Jen Weaver

von KatieC
OneshotMystery, Übernatürlich / P16
02.11.2019
02.11.2019
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Hallo zusammen,
das hier ist mein Beitrag zum Wettbewerb „Haunted House“.

Wörter: 2039

Ich hoffe, dass mir die Umsetzung der Vorgaben halbwegs gut gelungen ist, auch wenn ich mich das erste Mal an dieser Art von Geschichte versucht habe. ^^
Deswegen bin ich ganz besonders gespannt, eure Meinung und Einschätzung zu hören. Oder vielleicht mögt ihr mir auch einfach nur sagen, wie euch die Geschichte an sich gefallen hat. Ich würde mich in jedem Fall sehr freuen von euch zu hören! :D

Jetzt wünsche ich euch aber viel Spaß beim Lesen! :-)
Liebe Grüße
Katie



~*~*~*~



Jen Weaver



Wenn sich ein unbeteiligter Besucher in die Crombton Lane verirrte, dann fand er dort eine durch und durch gediegene Wohngegend vor. Freistehende Einfamilienhäuser mit kleinen Veranden reihten sich aneinander, umgeben von gepflegten Gärten und weißen Zäunen. Die meisten Häuser stammten aus der Zeit der Jahrhundertwende, als die Industrialisierung ihren Höchststand erreichte und sich die Menschen als Zeichen des Wohlstandes ein hübsches Eigenheim errichteten.
Im Grunde war die Crombton Lane eine Straße wie jede andere und im besten Sinne vollkommen gewöhnlich. Fast konnte man sie schon als langweilig bezeichnen. Doch wenn man die Nachbarn in dieser Straße nach dem Haus mit der Nummer 12 fragte, steckten sie tuschelnd die Köpfe zusammen und erzählten sich flüsternd Geschichten hinter vorgehaltener Hand. Jenes Haus hatte in den vergangenen Jahrzehnten unzählige Male den Besitzer gewechselt und die Anwohner waren sich einig, was es damit auf sich hatte.

Einst hatte das Haus, das neben seinem Eingang die messingfarbene Ziffer 12 trug, der Familie Weaver gehört. Jen Weaver und ihr Ehemann Robert waren angesehene Bürger, engagierten sich in ihrer Gemeinde und veranstalteten in ihrem Garten dann und wann kleine Feste, zu denen die ganze Nachbarschaft eingeladen war. Dann hingen bunte Papierlampignons in den Ästen der alten Obstbäume, aus dem Grammophon schallte stilvolle Jazzmusik und die Dame des Hauses schenkte ihren gutgelaunten Gästen von ihrer selbstgemachten Limonade nach.
Doch der ganze Stolz der Weavers waren ihre beiden Zwillingstöchter, die sie in dieser ruhigen Gegend großzogen.
Zumindest bis zu jenem unheilvollen Tag im Dezember des Jahres 1904. Ein Wintereinbruch hatte das Land fest im Griff und eine glitzernde Schneeschicht hatte sich auf die Häuser und Gärten in der Crombton Lane gelegt, sodass diese fast so aussahen als seien sie ausgiebig mit Puderzucker bestreut worden. Aus den Kaminen stiegen dichte Rauchschwaden in den fahlen Himmel empor und feine Eiskristalle schlugen sich an den beschlagenen Fensterscheiben nieder.
Rose und Jillian stapften an diesem Nachmittag in die Kälte hinaus, die Köpfe in selbstgestrickte Schals gewickelt und die Hände in flauschigen Fäustlingen vergraben. Niemand hätte ahnen können, dass die beiden Mädchen an diesem Tag nicht mehr nach Hause zurückkehren würden. Am wenigsten ihre Mutter, die den beiden durch das Küchenfenster auf der rückwärtigen Seite des Gartens nachblickte und dabei versonnen lächelte.
Die Zwillinge tollten durch den frisch gefallenen Schnee, bewarfen sich ausgelassen mit Schneebällen und warfen sich auf den Boden, um ihn mit kleinen Schneeengeln zu verzieren. Unweit ihres elterlichen Hauses lag ein weitläufiger See, der Rose und Jillian schon immer fasziniert hatte. Im Sommer hatten sie am Ufer des Sees mit ihren Eltern gepicknickt und im warmen Wasser gebadet. Doch noch mehr als das sommerliche Badevergnügen, waren die beiden vom winterlichen Antlitz des Sees beeindruckt. Letzten Winter hatten sie den älteren Kindern dabei zugesehen, wie diese mit ihren Schlittschuhen über den zugefrorenen See rauschten, Pirouetten drehten und sich einfach rundum zu amüsieren schienen. Umso enttäuschter reagierten die Mädchen, als ihnen ihre Mutter das Betreten des Sees verboten hatte. Zu jung seien sie. Zu klein, um mit den anderen Kindern dort zu spielen. Doch das war nun schon ein ganzes Jahr her und Rose und Jillian waren sich einig, dass sie inzwischen gar nicht mehr zu klein wären, um den zugefrorenen See zu erkunden.
Das Eis im Uferbereich knarzte leise unter ihren Füßen, als sie die ersten Schritte auf der glatten Oberfläche zurücklegten. Der ganze See sollte heute ihnen gehören. Ihnen ganz allein, denn keine andere Menschenseele war an diesem Tag hier zu sehen.
Die anfängliche Vorsicht war schnell abgelegt und so spielten die beiden Zwillinge bald ausgelassen, bis sich ihre Wangen in der Kälte rosig verfärbten, schlitterten freudig quietschend über das Eis hinweg und zogen dabei wilde Spuren in dem dünnen Pulverschnee hinter sich her, der den See wie eine dünne Decke überzog. Immer weiter wagten die beiden sich vor, jagten und fingen sich gegenseitig und lachten einander aus wie es nur Zwillinge untereinander konnten, wenn die eine auf dem glatten Untergrund ausrutschte und mit überraschtem Gesichtsausdruck jäh auf dem Po landete.
Ihr kindliches Lachen übertönte die leise Warnung des Eises, dessen behäbiges Knarzen sich mittlerweile zu einem bedrohlichen Knirschen gewandelt hatte. Als das Eis schließlich nachgab und den Kindern förmlich den Boden unter den Füßen entzog, war es viel zu spät, um noch reagieren zu können. Das eisige Wasser sog sich in ihre Kleidung, durchdrang sie bis auf die Haut und die Kälte zog sie mit stählerner Hand immer weiter hinab. Ein feuchtes Grab aus klirrender Kälte und Dunkelheit.

Als man die Mädchen schließlich fand, war auf immer jedes Leben aus ihren kleinen Körpern gewichen. Die Lippen blau und blutleer vor Kälte, die Augen starr und leblos in den farblosen Winterhimmel gerichtet, lagen sie am Ufer des Sees, während der Schnee unbeeindruckt auf sie herab rieselte. An jenem Tag zerbrach etwas tief im Inneren ihrer Mutter, die in ihrer Verzweiflung weder ein noch aus wusste. Die Trauer über den Verlust ihrer Kinder trieb Jen Weaver in den Wahnsinn, sodass sie schließlich die Treppe aus Eichenholz erklomm, die in den ersten Stock ihres Hauses führte. Dort, im Kinderzimmer ihrer Zwillinge, umgeben von Erinnerungen an ein Glück, das ihr für immer entrissen worden war, erhängte sich die junge Mutter, deren sehnlichster Wunsch nur noch darin bestand, wieder mit ihren beiden Töchtern vereint zu sein und sie ein letztes Mal in ihre Arme schließen zu können.
Aber selbst im Jenseits fand Jen Weaver keinen Frieden und in ihrer erfolglosen Suche, kehrte sie ein ums andere Mal in ihr altes Haus zurück, um nach ihren Kindern Ausschau zu halten. So zumindest erzählte man es sich in der Crombton Lane seit jenem tragischen Tag im Dezember.


Phil Jordan gab nichts auf solche Geschichten. Für ihn waren es Schauermärchen, die sich die Menschen erzählten, wenn ihnen allzu langweilig wurde. Als Vorarbeiter in einer großen Baufirma glaubte er an die Dinge, die er leibhaftig vor Augen hatte. Dinge, die er im wahrsten Sinne greifen konnte.
Natürlich hatte er sich zunächst gewundert, weshalb das Haus in der Crombton Lane zu einem so günstigen Preis zum Verkauf stand, aber so war das nun einmal mit stigmatisierten Häusern, denen eine tragische Vergangenheit angedichtet wurde. Die Vorstellung, dass ein anderer Mensch hier sein Leben gelassen hatte, verängstigte wohl die meisten Menschen, für Phil und seine Frau Janice spielte es jedoch keine Rolle. Sie hatten sich bereits in das Haus mit der Nummer 12 verliebt, als sie es das erste Mal gesehen hatten und beschlossen nun, das alte Gemäuer mit neuem Leben zu erfüllen.
Sie liebten die breite, hölzerne Treppe, die in vier Stufen auf die Veranda führte, welche die gesamte Front des Hauses umrahmte und auf der sie im Sommer eine freischwingende Sitzbank anbringen würden. Sie liebten die kunstvoll gedrechselten Säulen, die das Vordach gegen den Boden abstützten ebenso, wie den hohen Giebel, der erhaben über dem Vorgarten mit den leicht verwilderten Rosenbüschen aufragte. Im Inneren bedurfte das Haus zwar einiger Renovierungen, doch das nahmen die beiden gerne in Kauf, um sich jenes Heim zu erschaffen, das sie sich immer gewünscht hatten. Dieser Ort versprach eine heimelige Zuflucht zu werden, fernab des lauten Chaos der Stadt. Ein Ort, an dem sie alt werden konnten. Ein Ort, an dem sie ihren gemeinsamen Sohn Jacob wohlbehütet und in Geborgenheit aufwachsen sehen konnten.

Der Morgen war gerade erst angebrochen und es war noch dunkel draußen, als sich das Babyphone im Schlafzimmer der Eltern bemerkbar machte. Jacobs quengelnde Stimme ertönte durch den kleinen Lautsprecher hindurch und Phil drehte sich stöhnend auf die Seite. Noch mit geschlossenen Augen streckte er den Arm aus, doch die andere Seite des Bettes war leer. Träge blinzelnd öffnete er ein Auge, nur um die Bestätigung für das zu erhalten, was ihm seine ins Leere greifende Hand eben schon signalisiert hatte: Janice war bereits aufgestanden, um nach ihrem Sohn zu sehen und ihn wieder in den Schlaf zu wiegen.
Noch im selben Moment ging das Babyphone erneut auf Sendung und diesmal hörte Phil über das Weinen seines kleinen Sohnes hinweg eine weitere Stimme. Seine Frau summte ein Wiegenlied und auch wenn ihre Stimme durch den Lautsprecher leicht verzerrt wurde, musste Phil dennoch schmunzeln. Janice sang für ihr Leben gern. Unter der Dusche. Beim Autofahren. Oder eben wenn es darum ging, Jacob zu beruhigen und zum Einschlafen zu bewegen.
Für einen kurzen Moment überlegte er noch, einfach im Bett liegen zu bleiben und vielleicht noch ein wenig zu schlafen, aber nach nur wenigen Sekunden wurde Phil klar, dass dieses Vorhaben aussichtslos sein würde. Seufzend schlug er die Decke zurück und verließ das improvisierte Schlafzimmer. Das eigentliche Elternschlafzimmer befand sich im ersten Stock, aber wegen eines maroden Dielenbodens waren Phil und Janice vorerst ins Gästezimmer neben der Küche gezogen. Lediglich Jacobs Kinderzimmer war dort oben bereits vollkommen fertig hergerichtet. In dieser Sache waren seine Frau und er sich einig gewesen und hatten ihre eigenen Bedürfnisse vorerst hintenangestellt. Zwar war es durchaus mühsam, jedes Mal im Dunkeln durch das Haus und die Treppe hinauf zu tapsen, wenn Jacob nachts zu weinen begann, letztendlich würde es jedoch nur eine vorübergehende Lösung darstellen.
Im Vorbeigehen warf Phil einen Blick die hölzerne Treppe hinauf, die Tür zum Kinderzimmer war allerdings geschlossen und verbarg so den Rest seiner Familie hinter sich. Von hier konnte er Janice‘ Stimme nicht mehr hören, nur durch das Babyphone drang noch leise die gesummte Melodie auf den Flur zu ihm hinaus. Es war ein Lied, das Phil noch nie von seiner Frau gehört hatte und er beschloss, sie beim gemeinsamen Frühstück danach zu fragen.
Gähnend bahnte er sich den Weg in die offene Küche, die direkt an den Wohn- und Eingangsbereich des Hauses grenzte. Gerade dieses offene Raumgefühl hatte es ihm von Anfang an angetan. Luft und Licht dominierten das untere Geschoss und es gab kaum störende Wände, die einen einzuengen drohten. Genauso hatte er es sich immer vorgestellt.
An die Arbeitsplatte gelehnt lauschte er auf das Geräusch der Kaffeemaschine und der verführerische Duft nach frisch gemahlenen Bohnen breitete sich im ganzen Raum aus. Schließlich eine Tasse mit dem heißen Muntermacher in den Händen haltend, schloss Phil genießerisch die Augen und führte die Tasse an seine Lippen. Noch bevor er allerdings auch nur einen Schluck des Kaffees zu sich nehmen konnte, erstarrte er zur Salzsäule. Ein eigentlich zutiefst gewöhnliches Geräusch ließ ihn die Augen weit aufreißen und auf die Haustür starren. Er vernahm das Drehen eines Schlüssels im Schloss und schon im nächsten Augenblick schwang die Tür auf und Janice blickte ihm in Sportkleidung und mit erhitzten Wangen entgegen.
„Oh du bist ja schon auf. Ich konnte nicht mehr schlafen und dachte, das wäre doch die perfekte Gelegenheit, mal wieder eine Runde zu laufen.“ Janice lächelte ihn freudestrahlend an und ließ ihren Schlüssel klappernd in eine Schale sinken, die auf der Kommode neben der Tür stand. „Jacob schläft noch?“
Jacob. Dieses eine Wort genügte, um Phil aus seiner paralysierten Starre zu reißen. Wenn Janice die ganze Zeit über Laufen gewesen war, wer hatte dann das Wiegenlied für Jacob gesummt?
Die Tasse glitt ihm unbeachtet aus den Händen und zerschellte mit einem lauten Scheppern auf dem Boden. Schwarzer Kaffee ergoss sich über die weißen Fliesen und über Phils nackte Füße, doch er spürte die Hitze nicht einmal.
Von einer unbeschreiblichen Panik erfasst, stürmte er aus der Küche, an Janice vorbei, die ihn aus großen Augen voller Verwunderung anstarrte und schließlich die Treppe hinauf. Zwei Stufen auf einmal nehmend erreichte er den obersten Treppenabsatz und hatte mit zwei weiteren Schritten die Tür zum Kinderzimmer erreicht. Die Hand auf der Klinke, riss er die Tür so ruckartig auf, dass sie in ihren Angeln bebte und das Holz knarzend protestierte.
Hektisch glitten Phils Augen durch das Kinderzimmer, das noch genauso unberührt vor ihm lag, wie er es gestern Abend zuletzt gesehen hatte, als er seinen Sohn ins Bett gebracht hatte. Im Regal an der Wand reihten sich bunte Kinderbücher an Kisten mit allerlei Spielzeug. Die Gardinen mit den lustigen Zirkustieren umrahmten regungslos das geschlossene Fenster, unter dem ein riesiger Teddybär auf dem Boden saß und das Mobile mit den beweglichen Sternen schwebte leicht schwingend unter der Decke. Jacob selbst lag in seinem himmelblauen Gitterbettchen und schlummerte mit einem seligen Lächeln auf den Lippen.
Doch in Phils Ohren klang immer noch diese leise Melodie. Eine Melodie, die Jen Weaver ihren Zwillingen jeden Abend vor dem Zubettgehen vorgesungen hatte.
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