Remedy

von Miyang
GeschichteRomanze, Freundschaft / P16 Slash
Jungkook Suga
01.11.2019
16.01.2020
9
18456
4
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The rain, the park and other things


Dicke Wolken in einem wabernden mausgrau zogen über den zuvor noch klaren Himmel und eine kühle Brise begann durch sein Haar zu wehen. Der plötzliche Luftzug ließ eine Gänsehaut auf seinen entblößten Unterarmen entstehen und erfüllt von der aufkommenden Kälte, schloss er kurz seine müden Augen. Langsam setzte er sich auf und krallte seine Finger in die grünen Grasbüschel unter seinen Händen, die noch immer schmerzten von den letzten Stunden intensiven Übens. Er ließ andächtig seine leeren Augen über den Fluss vor sich streifen. Yoongi war gerne hier am Ufer, flüchtete sich in die Ruhe und das sanfte Rauschen der Umgebung. Der aufkommende Wind ließ kleine Wellen auf der farblosen Wasseroberfläche entstehen, die sich gemächlich ausbreiteten und dem Strom folgend langsam wieder abklangen.

Er liebte es. Er liebte es, seine Finger über die weißen und schwarzen Tasten gleiten zu lassen, das Elfenbein zu kitzeln und diesem so wohlige Melodien zu entlocken. Seit er ein kleiner Junge war, war das Spielen des Klaviers alles für ihn. So kam es, dass er jede freie Sekunde damit verbrachte und die Zeit, in der gezwungen war sich von ihm zu verabschieden, verteufelte. Er vermisste es, kaum hatte er seine Fingerspitzen von den glatten Tasten gelöst. Doch nun, da er erwachsen war, hatte sich etwas geändert. Irgendwo hier hatte er es verloren, die Leichtigkeit, die Sehnsucht. Sie waren etwas anderem gewichen, seit er nur noch vorgegebene Titel spielte, die ihm sein Dozent vorschrieb und kein Platz mehr für den Ausdruck seiner vormals vorhandenen Kreativität blieb.

Wie hart hatte er gearbeitet um es auf die Universität zu schaffen? Wie sehr hatte er sich gefreut Musik zu studieren? Jetzt, beinahe ein Jahr später, war von dem einstigen Enthusiasmus nichts mehr vorhanden. Er dachte nur noch von einer Prüfung zur nächsten, wie er Bach und Beethoven noch authentischer, noch perfekter spielen konnte. Selbst zu komponieren hatte er mittlerweile aufgegeben, keinerlei Inspiration war mehr in ihm. Yoongi spielte, doch er liebte es nicht mehr. Eher kam es ihm vor, als würde er nur dahin vegetieren. Er folgte den Anweisungen, funktionierte, doch seine Seele, das was ihn einst ausgemacht hatte, war dahin.

Von dem klaren Himmel war nun nichts mehr zu entdecken. Die träge Wolkendecke war alles, was noch zu sehen war und der Geruch von bevorstehendem Regen lag in der Luft. Noch niedergeschlagener, als er es überhaupt schon gewesen war als er sich in die saftig grüne Wiese niedergelassen hatte, stand er auf. Seine Beine kribbelten leicht und während er sich zu strecken begann und er sich beiläufig durch sein schwarzes Haar strich, durchzog ein angenehmes Ziehen seine Muskeln. Nachlässig klopfte er sich vereinzelte Grashalme von seiner schwarzen Jeans und trat den Weg nach Hause an.

Als wäre ein zentnerschweres Gewicht auf deinen Schultern gelegen, ließ er diese hängen und trottete, wie ein gescholtener Vierbeiner, in Richtung Brücke. Er ließ die Sohlen seiner Schuhe über den dunklen Asphalt mit einem leichten Kratzen schleifen und betrachtete aus dem Augenwinkel heraus das vorbeiziehende Wasser unter sich. Würde er springen wäre alles vorbei, dachte er sich kurz, schmiss jedoch anstatt seiner Selbst den düsteren Gedanken über die Brüstung und schüttelte den Kopf. Es wird besser werden, sprach er zu sich selbst, ohne die Worte wirklich zu sagen. Die Hoffnung war noch da. Irgendwo in ihm hatte sie sich an etwas Kleines geklammert, die Chance, dass alles wieder werden würde, wie es einmal war.

Der straffe Übungsplan war nicht das Einzige, was sein Herz schwer werden und die Muse ihn meiden ließ. Es war sein Herz. Obwohl es hieß, dass Herzschmerz ein gutes Mittel zum Stimulieren der Kreativität sein sollte, hatte es bei ihm den umgekehrten Effekt gehabt. Es war ein Fehler gewesen dem anderen damals seine Gefühle gestanden zu haben, wie konnte er auch hoffen, dass diese erwidert werden würden. Die Worte, dass er verschwinden sollte, dass der andere nicht so einer wie er wäre, dass er nicht im selben Team spielen würde, hatten ihn verletzt. Davon auszugehen, dass sein ehemals guter Freund auch auf Männer stehen würde und dann auch noch dasselbe wie er empfinden würde, war töricht gewesen. Danach dominierte ihn die Leere, er weinte nicht einmal, er zog sich einfach nur in sich selbst zurück. Yoongi verbarg sich hinter Notenblättern und Übungsstunden, verschloss sein Herz vor den Menschen, der Musik und sogar vor sich selbst.

Kleine dunkle Punkte begannen den Boden zu sprenkeln und vereinzelte Regentropfen trafen auf seine Haut, als er in eine enge Gasse einbog, unweit von seiner Wohnung entfernt. Eine Frau mittleren Alters stürmte hinaus und zupfte panisch die Wäsche von der vor dem Haus aufgespannten Leine, als ein dumpfes Grollen in seinen Ohren dröhnte. Alles um ihn herum war düstern, die Wolken nun beinahe schwarz und in der Ferne konnte er Regenschleier erkennen, die sich sanft in der Luft zu bewegen schienen. Schwere Tropfen knallten auf die Blätter der Bäume und fügten dem Donner einen ungleichmäßigen Trommelwirbel hinzu.

Die kühle Nässe breitete sich von seinem Scheitel aus und tropfte ihm schon bald von den Haarspitzen, die ihm über den Augen hingen. Seine Haut war vollkommen nass, sein Shirt klebte an seiner fröstelnden Haut und seine Unterlippe begann zu beben. Yoongis Körper spürte die Kälte, doch sein Innerstes konnte sich nicht zum Reagieren zwingen, es war ihm schier egal.

In seinem üblichen schlurfenden Gang stieg er den Hang hinauf, während ein dünner Wasserfilm an seinen Schuhen entlang floss. Gleich würde er zu Hause sein, sich in den pitschnassen Klamotten auf sein demoliertes Sofa setzen und an die kahle Wand in babyblau starren. Seit sein Fernseher kaputt war, gab es kaum andere Unterhaltung für ihn, als dem Putz beim Abbröckeln zuzusehen und ab und an schwermütig zu seufzen. Er war einfach nur da und wartete, bis es Zeit war die Augen zu schließen und sich auf dem rauen Stoff einzukringeln und zu schlafen.

Mit einem nervenzerberstenden Quietschen schob er das marode Gartentor auf und blickte sich, trotz des sinnflutartigen Regens, noch einmal um. Er hielt Ausschau nach Frau Kang, seiner Vermieterin. Einer kleinen, rundlichen Dame mit graumeliertem Haar, das sie, Tag ein Tag aus, zu einem hohen Dutt gebunden hatte. Trotz ihrem Aussehen, das dem einer gütigen Großmutter glich, war sie in seinen Augen ein wahres Biest. Ständig ließ sie ihn für sich schuften, lauerte ihm auf, forderte mehr Miete, da der Garten nun einen Mehrwert darstellte. Dass dieser jedoch nur existierte, weil sie ihren Mieter aus dem Dachgeschoss dazu verdonnert hatte Blume um Blume zu pflanzen, die Büsche zu beschneiden und im Hochsommer alles zu gießen und umzugraben, blendete Frau Kang dabei gekonnt aus.

Als er sich sicher war, dass die Luft rein und die Gefahr gebannt war, schlüpfte er hinein und huschte, in für ihn atemberaubender Geschwindigkeit, die Treppenstufen nach oben. Beinahe wäre er ausgerutscht, die unebenen Steine hinuntergefallen und in die ewigen Jagdgründe eingegangen, doch ein theatralisches Fuchteln mit den Armen konnte noch das Schlimmste verhindern.

Die Kleidung mit Regen vollgesogen stand er vor seiner Tür, schob seine vor Kälte geröteten Finger in die hintere Tasche seiner Jeans und zog seinen Schlüsselbund heraus. Kurz musste er suchen bevor er den Schlüssel fand, der in das angelaufene Schloss passte, drehte ihn um und war mit dem Klacken schon in seiner Wohnung verschwunden. Schnell schloss er von innen zu, zog sich schlampig mit den Füßen die Schuhe aus und kickte sie in die Ecke, in der sich, seit er hier eingezogen war eine Pflanze befand.

Sie war nicht da. Die kleine Schauergestalt, die er selbst zu dieser gemacht hatte und die nachts gruselige Schatten an die Wand warf, war fort. Einen von ihr eingefädelten Auszug konnte er ausschließen und so tippte er auf Frau Kang, immerhin hatte diese einen Schlüssel für seine Wohnung und eher ein Herz für Pflanzen, als für ihre Mieter.

Irritiert wandte er sich um, schüttelte kurz den Kopf und verdrängte das winzige Gefühl von Traurigkeit, das das Fehlen seiner Pflanze in ihm auslöste. Als seine Augen die des anderen fanden, schreckte er zurück, stolperte sogar einige Zentimeter nach hinten und hob reflexartig die Hände.

„Wer bist du und was zur Hölle machst du in meiner Wohnung?“, stotterte er und konnte ein leichtes Quiecken am Ende seiner Frage nicht unterdrücken. Mit geweiteten Augen starrte er den jungen Mann auf der Couch an, die in einem freundlichen beige mit kleinen, sehr weichwirkenden Kissen ein wirkliches Schmuckstück war. Er blinzelte kurz, sah noch einmal hin und bemerkte, dass dies nicht seine Couch war. Diese hatte mit ihrem dreckigen Sonnenblumengelb nie etwas für eine gemütliche Atmosphäre in der Wohnung getan, doch mochte er sie.

„Wo zur Hölle ist mein Sofa?“, schrie er nun und leckte sich unbewusst einen Wassertropfen von der Oberlippe, der es von seinem Haar bis dorthin geschafft hatte.

„Du meinst dieses gelbe?“, fragte ihn der Eindringling und sah daraufhin verlegen zu Boden. „Nein, das mit Hello Kitty drauf. Natürlich das gelbe Sofa. Wo ist es? Und was machst du in meiner Wohnung?“, frage er erneut und wurde zunehmend wütender.

„Unsere Wohnung“, bemerkte der andere knapp und legte sich eines der Kissen auf den Schoß. Ungläubig kniff der durchnässte Mieter der Wohnung die Augen zusammen. Er musste sich verhört haben. „Unsere Wohnung?“

„Frau Kang hat gesagt, das hier wäre eine Zweierwohnung, dass wir sie uns teilen und die Couch raus kann. Es hätte auch nicht genug Platz gegeben und da dachte ich-“, erklärte der andere und strich dabei nervös über den lachsfarbenden Stoff auf seinen Oberschenkeln.

„Wo ist sie?“, wiederholte er betont langsam und bemühte sich die Ruhe zu bewahren. „Müll“, war die knappe Antwort seines neuen Mitbewohners, der es nicht mehr wagte aufzusehen.

Fassungslos starrte er, ohne wirklich etwas fokussieren zu können, in den Raum. Die Couch, die er damals mühsam hier hoch geschleppt hatte, über die er so froh gewesen war, sie am Straßenrand entdeckt zu haben und so kein Geld dafür ausgeben musste, sie war weg, für immer.

„Ich bin übrigens Jeon Jungkook, aber du kannst mich auch-“, begann der Neue, erhob sich dabei und streckte seine Hand in der Verbeugung aus. „Arschloch“, mehr konnte Yoongi nicht über die Lippen bringen.

„Ähm, nein, Jungkook oder Kookie“, stammelte der immer noch um ein freundliches Vorstellen bemühte neue Mitbewohner. „Du bist ein verdammtes Arschloch“, wiederholte er und schlug kraftlos die Hand des anderen weg.

Überfordert mit der Tatsache, sein Zuhause nun mit einem wildfremden Typen teilen zu müssen, ließ er sich auf den Boden sinken. Eine Wohnung in der Stadt war teuer und als er hier her gezogen war, war er heilfroh gewesen überhaupt etwas gefunden zu haben, daran konnte nicht einmal eine biestige Vermieterin etwas ändern. Er konnte nicht ausziehen, das wäre viel zu teuer gewesen und eine neue Couch zu finden, die er wieder umsonst nach Hause schieben konnte, schien ihm ein Ding der Unmöglichkeit.

„Wie ist dein Name?“, setzte der Eindringling an und hatte seine Hand mittlerweile zurückgezogen, der schuldbewusste Ausdruck auf seinem Gesicht war jedoch geblieben. Hoffend hob er seine Augenbrauen ein Stückchen an, als der andere zu ihm aufsah und wie mechanisch zu antworten begann.

„Min Yoongi“, kam es ihm kratzig über die Lippen, „Mein Name ist Min Yoongi, Arschloch.“



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Hey ^__^
Willkommen bei meiner neuen Story!
Cover zur Story

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Bis dahin
Miyang :3
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