Requiem

von HDYFND
GeschichteRomanze, Schmerz/Trost / P18 Slash
Dr. Hannibal Lecter Will Graham
01.11.2019
30.03.2020
7
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27.12.2019 3.367
 
Kapitel Vier:
Offertorium



››Could he daily feel a stab of hunger for you,
and find nourishment at the very sight of you? Yes.‹‹

Bedelia Du Maurier


Zwei Tage nach der Wiedergeburt



Während Will darüber nachdenkt, was Schmerz bedeutet, windet er sich durch die Fänge und Klauen der Düsternis eines unlösbaren Qualiaproblems, als kämpfe er sich durch einen dichten, dunklen Wald, bis er sich erschöpft und am Ende seiner Kräfte in den Wirrungen seines eigenen Geistes zu verirren droht. Äste und Zweige, die aus dem Nichts entstehen, die nach ihm greifen, die ihn beinahe, beinahe erreichen. Atem kondensiert vor seinen Augen, als er vorwärts stolpert, ohne zu wissen, wo er sich befindet und was geschehen ist. Entfernt, das Scharren von Hufen. Nah bei ihm, ein finsteres Geweih; Feuchter, stoßweiser Atem, der über seine Wange streicht. Die Ahnung einer Berührung, bis-
Die reine, ungeschönte Empfindung holt ihn zurück.
Schmerz.
Als er seine Augen aufschlägt, weiß Will, dass er vorerst nicht wieder einschlafen wird. Erst Momente danach, als die bleierne Trägheit der Traumschwere von ihm gleitet, wird er sich gewahr, wo er sich befindet und was geschehen ist.
Er konzentriert sich auf jenes heiße Wabern, das seine gesamte rechte Gesichtshälfte in Besitz genommen hat; auf das stete Pulsieren, unisono zum trägen Schlag seines Herzens. Auf den Stoff des weichen Lakens, das sich im Schlaf wie ein Kokon um seine Gliedmaßen gewickelt hat. Auf den Körper, der zu seiner Rechten reglos im Bett liegt.
Zeit seines Lebens hatte Will stets zu wissen geglaubt, was Schmerz bedeutete. Als sein Geist in Flammen stand. Als sich der Rauch lichtete, von den Wogen eines aufziehenden Sturms davongetragen, um zu offenbaren, was das verheerende Feuer von jenem Will Graham übriggelassen hatte, der er einst gewesen war. Was es unter Hannibals allsehenden Augen zum Vorschein gebracht hatte.
Einen Moment schließen sich seine Augen in der Erkenntnis, dass er die Prämissen seines alten Lebens im Wind der Veränderung ziehen lassen muss, denn in dieser unbekannten, unerforschten Zukunft finden die Regeln und Gesetzmäßigkeiten seines früheren Lebens keine Anwendung mehr.
Eine glasklare, zu ihrer reinsten Essenz destillierte Erkenntnis.
Seine Augen öffnen sich.
Nichts ist mehr von Belang.
Zaghaft mutet Will sich den Hauch einer Bewegung seiner Kiefer zu, doch die wenigen Millimeter genügen, um ihm Tränen in die Augen zu treiben. Es scheint, als reibe Kies in den Gelenken und Fasern seines Gesichts. Doch lässt ihn ebendieser Schmerz klar denken. Er glättet die rauen Wogen seiner Empfindungen, schwächt die Sorge um Vergangenes, schärft den Blick für Zukünftiges.
Will braucht den Schmerz, obgleich der Schmerz ihn nicht braucht.
Während Hannibal schläft (vollkommen regungslos und still; einzig das Heben und Senken seines Brustkorbs verrät, dass er am Leben ist), schält Will sich aus dem durchgeschwitzten Laken, das seinen Körper gefangen hält.
Unter der Last seines Körpergewichts beugen sich Wills Knie, als er in Richtung des massiven Kleiderschranks aus Teakholz taumelt, der die gesamte Wand gegenüber dem Bett in Anspruch nimmt. Auf der Suche nach Kleidung lässt er die schweren Schwebetüren aufgleiten, sorgsam darauf bedacht, Hannibal nicht zu wecken.
Seine Augenbrauen schieben sich zusammen, erst verwirrt, später ungläubig, als er mit seiner Hand über sorgfältig zusammengefaltete Stapel aus Kleidungsstücken streicht (Shirts, Pullover, Hosen - exakt ausgerichtete Faltkanten), über Hemden und Blazer, ordentlich auf Kleiderbügeln aufgereiht, über Stoffe und Farben und Schnitte, die alles andere als dem entsprechen, was eine Schnittmenge mit dem exquisiten Geschmack eines Hannibal Lecters bildet. Kleidung, die nach Jahren der Lagerung mittlerweile den Geruch jenes Teakholzes angenommen hatte, aus dem der Schrank gefertigt war.
Erste Ausläufer des Begreifens tasten sich vorsichtig in Wills Geist, als er nach einem weißen Shirt greift, es sich seinen Verletzungen zum Trotz umständlich über den Kopf zieht - und es ihm passt. Vollumfänglich begreift er es erst, als er sich eine Jeans anzieht, beim Vornüberbeugen beinahe das Gleichgewicht verliert, und noch während des Schließens der Knopfleiste feststellen muss, dass ihm Beinlänge und Bundweite exakt passen.
Exakt.
Er zittert, als er, die Füße in ein dickes Paar Socken gehüllt, das Schlafzimmer verlässt und den Flur betritt.
Kalt ist es nicht.

Das Haus ist weitläufig und modern, doch strahlt es eben jene Gemütlichkeit aus, die gleichfalls einer kleinen kamingeheizten Berghütte in einem Wald weit abseits jeder Zivilisation innewohnt. Die Einrichtung, die ihre zeitlose Eleganz in breiten Pinselstrichen durch das gesamte Anwesen zeichnet, erweckt in Will das Gefühl, als sei das Haus dafür geschaffen, mehr als nur eine Person zu beherbergen, und das für die Spanne eines Lebens.
Wills Beine tragen ihn durch Flure, die ihm nur flüchtig bekannt und dennoch vertraut sind. Seine Hände öffnen Türen zu Zimmern, in denen er noch nie war, und die er dennoch zu kennen meint.
Mit dem sanften Schwung eines Arms öffnet er einen Raum am Ende des hellen Flurs. Hält abrupt inne. Den runden, gusseisernen Türknauf noch immer in der Hand haltend, vergisst Will, dass er atmen muss, um am Leben zu bleiben. Die Realität holt in zurück, als er keuchend Luft holen muss. Nur mühsam lösen sich seine krampfenden Finger vom Türknauf.
Zaghafte Schritte tragen ihn in ein zweites Schlafzimmer, dessen helle, puderfarbene Wände das durch die weiten Fensterfronten einfallende Licht zu konservieren scheinen, als sei der Raum das Portal zu einem strahlenden, himmlischen Reich, das Will mit seiner leuchtenden Reinheit und Leichtigkeit zu sich lockt.
Das Zimmer beherbergt alle Möbelstücke, die Will in einem Schlafzimmer aufzufinden erwartet: Ein Bett, eine Kommode, einen Kleiderschrank. Allesamt von milchigen Staubschutzplanen bedeckt.
Flüchtig begegnet er im Spiegel über der Kommode seinem Spiegelbild. Der rechte Mundwinkel, leicht herabhängend als hätte der Zahnarzt eine Betäubung falsch gesetzt, erinnert Will daran, dass er für den Rest seines irdischen Lebens entstellt sein würde.
Schließlich sinkt sein Blick.
Einer Eingebung folgend, die Will weder zum gegenwärtigen noch zu einem späteren Zeitpunkt in Worte fassen kann, greift er nach der Plane, die die hüfthohe, weißgetünchte Holzkommode bedeckt und mehrere formlose Gegenstände unter sich zu beherbergen scheint. Eine zarte Bewegung seines Arms und die Plane gleitet leise raschelnd vom Mobiliar; wirbelt Staubpartikel auf, die im einfallenden Sonnenlicht glitzern, bis sie im Schatten entschwinden.
Ein erneutes Zittern gräbt sich durch Wills Muskelfasern, zerrt an seinen Eingeweiden.
›We were all supposed to leave together. He made a place for us.‹
Auf der Kommode liegt ein Notenheft für Debussys Claire de Lune. Will greift danach, blättert durch die Noten für Klavier, die ihm aus seiner Kindheit entfernt bekannt vorkommen, legt es wieder ab. Neben dem Heft, eine kleine Kiste aus Holz. Aufgrund des feinen Schliffs und der zartbearbeiteten Kanten vermutet Will, dass diese handgefertigt ist. Sein Herz setzt einen Schlag lang aus, dann einen zweiten, als er die Kiste öffnet und in ihr Haken und bunte Vogelfedern zum Anfertigen von Ködern zum Fliegenfischen vorfindet. Tränen beginnen heiß in den Winkeln seiner müden Augen zu brennen, als seine Finger über ein ordentlich gefaltetes, seidenes Halstuch streichen, dessen sattes Blau ihn an das erinnert, was ihm Hannibals Hand genommen hatte.
›I gave you a child, if you recall.‹
Will stürzt aus dem Zimmer, ehe sich die Tränen aus seinen Augenwinkeln lösen können. Taumelt gegen eine Wand. Hält inne.
Einzig das verhaltene, doch wütende Knurren seines Magens erinnert ihn wieder daran, was er eigentlich vorhatte.

Er durchwühlt Hannibals Küchenschränke, den Kühlschrank, den Gefrierschrank, sowie zwei Gefriertruhen im Keller des Hauses, bis er auf etwas stößt, das entfernt wie eine eingefrorene Suppe anmutet. Das leise Klirren des Topfes, den er auf den Herd stellt, um die Suppe aufzuwärmen, dröhnt und hallt in seinem Hirn, durchschneidet seinen Kopf mit einem scharfen Schmerz, zerteilt seine Gedanken.
Sie müssen essen, um am Leben zu bleiben.
Über den Inhalt der Suppe kann und will er keinerlei Mutmaßungen anstellen. Auch dann nicht, als sich die Flüssigkeit auf dem Ofen erhitzt und die Küche mit einem vollmundig-würzigen Geruch erfüllt, der Will nicht nur mit einer lebhaften Reminiszenz an die Abende an Hannibals reichlich gedecktem Esstisch flutet, sondern ihn auch mit einem tatsächlichen, unbestreitbaren Gefühl von Hunger konfrontiert.
Er schluckt, stellt die Kochplatte aus.

Er weckt Hannibal, der noch immer regungslos und kerzengerade im Bett liegt, mit einer zarten, doch bestimmten Berührung an der Schulter und nuschelt erst dann etwas von ›Suppe‹ (Will scheitert an stimmlosen Plosivlauten), als der glasige, schlaftrunkene Blick des Älteren bewusster Klarheit gewichen ist. Das Gesicht noch immer blasser als der kalkhaltige Felsen zu Füßen des Grundstücks, lässt Hannibal sich in eine sitzende Position ziehen und fügt sich wortlos einer großzügigen Dosis Schmerztabletten.
Auf der Bettkante sitzend, die Suppenschüssel auf dem Nachttisch abgestellt, hält Will den Löffel in der einen Hand, hält die andere schützend darunter und versucht, die kleinen Suppenportionen durch sanftes Pusten etwas zu kühlen, während sein gesamtes Gesicht vor Schmerzen schreit. Und langsam, dafür beständig, lässt Hannibal sich füttern, obgleich beide Männer wissen, dass er stark genug wäre, selbstständig zu essen.
Ein Löffel, der sich an seine Lippen schmiegt. Thymian und Petersilie, Petersilie und Thymian. Die heiße Flüssigkeit umspült seine benebelten Sinne mit der unausweichlichen Gewissheit, dass Hannibal ihn essen wird. Wills Gesichtszüge, noch immer schmerzerfüllt von jener unerfreulichen Begegnung mit Eisenbahnschienen, verziehen sich.
›The soup isn't very good.‹

Will scheitert mehrfach und kläglich an dem Versuch, den Rest der Suppe zu löffeln. Nach einem kurzen Moment bitterer Resignation führt er schließlich die Schüssel an seine Lippen, prüfend, ob er die mittlerweile abgekühlte Flüssigkeit zu trinken vermag. Während er schluckt, sieht Hannibal ihn an. Abwartend, abwägend. In seinen Augen der Glanz eines Raubtiers. Und als sich erste Tropfen der Suppe aus Wills rechtem Mundwinkel stehlen wollen, hebt Hannibal Zeige- und Mittelfinger seiner linken Hand, um deren Spitzen an die tauben Lippen zu pressen.
Einen Moment versteift Will sich unter der Berührung, bemerkt jedoch, dass er nun deutlich besser trinken kann als zuvor.
Er spürt Dankbarkeit in seinen Blick kriechen.
Das Funkeln in Hannibals Iriden kann er nicht deuten.
Auch dann nicht, als Hannibals Zeigefinger ihm über Ober- und Unterlippe streicht, langsam, lasziv, um den letzten Glanz, den die Flüssigkeit dort zurückgelassen hat, fortzuwischen und für sich zu beanspruchen - als die Spitze des blassen Fingers zwischen Hannibals Lippen verschwindet.


Drei Tage nach der Wiedergeburt



Wills Augen fixieren die weiße Zimmerdecke und verlieren sich im jenem schattigen Schimmer, der ihn überwölbt und von einem Sonnenaufgang gezeichnet wird, von dem er weiß, dass er in imposanter Schönheit die Bucht überspannt.
Am Abend zu duschen hatte eine Anstrengung jenseits allem Bekannten dargestellt, und er musste kein Empath sein, um zu wissen, dass es Hannibal ebenso ergangen war. Sie hatten einander wortlos ihre Verbände gewechselt und waren bei Anbruch der Nacht (ihre Haut noch immer in leichte Feuchtigkeit gehüllt, das Haar kaum durch das Reiben eines Handtuchs getrocknet) wortlos ins Bett gesunken. Nur in Shorts bekleidet hatte Will sich neben Hannibal sinken lassen, der zu seiner Rechten anscheinend schon in unruhigen Schlaf gesunken war, während in Wills Gedanken noch immer jene Wogen reißenden Schmerzes pulsierten, die Hannibal beim Anziehen des weiten grauen Shirts erlitten haben musste, das nun seinen badagierten Oberkörper umspannte.
Die trägen Strahlen, die sich nun mit müden Fingern in das Schlafzimmer schieben und sich nur langsam von einem nächtlichen Graublau zu einem frühmorgendlichen Blassorange wandeln, erinnern Will an die Unausweichlichkeit der Zukunft. Daran, dass die Zeit niemals stillsteht.
In exakt jenem Moment begreift er, dass Hannibal wach ist.
Woher er es weiß, kann er weder greifen noch verstehen.
Hannibals Frage wird aus leisem Atem geboren, als vertraue er seinen Stimmbändern nicht. Sein Akzent wiegt schwer auf seiner Zunge.
››Wie lange?‹‹
Will muss sich räuspern, bevor er sprechen kann. Noch immer sind seine Kiefer steif und träge; verwaschen seine Vokale, kappen seine Konsonanten. Zu viele Zähne in einem zu kleinen Mund. ››Auf wen läuft das Haus?‹‹
››Es ist… in keinem Grundbuch… und auf keiner Landkarte hinterlegt. Auch nicht die Straße, die zum Anwesen führt.‹‹
Hannibal lässt Luft aus seiner Lunge quellen. Seine Hand rutscht auf seinen Unterbauch.
Ein Moment der Stille dehnt sich zwischen ihnen, bis Wills Gedankengänge konvergieren und zu einem Resümee gelangen. Noch immer fällt es ihm schwer, sein Gefühl für das stete Vergehen der Zeit wiederzuerlangen. ››Maximal einen Tag.‹‹ Erneut bewegt er vorsichtig seine Kiefer, leckt über seine Lippen, räuspert sich unter mahlenden Schmerzen. ››Das FBI wird sich… auf die Hauptverkehrsadern konzentrieren… Helikopter einsetzen, um dich zu fassen.‹‹
››Und dich.‹‹
Er hört den Schelm in Hannibals gepressten Worten.
››Und mich‹‹, pflichtet Will beinahe lautlos bei. Und ohne sein bewusstes Zutun formen seine trockenen Lippen Worte (verwaschen, doch syntaktisch korrekt aneinandergereiht), die in die Welt entfliehen, ohne jedwede Möglichkeit, Gesagtes ungesagt zu machen.
Und Wills Gesicht tut so, so unglaublich weh.
››Ich habe Bedelia eine Frage gestellt.‹‹ Er hört, wie Hannibal sich zu ihm wendet. Ein schwerfälliges Drehen des Kopfes auf einem Kissen, das sein frisch gewaschenes Haar jeglicher noch so entfernter Ordnung beraubt haben muss. Wills Augen folgen dem zarten Rascheln, und auch sein Kopf sinkt zur Seite, bis sich die Naht seiner Wange, verdeckt von einem frischen Pflaster, auf das schlafwarme Kissen presst und sich beide Männer auf dem Rücken liegend mit zueinander gewandten Köpfen ansehen.
Ihr beider Atem wiegt schwer in der klammen Luft.
Hannibals Hand ruht regungslos auf dem Verband über der vernähten Schusswunde an seiner Taille, beinahe als erwartete er, dass Wills Worte sie erneut aufreißen würden.
Will braucht zwei Anläufe, ehe er seine Stimme wiederfindet. ››Ich habe sie gefragt, ob du in mich verliebt bist.‹‹
Hannibals Augen funkeln, als sich eine bittere Mischung aus Amüsement und Zweifel auf seine Züge schiebt und ihn, gänzlich unvermittelt, verletzlich wirken lässt. Das sonst geschmeidige, dunkle Timbre klingt brüchig. Dennoch sind seine Worte beinahe gewohnt herausfordernd.
››Was hat sie geantwortet?‹‹
Will hat das Bedürfnis, seine Augen zu schließen, sein Sehen vor den Fängen der Realität zu verbergen, doch es war zu spät.
Zu spät, zu spät…
Stattdessen verliert er sich in glänzenden Augen, deren Iriden im Licht der aufgehenden Sonne ihr bernsteinfarbenes Funkeln zurückerlangt haben.
Die Worte wiegen schwer und bittersüß auf Wills Zunge. Ein zarter Hauch Speichel stiehlt sich aus seinem tauben Mundwinkel, doch Will hat keine Kraft, ihn wegzuwischen.
››Sie hat es bejaht.‹‹
Hannibals Miene bleibt mitsamt den Schatten, die die Morgensonne in großzügigen Pinselstrichen über die beiden Männer zeichnet und sich über das Gesicht des Älteren bettet, völlig unverändert. Als wägte er ab. Als wägte er ab, ob er überhaupt abwägen darf.
Hannibals Geist, stets Schritte und Schritte voraus.
Mühevoll lösen sich seine Augen von Will; sein Blick gleitet Richtung Zimmerdecke.
››In welche Richtung wird sich unsere Konversation bewegen, Will?‹‹
Der Jüngere presst seine Kiefer aufeinander, doch die Flutwelle des Schmerzes, die sich augenblicklich durch sein Gesicht pflügt und an den Nähten seiner Wange reißt, mahnt ihn zur Vorsicht.
Einen Moment, vielleicht Stunden, sinken Wills Lider, bis der Schmerz allmählich verebbt. Er wischt den Speichel ins Kopfkissen. Beschließt, Hannibals Frage auszuweichen.
Eine wohldosierte Provokation.
››Sie fragte, ob ich mich nach dir verzehre.‹‹
Hannibal lässt eine Pause entstehen. Die zarten Falten, die sich in die Haut um seine Mundwinkel und seine Augen graben, offenbaren nur einen Bruchteil des Ausmaßes, wie sehr er sich über Bedelias Dante-Anspielung tatsächlich ergötzen muss.
››Du hast ihr nicht geantwortet.‹‹
Eine Tatsache.
In seinen Worten: gefasster Ernst, als gäbe es für ihn auf dieser Welt keine Geheimnisse mehr. Nicht, wenn es um Will ging.
Will kann nicht wissen, an was Hannibal sich erinnert (›Betrayal and forgiveness are best seen as something akin to falling in love.‹), doch begreift er, dass es keine Barrieren mehr gibt, die sie beide voneinander trennen. Was auch immer sie voneinander wissen oder zu wissen glauben – es stimmt.
Will blickt gleichfalls zur Decke auf. Mit jedem Wort, das seine Lippen verlässt, steigert sich der Schmerz zu einem Crescendo, das durch seine Gedanken pulsiert.
››Was meine Gefühle für dich anbelangt halte ich es noch immer so, wie ich es auch vor drei Jahren getan habe.‹‹
Wills Kopf sinkt träge zur Seite, seine Augen finden das verhaltene Grinsen in Hannibals Profil. Nun weiß der Jüngere allerdings sofort, an was Hannibal sich erinnert.
Ein frischer Haarschnitt, ein lachsfarbenes Hemd. Der graue Gefängnis-Suit nur noch eine Erinnerung. Eine wohleinstudierte Drehung im Warteraum der Praxis. ›Hallo, Doctor Lecter.‹
Eine Scheibe aus Glas und drei lange Jahre, beides niemals in der Lage, sie beide voneinander zu trennen. Der Geruch eines neuen Lebens. ›Hallo, Doctor Lecter.‹

Wills Stimme bleibt derart ruhig und gefasst, dass es ihn beinahe überrascht. ››Ich setze mich damit auseinander. Mit dir. Von Angesicht zu Angesicht.‹‹
Hannibals Mundwinkel zucken.
››Ich werde dich nicht fragen, Will.‹‹ Der Ältere lässt Luft aus seinen Lungen quellen, als sei damit eine schreckliche Anstrengung verbunden. Will weiß, dass dem tatsächlich so ist. Nun ist es an Hannibal, seinen Blick wieder auf den Jüngeren zu richten. ››So sehr mich Dante auch reizt, Will‹‹, das Funkeln in seinen Augen bestätigt die Versuchung, der Hannibal widersteht, ››ich werde dich nicht danach fragen.‹‹

Und aus dem Nebel des Schmerzes schält sich ein Gedanke, der auf Wills trockenen Lippen haftet, diese jedoch nicht verlässt.
Mit all der wenigen, fragilen Kraft, die den Fasern seines Körpers noch geblieben war, schiebt er sich auf der Matratze entlang zu Hannibal (eine erbärmliche, anstrengende Bewegung, ungelenk und träge) und überbrückt den Abstand zu dem älteren Mann, in dessen Augen das Wissen darum ruht, was nun folgen würde.
Ungeachtet der Schmerzen seines Gesichts, ungeachtet der Schmerzen seiner Stichwunden, ungeachtet der Schmerzen der unausweichlichen Erkenntnis, dass das Leben, das er im Mantel des Will Graham geführt hatte, vorbei war, dreht Will sich auf seine malträtierte rechte Körperseite, umgreift Hannibals badagierte Hüfte, und zieht den Mann zu sich.
Ohne den Blickkontakt zu lösen macht Hannibal sich nicht die Mühe, das schmerzgetränkte Stöhnen, das ungehalten aus seiner Kehle quillt, zu unterdrücken. Doch ist es Will egal. Alles ist egal, denn nichts, nichts ist mehr von Bedeutung, außer Will und Hannibal, Hannibal und Will, gefangen in ihrem Kokon des Schmerzes, unter den wachsamen Augen des Morgengrauens.
Will dreht sich auf den Rücken, ein Keuchen stiehlt sich durch gespannte Kiefer, und er zieht Hannibal mit sich, auf sich. Das Gewicht auf seinem geschundenen Körper flutet Will mit einem Gefühl, dass er nie, niemals mehr missen will. Er verankert ihn in der Realität, verjagt die Schatten der Vergangenheit.
Blitze zucken vor geöffneten Lidern, durch gespannte Nervenbahnen.
Ein mahnendes Unwetter hallt mit fernem Donnergrollen, als der Schmerz durch Hannibals Kehlkopf dröhnt, beinahe ein Knurren, und Will heißt es willkommen. Seine Rechte gräbt sich derb in Hannibals graue Strähnen. Finger packen so fest zu, dass Will weiß, dass er den Älteren damit verletzen kann. Doch loslassen kann er nicht. Will er nicht.
Er presst ein williges, warmes Gesicht in seine Halsbeuge, lässt Hannibals Bartansatz (gediehen über die Tage der Apathie, die jede Handlung schmerzhaft und überflüssig hatten werden lassen) seine empfindliche Haut reizen. Will spürt den stoßweisen, flachen Atem; spürt das warme und sanfte Gleiten einer Phantomberührung über seinen Hals und seine Schlüsselbeine streichen.
Wills linker Arm schiebt sich um Hannibals Taille, fährt unter den grauen Shirtstoff, unter dem sich der frischweiße Verband versteckt, und zieht den schlafwarmen Körper so fest an sich, dass sich Hannibals Lippen im Einklang mit der ansteigenden Woge des Schmerzes öffnen - bis sich ein Schatten scharfer Zähne beherrscht doch warnend in Wills Hals gräbt.
Der Schmerz umspült beide Körper in willkommenen Fluten, raubt ihnen die allerletzte Kraft, saugt sie aus trägen, ineinander verschlungenen Gliedern.
Will weiß nicht, wie lange sie so liegen.
Weiß nicht, wie lange Hannibals geöffnete Lippen an der zarten Haut unterhalb seines Ohrs verweilen, als wolle Hannibal den Puls des Jüngeren atmen. Schmecken.
Minuten.
Jahre.
Einzig der stille Hall ihrer beider Atem hält sie in der Gegenwart.

Will kennt die Antwort auf jene Frage, die Hannibal ihm nicht stellen wird.
Und seine Grenzen scheinen sich aufzulösen; die Grenzen seines Körpers und seines Geists, als er und Hannibal zu einer Entität aus Schmerz und Blut verschmelzen, aus Hingeben und Aufgeben, geformt durch jenen einen Gedanken, jenes eine Gefühl, das Wills Geist bis in die entlegenste, über Jahre verlogene Faser erfüllt: Dem Tod knapp, so unglaublich knapp entronnen fühlt sich Will Graham - zum ersten Mal in seinem gesamten Leben -  lebendig.




A/N:
Kapitel Vier von Sieben; wir nähern uns dem Grund des P18 Ratings.
Und: Laut Drehbuch war der Satz ›I gave you a child, if you recall.‹ offenbar nicht geplant. Ich will einfach glauben, dass Mads improvisiert hat. Hughs/Wills Gesicht in den darauffolgenden Momenten gibt mir Gefühle.