben für ein Leben?“ Er lächelte sein halbes Lächeln, wovon er ganz genau wusste, dass sie es liebte und er wurde nicht enttäuscht. Auf der einen Seite erwiderte sie das Lächeln, anderseits aber schüttelte sie betreten den Kopf, als könnte sie es nicht fassen. „Ich glaube nicht, dass man das vergleichen kann, Michael!“
„Ich denke schon.“ Er blickte sie nach wie vor liebevoll an und wollte sie weiter aufmuntern, als ohne eine erkennbare Vorwarnung eine Schmerzwelle über seinen Rücken schoss. Von jetzt auf gleich jagte der brennende Glühhaken sein Rückgrat hinab. Angefangen von seinem Schulterblatt raste der Schmerz seinen kompletten Rücken hinunter. Er stöhnte vor Qual auf und biss die Zähne fest zusammen. Er drückte seinen Oberkörper ins Hohlkreuz und kniff die Augen zu. In kurzen Zügen atmete Michael und hoffte, dass die Schmerzen dadurch schnel-ler aufhören würden. Aber sie hörten nicht auf.
„Ich bereite dir eine Infusion vor“, rief Sara sofort und wechselte innerhalb von Sekunden in den Arztmodus. Hastig stand sie auf, lief um das Bett herum und hantierte dort geräuschvoll in ihrer Arzttasche und an ihren medizinischen Utensilien. Michael konnte nicht sehen, was sie tat, da eine Körperdrehung zu anstrengend und daher nicht möglich war. Er konnte nur ihren bewegenden Schatten auf der gegenüber liegenden Wand sehen. Als er die Schmerzen nicht länger aushielt, ließ er sich zurück auf die Matratze sinken und wartete auf sie. So verschwand wenigstens der Druck auf seinen Rücken und das Problem war nur noch seine Schulter.
„Ich hab‘ ein paar Infusionsbeutel besorgt“, setzte sie ihm in Kenntnis und kam gerade um das Bett herum. Sara hatte sich Einweghandschuhe übergezogen und hielt einen Beutel mit einer durchsichtigen Flüssigkeit und einen dazugehörigen Schlauch in den Händen. Sie ging an seiner Bettkante entlang und griff nach einem Garderobenständer, welcher in der Ecke stand. Er hatte ihn gar nicht bemerkt, weil sich dieser perfekt in die Einrichtung einfügte, aber anscheinend hatte dieser einen ganz anderen Zweck als den haushaltsüblichen.
Sara stellte den Garderobenständer neben das Kopfteil des Bettes hin und hängte den Infusionsbeutel daran auf. Den Schlauch führte sie zu ihm. Wortlos reichte er ihr seine Hand mit dem Zugang und sie lächelte ihn warm an. Geschickt verband sie den Zugang mit dem Schlauch und somit mit der Infusion. Behutsam legte sie seine Hand auf die Matratze und verschwand noch einmal auf die andere Seite des Bettes.
„Gleich wird es dir besser gehen“, sprach sie ruhig weiter und lief mit einer kleinen Glasflasche und einer Spritze in der Hand zum Infusionsbeutel.
Michael beobachtete sie dabei, wie sie die Glasflasche auf den Kopf stellte und deren Flüssigkeit hoch konzentriert mit der Spritze aufzog. Sie trat an den Garderobenständer und spritze den Inhalt der Spritze zusätzlich in den Infusionsbeutel. Während sie noch dabei war, alle Utensilien wegzuräumen und die Einweghandschuhe wegwarf, spürte er bereits, wie die Wirkung einsetzte. Eine beeindruckende Schwere kroch durch seine Adern und alles, was sie dabei berührte, wurde genauso schwer. Es dauerte nicht lange und er glaubte nicht mal mehr den Arm heben zu können. Mit einem Mal war er müde, so unglaublich müde.
Michael schloss die Augen und seufzte erleichtert auf. Die Schmerzen wurden nach und nach zu Schatten ihrer Selbst. Erst verschwand das Wummern in seinen Fingern, danach spürte er keine Schmerzen mehr im Bein. Er hatte schon das fatale Gefühl, dass es seinem Bein so gut ging, dass er einfach loslaufen konnte. Sein Körper begann sich zu entspannen und die Erschöpfung griff nach ihm.
„Ich lass dich schlafen und sehe später nach dir“, flüsterte plötzlich Sara neben ihm und er öffnete schwerfällig die Lider. Sie drückte sanft seinen Arm und erhob sich bereits – aber er wollte nicht, dass sie ging.
„Sara?“, murmelte er leicht benebelt.
Sie kauerte sich erneut neben ihn nieder. „Ja, Michael?“
„Kannst du dich vielleicht zu mir legen?“
Unsicher musterte sie ihn. „Ich glaube nicht, dass das eine gute Idee ist! Du brauchst Ruhe!“
Er seufzte abermals. „Sara, du gibst mir diese Ruhe!“ Für einen Moment schloss er die Lider und musste sich regelrecht zwingen, die Augen wieder zu öffnen. Das Schmerzmittel in der Infusion wirkte schnell und er hatte alle Mühe einen klaren Gedanken zu fassen. „Wenn du bei mir bist, geht es mir besser. Immer! Bitte, Sara!“
„Ist gut.“ Zu seinem Erstaunen kam ihre Zustimmung ziemlich schnell. Sie zog ihre Schuhe aus und überdachte seine Liegeposition. „Kannst du etwas zur Seite rutschen? Geht das?“
Sorgsam und langsam rückte er mit seinem Körper in die Mitte des Bettes und hob gleichzeitig den Arm, wo der Infusionsschlauch dranhing. Sara bückte sich unter den Schlauch hindurch, hob seine Decke an und schlüpfte zu ihm ins Bett. Vorsichtig und sehr behutsam legte sie sich neben ihm und hob ihren linken Arm, damit er an ihrer Seite genügend Platz hatte.
So unglaublich glücklich, dass sie seinen Wunsch ohne weiteres nachgekommen war, schmiegte er sich an ihre linke Seite und legte seinen Kopf an ihre Brust. Seine Hand mit dem Zugang legte er über ihren Bauch, sodass die Infusionsflüssigkeit mit dem Schmerzmittel problemlos in ihn fließen konnte.
Im ersten Moment war die seitliche Lage seines Körpers unangenehm, weil der Verband um sein Bein nun stärker auf die Wunde drückte, aber das Schmerzmittel nahm sich seiner an und schon sehr bald war das schmerzende Bein nur noch eine vage Erinnerung. Die Schmerzen verschwanden aus seiner Wahrnehmung. Lediglich seine Schulter machte eine Ausnahme und brauchte eine Extraeinladung. Es dauerte länger, bis die Schmerzen auch hier betäubt wurden.
Als sein Körper nach einigen Minuten von oben bis unten lahmgelegt war, lächelte Michael friedlich vor sich hin. Erschöpft schloss er die Augen. Das sanfte Heben und Senken von Saras Oberkörper war so beruhigend, dass es ihm wirklich besser ging. Dazu ihr unvergesslicher Duft und ihr Körper an seinen und er wusste, er war im Himmel.
„Mir geht es besser“, flüsterte er und er wusste, dass es auch an ihrer Anwesenheit lag. Unbewusst verstärkte er den Griff um ihren Körper und er war sich sicher: Sara war sein Ruhepol, sein Anker. Bei ihr konnte er sich fallen lassen und der sein, der er immer war.
Nicht schnell bewegte sie ihren anderen Arm und kurz darauf spürte er ihre Hand an seinem Kopf. Ruhig und gleichmäßig streichelten ihren Finger seine Haare. Sie beugte sich zu ihm und hauchte einen sanften Kuss auf seine Stirn. Schlussendlich war es genau diese letzte Geste, die ihn die Ruhe vermittelte, die er ihr gerade noch beschrieben hatte. Besser konnte es ihm wirklich nicht gehen.
„Sind die Schmerzen weg?“
„Ja“, antwortete er mit geschlossenen Lidern und lächelte ein weiteres Mal. „Dank dir!“
Ihre weichen Finger fuhren über seine Schläfe und sacht legte sie ihren Kopf an seinen. „Ruh dich aus, Michael“, sprach sie sehr leise und es fiel ihm mittlerweile schwer, ihr gedanklich zu folgen. Die Schwere in seinen Adern zog jetzt stärker an ihn.
„Schlaf, mein Schatz“, fuhr sie ruhig fort. „Du brauchst so viel Kraft für die Heilung und …“ Den restlichen Satz hörte er nicht mehr, da er schlicht und einfach einschlief …



Sara musste all ihre Beziehungen im medizinischen Bereich genutzt haben, damit sie die guten Schmerzmittel bei ihm verwenden konnte. Michael hatte das eindeutige Gefühl zu schweben. Sein Körper fühlte sich so leicht an, dass er keinen einzigen Knochen oder gar Muskel spürte, und erst recht spürte er keine Schmerzen! Er fühlte sich leicht wie eine Feder und war regelrecht high – und erst die Träume! Die waren so lebhaft und real, als würde er sie wirklich erleben. Es fühlte sich alles so echt an!
In seinem Traum lag er weiterhin an Sara geschmiegt im Bett. Mit geschlossenen Augen hörte er, wie sie mit jemanden gedämpft sprach: „Du kannst ruhig reinkommen.“
„Sicher?“ Die unbekannte Männerstimme sprach sehr leise.
„Ja“, erwiderte sie genauso leise. „Er schläft.“
„Gut.“ Er schien mehr als erleichtert. „Wir haben uns Sorgen gemacht“, begann der Mann zu erklären. „Lincoln meinte, dass Michael mit dir reden wollte und als du nicht wiederkamst, haben wir uns Sorgen gemacht!“
„Hat Lincoln sich Sorgen gemacht oder du, weil du den Gedanken nicht ertragen konntest, dass ich dir zuvorkomme und ihm von dir erzähle?“ Sara klang mit einem Schlag verärgert, und Michael wusste nicht wieso. Er wollte verwirrt die Stirn verziehen, hatte aber keine Kontrolle über seinen Körper. Er schien zu fliegen und nur ein stummer Zeuge dieser Unterhaltung zu sein. Warum war Sara so gereizt? Was hatte sie derart verärgert?
„Nein, das dachte ich nicht!“
Sara bewegte ihren Kopf zur anderen Seite und schien zu warten.
„Ja, okay, ich habe wirklich gedacht, dass du …“
„Dass ich unsere Abmachung breche und es ihm erzähle?“, fragte Sara unwirsch dazwischen und bebte am ganzen Körper. Sie atmete heftig aus und versuchte sich sogleich wieder zu beruhigen. Mehrere Male holte sie tief Luft und ließ sie so ruhig wie möglich entweichen. „Auch, wenn ich den Gedanken nicht ertrage, ihn ins offene Messer laufen zu sehen, weiß ich, dass er da selbst durchmuss. Er muss dich treffen und seine eigenen Entscheidungen treffen. Das kann ich ihm nicht abnehmen – leider.“
Eine Weile sagte keiner die Beiden etwas, bevor der Mann seufzte. „Ich dachte, zwischen uns wäre alles in Ordnung. Ich verstehe nicht, was los ist?“
„Was los ist? Das fragst du jetzt nicht ernsthaft, oder?“
„Sara, was …?“
Sie schluckte spürbar. Instinktiv verstärkte sie ihren Griff um ihn und Michael hatte das Gefühl, als suchte sie einen festen Halt. Nur zu gerne gab er ihr diesen.
„Ich habe dem Treffen zugestimmt“, unterbrach sie ihn erneut. Ihr Ärger nahm noch einmal zu. „Wenn es Michael morgen nicht schlechter geht, dann kannst du mit ihm sprechen!“
Der fremde Mann stieß erleichtert die Luft aus. „Ich danke dir, Sara.“ Er räusperte sich. „Uns rennt wirklich die Zeit davon. Wir müssen handeln und das so schnell wie möglich!“
„Ich weiß! Du hast es uns ja nicht nur einmal gesagt. Du redest von kaum etwas anderen! Und um ehrlich zu sein, wäre das für uns alle nicht so wichtig, dann würdest du Michael nicht vor seiner kompletten Genesung zu Gesicht bekommen!“
Abermals vergingen etliche Sekunden, ehe der Mann flüsternd meinte: „Es tut mir leid, dass du so über mich denkst. Ich hoffe wirklich, dass sich das mit der Zeit geben wird. Immerhin bist du doch …“
„Könntest du bitte gehen?“, sprach sie flüsternd dazwischen. Ihr Körper spannte sich unwillkürlich an. „Michael braucht dringend Ruhe. Ich will nicht, dass er wegen unserem Gespräch munter wird und er schon wieder von den Schmerzen heimgesucht wird. Er macht schon genug durch, auch ohne dich!“
„Ich verstehe.“ Auf einmal hörte sich der Mann gekränkt an. „Natürlich.“ Er hielt in seiner Be-wegung inne. „Kommst du mit? Vielleicht können wir unser Gespräch unten fortführen?“
„Nein“, kam ihre schnelle Antwort. „Tut mir leid. Michael hat mich gebeten, bei ihm zu bleiben, also tue ich das.“
„In Ordnung. Wir sind unten, wenn du etwas benötigen solltest.“
„Ja, ich weiß“, erwiderte sie leise und drückte Michael vorsichtig an sich. „Bis nachher.“
„Bis dann.“ Der fremde Mann entfernte sich aus dem Schlafzimmer und Sara war spürbar hin- und hergerissen. Sie holte noch einmal tief Luft, hielt sie einige Sekunden in ihren Lungen und stieß sie sehr langsam aus. Sekunden und Minuten vergingen in absoluter Stille. Sara brauchte ihre Zeit, aber dann schien sie sich beruhigt zu haben. Behutsam legte sie ihren Kopf zurück an seinen und ihre Finger fuhren von neuen sanft über sein Haar.
„Bitte sammle so viel Kraft wie nur möglich, Michael“, hauchte sie besorgt. „Du wirst sie dringend brauchen!“ Erneut seufzte sie. „Ich liebe dich!“
Er lächelte vor sich hin. All seine Liebe für die junge Frau schoss durch seine Adern und er fühlte sich einfach gut. Ich liebe dich auch, Sara. Er ließ sich von der Stille im Raum einlullen und beherzigte ihren Rat. Er schlief in seinen Traum ein und suchte die Kraft, die er dringend benötigte …      

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Fortsetzung folgt ...
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