Geschichte: Fanfiction / TV-Serien / Hannibal / Requiem

Requiem

von HDYFND
GeschichteRomanze, Schmerz/Trost / P18 Slash
Dr. Hannibal Lecter Will Graham
01.11.2019
30.03.2020
7
21.451
16
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17.11.2019 2.325
 


Kapitel Zwei:
Kyrie




››You were supposed to leave.‹‹
››We couldn't leave without you.‹‹




Einen Tag nach der Wiedergeburt




Noch bevor er die Augen aufschlägt, weiß er, dass er am Leben ist.
Noch immer.
Noch immer…

Will kann nicht sagen, ob er Minuten oder Stunden oder Tage ohnmächtig gewesen war. Noch während die letzten Schatten der Bewusstlosigkeit im Licht der anbrechenden Gegenwart entschwinden, weiß er, dass er nicht geschlafen hat. Doch sein Gespür für die Zeit, für den Lauf der Welt, war im Atlantik versunken.
Nur mühsam fügen sich trockene Lider seinem Willen, öffnen sich, Wimper um verklebte Wimper, bis sich ein fader, silbrig-heller Schimmer über seine Sicht bettet, nur allmählich an Schärfe gewinnend und ihm die Umrisse seiner Umgebung offenbarend. Von fern locken weiche, farblose Strahlen einer Sonne, die Will keiner Tageszeit, auch keiner Jahreszeit zuordnen kann. Ob es Morgen war? Mittag? Herbst oder Winter?
Es machte keinen Unterschied.
Der Schein des Vollmonds, nicht mehr als eine ferne Erinnerung.
Will starrt die unebene Zimmerdecke an; begreift erst dann, dass er auf dem Rücken liegt. Der Boden unter ihm, kalt und hart. Etwas hüllt sich um seinen Körper, das Gespenst einer Berührung, unsichtbar und existent zugleich. Wills Kopf sinkt nach rechts, träge, bis ihn ein scharfer Schmerz innehalten lässt. Für einen Moment verliert sich der Blick des jungen Mannes in den blutigen Schlieren am Fuße des Flügels. Die Finger des Küstenwinds greifen nach dem stummen Klavier, nach Will, nach Blut und Wein, und schneiden sich an den am Boden liegenden Glassplittern, als sie durch sie hindurchpfeifen. In einiger Entfernung ragen sie wie Eiskristalle vom Boden auf. Will spürt die Ausläufer des kühlen Windes, der vom Atlantik aus seinen Weg durch die geborstene Fensterfront findet, um sich im Inneren des Hauses zu verlieren.
Um Will, ein Zimmer stiller Zeugen des letzten Schrittes einer Verwandlung.
Ein lautloser Schuss, erst verraten durch berstendes Glas. Die Fensterfront hält dem Kaliber nicht stand. Auch nicht Hannibals Körper. Wie könnte er auch. Die Weinflasche bricht in Hannibals Hand, splittert, flutet den Raum mit dem schweren, süßlichen Aroma des Rotweins, der sich über den Boden ergießt. Ein Strom, rot wie das Blut, das aus Hannibals Abdomen quillt und in die Fasern seines Pullovers dringt.
Brennende Übelkeit versengt seine Eingeweide, als Will sich aufsetzt und sich mit flachen Händen am glatten Boden festhalten muss. Die Welt dreht sich, das gesamte Universum, in alle Richtungen zugleich.
Etwas rutscht von seinem Körper. Ein Schatten, ein zartes Rascheln und Knistern. Es ist die milchige Kunststoffplane, die die Möbel des Anwesens in Hannibals Abwesenheit vor Staub beschützt hatte. Die Erinnerung daran, wie Will auf dem Boden des stillen Hauses kollabiert war, kriecht nur schwerfällig und in vage Umrisse gehüllt durch sein geschwächtes Bewusstsein, genauso wie jene an seinen verzweifelten Versuch, der Kälte Einhalt zu gebieten, als er die Plane über seinen Körper gezerrt hatte, mit zitternden Fingern und zitternden Gliedmaßen und-
Einen Moment hält Will inne.
Zwingt sich dazu, die Augen zu schließen und Luft in seine brennende Lunge zu saugen, bis der Schwindel langsam, viel zu langsam, verebbt.
Klamme Kleidung klebt eisig an seiner Haut.
Ein Wunder, dass er überhaupt noch lebt.
… überhaupt noch lebt…
… noch lebt…

Er hatte es von der Küste aus zurück ins Haus geschafft.
(Eine Erinnerung, daran wie…)
Er hatte es tatsächlich geschafft.
(Eine Erinnerung, daran wie…)
Er hatte es geschafft.
Will atmet durch; spürt beim Ausatmen jene eisige Spannung aus den Fasern seines Körpers gleiten, die, ohne sein Wissen, ohne seine Zustimmung, gänzlich Besitz von ihm ergriffen hatte.
(Dann…)
Sie beide, oder keiner.
›How do you see me?‹

Dann, ein Gedanke, der in absurder Geschwindigkeit durch sein träges Hirn schlüpft, so flink und wendig, dass Will beinahe Mühe hat, ihn zu greifen. Schmerz schießt durch sein Bewusstsein, seine Muskeln, seine Knochen, seine gesamte Existenz.
Lässt ihn sich kerzengerade aufrichten.
Er hatte es geschafft.
Ohne Hannibal.

(Eine Erinnerung, daran wie…)
Wills Hände bluten, als die Morgensonne die Nacht vertreibt. Als sie sich am Firmament entlangschiebt, müde nach dem Horizont greift, ihre ersten Strahlen durch die zerpflückte Wolkendecke bluten lässt. In der Ferne, das Schlagen des Ozeans gegen die Steilküste.
Vor ihm, Dolarhydes Leiche, umgeben von Schwingen aus Blut; die Inkarnation des
Great Red Dragon in jenen Höllenkreisen, denen Will noch immer nicht vollständig entkommen war.
Noch nicht, noch…

(Eine Erinnerung, daran wie…)
Er rammt mit dem Streifenwagen einen Baum, als er für wenige Sekunden das Bewusstsein verliert und hinter dem Steuer zusammenbricht. Der Aufprall macht ihn wach.
Der schwache Strahl des einen Frontscheinwerfers, der den Unfall überlebt hat, frisst sich durch die Böschung hindurch in den Wald.
In der Ferne, der Schatten eines Geweihs.
In Wills Ohren dröhnt das Rauschen des Meeres.


In den Lappen seines Herzens flattert Panik, als Will sich hektisch umblickt, nur um festzustellen, dass Hannibal direkt neben ihm auf dem Boden liegt.
Der junge Mann schafft es kaum, seine tauben Finger zu krümmen, als er nach der Plane greift, die den ausgezehrten Körper des Älteren bedeckt, und diese von ihm zieht. Ein zartes Knistern statischer Aufladung, und es offenbart sich eine glänzende Halo aus Meerwasser, durchmischt mit verwaschenen Schattierungen von Rosè bis Bordeaux bis Tieforange.
Blut.
Will greift Hannibals Handgelenk…
Über ihnen, der Schein des Mondes. Die Brandung, die nach ihnen verlangt.
…kaum in der Lage, nach einem Puls zu fühlen.
Und doch.
Und doch.
Flach und stetig.
Langsam und unerbittlich.
Das Schlagen eines Herzens, das nicht aufgeben wollte. Nicht nach all dem, was geschehen war. Nicht nach all dem.

Will weiß nicht, ob er schreit, oder ob seine Schreie nur in seinen Gedanken hallen.
Ungeachtet der Schmerzen in seiner Schulter, ungeachtet der Schmerzen in seinem Gesicht, ungeachtet des Flehens seines Körpers nach Gnade, fädeln sich seine Arme unter Hannibals hindurch und umschlingen den sich kaum hebenden und senkenden Oberkörper.
Er weiß, dass er Hannibal nicht tragen kann.
Also zieht er ihn.
(Eine Erinnerung, daran wie…)
Er zerrt Hannibal von der Rückbank des Wagens. Weiß nicht, ob er es bis ins Haus schaffen wird. Der Ältere ist wach. Keucht ob der groben Behandlung unter Schmerzen. Eine blasse Hand tastet blind, bis sie sich an Wills Oberarm bettet. Will ahnt, wie Hannibal in der Schwebe zwischen Bewusstsein und Bewusstlosigkeit begreifen muss, was gerade geschieht. Schwache Finger greifen den feuchten Stoff des Hemdärmels, der sich um Wills Oberarm spannt: Eine stumme Erlaubnis, ihn zurückzulassen.
›Save yourself.‹

Will will ihm begreiflich machen, dass dieser Vorschlag außer Frage steht.
Doch finden keine Worte den Weg über seine Lippen.

Das Bad, das es zu erreichen gilt, liegt im hinteren Teil des Hauses.
Will muss ihre Körper wärmen, ihre Wunden versorgen.
Ob sie leben oder sterben würden lag ab sofort einzig in seinen Händen. Die Last dieser Verantwortung auf den Schultern tragend ist ersich nicht sicher, woher er die Kraft nimmt, mit der er den Mann, der größer und schwerer ist als er selbst, Schritt um Schritt mit sich zieht, bis er, an der Schwelle des Bads angelangt, zitternd in sich zusammenbricht. Hannibals Lider zucken, als Will, dessen Arme noch immer unnachgiebig um den Oberkörper des Älteren geschlungen sind, ungelenk auf dem Fliesenboden des Bads zum Sitzen kommt. Nur mit Mühe löst er sich vom an ihm lehnenden Gewicht und legt Hannibal behutsam auf dem anthrazitgrauen Hochflor-Badvorleger ab.
Rechts neben ihm erhebt sich eine in Marmorplatten eingefasste Badewanne, an dessen Rand sich Will emporzieht.
Den Wasserhahn zu erreichen ist kein Problem.
Ihn aufzudrehen und die Wanne mit warmem Wasser zu füllen, erweist sich als anstrengender als jede Runde Bankdrücken damals auf der Academy. Erst, als sich ein zufriedenstellend üppiger Strahl klaren Wassers aus dem Hahn ergießt und zarte Wogen Wasserdampf aufsteigen lässt, humpelt Will in Richtung der Badtür, neben derer sich das Thermostat für die Heizung befindet, stürzt beinahe, fängt sich am Türrahmen. Ein erster Knopfdruck lässt die Heizung anspringen, ein zweiter aktiviert die Fußbodenheizung.
Beinahe verliert Will die Kontrolle über seine Blase, als er aus den nassen Schuhen schlüpft und seine eisigen Fußsohlen den sich zügig erhitzenden, dunklen Fliesenboden berühren.
Schließlich kämpft er sich auf der Suche nach Medikamenten und Verbandmaterial von Schrank zu Schrank, die sich in Schattierungen von Stahlgrau aus dem gedämpften Licht des Bads schälen. Wenn Hannibal mit Abigail und Miriam hier gewesen war, standen die Chancen gut, dass er für medizinische Belange aller Art ausgerüstet war.
Will wird nicht enttäuscht.
Im Waschbeckenunterschrank lockt ein Schubfach, das bis unter den Rand mit verschiedensten Arzneimitteln gefüllt ist. Will wühlt, bis er Ibuprofen findet; hat Mühe, die Blisterpackungen aus der widerspenstigen Pappschachtel zu schütteln. Noch mehr Mühe hat er, die herausgedrückten Tabletten nicht aus seinen zitternden Händen fallen zu lassen.
Seine spröden Lippen öffnen sich kaum; seine Kiefergelenke scheinen eingerastet. Mit seinem Zeigefinger schafft er es, sich drei der Tabletten zwischen Lippen und Zahnreihen hindurch bis in seine Mundhöhle zu schieben und das erlösende Schmerzmittel trocken zu schlucken.
Blutverdünnung hin oder her.
Dann, ohne es zu wollen, findet Wills sich hebender Blick den Badezimmerspiegel.
Drei Quadratmeter reflektierender Oberfläche.
Zum Glück ist das Glas beschlagen.
Am Boden liegend blickt Hannibal zu ihm auf. In seinen Augen glimmt die Warnung, dass Dolarhyde zum Angriff übergehen würde. Wills Hand schiebt sich in seinen Rücken; hebt das Hemd, unter dem der Kunststoffgriff seines Selbstladers aus seinem Hosenbund ragt, kalt und bereit. Doch…
(eine Bewegung, eine Explosion vor geöffneten Lidern, Licht, Schmerz)
… Will ist nicht schnell genug, nicht schnell genug…

Will weiß, dass er sich nicht sehen will. Er hat das Bedürfnis zu seufzen, doch er kann nicht. Seine Zunge scheint zu groß für seinen Mund.
Mit fahrigen Bewegungen gräbt er sich weiter durch die Regale, sammelt ein, was auch nur entfernt wie Verbandmaterial anmutet, und deponiert es auf der marmornen Anrichte, auf der lediglich eine Handvoll exotischer, kaum genutzter Kosmetika Spalier stehen, bis deren französische Aufschriften vor Wills Augen plötzlich zu verschwimmen beginnen.
Er sinkt, sinkt weiter, greift nach dem Rand des Waschbeckens, doch können ihn seine Beine nicht länger tragen. So bleibt ihm keine andere Wahl, als auf allen Vieren zu Hannibal zurück zu kriechen.

Mit der Schere aus dem Verbandkasten schneidet er dem Älteren die nasse Kleidung vom Leib, entblößt einen blassen Torso, zieht verklumpten Baumwollstoff aus der ausgefransten Schussverletzung.
Hannibal stöhnt auf. Seine Lippen öffnen sich, entblößen gebleckte Zähne.
(Eine Erinnerung, daran wie…)
Hannibals glänzende Iriden im Lichtspiel des Vollmonds. Ihre Hände finden einander. Eisige Finger, schlagender Puls.
Seiner nicht mehr vorhandenen Stimme zum Trotz versucht, Will zu sprechen, doch kann er seine Kiefer nicht bewegen. Die Hände des Jüngeren umgreifen Hannibals Kopf, drehen dessen Gesicht sanft in seine Richtung.
››H-nn-bl?‹‹
Seine gepressten Konsonanten schaffen es kaum, den rauschenden Strahl des Wassers zu übertönen, der die Wanne füllt.
Lider zucken, öffnen sich. Hannibals Pupillen irren durch das Bad, bis sich ihr Visus nach wenigen Sekunden fokussiert und der Mann der Quelle der ihm vertrauten Stimme folgt.
›Can’t live with him. Can’t live without him.‹
Lippen formen ein tonloses Wort.
Will.

Die Schere schneidet durch den Bund der Hose, die an Hannibals Beinen klebt. Die funkelnden Schneiden der Scherenblätter gleiten widerstandslos durch den robusten Stoff, reißen beide Hosenbeine in geschmeidigen, fließenden Schnitten auf.
Wills Hände umgreifen den Kragen seines eigenen Hemds und reißen das klamme Kleidungsstück auf, statt es zu knöpfen. Seine zitternden Finger wären dazu nicht in der Lage.
An Hannibals Augen, an der sich in ihnen ausbreitenden Klarheit, kann Will wortlos erkennen, dass der Arzt seinen Plan versteht. Dass er diesen gutheißt. Doch sind Hannibals Versuche, Will dabei zu unterstützen, ihn in die Wanne zu heben, völlig vergebens.
Beide Männer kämpfen die Schreie zurück, die sich aus ihren brennenden Lungen stehlen wollen; als Will den kraftlosen Körper in seinen Armen in das Wasser gleiten lässt, als er selbst beinahe vornüberkippt, als er sich unter Mobilisierung der letzten Überreste der Kraft, die in den Tiefen seiner Zellen schlummern, hinter Hannibal in die Wanne sinken lässt. Das Wasser, das kaum mehr als lauwarm sein konnte, prickelt, flammt, brennt glühend auf eiskalter Haut. Wogen der klaren Flüssigkeit schwappen und strömen über den Wannenrand, fluten den Boden des Bads, den Vorleger, zerschnittene und zerrissene Kleidung.
Nichts war je weniger von Belang.

Will zieht Hannibals bebenden Körper zu sich, bettet den steifen, eiskalten Rücken an seinen Bauch; greift seinen Kopf, um ihn an seine unverletzte Schulter zu betten.
Ihre Körper in der Finsternis des Ozeans.
Wogen des Wassers, die an ihm zerren, die ihm Hannibal entreißen wollen.
›Retten Sie sich selbst!‹

Will weiß nicht, ob er wach ist. Ob er bei Bewusstsein ist.
Plötzlich weiß er nicht, ob er träumt.
Ob das alles nicht mehr war, als eine Illusion. Ob er es tatsächlich ins Haus geschafft hat. Mit Hannibal. Oder ob er noch immer an der Küste lag.
Will schließt seine Augen und…
Salzwasser flammt in seiner Lunge.
… öffnet sie, als sich Kälte in seine Gliedmaßen frisst.
Die eisige Brandung umspült seine Beine in unnachgiebigen Wellen, während sich die ersten Strahlen der Morgensonne über das Firmament kämpfen und den Schein des Mondes in den Wogen des Lichts verblassen lassen. Bittere Tränen brennen in Wills Augen, als er spürt, dass die Hand, die er noch immer hält, steif ist.
Seine Augen finden kastanienbraunen Iriden.
Blass, glanzlos.
Klauen der Traurigkeit graben sich tief in seine Eingeweide, reißen heraus, was auch immer sie dort vorfinden, bis sich, gänzlich unvermittelt, eiskalter Schmerz in seinen rechten Oberschenkel gräbt.
Will zuckt, blinzelt. Atmet hektisch gegen ein unnachgiebiges Gewicht auf seiner Brust.
Sie beide, oder keiner.
Wasser schwappt über den Rand der Wanne.
Es dauert einige Momente, bis Will begreift, dass es Hannibals Finger sind, die sich in die Muskulatur seines Beins graben, knapp oberhalb seines Knies.
Haltsuchend.
Haltgebend.
Er begreift, dass es real ist, dass sie es geschafft haben, während sich das gedimmte Badlicht und die beruhigenden Schwingungen der dunklen Farben beschwichtigend um seine Sinne stülpen.
Allmählich kehrt Gefühl in die Glieder seiner Finger zurück.
Will greift Hannibals linkes Handgelenk, umklammert es, hält sich daran fest, wie ein Ertrinkender. Unter seinen Fingerkuppen ein Puls, fest und stetig.
Will würde nicht loslassen.
Niemals wieder.
Niemals.