Spuren des Lebens

GeschichteDrama / P18
Dr. Sara Tancredi Lincoln "LJ" Borrows Junior Lincoln Borrows Michael Scofield Paul Kellermann
02.11.2019
04.01.2020
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02.11.2019 7.592
 
Disclaimer:     
Alle Charaktere und die Idee der Serie Prison Break sind geistiges Eigentum von Paul T. Scheuring. Ich leihe mir seine Figuren nur aus und gebe sie am Ende wieder zurück.
Der Dialog am Anfang der Geschichte zwischen Michael und dem Geistlichen ist aus der Folge ‚Bolshoi Booze‘ der 2. Staffel. In einem Gespräch zwischen Michael und Sara im späteren Verlauf der Geschichte stammen Teile davon aus der Folge ‚Chicago‘ der 2. Staffel , sowie ist im letzten Drittel der fertigen Geschichte ein abgewandelter Dialog zu finden, welcher aus der Folge ‚Disconnect‘ der 2. Staffel stammt.

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„Vergib mir, Vater, denn ich habe gesündigt.“
„Wann hast du das letzte Mal gebeichtet?“
„Das ist das erste Mal seit einer Ewigkeit.“
„Welche Art von Sünde handelt es sich?“
„Welche Art? Das weiß ich nicht genau.“
„Tief in deinen Herzen weißt du es!“
„Selbstgerechtigkeit vermutlich. Zum Beispiel zu denken, dass der Zweck die Mittel heiligt!“
„Was für ein Zweck ist es denn?“
„Jemanden das Leben zu retten!“
„Und die Mittel?“
„Ich hab‘ so ziemlich gegen jedes Gesetz verstoßen. Aber das ist noch nicht alles. Ich habe zugesehen, wie andere etwas getan haben, weil ich getan habe, was ich für richtig hielt … Ich habe einen Raum der Finsternis in mir. Ich wusste, dass es unrecht war.“
„Es gibt eine Möglichkeit, das zu beenden. Überlasse dich den Willen Gottes!“
„Wenn ich jetzt aussteige, verliere ich alles, was ich liebe!“
„Aber verlierst du nicht dafür deine Seele, wenn du weiter machst?“
„Wir haben alle unser Kreuz zu tragen, Pater!“
Immer und immer wieder ging Michael Scofield das Gespräch mit den Geistlichen im Kopf durch. Er wiederholte das Gesagte wieder und wieder und versuchte den Trost zu finden, den er so verzweifelt in der Kirche gesucht hatte. Die Beruhigung wollte sich aber nicht einstellen. Egal, wie oft er das Gespräch auch innerlich durch ging.
Nachdem er den älteren Verkäufer im Sportgeschäft so rüde in den Stapel Gefrierboxen gestoßen hatte, um das so dringend benötigte GPS-Gerät mitgehen zu lassen, weil er nicht genügend Geld mehr hatte, hatte alles in ihm aufgeschrien. Sein schlechtes Gewissen und die aufkommenden Schuldgefühle waren mit einem Schlag über ihn zusammengebrochen.
Seit er vor ein paar Monaten die Bank überfallen hatte, um zu seinen zum Tode verurteilten Bruder Lincoln Burrows ins Gefängnis zu kommen und um ihn zur Flucht zu verhelfen, war so viel passiert und auch so viel schief gegangen. So viele Menschen hatte er in seinen Fluchtplan mit einbezogen und ihr Leben schlussendlich zerstört, wenn sie dabei nicht sogar ums Leben gekommen waren. So viele waren gestorben, die überhaupt nicht sterben sollten. In seinen monatelangen ausgetüftelten Plan waren mögliche Tode überhaupt nicht vorgesehen gewesen. Es sollte keiner sterben! Aber das war leider nur ein Plan gewesen und nur ansatzweise mit der Realität zu vergleichen. Jeder Mensch hatte seinen eigenen Kopf mit eigenen Gedanken und genau das war so schwer zu planen und zu kalkulieren.
Ruckartig blieb Michael auf den nahezu leeren Gehweg in Maljamar, New Mexico stehen und schnaufte so schwer, als wäre er seit der Flucht aus dem Fox River Staatsgefängnis nicht mehr zur Ruhe gekommen. Er drückte das GPS-Gerät fester an seine Brust, griff mit der anderen Hand nach seinem Basecap und zog es vom Kopf. Mit dem Arm wischte er den Schweiß von der Stirn und setzte das Basecap wieder auf, um sein Gesicht so schnell wie möglich wieder zu verdecken.
Die innere Unruhe war noch immer da. Das offene Gespräch mit den Geistlichen hatte kein bisschen geholfen. Er fühlte sich weiterhin von Schuldgefühlen zerfressen und jedes einzelne Gesicht, welches durch seinen Fluchtplan Schaden genommen hatte, tauchte vor seinem inneren Auge auf: Der ermordete Gefängniswärter Bob; Charles Westmoreland, der sich zum Schutz ihres Fluchttunnels fast schon geopfert hatte; der Gefängnisdirektor Henry Pope, der ihn wie ein Sohn behandelt hatte und wegen ihm seine Karriere aufgegeben hatte; zwei der gesuchten Fox River 8 David Apolskis alias ‚Tweener‘ und der Mafiaboss John Abruzzi, die bereits ihr Leben auf der Flucht verloren hatten, sowie – wie er gerade erst erfahren hatte – der Gouverneur Frank Tancredi, der sein Leben wegen ihm und seinen Bruder lassen musste, nur weil er sich mit dem Fall Lincoln Burrows intensiver beschäftigt hatte. Aber am schlimmsten waren die Schuld und das schlechte Gewissen gegenüber Sara.
Dr. Sara Tancredi, die junge brünette Ärztin aus Fox River, die ihm nur helfen wollte und wegen ihm ihren Job verloren hatte und zu seinem Entsetzen einen Selbstmordversuch unternommen hatte, um all dem zu entfliehen.
Einen langen Augenblick starrte er nur vor sich hin und konnte nicht glauben, wie tief er Sara in die Sache mit reingezogen hatte. Hätte sein Plan so funktioniert, wie er sich alles ausgedacht hatte, dann hätte er sie niemals darum bitten müssen, die Tür zu ihrem Arztzimmer in Fox River offen zu lassen, damit sie schlussendlich fliehen konnten. Leider aber war sein Plan nicht aufgegangen und er musste ihre Gefühle für ihn dazu benutzen, dass sie ihm half. Zu keiner Zeit hatte er damit gerechnet, dass sie Gefühle für einander entwickeln könnten. Sara war immer ein Teil seines Plans gewesen. Er musste sich in der Krankenstation aufhalten, um den Fluchtweg vorzubereiten. Die Krankenstation war das schwächste Glied in der Gefängniskonstruktion und ihre Flucht war nur über diese möglich. Nie hätte er damit gerechnet, dass sie sich in ihrer gemeinsamen Zeit ineinander verlieben würden.
Leise seufzte er auf und sah sich unauffällig auf der Hauptstraße um. Nur einige wenige Menschen waren überhaupt auf der Straße und keiner beachtete ihn. Keiner interessierte sich für ihn. Jeder einzelne lebte sein Leben und achtete nicht auf seine Mitmenschen. Worüber Michael momentan echt froh war. Auch wenn der Ausbruch gerade mal eine Woche zurück lag, war das Interesse der Bürger bereits am verblassen. Das hieß aber nicht, dass er unvorsichtig werden durfte. Bedacht aber ganz normal setzte er seinen Weg Richtung Hotel fort. Für die anderen würde es so aussehen, als hätte er nur mal eine kurze Pause gebraucht, um die Wärme des Tages zu verarbeiten. Niemand bemerkte, wie aufgewühlt er in Wirklichkeit war. Er seufzte noch einmal und biss gleich darauf die Zähne zusammen. Er musste konzentriert bleiben und seine Gedanken fokussieren, aber irgendwie drangen seine Gefühle immer wieder an die Oberfläche. Im Gehen schüttelte er den Kopf und starrte auf den Weg vor sich. Er musste so schnell wie möglich zu Sara ins Hotel zurück. Er war schon viel zu lange weg. Sie würde sich bereits Sorgen machen, denn eigentlich wollte er nur schnell das Nitroglyzerin und das GPS-Gerät besorgen. Dass der Einkauf so schief gehen würde, hatte er nicht geplant und dass seine Gefühle sich Bahn brechen würden erst recht nicht. Er begann schneller zu laufen und hoffte, dass Sara weiterhin in dem kleinen Zimmer des Hotels auf ihn warten würde.
In den vergangenen Stunden hatten sie doch jede Menge erlebt und Sara hatte ihm einen ganz schönen Schrecken eingejagt. Als sie endlich dem FBI-Agenten Alexander Mahone entkommen konnten, waren sie in ein Motel in Gila, New Mexico gegangen und Sara hatte seinen verletzten Arm verarztet und verbunden. Er war sich nur kurz waschen gegangen und als er zurück ins Zimmer kam, war sie verschwunden. Sein Herz war stehen geblieben, als er ihren Zettel gefunden hatte, auf dem sie ihm mitteilte, dass sie es dieses Mal besser wusste und ihn vorher verließ. Ihr Verschwinden und ihr Misstrauen ihm gegenüber hatten mehr weh getan, als die Verbrennung auf seinem rechten Schulterblatt und der Verlust seiner beiden Zehen am linken Fuß zusammen. Dieser Schmerz ging bedeutend tiefer und riss sein Herz entzwei, und doch, er konnte sie verstehen. Er wusste ja nur zu gut, was er ihr angetan hatte. Sie fühlte sich verletzt und verraten. Er hatte sie dazu benutzt seinen Bruder, sich selber und sechs weiteren Männern zur Flucht zu verhelfen. Warum sollte sie also bei ihm bleiben? Schweren Herzens begann er ihre Entscheidung zu respektieren. Es tat höllisch weh, aber er konnte sie sehr gut verstehen – und dann, von einem Moment auf den anderen, stand Sara plötzlich wieder vor der Tür des Motels. Er konnte sie einfach nur anstarren, weil er es nicht fassen konnte. Mit riesigen Augen hatte sie seinen Blick erwidert. Leicht verzweifelt hatte sie nur den Kopf geschüttelt und leise gemurmelt, dass sie ihn nicht verlassen konnte. Dass es einfach nicht ging. Ohne ein weiteres Wort war sie an ihn herangetreten und hatte sich sehnsuchtsvoll an ihm geschmiegt.
Michael war in diesem Moment das Herz aufgegangen und all seine Liebe ihr gegenüber war zum Vorschein gekommen. Er hatte seine Arme um sie gelegt und sie fest an sich gedrückt. Er war einfach nur erleichtert gewesen, dass sie zu ihm zurückgekommen war. Auch wenn es nur ein paar Minuten waren, wo sie sich für die Trennung entschieden hatte, für ihn war es eine Ewigkeit gewesen. Umso mehr wusste er, dass er alles für Sara tun würde. Er würde sie nie wieder verletzen.
Michael atmete tief durch und beschleunigte noch einmal seinen Schritt. Alles in ihm schrie und seine Gefühle fuhren Achterbahn. Er war hin- und hergerissen. Auf der einen Seite schrie sein schlechtes Gewissen und wollte ihn zwingen, Sara dazu zu überreden ihn doch zu verlassen, damit sie in Sicherheit war. Auf der anderen Seite brüllte sein Herz, dass sie unbedingt bei ihm bleiben sollte. Es war ein innerer Kampf, der ihn mehr als nur aufwühlte, aber er wusste und spürte einfach, dass sein Herz für Sara schlug. Zitternd holte er Luft und lief immer schneller. Mit einem Mal hatte er furchtbare Angst, dass sie sich vielleicht doch wieder umentschieden hatte und bereits verschwunden war.
Nachdem sie sich beide in dem Motel gefasst hatten, hatten sie lange geredet und waren noch am späten Abend aufgebrochen, um von Gila nach Maljamar zu gelangen. In der Nähe von Maljamar, etwa 120 Kilometer von der nördlichen mexikanischen Grenze entfernt, wollte sich Michael mit Coyote treffen. Einen Ganoven, der ihm im Gegenzug zu dem Nitroglyzerin ein Kleinflugzeug zur Verfügung stellen wollte, damit Michael mit Lincoln nach Mexico und dann weiter nach Panama gelangen konnte. Dass Sara sie jetzt begleiten würde, war zwar in seinen eigentlichen Plan nicht vorgesehen gewesen, aber in dem Flugzeug würde auch sie einen Platz bekommen. Die junge Frau würde sie begleiten und darüber war er mehr als froh.  
Endlich erreichte Michael den Parkplatz des Hotels, wo auch sein Auto in einer Ecke stand. Unauffällig sah er sich nach allen Seiten um, konnte aber keine Ungereimtheiten entdecken und lief den kurzen Hang zur Rückseite weiter, wo sich die Zimmer des Hotels befanden. An der dritten Zimmertür hielt er an und schloss diese auf.
Durch die geschlossenen Vorhänge lag das kleine Zimmer in einem gedämpften Licht und erzeugte mit dem eingeschalteten künstlichen Licht aus dem kleinen Bad ein kurioses Bild. Auf der kleinen Kommode gegenüber vom einzigen Bett im Zimmer lief der Fernseher und der Nachrichtensprecher fasste gerade die letzten Tage der gemeinsamen Flucht der Fox River 8 zusammen. Wie betäubt erstarrte Michael in seiner Bewegung und konnte nur auf den Fernseher blicken.
„Wie bereits geschildert, meine Damen und Herren“, begann der Nachrichtensprecher zu erzählen. „sind von den acht Geflohenen aus dem Fox River Staatsgefängnis weiterhin sechs von ihnen auf der Flucht. Auch wenn der bekannte Mafiaboss John Abruzzi und der Kleinganove David ‚Tweener‘ Apolskis aus Notwehr erschossen werden mussten, so muss ich Sie doch bitten, sich auf gar keinen Fall auf eigene Faust den anderen Flüchtigen zu nähern! Sollten Sie einen der hier abgebildeten Häftlinge erkennen, dann informieren Sie die Polizei und setzen Sie sich keiner Gefahr aus!“ Die Stimme des Nachrichtensprechers wurde ernster und eindringlicher. „Vergessen Sie niemals, dass diese Männer gefährlich sind und die letzten Tage beweisen nur zu deutlich, dass sie allesamt zu allem fähig sind. Also halten Sie die Augen offen, sehr geehrte Damen und Herren, und passen Sie auf sich auf.“ Er machte eine sehr kurze Pause und sah seine Kollegin an. „… und nun geben wir zu Jenny. Was meinst du? Was bringt uns das Wetter in den nächsten Tagen?“
„Michael?“
Saras sanfte Stimme ließ ihn erschrocken zusammenfahren. Er holte keuchend Luft und starrte sie mit großen glasigen Augen an. Unbemerkt war sie vom Tisch aufgestanden und neben ihm getreten. Er hatte nicht einmal bemerkt, wie sie vorsichtig die Tür vom Hotel geschlossen hatte. Er war so vom Fernseher und den Nachrichten gefesselt gewesen, dass er vollkommen vergessen hatte die Tür zu schließen. So unvorsichtig war er schon lange nicht mehr gewesen. Aufgelöst sah er zwischen der Tür, Sara und den Fernseher hin und her. Ein weiteres Mal holte er zitternd Luft und Michael spürte, wie seine Gefühle immer mehr schwankten. Die Verzweiflung, die Schuld und das schlechte Gewissen der vergangenen Tage und Stunden brachen sich abermals ihre Bahn und drangen mit Gewalt an die Oberfläche. Mit riesigen Augen starrte er wieder den Fernseher an und sah ihn doch nicht. Von neuen tauchten all jene auf, die er mit in den Abgrund gestürzt hatte und deren Leben er zerstört hatte. So viel Schuld haftete auf seinen Schultern und ließ ihn kaum zu Atem kom-men.
„Michael, was ist los?“ Saras Stimme klang plötzlich alarmiert und besorgt zur gleichen Zeit. Wie in Zeitlupe nahm sie ihm das GPS-Gerät und das Nitroglyzerin aus den Händen und stellte beides auf dem Tisch ab. Bedacht stellte sie sich vor ihm und sah ihn gefasst an. Wie in Trance konnte er nur den Kopf schütteln und blickte erneut zum Fernseher, wo nun aber bereits eine Talkshow lief. Er aber sah nicht die Unterhaltung des Talks, sondern hörte noch immer den Nachrichtensprecher und wie er ihm nur zu deutlich vor Augen führte, was er alles angerichtet hatte, um seinen Bruder das Leben zu retten.
„Michael?“ Behutsam umfasste sie mit ihrer Hand seinen Arm, aber er spürte es kaum. Wieder schnappte er nach Luft und hatte gleichzeitig das Gefühl nicht richtig atmen zu können.
„Ich bin schuld!“, flüsterte er betreten, nahm langsam das Basecap vom Kopf und legte dieses neben den Fernseher auf die Kommode. Erst dann sah er sie an.  
Verwirrt hob sie die Augenbrauen und er erklärte es ihr leise: „Ich habe so viele Leben zerstört!“ Fest sah er ihr in die braunen Augen. „Ich habe dein Leben zerstört!“ Sein Blick ging wieder an ihr vorbei und mit leerem Blick sah er vor sich hin. „So viele Menschen sind wegen mir gestorben, weil ich meinen Bruder das Leben retten wollte.“ Wie in Trance schüttelte er erneut den Kopf und konnte doch nicht glauben, wie er sich ihr gerade gegenüber öffnete. „Ich wollte nur meinen Bruder retten!“ Ein tiefes Zittern durchzog seinen Körper und er bekam immer schwerer Luft. Nur durch pure Willenskraft sah er ihr wieder in die Augen. Er musste ihr das unbedingt sagen: „Sara, ich wollte nie dein Leben zerstören.“ Er schluckte schwer und sammelte noch einmal Kraft für die nächsten Sätze. „Es tut mir unendlich leid, dass ich dich da mit reingezogen habe. Ich wollte dir das nie antun!“
Eine schiere Ewigkeit sah sie ihn nur an und dann war es an ihr, kurz tief Luft zu holen und langsam den Kopf zu neigen.
„Ich weiß, Michael.“ Sie schluckte und nickte erneut. Dieses Mal überzeugender. „Mittlerweile weiß ich das, auch wenn es manchmal noch schmerzt.“
„Ich kann mich nur wieder und wieder deswegen bei dir entschuldigen“, begann er sacht und schlang gleichzeitig seine Arme um seinen Oberkörper. Mit einem Mal war ihm bitterkalt. Abermals durchzog sein Körper ein Zittern, welches er nicht kontrollieren konnte.
Sara trat näher an ihn heran und legte ihre Hände an seine Schultern, als wollte sie ihn festhalten. Besorgt musterte sie ihn. „Was ist draußen passiert? Warum bist du so aufgewühlt?“ Mit gleichmäßigen Bewegungen streichelten ihre Hände über seine Oberarme und versuchten ihn offensichtlich zu beruhigen. Aber er konnte nur abermals den Kopf schütteln.
„Ich hatte kein Geld mehr“, berichtete er und sah sie schuldbewusst an.
„Und?“
„Ich brauchte aber das GPS-Gerät und das Nitroglyzerin und deswegen …“ Noch einmal holte er tief Luft und war immer mehr von sich angewidert. „Ich musste das GPS-Gerät klauen und habe dabei den älteren Verkäufer zu Boden geworfen, damit er mich gehen ließ. Die Angst in seinen Augen …“ Erneut schüttelte er sich und starrte vor sich hin. „Wann bin ich nur so geworden? Ich verstoße gegen alle möglichen Gesetze, um meinen Bruder zu retten. Ich zerstöre ein Leben nach den anderen, um meinen Bruder außer Landes zu schaffen. Um ihn ein Leben zu ermöglichen und …“
„Michael, beruhige dich erst einmal“, unterbrach Sara ihn sanft. „Ich hab‘ das Gefühl, dass du kurz vor einer Panikattacke stehst.“ Behutsam aber entschlossen bugsierte sie ihn zum Bett. Schwerfällig setzte er sich an die kurze Bettkante und sackte regelrecht in sich zusammen. Es war, als hätte jemand einen Stecker gezogen und er hatte keine Kraft mehr. Er konnte nicht mehr klar denken und seine Gefühle waren ein einziges Chaos. Mit leeren Augen starrte er vor sich hin und plötzlich drang wieder die Stimme des Geistlichen durch seine Gedanken: Aber verlierst du nicht dafür deine Seele, wenn du weiter machst? Der Pater hatte recht, aber was sollte er schon dagegen tun? Würde er nicht weiter machen, würde Lincoln sterben und das würde er auf gar keinen Fall zulassen. Er musste seinem Bruder helfen. Ihn retten. Er musste einfach!
„Weißt du, der Geistliche hat recht!“, seufzte er und sah sie langsam an.
Verwirrt blinzelte sie mehrere Male. „Welcher Geistliche?“, fragte sie erstaunt und hockte sich im gleichen Augenblick vor ihm nieder.
„Ich war zum Beichten in einer Kirche … nachdem …“ Er atmete tief durch und versuchte sich zu sammeln und sich zu beruhigen. „Nachdem ich den Verkäufer so rüde umgestoßen hatte, bin ich aus dem Shop geflohen und bin an einer Kirche vorbeigekommen. Ich dachte, wenn ich darüber rede, hilft es vielleicht, aber er hat recht. Ich werde meine Seele verlieren, wenn ich so weiter mache.“ Er senkte den Kopf und starrte jetzt seine Hände an. Das Zittern kroch durch seinen Körper und Tränen traten in seine Augen. Er konnte nichts dagegen tun. Wie im Beichtstuhl drangen seine Gefühle mit aller Macht an die Oberfläche und zeigten ihm nur zu deutlich, wie fertig er eigentlich war. Eine einzelne Träne löste sich aus seinem linken Auge und rollte seine Wange hinab. In der Stille zwischen ihnen fiel sie auf seinen dunklen Pullover und hinterließ wie in seinen Inneren deutliche Spuren.
„Ach, Michael.“ Saras Stimme war unglaublich sanft. Sie legte eine Hand auf seinen Oberschenkel und richtete sich etwas auf. Noch vorsichtiger wanderte ihre andere Hand an seine Wange und wischte seine nächsten Tränen weg. „Alles wird gut werden“, hauchte sie und versuchte ihn aufmunternd anzulächeln. „Wenn Lincoln erst einmal außer Landes ist, wird alles besser!“
„Und wie viele Leben habe ich bis dahin zerstört?“, platzte es aus ihm heraus und er sah sie an. „Wie viel Blut klebt dann an meinen Händen?“  
„Schsch … Michael … Schsch … bitte beruhige dich!“
Panik stieg in ihm auf und völlig unkontrolliert schüttelte er den Kopf. „Hätte mein Plan so funktioniert, wie ich ihn monatelang ausgetüftelt habe, wäre kein einziger gestorben!“ Seine Stimme wurde auf der einen Seite fest und brach doch erneut weg. „Du musst mir glauben, Sara! Ich plane doch nicht, dass Menschen ihr Leben verlieren!“ Kraftlos und voller Kummer blickte er sie an. „Und du hättest nie so tief involviert werden sollen!“ Jetzt liefen immer mehr Tränen seine Wangen hinab. „Es war nicht geplant, dass du mir die Tür auflässt und erst recht war es nicht geplant, dass du deinen Job verlierst oder … oder dass ich mich in dich verliebe und … und … und es tut mir in der Seele weh, wie sehr ich dich für die Flucht benutzen musste!“
„Michael …“
Die pure Verzweiflung breitete sich in ihm aus und jeder weitere Gedanke war nur dazu da ihn zu quälen. „Du musst mir glauben, Sara!“, japste er und zitterte mittlerweile am ganzen Leib. „Ich wollte dir das niemals antun. Ich … ich …“ Weiter kam er nicht, denn in diesen Augenblick schob sich Sara ihm entgegen und küsste ihn leidenschaftlich. Fest drückte sie ihre Lippen auf seine und küsste ihn. Mit einem Schlag war er ruhig und er konnte gar nicht mehr denken. Ihre Lippen waren so weich, dass er alles um sich herum vergaß. Zu perplex, um zu reagieren, war sie es, die die Initiative ergriff und ihre Hände an sein Gesicht legte und den Kuss vertiefte. Ruhig bewegten sich ihre Lippen auf seinen und Michael wurde von ihrer Leidenschaft mitgerissen. Nach einigen wenigen Sekunden reagierte er endlich auf sie und erwiderte ihren Kuss. Niemals hätte er zu hoffen gewagt, sie noch einmal küssen zu dürfen. Sekunden, Minuten vergingen, wo sie sich einfach nur küssten.
Es schien, als wäre eine Ewigkeit vergangen, als sie sich langsam von ihm löste und ihn mit großen geweiteten Augen ansah. Als hätten sie sich abgesprochen, schnappten sie beide gierig nach Luft und sahen sich nur an. Unendlich langsam hob er seine Hand und legte sie an ihre Wange. Zärtlich fuhren seine Finger über ihre Haut. Sein Blick wechselte von ihren Augen zu ihren Lippen und wieder zurück zu ihren Augen.
„Was machst du nur mir mit?“, flüsterte er.
Sie schluckte, holte tief Luft und antwortete ihm genauso leise: „Ich versuche dich abzulenken.“ Etwas unsicher richtete sich ihr Blick auf seine Lippen, bevor sie sich zwang ihn in die Augen zu sehen. „Klappt es denn?“
Er schluckte ebenfalls und konzentrierte sich nur noch auf Sara. Die Verzweiflung und die Schuld waren in den Hintergrund getreten und ließen ihn fürs erste in Ruhe. All seine Aufmerksamkeit galt der jungen Frau vor ihm. Sehr langsam streichelten seine Finger ihre Wange und er konnte sich ein wohliges Seufzen nicht verkneifen.
Die letzten Wochen und Monate, wo sie beide zusammen Zeit auf der Krankenstation in Fox River verbracht hatten, kamen ihn wieder in den Sinn und zeigten ihm nur zu klar, was sich zwischen ihnen entwickelt hatte. Am Anfang waren es leichte Unterhaltungen und harmlose Flirts gewesen, aber je mehr Zeit er mit Sara verbrachte, umso intensiver wurde die Spannung zwischen ihnen. Die Augenkontakte zwischen ihnen wurden länger und das Knistern zwischen ihnen hatte auch sie gespürt, dass wusste er aus ihren Reaktionen. Jetzt, in genau diesem Moment, konnte er die Spannung und das Knistern zwischen ihnen wieder deutlich spüren und es war genau wie noch vor kurzen auf der Krankenstation in ihrem Krankenzimmer. Die Luft in dem kleinen Hotelzimmer war zum Zerreißen gespannt und keiner unterbrach den Blickkontakt.    
„Ja, es klappt“, flüsterte er und meinte es auch so. Solch eine innere Ruhe gab nur sie ihm.
Leicht neigte sie den Kopf und Michael sah ihr an, dass ihr etwas zu schaffen machte.
„Weißt du, was die ersten Worte waren, als ich den Job in Fox River angenommen habe?“, fragte sie noch immer sehr leise und atmete ein weiteres Mal tief durch. Anscheinend musste sie sich Mut machen. Als er still verneinte, erklärte sie: „Das erste, was sie sagten …“ Sie rutschte unruhig hin und her, richtete dann ihre Augen auf seine und wurde augenblicklich ruhig. „Das erste, was sie sagten, war, dass ich mich nicht in einen Häftling verlieben soll!“ Sie schnappte erschrocken nach Luft, offenbar von sich selbst überrascht, und senkte schnell den Kopf. „Bisher hatte ich auch kein Problem damit“, sprach sie und hielt ihren Blick weiterhin gesenkt. „Bis du kamst!“
Michael konnte nicht atmen. Wie gebahnt blickte er zu Sara hinab, die noch immer auf den Boden starrte und seinen Blick mied. Als er jetzt tief durchatmete, breitete sich in seinen Inneren eine wohlige Wärme, wenn nicht sogar eine intensive Hitze, aus. Ein tiefes Kribbeln gesellte sich dem hinzu und ging bis in seine Finger- und Zehenspitzen. Solche tiefen Gefühle hatte er noch bei keinen anderen Menschen gegenüber empfunden. In den Monaten in Fox River hatte er diese Gefühle für die junge Ärztin bereits gespürt, aber er hatte sich verboten sie zuzulassen. Seine Konzentration galt seinen Bruder und mehr durfte und konnte er nicht zulassen. Bis jetzt.
Sehr langsam wanderten seine Finger an ihrer Wange hinab und legten sich unter ihr Kinn. Unglaublich behutsam hob er ihr Kinn an und als ihre Augen sich auf seine richteten, verlor er sich in ihnen und er sah sie einfach nur an. Als er es nicht mehr aushielt, beugte er sich zu ihr hinunter, legte beide Hände sanft an ihre Wangen und küsste sie zärtlich. Als hätte sie nur darauf gewartet, schob sie sich ihm wieder entgegen und erwiderte seinen Kuss voller Leidenschaft.
Ohne viel darüber nachzudenken, schlang er den Arm um ihre Hüften und zog sie mit aufs Bett. Bereitwillig folgte sie ihn in die Mitte des Bettes und wieder trafen sich ihre Lippen. Schnell wurden ihre Küsse intensiver und fordernder. Sie lösten sich nur, wenn einer von ihnen Luft holen musste, aber gleich darauf fanden sie sich erneut und sie setzten den Tanz ihrer Lippen fort. Als Sara ihrem Arm um seinen Nacken legte und sie sich auf ihren Rücken zurücksinken ließ, folgte er ihr und beugte sich vorsichtig über sie. Ihre Hand in seinen Nacken wanderte zu seinen kurz geschorenen Haaren hinauf und wie in Trance streichelte sie seinen Kopf. Michael musste kurz innehalten, als ihre weiche Hand seine Haut berührte und eine Gänsehaut auslöste, die seinen ganzen Körper bedeckte. Mit einem Mal wurde er ihrer unmittelbaren Nähe bewusst und er löste sich von ihr. Tief Luftholend blickte er ihr ins Gesicht. Auch sie nutze die Pause und zog mehrere Male wie eine Ertrinkende den Sauerstoff in ihre Lungen. Ihre Wangen hatten einen roten Schimmer angenommen und ihre Lippen waren wie seine geschwollen.
Für einen Moment schloss Michael die Augen und versuchte sich und seine Gefühle unter Kontrolle zu bekommen. Sie hatten sich gerade erst gegenseitig gestanden, dass sie sich ineinander verliebt hatten, aber das hieß nicht gleich, dass er ihre gemeinsame Zeit dazu nutzen wollte ihr nah zu sein, auch wenn sein Herz und sein Körper da ganz anderer Meinung waren. Sein Kopf schaltete sich ein und übernahm unwiderruflich die Kontrolle über seinen Körper. Sein Verstand zwang ihn regelrecht dazu, sich unter Kontrolle zu bekommen, um sie nicht zu bedrängen. Wie konnte er sich nur so gehen lassen? Er hatte sie für seine Flucht benutzt, sie verraten und diese Handlung, diese Gedanken kamen mit voller Wucht zurück. Wie konnte er nur? Schuldbewusst drückte er die Lippen fest zusammen und versuchte die Gedanken keine Gestalt annehmen zu lassen. Aber er hatte keine Chance. Die Gedanken waren da, breiteten sich aus und rissen ihn mit.
Auf einmal spürte er zwei ihrer Finger auf seiner Stirn. Sanft versuchte Sara sein entstandenes Stirnrunzeln weg zu streicheln. Nicht schnell öffnete er die Augen und betrachtete sie. Nachdenklich blickte sie zu ihm hinauf und streichelte noch immer seine Stirn bis ihre Finger langsam an seiner linken Schläfe über seine Wange bis zu seinen Lippen wanderten. Federleicht berührten ihre Fingerspitzen seine senkrechte Narbe in der Mitte seiner Oberlippe.                
„Ich glaube dir, Michael!“, sprach sie flüsternd, fuhr mit ihren Fingern erneut seine Wange hinauf und schmiegte ihre Hand an diese. Er konnte gar nicht anders, als die Augen zu schließen und ihre Berührung zu genießen. Ihre Nähe, ihre Liebe und ihre Zärtlichkeit waren mehr, als er verdient hatte. Am liebsten würde er seine Sachen packen und mit Sara verschwinden. Alles hinter sich lassen und woanders neu anfangen. Bevor er weiter darüber nachdenken konnte, fiel ihm ihr Satz wieder ein. Verwirrt legte er abermals die Stirn in Falten und richtete seinen Blick zurück auf ihr Gesicht.
„Was meinst du?“
Sie seufzte leise und ließ ihre Hand seinen Hals entlang streichen. „Ich hab‘ gemerkt, dass du mit deinen Gedanken nicht mehr bei mir bist“, begann sie sanft. „Dass dich die Schuld wieder eingeholt hat und deswegen sag ich dir, dass ich dir glaube.“ Ihr Blick wurde fest und ernst, als wollte sie damit ihre Worte unterstreichen. „Dass du das Ende deiner Flucht so nicht geplant hattest – dass glaube ich dir und …“ Von neuen fuhren ihre Finger sanft über seine Oberlippe. „Und ich nehme deine Entschuldigung an!“ Sie kam seinem Gesicht näher, küsste ihn lang und zärtlich und ließ sich dann zurück aufs Bett sinken. Überzeugt nickte sie. „Ich weiß, dass du all das nicht geplant hattest. Dass du all das nicht so wolltest, wie es am Ende geschehen ist. Ich sehe, wie es dich innerlich zerreißt, aber ändern kannst du es jetzt leider auch nicht mehr.“  
Michael zog etwas irritiert die Augenbrauen nach oben, dann schüttelte er den Kopf und nahm ihre Hand von seiner Wange. Als sie ihre Hand an sich ziehen wollte, umschloss er sie nur fester mit seiner und ließ sie nicht los.
„Ich kann es vielleicht nicht mehr ändern“, sprach er mit einem Mal mehr als entschlossen, als ihm eine Idee kam. „Aber ich kann es wieder gut machen!“ Sein Gesicht verhärtete sich und dieser Gedanke ließ ihn plötzlich etwas leichter atmen. Ja, er hatte Leben zerstört. Wegen ihm und seinen Bruder waren Menschen gestorben. Wegen ihm waren Mörder auf der Flucht, aber er konnte das auch wieder rückgängig machen! Entschieden neigte er von neuen den Kopf und dieser neue Gedanke würde sich zu einem Plan weiterentwickeln, das wusste er. Er hatte viele Fehler begangen, ja, umso überzeugender und wichtiger war seine Wiedergutmachung! Aus seinen Fehlern würde er etwas Gutes schaffen!
Ein kleines Lächeln legte sich auf seine Lippen und gerade, als er es Sara erklären wollte, klingelte sein Handy in der Hosentasche. Mechanisch griff er danach und sah Lincolns mo-mentane Handynummer auf dem Display. Mit geübtem Griff klappte er das silberne Handy auf und nahm den Anruf entgegen: „Hey Linc!“
„Michael? Gott sein Dank!“ Die Stimme seines Bruders war tief, eine reine Bassstimme und hörte sich komischerweise sehr erleichtert an. Verwundert wechselte Michael einen Blick mit Sara und richtete sich in eine sitzende Position auf. Die junge Ärztin machte es ihm nach und setzte sich ebenfalls aufrecht hin.
„Was ist los, Lincoln?“ Schlagartig war er alarmiert.
„Hör zu, Michael!“ Lincolns Stimme wurde sofort ernst. „Ich hab‘ LJ bei mir, das hat alles geklappt, und zusammen waren wir auf den Weg zu unseren Treffpunkt, als wir blöderweise von einem Passanten erkannt wurden und von der Polizei verhaftet wurden.“ Michael hielt entsetzt die Luft an, aber sein Bruder merkte es gar nicht und sprach weiter: „Keine Sorge. Wir sind wieder frei und weiter auf der Flucht! Aber das haben wir jemanden zu verdanken, den du niemals erraten würdest!“
„Linc, wovon sprichst du?“ Michael verstand beim besten Willen nicht, was sein Bruder ihn sagen wollte. Was war seinen Bruder und seinen Neffen, Lincoln Junior, passiert, dass er sich trotz Absprache bei ihm meldete? Sie hatten vereinbart, dass sie sich erst in der Wüste treffen würden, um mit einem Kleinflugzeug nach Mexiko zu gelangen. Dem FBI wollten sie keine Möglichkeit bieten sie zu finden. Auch wenn ihre Handys Wegwerfexemplare waren, so waren sie trotz allem ein Mittel, um sie aufzuspüren.
„Ich erkläre dir das alles, wenn wir uns treffen“, fuhr sein großer Bruder unbeirrt fort. „Mir geht es jetzt nur um zwei Dinge: Erstens müssen wir irgendwie Dr. Sara Tancredi kontaktieren. Sie hängt nämlich auch damit drin und zweitens musst du höllisch auf dich aufpassen! Gerade als wir wieder auf der Flucht waren, haben diese verdammten Typen von der Company versucht uns umzubringen!“ Michael hörte, wie Lincoln tief durchatmete und mehr als versuchte die Nerven zu behalten. Der Mordanschlag musste es echt in sich gehabt haben, wenn sein starker Bruder, dem nichts so schnell erschrecken konnte, es so mitgenommen hatte. Er musste schlucken und überlegte fieberhaft – und was meinte Lincoln mit Company?
„Hast du mir zugehört? Michael?“
Lincolns Stimme drang mit voller Wucht in seine Gedankengänge. Michael schüttelte sich und zwang sich zur Konzentration. „Entschuldige, Linc, ich hab‘ gerade nachgedacht.“
„Kein Problem.“ Er brummte kurz vor sich hin. „Ich hab‘ auch gar nichts anderes von dir erwartet. Ich fragte, ob du dich darum kümmern könntest mit der Ärztin in Kontakt zu treten?“ Mit einem Mal wirkte er verlegen. „Na ja, du hast doch so viel Zeit mit ihr in Fox River verbracht und da dachte ich, dass du das am besten machen könntest. Und dann treffen wir uns in …“
„Lincoln“, unterbrach er diesen ruhig und gefasst. „Sara ist bereits bei mir!“
In der Leitung war es plötzlich still. Michael hörte seinen Bruder nur ein- und ausatmen. Es dauerte einige Sekunden, bis Lincoln weitersprach. Seine Stimme war mit einem Mal unglaublich sanft. „Also hatte Sucre recht?“ Er druckste kurz herum und Michael schloss die Augen. Er wusste sofort, wovon sein Bruder redete und als hätte dieser seine Gedanken erraten, sprach er das aus, was er dachte: „Als wir mit dem Auto auf der Flucht waren, du weißt schon, ganz am Anfang, da hatte Sucre so etwas angedeutet.“ Abermals machte er eine kurze Pause. „Du magst sie, oder?“
Michael nickte still vor sich hin und fuhr sich mit der Hand über seinen kurzgeschorenen Kopf. „Ja, Lincoln“, antwortete er leise und gestand es sich ein weiteres Mal ein. „Ich mag sie.“ Er öffnete die Augen, sah Sara fest in die Augen und konnte sich ein Lächeln nicht ver-kneifen. „Ich mag sie sogar sehr!“
Saras Augen fingen bei seinen Worten an zu strahlen. Wie er begann sie zu lächeln und als Bestätigung nahm sie entschlossen seine freie Hand in ihre und drückte sie.
In der Handyleitung hörte Michael, wie Lincoln leise gluckste und fast konnte er seinen großen Bruder vor sich sehen, wie er sich für ihn freute.
„Das erleichtert natürlich einiges“, redete Lincoln ruhig weiter. „Dann hätten wir bereits den ersten Punkt abgehakt und können gleich in die Vollen gehen.“
Michael löste den Blick von Sara und runzelte verwirrt die Stirn. „Erklär es mir, Linc! Was hast du vor?“
„Hör zu, Kleiner!“ Die Stimme seines Bruders wurde eindringlicher. „Vergiss den Plan mit der Wüste, den Flugzeug und Mexiko. Ich hab‘ heute etwas erfahren, was all dies für uns nicht mehr nötig macht! Wir können frei sein, ohne weiter auf der Flucht zu sein! Aber dafür müssen wir uns mit dir und mit dem Doc in Chicago treffen!“
„In Chicago? Aber warum das denn?“
„Ich oder besser gesagt wir erklären euch alles, wenn ihr hierherkommt. LJ, ich und die anderen sind fast wieder in Chicago. Wir haben uns gleich auf den Weg gemacht und …“
„Lincoln?!“ Seine Stimme wurde drängender, fester. Noch immer verstand er nicht, was Lincoln ihn eigentlich sagen wollte und wer waren die unbekannten Faktoren, von denen er die ganze Zeit sprach? „Wer ist wir? Und welche Rolle spielt Sara in der ganzen Sache? Erklär es mir! Jetzt!“
Sein Bruder schnaufte genervt. „Wer uns begleitet, wirst du dann schon sehen! Und was den Doc betrifft: Sara hat etwas von ihrem ermordeten Vater erhalten, was die Typen dringend suchen und brauchen. Wir wissen aber nicht, was es ist. Aber es muss für die sehr wertvoll sein! Also tu mir den Gefallen und kommt so schnell wie möglich nach Chicago.“ Michael wollte abermals widersprechen, als Lincoln einfach weiterredete: „Aber passt auf euch auf. Ich hab das Gefühl, dass diese Typen nach unserer Flucht einen noch schärferen Gang eingelegt haben und nun vor gar nichts mehr zurückschrecken.“
„Ja, das glaube ich auch“, bestätigte er leise und richtete seinen Blick abermals auf die junge Frau. Gefasst erwiderte sie seinen Blick und nickte ihm leicht zu. „Sara hat mir erzählt, dass jemand versucht hat sie zu töten. Sie ist nur knapp entkommen.“ Michael musste ein aufkommendes Zittern unterdrücken und verbot sich explizit darüber nachzudenken. Er wollte nicht daran denken, was gewesen wäre, wenn der Mordanschlag von Erfolg gekrönt gewesen wäre. Hätte er dann, wie bei Tweener, von ihrem Tod aus den Nachrichten erfahren? Eine Welt ohne Sara konnte er sich nicht vorstellen und er wollte sich auch nicht damit befassen. Er konnte es nicht! Es tat einfach zu sehr weh. Also verdrängte er die Gedanken sofort in die hinterste Ecke seines Kopfes und sperrte sie weg. Aber ein Gedanke wehrte sich regelrecht dagegen. Dieser wollte nicht verschwinden und zehrte noch mehr an seinen Nerven: Nur wegen ihm und seinen Bruder war Sara überhaupt in die Schusslinie geraten und das alles nur, weil sie den beiden Brüdern helfen wollte und ihren Vater auf den Fall aufmerksam gemacht hatte. Auch das war seine Schuld. Nur wegen ihm war jemand jetzt auch hinter ihr her und das dufte er nicht geschehen lassen! Nein, sie durften Sara nicht bekom-men! Das durfte nicht geschehen. Er wusste eine einzige Sache mit absoluter Sicherheit. Er würde Sara mit seinem Leben beschützen! Ihr Leben war mehr wert als sein eigenes. Ihr durfte nichts geschehen!
„Das tut mir leid. Ich wollte nicht, dass sie auch damit drinhängt. Sag ihr das bitte!“ Die ruhige Stimme von Lincoln erinnerte ihn daran, dass er noch immer mit seinem Bruder telefonierte. „Was meinst du, wann ihr hier sein könnt?“
Einen langen Augenblick überlegte Michael, fasste die Fakten zusammen und ging alle möglichen Varianten durch. „Ich glaube, es ist das Beste, wenn wir morgen in aller früh mit dem Auto aufbrechen. Die Zeit zwischen drei bis vier Uhr morgens ist die ruhigste Zeit des Tages und wir kommen bestimmt schneller vorwärts, wenn wir ohne Licht fahren, so dass wir gar nicht wahrgenommen werden.“
„Gut, gut. Wenn ihr in Chicago ankommt, fahrt ihr …“
„Warte, Linc“, unterbrach Michael seinen Bruder abermals und handelte instinktiv. „Sag mir nicht die Adresse! Schick sie mir per SMS! So wissen sie zwar, dass wir nach Chicago wol-len, aber nicht, wohin!“
„Ja … ähm okay. So machen wir es. Gut, dann sehen wir uns in ein paar Tagen.“ Er machte eine Pause und Michael spürte deutlich, wie sein großer Bruder mit seinen Gefühlen kämpfte. Er konnte es sehr gut verstehen, denn es ging ihm in diesem Moment genauso. So viel hatten sie als Brüder bereits erleben und durchleben müssen. Lincoln war immer für ihn da gewesen. Seit sie Kinder waren, war er es, der sich um seinen kleinen Bruder kümmerte, als erst ihr Vater verschwand und dann ihre Mutter verstarb. Leise sprach er daher: „Wir passen auf uns auf, Linc! Tut ihr das bitte auch, ja?“
„Ja!“ Lincoln schien mit einem Mal erleichtert. „Das machen wir! Ich schick dir gleich die SMS. Bis dann, Michael!“
„Bis dann, Lincoln!“ Er klappte das Handy zusammen und wartete auf die eingehende Kurznachricht. Als diese nach einigen Sekunden tatsächlich eintraf, klappt er abermals das Handy auf und merkte sich die Adresse. Dann drehte er sich leicht und zeigte Sara die Nachricht. Irritiert sah sie ihn an und er erklärte es ihr: „Bitte merk dir auch die Adresse. Ich will die Nachricht löschen, damit sie keine Möglichkeit haben uns zu finden.“
Die junge Ärztin verstand und sah noch einmal auf das Handydisplay. Als sie zu ihm auf-schaute und nickte, sah er aufs Handy und löschte die SMS. Auch den eingegangenen Anruf von Lincoln löschte er aus der Anrufliste. Jetzt war das Handy nur ein Telefon mit einer Wegwerfkarte. Auf dem Handy waren keinerlei Informationen mehr von seinem Besitzer zu finden und sie somit auch nicht.
„Wenn man auf der Flucht ist, wird man automatisch paranoid, was?“ Saras leicht neckender Ton ließ ihn aufblicken. Ihre braunen Augen funkelten amüsiert, aber ihr ernstes Gesicht stand in einem krassen Gegenstück dazu. Michael spürte, dass diese Art zu handeln für sie komplett neu war, sie abschreckte, aber auch verunsicherte und ihr Gesagtes dazu dienen sollte, dass sie es irgendwie verarbeiten konnte. In einer langsamen Bewegung legte er das Handy zur Seite und nahm ihre weichen Hände in seine. Ein paar Sekunden sah er sie einfach nur an und überlegte, wie er die nächsten Sätze formulieren sollte. Wie er ihr die Wahrheit sagen sollte.
„Ich steck jetzt also auch in der Sache mit drin, oder?“ Ihre sachliche Darstellung der Tatsachen ließ ihn zusammenzucken und das schlechte Gewissen gepaart mit der Schuld keimten von neuen in ihm auf. Er konnte sie nicht ansehen, als er dies bejahte. Er hatte das Gefühl, dass das Schlimmste, was er sich je vorstellen konnte, wahr wurde.
„Es tut mir sehr leid, Sara!“ Endlich sah er ihr in die Augen. „Auch Lincoln entschuldigt sich dafür, dass du das jetzt mit uns durchstehen musst und vor allem um dein Leben fürchten musst!“ Er schnaufte leise und konnte es gleichzeitig nicht glauben, dass die Inhaftierung seines Bruders und der Grund seiner Mordanklage anscheinend einen bedeutend größeren Hintergrund besaßen, als sie bisher dachten und so viele unschuldige Menschen mit in den Abgrund riss bzw. bereits zu deren Tod geführt hat. Angewidert schüttelte er den Kopf und wollte es einfach nicht wahrhaben. Sie konnten gerne ihn und auch Lincoln über den ganzen Planeten jagen, aber sie sollten verdammt noch mal Sara in Ruhe lassen!  
„Michael, was hat dein Bruder gesagt?“ Ihre Stimme war unglaublich ruhig, als wüsste sie nur zu gut, mit welchen Dämonen er gerade zu kämpfen hatte.
Einige Male versuchte er zu schlucken und seine Gedanken zu ordnen, aber erst als Sara ihre Hände an seine Wangen legte und ihn zwang sie anzusehen, wurde er so still, dass er es ihr sagen konnte: „Du musst irgendetwas von deinem Vater besitzen, dass sie dazu zwingt auch dich zu jagen.“ Entschuldigend verzog er das Gesicht. „Deswegen haben sie versucht dich zu töten.“  
Perplex öffnete sie den Mund angesichts dieser Offenbarung. Gerade wollte sie etwas sagen, aber als sie weiter darüber nachdachte, schloss sie den Mund und starrte nur vor sich hin. Michael sah sie nur an und gab ihr die Zeit, die sie zum Überlegen brauchte. Er konnte sich sehr gut vorstellen, dass sie gerade alle möglichen Treffen mit ihrem Vater in Gedanken durch ging, um herauszufinden, ob er ihr etwas unbewusst anvertraut hatte. Sie legte die Stirn in Falten und versuchte sich offensichtlich zu erinnern. In einer vertrauten Bewegung fuhr sie sich mit der Hand durch ihre langen braunen Haare und sah ihn nachdenklich an.
„Ich wüsste nicht, was das sein sollte“, begann sie noch immer verwirrt und sah ihn mit großen Augen an. Sie wollte weiterreden, als sie plötzlich ruckartig den Kopf drehte und zum Tisch sah. Michael folgte ihrer Geste und sah nur ihre kleine Tasche auf den Tisch stehen. In diesem Moment drehte sich Sara ganz aus dem Bett und lief die zwei Schritte zu ihrer Ta-sche. Hektisch wühlte sie darin herum, bevor sie es aufgab und die Tasche kurzerhand samt ihrem Inhalt auf dem Tisch ausschüttete. Sie warf die Tasche auf dem Stuhl und durchsuchte den Inhalt genauer.
Michael rutschte an die lange Kante des Bettes, stützte sich mit den Händen ab und stand auf. Er trat an Sara und den Tisch heran und beobachtete ihr hektisches Treiben. In diesem Augenblick griff sie nach einem goldenen Schlüssel und hielt ihn in die Höhe. Kurz betrachtete sie den Schlüssel mit einem ihm unbekannten Emblem, dann drehte sie sich zu ihm herum und zeigte ihm den Schlüssel.
„Ich hab‘ ihn nicht direkt von meinen Vater bekommen“, begann sie aufgeregt zu erklären. „Als sie ihn gerade geborgen hatten, ist der Schlüssel aus seiner Tasche gefallen. Ich habe ihn genommen, ohne dass sie etwas davon mitbekommen haben.“ Sie reichte ihm dem goldenen Schlüssel und Michael sah ihn sich genauer an. Er drehte ihn von einer Seite zur anderen, aber das Emblem sagte ihn definitiv nichts. Er hatte es noch nie in seinen Leben gesehen. Schulterzuckend reichte er ihn wieder Sara und sie hängte den Schlüssel an einen Schlüsselring zu ihren anderen Schlüsseln. So konnte er nicht verloren gehen.
„Ich weiß aber nicht, für was der Schlüssel ist oder von wem.“ Auch sie schien ratlos. „Er hat ihn mir nie gezeigt oder darüber gesprochen.“
„Wir werden schon herausfinden, wofür der Schlüssel ist, Sara. Wenigstens wissen wir, wonach die Typen suchen und sind ihnen somit einen Schritt voraus!“, sprach er ruhig, rückte sich den Stuhl zurecht und setzte sich an den Tisch. Er griff nach der gefalteten Landkarte, die er sich bereits vor einigen Tagen besorgt hatte, faltete sie zur Hälfte auseinander und sah sich die Straßen von New Mexiko an. „Lass uns erst einmal überlegen, wie wir am Schnellsten und am Sichersten nach Chicago zurückkommen.“ Er sah zu ihr auf. „Es wird eine lange Fahrt und ich denke, wir sollten uns mit dem Fahren abwechseln, um noch schneller vorwärts zu kommen.“ Er legte den Kopf schief. „Was meinst du?“
Die junge Ärztin sah zwischen der Landkarte und ihm hin und her und setzte sich ihm gegenüber an den Tisch. Sie verschränkte ihre Arme auf den Tisch und beugte sich zu ihm hin, um ebenfalls auf die Landkarte zu blicken. Mit den Fingern fuhr er die Straßen nach, die sich für ihre lange Fahrt am besten eigneten und sie nickte zustimmend.
„Ja, das ist eine gute Idee“, bestätigte sie und lehnte sich auf ihren Stuhl zurück. Nervös nahm sie den Schlüsselbund von neuen in die Hand und sah sich noch einmal den goldenen Schlüssel an, musterte ihn und drehte ihn zwischen ihren Fingern.  
„Sara“, begann er ruhig. „sobald wir in Chicago sind und wir uns mit meinem Bruder getroffen haben, werden wir gemeinsam herausfinden, wofür der Schlüssel ist. Das verspreche ich dir!“ Seine Stimme wurde leise und unendlich sanft. „Dein Vater ist nicht umsonst gestorben. Er wusste etwas und wir werden zusammen herausfinden, was das war.“
Langsam sah sie vom Schlüssel zu ihm auf. Ihre Augen waren geweitet und hatten einen leicht glasigen Glanz angenommen. Ohne zu fragen, wusste Michael, dass Sara mit ihren Gedanken bei ihrem Vater war und seinen Verlust gerade allzu deutlich spürte. Während sie weiter mit dem Schlüssel hantierte, nickte sie ihm zu und verlor sich in ihren Gedanken. Michael sah sie einfach nur an und schwor sich mehr denn je, dass sie eine Lösung für all ihre Probleme finden würden und endlich zur Ruhe kommen würden.

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Fortsetzung folgt ...
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