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Spuren des Lebens

GeschichteDrama / P18 / Gen
Dr. Sara Tancredi Lincoln "LJ" Borrows Junior Lincoln Borrows Michael Scofield Paul Kellermann
02.11.2019
04.01.2020
11
56.399
2
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21 Reviews
Dieses Kapitel
2 Reviews
 
23.11.2019 3.656
 
Disclaimer:    
Alle Charaktere und die Idee der Serie Prison Break sind geistiges Eigentum von Paul T. Scheuring. Ich leihe mir seine Figuren nur aus und gebe sie am Ende wieder zurück.
Der Dialog am Anfang der Geschichte zwischen Michael und dem Geistlichen ist aus der Folge ‚Bolshoi Booze‘ der 2. Staffel. In einem Gespräch zwischen Michael und Sara im späteren Verlauf der Geschichte stammen Teile davon aus der Folge ‚Chicago‘ der 2. Staffel, sowie ist im letzten Drittel der fertigen Geschichte ein abgewandelter Dialog zu finden, welcher aus der Folge ‚Disconnect‘ der 2. Staffel stammt.

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Er träumte. Zumindest glaubte er das. Er fühlte sich erschöpft und ausgelaugt. Sein Körper war ein pochendes Etwas. Dafür lag er mit dem Rücken auf etwas weichen, weswegen er dachte, dass er schlief, aber irgendwie passten die verschiedenen Stimmen nicht dazu: „Langsam, aber sicher muss er doch mal aufwachen!“ Die tiefe männliche Stimme brummte ungeduldig. Die Stimme hörte sich ganz wie nach seinem großen Bruder an. Aber was machte Lincoln in seinen Traum?  
„Gib ihn Zeit“, antwortete eine weibliche Stimme und sein Herz machte einen heftigen Sprung. Sara! Seine Sara! „Sein Körper vollbringt gerade Höchstleistung, um ihn zu heilen.“
„Ja, aber er ist jetzt schon vier Tage bewusstlos und er zeigt nicht mal eine Regung!“
„Linc“, mahnte sie sanft. „Er hatte einen hypovolämischen Schock. Er hat viel Blut verloren und sein Körper war erst einmal nur damit beschäftigt den Blutkreislauf wieder in Ordnung zu bringen. Der Körper setzt Prioritäten und da stand der Blutverlust an oberster Stelle! Alles andere musste warten und kommt jetzt nach und nach dran.“
„Oh man.“ Sein Bruder seufzte und lief hörbar im Raum umher. „Ich will mir gar nicht vorstellen, was passiert wäre, wenn du nicht so schnell reagiert hättest!“
Sara holte tief Luft und stieß sie sehr langsam wieder aus.
Er spürte, wie seine rechte Hand angehoben wurde und zärtlich gestreichelt wurde.
„Ich will auch nicht darüber nachdenken“, flüsterte sie niedergeschlagen. „Ich hab‘ nur funktioniert!“ Sie stieß einen tiefen Seufzer aus. „Und entschuldige noch mal, dass du das alles mit anhören musstest und ich dich schließlich wegdrücken musste. Ich …“
„Sara“ unterbrach er sie heftig. „Du hast meinen Bruder das Leben gerettet! Du entschuldigst dich für gar nichts! Klar, ich war in Panik, als ich nichts mehr von euch gehört habe, aber das hast du ja nachgeholt, als du Zeit dazu hattest.“ Er musste unwillkürlich auflachen. „Ehrlich, Doc, auf so eine Idee zu kommen! Rufst einen Krankenwagen(*1) in ‘ne Wohngegend, wartest, bis der Wagen unbeobachtet ist und klaust alles, was du brauchst. Das ist krass!“
Sie schmunzelte leise. „Tja, dann kann ich wohl meine Aufnahmeprüfung als bestanden ansehen, um bei euch mitspielen zu dürfen, was?“
„Ach, Sara, so meinte ich das doch nicht.“
„Ich weiß, Lincoln. Ich weiß.“ Sie gähnte und nahm seine Hand fest in ihre. „Ich bin nur müde. Es war ein langer Tag und die zweite Bluttransfusion schlaucht mich doch mehr, als ich mir vorgestellt habe.“
„Brauchst du etwas?“ Sofort klang er besorgt.
„Nein … Danke.“ Sie gähnte ein weiteres Mal. „Ich werde mich am besten schlafen legen.“
Sie löste vorsichtig ihre Hand von seiner und der weiche Untergrund bewegte sich.
„Hast du bitte ein Auge auf ihn und weckst mich, wenn dir etwas komisch vorkommt?“
„Mach ich.“
„Egal was, Lincoln“, meinte sie ernst. „Wenn du dir nicht sicher bist, weck mich!“ Ihre Stimme hatte sich entfernt und klang nicht mehr so nah wie gerade noch. „Er ist auf den Weg der Besserung, aber die Infektion macht mir Sorgen.“
„Sollte etwas sein, weck ich dich! Ruh dich aus und schlaf gut!“
„Danke. Bis dann.“
„Bis dann.“
Es vergingen etliche Minuten, wo in seinem Traum nichts geschah. Dafür spürte er auf einmal seinen Körper mit jeder weiteren Minute mehr. Die Finger seiner linken Hand waren anscheinend in einen Schraubstock gefangen. Er konnte sie nicht bewegen. So sehr er sich auch bemühte, seine Finger wollten sich nicht bewegen. Auch sein rechtes Bein und sein rechter Fuß fühlten sich merkwürdig und ungewöhnlich dick an. Die Haut auf seiner Brust spannte unangenehm, aber das alles kannte er bereits. Dagegen war der Schmerz auf seinem rechten Schulterblatt ein neuer. Es brannte und juckte und auch dort spannte die Haut, aber irgendwie war es anders. Er konnte es nicht beschreiben. Es war seltsam. Es tat anders weh, aber er machte sich keine weiteren Gedanken. Es war nur ein Traum.
Nach einer Weile tauchte eine neue männliche Stimme auf: „Wie geht es ihm?“
„Keine Veränderungen“, antwortete sein Bruder plötzlich gereizt. „Er rührt sich nach wie vor nicht, aber der Doc meint, dass es besser wird.“
„Es ist schrecklich ihn so zu sehen!“
„Ja, ich kann ihn auch kaum ansehen.“ Sein Bruder begann wieder im Raum auf und ab zu gehen. „Alles in mir schreit danach dieses Arschloch von Agenten in die Finger zu kriegen“, knurrte er mit einem Mal mehr als wütend. „Niemand rührt meinen Bruder an! Niemand! Ich hasse es, wenn es jemand doch schafft.“ Er schnaufte verärgert auf. „Ich verstehe nicht, wie ein Mensch zu so etwas fähig ist. Wie kann man einen Menschen so misshandeln?“
„Wir werden alles tun, damit das aufhört, Lincoln.“ Die andere männliche Stimme kam näher. „Wir haben genügend Beweise, dass das alles aufhört und deren Kartenhaus endlich in sich zusammenfällt.“
„Das ist mir momentan total egal. Michael soll nur endlich aufwachen!“
Was? Jetzt verstand er gar nichts mehr. Er dachte, er träumte und dass das alles verschwand, sobald er aufwachte. Dass die Schmerzen einfach verschwinden würden, sobald er munter wurde. Dass sich die Verletzungen als böser Traum herausstellten. Seinen Bruder, seinen Neffen, Sara und ihm würde es gut gehen. Oder etwa nicht?
„Sara hat gute Arbeit geleistet und sie tut alles in ihrer Macht Stehende, um ihm zu helfen“, sprach die fremde Stimme beruhigend. „Jetzt müssen wir einfach warten, bis er von sich aus soweit ist. Er wird bestimmt bald zu sich kommen.“
„Ja, das hat Sara auch schon gesagt.“ Sein Bruder holte tief Luft. „Die Warterei macht mich wahnsinnig. Ich hoffe nur, es geht ihm bald besser und er wacht endlich auf.“
„Das wird er. Wir müssen nur Geduld haben. Das haben mich die letzten Jahre definitiv gelehrt. Mit Geduld kommen wir dem Ende dieser Machenschaft näher und näher. Alles wird sich fügen und wir werden frei sein.“ Der fremde Mann räusperte sich verlegen. „Was meinst du? Wenn er aufwacht und mich …“
„Wenn er dich sieht?“, fuhr sein Bruder barsch dazwischen. „Keine Ahnung. Vielleicht wird er überrascht sein, oder … oder … ach, scheiße. Ich hab‘ keine Ahnung. Damit will ich mich jetzt nicht auseinandersetzen. Meine Gedanken sind alle bei Michael. Alles andere ist mir gerade echt egal.“ Er verstummte einen Augenblick. „Tut mir leid.“
„Ist schon okay, Lincoln. Ich verstehe dich.“
Je länger er den beiden Männern zuhörte, umso sicherer wurde er, dass er die andere Männerstimme irgendwoher kannte. Er hatte die Stimme schon einmal in seinem Leben gehört, aber er konnte sie nicht einordnen. Einige Male blitzte eine Erinnerung auf, aber sie verschwand so schnell, dass er keine Möglichkeit hatte sie festzuhalten. Die Erinnerung kam und ging, sie kam und ging. Je mehr er sich anstrengte, sie festzuhalten, umso müder wurde er. Was seltsam war, da er ja noch immer träumte, aber anscheinend wollte sich sein Traum-Ich endlich ausruhen. Es waren so viele Informationen, die er verarbeiten musste. So viele Schmerzen, die er aushalten musste. Er war so müde. Vielleicht sollte er sich ausruhen …  



„Nein … nicht …“
Völlig desorientiert hob er mit geschlossenen Augen die Augenbrauen. Seine Augen rollten unter den Lidern hektisch hin und her und er holte einige Male tief Luft. Nur sehr langsam regte sich sein Körper und hauchzart klopfte sein Bewusstsein an die verschlossene Tür in seinem Kopf.
„Nein, bitte tun Sie ihm nichts!“
Wieder rührte er sich. Sein brummender Kopf neigte sich wie von selbst zur Seite und folgte der weiblichen Stimme, die nicht weit von ihm entfernt sprach. Abermals verzog er die Stirn und wusste nicht, was los war. Er fühlte sich erschöpft und unendlich müde. Zudem hatte er das Gefühl zu schweben und jemand musste sich die Mühe gemacht haben ihn in Watte zu packen. Sein Oberkörper fühlte sich total verpackt an. Er wusste nicht, was das war und er wusste auch nicht mehr, wie er die Augen öffnete. Unbewusst versuchte er Herr über seinen Körper zu werden und versuchte ihn zu bewegen, aber aufkommende Schmerzen ließen ihn nur leise aufstöhnen. Sein Körper schrie an mehreren Stellen vor Qual auf und zeigte ihm mehr als deutlich, dass die Bewegungen keine gute Idee waren. Vielleicht sollte er es sein lassen und auf seinen Körper hören.
„Bitte lassen Sie ihn in Ruhe!“
Die weibliche Stimme schluchzte verzweifelt und er hörte, wie sie anfing zu weinen. Das war der Moment, wo sein Verstand endlich aufwachte, ihn brutal an die Oberfläche zerrte und nur einen Namen schrie: Sara! Alarmiert schlug Michael die Augen auf und sah neben sich. Die junge Frau lag neben ihm auf dem Bett und weinte im Schlaf. Während er unter der Bettdecke lag, schlief sie bekleidet auf der Seite liegend auf der Bettdecke. Sie lag ihm zugewandt, wobei sie ihren linken Arm unter ihrem Kopf angewinkelt hatte und zusätzlich als Kissen be-nutzte.
Mehrmals schloss er die Augen und öffnete sie wieder, um überhaupt munter zu werden. Die bleierne Müdigkeit riss noch immer an ihm und wollte ihn zurück in die Tiefen der Dunkelheit ziehen. Es fiel ihm außergewöhnlich schwer aufzuwachen. Entweder hatten sie ihm ein starkes Mittel gegeben oder aber sein Körper hatte von allein die Reißleine gezogen. Er fühlte sich total gerädert.
„Bitte“, schluchzte Sara erneut neben ihm. Sie bebte am ganzen Körper. „Sie haben ihn doch schon genug weh getan. Es muss aufhören!“ Sie weinte immer heftiger.
Michael schloss ein letztes Mal die Augen, biss die Zähne zusammen und betete, dass sein geschundener Körper mitspielte. Unglaublich langsam drehte er sich unterhalb der Decke in Saras Richtung und blieb erst einmal für einige Sekunden auf der Seite liegen. Die neue Position war sein Körper nicht geheuer und er protestierte umgehend, vor allem sein rechtes Bein klagte laut sein Leid, aber er ignorierte es so gut wie es ging.
Sara wimmerte leise neben ihm, holte stockend Luft und stieß sie zitternd wieder aus. Sie war offensichtlich in ihrem Traum gefangen. Ihre Tränen hatten ihr weißes Langarmshirt bereits durchnässt und waren stumme Zeugen ihrer Verzweiflung.
Michael musterte sie besorgt. Ihr schönes Gesicht wirkte ausgemergelt und unter ihren Augen bildeten sich grau-violette Schatten. Sie musste durch die Hölle gegangen sein. Er hoffte, dass es ihr bald besser ging. Aber zuerst musste er sie aus ihrem Traum befreien. Er hob seinen linken Arm und wollte mit seinen Fingern über ihr Gesicht streichen, als er in seiner Bewegung stockte und seine Hand sah. Abgesehen von seinen Daumen steckten alle anderen Finger zu je zwei Paaren in Metallschienen und waren miteinander verbunden. Die Schienen verhinderten, dass er die Finger normal bewegen konnte, was im Grunde gut war, aber in seiner jetzigen Situation war es nur hinderlich. Dann musste er eben improvisieren.
Als Sara ein weiteres Mal aufschluchzte, fuhr er sanft mit dem Daumen über ihr Gesicht. Er begann an ihrer Schläfe, folgte ihrer Wange, wanderte vor zu ihrem Kinn und strich zärtlich ihren langen Hals entlang. Sie zeigte keine Reaktion. Sie weinte haltlos und Michael wischte behutsam ihre Tränen von der Wange.
Er flüsterte ihren Namen und begann von neuen über ihr Gesicht zu streicheln. Erneut flüsterte er ihren Namen und ganz langsam regte sie sich ihm entgegen. Instinktiv folgte sie seinem Daumen, als spürte sie seine Gegenwart. Unter ihren Lidern bewegten sich ihre Augen unentwegt. Sie atmete einige Male tief durch, verharrte reglos und gerade als sein Daumen abermals über ihre Wange glitt, öffnete sie die Augen. Sie sah ihn direkt an. Sekundenlang starrte sie ihn an. Fest blickte sie ihn in die Augen, als könnte sie es nicht glauben. Von einem Moment auf den anderen weiteten sich ihre Pupillen. Sie realisierte die Situation und setzte sich aufgeregt auf.
„Michael?“ Hektisch und voller Sorge betrachtete sie ihn. Zugleich spiegelte sich unendliche Erleichterung auf ihrem Gesicht wider. „Gott sein Dank. Du bist wach!“ Schnell wischte sie über ihre tränennassen Wangen und lächelte ihn glücklich an. Neue Tränen traten in ihre Augen und er versuchte sich ebenfalls aufzusetzen. Sein Rücken und sein Bein waren allerdings dagegen. Vor Schmerzen verzog er das Gesicht und er ließ sich zurück auf den Rücken in die Kissen sinken, was komplett neue Schmerzwellen verursachte. Sie jagten von seinem Schulterblatt sein Rückgrat hinab und setzten alles in Brand, was sie berührten. Er keuchte auf und für einen kurzen Moment musste er die Augen schließen. Es war wirklich nicht mehr lustig.
„Bleib liegen“, sprach Sara schnell. Sie drehte sich auf dem Bett herum, schwang die Beine über die Bettkante und stand auf. Er beobachtete sie dabei, wie sie um das Bett herum ging und an seine linke Seite trat. Sie setzte sich auf einem Stuhl, der direkt neben dem Bett stand. Ihm war er gar nicht aufgefallen, aber er hatte auch noch nicht viel von seiner Umgebung wahrgenommen. Seine Gedanken galten in erster Linie Sara.
Sara rückte gerade den Stuhl näher ans Bett heran, beugte sich vor und legte überaus behutsam ihre Hand auf seinen Arm. Sie lächelte ihn aufmunternd an, wobei ihr noch immer Tränen in den Augen standen. Ihr Anblick war herzzerreißend. Einerseits tat es ihm gut, sie zu sehen, aber anderseits zerriss es ihm das Herz, sie dabei so fertig zu sehen.
„Mir geht es gut, Sara“, flüsterte er sehr sanft und lächelte sie mit seinem halben Lächeln an.
Eine einzelne Träne löste sich aus ihren Augen und rollte ihre Wange hinab. Sie wischte sie mit der anderen Hand ab und musste erneut lächeln. „Du bist ein Lügner!“
Lange sah Michael sie einfach nur an. Er sah ihr tief in die wunderschönen braunen Augen und war unglaublich froh, sie zu sehen. Sie war sein Leben und er würde über die ganze Welt wandern, nur damit er sie eine Sekunde sehen konnte. Widerstrebend löste er seinen Blick von ihr und gab sich geschlagen. Es hatte ja doch keinen Sinn. „Du hast recht.“ Er lächelte sie trotz allem an. „Aber ich denke, dass es mir bald besser gehen wird. Immerhin bist du meine Ärztin. Da kann es mir nur besser gehen!“
Sie erwiderte nichts auf sein Kompliment, musterte ihn nur weiterhin und da er diesen prü-fenden Blick gerade nicht wirklich gebrauchen konnte, sah er sich in dem Zimmer um.
Es war ein ganz normales Doppelschlafzimmer, welches anscheinend in einer oberen Etage eines Hauses lag, da er an einen der Fenster einen großen Baum stehen sah, wo bereits die Baumkrone anfing. Draußen war es hell, aber mehr konnte er auch nicht sagen. Ob es morgens, mittags oder nachmittags war, konnte er schwer einschätzen. Neben der Zimmertür, die angelehnt war und die schräg gegenüber vom Bett lag, kam nach einem langen Sideboard mit einem Fernseher drauf eine weitere Tür, die entweder in einen Wandschrank oder in ein Badezimmer führte. Das Zimmer sah recht wohnlich aus und hatte nicht das Feeling eines Motel- oder Hotelzimmers.  
„Wie schlimm sind deine Schmerzen?“ Bei Saras Frage drehte er den Kopf zurück in ihre Richtung und statt auf ihre Frage zu antwortete, deutete er auf das Zimmer. „Wo sind wir?“
„In Sicherheit“, flüsterte sie leise und setzte nach: „Wie fühlst du dich?“
Er hob nur eine Augenbraue und sah sich noch einmal im Zimmer um, bevor er sie wieder ansah. „Und wo ist dieser sichere Ort?“
Sara lehnte sich kopfschüttelnd auf dem Stuhl zurück, seufzte und sammelte sich einige Sekunden. Eindringlich und mehr als bestimmend erklärte sie: „Ich mach dir ein Angebot, Michael. Du möchtest Informationen und ich möchte Informationen. Da du anscheinend noch immer der Meinung bist, deine Schmerzen vor mir herunter reden zu müssen oder besser gesagt, du möchtest gar nicht mit mir darüber reden, spielen wir jetzt ein Geben-und-Nehmen-Spiel.“ Sie neigte den Kopf und sah ihn streng an. „Ich muss wissen, wie es dir geht. Das schließt auch ein, wie und wo du Schmerzen hast, und du willst wissen, was in der Zeit deiner Bewusstlosigkeit passiert ist. Also tauschen wir uns aus. In Ordnung?“
Erstaunt sah er sie an und wusste nicht, was er sagen wollte. Er war regelrecht sprachlos. Sara und er kannten sich erst seit ein paar Monaten und doch war sie eine der wenigen Menschen, die in seine Seele blicken konnte und wusste, was ihn beschäftigte und wie er insbesondere dachte – und genau das stellte sie auch gleich unter Beweis, indem sie ihn frech anlächelte. „Was sagst du?“
Er musste geradezu grinsen. Es ging gar nicht anders. Gleichzeitig spürte er, wie er von innen heraus zu strahlen begann. Sein Blick wurde weich und er hob seine linke Hand. Mit einer Geste verstand sie und sie nahm seine ramponierte Hand vorsichtig in seine.
„Ich liebe dich“, flüsterte er zärtlich und sah sie voller Liebe an.
Sie schlug die Augen nieder, nahm nun auch ihre andere Hand und umfasste seine Hand vollständig. „Ich liebe dich auch“, entgegnete sie sanft und neckte ihn gleichzeitig. „Aber das ist keine Antwort auf meine Frage!“
„Ich bin müde und fühle mich total gerädert“, beantwortete er ihre Frage. „Was ist passiert? Ich kann mich nur noch daran erinnern, dass mir kalt war.“
„Ja, das kann ich mir sehr gut vorstellen“, stimmte sie ihm zu. „Du hast viel Blut verloren und dadurch einen Schock erlitten.“ Sie hielt inne und schluckte heftig. „Du hast mir eine Heidenangst eingejagt, Michael!“
Er räusperte sich verlegen. „Entschuldige bitte.“
Sie nickte lediglich und erzählte weiter: „Ich hab‘ dann improvisieren müssen. Nachdem ich einen Krankenwagen beklaut hatte, habe ich kurzerhand die erste Bluttransfusion im Auto vorgenommen. So konnte ich dich am Leben erhalten!“
„Shit“, rutschte es ihm erschrocken raus. Was sie da erzählte, musste eine absolute Tortur für sie gewesen sein. Jetzt konnte er erahnen, warum sie auch so fertig aussah. Wenn sie ihm im Auto behandelt hatte, wie waren sie dann hierhergekommen? Wo auch immer das Hier war.
„Was ist dann geschehen?“
Ein Lächeln legte sich auf ihr Gesicht. „Vergiss es, Michael. Zuerst bin ich dran! Also, wie schlimm sind deine Schmerzen? Auf einer Skala von eins bis zehn, wobei du bei eins gar nichts wahrnimmst und zehn die absolute Hölle ist. Wie schlimm ist es?“
Michael schnaufte leicht und ließ sich tiefer ins Bett sinken. Er wollte nicht über seine Schmerzen reden, denn das hieß, dass er sich mit ihnen beschäftigen musste – und das wollte er ganz und gar nicht. Aber er hatte ein Deal mit Sara. Um herauszubekommen, was seit ihrer Autofahrt passiert war, musste er wohl oder übel in den sauren Apfel beißen.
Er seufzte müde und begann seine Schmerzen zu kategorisieren: „Ich hab‘ leichte Kopfschmerzen und würde sagen, dass sie eine drei sind“, meinte er flüsternd. Er sprach leise, als wären die Schmerzen dann weniger wahr. „Mein Bein und mein Fuß sind eher eine sieben oder acht.“ Er drückte für einen Augenblick die Zähne aufeinander und holte tief Luft. Jetzt, wo er sich mit seinen Schmerzen beschäftigte, drängten sie sich mehr als deutlich in den Vordergrund, als wollten sie alle zur gleichen Zeit seine Aufmerksamkeit erregen. Es tat überall weh und ließ ihn leise aufkeuchen. „Die gebrochenen Finger wummern nur ordentlich, die würde ich jetzt nicht beziffern wollen“, nahm er den Faden wieder auf. Eine Sekunde überlegte er stirnrunzelnd. „Die Haut auf meiner Brust und meinen Rücken spannt unangenehm und brennt. Ich würde sagen fünf bis sechs.“ Er verzog die Lippen und merkte, wie anstrengend das Reden war. Er war lange bewusstlos gewesen. Er wusste nicht einmal, wie lange, aber eigentlich war er der Meinung genug geschlafen zu haben, aber sein Körper widersprach ihn mit jeder Minute, die verstrich. Michael versuchte sich zu konzentrieren, um wenigstens seinen Bericht zu Ende zu führen. „Meine Schulter fühlt sich eigenartig an. Sie ist am schlimmsten und mindestens eine neun.“  Sara seufzte leise und schlug die Beine übereinander. „Die Schulter macht mir auch am meisten Sorgen“, teilte sie ihm ruhig mit. „Dadurch, dass Kellermann deiner Verbrennung auch Schnittwunden zugefügt hat, hat sich die Infektion dort verschlimmert. Alles andere beginnt langsam zu heilen.“
„Gut.“ Beruhigt atmete er auf, aber Sara schüttelte trotzdem besorgt den Kopf und sah ihn mehr als angespannt an. „Michael, die Infektion macht mir wirklich Sorgen! Sie sieht nicht gut aus. Daher ist es ungeheuer wichtig, dass du mir sagst, wenn du dich komisch fühlst. Es kann sein, dass sich die Infektion in deinen Körper ausbreitet – und das wäre mehr als schlecht!“
Für einen langen Moment schloss er die Augen und suchte auf dem Kissen eine bequemere Position für seinen Kopf. „Dann weiß ich Bescheid“, sprach er ruhig und öffnete unter größere Anstrengung die Augen. Wieder spürte er, wie erschöpft er war, wie müde und Sara sah es auch. „Du solltest schlafen! Du brauchst sehr viel Ruhe! Wir reden nachher weiter.“
„Gleich“, murmelte er und schloss wieder die Augen. „Wo sind wir, Sara?“
Mit einem Mal legte sich eine unglaubliche Schwere über seine Augen und er wusste schon nicht mehr, wie er sie aufbekam.
„Wir sind in einem Haus von einen meiner ehemaligen Kollegen“, erzählte sie ihm und er hatte Mühe, ihr zu folgen. „Ich kenne ihn gut und vertraue ihm. Er hat keine Fragen gestellt, als ich ihn um eine Wohnmöglichkeit bat. Wir sind in Sicherheit, Michael.“
Leicht abwesend neigte er mit geschlossenen Augen den Kopf. Die Schwere breitete sich auf seinen ganzen Körper aus und zog ihn langsam, aber sicher zurück in ihre Tiefen. Aber er konnte noch nicht loslassen. Eins musste er noch wissen: „Linc?“
„Dein Bruder und dein Neffe sind hier.“ Saras Stimme war ein Flüstern.
Er spürte, wie sie seinen Arm sanft zurück aufs Bett legte und seine Decke richtete. „Schlaf, Michael! Wir reden später.“
„Ist … gut“, hauchte er und ließ los …  

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Fortsetzung folgt ...

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*1  Quelle unbekannt – Die Idee mit den Krankenwagen habe ich im Fernsehen gesehen, kann sie aber leider nicht mehr der Serie/den Film zuordnen.
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