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Spuren des Lebens

GeschichteDrama / P18 / Gen
Dr. Sara Tancredi Lincoln "LJ" Borrows Junior Lincoln Borrows Michael Scofield Paul Kellermann
02.11.2019
04.01.2020
11
56.399
2
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3 Reviews
 
30.11.2019 4.202
 
Disclaimer:    
Alle Charaktere und die Idee der Serie Prison Break sind geistiges Eigentum von Paul T. Scheuring. Ich leihe mir seine Figuren nur aus und gebe sie am Ende wieder zurück.
Der Dialog am Anfang der Geschichte zwischen Michael und dem Geistlichen ist aus der Folge ‚Bolshoi Booze‘ der 2. Staffel. In einem Gespräch zwischen Michael und Sara im späteren Verlauf der Geschichte stammen Teile davon aus der Folge ‚Chicago‘ der 2. Staffel, sowie ist im letzten Drittel der fertigen Geschichte ein abgewandelter Dialog zu finden, welcher aus der Folge ‚Disconnect‘ der 2. Staffel stammt.

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Als er das nächste Mal aufwachte, war es in dem Zimmer dunkel. Michael schloss wieder die Augen und gähnte herzhaft, bevor er sich in dem dunklen Raum umsah. Der Stuhl neben seinem Bett war leer. Nur er befand sich komischerweise in dem Schlafzimmer. Als er aus dem Fenster blickte, war die Außenwelt in ein tiefes Schwarz getaucht. Nur die Straßenlaternen erhellten die Nacht und spendeten Licht für sein Zimmer. Nicht schnell drehte er den Kopf in die andere Richtung des Zimmers und hoffte irgendwo eine Uhr zu finden, aber auch auf den anderen Nachtschränkchen stand kein Wecker. Er konnte nichts finden, was ihn einen Anhaltspunkt gab, wie spät es war oder wie früh.
Plötzlich hörte er eine Toilettenspülung und kurz darauf, wie Wasser in ein Waschbecken lief. Nicht schnell sah er auf die zweite Tür, wo er beim ersten Aufwachen nicht einschätzen konnte, ob sie in einen Wandschrank oder in ein Badezimmer führte, aber demnach hatte das Bad gewonnen. Das Wasser wurde abgestellt und gleich darauf öffnete sich die Tür.
Mit gesenktem Blick trat sein Bruder aus dem Badezimmer. Er ließ das Licht im Bad an und lehnte die Tür an, so dass ein kleiner Lichtschimmer ins Zimmer fiel. Erst jetzt hob er den Blick, sah wohl routinemäßig in seine Richtung und blieb entgeistert stehen, als er sah, dass er munter war.
„Hey Linc“, sprach er leise und lächelte.
„Michael!“ Aufgeregt kam sein großer Bruder näher und setzte sich rasch auf den Stuhl neben ihn. „Sara hat erzählt, dass du schon mal aufgewacht bist, aber das ist jetzt auch schon wieder zwei Tage her.“
Michaels Augen weiteten sich bei dieser Information. Er hatte zwei weitere Tage geschlafen?
„Wie geht es dir?“ Lincoln beäugte ihn sorgenvoll. „Brauchst du irgendetwas?“
Noch immer leicht geschockt, verneinte er Kopfschüttelnd. Er wollte dafür etwas ganz anderes. „Wie lange bin ich schon hier?“
Lincoln verstand, nickte und half ihm dabei, einen Überblick über die fehlenden Informationen zu bekommen: „Du liegst nun schon sechs Tage hier. Wir gehen aber mit großen Schritten auf den siebten zu. Vier Tage warst du bewusstlos und hast du dich nicht bewegt. Du lagst wie tot da und ich dachte echt, dass es Sara doch nicht geschafft hat dich zu ...“ Er stockte mitten im Satz, blinzelte und senkte schnell den Kopf. Er holte mehrere Male tief Luft. Sein breiter Brustkorb weitete sich bei jedem Atemzug. Er versuchte offensichtlich seine Gefühle unter Kontrolle zu bekommen.
Michael schluckte betreten und fühlte mit seinem Bruder. Ihm würde es genauso gehen, wäre Lincoln an seiner Stelle.
„Lincoln, ich lebe“, flüsterte er behutsam. „Mir geht’s gut. Alles andere ist egal.“
Sein Bruder schnaufte verärgert und sah ihn plötzlich mehr als wütend an. „Es ist nicht egal und dir geht es auch nicht gut, Michael! Du wurdest von diesem Arschloch fast zu Tode gefoltert. Wäre Sara nicht bei dir gewesen und hätte nicht so besonnen reagiert, wärst du verblutet!“
Einen endlosen Augenblick sah Michael ihn an. Ein weiteres Mal war er buchstäblich sprachlos. Erst Sara, jetzt sein Bruder. Sein Bruder war ein harter Hund und nicht so schnell weich zu kriegen. Er wusste, dass Lincoln eine harte Schale mit einem weichen Kern hatte, aber diesen weichen Kern ließ er nur wenige Menschen sehen und noch weniger ließ er es zu, dass der weiche Kern an die Oberfläche kam. Wie Sara musste sein Bruder durch die Hölle gegangen sein.
„Es tut mir leid“, sprach er sehr leise und sehr sanft. „Ich weiß, die Entschuldigung macht die letzten Tage nicht ungeschehen und es sehe, dass ihr schlimmes durchgemacht habt, während ich bewusstlos war, und wenn ich sage, es geht mir gut, dann will ich einfach sagen, dass ich nicht über diese verdammten Schmerzen nachdenken will!“ Er seufzte ungeduldig und suchte eine bessere Liegeposition für seinen Rücken. Aber es half nichts. Sein Rücken tat überall weh. „Ich habe das Gefühl, wenn ich über meine Schmerzen nachdenke oder über sie spreche, dann hören die das und tun alles, damit ich sie noch besser spüre – und ehrlich Linc, ich will das nicht, denn es ist die Hölle!“
„Wow“, entfuhr es seinem Bruder. Überrascht musterte er ihn und wusste nun seinerseits nicht, was er sagen wollte. Michael nutzte die Zeit des Schweigens und suchte erneut eine gute Position für seinen Rücken, aber es nützte nichts. Ein scharfer Schmerz streute von seinem Schulterblatt und er zuckte stöhnend zusammen.
„Geht’s?“ Lincolns Stimme war nur ein Hauch im Wind, aber er hatte ihn gehört und nickte entsprechend.
„Weißt du, Michael“, begann sein Bruder sehr ruhig und sehr ernst. „Dass ich an einer halben Hand abzählen kann, wo du mal über dein eigenes Leid geklagt hast?“
Michael sah ihn irritiert an und runzelte die Stirn.
Sein Bruder nickte ihm zu. „Ja, es stimmt. Dir sind alle anderen Menschen wichtiger. Geht es dir aber mal nicht gut, überspielst du es oder wechselst ganz schnell das Thema. Niemand soll sich wegen dir Sorgen machen. Dir geht’s immer gut und alles andere spielt keine Rolle, aber ich sag dir jetzt was! Denn anscheinend übersiehst du das immer wieder!“ Er atmete tief durch. „Du hast Menschen in deinem Umfeld, die sich auch um dich Sorgen machen und dir helfen wollen.“ Fest sah er ihm in die Augen. „Und weißt du auch warum? Weißt du das?“
Er antwortete ihm nicht. Er konnte einfach nicht.
Lincoln beugte sich auf dem Stuhl zu ihm herüber und sah ihn direkt an. „Du wirst geliebt, Michael und den Menschen, die einen lieben, kann man auch mal sagen, dass es einen selbst schlecht geht. Dann können sie dir nämlich helfen oder zumindest dein Leid vermindern. Denn wie ich gehört habe, ist geteiltes Leid halbes Leid. So sagt man doch, oder?“ Er machte eine kurze Pause und lehnte sich auf den Stuhl zurück. Er verschränkte die Arme vor der Brust und ließ die Muskeln spielen. „Also, Michael, ich frag dich noch einmal und ich hoffe ehrlich, dass meine elend lange Rede bei dir gefruchtet hat, denn es ist wirklich ätzend, so lange zu reden. Aber wenn es wirklich sein muss, rede ich dich in Grund und Boden, damit du es endlich verstehst!“ Er legte den Kopf schief. „Wie fühlst du dich?“
Michael musste lächeln. Lincoln war es vielleicht nicht bewusst, aber genau das hatte er in diesem Moment gebraucht. Eine starke Hand, die ihm bereitwillig hingehalten wurde, um ihm zu helfen – und er konnte ihn verstehen, denn es stimmte. Alles, was Lincoln angesprochen hatte, war wahr. Er sah seinen Bruder an und ließ die Wahrheit für sich sprechen: „Mir geht es nicht gut, Lincoln. Meine Schulter tut höllisch weh.“ Vor Schmerzen verzog er das Gesicht und versuchte ein drittes Mal seinen Rücken Abhilfe zu leisten. „Kannst du bitte Sara holen, damit sie mir etwas gegen die Schmerzen geben kann?“
Lincolns Augen weiteten sich schlagartig. Ruckartig stand er auf. „Shit. Sara!“
„Was?“ Erschrocken sah Michael zu ihm hinauf und versuchte sich auf seine Ellenbogen abzustützen. „Was ist mit Sara?“ Sorge breitete sich in seinen Eingeweiden aus.
Sein Bruder bemerkte seinen Fehler und schüttelte beruhigend den Kopf. „Keine Angst, Michael. Ihr geht es gut. Du kannst dich beruhigen. Ich sollte sie nur sofort wecken, wenn du munter werden sollest!“ Er lief schnell durch den Raum in Richtung Tür. „Ich hole sie!“
„Lincoln“, rief Michael rasch und sein großer Bruder hielt in seiner Bewegung inne. „Ja?“
Er lächelte verlegen. „Kannst du mir was zu essen mitbringen? Ich hab‘ einen Bärenhunger.“
Zum ersten Mal lächelte sein Bruder und wirkte unendlich erleichtert. „Klar, Kumpel.“
Michael ließ sich zurück aufs Bett sinken und meinte noch, als Lincoln schon fast zur Tür raus war: „Und was zu trinken! Bitte.“
„Mach ich, Kleiner“, kam nur die Antwort und sein Bruder verschwand.
Noch immer lächelnd, schloss er die Augen und ruhte sich einen Moment aus. Sein Bein pochte unaufhörlich und die plötzliche Bewegung war gar nicht gut gewesen. An seinen Rücken wollte er gar nicht denken. Hoffentlich hatte Sara etwas gegen die Schmerzen. Er wusste schon gar nicht mehr, wie sich sein Körper ohne die Schmerzen anfühlte.
„Michael?“
Saras leise Stimme war genau neben ihn. Er öffnete die Lider und sah sie neben sich auf den Stuhl sitzen. Er runzelte die Stirn, denn er hatte sie gar nicht reinkommen gehört. Sie musste durch den Raum geflogen sein. Selbst das Nachtlicht hatte sie angemacht und er hatte es nicht einmal bemerkt. Je länger er sie ansah, umso schneller schlug sein Herz. Ein Strahlen breitete sich in seine Augen aus. Sie sah einfach wunderschön aus. Auch wenn sie ein langes blaues T-Shirt mit einer Pyjamahose trug und ihre Haare etwas durcheinander wirkten, so war sie doch in seinen Augen wunderschön.
Er lächelte sie an. „Hey.“
Sie erwiderte das Lächeln und nahm seine Hand sacht in seine. „Hey.“
„Du hast mir gefehlt!“
Sie legte den Kopf schief und ihre Augen strahlten wie seine. „Du hast mir auch gefehlt.“ Ihr Blick füllte sich mit Sorge. „Lincoln meinte, dass deine Schulter weh tut?“
„Ja“, stimmte er ihr zu. „Ich habe das Gefühl, dass mein ganzer Rücken brennt. Aber die Schulter …“ Schmerzhaft verzog er das Gesicht.
Sie nickte knapp, löste ihre Hand von seiner und bückte sich. Wie er jetzt erst bemerkte, stand eine schwarze Arzttasche neben den Stuhl. Sie griff gezielt hinein und holte eine kleine orangefarbende Plastikdose heraus. Sie öffnete sie und holte zwei weiße Pillen heraus.
„Hier.“ Sie reichte ihm die Medikamente und stand auf. „Ich hol ein Glas Wasser. Warte.“ Sara lief ins Bad und kam mit einem Wasser gefüllten Glas zurück. Da er wegen seiner gebrochenen Finger nicht beides halten konnte, wartete sie, bis er die Medikamente geschluckt hatte und reichte ihm dann das Glas. Sie half ihm zu trinken. Völlig ausgetrocknet trank er das ganze Glas in einem Schluck leer. Die Flüssigkeit war Gold wert und schon allein davon fühlte er sich besser.
„Danke.“ Er reichte ihr das Glas. Sie stellte es auf den Nachttisch und begann noch einmal in der Tasche zu hantieren. Nach und nach legte sie eine eingeschweißte Mullbinde nach der anderen neben ihm auf den Nachtschrank.
„Ich hab‘ dir jetzt nur ein mittelstarkes Schmerzmittel geben, Michael“, meinte sie und legte Klebeband und Schere neben all die Binden. „Ich möchte deinen wachen Zustand nutzen und deine Verbände wechseln.“ Er sah sie nur fragend an und sie erklärte ihm ruhig: „Außer deine Verbrennung habe ich bei all deinen anderen Verletzungen die Verbände bisher nur zweimal gewechselt, weil es einfach eine Infektion vermindert, aber dein Verband an deinem Schulterblatt muss ich jeden Tag wechseln, weil es bereits infiziert ist.“      
„Okay“, meinte er etwas unsicher. Er wusste nicht, ob er dabei sein wollte, wenn sie all die Verbände an seinen Körper wechselte, aber er hatte wohl keine Wahl.
„Hier ist was zu futtern, Michael.“ Lincoln kam mit einem Tablett in den Händen in den Raum und stutzte. „Sara, lass ihn doch erst einmal was essen.“ Er ging zum Sideboard und stellte das Tablett ab.
„Ich wäre auch dafür, dass Michael etwas zu sich nimmt“, sprach sie sanft und sah erst seinen Bruder und dann ihn an. „Aber der Verbandswechsel wird weh tun und wenn du da was im Bauch hast, kann es sein, dass du alles wieder ausspuckst – und das möchte ich verhindern.“ Sanft sah sie ihn an. „Wenn wir fertig sind, kannst du etwas essen. Danach gebe ich dir ein stärkeres Schmerzmittel und stelle dich ruhig.“ Sie zwinkerte ihn trotz des ernsten Themas zu. „Ich hab‘ dir gesagt, dass ich dich ruhig stellen werde, oder hast du das schon vergessen?“
Leicht schmunzelte er. „Hast du mich die letzten Tage nicht ruhiggestellt? Zählt das nicht?“
„Nein“, antwortete sie schnell. „Das war dein Körper, der dich schlafen gelegt hat. Nun bin ich an der Reihe.“
Er seufzte und sah zwischen der Liebe seines Lebens und seinen Bruder hin und her. „Ich denke mal, dass ein Einspruch wenig hilft.“ Er seufzte ein weiteres Mal, gab sich geschlagen und sah Sara bittend an. „Können wir es schnell hinter uns bringen?“
„Wir beeilen uns, Michael“, versprach sie und beugte sich zu ihm hinunter. Ohne auf Lincoln zu achten, küsste sie ihn zärtlich und er fühlte sich sofort besser. Hauchzart streichelte sie seine Wange und hauchte einen weiteren Kuss auf seine Stirn. „Alles wird gut.“
„Ich hoffe es“, murmelte er.
„Hab ein bisschen Vertrauen, Michael“, warf sein großer Bruder ein, schaltete die Deckenbeleuchtung ein und begann sich die Hände zu desinfizieren.
Michael antwortete nicht darauf, er beobachtete eher das Treiben der beiden. So wie sie sich bewegten, machten sie das nicht zum ersten Mal zusammen. Lincoln half Sara alles vorzubereiten und Sara legte alle Utensilien so hin, dass sie griffbereit lagen. Als alles soweit fertig war, griff sein Bruder nach der Bettdecke, deckte ihn komplett auf und Michael sah, seit der Flucht aus dem Hotelzimmer, die Baustelle, die sein Körper mittlerweile war.
Er trug noch immer die rot gestreifte Boxershort und verzog etwas angewidert das Gesicht. Aber er wollte nicht weiter darüber nachdenken. Sobald es sein Körper zu ließ, würde er sich waschen und vor allem frische Sachen anziehen. Unauffällig atmete er tief durch, als er seinen Oberkörper betrachtete. Dieser war vollständig mit Mullbinden umwickelt und daher hatte er auch das Gefühl gehabt, in Watte gepackt zu sein. Sein Oberschenkel und sein Fuß waren ebenfalls verbunden. Oh man, das würde dauern.
Sara und Lincoln desinfizierten ihre Hände noch einmal und zogen dann Einweghandschuhe über. Ohne sich abzusprechen, fing Sara mit seinem Bein an. Lincoln ging an die kurze Bettkante und hob behutsam das Bein an. Michael stieß zischend die Luft aus, als ein scharfer Schmerz sein Bein hinaufschoss. Sein Bruder sah ihn entschuldigend an, aber er schenkte ihm keinerlei Beachtung und richtete seinen Blick stattdessen aufs Fenster. Vielleicht half es, wenn er nicht sah, was die beiden taten. Für sie musste es auch eine neue Situation sein. Bisher war er nicht bei Bewusstsein gewesen, wenn sie die Verbände gewechselt hatten. Da hatte er keine Reaktion zeigen können. Aber jetzt war er bei Bewusstsein und es tat weh.
Sara löste die Verbände, säuberte ruhig die Wunden und verband fachmännisch die zwei Verletzungen mit frischen Mullbinden. Er wusste, dass sie fertig waren, als sein Bein sacht zurück aufs Bett gelegt wurde.
„Den ersten Teil haben wir“, meinte Sara und kam nun wieder direkt neben ihm. Sie musterte ihn mit großen Augen und ihr Blick wurde unglaublich sanft. „Geht’s?“ Er neigte nur den Kopf und wollte erneut aus dem Fenster blicken, da kam Lincoln zu ihm aufs Bett. Erstaunt drehte er den Kopf in seine Richtung und sah ihn überrascht an. Dieser zuckte mit den Schultern. „Dein Oberkörper ist dran, Kleiner.“ Er kniete sich neben ihn. „Kannst du dich aufsetzen?“
Michael sah abermals zwischen den beiden hin und her und fühlte sich gar nicht wohl. Die Situation gefiel ihm überhaupt nicht. „Ich weiß nicht“, gab er zu und sah hilflos zu seinem großen Bruder auf.
„Kein Problem“, sprach Lincoln verständnisvoll und umfasste mit einer Hand behutsam seinen Oberarm. „Ich helfe dir!“ Sobald er vom Bett hochgezogen wurde, stütze Lincoln ihn mit der anderen Hand im Rücken. Langsam half ihm sein Bruder in eine sitzende Position. Michael schloss gequält die Augen und holte nervös Luft. Die Schmerzen explodierten auf seinen Rücken und auf seiner Brust. Er stöhnte schmerzvoll auf und musste auf einmal würgen.
„Atme ruhig ein und aus“, riet Sara ihn. Sie umfasste seinen anderen Arm und stützte ihn ebenfalls. Er befolgte ihre Anweisung und einige Sekunden, wenn nicht sogar Minuten atmete er ein und aus, ein und aus.
„Genau, Michael, schön weiter atmen. Dein Körper muss sich erst an die neue Haltung gewöhnen. Du hast alle Zeit der Welt. Wir warten auf dich.“
Schwerfällig und mit geschlossenen Augen nickte er und atmete ruhig weiter.
Nach einer Weile ließ der Schmerz nach und Erleichterung durchflutete ihn. Er öffnete die Augen und neigte den Kopf. „Wir können.“
„Ja?“, wollte Sara sicher wissen und er sah aus den Augenwinkeln, wie sie ihn musterte.
„Ja“, antwortete er und sah sie extra nicht an. Er wollte das nur endlich hinter sich bringen. Also starrte er an die gegenüberliegende Wand und versuchte alles um sich herum auszublenden. Beim Abwickeln der Verbände war noch alles in Ordnung, als Sara aber nach und nach die Kompressen von seiner Haut abzog, wurde es von Kompresse zu Kompresse schlimmer. Sie zog regelrecht an jeder Schnittwunde und das war fast so, als würde er die Folter noch einmal erleben. Er begann hechelnd nach Luft zu schnappen. Immer schneller holte er Luft in seine Lunge und versuchte die Schmerzen und das Gefühl von abziehender Haut weg zu atmen.
„Michael“, mahnte Sara beunruhigt und hörte auf. „Beruhige dich bitte. Atme langsamer! Du hyperventilierst sonst.“
„Kann …“ Er holte noch einmal schnell Luft. „Nicht!“
„Michael.“ Auch sein Bruder klang besorgt. „Bleib ruhig!“
Aber er konnte nicht. Es war, als hätte er keine Kontrolle mehr über seine Atmung. Er brauchte nur ganz schnell Luft in seinen Lungen, sonst würde er ersticken. Sein Herz raste und wollte seiner Angst entkommen. Da spürte er plötzlich Saras Hände an seinen Wangen. Mit erstaunlich viel Kraft zwang sie sein Gesicht in ihre Richtung. Entschlossen sah sie fest in seine Augen. „Beruhige dich, Michael!“ Sie atmete ruhig ein und aus. „Sieh‘ mir zu, wie ich atme.“ Sie holte Luft und atmete sie ruhig ein und aus. Atmete sie ein und aus. Es dauerte einen langen Moment, wo er sie nur beobachtete, aber langsam, aber sicher beruhigte sich seine Atmung. Er sah ihr einfach nur dabei zu, wie sie atmete und passte sich ihrer Atmung an – und es half. Nach einigen weiteren Augenblicken ging es ihm deutlich besser und er atmete beruhigt auf.
„Es geht wieder“, flüsterte er zu Sara.
Sie sah ihn tief in die Augen und musterte ihn. „Sicher?“
Ganz langsam nickte er in ihren Händen. „Ja.“
Sie ließ ihn los und tröstend streichelte sie seinen Arm. „Ich hab‘ alle Kompressen runter, Michael. Das schlimmste ist vorbei.“
Unglaubliche Erleichterung erfüllte ihn. „Gott sei Dank!“
„Ich werde jetzt erst einmal deine Brust versorgen“, erläuterte Sara ihre weiteren Arbeits-schritte und begann sogleich die zahlreichen Schnittwunden zu säubern. Sie klebte neue Kompressen fest und bald war seine Brust nicht nur mit seiner Tätowierung verziert, sondern auch mit vielen weißen Quadraten und Rechtecken in den unterschiedlichsten Größen und Formen. Michael zitterte mittlerweile am ganzen Körper. Die aufrechte Sitzhaltung, die Anstrengung und die stärker werdenden Schmerzen fraßen seine ganze Kraft auf – und da er von dieser sowieso nicht viel hatte, wurde die Prozedur langsam aber sicher mehr als unangenehm.  
„Schaffst du es dich weiter vorzubeugen, damit ich an deine Schulter herankomme?“
Ohne ein Wort zu sagen, biss er die Zähne zusammen, hielt die Luft an und beugte sich weiter nach vorne. Sein Bruder wechselte die Position seiner Hände und stützte ihn am Schultergelenk. Erst als es nicht mehr ging, stieß er die Luft aus und keuchte vor Schmerzen. Von Minute zu Minute wurden die Schmerzen stärker. Die Schmerzmittel schienen überhaupt nicht zu wirken.
Sara versorgte nun auch die restlichen Schnittwunden auf seinen Rücken und wiederholte ihre Arbeitsschritte.
Als die junge Frau plötzlich innehielt, wusste er sofort, dass etwas nicht stimmte.
„Michael?“ Sie trat neben ihn und kniete sich hin, damit sie mit ihm auf Augenhöhe war. Ihre Augen schimmerten vor Bestürzung und ihr schönes Gesicht schrie nur so vor Sorge. Dieser Anblick ließ bei ihm alle Alarmglocken läuten. „Was ist los?“
Einen Moment suchte sie nach den richtigen Worten. „Um es vorweg zu nehmen“, begann sie ruhig. „Deine Schnittwunden sehen schon ganz gut aus. Die, die nicht so tief sind, bilden bereits Schorf und sind wirklich gut am Heilen. Die tieferen beginnen sich zu schließen und Narbengewebe zu bilden, aber …“ Sie stockte und Michael wusste, was los war. „Was ist mit meinem Schulterblatt?“ Er stöhnte leise, als eine neue Schmerzwelle über seinen Rücken jagte. Er schloss kurz die Augen. „Was hat sich verändert?“ Erschöpft sah er sie an.
„Da, wo deine Verbrennung nässte, haben sich die Schnittwunden entzündet und sind voller Eiter.“ Es schien, als würde sie ihn ewig ansehen, als wüsste sie nicht, wie sie es ihm am besten sagen sollte. „Ich muss die Wunden erneut aufschneiden, damit der Eiter abfließen kann.“ Sie schluckte betroffen. „Es tut mir leid!“
Michael hörte auf zu atmen und starrte sie an. Er hatte gehört, was sie gesagt hatte, aber sein Verstand weigerte sich, das Gesagte zu verstehen. Alles in ihm schrie danach einfach aufzustehen und abzuhauen. Er wollte nicht noch mehr Schmerzen erleiden und erst recht nicht, wollte er dabei sein, wenn es geschah. Er hatte sich noch nicht einmal von den letzten Attacken erholt. Wie sollte er dann schon wieder komplett neue Schmerzen aushalten? Wie sollte das gehen?
„Michael, ich muss den Eiter ablassen“, versuchte sie es unglaublich sanft zu erklären. „Es wird ansonsten nur noch schlimmer.“
Sehr, sehr langsam nickte er. Er wusste, dass es nicht anders ging. Sara würde es ihm nicht so behutsam erklären, wenn es eine andere Möglichkeit gebe. Es ging nur so. Es gab keinen anderen Weg. Um sich selbst zu überzeugen und um sich Mut zu machen, nickte er ihr ein weiteres Mal zu. „Beende es, Sara“, flüsterte er und krampfhaft schluckte er erneut. „Bring es einfach zu Ende!“
Sie neigte den Kopf und stand auf. Er hörte, wie sie neben ihn erneut hantierte.
„Du musst ihm jetzt richtig festhalten, Lincoln.“
„Okay. Mach ich.“ Der Griff an seine Schulter wurde prompt fester.
Michael holte noch einmal tief Luft und versuchte sich zu entspannen. Er versuchte alles um sich herum zu vergessen und schickte seinen Verstand auf Reisen. Er versuchte sich so gut wie es ging abzulenken und keinen einzigen Gedanken an die nächsten Minuten zu verschwenden. Er war weit weg, als Sara loslegte.
Der erste Schnitt tat weh und er konnte ein Stöhnen nicht verkneifen. Er fühlte, wie das Skalpell durch seine Haut schnitt und wieder alles aufriss, was bereits begonnen hatte zu heilen. Augenblicklich nahm der Druck an der einen Stelle ab und er war voller Zuversicht. Vielleicht würde es doch nicht so schlimm werden? Vielleicht hatte er es sich schlimmer vor-gestellt, als es am Ende war?
Da setzte Sara zu einem neuen Schnitt an und der Schmerz detonierte in seiner Schulter. Er schrie aus Leibeskräften. Er ließ seinen ganzen Schmerz hinaus. Es tat so unglaublich weh, dass ihm Tränen kamen und er nicht mal mehr die Kraft hatte, die Zähne zusammen zu beißen. Von jetzt auf gleich wurde seine gesamte Schulter in Brand gesetzt und breitete sich fächerförmig über seinen ganzen Rücken aus. Es tat nur noch weh.
„Ich bin fast fertig, Michael!“ Saras Stimme sollte ihn trösten, tat sie aber nicht. Er wollte, dass es aufhörte. Der Schmerz sollte aufhören! Sara sollte aufhören!
Auf einmal war Bewegung vor der Tür zu hören.
„Dad?“ Die Stimme seines Neffen drang über den Flur. „Sara? Ist alles okay bei euch?“ Die Stimme kam näher. „Jemand hat geschrien!“ Er klang verängstigt.
Sara unterbrach ihre Arbeit und auch Michael versteifte sich. Leise stöhnte er auf, aber die Schmerzen hörten nicht auf. Sie gingen einfach nicht mehr weg. Krampfhaft versuchte er zu schlucken, sich zu sammeln und vor allem zu beruhigen. Wenn Sara und Lincoln mitbekamen, wie schlecht es ihm ging, war das eine Sache, aber sein Neffe sollte ihn nicht so sehen. Er durfte ihn auf gar keinen Fall so sehen! Wie also sollte er …?
„Es ist alles okay, LJ“, rief sein Bruder in den Flur, als hätte er seine Gedanken gelesen. „Bleib bitte draußen! Es sollen alle draußen bleiben!“  
„Ist Onkel Mike aufgewacht?“ Mit einem Mal klang er besorgt und aufgeregt zugleich.
„Ja“, bestätigte sein Dad. „Aber ich möchte, dass du draußen bleibst!“
„Aber?“ LJ klang irritiert. „Ist alles okay mit Onkel Mike?“
Michael begann von neuen zu zittern. Die Schmerzen wurden schlimmer und er wusste nicht, wie lange er noch durchhielt. Aber so lange sein Neffe vor der Tür stand, würde er sich nicht konzentrieren können, und er musste sich konzentrieren, um das alles durchzustehen. Es gab nur eine Möglichkeit.
„LJ?“ Schmerzverzehrt keuchte er den Namen seines Neffen.
Sara und Lincoln versteiften sich neben ihm.
„Onkel Mike?“ LJs Stimme klang mehr als unsicher.
„Bitte geh weg!“
„Was …? Aber …?“
Michael schluchzte und begann zu weinen, weil er die Schmerzen nicht mehr aushielt.
„Bitte, LJ, geh weg!“
Es kam keine Antwort, aber die lauten Schritte, die sich entfernten, waren Antwort genug. Er sackte regelrecht in sich zusammen und nur Lincolns starke Arme hielten ihn aufrecht.
„Michael?“ Die Stimme von Sara drang nur sehr langsam durch die dicken Schichten seiner Qualen. „Michael?“
„Mach weiter“, presste er zwischen den Zähnen hin durch und bebte am ganzen Körper. „Bring es zu Ende, Sara und bitte, bitte, stell mich dann ruhig!“
„Ist gut“, flüsterte sie und setzte das Skalpell abermals an …

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Fortsetzung folgt ...
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