Requiem

von HDYFND
GeschichteRomanze, Schmerz/Trost / P18 Slash
Dr. Hannibal Lecter Will Graham
01.11.2019
30.03.2020
7
21.451
19
Alle Kapitel
23 Reviews
Dieses Kapitel
2 Reviews
 
22.02.2020 5.237
 
A/N: Hier nun das vorletzte von insgesamt sieben Kapiteln eines ›kleinen‹ Post-Staffel-3 Ausflugs, der mir, wie zu erwarten war, etwas… entglitten ist. Ich bedanke mich bei jedem Leser und jeder Leserin, für die Favoriteneinträge und die Sternchen, und für die wundervollen, inspirierenden Reviews und Nachrichten.
Ohne euch hätte ich nicht die Kraft, weiterzumachen. Danke!



Kapitel Sechs:
Agnus Dei




››If I saw you every day, forever, Will, I would remember this time.‹‹
Hannibal Lecter




Dreiunddreißig Tage nach der Wiedergeburt




Seit wenigen Tagen befindet er sich auf argentinischem Boden, doch angekommen ist Will noch lange nicht.
Nachdem sie von der amerikanischen Küste aus in ihr gemeinsames, zweites Leben geflohen waren, ist dieses Leben, unter den Strahlen einer fremden Sonne, doch das nunmehr Dritte. Eine neue Zukunft mit geänderten Spielregeln.
In der Isolation der nächtlichen Bootskajüte hatte Will Hannibal fest in seinen Armen gehalten, die Augen gen Meer gerichtet, und geschätzt, dass sie für ihre Flucht etwa zwei Wochen benötigen würden.
Er hatte es nicht kommen sehen.
Mit einem Hauch der Wehmut hatte er sich in Französisch-Guyana von dem Boot getrennt, das ihnen den Weg in die Freiheit bereitet hatte, doch beide Männer hatten gewusst, dass es ein zu großes Risiko war, es zu behalten. Die Blässe auf den Zügen des Älteren war Will im gehässigen Blenden der Sonne verborgen geblieben.
Den Rest des Weges hatten sie in einem robusten Volvo Kombi und einer Handvoll verlebten Touristenabsteigen zugebracht, von denen Will hätte schwören können, dass Hannibal niemals auch nur einen Fuß über deren Schwellen setzen würde. Doch war es der Vorschlag des Älteren gewesen, die Anonymität der Absteigen zu nutzen, die vermutlich zuletzt vor Einführung der Demokratie renoviert worden waren.
Nacht um Nacht wälzte Will sich in immer fremden Betten in den Schlaf, rotierte solange unter billigen Laken, bis Hannibal den unruhigen Körper zu sich zog und festhielt; ein unnachgiebiger Arm um eine schmale Taille geschlungen.
Nacht um Nacht.
Bis Hannibal eines Morgens nicht mehr erwachte.
Den Kampf darum, Will von Hannibals Seite zu lösen, verloren die Ärzte des Krankenhauses unweit der argentinischen Grenze auf nahezu ganzer Linie. Sie hatten Mühe, den anämisch-blassen Körper, der im gnadenlosen Licht der Notaufnahme unter einer eiskalten Schweißschicht glänzte, aus Wills Armen zu schälen, um ihn einer siebenstündigen Notoperation unterziehen zu können. Doch seit dem Überschreiten der Grenze des Aufwachraums war Will nicht von Hannibal gewichen. Die Ärzte meinten, dass es an der Zeit sei, Abschied zu nehmen. Dass Hannibal nicht wieder aus der Narkose erwachen würde.
Bis sich nach fünf Tagen Hannibals Lider flatternd hoben, die blassen Wangen tief eingesunken, und sich seine Mundwinkel im Wissen um die Geschehnisse der letzten Tage träge hoben.
››Hallo, Will.‹‹
Die glutheiße Feuchtigkeit in den Augenwinkeln des jungen Mannes war nicht wegzudiskutieren.
Erst, als Will in den frisch gestärkten Kittel (mitsamt Namensschild und medizinischer Ausstattung) jenes Arztes schlüpfte, den er vor wenigen Sekunden bewusstlos geschlagen und in Erfüllung jedes noch so abwegigen Klischees in eine Abstellkammer gezogen und entkleidet hatte, wurde ihm vollends bewusst, dass sich seine und Hannibals Zukunft in einem steten Wandel befand, den er nie, niemals, vorhersagen können würde. Und so verhalf er dem Mann vor den nach ihm greifenden Händen paraguayischer Bürokratie zur Flucht. Hannibal hielt, im Rollstuhl sitzend, den Kopf gesenkt. Auf seinem Schoß ruhte die gut vier Zentimeter dicke Krankenakte eines Mannes ohne Namen und ohne Alter, der nach schwerwiegender Infektion einer Schusswunde behandelt werden musste. Obenauf, in fein säuberlicher Handschrift, die Namen der behandelnden Ärzte.
Will wusste Bescheid.




Die einzige sentimentale Verbindung, die Hannibal mit dem winzigen argentinischen Chalet pflegt, ist die Erinnerung an den schwebenden (fast schon schwerelosen) Geschmack des Roc des Anges Carignan, den er zur Leber des damaligen Hausbesitzers genossen hatte, der sich nach der Aufführung von Puccini’s Turandot erlaubt hatte, einer der jungen Garderobendamen der Baltimore Concert Opera unsittliche Avancen zu machen. Die zwei Etagen des Hauses im Mar-de-Plata Stil, die sich unter einem weiten Ziegeldach mit großzügigen Simsen vereinen, warten mit einer herausragend gepflegten Quarzitsteinfassade auf und lassen erkennen, dass der Geschmack jenes Mannes (den weder in diesem noch in einem anderen Leben jemand vermissen würde) sich keineswegs in seinem Verhalten widerspiegelte. Das Chalet, das etwas abseits des kleinen Küstendorfs liegt, schmiegt sich in einer beruhigenden Kombination aus unerschütterlicher Tiefenentspannung und Standhaftigkeit an einen zarten Strandstreifen, von dem aus ein kleiner hölzerner Bootssteg ins Meer ragt. Ein verlebtes, altes Fischerboot ist dort vertäut; tänzelt seinem Alter und seinen Gebrechen zum Trotz auf den Wellen des Meeres einen zarten Tango.
Damals, als Hannibal den Eigentümer des Hauses getötet hatte, existierte in seinem Leben noch kein Will Graham.
Beinahe hätte er angesichts der Wirren des Schicksals gelächelt.
Nun steht er am Rand der Terrasse des Hauses, die sich gen Strand erstreckt. Die untergehende Abendsonne blutet ihr letztes, warmes Strahlen; taucht die Welt in Glutrot, bis in jene Ferne, in der der Rand des Meeres den Horizont küsst. Im Obergeschoss wähnt Hannibal Will, dessen leichte (doch unruhige) Schritte einen unsichtbaren Weg durch das vom ihm bewohnte Gästeschlafzimmer beschreiten.
Erneut keimt in ihm das Bedürfnis, das Lächeln, das an seinen Mundwinkeln zupft, gewähren zu lassen.
Bis er seinen Widerstand aufgibt.
Die Handfläche seiner linken Hand bettet sich auf die Operationsnaht, die unter seinem Hemd verborgen ist.
Die Zukunft liegt vor ihm. Eine grenzenlos scheinende Zeit, die bereit ist, ihm neue Erinnerungen an diesen Ort zu schaffen; bessere Erinnerungen als sie ein Roc des Anges Carignan je kreieren konnte. Seine rechte Hand gen Himmel reckend, als wolle er nach den Wolken greifen, beobachtet Hannibal durch den Fächer seiner Finger die ihn überwölbende Unendlichkeit.
Erinnerungen, die er mit Will teilen würde.

Das Orchester der Küchengeräte lockt Will (frisch geduscht, frisch gekleidet) aus dem Obergeschoss. Treppenstufe um Treppenstufe nähert er sich dem entfernten Scharren eines Edelstahltopfs auf dem Herd, dem hellen Klingen eines Soßenlöffels, das den Takt des Dirigenten durch die Küche pulsieren lässt, sich in das verhaltene, kaum wahrnehmbare Blubbern einer dickflüssigen Soße mischt. Am Treppenabsatz plötzlich ein fieberhaftes Crescendo, als eine heiße, gusseiserne Pfanne bestückt wird und zu zischen beginnt. Erst forte, dann fortissimo, dann schließt Will die Augen.
Der Geruch bratenden Fischs vertreibt jenen der beißenden Dexpanthenol-Salbe, die Will nach dem Duschen auf die heilende Wunde seiner Wange gecremt hatte. Die Erinnerung an Dolarhyde schiebt er beiseite; ersetzt sie durch jenen Funken der Freude, den er beim Anblick des prächtigen Exemplars des Lachssalmlers, den er am Morgen gefangen hatte, empfunden hatte.
Als Will durch den Türrahmen in den kombinierten Koch- und Wohnbereich tritt, dreht sich Hannibal nicht zu ihm um. Einzig ein zartes Neigen des von ergrauendem Haar bedeckten Kopfes verrät, dass der Mann Wills lautlose Schritte gehört hatte. Hannibal greift nach einem Löffel, träufelt einen Hauch der milchig-weißen, von Kräutern durchzogenen Soße auf einen kleinen Keramikteller, von dem aus er sich die Flüssigkeit in den Mund laufen lässt. Den Bewegungen seines Oberkörpers, kaum durch den Stoff des champagnerfarbenen Hemdes versteckt, haftet noch immer eine deutliche Steifigkeit an, die in Will das abwegige Bedürfnis keimen lässt, ihm zur Hand zu gehen.
Hannibal nickt. Stellt den Teller beiseite.
››Dorade an Thymian und Rosmarin. Ein prächtiger Fisch. Dazu eine leichte, säuerliche Weißweinsoße. Grauburgunder.‹‹ Hannibal schwenkt die schwere Pfanne umständlich, stellt sie ab, dreht sich mit seinem gesamten Körper zu Will um. ››Manchmal findet sich Genuss in den einfachsten aller Dinge.‹‹
Erst als Will neben dem Älteren steht, bemerkt er, dass er sich auf ihn zubewegt hatte.
Hannibal lässt es sich nicht nehmen (würde es sich niemals nehmen lassen), für sie zu kochen, doch finden sich angesichts aktueller Umstände Mahlzeiten auf ihren Tellern ein, die sich zwar weitab von jener Haute Cuisine bewegen, die Will von Hannibal gewohnt ist, die aber dennoch der Tradition des Fine Dining des Doktors würdig sind. Die Mahlzeiten, die er kocht, sind kleineren Umfangs. Es finden keinerlei Komponenten Verwendung, deren Konsistenz zu fest ist, um Wills heilendem Kiefer das Kauen zu erleichtern. Er achtet auf Reichhaltigkeit; versucht die Strapazen der Flucht und der Notoperation, die an seinen Kraftreserven und seiner Muskelmasse gezehrt haben, wett zu machen. Will bemerkt, dass heute der erste Abend ist, an dem sich Hannibal an die gusseiserne Pfanne wagt, die den Mann mit ihrem stolzen Gewicht von über vier Kilogramm noch immer an die Grenzen dessen bringt, was er auf Oberkörperhöhe heben kann.
Zum heiteren ersten Akt einer Oper, die Will nicht auf Anhieb einordnen kann, trägt er im Esszimmer zwei Gedecke auf und hat Mühe, nicht über den drängenden Takt zu stolpern.
Auf dem Tisch thront ein eigenwilliges Pflanzengeflecht. Um ein Nest aus tintenblauer Belladonna rankt ein Kampf aus weißem Oleander und gelbem Kreuzkraut. Drei Pflanzen, die Will schmerzliche Erinnerungen an Beverly entlocken.
›Where does responsibility begin and end, Dr. Lecter? With a final act, or the events that led to it?‹
Hannibal bringt die angerichteten Teller. Die Ärmel seines Hemds, die während des Kochens noch nach oben gekrempelt die sonst darunter verborgenen, vernarbten Unterarme preisgegeben hatten, sind nun von aufpolierten Manschettenknöpfen verschlossen, die unter dem Saum eines leichten, dunklen Jacketts hervorlugen. Hannibals Bewegungen wehren sich gegen jene Mühe, die der Mann dafür aufwenden muss, ihnen den Anschein von Geschmeidigkeit zu verleihen.
Es erinnert Will an ein verletztes Raubtier.
Er weiß, welche Gefahr in ihnen wohnt.
Will spürt Hannibals Blick auf sich ruhen, als sich der Ältere in seinen Stuhl sinken lässt während Will selbst noch immer am Tisch steht. Mit einem Zeigefinger fährt er die Kontur einer der giftigen Kirschen nach.
››Kommunizieren wir jetzt durch Blumen?‹‹
Hannibal greift nach seiner Serviette, bettet sie sich auf den Schoß. Will zupft eine der Kirschen aus dem Gesteck, setzt sich nun ebenfalls.
››Obgleich ich es der Weisheit und den Lehren meiner Tante verdanke, die Sprache der Blumen zu sprechen, bevorzuge ich dennoch das gesprochene Wort. Wobei es stets im Auge des Betrachters liegt, Blumen eine Bedeutung zuzuweisen oder deren Verwendung zu hinterfragen.‹‹
Will legt die Kirsche zwischen sich und Hannibal auf die dunkle Tischplatte des massiven Holztischs. Er hebt seinen Blick; weiß, dass Hannibal die bittere Mischung aus Schmerz und Amüsement in seinen Augen glänzen sehen kann.
››Die Ironie giftiger Pflanzen als Tischgesteck entgeht mir keineswegs, Hannibal.‹‹ Will lehnt sich nach vorn, bettet seine Unterarme auf die Kante des Tischs. ››Erleuchten Sie mich darüber, Doctor Lecter, wofür die Farbe Blau verwendet wird?‹‹
Hannibals Augen sind unausweichlich.
››Hochzeiten‹‹, antwortet er.

››Wir müssen darüber reden, Will.‹‹
Will beobachtet Hannibal, der ihm gegenüber auf der anderen Seite des opulenten Esstischs sitzt und ein auf einer Silbergabel ruhendes Stück Fisch genüsslich zwischen seinen schmalen Lippen verschwinden lässt.
Schließlich legt Will sein Besteck nieder, greift nach seinem unberührten Glas Weißwein, von dem er weiß, dass ihn die kreisrunde Öffnung des hauchdünnen Glasbauches an die Grenzen dessen bringen würde, was sein Gesicht zu leisten vermochte.
››Über was?‹‹
Behutsam setzt er das Glas an seine Lippen, leicht schräg, um mit der linken Seite seines Mundes trinken zu können.
Das würzig-leichte Bouquet bettet sich einer Verheißung gleich über Zunge und Gaumen und hinterlässt in Will das beängstigende Gefühl, dass sich der Geschmack, der sich ungehindert in seiner Mundhöhle ausbreitet, sich bis in seine Nervenbahnen ausdehnt, bis in die Fasern seines Körpers sickert, in die Waben seines Bewusstseins. Noch immer bereiten ihm Essen und Trinken Probleme, auch mit gezogenen Fäden und einer verheilenden Wunde, doch weiß Will, dass er einen Weg finden würde, damit umzugehen.
In diesem Leben kannte er keine Grenzen mehr.
An seiner Artikulation konnte er arbeiten.
Schweigen war eine angenehme Alternative.
››Über die Dinge, die geschehen sind. Die Dinge, die die Zukunft bereithalten wird. Bereithalten kann.‹‹
Will antwortet nicht.
Wartet ab, welche Eröffnung Hannibal in dieser Partie parat hält.
Sekunden dehnen sich zwischen Augen, die einander gefangen halten. Das Klimpern des Bestecks auf Hannibals Teller verstummt.
››Ich weiß, dass du dir Gedanken gemacht hast, Will.‹‹ Hannibal hält inne, wendet das Messer in seiner Rechten hin und her, fängt in der Schneide das Licht des Kronleuchters, der über dem Tisch schwingt. ››Welche Neuigkeiten gibt es aus Quantico?‹‹
Der alte Feind.
Einen Moment wiegt Will seinen Kopf hin und her. Beinahe kann er Hannibals Blutdurst durch seine eigenen Venen pumpen spüren.
››Das FBI hatte tatsächlich ein Einsehen. Wer hätte gedacht, dass Freddie Lounds in einem ihrer Artikel tatsächlich einmal die Wahrheit berichten würde.‹‹ Statt nach einer Serviette zu greifen, wischt Will sich mit dem Daumen einen Hauch Speichel aus dem Mundwinkel. Hannibals Blick hält er mühelos stand. ››Special Agent Jack Crawford ist Geschichte. Offiziell und unwiderruflich.‹‹
Wills Finger greifen den dünnen Stil des Weinglases, rollen ihn zwischen rauen Fingerkuppen.
Hannibal hebt sein Glas, in dem sich Wasser statt Wein befindet, als wolle er auf diese Nachricht anstoßen.
››Ein Hoch auf qualitativ hochwertigen Investigativ-Journalismus‹‹, haucht er lächelnd in sein Glas, bevor er trinkt. Als er das Weinglas abstellt, gleitet Hannibals Blick an Will vorbei, verliert sich für einige Sekunden in den dunklen Verlockungen der Nacht, die sich vor den Esszimmerfenstern erstreckt, bis sich das Zentrum seiner Aufmerksamkeit wieder auf den Jüngeren zu betten scheint. Die zarten Falten eines verhaltenen Grinsens verharren in seinen Mundwinkeln. ››Dennoch ist er ein gefährlicher Mann.‹‹
Mit seinem bewegungsfähigen linken Mundwinkel grinst Will in sein Glas, bevor er sich einen weiteren großzügigen Schluck genehmigt. Zeige- und Mittelfinger der rechten Hand zu Hilfe genommen und an seinen tauben Mundwinkel gepresst verhindert er, dass ihm Wein aus dem Mund läuft.
Erneut stellt er das nun beinahe geleerte Glas beiseite, begegnet Hannibals glühenden Augen.
››Um Jack Crawford würde ich mir vorerst keine Gedanken machen, Hannibal.‹‹
Eine der nahezu unsichtbaren Augenbrauen seines Gegenübers reckt sich in die Höhe.
››Stattdessen?‹‹
Stattdessen, eine Erinnerung.
›Hello, Will.‹ – ›May I come in?‹ – ›Do you intend to point a gun at me?‹ – ›Not tonight.‹
Wills Lachen ist kaum mehr als ein leises Schnaufen, dass sich aus seiner Nase stiehlt. Er nimmt sich die Muße, das letzte Stück Fisch zu essen, bevor er antwortet.
››Und ich dachte immer, du seist derjenige, der alle Schachzüge voraussehen und lenken kann.‹‹ Hannibals Lächeln verharrt, doch durch das zarte Herabneigen seines Kopfes glimmen seine Augen nun wie lodernde Funken, die sich aus der Asche der Vergangenheit emporheben. ››Deine größte Sorge sollte momentan mir gelten. Zwei verletzte Raubtiere, und beide sind hungrig. Das könnte zu Spannungen führen, nicht wahr, Doctor Lecter?‹‹
›Are you expecting someone?‹ – ›Only you.‹ – ›Kept my standing appointment open.‹ – ›And you're right on time.‹
Hannibal zieht einen Schmollmund. Beinahe raubt das Funkeln in seinen Augen Will den Atem.
Der Kehlkopf des Älteren hebt sich, als Hannibal trocken schluckt. Will bemerkt, dass sich das herausfordernde Lächeln des Mannes gleichfalls in seinen Iriden findet, dass die Haut um seine Augen in zarte Falten legt. Will bemerkt, dass es sich auf seinen eigenen Gesichtszügen spiegelt, als er sich mit einer Serviette den Mund abtupft.
›I have to deal with you. And my feelings about you. I think it's best if I do that directly.‹
Der Psychiater positioniert sein Besteck in exaktem Fünfundvierziggradwinkel auf seinem leeren Teller, trinkt einen Schluck Wasser, beginnt damit, am Stiel des nahezu geleerten Glases zu spielen.
Nun ist es an Hannibal, die Stille zu nähren.
Will lehnt sich in seinem Stuhl zurück. ››Wir beide, Hannibal… Wir beide sind identisch verschieden.‹‹ Einen flüchtigen Moment muss er den Impuls, nach dem Weinglas zu greifen, unterdrücken. Ein Feuer entzündet sich in seinen Nervenbahnen. ››Ich teile deinen Appetit nicht. Ich toleriere ihn.‹‹

›Ich toleriere ihn.‹
Hannibals Kiefer pressen sich gegen seinen Willen aufeinander. Er weiß, dass Will das Hervorwölben seiner Kaumuskulatur sehen wird.
In den Worten des Jüngeren schwingt keinerlei Feindseligkeit (wie zu jener Zeit, als er hinter Gitterstäben aus Eisen begriff, was Hannibal war), keinerlei Erschöpfung (wie zu jener Zeit, als er in den Nachwehen des Massakers auf der Muskrat Farm begriff, wer Hannibal war).
Toleranz. Das Geltenlassen, das Gewährenlassen anderer Überzeugungen, anderer Handlungsweisen.
In den azurblauen Augen seines Gegenübers sucht Hannibal nach Anzeichen der Täuschung, nach Anzeichen einer verborgenen List.
Doch findet er keine.
Wills Stimme klingt fern, und doch scheint sie inmitten seines Kopfes zu entspringen. ››Du nimmst Leben. Ich verschone.‹‹
››Während du zu Töten fähig bist. Und ich dazu, Leben zu verschonen.‹‹
Auf Wills Gesicht zeichnet sich ein wissendes Lächeln.
Und Hannibal begreift das Friedensangebot, als er seinem Geist erlaubt, sich bis in die letzte, blutig-rostige, im Schatten verborgene Faser davon erfüllen zu lassen.

››Was schwebt dir vor?‹‹
Beide Männer wissen, dass Will nicht nach dem Was fragt.
Will bemerkt, dass Hannibal ein zartes Lachen unterdrückt. Als sich zudem noch der Kopf des Älteren leicht zur Seite neigt, weiß Will, was er im Begriff ist, zu sagen, und kommt ihm zuvor. ››Oho, Doctor Lecter‹‹, Will hebt seine Arme in gespielter Empörung in die Luft. ››Auf derartige Privatvergnügen würde ich aktuell verzichten. Alana wird mit ihrer Familie an einen Ort geflohen sein, an dem sie sich einer Illusion der Sicherheit wiegt. Belassen wir sie in dem Glauben.‹‹ Will hebt das Glas erneut an die Lippen. Bevor er trinkt flüstert er: ››Vorerst.‹‹
Hannibals Hände lösen sich vom Stil seines Weinglases, fahren über die Tischkante, und, statt sie zu umgreifen, faltet er seine Hände locker ineinander.
››Bedelia.‹‹
Ein Grinsen zupft unverschämt an den Mundwinkeln des ehemaligen Profilers. Im Raum schwellen die gespannten Noten der Oper an, die nun gänzlich an Heiterkeit verloren hat; dehnen sich, stauchen sich, scheinen erst nah, dann wieder fern.
››Bedelia‹‹, Will leert den letzten Schluck Wein, weist mit dem leeren Glas auf Hannibal, ››ist ein Problem, das eine zeitnahe Intervention erfordert.‹‹
Hannibal greift nach der Weinflasche, schenkt Will nach. Großzügig.
Will ergreift seinerseits die Initiative und greift nach der edlen Wasserkaraffe, die auf dem Tisch thront, um Hannibal nachzuschenken. Sie ist zu schwer, als dass Hannibal sie heben könnte.
››Beinahe bedaure ich es, dass sich mir in Florenz nicht die Gelegenheit ergeben hat.‹‹
Die Wehmütigkeit, die sich in seine Stimme schleicht, befindet Will für täuschend echt.
Will bettet den Bauch des Glases in seine Handfläche und ergötzt sich an dem Hauch des Tadels, der in Hannibals Blick auflodert. Er genügt sich damit, den Psychiater mit einem schiefen Lächeln zu besänftigen, bevor eine Unruhe in seine Knochen kriecht, die ihn aufstehen und ihn langsam durch das Esszimmer schreiten lässt. Vor den bodentiefen Fenstern, die zur Veranda zeigen, bleibt er stehen, und verliert sich für einen Moment in der Unendlichkeit der Nacht, bevor er in der verschwommenen Reflexion des Glases Hannibals Blick findet. Ein unscharfes Spiegelbild des älteren Mannes, der sich nun locker im Stuhl zurückgelehnt hat, die Beine mit Mühe überschlagen, das wassergefüllte Weinglas (beinahe ein Sakrileg) auf einem Knie abgestellt.
››Ich denke, dass ich bei einem gewissen Chesapeake Ripper ein Muster erkannt habe. Ein Netz, in das Doctor Du Maurier geraten ist, und nun verzweifelt versucht, sich strampelnd aus den Fäden zu winden, die sie gefangen halten.‹‹ Will dreht sich um. Eine flüssige Bewegung; Sicherheit in allen Fasern, die seinen Körper konstituieren.
Vor seinem inneren Auge schwingt kein Pendel, doch spürt er, was Hannibal spürt. Spürt ihn und spürt sich selbst. Das erregte Flattern in den Blutbahnen zweier Körper, das am robusten Rhythmus ihrer Herzen zerrt. ››Vor langer Zeit gab es einen Mann namens Abel Gideon, der der Welt erzählte, er sei der Chesapeake Ripper.‹‹ Will macht einen Schritt in Hannibals Richtung. Der Wein lockert seine Zunge. ››Er brüstete sich mit Taten, die er nie begangen hatte, mit einer Kunst, die er nicht geschaffen hatte‹‹, ging einen weiteren Schritt, ››und strahlte im Glanzlicht einer Identität, die nicht die seine war.‹‹
Zaghaft, als pirsche er sich an Beute heran, die die Unausweichlichkeit einer todbringenden Gefahr bereits gewittert hat, verringert Will den Abstand zu Hannibal. Auf seinem Weg zu dem Älteren stellt er sein Weinglas auf dem Esstisch ab.
››Und was hat der Chesapeake Ripper daraufhin unternommen?‹‹, fährt Will fort. ››Er hat Abel Gideon gekidnappt und ihm, wenn ich mich recht entsinne, sein Bein amputiert und ihm serviert. Und anschließend hat er ihm, Stück um Stück, Gelenk um Gelenk, weitere Gliedmaßen vom Körper getrennt. In gleicher Manier, wie Frederick Chilton Abel einst seine Identität genommen und durch eine andere ersetzt hat, hat der Chesapeake Ripper ihm seinen Körper genommen, Stück um köstliches Stück, und hat es zu mehr verwandelt, als Abel Gideon es zu Lebzeiten je gebracht hat.‹‹

Hannibal trinkt einen Schluck Wasser, um die Überreste seiner Stimme zu ölen, von der er überraschenderweise kaum weiß, wie brüchig sie mittlerweile klingen muss.
››Vollkommen korrekt.‹‹
Ein Schritt.
Ein weiterer.
Und er spürt Will hinter sich zum Stehen kommen.
Mit ihm verlangsamt sich die gesamte Erdrotation zu einem jähen Stopp.
Hannibal sieht sich mit der unwiderstehlichen Versuchung konfrontiert, seine Augen zu schließen, um die schiere Präsenz des jungen Mannes durch die in Brand geratenen Zellen seines Körper pulsieren zu lassen, durch seine wabernden Blutbahnen, durch seine knisternden Nervenzellen. In ihm entfacht sich ein Feuerwerk, das an den Grenzen und unzerstörbaren Fundamenten seiner Selbstbeherrschung reißt.
Er ist sich nicht sicher, worauf Will hinauswill, doch nie war er begieriger, es herauszufinden.
Eine von harter Arbeit rau gewordene Hand erscheint in seinem Blickfeld, löst das Glas sanft aus Hannibals Hand, stellt es behutsam auf dem Tisch ab.
Dann (Hannibal würde niemals zugeben, sich in jener Situation versteift zu haben), betten sich zwei warme Hände auf seine Schultern.
Besitzergreifend.
Mächtig.

››Doctor Du Maurier hat sich in meiner Gegenwart als ›Bluebeards Wife‹ bezeichnet. Und wir beide wissen, unter welcher Strafe es steht, sich mit einem Titel zu schmücken, der einer anderen Person gilt.‹‹
Hannibals Kehlkopf hüpft, als er um die starren Worte in seinem Kehlkopf schluckt – hüpft ein zweites Mal, als sich die Bedeutung der Worte aus Wills Mund durch die vor Spannung gezerrten Bahnen und Stränge seines Bewusstseins voran arbeitet, um im Zentrum seiner Gedanken Wurzeln zu schlagen, bis die Erkenntnis vollends und unausweichlich erblüht, strahlend und glasklar, als sie sich aus blutrotem Nebel erhebt und sich aus Kupfergeruch hervorschält.
Hannibal kann nur mutmaßen, ob er noch in der Lage ist zu sprechen.
››Bedelia, allein im Kampf gegen zwei verletzte Bestien?‹‹
Hannibal will aufstehen, doch kann er sich nicht rühren.
Wills Hände halten ihn mit ihrer sanften Berührung an Ort und Stelle.
Das einzige, das einzige, zu dem er in der Lage ist, ist es, seinen Blick zu heben und über seine Schulter hinweg zu Will aufzusehen, der noch immer hinter ihm steht und ihn in jenem Moment zu einer ungeahnten, ungekannten Vollständigkeit komplettiert.
Es ist der Blick, das Treffen und Verschmelzen zweier Augenpaare, Bernstein und Azur, der die Gegenwart spaltet und die Zeit in eine unwiederbringliche Vergangenheit und eine lockende, unerforschte Zukunft zerteilt.
›Your memory palace is building. It´s full of new things. It shares some rooms with my own. I discovered you there. Victorious.‹
Will packt Hannibal am Stoff seines Jacketts, reißt ihn in die Höhe, um ihn mit der Rückseite seiner Oberschenkel gegen die Kante des Esstischs zu pressen. Die Hände des Älteren suchen und finden an Will keinen Halt. Unnachgiebige Finger packen sein Revers, zerren das Jackett von gespannten Schultern. Das darunter zum Vorschein kommende Hemd wird aufgerissen. Knöpfe springen, klimpern arglos über den Fliesenboden.
››Mitleid‹‹, Wills Atem glüht heiß auf Hannibals Gesicht, ››hat an dieser Tafel keinen Platz, Doctor Lecter.‹‹
Nur am Rande seiner Wahrnehmung begreift Hannibal, dass er nicht mehr atmet.
Es nicht mehr kann.
Es nie wieder können wird.
Nicht ohne Will.
Seine zitternden Hände finden Wills Hemdknöpfe, doch er bevor er dem Jüngeren den Stoff von den Schultern streichen kann, gleitet ein Arm an ihm vorbei, ein Schatten am Rande seines Verstands, und fegt ohne zu zögern Teller und Weingläser und Besteck vom Tisch; Keramik und Glas und Silber bersten scheppernd und hell, die Kirsche kullert davon, bis es plötzlich, ganz plötzlich, still ist.
Einen Moment lang, und einen weiteren.
Zwischen ihnen, Wills hektischer Atem und der Geruch geopferten Weißweins.
Ohne es zu bemerken stiehlt sich Wills Zungenspitze aus dem Rot seines Munds hervor, befeuchtet Lippen, von denen Hannibal weiß, dass sie nach ebenjenem Wein schmecken. Doch kaum, dass er sich auch nur einen Millimeter zu Will beugt, fächern sich fünf Finger einer Hand, die keinerlei Gnade kennt (nicht heute Abend, nicht jetzt), auf seiner Brust auf und drücken den älteren Mann hinab, weiter hinab, hinab bis auf die blanke Tischplatte, dessen robustes Holz warm in seinem Rücken ist.
Die Spannung, die durch diese Position in unerträglicher Stärke an den Nähten seiner Operationswunden zerrt, lässt Hannibal reflexhaft sein rechtes Bein anziehen. Er legt es um Wills Hüfte, um zu verhindern, dass die Nähte unter den quadratischen Viskosepflastern gänzlich reißen. Und über ihm, über jeden Zweifel erhaben, Will Graham, ein fiebriges Glänzen in den Augen, und Hannibal weiß, weiß, was geschehen würde. Geschickte Finger öffnen die Schnalle seines Gürtels in einer effizienten Bewegung, die keine Zeit vergeudet, und ziehen ihm Stoffhose samt Unterwäsche geschmeidig von den schlanken Beinen, die sich nun ohne willentliches Zutun um Wills Hüften schlingen, gefangen im reißenden Widerstreit zwischen Schmerz und Verlangen.
Ohne sich von Wills Augen zu lösen bemerkt Hannibal dennoch, wie der Jüngere seine eigene Gürtelschnalle öffnet, Hose und Boxershorts unspektakulär in seine Kniekehlen rutschen lässt.
Hannibal fängt Feuer, als Haut auf Haut trifft. Etwas in seiner Kehle löst sich, ein Hemmmechanismus, der endgültig zerbricht, und ein zittriges, erbärmliches Wimmern lässt seine spröden Lippen beben; lässt ihn wissen, dass er kaum noch in der Lage ist, zu atmen.
Er würde nehmen, was immer Will zu geben hatte, und würde ihn nehmen lassen, nach was es ihm auch immer verlangte.
Bedingungslos.
Es würde kein Vorspiel geben, keine Zärtlichkeiten, keine atemlosen Küsse.
Etwas anderes hat er kaum erwartet. Hannibal the Cannibal würde verzehrt werden, würde von der Bestie einverleibt, die er selbst geschaffen hatte, in poetischer Grausamkeit auf dem eigenen Esstisch, der Leinwand seiner Gräueltaten.
Mehr hatte er kaum zu hoffen gewagt.
Ein gleißendes Licht flutet den Raum, blendet ihn, raubt ihm jeden einzelnen seiner empfindsamen Sinne, als sich glühende Finger um seine Härte schließen.
Die Welt vor seinen Augen explodiert in Licht.
Hat er aufgeschrien?
Er weiß es nicht.
Weiß nichts mehr.
Hannibals Rücken hebt sich von der Tischplatte, biegt sich ins Hohlkreuz, bis Wills linke Hand über seinen entblößten Bauch gleitet und den glühenden Oberkörper zurück auf die Holzplatte drückt. Zeit und Raum verlieren an Bedeutung, dehnen und zerren sich entgegen aller Grenzen ihrer konstituierenden Gesetzmäßigkeiten, als Will sie beide umgreift, und zwei ausgedörrten Kehlen ein trockenes Keuchen entlockt.
Wills linker Arm fädelt sich unter Hannibals rechtem Knie hindurch und seine Hand schiebt sich unter dessen Gesäß, sodass das Bein des Älteren locker in Wills Armbeuge hängen kann und keinerlei Spannung auf den Wunden liegt.
Hannibal windet sich unter den Wogen der Lust, die die Berührung zweier hungernder Körper in seinem Unterleib brennen lässt. Und dann, dann stürzt die Welt aus ihrer Umlaufbahn, beginnt zu schlingern, stürzt hinab, als Wills Hand einen steten Rhythmus findet. Ein kehliges Stöhnen quillt aus Hannibals Seele, mündet in einem Knurren, durchstößt den Nebel seiner Sinne. Das allsehende Universum wendet sich ab, schließt seine Augen, lässt urteilslos geschehen.
Und Will ist still.
Die Züge des jungen Mannes spannen und zerren sich unter der Last seines Verlangens, exquisiter, als es jeder Schmerz der Welt je könnte.
›What makes you think you could change me, the way I’ve changed you?‹
Zwei schmale Hüften biegen sich der gebenden und alles nehmenden Hand fordernd entgegen, kollidieren miteinander, finden einen Rhythmus, hart und grob und unnachgiebig, bis Schweiß aus den Poren ihrer Haut quillt und sich zu einem Bukett mischt, das beiden Männern jeglichen letzten, klaren Gedanken raubt. Und während Haut auf Haut trifft, untermalt vom Keuchen und Fluchen und Wimmern zweier verzweifelter Gestrandeter, braut sich ein Gewitter zusammen, das alles mit sich reißen und vernichten würde.
Hannibals Hände krallen sich haltsuchend an der Tischkante fest und er spürt (viel zu früh, viel zu heftig), wie die Klimax ihrer Lust heiß in ihren Unterleiben zu kochen beginnt.
›I already did.‹
Wills Bewegungen werden unwirsch, verlieren an gezielter Koordination, geraten ins Stottern, bis sich ein Flüstern aus seiner Seele befreit, über seine schimmernden Lippen taumelt und in der Realität zerbirst.
››Hannibal-‹‹
Und Hannibal stürzt, reißt Will unaufhaltsam mit sich, während sie gemeinsam die Schwelle überschreiten und sie von Wills unnachgiebiger Hand die letzten Konvulsionen ihrer beiden Körper auswringen lassen.
Hannibals Blick gleitet über die klammen, dunklen Locken, die Will lose in die Stirn hängen, gleitet über den Anblick seines eigenen, schweißglänzenden Beins in Wills Armbeuge, gleitet über den durchtrainierten Oberkörper, der zwischen seinen Beinen aufragt, die lockenden Narben, die Rinnsale frischen Schweißes, die sich entlang der Kurven und Furchen des jungen Körpers sammeln.
Ein Augenblick, der eine Ewigkeit umspannt.

Hannibal weiß nicht, wie viel Zeit vergeht.
Wie lange er damit überfordert ist, zu atmen.
Wie lange er auf dem harten Holz liegen bleibt, bis Will ihn mit zitternden Armen zu sich zieht.

Will kann sich nicht daran erinnern, wie er ins Bett gekommen ist.
Mit dem Aufschlagen seiner Lider sickert die Erkenntnis in sein Bewusstsein, dass das nicht sein Bett ist, in dem er liegt.
Weiche Laken schmiegen sich beschwichtigend an seine nackte Haut, während er in der Dunkelheit ein funkelndes Augenpaar neben sich wähnt.
Langsam lässt er seinen Kopf zur Seite gleiten, begegnet Hannibals Blick, doch erhebt sich der ältere Mann ohne ein Wort, schlägt die Decke zurück, tappt ohne Eile aus seinem eigenen Schlafzimmer.

Will kann sich nicht daran erinnern, wie lange Hannibal fort war.
Minuten? Stunden?
Die Zeit verliert an Bedeutung.
Er wird wach, als ein Gewicht die Matratze eindellt.
Der süßliche Arnika-Geruch lässt nur allmählich in Wills Bewusstsein dringen, dass Hannibal mit dem im Badezimmer stehenden Glastiegel Öl hantiert haben musste.
Er wird hellwach, als sich ein glühender, nackter Körper erst auf ihn schiebt, ihn schließlich packt und sie beide dreht.

Mit einem Tremor, der seinen gesamten Körper durchläuft und Hannibal bis ins kleinste Sarkomer erzittern lässt, zieht er Will zwischen seine Beine. Die Überreste des Öls, die noch immer an seinen Händen kleben, lassen den jüngeren Mann begreifen.
Wills Worte dröhnen rau in Hannibals Ohren, als eine glühende Hand über die heilende Wunde des Unterbauchs streicht.
››Ich werde auf deine Verletzung achten, aber ich werde nicht zärtlich sein.‹‹
Hannibal will ihm antworten, will es wirklich, will ihm sagen, dass er keinerlei Rücksicht auf ihn nehmen soll, doch findet kein Wort, kein einziges Wort, den Weg über seine Lippen. Er verschluckt sich an seinem Atem, als Will ihn dehnt, als er sich auf seine Fersen setzt und Hannibals Hüfte, als würde der Ältere nichts wiegen, ohne Aufhebens in seinen Schoß zieht. Hannibals Universum verliert seine Orientierung, als Will in einer geschmeidigen Bewegung in ihn dringt, heiß und unnachgiebig und so, so, so! willkommen.
Mit jedem Stoß treibt es Hannibals Kopf tiefer in das durchgeschwitzte Kissen.
Entfernt spürt er Wills Hand über seinen sich hektisch hebenden und senkenden Brustkorb streichen, über das Pflaster, tiefer, bis er derb die Basis der harten Männlichkeit greift, die verlangend und pulsierend zwischen ihren Körpern wippt.
Eine Berührung und ein heiserer Schrei.
Und Hannibal, Hannibal vergisst, vergisst sich, vergisst-

Will erinnert sich daran, wie er ins Bett gekommen ist.
Er weiß, dass es nicht sein Bett ist, in dem er liegt.
Weiche Laken schmiegen sich klamm an seine nackte Haut, während er in den zarten Strahlen der aufgehenden Morgensonne einen schlafenden Hannibal neben sich wähnt.
Langsam lässt er seinen Kopf zur Seite gleiten, begegnet einem schlafentspannten Gesicht. Zaghaft streckt Will eine Hand aus, streicht Hannibal verirrte Haarsträhnen aus der Stirn. Ein leises Durchatmen kündigt das Öffnen verschlafener Lider an. Hannibals müde Augen glänzen, als er sich unter Schmerzen über die Matratze hinweg zu Will schiebt und die Lippen des Jüngeren mit seinen versiegelt.

Seit wenigen Tagen befindet er sich auf argentinischem Boden.
Jetzt, jetzt ist Will angekommen.