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Spuren des Lebens

GeschichteDrama / P18 / Gen
Dr. Sara Tancredi Lincoln "LJ" Borrows Junior Lincoln Borrows Michael Scofield Paul Kellermann
02.11.2019
04.01.2020
11
56.399
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21 Reviews
Dieses Kapitel
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16.11.2019 7.892
 
Disclaimer:    
Alle Charaktere und die Idee der Serie Prison Break sind geistiges Eigentum von Paul T. Scheuring. Ich leihe mir seine Figuren nur aus und gebe sie am Ende wieder zurück.
Der Dialog am Anfang der Geschichte zwischen Michael und dem Geistlichen ist aus der Folge ‚Bolshoi Booze‘ der 2. Staffel. In einem Gespräch zwischen Michael und Sara im späteren Verlauf der Geschichte stammen Teile davon aus der Folge ‚Chicago‘ der 2. Staffel, sowie ist im letzten Drittel der fertigen Geschichte ein abgewandelter Dialog zu finden, welcher aus der Folge ‚Disconnect‘ der 2. Staffel stammt.

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„Kommen Sie schon. Wachen Sie auf, Scofield.“
Das kalte Wasser in seinem Gesicht weckte Michael schlagartig auf. Instinktiv riss er den Kopf zurück, um dem Wasser aus der Schale, welches über ihn ausgeschüttet wurde, zu entkommen. Er stöhnte schmerzgepeinigt auf. Sein Schädel brummte gewaltig und so, wie sich sein Gesicht anfühlte, hatte er entweder einen gewaltigen blauen Fleck an seiner Schläfe oder eine aufgeplatzte Wunde war für die Schmerzen verantwortlich.
„Ah, da ist ja jemand endlich munter geworden.“
Mühsam hob Michael den Kopf und merkte jetzt erst, dass er einen Knebel im Mund hatte. Er saß mit auf den Rücken gefesselten Händen auf einen Stuhl in dem kleinen Badezimmer ihres Hotelzimmers. Vor ihm saß der fremde Mann auf den Badewannenrand, der ihn bewusstlos geschlagen hatte und jetzt, wo Michael ihn länger betrachtete, kam ihn der Mann im schwarzen Anzug bekannt vor.
„Ja, wir kennen uns“, bestätigte der hochgewachsene Mann und nickte ihm zu. „Auch wenn ich zugeben muss, dass ich mich noch nie persönlich vorgestellt habe.“ Der Mann mit den kurzen braunen Haaren legte den Kopf schief und lächelte kalt. „Das aber kann ich ja jetzt nachholen: Ich bin Agent Kellermann vom Secret Service und ich glaube, Sie und Ihre Freundin haben etwas, was Ihnen nicht gehört!“
Verwirrt hob Michael die Augenbrauen und starrte den Mann einfach nur an. Er versuchte keine weitere Regung auf seinem Gesicht zu zeigen. Nur seine Verwirrung sollte deutlich zu sehen sein. Agent Kellermann sollte nicht wissen, dass er ganz genau wusste, wovon der Mann sprach und was er suchte. Es war der geheimnisvolle Schlüssel, welcher an Saras Schlüsselbund hing. Sara! Mit den Gedanken an Sara verkrampfte er sich sichtlich und sah Agent Kellermann wütend an.
„Sssaarraa?“ Michael versuchte mit aller Macht an den Knebel vorbei zu reden, aber seine Frage nach der jungen Frau kam nur sehr undeutlich aus seinem Mund.
„Sollte Ihr Genuschel etwa die Frage nach dem Wohlergehen der Ärztin gewesen sein?“ Agent Kellermann lächelte ihn herablassend an und sprach prompt weiter: „Um sie brauchen Sie sich erst einmal keine Gedanken zu machen. Sie ist bewusstlos.“ Einen langen Augen-blick sah ihn der Agent in die Augen und betrachtete ihn. „Wussten Sie eigentlich, dass ich Sara schon kennen lernen durfte?“ Er legte den Kopf schief. „Nein? Hat sie wohl nicht erzählt, hm?“
Michael konnte ihn nur verärgert anstarren. Alles, was mit der jungen Frau zu tun hatte, ging den Agenten in keinster Weise an.
„Wie Sie vielleicht bereits erfahren haben, hat sie sich versucht umzubringen“, klärte Agent Kellermann ihn ruhig auf. „Nach allem, was Sie ihr angetan haben und dem verfluchten Wissen, dass sie ein Haufen Gefangener zurück in die Zivilisation entkommen lassen hat, kann ich sie sogar verstehen. Als das nicht funktionierte, hat sie Hilfe in einer Selbsthilfegruppe gesucht. Da ich Teil der Gruppe war, hat sie sich mir unbewusst geöffnet. Ich habe Zeit mit ihr verbracht und konnte sie so verfolgen.“ Mit einer wegwerfenden Handbewegung deutete er auf ihn. „Und statt sie wie befohlen zu töten, bekomme ich sogar Sie als Jackpot!“
Michael atmete tief durch die Nase ein und aus und funkelte Kellermann nur noch an. So eine Wut, so einen Zorn, welchen er gerade verspürte, hatte er noch nie in seinem Leben verspürt. Alles, was mit Sara zu tun hatte, ließ sein Blut regelrecht kochen. War es nun seine tiefe Liebe zu ihr oder die Gefahr, die ihr drohte und wo sein Beschützerinstinkt die Kontrolle über sein Denken und Handeln übernahm. Wenn es um Sara ging, sollte man ihn nicht unterschätzen! Auf keinster Weise! Kellermann sollte die junge Frau töten. Das würde er zu verhindern wissen!
„Aber sprechen wir nicht über die Ärztin“, redete Agent Kellermann entspannt weiter. „Sie ist zurzeit kein Thema.“ Er erhob sich und stellte sich neben ihm. Kellermann griff nach dem kleinen Finger und den Ringfinger von Michaels linker Hand und hielt sie fest. „Ich bin ehrlich zu Ihnen, Michael. Ich mag es nicht, Frauen zu quälen. Ich mache das nur, wenn es wirklich notwendig ist.“ Der Griff um seine Finger wurde fester. Michael schluckte und biss fest auf den Knebel. „Und ich möchte Ihnen eins klar stellen. Wenn ich Sie frage, was Sie bzw. die gute Frau Doktorin von ihrem Vater erhalten haben, dann sagen Sie mir das. Ansonsten …“ Sehr schnell und mit einem heftigen Ruck bog er die zwei Finger um und brach sie.
Michael keuchte laut auf und stöhnte gequält in den Knebel. Der Schmerz explodierte in seinen Fingern, in seiner Hand und breitete sich dann in seinen ganzen Arm aus. Stechend scharf fuhr es seinen Arm hinauf und ließ ihn ein weiteres Mal aufstöhnen. Als der Schmerz etwas nachließ, atmete er mehrere Male hektisch durch und versuchte wieder Herr seiner Sinne zu werden.
„Sie sehen, Scofield“, erklärte ihm Kellermann ohne eine Spur einer Emotion in der Stimme. „Ich habe Mittel und Wege, um Menschen zum Reden zu bringen. Sie allein entscheiden, wie viel ich von meinem Können an Ihnen zu Tage bringen darf.“
Der Secret Service Agent trat wieder vor ihm und setzte sich zurück auf den Badewannenrand. Entspannt verschränkte er seine Hände ineinander, legte sie in seinen Schoß und musterte ihn einige Sekunden lang. „Sagen Sie mir, was Sie von Gouverneur Frank Tancredi erhalten haben.“
Einen endlosen Augenblick starrte Michael ihn nur an. Sein Kiefer verspannte sich und auch sein Körper wurde starr. Seine Augen funkelten verärgert und er ließ den Agenten all seine Wut und seine Entschlossenheit sehen.
„Wwiirr habbennss nniicchhttss!“ Mühsam presste er die wenigen Worte durch den Knebel.
„Tz Tz Tz.“ Kellermann schüttelte traurig den Kopf. „Ich hab‘ Sie für klüger gehalten, Scofield. Für bedeutend klüger.“ Jetzt war er es, der tief Luft holte und sie nur langsam wieder aus seinen Lungen entließ. „Da fällt mir gerade ein, dass ich Ihnen vergessen habe zu sagen, dass ich so gut wie alle Hotelzimmer in unmittelbarer Nähe gemietet habe und die Rezeption ist auch weit entfernt. Sollten Sie also das Bedürfnis haben zu schreien, dann tun Sie sich keinen Zwang an!“ Er lächelte selbstgefällig. „Es wird Sie keiner hören!“ Er nickte ihm aufmunternd zu. „Wollen Sie Ihre Antwort noch einmal überdenken?“
Michael verneinte schweigend.
Äußerlich ließ er sich nichts anmerken. All seine Gefühle waren von seinem Gesicht ver-schwunden und in Sekunden schnelle fuhr er seine Mauer hoch. Er hielt seine Maske aufrecht, festigte sie und baute auf seine Erfahrungen, die er sich schon als kleiner Junge aneignen musste.
Als Lincoln und er noch sehr jung waren, wechselten sie nach dem Tod der Mutter von einem Heim ins nächste. Ihr Vater hatte sie bereits davor in Stich gelassen und als auch ihre Mutter weg war, hatte es sich sein älterer Bruder zur Aufgabe gemacht für sie beide zu sorgen. Er beschütze ihn, wo er nur konnte. Hatte es jemand auf ihn, Michael, abgesehen, dann bekam er es mit seinem Bruder zu tun. Ihr brüderliches Band wurde in dieser Zeit ungewöhnlich stark gefestigt. Als Lincoln aber in ein Erziehungsheim kam, durchlief er selbst einige Pflegefamilien. In keiner fühlte er sich wohl oder von ihr aufgenommen. Im Gegenteil. Jetzt musste er lernen zu überleben. Damals wie heute versteckte er seine Sensibilität und seinen IQ so gut es ging hinter einer Mauer. Nicht nur einmal wurde die Mauer eingerissen und er verletzt, aber mit der Zeit wurde seine Mauer dicker und stabiler. Es dauerte seine Zeit, bis sie Risse bekam, einstürzte und sich alles für ihn veränderte.
„Hey Scofield?“ Kellermann schnippte immer wieder mit dem Fingern vor seinem Gesicht herum und Michael wachte aus seinen Erinnerungen auf. Er blinzelte einige Male und fokus-sierte sich wieder auf dem Mann vor ihm. Fragend musterte dieser ihn. „Haben Sie es sich anders überlegt, was meine Frage betrifft oder wo waren Sie gerade?“
Entschlossen schüttelte Michael nur den Kopf und verneinte abermals.
Agent Kellermann atmete noch einmal tief durch und richtete sich zu seiner vollen Größe auf. Er drehte sich in dem kleinen Bad um und machte wenige Schritte zur Toilette, wo er eine schwarze Tasche abgelegt hatte. Kurz wühlte er darin herum und drehte sich dann mit einer Zange in der Hand zu ihm herum.
„Tja, Sie wollten es nicht anders.“ Der Secret Service Mann kam zu ihm zurück, kniete sich vor ihm nieder und begann den Schuh von seinen rechten Fuß abzustreifen. Michael konnte ihm nur ungläubig dabei beobachten, als dieser auch noch seine schwarze Socke abstreifte.
„Ich hab‘ mir Ihre Krankenakte aus Fox River angesehen“, erklärte Kellermann in geschäftlichen Ton und setzte die Zange an seinen kleinen Zeh und den danebenstehenden Zeh seines rechten Fußes an. „Dort habe ich gelesen, dass sie gleich in den ersten Tagen Ihres Aufenthaltes zwei Zehen Ihres linken Fußes verloren haben.“ Er sah zu ihm hoch und starrte ihn ausdruckslos an. „Wie wäre es, wenn wir die Symmetrie Ihrer Füße wiederherstellen?“ Mit diesen Worten drückte Agent Kellermann die Zange zusammen und schnitt die zwei Zehen einfach ab.
Michael riss die Augen weit auf und biss gleichzeitig mit den Zähnen auf seinen Knebel. Der Schmerz war nicht zu beschreiben. Sein Fuß brannte wie Feuer und wie bereits bei seiner Hand fuhr der Schmerz sein Bein hinauf und setzte alles in Brand, was er berührte. Nur sehr langsam ließ er ein gequältes Keuchen zu und versuchte verkrampft den Schmerz weg zu atmen. Wieder und wieder öffnete er seine festgebundenen Hände, um sich von den Schmerzen abzulenken.
„Und ich setze noch einen drauf.“ Kellermann legte die Zange beiseite und richtete sich auf. So schnell, wie er sich bewegte, konnte Michael gar nicht reagieren. Von der einen Sekunde auf die andere hielt ihn der Mann mit der einen Hand am Kopf fest, mit der anderen legte er zwei Finger unter sein Unterkiefergelenk und drückte zu.
Der Schmerz explodierte in seinen Kopf. Gepeinigt schrie er dieses Mal auf und konnte gar nicht mehr aufhören. Solch einen Schmerz hatte er noch nie in seinem Leben erfahren. Er übertraf alles bisher Dagewesene und erreichte ein neues Level der Qual, welches er niemals wieder spüren wollte. Der Schmerz breitete sich in seinen ganzen Körper aus. Jeder Zentimeter seines Körpers stand komplett in Flammen und Michael spürte, wie er nicht mehr konnte. Sein Puls raste, sein Herz hämmerte wie verrückt und Schweiß überzog seine Haut. Er versuchte sich noch zu beruhigen, aber eine schwarze Wand rollte über ihm hinweg und riss ihn einfach mit …

Ihre Enge war der Himmel auf Erden. Ihre körperliche Nähe, ihre Hitze und ihre Nässe krönten sein Glück. Als er sich langsam zurückzog und wieder in sie fuhr, stöhnte er erregt auf. Unbewusst verstärkte er seinen Griff an ihrer Hüfte. Sara keuchte lustvoll auf, wanderte mit ihren Händen seinen Rücken hinab und griff nach seinem Gesäß. Entschlossen zog sie ihn näher an ihre Mitte heran und stöhnte, als er ihrer unausgesprochenen Bitte nachkam. Er verlagerte sein Gewicht, stützte sich auf seine Ellenbogen rechts und links neben ihrem Gesicht und stieß erneut in sie. Laut seufzend beantwortete sie seine Bewegung. Ihre Hände umklammerten auf einmal sein Gesicht und zogen es zu sich nach unten. Leidenschaftlich küsste sie ihn und er erwiderte ihren Kuss. Ihre tiefe Liebe zu ihm war definitiv das Paradies.
Wieder und wieder fuhr er in sie und die wachsende Spannung spürten sie beide. Sara gab sein Gesicht frei und ihre Hände wanderten abermals seinen Rücken entlang. Ein scharfer Schmerz ließ ihn überrascht nach Luft schnappen, als sie ihre Fingernägel einsetzte. Erst war es ein zusätzlicher Anreiz und er genoss es, aber als sie mit einer Hand nach dem Verband seiner Verbrennung tastete, ihn herunterriss und mit ihren Fingern in der Wunde herumdrückte, konnte er nur schmerzhaft nach Luft ringen. Der Schmerz breitete sich fächerförmig auf seinen gesamten Rücken aus und er keuchte erneut. Zu den Schmerzwellen kam nun noch ein linienartiger Schmerz hinzu. Brennend fuhr der Schmerz sein Rückgrat hinab und folgte einer ihn sehr bekannten Linie.
Michael riss erschrocken die Augen auf und schrie voller Qual in seinen Knebel.
„Ah, da sind Sie ja endlich. Ich hab‘ mir doch wirklich schon Sorgen um Sie gemacht.“ Die raue Stimme Kellermanns ließ ihn mühevoll den Kopf drehen. Der Agent vom Secret Service stand hinter ihm und hielt ein blutiges Messer in der Hand. „Sie waren länger weggetreten, als ich geplant hatte.“ Er trat neben ihn und wedelte mit dem Messer vor seinem Gesicht herum. „Ich war mal so frei und hab mir etwas mehr Arbeitsfläche geschaffen.“ Er deutete mit der Messerspitze auf seine Brust und träge folgte Michael seiner Geste. Auf dem Boden um ihn herum lag sein schwarzes T-Shirt in Streifen geschnitten. Kellermann hatte es ihm vom Leib geschnitten, war so an seine Verbrennung gekommen und hatte zusätzlich einige Linien seiner Tätowierung auf dem Rücken mit dem Messer malträtiert. Sein Rücken brannte lichterloh und die spürbare Nässe sprach für das blutige Messer.
Gierig zog Michael den Sauerstoff in seine Lungen und versuchte die verschiedenen Schmerzherde zu verarbeiten. An mehreren Stellen seines Körpers pochte es, zog es, brannte es. Der Schmerz hatte viele Formen, um sich auszudrücken und er wusste einfach, dass Kellermann Wort hielt und noch weitere Formen des Schmerzes kannte und vor allem schrie ihm seine Intuition zu, dass der Mann wirklich sein Können an ihm ausprobieren würde, wenn er weiterhin keine Informationen von ihm erhielt. Aber genau das würde nicht ge-schehen. Michael kannte viele Schmerzhöllen. Bisher kam er aus jeder wieder heraus.
„Okay, Scofield.“ Agent Kellermann setzte sich vor ihm auf den Badewannenrand und betrachtete ihn einen langen Moment. Michael beobachtete ihn dabei, wie dieser den Blick über ihn wandern ließ und die verschiedensten Wunden mit einem zufriedenen Lächeln quittierte. „Sie haben jetzt einen kleinen Vorgeschmack meiner Ausbildung zu spüren bekommen und ich wette, Sie hatten etwas Zeit über meine Frage nachzudenken.“ Er legte den Kopf schief und nickte ihm zu. „Also, was hat Gouverneur Frank Tancredi Ihnen gegeben?“
Michael starrte den groß gewachsenen Mann nach wie vor einfach nur an. Sekunden, Minuten lang starrte er und sich der Mann in die Augen. Michael ließ abermals seine Entschlossenheit und seine Wut an die Oberfläche. Sein Gesicht verhärtete sich und seine Gesichtszüge spannten sich an. Kellermann konnte tun, was er wollte, er würde kein Wort über den Schlüssel verlieren.
„Sie bleiben also bei Ihrer Antwort?“, erkundigte sich Kellermann und sah ihn fragend an. „Sehe ich das wirklich richtig? Sie wollen mich weiter testen und lieber durch die Hölle gehen?“
„Wwiirr habbennss nniicchhttss!“, wiederholte Michael gereizt und richtete sich auf dem Stuhl so gut, wie es ging, auf. „Wwiirr habbennss ggaarrr nniicchhttss!“
Sehr langsam senkte der Agent des Secret Service seinen Kopf und schüttelte ihn traurig. Als hätte er eine schlechte Nachricht erhalten und konnte es nicht glauben, dass sie wahr war. Es vergingen endlose Minuten, wo Kellermann ihn nur musterte. Der Blick des Mannes wanderte immer wieder über ihn. Musterte die Verletzungen, die er ihn bereits zugefügt hatte und ließ dann den Blick weiterwandern. Michael konnte nur erahnen, welche Gedanken Kellermann verfolgte. So unauffällig wie möglich atmete er tief durch und versuchte sich auf die kommenden Augenblicke vorzubereiten. Was er bereits erleben musste, war nur ein leichter Vorgeschmack des großen Ganzen. Was würde also als nächstes kommen?
„Ich dachte wirklich, dass Sie zu diesen speziellen cleveren Menschen gehören“, begann Kellermann nachdenklich. Fest richteten sich seine Augen auf ihn. „Ich dachte, dass Sie clever sind, aber bei Schmerzen zusammenbrechen.“ Er kniff die Augenbrauen zusammen und entspannte sie gleich darauf wieder. „Aber anscheinend gehören Sie zu den wenigen Prozenten, die ein hohes Schmerzpotenzial besitzen.“ Agent Kellermann betrachtete das lange Messer in seiner Hand, hob dann den Kopf und starrte eine Zeitlang auf den nackten Oberkörper von ihm. „Sie haben viel Zeit in Ihre Tätowierung investiert.“ Mit einem Mal sehr ent-schlossen stand Kellermann auf und beugte sich zu ihm. Michael spürte seinen Atem im Gesicht und biss unbemerkt auf den Knebel. Gleich würde es wieder los gehen. „Ich denke, ich bleibe bei meiner Methode und bringe Ihnen die Symmetrie näher. Ihren Rücken habe ich ja schon verschönert.“ Fest drückte der Agent das Messer auf seine Brust und zog die Linien vom Schwert nach, welches der Teufel gegen den Erzengel Michael führte.
Michael atmete mehrere Male tief ein und aus, konnte dann aber ein schmerzvolles Keuchen nicht verhindern.
Die scharfe Kante des Messers schnitt durch seine Haut. Mühelos drang es in die Haut, als würde es Butter schneiden. Der Agent zog die tätowierten Linien seines großen Oberkörpertattoos mit dem Messer nach und hinterließ eine blutige Spur. Er hatte das Gefühl, dass es ewig dauerte. Da war der Schmerz der Tätowiernadel bei seinen endlosen Sitzungen ein Witz dagegen gewesen.
Gerade als Kellermann das Messer absetzte, kniff Michael die Augen zusammen und legte den Kopf schwer atmend in den Nacken. Nur einen Moment! Er brauchte nur einen kurzen Moment, um sich zu erholen. Mehr nicht. Aber leider kam dieser kurze Moment nicht. Er stöhnte schwerfällig auf, als das Messer eine neue Linie fand, die es folgen konnte. Schnitt für Schnitt fuhr das Messer über seine Haut und hinterließ eine Wunde nach der anderen. Michael wusste schon gar nicht mehr, wo eine Wunde anfing und eine neue aufhörte. Seine komplette Brust schmerzte und brannte wie die Hölle. Da waren die Schnitte auf seinen Rücken nur der Beginn gewesen.
„Ich denke, jetzt können wir uns noch einmal in Ruhe unterhalten“, erklärte der Secret Service Agent und legte das Messer auf den Badewannenrand. Ruhig, als würde er nach wie vor eine normale Unterhaltung führen, setzte sich Kellermann zurück auf den Rand der Badewanne und nickte ihm aufmunternd zu. „Sind Sie jetzt bereit mir zu sagen, was ich wissen möchte?“
Einen nicht enden wollenden Augenblick sah Michael den Agenten an. Äußerlich ruhig holte er Luft, versuchte sich zu entspannen und ließ sich die Worte deutlich sichtbar durch den Kopf gehen. Als würde er angestrengt überlegen, was das Gesuchte bloß um Himmelswillen sein könnte.
„Ist es Ihnen mittlerweile eingefallen?“
Unglaublich langsam nickte Michael.
Agent Kellermann hob erstaunt das Gesicht und sah ihn fragend an. „Und?“
Michael bewegte umständlich den Kopf und deutete mit den Augen auf den Knebel.
„Ich kann Sie natürlich verstehen, Michael“, stimmte ihm der Mann zu. Er beugte sich erneut zu ihm vor, um den Knebel zu lockern. „So ein Knebel kann beim Sprechen ganz schön hinderlich sein.“ Endlich hatte er es geschafft und der Knebel war aus seinen Mund verschwunden. Zuerst bewegte Michael nur seinen Kiefer und versuchte die Gelenke zu entspannen. So schnell wie möglich versuchte er Spucke zu sammeln, um etwas Flüssigkeit in seinen Mund zu bekommen und um diesen zu befeuchten. Dabei ließ er den Mann nicht eine Sekunde aus den Augen.
„Was haben Sie also vom Gouverneur bekommen?“, wiederholte Kellermann erneut und wartete gespannt auf die Beantwortung seiner Frage.
„Wir haben“, ächzte Michael schwerfällig und schluckte abermals. „Wir haben …“
„Ja?“ Erwartungsvoll starrte der Mann ihn an. „Was haben Sie?“
Unbändige Wut durchflutete ihn, unzähmbarer Zorn brannte in ihm und der Hass auf den Agenten war tief und rein. Verärgert verzog er die Stirn und funkelte den Mann hasserfüllt an. „Wir haben gar nichts!“, sprach er energisch. „Sie können mich also mal kreuzweise!“
Kellermann setzte sich auf und schüttelte lachend den Kopf. „Ihnen ist wirklich nicht mehr zu helfen. Aber gut …“
Blitzschnell griff Kellermann nach dem Messer und rammte es ihm senkrecht in den rechten Oberschenkel. Michael schrie aus Leibeskräften. Der Schmerz explodierte in seinem Bein, und breitete sich genauso schnell aus, wie bei seinen anderen Verletzungen, aber dieses Mal hörte der Schmerz nicht mehr auf. Sein ganzer Körper pochte und schrie genauso laut, wie er gerade.
Enttäuscht musterte Kellermann ihn und zog das Messer aus seinem Bein. „Ich sehe schon, ich komme bei Ihnen nicht weiter.“ Er trat neben ihn und griff nach der bereits lädierten linken Hand. Fest nahm er zwei weitere Finger in einen eisernen Griff und brach nun auch seinen Mittel- und seinen Ringfinger. Michael keuchte qualvoll auf und versuchte die Zähne zusammen zu beißen, um die Schmerzen zu kompensieren, aber irgendwie klappte es nicht mehr. Zu viele Schmerzherde brodelten in seinem Körper. Zu viele Stellen seines Körpers waren betroffen und sein Körper wusste nicht mehr, welche Stellen er zuerst behandeln sollte. Es waren zu viele Wunden, zu viele Verletzungen. Michael spürte nur noch Schmerz. Von oben bis unten. Er würde es gegenüber dem Agenten niemals zugeben, aber seine Kräfte waren aufgebraucht. Seine Schmerzgrenze war erreicht.
„Sie haben erst einmal Zeit, über meine Frage nachzudenken. Wenn Sie nicht verblutet sein sollten, können Sie mir vielleicht doch noch eine Antwort geben“, meinte Agent Kellermann gelangweilt und lief zu der Tasche auf dem Toilettensitz. Er nahm die Henkel der Tasche in die Hand, hob sie hoch und ging an ihm vorbei. Regelrecht bösartig fügte er hinzu: „Bis dahin gehe ich zu Sara. Mittlerweile müsste sie wach sein und mit angehört haben, wie Sie wie ein kleines Kind geschrien haben.“ Er überlegte einen Augenblick. „Vielleicht ist die Ärztin ja ge-sprächiger!“ Mit diesen Worten verließ der Agent vom Secret Service das kleine Badezimmer und ließ ihn allein.
Verkrampft versuchte Michael sich auf dem Stuhl zu drehen und den Mann hinterher zu sehen, aber es funktionierte nicht. Der Agent durfte nicht zu Sara! Auf gar keinen Fall. Kellermann durfte Sara nichts antun! Michael war egal, was mit ihm passierte. Alle Schmerzen der Welt würde er aushalten. Selbst den Tod würde er akzeptieren, solange Sara nichts passierte. Er musste zu ihr!
Er sah zur Hotel eigenen Badewanne, bevor er sich hektisch in den Raum umsah. Er brauchte etwas, um sich zu befreien. Aber egal, wo er hinsah, er fand nichts. Nichts, aber auch gar nichts war in dem kleinen Raum, was ihm helfen konnte. Als sich sein Bein schmerzhaft bemerkbar machte, ließ er den Kopf sinken und schloss nur für einen Augenblick die Augen. Tief holte er Luft und ließ sie unendlich langsam wieder entweichen. Sein Bein tat höllisch weh und blutete unaufhörlich. Er musste es dringend abbinden, um überhaupt handeln zu können!
Als er auf einmal Sara von nebenan schmerzvoll aufstöhnen hörte, reagierte er nur noch. Entschlossen bewegte er seine Hände in den Fesseln und versuchte sie einfach abzustreifen. Wie unwahrscheinlich es auch war. Einen endlosen Moment tat sich gar nichts, dann aber kam er mit seinen gebrochenen Fingern an das Ende der einen Handfessel. Er riss die Augen weit auf, als sich ihn eine Möglichkeit geradezu aufdrängte. Agent Kellermann hatte wohl nicht daran gedacht, als er ihm insgesamt vier Finger der gleichen Hand gebrochen hatte, aber ihm würde es helfen. Da bereits die Finger gebrochen waren und somit unbeabsichtigt biegsam waren, konnte er die Hand durch die Fessel ziehen. Die Schmerzen nahmen sekündlich zu, als er die gebrochenen Finger noch mehr zusammendrückte, um durch die Schlaufe der Fessel zu kommen, aber langsam funktionierte es. Zentimeter für Zentimeter konnte er die Hand durch die Schlaufe ziehen. Erneut stöhnte Sara im Nachbarraum auf und Michael biss die Zähne fest zusammen. Mit einem heftigen Ruck zog er die Hand endgültig durch die Fessel und keuchte gepeinigt auf. Seine Hand schrie vor Schmerzen und abermals rang er nach Atem, aber er hatte die Hand befreit. Ungelenk, regelrecht verkrampft zog er beide Arme nach vorne und betrachtete ungläubig seine linke Hand. Sein kleiner Finger und sein Ringfinger standen in einen unnatürlichen Winkel ab. Sein Mittel- und sein Ringfinger sah man dagegen gar nicht an, dass sie gebrochen waren. Nur der dumpfe Schmerz sprach eine andere Sprache und erinnerte ihn nur zu deutlich, dass der Anblick täuschte. Michael versuchte nicht weiter darüber nachzudenken und drückte sich stattdessen vom Stuhl hoch. Ein weiteres Mal stöhnte er vor Schmerzen, aber das war alles nicht so wichtig. Er musste so schnell wie möglich handeln! Er sah zum Handtuchhalter an der Wand. Dort hingen noch ihre gebrauchten Handtücher von ihrem Aufenthalt und seine einzige Chance sein Bein abzubinden.
Einen Schritt vor den anderen setzend lief er durch das kleine Bad. Sein rechtes Bein und sein rechter Fuß gehorchten ihm nicht zu hundert Prozent, aber er konnte das Bein hinter sich herziehen. Auch wenn er dabei eine blutige Spur hinter sich herzog. Mit seiner gesunden Hand griff er nach einem Handtuch und umständlich und nach mehrmaligem Ansetzen schaffte er es, seinen rechten Oberschenkel oberhalb der Messerwunde abzubinden. Er wusste nicht, wie er es am Ende geschafft hatte, aber es war auch einerlei. Seine Angst um Sara nahm von Sekunde zu Sekunde zu. Er musste ihr helfen und das dringend!
Wieder sah sich Michael in dem kleinen Badezimmer um. Dieses Mal nach einer Waffe, aber nichts konnte ihm ansatzweise helfen. Plötzlich ruckte sein Kopf heftig Richtung Stuhl. Nur der Stuhl konnte ihm vielleicht dienen. Er schlurfte zu diesem zurück. Da er mit seiner linken Hand nicht zugreifen konnte, griff er mit beiden Armen durch die Stuhllehne und griff mit seiner rechten Hand nach der Sitzfläche. Er hob den Stuhl hoch und ging langsam und vor allem leise zur Badezimmertür. Vorsichtig lugte er um die Ecke und blickte in den Schlafbereich des Hotelzimmers.
Die junge Ärztin saß wie er auf einen Stuhl gefesselt und war ebenfalls geknebelt. Ihr Kopf war gesenkt und es schien, als würde sie nichts weiter wahrnehmen. Agent Kellermann stand mit dem Rücken zu ihm vor sie gebeugt und zog gerade das Messer über ihren linken Unterarm. Vor Schmerzen keuchte sie laut auf und warf den Kopf mit geschlossenen Augen in den Nacken.
Dieser Anblick ließ bei ihm alle Sicherungen durchbrennen. So schnell, als hätte er kein verletztes Bein, keine Verletzungen und keine Schmerzen, lief Michael durch den Schlafbereich, hielt den Stuhl so gut er konnte über sich und holte mit seiner ganzen Kraft aus. Er wusste nicht, woher er jetzt noch die Kraft dazu fand, aber irgendwoher kam sie. Mit voller Wucht hieb er den Stuhl auf den Mann ein. Der Agent ließ vor Schreck das Messer fallen und sackte zur Seite. Michael nutzte den Moment. Seine Wut und sein Zorn nahmen noch einmal zu und er holte mit dem Stuhl zwei, drei weitere Mal aus. Er ließ seine Wut einfach nur raus. Beim dritten Mal zerbrach der Stuhl in seine Einzelteile und Kellermann blieb bewusstlos auf dem Boden liegen. Eine riesige Platzwunde zierte seinem Hinterkopf und Michael hoffte, dass ihnen genügend Zeit blieb.
„Sara?“ Voller Sorge sah er die junge Frau von oben bis unten an und hoffte keine weiteren Verletzungen zu finden. „Alles okay? Sara?“
Es schien, als würde die Zeit stehen bleiben und Sara würde eine Ewigkeit brauchen, um sich soweit zu sammeln, um ihren Blick auf ihn zu fokussieren. Wie in Zeitlupe sah sie ihn an. Viele Male blinzelte sie und konnte doch nicht glauben, was sie sah.
„Mmmiiiccchhhaaaeeelll?“
Panisch ließ nun sie den Blick über ihn wandern und schüttelte fassungslos den Kopf. Tränen traten in ihre Augen. „Wwwaaasss?“
„Mir geht’s gut, Sara“, erwiderte er so ruhig, wie er nur konnte. Er bückte sich nach dem Messer. Zumindest versuchte er es. Gequält atmete er aus und verharrte in seiner Bewegung. Seine Brust brannte durch das Zusammendrücken der Haut wie Feuer und er musste einfach kurz innehalten. Er hielt den Blick auf das Messer gerichtet, welches Kellermann verloren hatte und versuchte seine ganze Konzentration auf seine nächste Handlung zu richten. Mit zusammengebissenen Zähnen versuchte er einen zweiten Anlauf und bückte sich endlich nach dem Messer. Seine heile Hand ergriff es und so schnell wie möglich schnitt er die Fesseln von Sara durch.
Sara ließ ihn dabei nicht aus den Augen. Sie befreite ihre Hände aus den Schlaufen der Fesseln und nahm dann ihren Knebel aus dem Mund.
„Michael?“ Voller Sorgen betrachtete sie ihn. „Mein Gott, was hat er dir nur angetan?“
Er schloss für einen kurzen Moment die Lider und versuchte sich zu sammeln. Alle Schmerzen der Welt waren ohne Bedeutung, solange es ihr gut ging. Er öffnete wieder die Augen und sah ihr fest in die braunen Augen. Mit Nachdruck hielt er ihren Blick mit seinen fest und fragte sanft: „Geht es dir gut, Sara?“
Schnell nickte sie und musterte ihn weiterhin sehr besorgt. „Ja, Michael, ja.“ Sie erhob sich und wollte nach ihm greifen, aber er wich einen Schritt zurück und hob seinen heilen Arm. „Nicht!“ Er schüttelte kaum merklich den Kopf. „Bitte, Sara. Wir müssen weiter machen. Ich weiß nicht, wie lange ich noch durchhalte!“ Noch rauschte das Adrenalin durch seine Adern, aber so schnell wie es produziert wurde, so schnell wurde es auch wieder abgebaut. Sie mussten die Minuten sinnvoll nutzen.
„Aber Michael …?“
Er ignorierte ihren Protest und zeigte stattdessen auf Kellermann. „Wir müssen ihn fesseln!“ Bittend nickte er ihr zu. „Besser gesagt, du musst ihn fesseln.“ Er sah beschämt auf seine linke Hand, als könnte er es irgendwie rückgängig machen, bevor er seinen Blick erneut auf sie richtete. „Ich kann nicht zugreifen! Er hat mir vier Finger der linken Hand gebrochen.“
Sara verzog bedauernd das Gesicht und handelte ohne weiteres. Sie nahm kurzerhand ihre eigenen Fesseln und band erst einmal die Hände des Agenten auf dessen Rücken zusammen. Als die Fesseln fest genug saßen und sie sich davon mehrmals überzeugt hatte, ging sie zu der Tasche von Kellermann und wühlte darin herum. Zu seinem Erstaunen holte sie ein weiteres Seil hervor. Dieses benutzte sie, um die Füße des Mannes zusammenzubinden, und als würde sie ein Beispiel an ihrer eigenen Fesselung nehmen, knebelte sie ihn zusätzlich. Jetzt hatten sie einiges an Zeit gewonnen. Gott sei Dank.
Die Prozedur dauerte nur wenige Minuten und doch fühlte es sich für Michael wie Stunden an. Ihm brach neuer Schweiß aus und sein Blutdruck sackte schlagartig zusammen. Die Welt begann sich zu drehen und ihm wurde schwarz vor Augen. Er fühlte, wie er schwankte. Sein gesunder Arm suchte automatisch nach Halt und wollte sich nur irgendwie festhalten. Da spürte er, wie er an seinen rechten Oberarm festgehalten wurde.
„Komm, setz dich hin, Michael!“
Ohne dass er sie sehen konnte, bugsierte Sara ihn vorsichtig auf das Bett. Schwerfällig setzte er sich auf die kurze Bettkante und schnappte nach Luft, als sich die Schmerzen mit voller Wucht alle gleichzeitig bemerkbar machten.
„Trink das.“ Sanft setzte sie die Öffnung einer Flasche an seinen Mund und hielt sein Kinn fest, damit er ohne Probleme trinken konnte. Er wusste nicht, woher sie auf einmal so schnell eine Trinkflasche hergenommen hatte, aber ihm war es auch egal. Michael nahm einfach einige gierige Schlucke von dem Wasser und endlich klärte sich sein Blick. Sara kniete mittlerweile vor ihm und hielt die Flasche Wasser in der einen Hand. Ihre andere Hand lag behutsam auf seinem linken Knie.
„Ich muss dich so schnell wie möglich in ein Krankenhaus bringen!“
Sehr langsam richtete er seinen Oberkörper auf und versuchte nicht vor Schmerzen aufzustöhnen. Sara würde sich nur noch mehr Sorgen machen und das musste er verhindern. Sie mussten hier verschwinden und das sagte er auch, aber sie schüttelte nur energisch den Kopf. „Michael, du bist schwer verletzt und wenn du sehen könntest, wie bleich du bist …“
„Wir müssen hier weg, Sara“, unterbrach er sie. „Und das sofort!“
Sie biss die Kiefer fest zusammen und sah sich hektisch in dem Hotelzimmer um. Sie sah zu der Tasche vom Agenten und erhob sich. Zügig lief sie zur Tasche und holte weiteres Seil hervor. Kellermann hatte wohl eine ganze Menge mit ihnen vorgehabt. Michael beobachtete sie mit schwerem Blick, wie sie nun ins Bad ging, weitere Handtücher mitbrachte und dann zu seinem Erstaunen an seine eigene Tasche ging. Geschäftig durchsuchte sie diese und nahm ein blaues T-Shirt in die Hand. Auf dem Rückweg hob sie das Messer vom Boden auf, kehrte zu ihm zurück und legte alles neben ihn auf dem Bett zur weiteren Handhabung.
Verwirrt hob er die Augenbrauen und wollte gerade danach fragen, als sie mit ihrer Arztstimme geduldig erklärte: „Ich muss dich trotzdem notdürftig verbinden, damit wir hier überhaupt wegkönnen.“ Abermals musterte sie ihn besorgt. „Du bist schwer verletzt und verlierst zu viel Blut!“ Sie nahm das Seil zur Hand und band es oberhalb von seinem behelfsmäßigen Verband um seinen rechten Oberschenkel. Als sie das Seil festzog, keuchte er auf und biss abermals die Zähne zusammen. Sara gab ihn gar keine Zeit, sich davon zu erholen und machte gleich weiter. Sie lockerte das Handtuch und band es nun direkt um seine Beinverletzung.
„Scheiße“, fluchte er und warf den Kopf in den Nacken. Neuer Schmerz durchflutete ihn und unbewusst ballte er beide Hände zu Fäusten, was ihn aufstöhnen ließ. Seine gebrochenen Finger wummerten wie verrückt. „Verdammt!“
„Tut mir leid“, flüsterte sie mit einem Mal sanft und verband weiterhin sein Bein.
Michael lenkte seine ganze Konzentration auf Sara und versuchte so die Schmerzen zu ignorieren. Er sah ihr einfach bei ihrer täglichen ärztlichen Arbeit zu und lenkte sich ab. Sie war mit seinem Bein fertig und nahm jetzt ein weiteres Handtuch zu Hand. Mit dem Messer schnitt sie es in zwei gleich große Hälften und griff behutsam nach seinen rechten Fuß. Ohne, dass er überhaupt darüber nachdenken oder sich darauf vorbereiten konnte, verband sie seinen Fuß, welcher nun auch nur noch drei Zehen hatte. Er zog scharf die Luft in seine Lungen und wartete einige Sekunden, ehe er sie wieder ausstieß.
„Ich mach so schnell, wie ich kann“, sprach sie mitfühlend, erhob sich und nahm die zwei restlichen Handtücher zur Hand. Einige wenige Sekunden beäugte sie seinen Oberkörper und wägte offensichtlich ihre Möglichkeiten ab.
Michael musterte sie nun seinerseits beunruhigt. „Was?“
Sie sah hoch in sein Gesicht. „Ich muss deinen Oberkörper verbinden und das wird nicht leicht.“ Entschuldigend sah sie ihn an. „Ich will die Handtücher als Behelfsverband um deine Brust und deinen Rücken binden, um die Blutung zu stoppen und dabei brauche ich deine Hilfe.“
Einen langen Augenblick machte er sich seine eigenen Gedanken und sah erst zu seinem blauen T-Shirt und dann zu den beiden Handtüchern in Saras Hand.
„Helf mir bitte das T-Shirt anzuziehen“, sprach er ruhig, griff nach seinem Shirt auf dem Bett und reichte es ihr. Perplex nahm sie es entgegen und wollte ihm widersprechen. Er sah es ihr deutlich an und ließ sie gar nicht erst dazu kommen: „Sara, bitte, wir müssen hier weg! Je länger wir hier sind, umso größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass noch mehr Agenten kommen.“ Er ließ sich von ihrem aufkommenden entsetzten Gesichtsausdruck nicht beirren und redete gleich weiter: „Binde mir notfalls noch das Seil um den Oberkörper. Dann ist das T-Shirt der Verband und sobald wir irgendwo in Sicherheit sind, kannst du mich richtig versorgen, okay?“
Endlose Sekunden musterte sie ihn und war sichtlich hin- und hergerissen. Sie wollte ihn helfen, wusste aber auch, dass sie hier auf den Präsentierteller standen. Sie mussten hier so schnell wie möglich verschwinden! Als sie noch immer nicht reagierte, versuchte es Michael noch einmal. Dieses Mal ruhiger und unendlich sanfter: „Sara, kannst du mir bitte helfen das T-Shirt anzuziehen, damit wir hier verschwinden können?“
Die junge Frau gab sich seufzend geschlagen und nickte entschieden. In einer fließenden Bewegung stand sie auf und bedeutete ihm, die Arme zu heben. Michael kam ihrer Anweisung erleichtert nach und hob beide Arme. Die Bewegung zog seine lädierte Haut auf seinen Oberkörper einerseits auseinander und zur gleichen Zeit zusammen. Er atmete zischend aus.
„Um eins klar zu stellen, Michael“, sprach sie nun plötzlich todernst und zog ihn gleichzeitig vorsichtig das T-Shirt über Kopf und Oberkörper. „Ich handle hier gerade gegen alle meine ärztlichen Instinkte und sobald wir in Sicherheit sind, werde ich dich ruhigstellen! Darauf kannst du dich sowas von einstellen!“
„Gut.“ Zustimmend neigte er den Kopf, nahm langsam die Arme herunter und trotz der Situa-tion musste er lächeln. „Wenn dann die Schmerzen aufhören, bin ich sofort dabei!“
Etwas fassungslos sah sie zu ihm hinab. „Das ist nicht witzig, Michael!“
Er verzog die Lippen. „Ich weiß, Sara, aber anders sind diese Schmerzen nicht auszuhalten!“
Lange sah sie ihn an und ließ ihn keinen Moment aus den Augen. Neue Tränen traten in ihre Augen. Als sie es bemerkte, wischte sie diese schnell weg und lächelte nun ihn aufmunternd an. „Ich bring dich hier weg, okay?“
Als er sie so aufgewühlt sah, wurde sein Blick weich und sanft erwiderte er: „Okay.“
Er versuchte aufrecht sitzen zu bleiben, um ihre Angst zu nehmen und um für sie stark zu sein, aber sein Körper sackte geradezu in sich zusammen und er runzelte die Stirn, als er merkte, wie sich das T-Shirt langsam, aber sicher mit Blut vollsog und an seiner Haut klebte. Er ließ sich einige Sekunden Zeit, um sich an das neue Gefühl zu gewöhnen, aber dann schrie alles in ihm, dass sie endlich hier wegsollten. Er wollte sich am Bett abstützen und aufstehen, aber Sara legte ihre Hand auf seine Schulter und drückte ihn entschieden zurück auf die Bettkante.
„Du bleibst hier sitzen.“ Sie drehte sich zu ihren Taschen, packte zusätzlich noch die beiden Handtücher, das übrige Seil und das Messer dazu, nahm die Taschen an den Tragegriffen und ging zur Tür. „Ich hole schnell das Auto und fahr es direkt vor die Tür. Dann helf ich dir ins Auto.“
Michael neigte erneut den Kopf und sah ihr dabei zu, wie sie mit Vorsicht die Tür öffnete, kurz die Gegend beobachtete und dann schnell nach draußen verschwand. Er hoffte, dass alles gut ging und sie heil zum Auto kam. Sie konnten nicht mit Sicherheit sagen, ob Agent Kellermann allein arbeitete. Wenn er jetzt darüber nachdachte, hatte er damals beim vorü-bergehenden Verlassen von Fox River, als er in ein anderes Gefängnis überführt werden sollte, zwei Männer in einem Auto sitzen gesehen. Zwei! Erschrocken riss er die Augen auf und sein Puls beschleunigte sich sofort. Panik stieg in ihm auf und er versuchte aufzustehen, aber er schaffte es nicht. Laut fluchend sah er sich in den Raum nach einer Hilfe um, aber sein Glück war aufgebraucht. Er fand nichts, was ihn helfen konnte. Sara war allein da draußen unterwegs und möglicherweise gab es einen zweiten Mann – und er konnte ihr nicht helfen! Scheiße.
Plötzlich hörte er Motorengeräusch und das Fenster hinter den Vorhängen des Hotelzimmers verdunkelte sich. Gleich darauf öffnete sich die Zimmertür und Sara trat ein. Erleichtert stieß er die Luft aus und stellte zu seinem Erstaunen fest, dass er die Luft angehalten hatte.
„Alles in Ordnung?“ Sara trat vor ihm und alarmiert musterte sie ihn.
„Ja.“ Er sah sie mit großen Augen an. „Ja, ich will nur mit dir hier weg!“
„Dann komm.“ Sie beugte sich zu ihm vor, umfasste behutsam seinen rechten Arm und half ihm aufzustehen. Er brauchte einige Zeit, bis er seinen Körper dazu bringen konnte wieder senkrecht mit ihm zu arbeiten. Die ersten Sekunden mochte sein Magen die Senkrechte gar nicht und er musste einige Male aufstoßen, um den Würgreflex zu unterdrücken. Am Ende ging es aber.
Nicht schnell legte Sara seinen Arm um ihren Nacken und wollte gerade ihre Hand um seine Hüfte legen, als sie innehielt. Verzeihend blickte sie zu ihm hoch, aber Michael meinte nur: „Mach ruhig. Es tut sowieso alles weh.“
Sie tat es und es tat höllisch weh. Der neue Druck auf seinen Rücken und die langsamen Bewegungen schickten eine Schmerzwelle nach der anderen durch seinen Körper. Sein rechtes Bein gehorchte ihm inzwischen gar nicht mehr und er konnte es nur noch hinter sich herziehen. Durch Saras Arm um seine Hüfte wurde das T-Shirt an seinen Rücken gedrückt und durch seine normale Laufbewegung wurde der Stoff auf seiner Brust hin und her bewegt. Eine alltägliche und ganz normale Reizung der Haut, die er sonst kaum wahrnahm. Da sich das T-Shirt aber mit Blut vollgesogen hatte, gab der Stoff bei jeder Bewegung ein schmatzendes Geräusch von sich und rieb schwer über seine geschundene Haut. Bei fast jeden Schritt keuchte er auf.
Endlich, endlich!, erreichten sie das Auto. Sara hatte in weiser Voraussicht die hintere rechte Beifahrertür offenstehen lassen, damit er gleich auf die Rückbank klettern konnte. Eine ihrer Taschen, mit den zwei Handtüchern drauf, lag am anderen Ende der Rückbank und sollte wohl als Kissen dienen. Wieder vergingen einige Minuten, bis er es schließlich ins Innere des Autos geschafft hatte und sich auf der Rückbank lang machen konnte, wobei er seine Beine angewinkelt ließ. Er schnaufte schwer und ließ den Kopf erst einmal auf die Handtücher sinken. Nur einen Moment wollte er sich ausruhen und neue Kraft tanken. Nur einen Augenblick! Er fühlte sich so erschöpft, als wäre er bereits seit Monaten auf der Flucht, wo er keine Pausen einlegen durfte und immer weiterlaufen musste. Es war mit nichts zu vergleichen, was er bisher erlebt hat und auch nichts, was er noch einmal erleben wollte. Sein Atem beruhigte sich allmählich und er spürte, wie sich eine bleierne Müdigkeit über ihn legte.
Sara machte die hintere Autotür zu und stieg kurz darauf auf der Fahrerseite ein. Sie startete den Wagen, drehte sich mit dem Oberkörper auf ihrem Sitz herum und sah einerseits zu ihm und anderseits begann sie rückwärts den Weg zurückzufahren.
Michael schloss die Lider, atmete so ruhig wie möglich ein und aus und versuchte nach wie vor den Schmerzen keine Beachtung zu schenken.
„Du musst wach bleiben, Michael!“, sprach Sara auf einmal beunruhigt und drehte gerade das Auto, um nun vorwärts über den Parkplatz des Hotels zu fahren. Kurz darauf waren sie auf der Hauptstraße in Richtung Stadtausfahrt unterwegs.
„Tu mir den Gefallen und rede mit mir!“
Widerwillig öffnete er die Augen und sah an das Autodach. Schatten vorbeifahrender Autos wechselten sich mit den Schatten der Fahrbahnmarkierungen ab. Es war ein beruhigendes Wechselspiel von Licht und Schatten und machte ihn nur noch müder. Er ließ seinen Blick auf den Hinterkopf von Sara gleiten und fragte leise: „Glaubst du, wir haben genügend Zeit, um zu verschwinden?“ Wieder musste er die Augen schließen, öffnete sie aber gleich wieder und konzentrierte sich auf Sara. „Ich meine, die Angestellten werden ihn ja bald finden.“
Sara schmunzelte und schüttelte den Kopf. „Das wage ich zu bezweifeln.“
Irritiert hob er die Augenbrauen. „Warum?“
„Ganz einfach: Ich habe an die Tür das ‚Bitte nicht stören – Schild‘ angebracht. Und da die Vorhänge zu sind, wird es noch eine Weile dauern, bevor sie ihn finden!“
Michael musste grinsen. „Das war clever!“ Er senkte den Blick und starrte auf die Rückseite der beiden Vordersitze. Das Schaukeln des Autos war zwar auf der einen Seite beruhigend, aber sein Magen war nach einiger Zeit nicht mehr dieser Meinung. Sie waren nun schon eine Weile unterwegs und durch die Bewegungen des Wagens wurde er immer wieder mit den Körper nach vorne und nach hinten gedrückt. Auch wenn er auf der Seite lag, so tat doch jede Bewegung weh. Seine Haut brannte, sein Bein und sein Fuß schrien vor Schmerzen und seine Hand wummerte ununterbrochen. Leise stöhnte er auf und schloss die Augen jetzt einen Moment länger.
„Michael?“
„Ich bin wach, Sara“, murmelte er, ließ die Augen aber geschlossen. Er hörte, wie sie in ihrer Tasche herumwühlte.
„Ich rufe deinen Bruder an, damit …“
Entsetzt schlug er die Augen auf. „Nein! Tu das nicht!“ Rasch wollte er sich aufsetzen, aber er kam so schnell nicht hoch. Verärgert japste er nach Luft. Er hatte wirklich keinerlei Kraft mehr. „Ruf ihn nicht an“, redete er schnell weiter und drückte seinen Oberkörper so weit nach oben, dass er wenigstens in den Rückspiegel blicken konnte. Auch, wenn die Schmerzen unerträglich wurden, musste er sie ansehen und wenn es nur durch den Spiegel war. „Er macht sich nur unnötige Sorgen und …“
„Unnötige Sorgen?“ Energisch schüttelte Sara den Kopf. „Ich muss ihn anrufen, Michael.“ Da sah sie ihn im Rückspiegel und ihr Blick nahm einen entschlossenen Ausdruck an. Er sah deutlich, dass sie keinen Widerspruch duldete. Egal, was er sagen würde, sie würde ihren Kopf durchsetzen. Jetzt kam endgültig die Ärztin in ihr durch. „Was du auch argumentieren willst, lass es bitte. Ich brauche Hilfe! Vor allem aber benötige ich medizinische Utensilien!“ Voller Sorge musterte sie sein schmerzverzerrtes Gesicht. „Du schaffst keine 20 Stunden bis nach Chicago! Du bist eher vorher verblutet und ich kann keine 20 Stunden durchfahren, also muss ein neuer Plan her.“
„Sara, bitte …“
„Nein, Michael. Du bist schwer verletzt und verlierst zu viel Blut, also tu mir bitte den Gefallen, leg dich zurück und ruh dich aus.“
Er hielt sich noch immer aufrecht und überlegte, wie er ihr am besten helfen konnte, da bemerkte er, wie ihre Augen einen sanften Schimmer bekamen und er ihre Liebe für ihn sehen konnte. „Bitte, Michael, ruh dich aus!“
Betrübt ließ er den Kopf sinken und nickte. Sorgsam darauf bedacht keine neuen Schmerzen zu verursachen, ließ er sich zurück auf die Rückbank sinken und bettete seinen Kopf auf die weichen Handtücher. Für einen Augenblick ruhte er seine Augen aus und versuchte einfach die Schmerzen weg zu atmen.
„Nein, Lincoln“, sprach plötzlich Sara ins Handy. „Ich bin es, Sara. Nein, wir sind jetzt erst unterwegs.“ Sie hörte ihm einem Moment zu und unterbrach ihn dann mit fester Stimme: „Lincoln, warte doch mal und hör mir zu.“ Sie wartete und sprach ruhig weiter: „Michael und ich wurden von einem Agenten namens Kellermann gefangen gehalten und … “
Das laute „Was?“ seines Bruders hörte selbst Michael, aber er hatte keine Kraft mehr darauf zu reagieren. Irgendwie fühlte er sich komisch.
„Richtig“, stimmte sie ihm zu. „Er hat uns festgehalten, um heraus zu bekommen, was ich von meinem Vater erhalten habe.“ Sie machte eine kurze Pause, um sich zu sammeln. „Lincoln, du musst mir jetzt genau zu hören, okay? Es ist sehr wichtig!“ Sie schluckte hörbar. „Um Informationen zu bekommen, wurde Michael durch den Agenten gefoltert und sehr schwer verletzt! Er verliert viel Blut und wir schaffen es nicht bis nach Chicago, daher müssen wir unseren Plan verwerfen. Ich fahr jetzt so schnell wie möglich zu einem ehemaligen Kollegen von mir und hole mir alles, was ich für eine Bluttransfusion brauche. Vielleicht kann er mir auch auf halber Strecke entgegenkommen, das muss ich erst klären. Wir kennen uns schon lange und ich weiß, dass er mir geben wird, was ich brauche.“ Sie stockte. „Nein, Lincoln, hör mir erst zu! Hör mir bitte zu! Michael braucht Blut und das am besten gleich. Aber ich brauche auch die Utensilien und einen sicheren Unterschlupf! Zum Glück brauche ich kein Blut zu beschaffen, das wäre bedeutend schwieriger bei seiner seltenen Blutgruppe. Meine Blutgruppe ist mit seiner kompatible …“
Sara redete unbeirrt ins Telefon, aber das hörte Michael nicht mehr. Krampfhaft schluckte er, wieder und wieder. Er versuchte verzweifelt Speichel zu bilden, aber sein Mund war wie ausgetrocknet. Gleichzeitig brach auf seiner Haut neuer Schweiß aus und ihm war plötzlich kalt. Bitterkalt. Er begann am ganzen Körper zu zittern und seine Zähne schlugen hart aufeinander.
„Ss … Ss … Ssaarraa?“ Mühsam presste er ihren Namen durch seine aufeinanderschlagenden Kiefer und hoffte, dass sie ihn hörte. Sie drehte sich zu ihm herum und rief etwas, aber er hörte sie nicht. Er hörte nur das laute Rauschen in seinen Ohren. Immer wieder wurde ihm schwarz vor Augen. „Ss … Ssaarraa? Iicchh ffüühhlll miicchh …“ Er schluckte schwerfällig, versuchte noch immer Speichel zu bilden. „… nniicchhtt gguuttt!“
Er wusste nicht, ob sie ihn hörte. Er hörte nicht, was sie ihm antwortete oder sah, was sie tat. Das Schwarz in seinen Augen breitete sich schlagartig aus und überrollte ihn …

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Fortsetzung folgt ...
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