Requiem

von HDYFND
GeschichteRomanze, Schmerz/Trost / P18 Slash
Dr. Hannibal Lecter Will Graham
01.11.2019
30.03.2020
7
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30.03.2020 1.710
 
Kapitel Sieben:
Lux Aeterna




››You entered the foyer of my mind and stumbled down the hall of my beginnings.‹‹
Hannibal Lecter



Sieben Wochen nach der Wiedergeburt





Will knotet einen Palstek und vertäut den kleinen Kutter am zum Grundstück gehörigen Steg. Der aufziehende Wind und das Brennen der Narbe auf seiner Wange lassen ihn wissen, dass das Wetter bald umschlagen würde. In die Hocke gehend greift er die Kühltruhe, in der der frisch gefangene Fisch auf Eis ruht und die doch schwerer wiegt als gedacht, als er mit einem ausladenden Schritt über die Reling steigt. In den müden Muskeln seiner Beine wabert noch immer das leichte Schwanken des Seegangs.
Auf dem Steg stehend hält Will kurz inne, greift die Kühlbox fester.
Zarte Böen fegen ihm Haarsträhnen ins Gesicht.
Für einen Moment hatte ihn auf See der Schlaf übermannt; ein beinahe bleierner Frieden, der auf seine Lider gepresst und ihn hatte einnicken lassen, in Wind und Sonne gehüllt, neben ihm die regungslose Steckrute, Schnur und Haken ausgeworfen. Er hatte von dem kleinen Chalet geträumt, dessen steinerne Fassade in den Strahlen der tiefstehenden Abendsonne zu glühen schien, und von einem Hund, der am Strand herumgetollt war, die langen Ohren beim Zerbeißen eines alten Gummispielzeugs unbekümmert hin und her flatternd. Kleine Pfoten hatten sich tief in den Sand gegraben, als der Hund, der Winston erschreckend ähnlichsah, mit Spielzeug im Maul zu Will eilte, und sich dann doch entschied, an dem verdutzten Mann vorbei zu trotten. Eine leichte Drehung des Oberkörpers hatte Will genügt, um Hannibal zu erblicken, der etwas hinter ihm stand und in die Knie ging, um den Kopf des Hundes zu umgreifen und mit den Daumen dessen Ohren entlang zu fahren. Der Hund hatte Hannibal das Spielzeug vor die Füße fallen lassen. Ein speichelfeuchter Gummiknochen; eine stumme Einladung, die der Mann zu verstehen schien. Er hatte sich aufgerichtet, das Spielzeug gen Meer geworfen. Mit einem Beinahe-Salto war der Hund losgesprintet, und als Will Hannibals Blick begegnet war konnte er nicht anders als zu lächeln.
Sich das Salz von den Lippen leckend war Will aufgewacht. Auf seiner Stirn der Hauch eines Schweißfilms, den der Wind sofort besänftigte. Die Erinnerung an die Flammen des Fiebers, die seinen Verstand einst in Brand gesetzt hatten, an all jene schweißgetränkten Albträume zwischen Wahnsinn und Empathie, waren so weit entfernt, dass sie hinter dem weiten Horizont versanken.
Jetzt, auf dem Bootssteg stehend, hängen Wills Gedanken noch immer dem ungewohnten Sehnen nach einer Häuslichkeit nach, die er selbst nie gekannt hat.
Doch weiß er, dass seine Zukunft eine andere sein wird.
Der Ruhe zum Trotz, die der Tag auf See um seinen Geist gestülpt hatte, vermag es allein der Anblick der vagen Gestalt, die in einiger Entfernung am Strand auf Wills Rückkehr zu warten scheint, den sonst ruhigen Takt seines Herzschlags zu einem Staccato zu stauchen.
Erst, als der Abstand zum Haus kontinuierlich schrumpft, wird Will bewusst, dass er sich in Bewegung gesetzt hat, und jeder einzelne seiner Schritte nährt das Wissen und die Zweifel darüber, was ihn erwarten würde.

Der forschen Finger des aufziehenden Sturms zerzausen unbekümmert Hannibals Haar, das sich seit Wochen langsam doch stetig der altbekannten Länge annähert. Tag um Tag verblassen die Konturen des Kurzhaarschnitts aus Zeiten der Gefangenschaft. Barfuß am Strand stehend, gekleidet in ein lockeres weißes Hemd und eine weite ockerfarbene Leinenhose, hat der Mann keinerlei Ähnlichkeit mit jener Bestie, die aus dem saftigen Blutrot lebendiger, atmender, spürender Menschenkörper Organe schneidet und verzehrt, doch setzt Will einen Fuß vor den anderen, in der Gewissheit, dass Hannibal immer Hannibal sein würde.
Hannibal Lecter, achter Lecter dieses Namens.
Hannibal Lecter, Doktor der Medizin.
Hannibal Lecter, dessen dämonisches Funkeln in den klaren, blutgesprenkelten Augen Will den Atem nahm, als sie sich auf den Drachen stürzten. Gemeinsam.
Hannibal Lecter, der sich vor exakt drei Tagen mit der Aussage, etwas Wichtiges erledigen zu müssen und dem Versprechen, binnen der nächsten drei Tage wieder zurück zu sein, in Richtung eines ungenannten Ziels verabschiedet hatte, begleitet von einem womöglich stundenlang überdachten und dann doch flüchtigen Kuss auf Wills Mundwinkel.

Der Mann am Strand rührt sich keinen Millimeter, als Will auf ihn zuschreitet; hält die Arme locker hinter seinem Rücken gekreuzt, präsentiert dem ehemaligen Polizeibeamten seinen ungeschützten Oberkörper.
Bei Hannibal angekommen stellt Will die Kunststoffkiste behutsam im Sand ab, sodass sich beide Männer plötzlich wie schüchterne Teenager gegenüberstehen, gänzlich unschlüssig darüber, was als nächstes zu tun sei, wohin mit ihrer Nähe.
Hinter ihnen drängt das unruhige Meer, dessen zitternde Wellen in der Abendsonne zu funkelndem Kristall brechen, bis sich Hannibals Starre löst und er das Gesicht des jüngeren Mannes mit beiden Händen umfasst.
Der Sanftheit seiner Berührung zum Trotz ist der Kuss überraschend vehement. Lippen, die aufeinanderpressen, fest und feucht, als scheint Hannibal Jahre der Entbehrung nachholen zu wollen, als hätte sich das, wonach es ihm am meisten auf der Welt verlangte, direkt und doch unerreichbar vor ihm befunden.
Will Graham, ein immerwährendes Licht in der Finsternis des Hannibal Lecter.
Als Wills Grenzen zu verschwimmen beginnen lösen sie sich voneinander, ringen wortlos um Atem, während sich ihre Augen aneinander festhalten und suchend durch die Dunkelheit des jeweils anderen irren, bis ein fernes Donnergrollen beide in die Gegenwart zurückholt.

Gemeinsam tragen sie die Kühltruhe ins Haus, stellen sie auf dem Küchentresen ab.
Wills Körper plötzlich stark und federleicht.
›You have to create a reality where only you and the fish exist, where your lure becomes what he wants most, despite everything he knows.‹
Hannibal lupft den Deckel der weißen Box, grinst in Richtung des toten Fischs. Seine Augen gleiten zu Will, während er den Deckel schließt und den Jüngeren mit einer vagen Kopfbewegung bittet, ins benachbarte Esszimmer zu gehen. In seinem Blick liegt eine Intensität, die Wills Gesichtszüge prickeln lässt.

Will erstarrt als er sieht, was auf dem Esstisch auf ihn wartet.
Hannibal gleitet um ihn herum, wie Wasser eines ruhigen Stroms, seine Bewegungen flüssig und kraftvoll (hätte Will den Schuss nicht bezeugt, hätte er die Wunden des Mannes nicht eigenhändig verbunden, so hätte er glauben wollen, dass Hannibal nie verletzt gewesen war). Der Ältere greift nach der jungfräulichen Flasche Chateau d‘Yquem, die, gerahmt von zwei blankpolierten Weingläsern, auf dem Tisch des kleinen Esszimmers thront. Daneben, säuberlich an der Tischkante ausgerichtet und aufgereiht, sechs brandneue Pässe.
Argentinien, Deutschland, Dänemark.
Ausgestellt für zwei Männer, die den gleichen Namen teilen.
Will stützt sich kurz mit geballten Fäusten auf der Tischplatte ab, bevor er sich zu Hannibal wendet.
››Haben wir Grund zu feiern?‹‹
Trotz leichter Probleme, die ihm plosive Laute noch immer bereiten, verbessert sich seine Artikulation Woche für Woche. Zwar duldet Hannibal sein Schweigen, doch nicht sein Nuscheln. Eine Ironie, findet Will, angesichts Hannibals schweren Akzents, der seine Worte gänzlich zu schlucken pflegt, wenn beide Männer das gleiche Bett teilen. Wills rechte Gesichtshälfte ist noch immer taub. Ein Zustand, an den er sich gewöhnen würde. Der Schmerz hatte nachgelassen, doch scheinen seine Zahnreihen noch immer zu groß für seinen Kiefer.
Mit seiner Zungenspitze fährt er seine Lippen entlang, spürt nur seinen linken Mundwinkel.
Mittlerweile bevorzugt Will das Schweigen.
Hannibal treibt mit ausladenden Bewegungen einen Korkenzieher in den Korken, der den Hals der Weinflasche verschließt, zieht ihn bar jeder Anstrengung und hält ihn sich dicht unter seine Nase. Für einen flüchtigen Moment sinken Hannibals Lider im Schimmer einer Ekstase, der er sich nach Jahren des Verzichts bereitwillig hingibt.
In Wills Gedanken formt die Szenerie eine schmerzliche Reminiszenz an ihren Abend in Zweisamkeit, unter den wachsamen Augen des Vollmonds und des Roten Drachen. Er schluckt, erleichtert darüber, dass Hannibal ihm dem Korkenzieher damals nicht in seine Hauptschlagader getrieben hat.
›My compassion for you is inconvenient, Will.‹
Es scheint ein ganzes Leben her.
Hannibal reicht ihm eines der sorgfältig polierten Gläser.
››Kommt darauf an.‹‹
Er schenkt Will ein, schließlich sich selbst. Den dünnen Hals des Glases zwischen Fingerspitzen gespannt hebt Hannibal das Glas. ››Und ich sage euch, ihr Völker, die ihr hört, und ihr erkennt: Erwartet euren Hirten – die Ruhe der Ewigkeit wird er euch geben – denn nahe ist der, der am Ende der Zeit kommen wird.‹‹
Wills Augen finden Hannibals.
››Seid bereit für den Lohn des Reiches – denn das fortwährende Licht wird euch leuchten durch die Ewigkeit der Zeit‹‹, komplettiert er.
Beide Männer verharren einen Moment in kontemplativer Stille, doch hält ein vielsagendes Grinsen Hannibals Mundwinkel gefangen und schiebt seine Lippen zu einem Schmollmund, als sein Blick schließlich über die Pässe gleitet.
››Ich habe in Erfahrung bringen können, wo sich Doctor Du Maurier aufhält.‹‹
Mit erhobenem Glas tritt Hannibal einen Schritt an Will heran und hält inne.
In seinen Iriden sieht Will die Erwartung flirren, wie er reagieren würde.
(Adapt…)
Im Augenwinkel präsentiert sich der Korkenzieher in Griffweite auf dem Esstisch liegend. Doch Will weiß, dass sie ihn nie gegeneinander, nur miteinander einsetzen würden.
(Evolve…)
››Bedelia, allein im Kampf gegen zwei Bestien. Vielleicht lässt sie sich ja zu einem… Friedensangebot hinreißen.‹‹ Ein lebendiger linker Mundwinkel kräuselt sich unter einem wohlgetrimmten Bart zu einem herausfordernden Lächeln, als Will anstößt. Das helle Klingen durchschneidet die vor Spannung und Hitze flirrende Luft. ››Meat's back on the menue.‹‹
(Become.)
Draußen, ein erneutes Grollen in der Ferne. Das Gewitter naht.
Beide Männer schaffen es kaum, einen einzigen Schluck des Weines zu trinken, bis sich ihre Lippen von den Rändern ihrer Gläser lösen und einander finden, in fiebriger Vehemenz.

Will ist bei Bewusstsein als sie fallen. Als sich Sekunden dehnen, sich um die Schläge seines Herzens schmiegen. Bis sie die Oberfläche durchstoßen, luftholend, schweißnasse Körper, die einander halten. Die Dunkelheit saugt sie auf. Gierig und allumfassend und unausweichlich.

Will ist bei Bewusstsein als sich Gliedmaßen ineinanderflechten und zwei Seelen, ihrer Katharsis ausgeliefert, zu einem Wesen verschmelzen, das so viel mehr ist, als es Poesie oder Melodie je würden ausdrücken können. Sie lösen sich von jeglichen Gesetzmäßigkeiten der Physik, von jedweden Axiomen der Rationalität, in duldender Erwartung ihrer gemeinsamen Zukunft.

Will ist bei Bewusstsein.



››This is all I ever wanted for you, Will. For both of us.‹‹
››It’s beautiful.‹‹




Das Ende, doch ein Anfang.






A/N: Nach langer Wartepause und kurzer Panik, dass das ›H‹ meiner Tastatur endgültig aufgegeben hat (glücklicherweise und offensichtlich nicht), hier nun das letzte Kapitel.
Auch an dieser Stelle nochmals ein riesiges Dankeschön an alle Leser*innen und eure wundervolle Unterstützung.
Bleibt alle gesund und passt in dieser schwierigen Zeit aufeinander auf.