Requiem

von HDYFND
GeschichteRomanze, Schmerz/Trost / P18 Slash
Dr. Hannibal Lecter Will Graham
01.11.2019
30.03.2020
7
21.451
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25.01.2020 4.190
 
Kapitel Fünf:
Sanctus et Benedictus




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SCHRECKEN OHNE ENDE?


Drei lange Tage sind vergangen und noch immer hält ganz Amerika – wenn nicht gar die ganze Welt – den Atem an.
Niemandem, der in den vergangenen drei Tagen die Nachrichten verfolgt hat, hat entgehen können, dass dem berüchtigten Serienkiller und Kannibalen
Hannibal Lecter im Rahmen seiner Überführung vom ›Baltimore Hospital for the Criminally Insane‹ ins Bundesgefängnis des Staates Maryland die Flucht gelungen ist. Und noch immer fehlt von dem Mann, der ohne Zweifel als der berüchtigtste und gefährlichste Killer der Gegenwart bezeichnet werden kann, jede Spur.
Im Schatten dieses Ereignisses scheint es wie die geradezu makabre Fortsetzung eines Alptraums behüteter amerikanischer Bürgerlichkeit, dass zudem nicht nur der als
›Toothfairy‹ bekannte Familienmörder Francis Dolarhyde, dessen Identität nach Lecters Flucht an die Öffentlichkeit gelangte, wie vom Erdboden verschluckt scheint, sondern auch der (ehemalige?) FBI Sonderermittler William Graham, über dessen horrendes Gefahrenpotenzial – vor allem in Lecters Wirkungskreis – Tattlecrime.com bereits in der Vergangenheit ausführlich berichtet hat.

Aus FBI-Kreisen stammt die mittlerweile bestätigte Information, dass Lecter bereits seit drei Wochen mit dem FBI in Kontakt stand, um am
›Toothfairy‹-Fall mitzuwirken. Wie schon in einem zur gleichen Zeit erschienenen Artikel berichtet (›IT TAKES ONE TO CATCH ONE‹ -  Lesen Sie alle Tattlecrime.com-Artikel und Highlight-Berichte ab sofort hier im exklusiven Premiumabonnement), wurde Will Graham, seines Zeichens nicht nur ehemaliger Lektor an der FBI-Schule in Quantico und Sonderermittler, sondern auch Lecters‘ Partner in einer undurchsichtigen und schicksalsbelasteten (mörderischen?) Beziehung, mit den Ermittlungen betraut, obwohl er bereits vor drei Jahren das Bureau verlassen und nach der Verhandlung des Lecter-Falls den Kontakt zu dem in Baltimore inhaftierten Psychiater abgebrochen hatte.
Vor drei Jahren berichtete Tattlecrime.com ausführlich und exklusiv über Grahams Inhaftierung, den nervenaufreibenden Gerichtsprozess (der in einem mehr als fragwürdigen Freispruch und der Ermordung eines Richters endete), und die sich im Anschluss entspinnende, tragische Liaison zwischen Graham und Lecter, die nach dem Verschwinden beider Männer nach Europa und einem Blutbad auf der Verger'schen Muskratfarm schließlich zur Inhaftierung des Psychiaters führte. Am Ende dieses Berichts sind alle Links für die entsprechenden Exklusiv-Artikel
(›MURDER-HUSBAND ON THE RUN?‹, ›THE UNTOLD TRUTH OF HANNIBAL THE CANNIBAL‹, ›THE GRAHAM-LECTER FILES‹) für Tattlecrime.com-Abonnenten abrufbar.

Vertrauenswürdige Quellen berichten, dass der realitätsferne und scheinbar kaum durchdachte Plan des FBI beinhaltete, die Flucht Lecters zu inszenieren, um Dolarhyde anzulocken und durch diese Farce dingfest zu machen. Je genauer jedoch die Fakten und Fallstricke nachvollzogen werden, die zu jener fraglichen Nacht führten, in der Lecter die Flucht gelang, desto offensichtlicher wird das eklatante Fehlverhalten seitens des FBI, das nun zu einer Gefährdung unschuldiger Menschenleben führt und bereits dutzenden Polizeibeamten das Leben gekostet hat. Wie die Leitung des Bureaus gestern mitteilte wurde Jack Crawford, einstiger Leiter der Behavioural Science Unit des FBI und Vorgesetzter von Graham, mit sofortiger Wirkung aller Ämter enthoben und suspendiert. Ein Disziplinarverfahren wurde eingeleitet.
Den Ermittlungsakten ist ferner zu entnehmen, dass der Konvoi des Lecter'schen Gefangenentransports auf offener Straße angegriffen wurde und mehrere Polizeibeamte durch Schüsse exekutiert wurden. Es wird davon ausgegangen, dass Francis Dolarhyde diese Tode verantwortet, doch ist dies aufgrund der lediglich vorläufigen ballistischen Befunde zum aktuellen Zeitpunkt noch nicht abschließend geklärt. Da zwei Streifenwagen der Polizei entwendet wurden, deren GPS-Sender noch vorm Verlassen des Tatorts deaktiviert worden, und nur marginale Blutspuren von Lecter und Graham sichergestellt werden konnten, ist davon auszugehen, dass sowohl Dolarhyde als auch Lecter und Graham den Tatort lebend verlassen haben. Während die Faktenlage zweifelsfrei darauf hinweist, dass Graham die Flucht Lecters‘ bereits von langer Hand geplant hatte, bleibt jedoch unklar, ob Dolarhyde lediglich als Mittelmann der Flucht agiert hat und sich die Wege der drei Männer anschließend getrennt haben, oder ob sie ein (möglicherweise gar fatales) Aufeinandertreffen an einen anderen Ort ausgelagert haben. Dolarhyde, der entweder selbst oder in einer abgespaltenen Identität den
›Great Red Dragon‹, bekannt aus William Blakes berühmt-berüchtigten Kunstwerk ›The Great Red Dragon and the Woman Clothed in Sun‹, verkörperte, war dafür bekannt, ›Familien zu verwandeln‹ und diese ›mit der Macht des Roten Drachen verschmelzen zu lassen‹ [Zitat W. Graham]. Aus diesem Grund scheint die Vermutung naheliegend, dass er auch den Tod Lecters (und somit seine Verwandlung) anstrebte.

Über das Schicksal und den Verbleib der drei Männer kann bis zum gegenwärtigen Zeitpunkt nur spekuliert werden. Bislang gibt es keinerlei Indizien, die über den potenziellen Tod oder das Überleben der Männer endgültigen Aufschluss erlauben.
Tattlecrime.com setzt sich mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln dafür ein, dass das FBI nicht nur für das Fehlverhalten im
›Toothfairy‹-Fall zur Rechenschaft gezogen wird. Weiterhin verlangen wir, dass das Bureau zudem für die Lecter/Graham-Affäre Verantwortung übernimmt und im Interesse der Bevölkerung eine umfassende, endgültige Aufklärung dieses Falls erreicht. Wir betrauern den schmerzlichen Verlust der Polizeibeamten, die bei der Ausübung ihrer Pflicht ihr Leben verloren haben und können letztlich nur hoffen und beten, dass die Bürger Amerikas sich bald wieder in Sicherheit wissen können. Tattlecrime.com wird sich für Sie und alle Bürger der Vereinigten Staaten mit gewohnter Akribie und Vehemenz um die Aufklärung des Falls und eine lückenlose Berichterstattung einsetzen.

Freddie Lounds, Investigativjournalistin, für Tattlecrime.com



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››But do you ache for him?‹‹
Bedelia Du Maurier


Drei Tage nach der Wiedergeburt



Noch am selben Abend fällt der Entschluss.
Sie würden nach Argentinien gehen.

Will lehnt mit dem Rücken am Waschtisch des Bads, als Hannibal sich vor ihn stellt, zu nah, und beide Hände neben die Ohren des jungen Mannes hebt. Er schnipst in schneller Salve dreimal hintereinander.
Will schüttelt den Kopf.
››Hört sich auf beiden Seiten gleich an.‹‹
Ein flüchtiges Lächeln zuckt über Hannibals Gesichtszüge, ist bereits verschwunden, als Will bemerkt, dass es überhaupt dagewesen war.
Seine Aufmerksamkeit folgt Hannibals Händen im gedimmten Badlicht, das der Welt die Farben nimmt, als der Arzt nach einem nassen Tuch greift und das Pflaster auf Wills Wange mit sanftem Tupfen durchfeuchtet. Unter der Berührung kalter Fingerkuppen auf seiner Haut bemerkt Will, dass sein Bart nachzuwachsen beginnt. Hannibal löst eine Ecke des quadratischen Stoffs, zupft den kaum noch klebenden Rand des Wundpflasters von einer fiebrig-warmen Wange.
Klamme Luft durchdringt die Naht der Schnittverletzung. Wills Lider schließen sich, als sich raue Hände zu beiden Seiten seines Kopfs in sein Haar schieben, sich Daumen an seine Ohren betten, und Hannibal ihn in sanftem, doch festen Griff hält, um Wills Gesicht im schwachen Licht des Zimmers zu wenden und die Wunde zu inspizieren. Das hitzige Kribbeln, das die Berührung des Mannes in seinem Gesicht hinterlässt, sackt hinab bis in Wills Magengrube und zerrt auf dem Weg gen Süden am Rhythmus seines Herzschlags.
Hannibal muss es unter seinen Fingerkuppen spüren.
Die Stimme des Älteren ist kaum mehr als ein Flüstern.
››Kannst du die Mundwinkel heben?‹‹
Und als die Worte des Arztes, die eine Inventur der Verletzung diktieren, über sein Gesicht gleiten, heben sich Wills Lider, flatternd, enthüllen geweitete Pupillen wie polierten Damast. Will ist sich sicher, dass Hannibal in ihnen seinem klaren Spiegelbild begegnet.
››Die Lippen schürzen, bitte.‹‹ Wills gesamter Mund verzieht sich nach links. ››Jetzt die Zähne zeigen. Die Nase rümpfen.‹‹ Hannibals Augen wandern in Richtung der Stirn. Er beugt den folgsamen Kopf in seinen Händen nach vorn, dass Wills Augen auf der Kuhle zwischen Hannibals Schlüsselbeinen zum Ruhen kommen. ››Jetzt die Augenbrauen heben. Und zusammenziehen. Die Augen zusammenkneifen. Hervorragend.‹‹
Die Worte schwinden, doch die Berührung bleibt.
Will hebt seinen Kopf.
Hannibals Hände verweilen.
››Und, wie lautet die Diagnose, Herr Doktor?‹‹
Der neckende Beiklang verliert sich jenseits des Universums; schafft es nicht, sich um Wills Worte zu stülpen.
››Ich vermute eine Verletzung im Bereich der Rami buccales und der Rami marginalis mandibulae.‹‹ Der Kopf des Älteren sinkt wenige Millimeter zur Seite, als seine Augen Wills finden und mit einer Intensität durch ihn hindurchdringen, die ihn frösteln lässt. ››Du hattest Glück im Unglück, Will.‹‹
Die Bewegung in seinem Augenwinkel, die er hätte wahrnehmen müssen. Er sieht das Messer nicht, als sich seine Hand an die Waffe schiebt, die er vor Stunden einem toten Polizisten angenommen hatte. Einem Kollegen. Will begreift, dass Dolarhyde schneller ist, als Schmerz in seinem Gesicht explodiert, seine Gedanken zu einer Eruption aus Licht bersten und-
››Es fühlt sich nicht wie Glück an‹‹, nuschelt er aus steifen Kiefern.
Beinahe meint er, das Kratzen eines Geweihs in der Diele zu hören. Ein nahes Schnaufen ist doch nur eine ferne Böe. Draußen frischt der Wind auf, haucht eine flehentliche Melodie, als er um die Ecken des Hauses streicht und über die Klippen flieht.
Hannibals Daumen, die an Wills Ohren liegen, beginnen einen beruhigenden Rhythmus über dessen Wangenknochen zu streichen.
››Das Huainanzi beinhaltet die klassische Parabel zu Glück und Unglück, niedergeschrieben im zweiten Jahrhundert vor Christus. Unglück bewirkt Glück - und Glück bewirkt Unglück. - Dieses passiert ohne Ende - und niemand kann es abschätzen. Es ist uns unmöglich, alle Ereignisse und Konsequenzen und Gegebenheiten zu greifen und zu begreifen, und dadurch zu verstehen, was Glück und was Unglück ist, Will. Das einzige, das wir tun können, ist, das Leben so zu akzeptieren, wie es ist.‹‹
Wills Iriden verlieren den Halt und beginnen, zwischen Hannibals Augen hin und her zu pendeln.
››Wird das jetzt ein Vortrag über Gut und Böse? Yin und Yang?‹‹ Will schluckt gegen den Widerstand in seinem Kehlkopf. ››Ich weiß nicht, ob ich schon bereit bin für Gespräche über Daoismus und Philosophie. Doctor.‹‹
Hannibals rechte Hand löst sich von seinem Gesicht, hinterlässt eine Leere, die augenblicklich in seiner Brust rumort. Beinahe erschrickt Will, als die Kuppe eines kühlen Zeigefingers zuerst über die Haut streicht, die seine Lippen umgibt, dann über seine Wangen, sanft, zart, und schließlich über seine Lippen.
››Bemerkst du Veränderungen im Empfinden? Taubheit? Parästhesien? Hitze oder Kälte?‹‹
Will will seinen Kopf schütteln. Schafft es nicht, ist wie betäubt.
››Du meinst außer Schmerz?‹‹
Seine Worte sind gehauchter Atem.
Ihre Augen halten einander fest, als Will Hannibals Handgelenke umgreift, derber als beabsichtigt, und mit seinen Daumen jene leicht erhabenen Narben entlangfährt, die eine erbarmungslose Klinge auf sein Geheiß hin in das empfindsame Fleisch gezeichnet hat.
››Will.‹‹
Sein Name, eine geraunte Silbe, intoniert zwischen Warnung und Verheißung. Hannibals Lippen pressen sich zu einem dünnen Strich. Seine Pupillen verlieren den Fokus, beginnen zwischen Wills Augen und Lippen zu pendeln. Will beugt sich zu dem Älteren, nah, näher, bis sich ihr beider Atem mischt, bis sich beide ihre Lippenpaare in Erwartung öffnen.
Wills Stimme ist leiser als der Puls, der in seinen Ohren dröhnt.
››Wir müssen packen.‹‹

Mit baren Oberkörpern und frisch versorgten Wunden stehen beide Männer vor den geöffneten Schwebetüren des Kleiderschranks.
Die Nacht schleicht sich heran.
Wills Stimme bricht die Stille.
››Beinhaltet dein Plan auch eine Möglichkeit, wie wir es überhaupt bis nach Argentinien schaffen?‹‹
Der Blick, den ihm der Ältere von der Seite aus zuwirft, ist herausfordernd. Ein tückischer Glanz in Augen, in denen Universen kollidieren.
Will ergötzt sich daran.
Erst in diesem köstlichen Moment wird ihm bewusst, dass Hannibals Geist sich aus dem Kokon seiner Verletzung schält, dass er ungeachtet seiner Verletzungen zu altbekannter Stärke zurückfindet.
Hannibal macht keinerlei Anstalten, die Beeinträchtigungen seines Körpers zu überspielen. Nicht gegenüber Will. Nicht nach allem, was geschehen ist. Die Eleganz seiner Bewegungen ist unsicheren Schritten gewichen; jeder Bewegung seines Oberkörpers mangelt es an ebenjener Flüssigkeit, die ihm einst die Qualität und Beherrschung eines Tänzers verliehen hatte.
Will weiß, dass es nur eine Frage der Zeit war, bis auch diese Wunden verheilen würden.
Tote Triebe müssen gekappt werden, damit neue Rosenblüten treiben können, Will.
Länger als angemessen hält er den Blickkontakt mit dem Älteren aufrecht, der aus einem Stapel sorgsam gefalteter Kleidung soeben einen schwarzen Pullover aus dem Schrank gepflückt hatte und diesen nun locker, doch reglos in den Händen hält.
››Argentinien war nur ein Notfallplan. Falls ich die Vereinigten Staaten für lange Zeit verlassen muss und Europa nicht mehr in Frage kommt.‹‹ Will weiß, dass Hannibal sich an Florenz erinnert. Thymian und Petersilie. Das Grinsen, das sich auf Hannibals Lippen schiebt, bringt es beinahe über sich, dem Älteren einen Schmollmund aufs Gesicht zu zaubern. ››Ursprünglich dachte ich an Gesichtschirurgie und einen gefälschten Pass, doch dieser Plan ist nur für eine Person ausgearbeitet, nicht für zwei.‹‹
Träge hebt sich Wills gesunder Mundwinkel zu einem schiefen Lächeln. Der Agent greift nach einem weißen Shirt, zieht es sich über den Kopf.
››Gesichtschirurgie‹‹, wiederholt er. Beinahe hätte er gelacht. Die Verletzung an seiner Schulter spürt er kaum. ››Alles, was wir für den Anfang brauchen, ist ein Boot. Würden wir doch nur jemanden kennen, der sich mit solchen Dingen auskennt.‹‹ Gegen das Grinsen, dass nun an seinen Lippen zerrt, hat Will keine Chance.
››Es wird nach uns gefahndet, Will. Ein gewisses Maß an Vorsicht sollte nicht außer Acht gelassen werden.‹‹
Der Oberkörper des jungen Mannes dreht sich in Hannibals Richtung, sein Unterkörper folgt mit Verzögerung.
››Falls dir das Bureau Sorgen bereiten sollte-‹‹ Als Will Hannibals Blick begegnet glühen dessen Augen. ››Jack ist ein Spielball, nicht mehr und nicht weniger. Laut Freddie Lounds‘ aktuellem Artikel ist er nun nicht mal mehr Teil des FBI. Jeder, der einst unsere Wege gekreuzt hat und intelligent genug ist, wird sich davor hüten, nach uns zu suchen. Jack ist die einzige Person, die auch nur ansatzweise in der Lage wäre, dich-‹‹ Will hält inne. Seine Hand streicht über den Shirtstoff, der seinen Unterbauch bedeckt, und spürt die leichte Erhebung der dortigen Narbe. ››Der in der Lage wäre, uns zu fassen. Die Fahndung nach uns wird sich, nach all den Verfehlungen des FBI, strikt an den Vorgaben orientieren. Man darf sich keinerlei Fehltritte erlauben, nicht den geringsten Regelverstoß. Ich kenne die Fahndungsprotokolle für flüchtige Straftäter. Ich weiß, welche Fallen an welchen Orten auf uns warten.‹‹
… und Will ist sich sicher, dass Hannibals Augen den Eingang zu seinem weiträumig ausgebauten Gedächtnispalast ohne Mühe finden und der Ältere dem Gedankengang folgt, der sich in den Wogen der Erinnerung durch kühle, schattige Flure schlängelt.
Wolf Trap: Will, der Jack gesteht, dass er mit Hannibal hatte fliehen wollen.
Florenz: Will, der Jack begreiflich macht, dass ein Teil von ihm immer mit Hannibal fliehen würde.
Quantico: Will, der Jack vorschlägt, Hannibals Flucht zu inszenieren. Mit Will als Komplizen.

Will räuspert sich, wischt sich mit dem Daumen über den tauben Mundwinkel. ››Jack will keine Vergebung, Jack will Rache. Sein Plan sah vor, dich zu töten. Ich sollte dich töten. Nach allem was-‹‹ Ihm fehlen die Worte, um zu beschreiben, was sich zwischen ihm und Hannibal in all den Jahren entwickelt hat; was ihre Verbindung geboren und vernichtet hat. Universen, die kollidieren. ››Er will dich tot sehen. Ich vermute, dass gleiches nun auch für mich gilt. Trotzdem fehlen ihm Mittel und Wege für einen persönlichen Kriegszug. Eine Vendetta steht ihm nicht.‹‹ Einen Moment hält Will inne, überlegt. Fragt sich, ob Hannibal in den letzten Minuten ein einziges Mal gezwinkert, ein einziges Mal geblinzelt hat.
Er geht einen Schritt auf Hannibal zu, bis sie nur noch die Distanz ihrer Atemzüge trennt. ››Sobald gut gewählte Ländergrenzen zwischen uns liegen, sind Jack Crawford und das FBI für uns von keinerlei Belang mehr.‹‹
Hannibals Kehlkopf hebt sich, als er trocken schluckt. Will nimmt dem Älteren den dunklen Wollpullover aus der Hand, krempelt ihn grob zusammen, zieht ihn Hannibal über den Kopf.
››Man wird nach uns fahnden. Jenseits von Ländergrenzen, jenseits der Zeit.‹‹
Hannibals zaghaft erblühendes Lächeln findet sich gleichfalls in seinen Augen, kräuselt die Haut um seine Augen und spiegelt sich auf Wills eigenen Gesichtszügen, als Hannibal mit den Armen in die Ärmel des Pullovers schlüpft.
Es dauert einen Moment, bis Will es einordnen kann.
Vergebung.
›We could disappear now. Tonight. Feed your dogs. Leave a note for Dr. Bloom, never see her or Jack Crawford again. Almost polite.‹

››Eine neue Identität ist heutzutage kein Hexenwerk mehr, Doctor Lecter.‹‹ Will zieht den Saum des Pullovers behutsam über die frische Bandage, die sich um Hannibals Unterbauch spannt. ››Je weiter man in den Süden Amerikas oder in den Osten Europas reist, desto weitreichender die Möglichkeiten, die gegeben einer gewissen finanziellen Sicherheit offenstehen.‹‹
Ein Lächeln, das sie beide teilen.
Wills Augen gleiten gen Fenster. Hannibals Blick folgt ihm.
Der Einbruch der Dunkelheit läutet zum Aufbruch.

Im Rückspiegel des Streifenwagens flammt das Haus lichterloh. Die Brise der Küste facht das Feuer an, bis sich die Flammen rotglühend gen Himmel recken, als wollten sie das Firmament entzünden.
Weder Hannibal noch Will empfinden das geringste Bedauern über diesen Verlust.
In einer Sporttasche auf dem Rücksitz des Streifenwagens findet sich lediglich eine Zusammenstellung von Notwendigkeiten: Geld und Medikamente, Essen und Kleidung. Alles was blieb würde das Feuer vernichten.
Dolarhydes Leiche.
Ihr beider Blut.
Die Spuren eines alten Lebens. Erinnerungen an die Zeit, bevor der Drache sie verwandelt hatte.
Eine kurze, helle Eruption, als das Feuer Dolarhydes Kamera verschlingt.
Wills Hände umgreifen das Lenkrad fester, als er seinen Blick auf die Straße vor sich richtet, im Geist ein festes Ziel vor Augen.
Sie brauchten ein Schiff.
Will wusste, wo er eines besorgen konnte.
Erst in dem Moment, in dem sie in internationalen Gewässern angelangt wären, würde er sich einen Moment der Ruhe gönnen.
Im Augenwinkel wähnt er Hannibal, eine Hand durch den geöffneten Mantel geschoben und auf den unter dem Pullover verborgenen Verband gebettet. Reglos, eine Statue der Nacht. Seine Iriden fangen Licht und Schatten der Flammen, glimmen blutrot in der Dunkelheit.

Sie verharren in der Finsternis, hüllen sich in den Schutz des Streifenwagens, der auf einer Anhöhe abseits der kleinen Reparaturwerft geparkt ist. Will späht mit einem Feldstecher zum geöffneten Fahrerfenster hinaus. Das Gelände schlummert in der Tiefe der Nacht; weit und breit ist weder Sicherheitsdienst noch Polizei auszumachen. Das Wasser der nahen Bucht verschwimmt mit dem matten Schwarz der Dunkelheit, einzig fünf kerzengerade Stege stechen parallel und reglos in die Nacht. Einige wenige Motorboote, Kajüte und Halbkajüte, wiegen sich seicht in den Schlaf.
Will lässt das Fernglas sinken, chippt das Magazin der Waffe in seine Hand, prüft die Anzahl der verbliebenen Kugeln.
››Ich checke die Unterlagen im Büro und suche ein Boot mit beendeter Reparatur. Hoffen wir das Beste. Was auch immer geschieht‹‹, ein lautloser Atemzug und schwarze Iriden finden sich in der Dunkelheit, ››bring dich umgehend in Sicherheit.‹‹
Ohne ein weiteres Wort verlässt Will das Auto und pirscht durch Gestrüpp. Seine Augen, mittlerweile an die Finsternis gewöhnt, leiten ihn, während Hannibal aussteigt und auf den Fahrersitz wechselt. Sobald sich auch nur die Ahnung eines rotblauen Flackerns nähern oder gar ein Schuss ertönen würde, würden sich ihre Wege hier trennen.
Das ist der Plan.
Wills Puls liegt bei zweiundsechzig.
Als er die Eingangstür der maroden Firmenhalle aufbricht, Waffe und Taschenlampe in Anschlag bringt, entspannt sich der Rhythmus seines Herzens um vier weitere Schläge.

Mit seinem gesunden linken Arm wirft Will die Sporttasche auf das Außendeck des kleinen Kajütboots am nördlichsten der fünf Stege. Mit einem Satz springt er über die Reling; weiß, dass Hannibal es nicht kann.
Für einen flüchtigen Moment gleitet Wills Blick über das Wasser in die Nacht. In seiner Nase schwelt der Geruch süßlichen Bluts, das nicht das seine ist.
Der Wachmann kann die lautlosen Schritte nicht hören, die sich aus dem Schatten schälen und sich in rascher Abfolge nähern. Wills Schuhe lassen nicht den Hauch eines Geräuschs vernehmen, während der Agent mit den Außenkanten seiner Füße aufsetzt und die Sohlen mit jedem Schritt nach innen abrollt. Erst als die Mündung seiner Waffe dem Hinterkopf des Wachmanns so nah ist, dass er ihm damit das Basecap vom Kopf schieben kann, lässt er den Selbstlader sinken. Stattdessen greift er nach der Taschenlampe und umfasst den massiven Stahlgriff, der sich warm in seine Handfläche schmiegt. Der Schlag auf die entblößte Schläfe des Mannes ist hart und effizient; lässt ihn mit einem überraschten Keuchen unmittelbar in Bewusstlosigkeit sinken. Will versucht, nach dem zusammensackenden Mann greifen, doch besitzt er nicht die Kraft, das leblose Gewicht zu halten. Er dreht den Wachmann in die stabile Seitenlage, beobachtet einen steten Puls an der blutigen Schläfe, bevor er das Schloss der Aktenschränke aufbricht und sich auf die Suche begibt.
Das Flüstern der am Steg stehenden dunklen Gestalt huscht durch die Nacht, kaum lauter als ein Windhauch.
››Bitte um Erlaubnis, an Bord kommen zu dürfen. Captain.‹‹
Das Lächeln in der Stimme des Älteren lässt einen Bruchteil der Anspannung aus Wills Körper gleiten, als er seine Arme ausstreckt und Hannibals Arm und Hüfte greift, um ihm beim Überwinden der Reling zu helfen. Einzig die Ahnung eines scharfen Einatmens verrät den Schmerz, den Will in Hannibals Körper ahnt, als der Ältere über die Reling steigt.
Ein letztes Aufröcheln im nächtlichen Wasser gibt kund, dass der gestohlene Streifenwagen nun vollständig auf den Grund der Bucht gesunken ist.
Dann, dann ist es still.
›We could disappear now…‹
Mit effizienten Handgriffen löst Will die Vertäuung. Er lotst Hannibal ins Cockpit der engen Kajüte und weist ihn mit einer vagen Kopfbewegung an, auf dem Fahrersitz Platz zu nehmen.
Hannibals Kopf hebt sich in schrägem Winkel, als er sich setzt; eine amüsierte Manier, die Will lächeln lässt. Auch sein rechter Mundwinkel zuckt ohne bewusstes Zutun leicht nach oben.
››Ich hoffe du verlangst nicht von mir, dass ich ausparke.‹‹
Will erlaubt sich ein amüsiertes, doch lautloses Schnauben. Seine Hand bettet sich auf Hannibals Schulter, während er die beiden frisch instandgesetzten Sechshundert-Liter-Diesel startet und ein Doppelpack aus zweihundertsechzig PS entfesselt.
››Irgendetwas muss es ja geben, mit dem sich ein Doctor Lecter nicht perfekt auskennt.‹‹
››Wie beispielsweise Boote.‹‹
Ein kühnes Aufflackern in Hannibals Iriden.
››Wie beispielsweise Boote‹‹, wiederholt Will, jede Silbe klar artikuliert und locker auf seiner Zunge.
Es kostet ihn mehr Konzentration als Mühe, das Boot mittels Joysticksystem aus der Bucht zu manövrieren. Seine Augen scannen das Radar, checken die Tankanzeige, orientieren sich an den Molenfeuern, die den Weg in die Freiheit weisen.
Will beugt seine Knie, während der aufgekimmte V-Rumpf gegen die niedrige Geschwindigkeit rebelliert und den jungen Mann damit konfrontiert, das vehemente Schwanken des Boots abfedern zu müssen. Hannibals Hände finden die Steuerkonsole, suchen Halt, während Wills Hand seine Schulter loslässt und das Kopfteil des Fahrersitzes umgreift.
››In der Unterflurkabine gibt es zwei Doppelkojen. Du kannst dich gern hinlegen. Sobald wir auf offenem Gewässer etwas zügiger unterwegs sind hört auch der Rumpf auf zu tänzeln.‹‹
Doch schüttelt Hannibal lediglich den Kopf. Er steht auf, umständlich, und räumt Will den Platz auf dem fest gepolsterten Sitz. Blasse, doch geübte Hände umgreifen das Lenkrad und die Einhandhebelschaltung; diktieren dem Boot Richtung und Geschwindigkeit. Bei Verlassen der Bucht beschleunigt Will auf achtundzwanzig Knoten, und das Boot wird ruhig. Der spitze Rumpf pflügt durch die Nacht, schneidet durch Wellen wie durch Butter.
Minuten des Schweigens dehnen sich in der Stille der Nacht. Lediglich das Schnurren der beiden Innenborder spannt sich durch die Kajüte.
Als Will spricht, blickt er zu Hannibal auf, der so nah neben ihm steht, dass Will sich nur wenige Millimeter nach links lehnen müsste, um mit seiner Schulter an Hannibals Hüfte zu lehnen.
››Sie braucht einen Namen.‹‹
Hannibals Kopf neigt sich kaum merklich zur Seite und Will begegnet den Augen des Mannes, der sein Anfang und sein Ende sein würde. Eine Erkenntnis, gereift in einer kochenden Blutlache auf dem Boden einer blankpolierten Küche.
›I gave you a rare gift…‹
››Sie?‹‹
Will unterdrückt ein Räuspern.
››Das Boot. Am Rumpf war kein Name vermerkt. Es ist ein alter Brauch, dass zur See Fahrende ihren Booten Namen zu geben.‹‹
Hannibal lächelt, als seine Augen durch das Cockpit gleiten als öffneten sich vor seinen Augen unbekannte Dimensionen, bevor sie sich wieder auf Will betten.
››Schiffe als ›glückbringende weibliche Wesen‹?‹‹
Wills Lachen ist tonlos.
››Glückbringend.‹‹ Seine Brauen heben sich. ››Oder launisch.‹‹
Der Rumpf taucht plötzlich durch eine stahlharte Welle. Ein Ruck teilt die Welt, lässt Vergangenheit und Gegenwart unvermittelt ineinanderfließen.
Und in einem Moment, der das Universum und die Zeit überdauert, schwingen die Türen zu einem weiten Kirchenschiff auf. Goldenes Licht flutet das Foyer, das zwei Männer betreten, Seite an Seite, so nah, dass sich die Rückseiten ihrer Hände berühren. Vom Altar der Kirche rahmt ein Lächeln das durchdringende Strahlen blauer, junger Augen.
Ein Glanz, zu früh verblasst.
›… but you didn’t want it.‹
Wills Atem versiegt. Er greift Hannibals Hand und gleitet erst beim Erspüren der Kühle rauer Haut unter seinen Fingern aus dem Gedächtnispalast, den sie beide teilen.
›Didn’t I?‹
Hannibals Lippen formen ein lautloses Wort (selbst im schwachen Schein der Cockpitbeleuchtung weiß Will, dass es ›Abigail‹ ist) und sinken hinab, hinab, bis sie sich auf Wills legen.
Entschuldigend.
Abwartend.
Verheißend.

Will spürt die Hand, die seinen Kiefer greift; die Haut, die auf seiner brennt. Seine Lippen öffnen sich gegen Hannibals, ergeben sich einem flehentlichen Pressen und Fordern, gespickt mit keuchendem Atem, der aus ihren Lungen drängt. Ohne Aufhebens zieht er den Älteren in seinen Schoß. Er lässt Hannibal kaum die Zeit, den überraschenden Positionswechsel zu begreifen, als sich ihre Lippen in unveränderter Vehemenz finden, bis sie beide nicht mehr atmen können.
Ein Seufzen stiehlt sich aus Wills Lunge, als sich von Hannibal löst und sich sein linker Arm um einen soliden Oberkörper schlingt, um den Mann an sich zu pressen. Seine gesunde linke Wange bettet sich an Hannibals Hals.
Um sie erstreckt sich das Meer in Erwartung des Tagesanbruchs, dessen erste Ahnung sich gen Horizont erhebt. Und mit Hannibals Gesicht, das sich in seine Locken gräbt, mit Atemzügen, die seine Kopfhaut wärmen, denkt er an das, was ihre Verbindung geboren und vernichtet hat.
Universen, die kollidieren.
Abigail…