Verlorene Zeit

GeschichteAbenteuer, Romanze / P16
01.11.2019
25.11.2019
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Hallo ihr Lieben <3

Der ein und andere kennt mich ja vielleicht noch, weil ich vor langer Zeit ein paar Walking Dead FFs veröffentlicht habe und vor kurzem eine Prosa-Geschichte hier veröffentlichte.
Eigentlich veröffentliche ich ja momentan meine Bücher bei einem Verlag, aber manche Projekte sind so speziell, dass sie hier ein wesentlich besseres Zuhause finden :) So also auch diese Geschichte, die schon lange auf meinem Computer schlummert, bereits abgeschlossen ist, aber noch etwas überarbeitet werden muss.
Und daher stelle ich euch die Kapitel nach und nach hier zur Verfügung.

Die Geschichte um Helena & Riley ist eine ganz besondere für mich, denn sie ebnete mir damals meinen Weg bis hin zur Verlagsveröffentlichung. Umso aufgeregter bin ich nun, diese Geschichte mit euch teilen zu können. Ich hoffe, dass ihr sie mögen werdet!




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1. Kapitel

Ich stehe am offenen Fenster und sehe nach draußen. Der Himmel scheint in Flammen zu stehen und spiegelt dort die brennende Stadt wie ein Ölgemälde wider. Gleichzeitig treibt der Sturm Rauchschwaden durch die Trümmerlandschaft zu meinen Füßen und lässt meine Augen brennen. Ich blinzele schnell, doch sie tränen trotzdem. Durch die Feuchtigkeit in meinen Augen sehe ich das Washington Monument nun nur noch verschwommen vor mir. Noch immer ist es silbrig hell erleuchtet, als würde es die letzte Hoffnung der Menschheit symbolisieren. Eine letzte Bastion gegen den voranschreitenden Untergang. Mein Blick bleibt darauf haften, als würde sich mir seine Bedeutung noch offenbaren, mir eine Richtung vorgeben, bis sich die Tür hinter mir mit einem kraftvollen Schlag schließt.
„Komm da weg.“
Die männliche Stimme ist wie ein tiefes Poltern, wie Felsbrocken, die sich lösen und zu Boden krachen. Langsam drehe ich mich um, die Arme fest um meinen Körper geschlungen und sehe zu ihm zurück. Es riecht jetzt sogar verbrannt im Raum. Nach verkokeltem Gummi. Es erinnert mich an durchdrehende Autoreifen. Der Geruch in der Nase harmoniert einwandfrei mit seinem Anblick. Die schwarze Lederjacke, in welcher seine Schultern so breit aussehen und darunter lediglich ein schwarzes T-Shirt. Mein Blick wandert durch sein Gesicht, über den hellbraunen Bart, der ihm am Kinn und über der Oberlippe wächst, leicht über den Kiefer weiter. Er verdeckt nicht einmal im Ansatz den Leberfleck oberhalb seiner Lippe, über den ich so gerne mit dem Daumen fahre. Fast so gerne wie über seine gespaltene Augenbraue, die ihm tief im Gesicht stehen und ihm einen düsteren, verschlossenen Ausdruck geben. Alles an ihm strahlt das aus. Seine abwehrende, unnachgiebige Haltung, seine bissigen, knappen Worte oder aber der schmale Blick, der manchmal nur lauernd durch den Raum fährt. Hat er mir nicht irgendwann einmal erzählt, woher die Narbe stammt, die seine Augenbraue durchkreuzt? Sicherlich habe ich ihn danach gefragt gehabt, aber ich erinnere mich nicht mehr an seine Antwort.
Hinter mir schwillt der Wind heulend auf, lässt die weißen Vorhänge schweben und weht noch mehr Gerüche in das Hotelzimmer. Ich meine unter der Asche und dem beißenden Verbrennungsgeruch noch das Salz des Meeres zu riechen. Die Kombination ist berauschend. Ich strecke die Arme von mir weg und fühle mich wie ein fliegender Engel mit Flügeln aus luftig leichtem Vorhangstoff, hinter mir die tödliche Tiefe.
Er springt nach vorne, über die schwarze Ledercouch und packt mich an meinem Oberarm. So fest, dass es schmerzt. Dann wirbelt er mich weg vom bodentiefen Fenster, dessen Scherben noch immer zerstreut auf dem weißen Fliesenboden liegen. Er drückt mich daneben gegen die Wand. Der Geruch von Motorenöl, Schweiß und Zigaretten steigt mir in die Nase, löst da ein warmes Gefühl aus. Wie eine weit entfernte Erinnerung an glückliche Zeiten, die sich unangekündigt ins Gedächtnis schummelt.
„Ich verliere dich nicht noch mal, damit das klar ist.“ Er mich an. Seine Augen wechseln die Farbe. Das habe ich schon früh festgestellt. Sie ähneln diesen Stimmungsringen, nur in sämtlichen Farben des Ozeans. Ein Hauch Türkis, wenn er glücklich ist. Ein Tiefblau, wie der Anfang des tiefen Meeres, wenn er angespannt ist. Und ein dunkles Schwarzblau, wenn er wütend ist. So wie jetzt.
„Es … es tut mir leid“, flüstere ich.
Sein Blick springt forschend zwischen meinen Augen hin und her, aber er lässt nicht los, hält mich nun mit beiden Händen an meinen Handgelenken fest und drückt mich so an die Wand, als wäre ich dort angekettet.
„Muss es nicht“, raunt er und sein Griff um meine Handgelenke wird schwächer. Er schiebt sie auf beiden Seiten meines Körpers in die Höhe. Sie schrappen an der künstlichen Sandsteinwand entlang, bis sie sich über meinem Kopf befinden. Im Augenwinkel weht der weiße Vorhang wieder in den Raum, fängt die Farben der brennenden Stadt als würde er selbst in Flammen stehen. Ich sehe zur Seite, erhasche einen kurzen Blick in die Trümmerlandschaft, die uns umgibt wie ein tosendes Meer aus Tod, Geröll und Feuer. Mittendrin der silbrig leuchtende Obelisk. Dann sehe ich zurück zu ihm. Ich kann es nicht erkennen, aber ich weiß, dass seine Augen wieder Tiefblau sind. Die Schwärze darin verschwunden.
„Du verlierst mich nicht. Und du wirst uns nicht verlieren, das verspreche ich dir“, hauche ich mit einem schwachen Lächeln.
Er zieht die Augenbrauen zusammen, als würden meine Worte innere Schmerzen verursachen und ich bin mir auch ziemlich sicher, dass es so ist. Weil sie ihm vor Augen führt, warum ich es sage. Eine seiner Hände löst sich aus dem Griff, sackt leblos hinab und bleibt auf halber Strecke hängen. Er sieht zu seiner Hand, wie sie schwebend vor meinem Bauch hängt, dort die Finger verlangend nach vorne ausstreckt. Hin zu der eindeutigen Wölbung. Als sich seine Hand darauflegt, hat meine Hand seine andere umgriffen, sich in sie gekrallt. Er sieht zu mir auf und ich erkenne, dass er die Kieferknochen aufeinanderbeißt, sie sich unter der Haut sichtbar anspannen.
Und dann nickt er knapp. Mehr nicht.

***


Ich schrecke keuchend auf. Die erste Bewegung führt zu meinem Bauch. Flach. Keine Spur von der Wölbung. Wie als könnte sich das sekündlich ändern, lasse ich eine Hand zur Sicherheit da liegen und greife mir mit der anderen an den Kopf. Meine Stirn ist klitschnass, einzelne Strähnen meiner dunkelbraunen Haare kleben wie Spinnenbeine an ihr. Das Laken haftet an meinem Körper wie eine unangenehme zweite Haut und beginnt auch schon kühlend zu trocknen.
Was zur Hölle war das eben? Ich sehe zur Seite. Der schwarze Lockenkopf von Ben lugt zwischen dem weißen Bettzeug hervor. Sein Anblick beruhigt mich, holt mich langsam wieder ins Hier und Jetzt zurück. Nur ein Traum, rede ich mich innerlich wieder in diese Welt zurück.
Trotzdem bin ich jetzt hellwach. Selbst meine Handgelenke fühlen sich eigenartig eingezwängt an, als wenn dieser Mann sie noch immer festhalten würde. Langsam beruhigt sich mein Herzschlag wieder, die Atmung wird gleichmäßiger. Aber dadurch merke ich nun erst, wie sehr mein Hals brennt, sich so rau anfühlt wie die künstliche Steinwand, an die mich dieser Kerl gepresst hat. So leise ich kann schlage ich die Bettwäsche zurück und tapse auf den kalten Fliesen in das angrenzende Wohnzimmer. Beim Eintreten bleibe ich kurz stehen. Alles ist so wie in meinem Traum. Die schwarze Ledercouch, die Kunststeinwand, die dem Zimmer einen mediterranen Hauch verpassen soll, die bodentiefen Fenster, auch wenn diese natürlich nun geschlossen sind. Und sich auch gar nicht erst durch menschliche Hände öffnen lassen. Zögerlich, als würde jeder Schritt das perfekte Bild vor meinen Augen wieder einreißen können, laufe ich weiter in den Raum. Auf dem Couchtisch aus Glas steht eine Wasserflasche, nach der ich schnell greife. Etwas kaltes Wasser wird meinen Kopf klären. Über mir rauscht die Klimaanlage leise und lässt die Oberfläche meiner Haut frösteln. Doch draußen sind es bestimmt noch immer weit über zwanzig Grad, trotz der Nacht.
Ich trinke einen Schluck und trete dann an das Fenster. Das kalte Wasser tut unendlich gut. Gierig trinke ich weiter, während ich gleichzeitig nach draußen sehe. Die Stadt pulsiert funkelnd unter meinen Füßen. So wie es sein soll. Kein Feuer. Keine Trümmer. Kein zersprungenes Glas. Der Anblick sollte mich eigentlich beruhigen und tief drin tut er das auch irgendwie, weil ich nun weiß wie absurd der Traum gewesen ist, aber es lässt dennoch einen kleinen Stich in mir zurück. So wie Washington offensichtlich nicht dem Erdboden gleich gemacht wurde, gibt es diesen Mann und meine Gefühle für ihn auch nicht. Und erst recht nicht die Schwangerschaft. Eine Sache, die ich mir in meiner aktuellen Situation sicherlich auch nicht gewünscht hätte. Aber woher das Endzeitszenario meines Traumes kommt, kann ich mir immerhin gut vorstellen. Seufzend reibe ich mir die letzten Zweifel aus dem Gesicht, bleibe aber noch einen Augenblick so vor dem Fenster stehen und starre auf das Washington Monument, welches man aus unserem Hotelzimmer sehr gut erkennen kann. Ein silbrig leuchtender Stab, der sich ehrgeizig in den Himmel streckt. Er hat so viele Krisen, so viele Kriege überstanden. Dieser Krise wird er auch standhalten, da bin ich mir sicher.
Ich höre Schritte hinter mir. Ben kann sich schlecht vor mir verstecken, denke ich und muss dabei schmunzeln. Ich bin nicht gerade eine kleine Frau, doch er ist sicherlich nochmal einen ganzen Kopf größer als ich. Und um einiges breiter. Seine Schritte lassen den Erdboden vibrieren. Anschleichen ist somit keine seiner Stärken. Dafür sind es andere Dinge und davon hat er zahlreiche. Wie das Gefühl augenblicklich Geborgenheit zu vermitteln, wenn sich seine starken Arme von hinten um mich schließen und ich meinen Kopf an seine Brust zurückfallen lassen kann. Er riecht nach Aftershave und Sonnencreme. Und zum großen Teil riecht er einfach nur nach meinem Ben.
„Was ist los?“, will er müde wissen.
„Hm, konnte nicht schlafen“, murmele ich zurück und schmiege meinen Kopf an seine Brust. Sein stoppeliges Kinn kratzt an meiner Schläfe. Morgen muss er sich sicherlich rasieren, wenn er gemeinsam mit Professor Murray wieder ins Weiße Haus beordert wird. So wie fast jeden Tag seit zwei Wochen. Seit die Lage ernster und ernster wird und die Regierung immer mehr ihrer Experten um sich scharrt.
„Es wird alles gut gehen, du wirst sehen“, versucht er mir die Sorgen zu nehmen. „Niemand dort ist auf eine unnötige Konfrontation aus. Alle Figuren auf dem Schachbrett suchen den Frieden.“ Ich antworte darauf nicht, kann es auch gar nicht. Von den Dingen die Ben tut, wenn Professor Murray nach ihm ruft, habe ich keine Ahnung. Manchmal glaube ich, dass es auch besser so ist. Dumm lebt es sich leichter. So sagt man doch, oder? Dumm mag ich in dieser Hinsicht wohl sein, auch weil Ben mir von vielen Dingen nichts sagen darf, aber da ist dennoch dieses anhaltende Gefühl in mir. Eine Übelkeit, die nicht nur meinen Magen befallen hat, sondern jedes meiner Organe. Manchmal schwächer und dann wieder stärker. So wie in diesem Moment, wo ich am Fenster stehe und in die Welt hinaussehe und mir wünsche, dass sie all dem hier standhalten wird.
„Was hast du morgen vor?“, lenkt Ben das Thema ab und drückt mich etwas fester an sich, wiegt mich wie ein Kleinkind vorsichtig hin und her.
„Trainieren, so wie immer“, seufze ich gequält. Auch, wenn der gequälte Unterton nicht wirklich meiner Gemütslage entspricht. Ich liebe es so sehr, dass ich manchmal nachts aufstehe, um in unseren eigenen Fitnessraum zu schleichen. Natürlich nur in unserem Zuhause, von dem ich gerade weit entfernt bin, um Ben in dieser Zeit beizustehen. „Clark ruft mich mittlerweile stündlich an und wartet auf die Ergebnisse meiner Pulsuhr wie ein Lottospieler auf die Ziehung am Sonntag.“ Ben lacht hinter mir, sein ganzer Körper vibriert.
„Er soll dir mal etwas Urlaub gönnen. Du hast Großartiges in Tokio geleistet, das wirst du doch wohl locker wiederholen können.“
„In vier Jahren bin ich schon dreißig.“ Ich schüttele ungläubig den Kopf. „Ich glaube nicht, dass ich in Paris wieder aufs Treppchen komme, geschweige denn mehr als Bronze abstaube. Clark sieht das ähnlich. Ihm geht’s um die nationalen Meisterschaften, vielleicht sogar um die Weltmeisterschaft.“
„Noch das letzte Bisschen herauskitzeln, bevor du alt und schrumpelig wirst, was?“ Er schmunzelt und hält mich noch fester in seinem eisernen Griff, als wüsste er schon was ihm blüht. Ich schaffe es trotzdem mich in seinen Armen umzudrehen und stemme mich leicht nach oben, um ihn mit den Knöcheln meiner Faust über seinen Lockenkopf zu rubbeln. Er lacht laut und versucht seinen Kopf wegzuziehen, doch hält mich noch immer fest an sich gepresst, als würde er sich dem eigentlich so gar nicht entziehen wollen.
„Du nennst mich alt? Ich kann von hier einige graue Härchen erkennen, mein Lieber.“ Ich lache und zupfe nun in seinen dichten Haaren herum. Ich mag es unheimlich, wenn er sie länger trägt. Eine Zeit lang hat er geglaubt sie kurz tragen zu müssen, weil das alle an seiner Eliteuni so gemacht haben. Nun trägt er sie etwas länger, nur für mich, wie er jedes Mal betont. Kleiner Hobbit, nenne ich ihn dann. Obwohl das offensichtlich ein Scherz ist. Ben ist weit davon entfernt die Körperstatur eines Hobbits zu haben.
„Ich darf das“, wehrt er sich und trägt mich zum Schlafzimmer zurück, als würde ich nichts wiegen. „Wenn man mal über die Dreißig kommt, geht’s schnell, Schatz.“
Gemeinsam schmunzelnd lassen wir uns in die weiche Kissenburg des Bettes fallen, sacken in dem Chaos aus Stoff und Federn ein. Sein schwerer Körper ist nun ganz fest an meinen gepresst, meine Beine schlingen sich wie selbstverständlich um seine Hüfte. Ich kann den Schatten seines Dreitagebartes nun eindeutig erkennen. Und auch wenn ich es nicht sehe, weiß ich, wie seine braunen Augen strahlen wann immer wir so ineinander verschlungen liegen. Seine Hand wandert meine Taille entlang, schiebt sich unter mein Shirt und verharrt kurz über meinem Bauch. Erinnerungsfetzen, wie Lücken in einem wolkenverhangenen Himmel, reißen auf. Ich habe für einen Herzschlag lang den Geruch von Motorenöl in der Nase, sehe tiefblaue Augen vor mir schimmern. Ich realisiere gar nicht wie ich den Atem angehalten habe. Ben bemerkt es sehr wohl, als die Luft stockend meine Lunge verlässt.
„Wir sollten schlafen.“ Er lächelt mitfühlend. Ich nicke stumm, bin froh, dass er das Thema auf sich beruhen lässt. Obwohl ich weiß, dass es ihm wieder auf der Zunge liegt. Vielleicht war der Traum doch nicht so weit hergeholt. Zumindest einem von uns wäre dieser Ausgang mehr als nur Recht, mal abgesehen von dem fremden Mann, den ich noch immer nicht zuordnen kann. Aber muss ich das unbedingt? Ein Traum ist manchmal einfach nur das. Ein Traum und nicht mehr.
Wir legen uns zurück, er schieb seinen Körper an meinen heran und ich liege dort in meiner Ben-Höhle, so wie jede Nacht. Abgeschottet von der restlichen Welt.
Wenn ich aufwache wird er schon weg sein, um eine Welt zu retten, die vielleicht nicht einmal mehr zu retten ist.
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