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Spuren des Lebens

GeschichteDrama / P18 / Gen
Dr. Sara Tancredi Lincoln "LJ" Borrows Junior Lincoln Borrows Michael Scofield Paul Kellermann
02.11.2019
04.01.2020
11
56.399
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21 Reviews
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04.01.2020 8.849
 
Disclaimer:    
Alle Charaktere und die Idee der Serie Prison Break sind geistiges Eigentum von Paul T. Scheuring. Ich leihe mir seine Figuren nur aus und gebe sie am Ende wieder zurück.
Der Dialog am Anfang der Geschichte zwischen Michael und dem Geistlichen ist aus der Folge ‚Bolshoi Booze‘ der 2. Staffel. In einem Gespräch zwischen Michael und Sara im späteren Verlauf der Geschichte stammen Teile davon aus der Folge ‚Chicago‘ der 2. Staffel, sowie ist im letzten Drittel der fertigen Geschichte ein abgewandelter Dialog zu finden, welcher aus der Folge ‚Disconnect‘ der 2. Staffel stammt.

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Aus der Küche und dem genau gegenüberliegenden angrenzenden Esszimmer schwappte lauter Trubel in den langen dunklen Flur. Die verschiedensten Stimmen ließen das Haus lebendig erscheinen. Noch nie hatte es Michael so laut in dem Haus erlebt, aber vielleicht nahm er es jetzt einfach nur umso mehr wahr. Er konnte ja mit Trug und Recht behaupten, dass er die letzten Wochen darum gekämpft hatte am Leben zu bleiben. Da war der Rest schlicht und einfach untergegangen.
Nachdem Sara ihm die Haare geschnitten und den Bart getrimmt hatte, hatte sie ihm im Bad allein gelassen, damit er sich frisch machen konnte. Als er dann ins Schlafzimmer zurückgekehrt war, war die junge Frau bereits angezogen und half ihm nun seinerseits sich anzuziehen. Im Grunde brauchte er nur noch Hilfe, um die Strümpfe zu wechseln und eine schwarze Jogginghose überzuziehen, und das war in seinen Augen ein unglaublicher Fortschritt. Eigentlich wollte er Jeans tragen, aber Sara hatte darauf bestanden, dass er etwas Lockeres trägt, damit seine Beinwunde nach wie vor nicht eingeengt wurde. Allein die Stufen ins untere Geschoss ließen ihn seine Meinung ändern und er war froh über die bequeme Hose.    
Wieder machte Michael einen vorsichtigen Schritt Richtung Esszimmer und ließ sich von dem Lärm tragen. Viele Stimmen sprachen durcheinander und er verstand nicht, was sie da redeten. Es ergab keinen Sinn. Unter all den Stimmen versuchte er eine Bekannte heraus zu hören, damit er sich sicherer fühlen konnte, um den vielen fremden Menschen entgegen zu treten, die alle während das Tages zurückgekehrt waren. Leider aber erkannte er keine einzige. Es waren zu viele Unbekannte. Er zögerte und verharrte mit seinen Krücken im Flur. Er war nur noch wenige Schritte von dem Raum entfernt und doch fühlte er sich mit einem Mal unsicher. So viel war in den letzten Wochen passiert. Alle anderen waren ihm weit voraus und er wusste nicht, wie er all das wieder aufholen konnte. Wahrscheinlich war er deswegen auch so unruhig. Oder aber …
Als Sara plötzlich neben ihm auftauchte, zuckte er unwillkürlich zusammen.
„Entschuldige“, sprach sie schuldbewusst, merklich betroffen. „Ich wollte dich nicht erschrecken.“
Er verzog die Lippen. „Schon gut.“ Schwerfällig stützte er sich auf die Krücken und versuchte sein rechtes Bein zu entlasten. „Wie viele sind hier im Haus, Sara?“ Er deutete mit dem Kopf den Flur hinunter und war noch immer erstaunt, wie laut es war.
„Mit uns sind es 18 Personen“, antwortete sie ruhig. Sie wollte ihm helfend die Hand reichen, aber er schüttelte stumm den Kopf und sie sprach stattdessen weiter: „Eigentlich sind es bedeutend mehr, aber dein Vater hat nur die Leute hier, auf die er definitiv nicht verzichten konnte.“ Sie sah ihn aufmunternd an, als wüsste sie, dass er sich grämte weiter zu gehen. „Wollen wir?“ Verschmitzt sah sie ihn an. „Oder hast du auf einmal keinen Hunger mehr?“
Einen kurzen Moment ließ er den Kopf sinken und schmunzelte. Seine Sara wusste einfach, was sie sagen musste, um ihn anzutreiben. Gerade wollte er ihr antworten, als sein Magen das übernahm und laut knurrte. Sie hörten es beide und mussten leise lachen.
„Das ist wohl Antwort genug.“ Sara schüttelte den Kopf. „Auf was hast du denn Appetit? Du kannst dir alles aussuchen, was du möchtest! Dein Wunsch ist mir Befehl.“
„Hamburger!“
Das kam ganz schnell und aus dem Bauch heraus. Allein sein Appetit sprach aus ihm, als ihn das Bild von einem Hamburger vor seinen Augen erschien. Er musste schon wieder lachen. „Entschuldige bitte. Das kam unüberlegt. Mach mir einfach, was da ist!“
„Nein, Michael.“ Sie fasste nach seinem Arm. „Es ist okay. Ich würde es dir nicht anbieten, wenn ich es nicht auch so meinen würde. Du möchtest Hamburger, also bekommst du sie auch.“ Er wollte bereits widersprechen, als sie ihn eindringlich ansah. „Wir haben Hamburger da, Michael“, meinte sie und nahm sogleich seinem Protest den Wind aus den Segeln. „Im Haus sind hauptsächlich Männer – und da sind Hamburger das geringste Übel. Glaub mir!“
„Okay.“ Er nickte, verzog leicht die Lippen und bekam dennoch heiße Wangen, als er an einen saftigen Hamburger dachte. Das Wasser lief ihn im Mund zusammen und jetzt hatte er mehr als nur einen Heißhunger. „Könntest du mir bitte zwei Hamburger machen?“
„Das mache ich gerne.“ Liebevoll erwiderte sie sein Lächeln. Sanft drückte sie seinen Arm, ließ ihn los und ging Richtung Küche weiter.
Michael ließ noch einige Sekunden verstreichen, ehe er seinen Weg auch wieder aufnahm und langsam zum Esszimmer ging. Jeder Schritt erforderte mehr Kraft als der Vorangegangene. Sowohl körperlich als auch seelisch war es ein schwerer Weg. Er wusste nach wie vor nicht, was ihn erwartete. Da gab es wirklich nur eine Möglichkeit: Er musste es herausfinden. Als er beim geräumigen Esszimmer ankam, blieb er halb im Flur, halb im Türrahmen stehen. Seine Anwesenheit blieb zum Glück unbemerkt und er hatte einen Augenblick, um sich in Ruhe umzusehen. Der lange Tisch war ausgezogen, um all den Männern und der einen Frau Platz zu bieten, und selbst das reichte nicht aus. Ein weiterer Tisch stand im Raum und nahm die Übriggebliebenen auf. Michael hob irritiert die Augenbrauen, als er all die Unterlagen auf dem Tisch bemerkte. Anscheinend war hier gerade eine Lagebesprechung im Gang, denn alle waren so auf die Unterlagen, Baupläne und anderen Dokumente konzentriert, dass sie ihn gar nicht wahrnahmen.
„Onkel Mike?“ Die laute Stimme seines Neffen ließ alle herumfahren. Auch ihn. Er blickte hinter sich und sah LJ auf sich zu kommen. Das Gesicht des Teenagers musterte ihn freudestrahlend.
„Michael?“ Die Stimme seines Vaters war mit einem Mal direkt neben ihm und er sah wieder ins Esszimmer. Seine Augen weiteten sich, als er sah, dass alle aufgestanden waren, um ihn anzusehen. Lincoln und sein Vater standen ihm am nächsten und nicht nur sie betrachteten ihn besorgt.
„Ähm, ja“, murmelte er verlegen. Wäre er nicht auf die Krücken angewiesen, würde er unruhig mit der Hand durch seine Haare fahren und von einem Bein aufs andere treten. So viel Aufmerksamkeit war ihm unangenehm, besonders da er nicht einmal den Bruchteil der Menschen kannte, die ihn so anstarrten. „Hi.“
Aldo Burrows und sein Bruder sahen ihn mit großen Augen an. Sie schienen über sein Auftauchen überrascht und auch die anderen schienen nicht zu wissen, was sie sagten sollten. Die Zeit schien still zu stehen. Nervös schluckte Michael.
„Jetzt kommt schon, Leute“, rief plötzlich Sara völlig entspannt in die versammelte Runde und trat neben ihn. Sie legte einen Arm um seine Hüfte und gab ihn den Halt, den er gerade so dringend benötigte. Er wusste nicht, wie viel die hier Anwesenden von seinem Überlebenskampf oder von seinen Schmerzensschreien mitbekommen hatten. Er wusste einfach nicht, wie er sich den Männern und der einen Frau gegenüber verhalten sollte.
„Wir alle haben auf den Tag hingearbeitet, dass Michael endlich mit von der Partie ist und uns helfen kann. Also tut jetzt nicht so erschrocken, dass der Tag schließlich gekommen ist!“, sprach sie weiter und bedeutete ihn gleichzeitig in den Raum zu treten. Stumm folgte er ihrer Anweisung und trat ins Esszimmer. Der erste Stuhl, welcher ganz in seiner Nähe war, wurde sein ersehntes Ziel und etwas ungeschickt setzte er sich hin. Die Krücken lehnte er an den Tisch und ohne etwas zu sagen, trat die junge Ärztin ein weiteres Mal an ihn heran, richtete einen zweiten Stuhl vor ihm zu Recht und hob vorsichtig sein rechtes Bein auf den Stuhl. Erleichtert seufzte er auf, als der Druck von seinem Bein verschwand und es ihm gleich spürbar besser ging.
„Danke“, sprach er leise zu ihr und lehnte sich auf seinen Stuhl zurück.
Sara beugte sich zu ihm und hauchte einen zärtlichen Kuss auf seine Schläfe. „Deine Hamburger sind gleich fertig“, erzählte sie und küsste ihn noch einmal, um ihn zuzuflüstern: „Denk daran, sie haben genauso viel Angst vor dir wie du vor ihnen.“ Sie zwinkerte ihm zu und er musste einfach über ihren kleinen Scherz lachen. Sara kannte ihn mittlerweile wirklich.
„Okay“, flüsterte er und strahlte sie an.
Sanft streichelte sie über seinen Kopf und blickte nun die Personen an, die weiterhin ruhelos im Raum standen. „Ich mach gerade Hamburger. Wer möchte noch welche?“
Sofort gingen mehr als ein halbes Dutzend Hände in die Höhe und Michael sah erstaunt von einem zum anderen.
„Dachte ich‘s mir doch“, sprach sie weiter. Sie verließ den Raum, um gleich darauf aus der Küche zu rufen: „LJ, kannst du mir bitte helfen?“
„Muss das sein?“ Sein Neffe sah leicht genervt zwischen seinen Vater und der Küche hin und her. „Mein Onkel ist endlich munter und ich muss in der Küche helfen? Echt jetzt?“ Als Lincoln ihn nur streng ansah, gab sich sein Sohn geschlagen. „Bin schon unterwegs“, murmelte dieser und der Teenager verschwand wie die Ärztin aus dem Esszimmer.
„Pubertierende Heranwachsende“, grummelte sein großer Bruder genauso genervt wie sein Sohn und ging an den Tisch zurück. Auch sein Vater kam zum Tisch. Fast zeitgleich setzten sie sich, was die restlichen Anwesenden dazu veranlasste sich ebenfalls zu setzen. Lincoln und Aldo setzten sich rechts und links von ihm an den langen Tisch und sahen ihn mehr als gespannt an.        
„Wie geht’s dir?“
„Du siehst besser aus!“
Sein Bruder und sein Vater sprachen gleichzeitig und Michael sah schweigend zwischen den Beiden hin und her, ehe er seinen Blick über die versammelte Mannschaft gleiten ließ. Die vielen Männer unterschiedlichen Alters und Aussehen betrachteten ihn genauso aufmerksam wie die einzige blonde Frau.
„Gut. Danke“, antwortete er knapp und begann unruhig seine verbundenen Finger zu mas-sieren. Er wusste nicht, was mit ihm los war. Er spürte nur, dass er sich unter diesen ganzen Blicken nicht wohl fühlte und nicht wusste, was er denken oder fühlen sollte. Er war noch nie der offene Typ gewesen und erst recht nicht gegenüber komplett fremden Personen. Er war eher der ruhige Beobachter und es machte ihn mehr als nervös, dass jetzt alle ihn beobachteten. Michael hatte das Gefühl, als würden sie nur darauf warten, dass er etwas Falsches sagte.
„Ich glaube, wir lassen euch als Familie mal allein“, sprach plötzlich die blonde Frau und erhob sich bereits. Sie sah in die Runde und blickte die Männer an. „Holt euch eure Hamburger, verteilt euch im und um das Haus und beschäftigt euch sinnvoll.“ Ihr Ton war autoritär und die Männer brauchten keine zweite Aufforderung. Innerhalb weniger Augenblicke leerte sich der große Raum.
Erstaunt sah Michael den letzten Mann hinterher. Nur die blonde Frau blieb im Esszimmer und stellte sich neben Aldo Burrows.
Gelassen reichte sie ihm die Hand. „Ich bin Jane Phillips und die rechte Hand Ihres Vaters. Wir haben nur Gutes von Ihnen gehört und wir alle sind sehr gespannt auf Ihre Meinung und vor allem auf Ihre Ideen. Wir können Ihren Geist echt gut gebrauchen!“ Sie lächelte freundlich und Michael schüttelte ihr die Hand.
„Nett Sie kennen zu lernen“, erwiderte er und entspannte sich sichtlich.
„Freut mich auch“, lächelte Jane und blickte nun zu seinem Vater, der sie ebenfalls ansah. „Ich lass euch jetzt allein. Alles Weitere können wir dann später besprechen.“
„Danke.“ Er nickte ihr zu und Jane verließ den Raum.
Als die blonde Frau gerade verschwunden war, betrat Sara wieder das Esszimmer. In ihren Händen hielt sie zwei große Teller. Einen Teller mit zwei Hamburgern stellte sie genau vor ihm ab. Den anderen Teller mit bedeutend mehr Hamburgern stellte sie zwischen Lincoln und Aldo, welche schnell Ordnung auf den Tisch brachten und die ganzen Unterlagen zur Seite schoben. Die junge Ärztin setzte sich derweil neben seinen Bruder. LJ folgte nur wenige Sekunden nach Sara und brachte kleinere Teller und Servietten mit. Wortlos setzte er sich neben seinen Großvater und verteilte alles.
Michael nahm das alles nur am Rande wahr. Sein Blick ruhte auf den zwei sehr saftig aussehenden Hamburgern, die ihn ganz allein gehörten. In Sekundenschnelle lief ihm das Was-ser im Mund zusammen. Er wusste, warum er einen Teller nur für sich allein bekam, und im Stillen dankte er Sara. Wegen seinem Essen musste er sich keine Sorgen machen und er musste es auch nicht verteidigen. Diese zwei gebratenen Fleisch-Patties mit Salat, Tomaten und Brötchen gehörten ihm ganz allein und er würde sie sich sowas von schmecken lassen. Schnell griff er nach einen und biss hungrig hinein.
Seine Familie machte es ihm nach. Jeder nahm sich einen Hamburger und ließ es sich wie er schmecken. Dabei redeten sie über alles Mögliche, aber Michael nahm sie in diesem Moment einfach nicht wahr. Selbst wenn er wollte und sich mit ganzer Kraft konzentrierte. Es ging nicht. All seine Sinne waren auf das Essen konzentriert. Sein Magen knurrte unablässig. Erst als er den ersten der beiden Hamburger vollständig vertilgt hatte, beruhigte sich sein Magen und er konnte den Zweiten schon mehr genießen.  
„Es freut mich, dass du so einen Appetit hast“, sprach sein Vater leise und blickte ihn von der Seite her an. Er selbst war schon mit dem Essen fertig und saß entspannt auf seinen Stuhl.
Michael hielt beim Kauen inne und richtete die Augen ganz langsam auf ihn. Er wusste nicht, was er darauf sagen sollte, daher nickte er nur und kaute weiter.
„Vielleicht sollten wir die nächsten Tage nur kalorienhaltiges Essen zubereiten“, überlegte sein Vater laut. „Am besten Fast Food, damit du schnell wieder zu Kräften kommst!“
„Ich sag dazu nicht nein“, warf sein Neffe begeistert ein und griff nach seinem dritten Hamburger.
„Da stimme ich dir nur bedingt zu, Aldo“, ergriff Sara das fachärztliche Wort. „Kalorienhaltiges Essen, ja. Nur Fast Food? Definitiv nein! Michael muss neben dem Gewicht auch wieder Muskeln aufbauen und da braucht er viel Eiweiß.“
„Du bist so eine verdammte Spielverderberin, Sara“, grummelte LJ mehr als angepisst und Michael erschrak bei diesem heftigen Ton. So aggressiv und auflehnend kannte er seinen Neffen gar nicht, aber anscheinend war LJ in den letzten Wochen voll und ganz in der Pubertät aufgegangen. Das hieß aber nicht, dass er machen konnte, was er wollte.
„LJ!“, rief er mit leiser, angespannter Stimme. Alle sahen ihn fragend an, aber er sah nur zu seinen Neffen. „Sprich nicht so mit ihr, ja? Ich verdanke Sara mein Leben und sie bedeutet mir mehr als ich je beschreiben könnte. Solch einen Ton hat sie nicht verdient!“
Der Teenager sah ihn lange an, blickte in sein ernstes Gesicht und das schlechte Gewissen breitete sich in Sekundenschnelle auf seinen Gesichtszügen aus. Er blickte zur jungen Frau und meinte flüsternd: „Entschuldige bitte, Sara! Ich hab‘ es nicht so gemeint.“
Sara nickte verständnisvoll. „Ist gut, LJ.“
Sein Neffe neigte verlegen den Kopf und biss beschämt von seinen Essen ab.
„Nachdem wir das geklärt haben und so gut wie alle fertig sind“, begann Aldo mit einem amüsierten Blick auf seinen Enkelsohn, der nach wie vor heißhungrig seine Hamburger aß. „Würden wir dich, Michael, gerne in alles einweihen, was wir bisher wissen. Ist das in Ordnung oder möchtest du dich doch zuerst ausruhen?“
Michael lehnte sich langsam auf seinen Stuhl zurück und schüttelte den Kopf.
Die zwei Hamburger hatten gut geschmeckt und waren seit einer gefühlten Ewigkeit ein kulinarisches Highlight. Er war satt und zufrieden. Außerdem fühlte er sich wach, konzentriert und zu allem bereit.
„In den letzten Wochen hab‘ ich mich mehr als genug ausgeruht“, sprach er daher. „Die Zeit ist reif, dass ich endlich erfahre, was hier eigentlich los ist.“ Er verstummte. Ja, er wollte endlich wissen, was in seiner Abwesenheit alles passiert war. Womit sich die anderen zwischenzeitlich beschäftigt hatten und vor allem, warum sein Vater plötzlich aus der Versenkung wiederaufgetaucht war. Was war nur der Grund dafür? Er wollte so viel wissen, aber er musste auch noch eins klar stellen. Denn vorher würde er sich nicht konzentrieren können. Michael atmete tief durch und sah seinen Vater fest in die Augen. „Aber eins würde ich gerne noch sagen“, redete er ernst weiter. „Zwischen uns beiden ist nichts in Ordnung. Auch, wenn ich bei unserem letzten Gespräch zusammengebrochen bin, ändert es nichts an der Situation zwischen uns. Gar nichts. Du hast die Familie in Stich gelassen. Du hast deine Söhne sich selbst überlassen und das …“ Er schnaufte leise und versuchte seine aufkommenden Gefühle unter Kontrolle zu halten. „Das kann ich dir nicht so einfach vergeben!“
Im gleichen Moment, wie er das sagte, erstarrte Michael.
Mit einem Schlag tauchten alle Geschehnisse der vergangenen Zeit vor seinem inneren Auge auf. All seine Taten und all die Menschen, die er verletzt hatte oder die durch ihn gestorben waren, sprangen ihn abermals ins Gesicht und zeigten ihm nur zu deutlich, dass auch er kein Heiliger war und auch tat, was immer nötig war. Wenn er für seine eigenen Taten schon keine Vergebung erfahren durfte, musste er sie wenigstens seinen Mitmenschen gewähren.
Schwer seufzte er und sammelte so viel Mut, wie er in sich finden konnte: „Da ich aber selbst mit der Bürde der Schuld lebe, weiß ich, was sie bedeutet und was sie in einem bewirken kann.“ Ein weiteres Mal holte er tief Luft und nickte seinem Vater entschlossen zu. „Daher gib mir bitte die Zeit, die ich brauche, um dir vergeben zu können!“    
Aldo Burrows Augen weiteten sich. Er schluckte schwer und zog nun genauso die Luft in seine Lungen. Einen scheinbar endlosen Augenblick sah sein Vater ihn an. Er schloss die Augen, verharrte in seiner Position und ließ seine Worte auf sich wirken. „Es tut mir leid, Michael“, erwiderte er leise. „Es tut mir unendlich leid und ich bedaure es mittlerweile sehr, was ich euch beiden zugemutet habe … Und ich kann dich verstehen.“ Er sah ihn wieder an. „Ich respektiere deine Entscheidung und gebe dir die Zeit, die du brauchst. Ich möchte nur, dass du weißt, dass ich immer ein offenes Ohr für dich habe! Wenn du also reden möchtest, egal wann, ich bin für dich da!“
Michael atmete erleichtert aus. „Danke“, sprach er flüsternd und löste den Blick von seinem Vater. Im gleichen Moment sah er zu Sara. Voller Liebe strahlte sie ihn an, wusste sie doch, wie schwer ihm das gefallen war. Einen längeren Augenblick sahen sie sich an, blickten sich tief in die Augen und er holte sich bei ihr die Kraft, die er brauchte, um durchzuhalten.
„Was ist also passiert?“, wollte er wissen und blickte von Aldo zu seinem Bruder. „Was ist alles geschehen?“
Statt ihm zu antworten, sah Lincoln unschlüssig zu seinem Vater und auch Aldo überlegte offensichtlich, wie er wohl am besten anfangen sollte.
„Erinnerst du dich noch an den Schlüssel mit dem Emblem, den ich bei meinem Vater gefunden habe?“, wollte stattdessen Sara von ihm wissen. Erwartungsvoll sah sie ihn an. Als er stumm nickte, erzählte sie weiter: „Während du außer Gefecht gesetzt warst, haben wir herausgefunden, dass der Schlüssel zu einem Schließfach in einem Zigarrenclub in Chicago gehört. Mein Vater war Mitglied und hat dort etwas aufbewahrt.“ Verwirrt hob Michael die Augenbrauen. Er wollte unbedingt wissen, wie sie das alles herausgefunden hatten, aber die junge Ärztin ließ ihn keine Zeit zum Nachdenken und unterbrach sogleich seine Gedanken: „Wie wir wurde auch mein Vater verfolgt, weil er zu viel wusste. Bevor er getötet wurde und ohne, dass unsere Verfolger etwas davon mit bekommen haben, konnte er einen USB-Stick in dem Schließfach deponieren. Mit viel Vorbereitung, Geschick und auch Glück konnte dein Vater mit einigen seiner Männer den USB-Stick sichern.“
„Ein USB-Stick?“ Verblüfft sah Michael von einen zum anderen.
„Ja“, übernahm nun Aldo wieder. „Der Inhalt ist recht brisant und leider erklärt es auch die Brutalität, warum die Männer dich und auch Sara so behandelt haben, um an den Schlüssel heranzukommen. Der Inhalt ist zu wichtig!“
„Was ist denn auf den USB-Stick?“, wollte er mit wachsendem Interesse wissen. Was gab es so Wichtiges, dass diese Männer bereit waren über Leichen zu gehen, um diesen USB-Inhalt vor fremden Augen zu schützen? Was war es wert, so mit Menschenleben umzugehen?
„Um das zu erklären, muss ich etwas weiter ausholen, Michael“, sprach sein Vater plötzlich betreten. Für einen Moment sammelte er sich, ehe er dann leise meinte: „Als du und dein Bruder noch klein wart, habe ich für ein Unternehmen gearbeitet, welches sich die Company nennt.“ Michael horchte auf. Hatte Lincoln nicht von dieser Company gesprochen? „Ich bin nicht stolz darauf, aber ich habe jahrelang die Drecksarbeit für dieses Unternehmen gemacht. Bis mir die Augen geöffnet wurden und ich verstand, dass die Company in wahrste n Sinne des Wortes über und über korrupt ist. Auf allen erdenklichen industriellen Ebenen ist die Company eine korrupte Organisation, die sogar auf Regierungsebene ihre Finger im Spiel hat und die Strippen zieht.“ Er holte abermals Luft und auch Michael nutzte den Augenblick, um kurz durchzuatmen. „Als mir das alles klar geworden ist, wusste ich, dass ich mich von der Company lösen und ich meine ganze Kraft für den Kampf gegen das Unternehmen aufbringen musste.“ Aldo sah ihn ernst an. „Das war auch der Moment, wo ich euch verlassen habe. Ich konnte euch der wachsenden Gefahr nicht aussetzen! Ich musste euch und eure Mutter verlassen, damit die Company mich jagte und euch in Ruhe ließ! Und …“
„Dad, was ist mit den USB-Stick?“, unterbrach Michael ihn barsch. In der gleichen Sekunde tat es ihm leid, aber er musste endlich erfahren, was auf den USB-Stick drauf war. Dass er Aldo mit ‚Dad‘ angesprochen hatte, ließ diesen für einen Moment komplett erstarren. Die Augen seines Vaters wurden noch größer und bekamen einen leichten Schimmer, was Michael tief in seinen Inneren berührte und ihm deutlich zeigte, dass auch Aldo unter der Trennung zu seinen beiden Söhnen gelitten hatte, aber er musste in diesen Augenblick rational bleiben. Erst musste er alles erfahren, ehe er sich auf die Beziehung zu seinem Vater einlas-sen konnte. Er musste vorerst bei klarem Verstand bleiben.  
Verlegen räusperte er sich. „Entschuldige bitte meinen schroffen Ton, Dad, aber bitte erklär mir deine Beweggründe ein anderes Mal. Ich muss zuerst wissen, was für Dateien Saras Vater gespeichert und versteckt hat!“
„Es ist nur eine Datei“, berichtete sein Vater trotz seiner Entschuldigung sichtlich betroffen. „Eine Audio-Datei, um genau zu sein.“
„Eine Audio-Datei?“
„Es ist die Aufzeichnung von einem Telefonat“, warf Sara ein und stützte sich mit beiden Ellenbogen auf dem Tisch ab. „Es ist ein Gespräch zwischen der Präsidentin Reynolds und ihren Bruder Terrence Steadmen!“
Verwirrt hob Michael abermals die Augenbrauen und wusste nicht, was daran so ungewöhnlich war. „Ja, und?“
„Halt dich jetzt gut fest, Michael“, sprach sein Bruder plötzlich sehr aufgeregt. Lincolns Augen strahlten und ein Lächeln umspielte seine Lippen. „Das Gespräch zwischen den Beiden fand nach meiner angeblichen Ermordung an Terrence Steadmen statt!“
„Was?“ Völlig geschockt starrte er Lincoln an, ehe sein Blick zu den anderen wanderte. Jeder Einzelne seiner Familie nickte ihm entschieden zu, als wüssten sie ganz genau, was er gerade dachte.
„Was?“, wiederholte er verwirrt und sah seinen Bruder wieder an. „Wie bitte?“
„Glaub mir, Kleiner, ich konnte es auch nicht glauben, aber es stimmt! Es ist wahr! Terrence Steadmen lebt!“ Lincolns Stimme bebte vor Aufregung. „Das Telefonat beweist, dass ich unschuldig bin. Der Bruder der Präsidentin ist nach wie vor am Leben!“ Er schüttelte genauso fassungslos den Kopf. „Ich weiß nicht, wie sie es gemacht haben, aber sie haben alles so arrangiert, dass es so aussah, als hätte ich Steadmen erschossen – was ja nicht stimmte, aber die Beweise sprachen alle gegen mich.“
„Die Company hat Lincoln bewusst ausgewählt, weil sie an mich heranwollten“, übernahm nun sein Vater das Wort. „Die Company manipulierte so viele Beweise, dass das Gericht und die Geschworenen gar nicht anders konnten, als Lincoln zu verurteilen – und gleichzeitig wussten sie, dass sie meine Aufmerksamkeit hatten.“ Leise seufzte er. Etwas fahrig fuhr er sich mit der Hand durch seine weißen Haare. „Ich habe versucht, so viel Beweismaterial wie möglich zu sammeln, aber erst am Tag der Hinrichtung konnte ich etwas vorlegen, wo das Gericht definitiv gezwungen war die Hinrichtung zu stoppen.“
„Was?“ Erstaunt sah Michael zu Aldo.
„Er war da“, flüsterte jetzt Lincoln seinerseits aufgewühlt und Michael blickte erneut zu ihm. Eindringlich sah sein Bruder ihn an. „An den Abend meines Hinrichtungstermins. Er war da!“ Er schluckte und beugte sich auf seinen Stuhl vor. „Ich hab‘ dir ja gesagt, dass er da war! Dad hat die Hinrichtung verhindert! Er hat uns geholfen! Auch, wenn wir damals noch nicht wussten, wer uns geholfen hat, so wissen wir es jetzt mit Sicherheit!“ Er nickte ihm ent-schlossen zu. „Außerdem hat er meinen Sohn und mich vor den Leuten der Company gerettet und befreit. Vielleicht hilft dir das ja, deinen Groll gegen Dad wenigstens etwas beiseite zu schieben und ihm entgegen zu kommen.“
Lange sah sein großer Bruder ihn in die Augen, betrachtete ihn ausgiebig und ließ ihn die Zeit, um über sein Gesagtes nachzudenken. In Michael aber schrie alles. So viele verschiedene Informationen stürmten auf ihn ein. So viele Baustellen taten sich auf und so viele Abgründe, die nur darauf zu warten schienen, ihn zu verschlingen. Er musste diese vielen Informationen erst einmal zu etwas formen, damit er mit diesen arbeiten konnte.
Genauso wusste Michael instinktiv, was sein großer Bruder von ihm wollte. Einerseits wehrte sich alles in ihm dagegen. Immerhin hatte er seinen Vater gerade erst wiedergefunden und der Schmerz und die Wut, dass er sie verlassen und im Stich gelassen hatte, waren noch zu frisch. Anderseits konnte er die Hilfe durch Aldo nicht ignorieren. Dass sein Vater die Hinrichtung erfolgreich verhindert hatte, hatte ihnen zusätzliche Zeit verschafft, was schlussendlich zu ihrer erfolgreichen Flucht geführt hatte.
Ruhig sah er von seinem Bruder zu seinem Vater. Lange sah er ihn an und Aldo begegnete seinem Blick genauso ruhig. So vieles lag unausgesprochen zwischen ihnen, so vieles mussten sie in Ruhe klären und vor allem mussten sie zusammen einen Weg finden, um sich wieder anzunähern, aber Michael wusste auch, dass er eines auf jedem Fall schon jetzt klären konnte.  
„Ich danke dir für deine Hilfe!“, holte er sanft aus. „Ich dachte, ich verliere meinen Bruder, doch du konntest das verhindern! Dafür danke ich dir!“ Er neigte dankbar den Kopf. „Du hast nicht nur Lincolns Leben gerettet. Du hast uns auch die so dringend benötigte Zeit verschafft, um den Ausbruch zu vollenden.“
„Und doch seid ihr nur durch mich da überhaupt rein geraten“, erwiderte Aldo plötzlich mit belegter Stimme. Sein schlechtes Gewissen war nicht nur in seiner Stimme zu hören, er ließ auch betreten den Kopf sinken. „Ich weiß das nur zu gut, Michael. Ich weiß das nur zu gut! Ihr braucht es nicht einmal auszusprechen, denn ich sehe es jedes Mal, wenn ich in den Spiegel blicke. Wegen mir musstet ihr euer bisheriges Leben aufgeben. Wegen mir müsst ihr ein Leben auf der Flucht führen und jeden Tag von neuen um euer Leben fürchten. Ich weiß sehr gut, in was ich euch da reingezogen habe und ich kann mir das selbst nur schwer verzeihen. Es war ein Riesenfehler, dass ich überhaupt für dieses korrupte Unternehmen gearbeitet habe.“ Er seufzte schwer, hob seinen Kopf und sah ihn direkt in die Augen. „Deswegen sind deine Worte auch ein Segen für mich, Michael, und mehr als ich je verdient habe. Ich weiß deine Geste wirklich zu schätzen.“
Michael lächelte vorsichtig. „Wie gesagt, Dad, wenn die Zeit reif ist, klären wir das alles in Ruhe und werden einen Weg finden, um wieder eine Familie zu werden, okay?“
„Okay!“ Erleichtert lehnte sich sein Vater auf seinen Stuhl zurück und lächelte ihn mehr als glücklich an. Michael wusste ganz genau, was Aldo gerade gefühlstechnisch durchmachte, denn es ging ihm ganz genauso: Die Schwere des schlechten Gewissens und die Dunkelheit der tiefen Schuld erdrückten auch ihn und rissen ihn auseinander. Er hatte das Gefühl keinen Ausweg zu sehen und sah nur noch das, was er angerichtet hatte. Wie sein Vater hatte auch er eine Bürde zu tragen, die für einen einzelnen Menschen eigentlich viel zu viel war, und wenn er sich nur ansatzweise vorstellte, wie es war, von seinem Gegenüber so etwas wie Vergebung erfahren zu dürfen, war es bestimmt das pure Glück. Eine ungeheure Last wurde von den Schultern genommen und endlich konnte man wieder freier atmen. Es musste wirklich ein Segen sein!
Michael ließ es sich nicht anmerken, aber er beneidete seinen Vater. Aus tiefsten Herzen. Denn dieser konnte nach den langen Jahren des schlechten Gewissens endlich wieder freier atmen, wieder freier denken und auch wieder freier handeln. Die schwere Last war ihn endlich genommen wurden. Die Last, die er dagegen auf seinen Rücken schulterte, würde er mit großer Wahrscheinlichkeit bis an sein Lebensende mit sich herumtragen. Zu schwer war die Schuld, die er sich aufgebürdet hatte. Zu schwer waren die Verbrechen, die er anderen Menschen angetan hatte, um seine eigenen Ziele durchzusetzen. Diese Schuld konnte ihn keiner nehmen und erst recht konnte ihm nicht vergeben werden. Er wusste tief in seinem Inneren, dass diese Last sein weiteres Leben bestimmen würde. Viele Jahre, wenn nicht sogar Jahrzehnte würde er damit verbringen, diese tonnenschwere Last abzutragen!
„Bist du noch bei uns, Michael?“
Saras leise Stimme holte ihn aus seiner dunklen Gedankenwelt. Er brauchte einen Moment und blinzelte einige Male, ehe er aus den Tiefen seines inneren Ichs auftauchte. Sowohl Lincoln, sein Vater, Sara als auch sein Neffe sahen ihn alle gleichermaßen besorgt an. Er musste anscheinend komplett weggetreten sein, denn allein Saras Blick sprach Bände. Gleichzeitig versuchte er sich zur Konzentration zu zwingen. Er war so in seine Gedanken abgetaucht, dass er seine Familie und auch ihr Gespräch schlicht weg nicht mehr wahrgenommen und vergessen hatte. Er hatte sich von seinem Körper vollkommen losgelöst. Noch einmal blinzelte er und versuchte sich wieder ins Hier und Jetzt zurückzuholen. Sie mussten wichtige Dinge klären bzw. seine Familie musste ihn noch immer über die vergangenen Wochen aufklären. Da hatte er keine Zeit für sein eigenes Seelenheil!
„Entschuldigt bitte“, erklärte er verlegen. „Wo waren wir gerade?“
„Ist alles okay, Kleiner?“, wollte sogleich sein Bruder mit wachsender Unruhe wissen. „Du siehst aus, als wäre jemand gestorben!“ Lincoln beugte sich zu ihm vor, legte sanft seine große Hand auf seine Schulter und drückte sie. „Was es auch ist, Michael. Sprich mit uns! Wir helfen dir so gut, wie wir können!“
Es war, als würde die Zeit stehen bleiben. Als hätte jemand den Schalter umgelegt und die Gründe ihres Zusammenseins komplett verändert. Endlose Minuten vergingen in absoluter Stille. Alle sahen ihn an und musterten ihn voller Sorge, aber Michael konnte nicht sprechen. Er schluckte und schluckte, aber je mehr er sich anstrengte, umso schwieriger war es für ihn Speichel in seinem Mund zu bilden. Er schnappte nervös nach Luft, aber auch das half nicht. Sein schlechtes Gewissen und das Gefühl der Schuld hatten nur auf diesen einen Augenblick gewartet. Sein Körper und sein Geist wurden abermals von der Schwere der Schuld in die Tiefe seines Inneren gezogen und hielten ihn mit eiserner Hand fest. Die Schwere der Schuld konnte er nicht beschreiben, außer dass sie ihn mehr und mehr die Luft zum Atmen nahm. Wie sollte er sie dann für die anderen in Worte fassen, oder ihnen erklären, was mit ihm los war?
Als sich der Druck in seinem Inneren immer weiter ausbreitete und ihn mit jeder weiteren Sekunde zu ersticken drohte, traten Tränen in seine Augen, und er konnte rein gar nichts dagegen tun, das sich sein Körper ein Ventil suchte. Beschämt ließ er den Kopf sinken und versuchte seine Gedanken und Gefühlen zu ordnen oder sich wenigstens etwas unter Kon-trolle zu bekommen.
„Shit … Kleiner?“
Er schüttelte nur den Kopf und konnte nicht reagieren. Auf gar keinen Fall wollte er mit ihnen über sein inneres Chaos sprechen. Sein schlechtes Gewissen und die tiefe Schuld schrien ihn so laut an, dass er sich die Ohren zuhalten wollte – und plötzlich tauchte noch der Gedanke auf, der ihn, tief in seinen Inneren vergraben, schon eine Weile unbewusst begleitete.
„LJ, könntest du uns bitte allein lassen?“ Saras Stimme klang weiterhin sanft, hatte aber einen bestimmenden Unterton angenommen.
Ohne zu widersprechen oder gar zu protestieren, stand sein Neffe auf und verließ das Esszimmer. Fast gleichzeitig erschien Sara neben seinen Stuhl, hockte sich vor ihm nieder und legte eine Hand auf seinen Oberschenkel. Allein diese zärtliche Geste durchbrach seine sorgsam aufgebaute Mauer und die ersten Tränen rollten seine Wangen hinab. Paradoxerweise musste er deswegen leise auflachen, was seiner Stimmung wiederum merklich guttat. Die junge Ärztin war gerade mal ein paar Monate in seinem Leben und schon besaß sie ein Schlüssel für sein Herz wie kein anderer jemals zuvor. Ohne Probleme kam sie bis tief in sein Inneres und schaffte es mühelos seine Mauern einzureißen und seine Welt aufzuhellen.
Als er noch immer nicht redete, beugte sich Sara zu ihm vor. Sie legte auch ihre andere Hand auf sein Knie und sah ihn mit ihren warmen braunen Augen an. „Du machst dir nach wie vor schwere Vorwürfe, hm? Selbst nach all den Wochen?“
Ihre Frage ließ ihn unbewusst zusammenzucken und endlich sah er sie richtig an.
Sie verzog die Lippen, als wüsste sie seine Antwort bereits.
„Mach dir bitte keine Gedanken, Michael“, sprach sie leise weiter. „Und vor allem brauchst du dich nicht für deinen Gefühlsausbruch zu schämen. Deine Familie ist bei dir, ich bin bei dir! Du hast eine ganze Menge durchgemacht. Das muss auch erst einmal verarbeitet werden!“ Sie nickte ihm verständnisvoll zu. „Ich kann mir nur ansatzweise vorstellen, was in dir los ist, Michael, aber was geschehen ist, ist geschehen! Du kannst nur für die Zukunft daraus lernen.“  
Erneut schien eine Ewigkeit zwischen ihnen zu vergehen. Eine schier endlose Zeit sahen sie sich in die Augen und Michael war ihr so dankbar. Sie konnte sich gar nicht vorstellen, wie dankbar er war, dass sie in sein Leben getreten war, dass sie nach all den Geschehen weiterhin bei ihm blieb und seine Gefühle trotz allem erwiderte. Sie wusste nicht mal im Entferntesten, wie sehr sie sein Leben verändert hatte, wie sehr sie ihn erdete und vor allem wie sehr er sie liebte.
Sehr langsam nickte Michael und gewann endlich seine Beherrschung zurück. Er wischte die Tränen fort und neigte ein weiteres Mal den Kopf. „Es war gerade nur zu viel, Sara.“ Er schniefte kurz und atmete einen Moment durch. „Es kam alles wieder hoch“, erklärte er ihr flüsternd und atmete abermals lang und tief durch. „Die letzten Wochen waren eine reinste Achterbahn und ich konnte es einfach noch nicht verarbeiten.“
„Ich weiß, Michael, ich weiß!“
„Und wann sollte ich das auch tun?“, stellte er die rhetorische Frage und richtete sich in seinen Stuhl auf. Unwillkürlich fuhr er sich mit der Hand über das Gesicht und trocknete seine Wangen. Plötzlich war es ihm peinlich, so die Kontrolle über sich verloren zu haben, aber er wusste auch, dass es ein deutliches Warnsignal seines Körpers war. Er war so hin- und hergerissen, dass er schon nicht mehr wusste, wo oben und unten war. Einerseits zeigte ihm seine Seele, wie kaputt er war, aber gleichzeitig blinkte ein Gedanke in seinen Inneren auf, welcher eine mögliche Antwort auf das alles war und alles erklären könnte.
Auf einmal brauchte er Sara. Sein ganzer Körper, jede einzelne Zelle von ihm schrie nach ihr. Seine Seele schrie nach ihr. Er musste ihr unbedingt nahe sein, musste sie unbedingt berühren. Er brauchte ihren Hautkontakt wie das Blut in seinen Körper. Entschlossen griff er mit der freien Hand nach einer von Saras Händen, umfasste sie und drückte sie sacht.
„Vielleicht war das alles auch ein Wink des Schicksals“, flüsterte er und sprach seinen Gedanken endlich laut aus. Dieser einfache Gedanke begleitete ihn schon eine ganze Weile, tief in seinem Inneren vergraben, aber er hatte ihn nie Gestalt annehmen lassen. Er hatte es sich strikt verboten daran zu denken, denn wenn der Gedanke erst einmal Gestalt angenommen hatte, wurde er auch seiner Meinung nach real.
Unentwegt sah er Sara in die Augen. Sie allein gab ihn den Halt, den er brauchte.
Seit der Agent Kellermann ihn auf den Stuhl gefesselt und sich an ihn vergangen hatte, war der Gedanke da gewesen. Jetzt wusste er, dass es wahr war, denn es erklärte einfach alles: „Es war der Preis meines Handels und meine gerechte Strafe!“
Saras Gesichtszüge entglitten ihr, als sie seine Worte verstand. Entsetzt schüttelte sie den Kopf. „Nein, Michael.“ Energisch schüttelte sie fester ihren Kopf. „Sag so etwas nicht!“
„Was ist los?“, fragte Lincoln dazwischen. „Was meinst du damit, Michael?“
Er antwortete ihn nicht. Er sah einfach nur Sara an und wusste, dass er Recht hatte.
„Nein!“ Ihre Stimme wurde immer flehender.
„Sara, ich weiß, dass es so ist. Denn ich habe nichts anderes verdient!“
Abermals schüttelte sie den Kopf. Tränen brannten in ihren Augen.
Es tat ihm in der Seele weh, aber es änderte nichts. Rein gar nichts.
„Leute, kommt schon!?“ Lincoln klang so unruhig, wie er sich seit langem ruhig fühlte.
„Dein Bruder sieht die Folter und die Misshandlung durch den Agenten als seine gerechte Strafe an“, antwortete Aldo mit gedämpfter Stimme und Michael sah zu ihm hoch.
„Was?“, entfuhr es seinen Bruder erschrocken. „Der Kerl hat dich stundenlang gefoltert und dich fast umgebracht, und du denkst, es ist okay? Weil du denkst, dass du es verdienst? Willst du mich eigentlich verarschen?“ Schlagartig wütend funkelte Lincoln ihn an.
„Wegen mir sind Menschen gestorben, Linc“, erklärte er mit leiser Stimme und sah seinen großen Bruder fest entschlossen an. „Ich habe unzählige Leben zerstört. Sara ist nur eine davon.“ Er schluckte schwer und versuchte mit aller Macht ein aufkommendes Zittern zu unterdrücken. „Menschen sind wegen meines Plans, dich zu retten, gestorben.“ Von neuen traten Tränen in seine Augen. „Es sollte niemand sterben, Lincoln!“ Seine Stimme begann zu zittern. „Du solltest nicht sterben! Und auch niemand sonst sollte wegen meines Fluchtplans sein Leben verlieren! Diese Menschen sind meinetwegen gestorben! An meinen Händen klebt ihr Blut, und …“
„Und dann denkst du, dass dies die Folter rechtfertigen würde?“, unterbrach ihn sein Bruder und sah ihn entsetzt an. „Das meinst du doch nicht wirklich, oder?“
„Es ist schwer zu verstehen. Ich weiß, aber …“
„Nein, Michael“, fuhr er barsch dazwischen. „Das ist absoluter Bullshit! Nichts, aber auch gar nichts rechtfertigt solch eine Behandlung.“
Michael atmete so ruhig wie möglich tief durch. Ihm war bewusst, dass sein Gedanke auf keinerlei Verständnis stieß. Die anderen mussten es aber auch nicht verstehen. Allein für ihn ergab es einen Sinn und er fühlte sich dadurch ein kleines bisschen besser. Nicht viel, aber die tonnenschwere Last war einige Gramm leichter geworden. Jede Handlung forderte nun einmal Konsequenzen. Für seine unverzeihlich begangenen Taten gingen Menschen ins Gefängnis und auch das wusste er mit absoluter Sicherheit. Er gehörte hinter Gitter, jetzt auf jeden Fall. An seinen Händen klebte das Blut so vieler Leben. Da konnte er auch selbst bluten, um seine Schuld wenigstens etwas zu bereinigen.
„Ich kann dich verstehen“, meinte plötzlich sein Vater in die aufkommende Stille hinein und Michael sah ihn abermals an. „Ich weiß sehr gut, wie du dich gerade fühlst, mein Sohn! Du denkst, dass das vergossene Blut durch dein Blut vergolten wurde.“ Lange blickte er ihn in die Augen und Michael spürte das Zittern in seinen Gliedmaßen jetzt nur zu deutlich. Kriechend breitete es sich in seinen Körper aus, weil er tief in seinem Inneren auch das wusste. Er wusste ganz genau, was sein Vater ihn gleich sagen würde und wieder würde er nichts dagegen tun können, denn auch das war wahr. Er wollte es nur nicht hören.
„Du glaubst, deine Schuld wäre mit deinem Opfer beglichen. Zumindest teilweise. Dein Blut für das Blut der anderen.“ Unendlich langsam verneinte Aldo Burrows seine Gedanken mit einem Kopfschütteln. „Dieser Gedanke hilft jetzt, in diesem Moment, ja – keine Frage, aber es hält nicht lange an, Michael. Glaub mir, ich weiß das nur zu gut! Die aufgebürdete Schuld begleitet dich ein Leben lang, egal, wie viel Blut du dafür gibst!“
Michael konnte nicht sprechen. Sein Kopf war mit einem Schlag leer, vollkommen leer. All seine Gedanken waren weg. Seine Wahrheit war weg. Er konnte nur seinen Vater anstarren.  
„Deine Taten, deine kommenden Handlungen, werden die Schuld etwas leichter machen“, sprach sein Vater ruhig weiter. „Jedem, den du hilfst, wird dir dabei helfen, deine Schuld leichter zu machen, aber verschwinden wird sie niemals! Sie wird immer ein Teil deines Le-bens bleiben!“ Er deutete auf die junge Ärztin. „Deine Freundin hat vollkommen recht. Was geschehen ist, ist geschehen. Du kannst nur für die Zukunft daraus lernen und dementsprechend handeln!“    
„Wird diese Schuld denn wirklich niemals weggehen?“, fragte er mit einer Verzweiflung, welche ihm eine Heidenangst einjagte. Er wollte die Antwort unbedingt wissen und gleichzeitig wollte er sie nicht wissen. Er war so durcheinander, dass er keinen klaren Gedanken fassen konnte.
„Du lernst mit der Schuld zu leben“, antwortete sein Vater ehrlich. „An manchen Tagen wird es leichter sein als an anderen. Jeder Tag könnte ein neuer Kampf für dich bedeuten, ich spreche da aus eigener Erfahrung, aber auch das wirst du lernen.“ Mit großen Augen sah Aldo ihn an und zeigte ihm allein durch seinen Blick, was er selbst schon alles deswegen erleben musste. „Allein du entscheidest, ob du den leichten Weg gehen möchtest und dich von der Schuld mitreißen lässt und du so an ihr zugrunde gehst oder aber ob du den schweren Weg gehen möchtest und jeden Tag von neuen dagegen ankämpfst und versuchst daraus zu lernen. Du allein entscheidest das und kein anderer!“ Sein Vater verstummte und abermals blieb die Zeit in dem Esszimmer stehen. Eine gespannte Stille breitete sich zwischen ihnen aus. Sein Vater sah ihn mitfühlend an, sagte aber nichts mehr. Als wüsste er nur zu gut, was seinem Sohn gerade durch den Kopf ging und dass er das alles erst einmal verarbeiten musste. Auch die anderen schwiegen und schienen nur auf eine Reaktion von ihm zu warten.
Michael sah von einen zum anderen, blinzelte einige Male und konzentrierte sich dann nur auf seine Atmung. Zu etwas anderes fühlte er sich einfach nicht in der Lage. Zu viele Gedanken, zu viele Gefühle rauschten durch seinen Kopf, durch seinen Körper. Die letzten Tage und Wochen war sein Körper nur damit beschäftigt gewesen seine Wunden zu heilen und gesund zu werden und nun, wo dieser Teil so gut wie abgeschlossen war, machte sich seine Seele mehr als deutlich bemerkbar und wollte das richten, was geschehen war und sie wollte sich unbedingt damit beschäftigen, was er angerichtet hatte. Doch hatte er überhaupt die Kraft dafür? Er wusste es nicht. Es war schlicht und einfach zu viel.
Bedrückt senkte er den Kopf und starrte auf seine Hand, die noch immer die von Sara hielt. Lange sah er ihre ineinander verschlungen Hände an und war sich ihrer Nähe und ihrer Wärme nur allzu bewusst. Sein Herz begann zu rasen, als er ganz langsam den Blick hob und sie ansah. Ihre wunderschönen braunen Augen schimmerten noch immer unter den Tränen und doch strahlten sie heller als jemals zuvor. Das und ihr attraktives Lächeln auf den Lippen ließen ihn nach Luft schnappen, und von einem Augenblick auf den anderen war seine Welt in Ordnung. Er konnte nicht einmal beschreiben, wie viele tausend Schmetterlinge durch seine Blutbahnen rasten und alles erhellten, was sie berührten. Seine drüben Gedanken wurden durch seine starken Gefühle für Sara abgelöst. Er wusste, dass er Buße tun musste, dass er jeden Tag kämpfen musste, aber er wusste auch, dass sie es war, die ihm half durchzuhalten. Mit ihr an seiner Seite würde er die Kraft finden jeden Tag von neuen zu handeln und seine Fehler gut zu machen.
„Ich liebe dich“, flüsterte er sichtlich ergriffen und öffnete nicht nur sein Herz für sie, sondern auch seine Seele.
Daraufhin erhellten ihre Augen und ihr Lächeln das ganze Zimmer. Ihre Anspannung ließ sichtbar nach und sie lachte beruhigt auf. Geschwind wischte sie sich über die Augen, erhob sich und kam ihm entgegen. Unglaublich sanft drückte sie ihre Stirn an seine und hauchte genauso gerührt: „Ich liebe dich, Michael. Mehr als du vielleicht ahnst!“ Zärtlich küsste sie ihn und ließ ihn alles vergessen.
Es waren nur wenige Sekunden Zweisamkeit, für ihn war es wie ein ganzes Leben.
Als sie sich voneinander lösten, stellte sich Sara neben ihn und seinen Stuhl und legte einen Arm um ihn. Michael schloss die Augen und lehnte sich an sie. Ihre Nähe war so beruhigend und entspannend, dass er wirklich alles vergessen konnte. Sara nutzte den Moment und streichelte mit der anderen Hand hauchzart über seinen Kopf.
„Was meinst du, Michael, wollen wir noch einmal auf die Audio-Datei zurückkommen oder möchtest dich doch nach allem ausruhen?“ Aldo Burrows‘ Stimme klang sanft und leicht reserviert. Sein Vater ließ ihn die Wahl und Michael konnte heraushören, dass er sich mit beiden Wahlmöglichkeiten zufriedengab. Ihr Gespräch hatte eine gewaltige Wendung genom-men, daher konnte er seinen Vater sehr gut verstehen, dass er ihm die Wahl ließ.
„Terrence Steadmen ist also noch am Leben?“, fragte er stattdessen, sah die beiden Männern seiner Familie an und nahm ihr eigentliches Gespräch wieder auf. „Wie können wir diese Information zu unseren Gunsten nutzen?“ Er sah zu seinem Vater. „Oder habt ihr bereits etwas geplant?“
„Das ist noch nicht der eigentliche Hammer, Kleiner“, sprach Lincoln mehr als begeistert und grinste von einem Ohr zum anderen. „Wir haben die beiden in der Hand und sie wissen es nicht einmal!“
Irritiert hob Michael die Augenbrauen und war nur noch verwirrt. „Wie meinst du das?“
„Die Präsidentin hat ein Verhältnis mit ihrem Bruder!“ Saras Stimme ließ sie alle verstummen und völlig verblüfft sah Michael zu ihr hoch. Sprachlos sah er sie an und Sara begegnete seinem Blick ruhig. Als sie ihm nun zunickte, um ihre Aussage zu bekräftigten, wusste er, dass sie es wirklich ernst meinte.
Völlig überwältigt von dieser Nachricht sah er sowohl seinen Bruder als auch seinen Vater an. „Ist das echt wahr?“
Lincoln lehnte sich auf den Stuhl zurück und verschränkte seine Arme hinter den Kopf. „Ja, Kleiner, es ist wahr. So was von wahr. Krass, oder?“ Er schüttelte sich angewidert. „Wir mussten uns die Datei mehrmals anhören, bis wir wirklich glauben konnten, dass die echt über das redeten, was wir uns nicht einmal vorstellen wollen. Aber es ist wahr.“ Er nahm die Hände vom Kopf und deutete mit seinen Fingern Gänsefüßchen an. „‘Deswegen musste ihr Bruder auch verschwinden‘, denn sonst wäre es ja irgendwann aufgeflogen – und auch das haben die in ihrem Telefonat besprochen.“ Er grinste erneut. „Sie haben beide über meine Hinrichtung gesprochen und das beweist, dass das Telefonat nach meiner Verurteilung stattgefunden hat.“
Michael starrte vor sich hin. Er war nach wie vor aufgewühlt und konnte einfach nicht glauben, dass Präsidentin Reynolds und ihr Bruder etwas miteinander hatten. Gleichzeitig würde es ihr Handeln erklären, und durch die gestellte Falle hatten sie seinen Bruder so reingezogen, dass diese Company auch an Aldo herankam, aber ihm fehlten noch einige Puzzleteile.
„Was hat die Präsidentin mit der Company zu schaffen? Wie passt das alles zusammen?“
Sein Vater stützte sich auf dem Tisch ab und faltete seine Hände miteinander. „Präsidentin Reynolds arbeitet insgeheim mit der Company zusammen!“ Abermals ließ sein Vater eine Bombe platzen und Michael sah ihn schon wieder fassungslos an. „Ich hab‘ dir gesagt, dass die Company ihre Hände in allen erdenklichen Kreisen mit im Spiel hat und damit meine ich wirklich in allen! Die Company hat auch dafür gesorgt, dass Reynolds indirekt Präsidentin wurde, denn so haben sie eine Galionsfigur, die sie nach Belieben formen und handeln lassen können – und deswegen war Steadmen so ein Risiko! Wenn rausgekommen wäre, dass Reynolds Inzest betreibt, wäre sie niemals dorthin gekommen, wo sie jetzt ist. Also musste ihr Bruder offiziell verschwinden.“
Michael konnte nur den Kopf schütteln. Er konnte und wollte nicht glauben, was er gerade hörte. Es war so viel. Vor allem war es der pure Wahnsinn, aber so, wie alle drei ihn ansahen, war es die Realität. Lincoln hatte recht, sie hatten die Präsidentin der Vereinigten Staaten in ihren Händen – und sie wusste es nicht einmal!
„Ist wenigstens ein Datum auf der Datei versehen, damit wir beweisen können, dass Steadmen noch lebt?“
Sein Vater nickte. „Ja, das Telefonat fand nur wenige Monate nach Lincolns Inhaftierung statt. Es nützt uns nur nichts!“
„Was?“ Michael verstand gar nichts mehr. Sie hatten ein Beweis und konnten ihn nicht nutzen? „Warum nicht?“
„Weil die Datei nur eine Kopie ist und es nicht hundertprozentig nachgewiesen werden kann, wann diese aufgenommen wurde“, erklärte ihm Lincoln geknickt und Aldo meinte weiter: „Durch das Gespräch der Beiden ist zwar ersichtlich, dass es nach Lincolns Verurteilung stattgefunden hat. Aber wir können den Tag nicht beweisen, wann es geführt wurde. Wir haben alles Mögliche versucht, aber wir können die Echtheit der Audio-Datei nicht in diesem Sinne beweisen. Wir haben zwar das Gespräch und vor allem das, was sie miteinander besprechen, aber wir können damit nicht einfach zur nächsten Polizeistation gehen und denen sagen, was wir haben. Das Gericht würde die Datei als Beweis nicht zulassen und in der Luft zerreißen. Wir können nicht einmal sicher sein, ob der Inhalt an die Öffentlichkeit gelangt oder aber die Company sich einmischt und die Datei und alle, die sie gehört haben, von der Bildfläche verschwinden lässt. Wir haben zwar noch einige andere Beweise für andere Dinge, die die Company begangen hat, aber wir können sie nicht so einfach nutzen. Wir brauchen etwas, was zuallererst wie eine Bombe einschlägt. Wenn wir so etwas hätten, könnten wir darauf unser Gerüst aufbauen, um dieses korrupte Unternehmen endlich zu vernichten!“ Er seufzte schwer. „Aber so etwas haben wir leider nicht!“
Michael betrachtete seinen Vater und bemerkte zum ersten Mal, wie erschöpft dieser war. Wie lange war er schon dabei die Company zu Fall zu bringen und kam doch nicht dazu, und jetzt hatten sie einen handfesten Beweis und konnten ihn nicht so nutzen, wie sie wollten. Was mussten sie eigentlich noch erdulden, um aus diesem Albtraum aufzuwachen? Was konnten sie nur tun? Sie konnten die Audio-Datei nicht einfach veröffentlichen, denn dann würden sich alle auf sie stürzen und sie würden das mit Sicherheit nicht überleben. Die Company würde sie nicht leben lassen. Sie wollten ja Lincoln bereits auf den elektrischen Stuhl schicken. Sein Neffe musste mit ansehen, wie seine Mutter und deren Lebensgefährte getötet wurden und auch er sollte dafür wie sein Vater im Knast verschwinden. Die Company wollte Sara töten, nur weil sie etwas hatte, was sie unbedingt wollten, und sie wollten ihn sterben lassen. Das Leben seiner ganzen Familie wurde bedroht. Was sollte die Company also aufhalten?
Michael ließ sich all die Informationen, die er gerade erhalten hatte und all das, was er bereits wusste, noch einmal durch den Kopf gehen. Langsam reihten sich die Fakten auf, nahmen eine Reihenfolge ein, sortierten sich wieder um und nahmen immer mehr Gestalt an. Er ging alle möglichen Ideen durch, verwarf einige wieder, überlegte und suchte die eine Idee, die sie alle retten würde. Als die eine Idee endlich vor seinem inneren Auge auftauchte, huschte ein Lächeln über seine Lippen, und er wusste, es würde funktionieren, denn es war etwas, womit keiner rechnete. Nicht einmal die Company.
„Du hast einen Plan?!“ Sein Bruder war mit einem Mal ganz aufgeregt. Er kannte ihn lang genug, um aus seinem Gesicht zu lesen.
„Ja.“ Er räusperte sich und versuchte seine Gedanken zu bändigen, die bereits dabei waren sein Ideengerüst zu bauen. „Ich weiß, wie wir es machen werden“, erklärte er ihnen und griff in der gleichen Sekunde nach Saras Hand. Sie kam seiner unausgesprochenen Bitte nach, drückte sanft seine Hand und blieb wie sein Fels in der Brandung neben ihm stehen. „Wir werden ihr die Datei vorspielen und ihr damit zeigen, dass wir ihr schmutziges Geheimnis kennen! Dann hat sie gar keine andere Wahl, als dich zu begnadigen und uns in Ruhe zu lassen!“
„Was?“
„Du willst was?“
„Wie jetzt?“
Drei überraschte Ausrufe folgten seiner laut ausgesprochenen Idee und er musste erneut lächeln. Er wusste, dass sie es nicht gleich verstanden. Dass sie es sich nicht vorstellen konnten, aber er wusste bereits, wie alles ablaufen würde und wenn er es ihnen in aller Ruhe erklären würde, würde sie das sehen, was er bereits sah: Dass nämlich ihre Freiheit nur auf sie wartete.
„Hab‘ ich dich jetzt richtig verstanden, Michael“, fragte sein Bruder ungläubig und sah ihn völlig verdattert an. „Du willst echt die …?“
„Ja, Lincoln“, bestätigte er leise. „Ich will die Präsidentin der Vereinigten Staaten erpressen!“


                                                                                                                                                        Ende?
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