WE ARE ALL MAD HERE

GeschichteRomanze, Horror / P18 Slash
Byun Baekhyun Chen / Kim Jongdae D.O. / Do Kyungsoo Kim Jong-in Oh Sehun Suho / Kim Jummyeon
31.10.2019
10.11.2019
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PROLOG

Regentropfen fielen ihm auf die Wange, als er das Gesicht zum Himmel emporhob. Er blinzelte und schloss die Augen - ein Ausdruck der Überraschung auf den Zügen.
Die Welt verharrte, während die ersten zögerlichen Himmelstropfen den grauen Asphalt verdunkelten und gegen die Windschutzscheiben der stehenden Autos prasselten.
Dann, als hätte die Welt nur kurz nach Atem geschnappt, lief die Zeit wieder schneller. Regenschirme wurden aufgespannt, Männer in Anzügen hielten sich ihre Aktenkoffer über den Kopf, während sie über den Gehweg eilten, Paare liefen händchenhaltend zu den Modegeschäften, deren Dächer vorragten und Schutz boten, Mitarbeiter der Buchhandlung auf der gegenüberliegenden Straßenseite eilten hinaus, um die Postkartenstände in den Laden zu rollen.
Nicht er.
Er hielt still, war völlig bewegungslos, selbst als der erste Lichtstrahl durch den Himmel zuckte und grummelnder Donner folgte. Er hielt still.
Der Anflug eines Lächelns hob seine Mundwinkel. Ein vertrautes, kleines Lächeln, das Jongin nicht deuten konnte. Noch nie deuten konnte.
Und so stand er da, den schwarzen Regenschirm in seiner rechten Hand, aufgestützt wie auf einen Gehstock, das Gesicht dem Himmel zugewandt, als würde er seinen Worten lauschen, ein zufriedener Ausdruck, während Regentropfen flink wie Sternschnuppen über seine Haut rannen.
Als Jongin sich in Junmyeon verliebt hatte, waren sie beide ein wenig angeknackst gewesen. Wie der erste Sprung in einer dicken Eisscholle, der sich wie eine klaffende Wunde zu öffnen begann.
Jongin war mit blutenden Knöcheln und den verbleibenden safrangelben Flecken einer Wunde auf den Wangenknochen und um die linke Augenhöhle verblieben. Junmyeon hatte immerzu nur stumm gelächelt und genickt, aber seine Augen waren so leblos gewesen, dass Jongin ihn gerne geschüttelt hätte, um ihn zu einer Reaktion zu zwingen.
Manchmal wollte er das auch heute noch.
Seine Haare klebten ihm bereits im Gesicht, eine Pfütze bildete sich neben seinen Füßen und links und rechts mussten Passanten um ihn herumlaufen, um ihm auszuweichen. Aber er rührte sich noch immer nicht.
Jongin fragte sich (nicht zum ersten Mal), wo Junmyeon gerade war. Ob er einer Erinnerung lauschte, die sich plötzlich in seinen Geist gesetzt hatte, ob er einer Vorstellung nachsann, die weit, weit entfernt in der Zukunft kauerte, ob er in Wahrheit nur seiner Umgebung zuhörte (wahrhaftig zuhörte) und Dinge erfuhr, denen niemand sonst Beachtung schenkte.
Als jemand gegen seine Schulter stieß und sich nuschelnd entschuldigte, wurde er aus seiner eigenen Starre herausgerissen und bemerkte, dass auch er vollkommen in Gedanken versunken war. Er spannte seinen Schirm auf (ebenfalls schwarz, weil es einer von Junmyeons war) und überquerte den Zebrastreifen, während die Ampel die verbleibenden Sekunden herunterzählte.
Er hielt den Schirm wortlos über Junmyeons Gesicht, als er vor ihm stehenblieb.
Seine Nase zuckte, dann fuhren seine Brauen zusammen und er öffnete die Lider, die Lippen in stillem Protest geöffnet. Er wandte den Kopf.
„Du wirst krank, wenn du hier stehenbleibst."
„Du bist hier."
Jongin zuckte die Achseln. „Ich habe es versprochen."
Er lächelte – und dieses Lächeln kannte Jongin gut. Vielleicht war es arrogant, das anzunehmen, aber er ging davon aus, dass es sein Lächeln war. Dass dieses Lächeln besonders sanft war, besonders zart.
Das Leben war niemals besonders zimperlich mit Jongin umgegangen und eventuell war das der Grund, warum er dieses Lächeln annektiert hatte. Für seins erklärte, bevor man es ihm nehmen konnte. „Du sagtest auch, dass du bisher fast jedes deiner Versprechen gebrochen hast."
„Dieses nicht."
Er nickte. „Dieses nicht."
„Bist du nicht froh, mich zu sehen?"
Seine Augen wanderten langsam über sein Gesicht; von seinem Haaransatz über seine Augenbrauen, zu seinen Wimpern, seitlich zu seinem rechten Wangenknochen, seinem Ohr, seiner Kinnlinie hinabfolgend zu seinem Kinn und über die Wölbung hinauf zu seinen Lippen. Langsam, träge, als würde er gewissenhaft darüber nachdenken, ob er froh sei, ihn zu sehen.
Wenn Jongin ihn nicht kennen würde, würde er sich unter diesem Blick seziert – auseinandergenommen und zerstückelt – fühlen, aber er hatte viele dieser Blicke kennengelernt und wusste, dass sie zu ihm gehörten, wie die linke Hand, die nutzlos von seiner Seite herabbaumelte und der Geruch von Desinfektionsmittel, der ihm so eigen war.
„Ich bin froh", sagte er schließlich. „Es ist... eine ganze Weile her."
Vier Jahre.
„Du hast dich nicht verändert", sagte Jongin. Und es war wahr, obwohl es in gewisser Hinsicht auch falsch war. Junmyeons Haar trug einen anderen Braunton als früher – Nussholz statt Eiche (eine bessere Färbung) – und er war noch immer schlank, aber seine Haltung war neu – aufrechter, selbstbewusster – seine Kleidung war ebenfalls eleganter – teurer, maßgeschneidert? – er sah aus wie eine bessere Version seiner selbst. Und doch war es noch immer er.
Junmyeon.
„Du scheinst dich verändert zu haben", gab Junmyeon langsam zu. „Aber ich bin mir noch nicht sicher."
Er grinste. „Willst du es herausfinden? Wir könnten reden."
„Wir sollten."
Sie gingen in das Café neben der Buchhandlung, in dem Studenten mit geöffneten Laptops in den Fenstersitzen saßen und Freunde sich in überdimensionalen grünen Ohrensesseln über einer Tasse Kaffee unterhielten.
Was waren sie beide? Freunde? Wieder dort, wo sie vor vier Jahren aufgehört hatten? Weniger? Vielleicht sogar mehr?
Sie bestellten Kaffee; Junmyeon trank seinen schwarz, aber mit einer perfiden Anzahl an Zuckerwürfeln, die er nacheinander mit konzentrierter Miene hineinfallen ließ, und Jongin trank seinen mit Milch – ausschließlich mit Milch, aber genug, um die Dunkelheit zu vertreiben und nur eine weiche, cremige Farbe zu hinterlassen.
Sie lehnten die Regenschirme an ihre Stühle, die Jacken achtlos über die Lehnen geworfen. Junmyeon hob seinen Unterarm an und legte seine linke Hand bedacht auf der Tischplatte ab, platzierte jeden einzelnen Finger so, wie er am natürlichsten aussehen würde. Die Bandagen um seine Finger sahen frisch aus, ordentlich und nach einer Salbe riechend, die Jongin an herbstliche Ginko-Blätter erinnerte – wenn sie trocken und dünn wurden und dennoch strahlten, als hätte man sie in flüssiges Gold getaucht.
„Es ist nicht besser geworden?", fragte Jongin, die Augen auf seine Hand gerichtet. Seine Finger waren schmal und lang wie die eines Klavierspielers. Wunderschön, wenn sie nicht krumm wären wie kahle Herbstäste – im Laufe der Zeit waren sie so oft gebrochen und so oft wieder schief nachgewachsen, dass nicht nur die oberflächlichen Narben sie entstellten.
„Nein", antwortete er. „Die Nerven sind beinahe vollkommen tot. Ich könnte meinen Kaffee darüber schütten und die Verbrennungen nicht spüren. Vom Handgelenk abwärts zumindest."
„Und dein Unterarm?"
Er schüttelte den Kopf. „Lass uns nicht darüber reden. Wir sind einander vier Jahre lang aus dem Weg gegangen und verfallen direkt wieder in alte Muster."
Das war wahr. „Willst du nicht in alte Muster zurückfallen?"
Junmyeon zögerte, als wüsste er ganz genau, was Jongin unterschwellig in Wahrheit fragte: Willst du nicht, dass es wie früher wird? Wir beide? Zusammen? Er atmete hörbar aus. „Wir hätten uns nicht vier Jahre lang Zeit lassen müssen, wenn wir direkt wieder an damals anknüpfen."
Jongin schloss kurz die Augen. „Richtig. Ich wollte den Abstand."
„Es war das Beste."
„War es das?"
„Jongin... wir beide waren krank. Nein, schlimmer, wir waren gestört, vollkommen am Ende. Wenn wir weitergemacht hätten..." Er schüttelte den Kopf. „Ich kann es mir nicht ausmalen."
Ausgerechnet Junmyeon, der schon immer gewaltige, fantasiereiche Welten in seinem Kopf erbauen konnte. Ausgerechnet er.
„Du hast mir gefehlt", sagte Jongin. Eine Wahrheit, die er im Herzen getragen hatte, während er durch die Straßen Prags geschlendert war, den Heiligenstatuten der Karlsbrücke spöttisch salutiert und von der Prager Burg auf die kupferroten und pechschwarzen Ziegelsteindächer der Stadt hinuntergeblickt hatte. Und auch später, als er sein Spiegelbild in der Londoner Themse suchte oder in New York am Times Square stand (einer von Tausenden), während das neue Jahr mit buntem Funkenregen verkündet wurde oder als er in Paris alleine durch Museen gestreift war, von denen er wusste, dass sie Junmyeon gefallen hätten...und ganz besonders in Granada, bei seinem Besuch der Alhambra, von der Junmyeon ihm Geschichten erzählt hatte, die sich tief in sein Gedächtnis einbrannten.
Immerzu hatte er sein Bedauern, Junmyeon nicht an seiner Seite zu wissen, mit sich herumgetragen wie einen stetig wachsenden Tumor. Ein Geschwür, das an seinen Schlüsselbeinknochen leckte und sich an seinem Herzschlag nährte.
Junmyeon fuhr sich über die Augen, vielleicht, weil sie trocken waren, vielleicht, weil er Jongin dann nicht ansehen musste.
„Sag mir, dass ich dir auch gefehlt habe." Bitte, flüsterte ei ne kleine, verzweifelte Stimme in seinem Kopf. Bitte, Junmyeon. Bitte.
„Natürlich, Jongin. Natürlich hast du mir gefehlt."
Er atmete aus, die Erleichterung so intensiv, dass er erst dann verstand, dass womöglich nur ein Teil seiner Emotionen daher rührte, Junmyeon zu vermissen. Der andere Teil könnte Angst gewesen sein. Angst, von ihm vergessen worden zu sein.
Er wusste nicht, was schlimmer war.
„Du weißt, was ich für dich empfinde", fügte Junmyeon hinzu, seine Stimme leise und warm. Nur für ihn bestimmt.
„Du sprichst nicht in der Vergangenheitsform."
„Nein", bestätigte er. „Nicht in der Vergangenheit."
Jongin nickte und lehnte sich zufrieden gegen seine Stuhllehne zurück. Er überkreuzte die Beine. „Gut. Erzähl mir von den letzten vier Jahren. Was hast du so getrieben?"
Und sie redeten, wie sie vor vier Jahren niemals miteinander geredet hätten – oberflächlich und stumpf. Von Junmyeons Arbeit als Assistent eines Professors an der Universität, seinen eigenen Seminaren und den Studenten, die er für genial hielt, und jenen, in denen er keine Tiefe sah. Er fragte Jongin nach seinen Jahren und nickte stumm, während er von Europa, von den Staaten und seiner kurzen Zeit in Südamerika erzählte, bevor seine Tante verstorben war.
„Und ihre Beisetzung?"
„Sie wurde noch vor Ort in Chile verbrannt. Ich habe ihre Asche zurück zu ihren Eltern gebracht."
„Das tut mir leid, Jongin."
Oberflächlich.
Sie redeten noch mehr - über Bücher, die sie gelesen hatten, und Filme, die sie hassten, Serien, die jeder außer ihnen gesehen zu haben schien, und neuen Hobbys, über die sie schmunzelten. (Junmyeon führte ein handgeschriebenes Lexikon über Blumen, deren Blüten er alle zuvor in Bibliotheksbüchern trockenpresste und manchmal darin vergaß. Seine Studenten wussten mittlerweile, was es bedeutete, wenn ihnen getrocknete Blumen beim Aufschlagen eines Buches in den Schoß rieselten, und zur nächsten Vorlesung händigten sie Junmyeon die Blüten mit verständnisvollen Nicken wieder aus). Sie redeten über Zeitungsartikel, über Künstler, über Wolkenformen, über die verzierten, blauen Azulejos in Portugal, das Olivenbrot in Griechenland, über Tee und Kaffee und dann etwas aggressiver über Kaffee, weil sie beide schon immer zu viel davon getrunken hatten.
Sie redeten nicht übers Schreiben.
Und sie redeten nicht über ihre Familien.
Und vor allem redeten sie nicht über das, was vor vier Jahren gewesen war.
Nicht über die drei Jahre zuvor, die sie geformt, gestaltet und zerstört hatten. Damals, als sie wie unförmige Brocken Ton waren – gräulich mit ungewisser Zukunft – und sie etwas erzeugt hatten, so grauenvoll und widernatürlich, dass sie es wieder zerstören mussten.
Und als sie alles gesagt hatten und zufrieden damit waren, so viel gesagt zu haben, (den Schein bewahrt, dass sie nicht wieder lückenlos an die Zeit von früher ansetzen), zahlte Jongin ihre Rechnung und sie fuhren in das Hotel, das Jongin für die Woche bezog und Junmyeon schlang seinen rechten Arm um Jongins Hals, bevor er die Tür vollends aufstoßen konnte und Jongin vergrub seine Finger in seinem Hemd und atmete gegen seine Lippen aus, als sie endlich hinter ihnen zufiel.
„Vier Jahre", knurrte Junmyeon gegen seine Zähne. „Verdammt, Jongin, vier Jahre."
Sie stolperten blind durch den Raum, an Kleidungsstücken und Körperteilen zerrend, lachend und stöhnend, wütend und euphorisch.
Jongin stieß Junmyeons aufs Bett hinunter und folgte.
„Sind wir geheilt?", fragte er und küsste ihn wieder. Küsste jedes Wort von seinen Lippen, jeden Laut, jede Bewegung. Küsste und küsste und küsste und küsste ihn, weil es vier Jahre her war, dass er es zuletzt getan hatte, und jeder Tag zu lang gewesen war.
„Ich weiß es nicht", keuchte Junmyeon, als Jongins Hände sein Hemd über seine Schultern strichen. „Fühlst du dich geheilt?"
„Nein. Ich fühle mich ausgehöhlt, verbrannt und gehäutet." Er leckte in seine Mundhöhle, fuhr über seine Zähne und schmeckte Zucker in seinem Speichel.
„Jongin." Sein Name war ein Seufzen, schwach und wund. „Was, wenn wir den gleichen Fehler noch einmal begehen?"
„Nicht dieses Mal."
„Wieso?"
Er drückte ihn hinunter, seine Beine mit seinem eigenen Körpergewicht fixiert, seine Hände neben seinem Kopf in die Matratze gedrückt, sein Haar um ihn gefächert, wie Sonnenstrahlen. Seine Miene wurde geisterhaft still, während sie sich ansahen.
„Wieso?", wiederholte er leise.
„Weil ich dich vor vier Jahren beinahe verloren hätte", antwortete Jongin. „Und ich kann es nicht noch einmal tun." Er beugte sich vor, langsam, vorsichtig. „Dieses Mal...Lass mich dich lieben, Junmyeon. Aufrichtig und so, wie du es verdienst."
„Du weißt nicht, was ich verdiene." Und da war er. Der alte Junmyeon. Unter seiner neuen Frisur, dem neuen Selbstvertrauen und den teuren Klamotten (definitiv maßgeschneidert) war noch immer die Person, die Jongin einst kennengelernt hatte.
Er verfestigte seinen Griff um Junmyeons Handgelenke, bis Junmyeon sich unter ihm aufbäumte. Vielleicht war letztlich auch Jongin der Alte geblieben.
„Du verdienst die Welt, Junmyeon", erwiderte Jongin und küsste ihn noch einmal. Sanft, vorsichtig, federleicht dieses Mal. „Ich denke das Problem war immer, dass die Welt dich nicht verdient."
Das kitzelte ein Lachen aus Junmyeons Kehle heraus. „Das ist Unsinn."
„Willst du wirklich jetzt schon meine neuen Lebensweisheiten in Frage stellen? Ich bin in letzter Zeit vier Jahre gealtert, weißt du."
Noch mehr lachen. „In derselben Zeit muss ich zehn Jahre gealtert sein."
„Unnötige Angeberei."
„Jongin", sagte Junmyeon, schlagartig wieder ernst. „Ehrlich, was machen wir, wenn es dieses Mal wieder nicht funktioniert?"
„Es wird funktionieren."
„Wieso?"
Er wollte sagen, weil er ihn liebte. Aufrichtig und aus tiefstem Herzen, aber sie wussten beide, dass Liebe sie auch schon vor vier Jahren an den Rande des Abgrunds getrieben hatte - und dann noch ein Stück weiter hinaus.
„Weil ich es weiß", sagte er stattdessen, voller Überzeugung. „Ich weiß es einfach, Junmyeon."
Und daraufhin löste sich etwas von der Anspannung in Junmyeons Körper und er lag ausgebreitet unter Jongin und wartete, geduldig und ehrlich.
„In Ordnung. Ich vertraue dir."
Und Jongin küsste ihn.

☂️

I.

Jongin konnte nicht sagen, woher diese ganze Wut in seinem Inneren gekommen war. Ob sie an einem Morgen plötzlich dagewesen war, sich ungefragt und unwillkommen in ihm einnistete und links von seinem Blinddarm auf Gelegenheit wartete. Oder ob sie sich langsam, schleichend ankündigte. Ob sie mit den Jahren an Kraft gewann, wie ein Tier, das Jongin in sich nährte und das von Jahr zu Jahr größer wurde und an Masse und Umfang zulegte.
Woher diese Wut auch kam, sie war in allen Fällen da und in ihm drin und es war eine Höllenqual, sie zu bewirten.
Zum ersten Mal erlag Jongin dem Ungeheuer in seinem Körper mit zwölf. Es hatte gerade zum Ende der Schule geklingelt, als ein älterer Junge – der ihn in der Pause immer schikanierte, weil Jongin zierlich und zu hübsch für einen Jungen war – ihn an seinen Rucksackträgern zurückriss, bis er rücklings zu Boden fiel. Fassungslos, während er wie eine Schildkröte auf ihrem Panzer lag und von oben herab von dem Jungen und seinen zwei Freunden ausgelacht wurde.
Rückblickend waren die Hänseleien harmlos - ein Schubser im Schulflur, Lachen und Zeigefinger, wenn er im Pausenhof stand, ein ausgestreckter Fuß, wenn er vorüberging. Lächerlich.
Aber während Jongin auf dem Rücken lag und nur noch das hohe Lachen der drei Jungen hörte, erwachte das Wesen in seinem Inneren zum Leben, mit einem so bestialischen Schrei, dass Jongin bis heute nicht wusste, ob er ihn sich nur eingebildet hatte oder ob er ihn wirklich ausstieß.
Jongin stürzte sich auf den Jungen und riss ihn zu Boden. Seine Fäuste (damals noch klein und beinahe ungefährlich) trommelten unnachgiebig auf ihn ein, bis sein Kopf von Seite zu Seite flog. Aber Jongin war schon immer mit einem gewissen Grad an Kreativität gesegnet gewesen. In einem Anflug von Zärtlichkeit flüsterte das Monster ihm Worte in die Ohren und er strich mit seinen Daumen über die Augenlider des Jungen, der sie voller Angst zugekniffen hatte, während er bitterlich weinte und unter Jongin zuckte wie ein sterbender Käfer.
„Drück zu", sagte das Monster in seinem Inneren. „Na los, drück zu, bis seine Augen so tief in seinem Schädel versinken, dass-"
Ein Lehrer zog Jongin von dem Jungen hinunter, bevor es zu Schlimmerem kommen konnte. Aber Jongin wusste bereits, wozu er fähig war. Und auch das Monster in ihm schien befriedigt und gesättigt.
Am Tag darauf saß Jongin im Büro der Schulpsychologin - eine nette Frau, klein, etwas unförmig, mit einem großen Kopf, der ein wenig unpassend auf ihren schmalen Schultern zu sitzen schien - und sie fragte Jongin, ob ihm bewusst sei, was er gestern getan habe.
Und Jongin, verwundert und etwas stolz, antwortete: „Ja."
Er hatte sich gewehrt und dem erdrückenden Gefühl in seiner Brust endlich ein Ventil verschafft. Er fühlte sich großartig.

☂️

Danach wurde es schwieriger. Nicht für ihn, sondern hauptsächlich für die Leute um ihn herum. Seine Eltern hatten sich geschickt aus der Affäre gezogen und waren verschwunden, als Jongin acht gewesen war. Er besaß noch Familie - seine Großeltern mütterlicherseits und seine Tante -, aber diese lebten in Europa und das Jugendamt entschied, ihn stattdessen in eine Pflegefamilie zu stecken.
Mit acht erhielt Jongin, der bis dahin ein Einzelkind gewesen war, zwei neue Geschwister, die ihn musterten wie ein neues Spielzeug und ihn aufgeregt in ihrem Leben begrüßten. Baekhyun und Jongdae waren ebenfalls nur die Pflegekinder der Kims, jedoch bereits im Wickelalter von ihnen adoptiert worden und hatten somit nie eine andere Familie kennengelernt.
Die Kims waren insgesamt gute Leute, aber streng und penibel genau auf Ordnung aus. Jeder ihrer Söhne erhielt beim Frühstück eine Tagesaufgabe, die er bis zum Schlafengehen erledigen sollte. Das Badezimmer putzen, das Geschirr waschen, die Treppen abwischen, den Müll rausbringen, die Teppiche lüften, die Wäsche aufhängen, die Vorratskammer entstauben, die Fenster putzen...
Jeden Tag eine neue Aufgabe und ein Lächeln in Kombination mit einem in Essig getunkten Gürtelband, falls sie ihrer Verpflichtung nicht nachgingen oder nicht gewissenhaft genug arbeiteten.
Es war Herr Kim, der den Gürtel am Abend vorbereitete und Frau Kim, die zuschlug (das wusste Jongin aus Erfahrung), aber jeder hatte zuzusehen und im Anschluss musste der Geschlagene sich für die Fürsorge bedanken.
Es waren einfache Regeln. Grausame vielleicht, aber jeder von ihnen wurde im Verlauf seines Lebens von ausgerechnet den Menschen zurückgelassen, die geschworen hatten, sie zu beschützen, also war ihnen das wirklich Grausamste vielleicht bereits geschehen.
Anfangs wurde Jongin oft geschlagen, weil er nicht ordentlich genug war, weil er nicht ausreichend Freude an der Arbeit zeigte, weil er sich schlichtweg nach der Schule in Decken einrollte und weder auf Baekhyun noch auf Jongdae hörte, bis es zu spät war... danach wendete sich das Blatt.
Während der Prügel dachte Jongin immer wieder, dass er es nicht ausstehen konnte, wie das Lederband sich in die Haut seines Rückens grub, wie der Essig in seinen offenen Wunden brannte und stank. Er war wütend, weil er Schmerzen nicht ausstehen konnte, und wütend, weil seine leiblichen Eltern ihn nie vor dieser Welt gewarnt hatten.
Während Herr und Frau Kim seine Wunden anschließend behandelten mit Wundsalbe, die nach Kamillenblüten roch, und zäher Vaseline, die gegen das Brennen half, presste Jongin die Fingernägel in die Handflächen und schwor sich, nicht noch einmal verletzt zu werden.
Und jedes Mal wieder brach er diesen Schwur.
Er war nicht so fleißig wie Jongdae und konnte nicht so gut lügen wie Baekhyun und obwohl beide ihm zu helfen versuchten, zog Jongin die Schmerzen letztlich doch an und je mehr er sie hasste, desto schwerer konnte er sie vermeiden. Die Schmerzen und er waren wie zwei Magneten mit unterschiedlichen Polen und immer, wenn sie wieder zusammenfanden, verfluchte ein Teil von ihm dieses Schicksal.
Dann erwachte das Monster in ihm und Jongin verstand, dass er, obwohl er Schmerzen hasste, erstaunlich gut darin war, sie Leuten zuzufügen.
Er war dreizehn, als Herr Kim hinter ihm die Treppe ins zweite Stockwerk erklomm, ausgestattet mit dem triefenden Gürtel, den er in Essig eingelegt hatte.
„Jongin", sagte er immer wieder. „Oh, Jongin, verstehst du nicht, dass Mama und Papa das keinen Spaß macht? Dass wir das deinetwegen tun? Dass wir nur das Beste für dich wollen?"
Jongin hatte den Worten gelauscht, während sie sich mit jedem Schritt dem Zimmer näherten, in dem die anderen auf sie warteten, um erneut zu beobachten, wie Jongin gezüchtigt wurde.
Da erwachte das Wesen in seinem Inneren. Die Wut, die sich explosiv in ihm ausbreitete.
Jongin blieb am Ende der Treppe stehen und wandte sich zu Herr Kim um. Er erinnerte sich noch daran, dass er lächelte und sein Lächeln in Herr Kims dunklen Glasmurmelaugen wiedergespiegelt sah.
Herr Kim lächelte zurück. „Was ist, Jongin? Möchtest du dich entschuldigen?"
Aber das wollte er nicht.
Er streckte die Hand aus, fuhr mit den Fingerspitzen über das lichte Haar des älteren Mannes, als würde er nur nachfühlen, wie weich es war, und legte dann den Handballen an seine Stirn, die Finger gespreizt, um seinen Schädel zu umfassen.
Das Monster lachte und vielleicht lachte auch Jongin.
Herr Kim versuchte das Geländer zu ergreifen, als er verstand, was Jongin beabsichtigte, aber da hatte er ihn bereits gestoßen. Jongins Finger schwebten in der Luft, als Herr Kim rücklings fiel. Noch nie zuvor hatte er jemanden so lange fallen gesehen, er wirkte schwerelos, aber dann polterten seine Füße über die Stufen und er schlug mit dem Rücken auf ihre Kanten auf und schlitterte an ihnen hinab, bis die Wand am Fußende, wo die Treppe sich krümmte, ihn abfing.
Jongin atmete aus und triumphierte innerlich.
Keine Schmerzen – zumindest nicht für ihn.
Herr Kim hatte Schürfwunden am Rücken davongetragen, sich ein paar Sehnen im linken Bein gerissen und eine Platzwunde am Kopf davongetragen, und wenn Jongin morgens am Frühstückstisch saß und erneut lauschte, welche Aufgaben sie heute erwarteten, dann beobachtete er Herr Kim ganz genau und freute sich über die Wunden, die er auf ihm hinterlassen hatte.
Und das änderte alles.
Die Kims blieben beständig mit ihren Regeln, aber Jongin erwarteten lächerlich wenige Konsequenzen für Herr Kims Sturz, weil er sich nicht wieder schlagen ließ, den Essiggürtel in seiner Hand einfing und zog, bis Frau Kim vor ihm auf die Knie fiel, und sich nicht daran störte, wenn sie ihm verboten zu essen oder ihn in sein Zimmer einschlossen.
Jede Maßregelung an ihn quittierte er doppelt und dreifach. Wenn sie ihn an den Mittagstisch bestellten und verboten von den Speisen zu essen, trank er still und friedlich sein Glas Wasser und ließ es zu Boden fallen, wenn er es geleert hatte.
„Jongin!", fauchte Frau Kim dann mit brodelnder Wut in der Stimme. „Das kehrst du augenblicklich auf! Nein, benutz deine Hände!"
Also beugte er sich hinunter, suchte sich eine besonders hübsche, eine besonders lange und wohlgeformte Scherbe aus dem Haufen heraus und hob sie auf. Was er gelernt hatte, war, dass Schmerz noch effektiver in Kombination mit Angst war. Also gewöhnte er sich an zu lächeln, während das Monster in ihm knurrte.
Frau Kim schrie, als sie aus ihrem Stuhl stürzte und der Scherbe auswich, die Jongin in den Holztisch neben ihrer Hand versinken ließ.
„Jongin!", schrie sie. „Aufhören! Geh sofort weg von mir! Weg!"
Baekhyun und Jongdae, die Essen für ihn stahlen, wenn die Kims nicht zusahen, oder Comichefte durch den Spalt in seiner Zimmertür zu ihm hindurchschoben, damit er sich nicht langweilte, blieben in diesem Moment ganz still und warteten, bis es vorüber war.
An diesem Abend ohrfeigte Jongin Frau Kim und das brennende Gefühl auf seiner Handfläche faszinierte ihn. Es war nicht wirklich ein Schmerz, eher ein Pulsieren, und die Tränen, die Frau Kim in die Augen schossen, als sie zu Boden sackte und das Gesicht in den Handflächen versteckte, waren so befriedigend, dass er sich zurück auf seinen Stuhl setzte und Herr Kims offenkundige Miene des Schocks ignorierte, während er sich von den Speisen nahm, die vor ihm ausgebreitet waren.
Das ging jahrelang so weiter.
Die Kims, stur und streng, versuchten, ihn einzuschüchtern, ihn ihren Regeln zu unterwerfen, und scheiterten kläglich. Sie trugen blaue Flecken von Jongins Fäusten davon, Schürfwunden und Platzwunden, Messerwunden, als Jongin das Taschenmesser an sich nahm, mit dem Herr Kim ihn zu bedrohen versuchte.
Manchmal schlichen sich Jongdae und Baekhyun in sein Zimmer (denn man hatte ihn in sein eigenes, kahles Zimmer verbannt) und sie redeten die ganze Nacht, obwohl sie am nächsten Tag Schule hatten. Auch die beiden waren nicht mehr geschlagen worden, seit sie dreizehn waren – dafür hatte Jongin gesorgt.
Mit vierzehn war Jongin bereits größer als die Kims, seine Arme und Beine länger, dünn, aber muskulös von dem Baseballtraining, das er an der Schule begonnen hatte, weil Jongdae und Baekhyun im selben Team waren.
Seine Noten waren nie überdurchschnittlich gut, aber niemand zog ihn deshalb auf. Im Gegenteil – seit er in der sechsten Klasse den Jungen geschlagen hatte, war niemand mehr boshaft zu ihm. Sie betrachteten ihn mit großen, bewundernden Augen und Mädchen steckten ihm am Valentinstag rosafarbene Grußkarten und hausgemachte Schokolade zu, für die er sich aufrichtig bedankte.
In der zehnten Klasse – Jongin war gerade 16 geworden – nahm ihn sein Mathelehrer nach dem Unterricht zur Seite – ein großer, blasser Mann, mit gewaltigen Händen und schmalen Lippen – und obwohl er nur selten lächelte, waren seine Lippen zu einem Lächeln gehoben, als er ihn wegen der Note seiner letzten Arbeit tadelte, die Jongin in den Sand gesetzt hatte, weil er das Thema nicht verstand.
„Was sagen deine Eltern denn zu deiner Note?"
Er zuckte die Achseln. „Sie haben mich nur gebeten, mich beim nächsten Mal mehr anzustrengen." Tatsächlich hatte Herr Kim Jongin am Nacken gepackt und in die Garage geschleift, wo er ihm ausführlich sein Werkstattmaterial präsentierte und auf die Bohrmaschinen, Hammer, Sägen und Schraubenschlüssel zeigte. „Weißt du, was ich alles mit dir machen könnte, Jongin? Ist dir das bewusst?"
Er hatte genickt, war einen Schritt vorausgetreten und hatte den Arm ausgeholt, als läge ein Baseballschläger darin, bevor er ihn Herr Kim in die Magengrube stieß.
„Weißt du, was ich alles mit dir machen könnte?", hatte er gefragt, nah an Herr Kims Ohr, bis dieser vor Angst wimmerte.
„Verstehe", sagte Herr Lee und nickte. „Ich möchte nicht, dass deine Mathenoten deinen Zeugnisschnitt verschlechtern, Jongin. Was hältst du davon, wenn ich dir ein wenig privaten Unterricht gebe? Das könnte dir helfen."
„Wenn es sich nicht mit dem Baseballtraining überschneidet."
„Ich bin mir sicher, das können wir umgehen." Und wieder hatte Herr Lee gelächelt.
In der Woche darauf blieb Jongin nach dem Matheunterricht zurück und ließ sich von Herr Lee bei den Hausaufgaben helfen. Und in der Woche darauf wiederholte sich das und Jongin konnte dem Unterricht tatsächlich besser folgen.
„Ich finde, du solltest aufhören, dich mit Herrn Lee zu treffen", sagte Baekhyun eines Donnerstags auf dem Weg nach Hause. Die Schule lag nur 15 Gehminuten entfernt und manchmal kauften sie sich ein Eis in dem kleinen Supermarkt, der auf dem Weg lag. So wie heute, obwohl die Temperaturen bereits herbstlich waren. „Ich finde ihn gruselig."
„Baekhyun hat Recht", sagte Jongdae. „Ich mag ihn auch nicht. Er sieht dich komisch an."
„Wie sieht er mich an?"
„Wie ein Stück Fleisch, das er auf den Grill legen möchte, und nicht wie einen Schüler."
Baekhyun und Jongdae waren ein Jahr älter als Jongin und somit nicht in seiner Klasse, aber manchmal warteten sie auf dem Schulflur auf ihn, damit sie in der Mittagspause gemeinsam essen gehen konnten.
„Ich habe keine Angst vor ihm", sagte Jongin.
„Das ist uns klar, aber wir haben Angst um dich. Der Kerl will was von dir, Jongin, und ich will nicht herausfinden was."
„Ich werde mit ihm zurechtkommen."
Baekhyun und Jongdae tauschten einen Blick und ließen das Thema dann fallen.
In der Woche darauf regnete es heftig und es war kühl im Klassenraum, also schlug Herr Lee vor, zu ihm nach Hause zu fahren, weil er einen Wagen hatte und es bei ihm wärmer wäre. Er beteuerte auch, Jongin anschließend zu sich nach Hause zu fahren.
Jongin wusste in diesem Moment, dass sich Jongdaes und Baekhyuns Befürchtungen als wahr erwiesen, aber es war lange her, dass er jemandem Schmerzen zugefügt hatte, der nicht die Kims war, und das Monster in ihm sehnte sich nach Abwechslung.
„In Ordnung", sagte er.
Als Herr Lees Hände zitterten, während er Jongin eine Tasse Tee auf den Tisch im Wohnzimmer stellte, fragte er, wer die Personen auf den Fotografien an den Wohnungswänden waren.
„Meine Frau - Exfrau - und mein Sohn. Er ist ein Jahr jünger als du."
„Und wo sind sie?"
Er seufzte. „Fort. Meine Frau hat ihn mir weggenommen."
„Wieso?"
Das schien Wut in ihm zu wecken. „Weil sie eine niederträchtige Schlampe ist!" Er sah erschrocken zu Jongin herüber. „Entschuldige, ich hätte nicht fluchen sollen. Die Erinnerung fällt mir nur nicht leicht. Komm, wir sollten anfangen."
Und Jongin löste seine Matheaufgaben und das Monster in ihm legte sich auf die Lauer, als Herr Lee beständig näher rückte.
Herr Lee hatte sich das falsche Opfer für das Ausleben seiner pädophilen Fantasien ausgesucht.
Als seine Hand Jongins Oberschenkel massierte, blickte er langsam zu dem grauen Gesicht des älteren Mannes empor und lächelte. Er hatte auf einen Moment gewartet, in dem er seine Wut rechtfertigen konnte, denn Jongin wusste, dass unnötige Gewalt ihn nicht zufriedenstellen würde.
Herr Lee hielt inne, als er Jongins Lächeln bemerkte, dann lachte er. „Du magst das, nicht wahr? Du wolltest es von vornherein! Du hast mich verführt!"
Und Jongin schlug ihm die Zähne ein. Es war ein gutes Gefühl. Es knirschte in seinen Ohren und es blutete heftig. Herr Lee stöhnte und bedeckte den Mund mit der Handfläche, griff mit der anderen nach ihm und wollte ihn packen, aber Jongin tänzelte elegant aus seinem Stuhl heraus und positionierte sich hinter Herr Lees Stuhl.
Er legte die Arme um ihn wie in einer grotesken Umarmung, die Wange an seine geschmiegt. Herr Lees Atmung stockte.
„Nie wieder", flüsterte er ihm ins Ohr. „Das werden Sie niemals wieder tun, verstanden?"
Mit der einen Hand ergriff er Herr Lees Kopf, während er den Unterarm seines anderen Arms gegen dessen Kehle presste und zog. Seine Fingernägel gruben sich durch seinen Pullover in seine Haut hinein und seine Beine zuckten, während er wimmerte und flehte und schrie...
Jongin ließ ihn los, als er das Bewusstsein verlor und schlaff wie eine Stoffpuppe von seinem Stuhl rutschte. Sein Kinn prallte so heftig auf dem Boden auf, dass seine Zähne knackten. Dann packte er lächelnd seine Sachen zusammen und nahm sich einen Regenschirm aus Herr Lees Kleiderschrank, bevor er nach draußen trat.
Und da verstand Jongin erneut etwas: Er fügte Menschen gerne Schmerzen zu, aber nur denjenigen, die es auch verdienten. Redlich verdienten.
Er wusste, dass ihn sein Trieb zur Gewalt zu keinem guten Menschen machte, vielleicht sogar zu einem sehr schlechten, aber er brauchte ein Ventil für seine Wut und er war froh, eines gefunden zu haben.

☂️

Mit 17 hatten die Kims so große Angst vor ihm, dass sie die Tage zählten, bis er 18 wurde und sie ihn rauswerfen konnten. Jongdae und Baekhyun waren im vergangenen Monat ausgezogen, um an die Uni zu gehen, und Jongin war allein mit ihren Eltern. Sie hatten es niemals wieder geschafft, Jongin, Baekhyun oder Jongdae zu verletzen, aber manchmal versuchten sie es noch immer.
Diesen Sonntag beispielsweise.
Die Kims gingen jeden Sonntag in die Kirche und verlangten es so auch von ihren Söhnen – von allen bis auf Jongin, den sie ab seinem 13ten Lebensjahr nicht mehr mitnahmen, weil sie überzeugt waren, dass der Dämon in ihm nicht mehr zu läutern sei. Jongin war es recht.
Er lag mit einem Buch auf seinem Bett in seinem Zimmer im zweiten Stock, als er hörte, wie ein Schlüssel ins Türschloss geschoben wurde und Schritte zielstrebig die Treppe emporstiegen. Jongin legte ein Lesezeichen zwischen die Seiten und legte das Buch auf den Nachttisch, bevor er sich aufsetzte. Es waren schwere Schritte – schwerer als die der Kims oder Baekhyuns und Jongdaes – und es waren viele. Eine ganze Gruppe.
Die Tür wurde aufgetreten und krachte an die gegenüberliegende Wand.
Es waren sieben. Sieben ausgewachsene, muskelbepackte Männer, mit dunklen Tattoos und Waffen in den Händen.
„Ein Einbruch?", fragte Jongin, mit einem leicht zynischen Lächeln. „Der Tresor befindet sich im Schlafzimmer im ersten Stockwerk, aber ihr werdet nur Kruzifixe und Bankpasswörter finden."
„Mami und Papi haben gesagt, dass hier jemand besondere Aufmerksamkeit braucht", sagte einer der Männer mit einem amüsierten, vorfreudigen Lächeln. „Sie haben uns angefleht und Geld in die Hände geschaufelt, dir einen kleinen Besuch abzustatten."
„Haben sie auch gesagt, wieso?", fragte Jongin und stand auf. Vorfreude prickelte in seinem unteren Rücken, das Wesen in ihm stellte sich auf die Hinterfüße und baute sich zu seiner kompletten Größe auf. Endlich, endlich, endlich.
„Sie sagten, du wärst sehr schwer zu erziehen. Ist das richtig?"
„Es ist zumindest nicht gelogen."
Die Männer stürzten in den Raum, aber Jongin kam ihnen entgegen. Er war stärker als mit zwölf und das viele Baseballtraining hatte seine Muskeln definiert und seine Schläge präzisiert. Er verteilte brutale Schläge, die seine Angreifer offensichtlich nicht erwartet hatten (die Kims hätten sie eindeutig besser vorwarnen müssen), und reagierte kaum auf die Treffer, die die Männer erzielten. Sie waren mit Messern und Keulen (wie verdammte Höhlenmenschen) ausgestattet, aber Jongin hatte sein eigenes Arsenal an Messern und Waffen (Stühle, Bücher, Geschirr) und er zögerte nicht, sie einzusetzen.
Irgendwann bemerkte er, dass er lachte, dass sein Zwerchfell schmerzte, weil er seit Minuten unentwegt lachte und lachte und lachte.
Die Männer bedachten ihn mit Horror und wichen vor ihm zurück, obwohl sie deutlich in der Überzahl waren. Aber daran störte Jongin sich nicht.
Er verfiel in einen Rausch und schlug und trat und wich Schlägen und Tritten aus und erst als Sirenen ertönten, wachte er langsam aus seinem Blutrausch auf.
Ein Polizist drückte ihn mit beiden Händen auf seine Matratze zurück, während die sieben stöhnenden Gestalten sich auf dem Boden wandten wie Würmer und elendig heulten und jammerten.
„Bist du in Ordnung? Was ist passiert?"
Später erfuhr er, dass der Polizist Kris Wu hieß und von Jongins Nachbarn alarmiert worden war.
„Ja", sagte er, atemlos, aber zufrieden. „Ja, alles ist in Ordnung."
Er wischte sich unter der Nase entlang, die blutete, und blickte auf seine Knöchel hinunter, die so zerfetzt waren, dass er stellenweise das Kalkweiß seiner eigenen Knochen hervorblitzen sah. Er fuhr sich mit der Hand durchs Haar und verzog das Gesicht, als der Schmerz kam. Seine Glieder waren schwer, er hatte Blut verloren und seine Haut fühlte sich wund an.
Nein, er war noch immer kein Freund davon, Schmerz zu empfinden.
Die Kims wurden festgenommen, weil die Männer heulend alles gestanden. Kris befragte auch Jongin, der ebenfalls alles zugab, woraufhin auch Baekhyun und Jongdae eine Aussage über ihre Kindheitserfahrungen bei den Kims machten.
Letztlich erzählte Jongin Kris Wu auch von dem Monster, das in ihm schlummerte, obwohl er schwor, dass es bislang nur aufgewacht war, wenn ihr gegenüber es verdiente.
Er lächelte. „In Ordnung, ich verstehe, Jongin. Du hast eine Menge durchgemacht. Wirklich eine Menge."
Und am nächsten Tag wies er ihn in eine Klinik ein, wo Jongin Junmyeon zum ersten Mal begegnete.

☂️

Es war nicht Liebe auf den ersten Blick, aber es war Faszination. Die Mitarbeiterin der Klinik hielt Jongin mit lockerem Griff an einer Schulter fest, während sie im Türrahmen standen, wo Junmyeon gerade auf seinem Bett saß und mit der rechten Hand in ein Notizbuch kritzelte.
„Jongin, das ist Junmyeon. Er wird für die kommenden Wochen dein Mitbewohner sein." Sie gab ihm einen ermunternden Klaps auf dem Rücken, um ihn zum Eintreten zu bewegen. „Junmyeon ist einer der freundlichsten Jungen, die ich kenne und wird dir bestimmt gut beim Einleben helfen."
„Das sagt sie über jede Person hier, lass dich nicht täuschen." Aber ein Lächeln lag auf seinen Lippen, dass verträumt wirkte. Weit, weit entfernt.
„Dann bist du nicht wirklich freundlich?"
„Ich bin nicht der freundlichste. Ich bin nett. Und noch netter, wenn du mir keine Schwierigkeiten machst."
Das brachte Jongin zum Lachen. „Touché."
„Okay, ihr zwei habt bestimmt viel zu besprechen. Mittagessen gibt es ab 12 Uhr, Jongin, und heute Nachmittag wird dich der Doktor in seinem Büro erwarten. Ein Gemeinschaftsbad befindet sich am Ende des Flurs, ein Stockwerk unter dir ist eine kleine Küche, falls du etwas Warmes zu trinken willst, und die Türen von uns Betreuern sind 24 Stunden am Tag für dich geöffnet, also zögere nicht, zu uns zu kommen, wenn dir etwas auf dem Herzen liegt, ja?"
„Danke", sagte er, als sie die Türklinke ergriff. Sie schenkte ihm ein warmes Lächeln, bevor sie verschwand.
Junmyeon legte seinen Block vorsichtig beiseite, während Jongin zu dem unbenutzten Bett am anderen Ende des Raumes herüberging und seine Tasche daneben stellte.
Er war der Sache mit dieser Klinik argwöhnisch gegenübergetreten, aber der Prozess gegen die Kims lief noch immer und würde mit großer Sicherheit damit enden, dass beide wegen Körperverletzung und weiterer Delikte ins Gefängnis eingewiesen würden. Jongin hingegen hatte über Nacht sein Zuhause verloren und da er noch immer nicht bereit dazu war, zu seiner verbliebenen Familie nach Europa zu ziehen (obwohl seine Tante den Kontakt mit ihm gehalten hatte), musste er sich an die Bedingungen des ermittelnden Polizisten halten.
„Es ist wie eine Rundumbetreuung", hatte Wu gesagt. „Quasi wie Urlaub. Nur gehst du trotzdem zur Schule und musst dich täglich mit einem Arzt treffen. Ich denke, das ist die beste Option, die ich dir im Moment bieten kann."
Also hatte Jongin akzeptiert, auch, weil er nicht zwingend wählerisch war. Ein Dach über dem Kopf klang nett, auch wenn er sich den Raum mit einer weiteren Person teilen musste.
„Wieso bist du hier?", fragte Junmyeon, die Hände im Schoß gefaltet, während er Jongin zusah. „Ich meine, aus welchem Grund hat man dich für labil genug erachtet, rundum Betreuung zu benötigen?"
„Körperverletzung", antwortete er, nachdem er einen Moment lang darüber nachgedacht hatte. „Du?"
„Ebenfalls."
Jongin bedachte ihn. Er war... schön. Auf eine skulpturale Art und Weise schön. Er war schlank, aber gut proportioniert – ordentlich zusammengesetzt – mit weichaussehendem, hellbraunem Haar und sanften Augen. Er trug einen Rollkragenpullover, der zu dick für die Jahreszeit aussah, und helle Jeanshosen, die sich perfekt an seine Oberschenkel schmiegten.
„Du siehst nicht aus wie der aggressive Typ."
Junmyeon lächelte, ein kleines, unleserliches Lächeln, das Jongin zu verachten lernte, weil es ihn so weit von ihm fortnahm. „Bist du der aggressive Typ?"
Die Matratze quietschte, als Jongin sich daraufsetzte. „Nicht, wenn du es nicht verdient hast."
„Woher willst du wissen, was ich verdiene?"
„Ich denke, das wird sich zeigen."
Daraufhin erwachte tatsächlich ein Funke Leben in Junmyeons Augen – ein Licht, das nur für den Bruchteil einer Sekunde angeknipst wurde und augenblicklich wieder erlosch.
Er wusste von der ersten Sekunde an, dass mit Junmyeon irgendetwas nicht stimmte, aber seine Fantasie hätte niemals ausgereicht, um sich auch nur ansatzweise auszumalen, wie gebrochen Junmyeon in diesen ersten Monaten tatsächlich war.

☂️

Doktor Park war ein großer Mann mit abstehendem Haar, in einem knielangen, weißen Kittel und lauter Stimme. Jongin konnte sein Lachen meistens bereits zwei Korridore vor seiner Bürotür ausmachen. Seine Gestik war ausschweifend, er warf die Arme hoch und runter beim Sprechen, er klopfte sich auf die Schenkel und warf den Kopf in den Nacken, wenn er lachte.
Er war ein aufrichtig guter Mensch, der das Leben genoss, mit wahrhaftig guten Absichten, für jeden seiner Patienten.
Jongin sah Kinder mit zuvor eingefallenen Schultern und scheuen Blicken wie ausgewechselt aus seiner Bürotür herauskommen, als hätte er ein wenig seiner Lebensenergie an sie weitergegeben.
„Jongin!", rief Doktor Park nun aus, zwanzig Schritte, bevor er an der Tür war. „Gut, dass du da bist! Kaffee oder Tee? Kakao?"
„Kaffee", rief er zurück und lachte, als Doktor Park salutierte, bevor er im Raum verschwand, die Tür sperrangelweit für ihn geöffnet.
Es war mittlerweile Jongins zweite Woche in der Klinik und er fühlte sich ziemlich wohl dort. Die Mahlzeiten waren nicht übel und niemand verbot ihm, Nachschlag zu nehmen, wenn er wollte. Er musste nachts nicht auf Schritte vor seiner Zimmertür lauschen und Junmyeon benahm sich ebenfalls noch ruhiger, als er erwartet hatte. Die meiste Zeit saß er mit einem Notizbuch draußen unter einem der Kastanienbäume, entweder schreibend oder schlafend.
Auch seine Gespräche mit Doktor Park bereiteten ihm mehr Freude als Unbehagen. Sie redeten über Jongins leibliche Eltern („Weg." – „Was meinst du mit ‚weg'?" – „Als ich acht war, haben sie mir ein Eis gekauft, mich vor einem Supermarkt stehengelassen und sind dann fortgefahren." – „Das ist schrecklich, Jongin. Und du hast nie wieder von ihnen gehört?" – „Nein. Nie wieder.") und dann redeten sie über die Kims, aber vor allem über Baekhyun und Jongdae, die Jongin wirklich wie seine leiblichen Brüder liebte.
„Erzähl mir von dem Monster", bat Doktor Park heute, seinen Kakao schlürfend (vielleicht war der ganze Zucker darin der Grund für seine Hyperaktivität).
Jongin hatte Doktor Park auch von dem Wesen in seinem Inneren erzählt, aber nur weil er sich dabei nichts dachte.
Er zuckte die Achseln. „Es schlummert."
„Und wie ist es, wenn es aufwacht?"
„Dann werde ich wütend."
„Wieso wirst du wütend?"
„Meistens, weil etwas geschieht, das meinen Sinn für Ungerechtigkeit erweckt", sagte er, was eine schöne Antwort war. Es ließ ihn in einem besseren Licht dastehen. Machte ihn beinahe zu einem der Guten.
„Aber Gewalt ist keine Lösung", erinnerte Doktor Park sanft. „Körperliche Unversehrtheit ist kein Privileg, sondern ein Menschenrecht."
„Ich weiß." Und er wusste es und glaubte auch daran. „Aber manchmal geht es nicht anders."
„Ich behaupte, dass es immer anders geht."
In diesem Moment lächelte er, weil Doktor Parks Naivität beinahe etwas Niedliches an sich hatte. Was wohl aus Jongin geworden wäre, wenn er ebenso gedacht hätte wie Doktor Park?
„Ich will niemandem wehtun, der nichts Böses verbrochen hat – das schwöre ich. Aber ich gebe auch zu, dass ich es genieße, Menschen zu verletzen. Es stellt mich zufrieden."
„Wieso, Jongin? Was ist zufriedenstellend am Schmerz einer anderen Person?"
Ja - was genoss er so sehr daran? Das reine Wissen über den Schmerz einer anderen Person? Oder die Macht, die ihm dieser Schmerz verlieh? Worauf begründete sich die Anziehungskraft, die damit einherging?
„Vielleicht bin ich schlichtweg kein guter Mensch?", fragte er mit einem hilflosen Achselzucken.
„Ich finde du bist sehr wohl ein guter Mensch, Jongin – auch, wenn du nicht immer den richtigen Weg eingeschlagen hast." Er lächelte ihn an, Milchschaum auf der Oberlippe. „Ich möchte dir dabei helfen, diese aggressive Seite an dir mithilfe anderer Möglichkeiten zu unterdrücken. Eine gewaltfreie Alternative."
„Und was geschieht, wenn das nicht funktioniert? Wenn ich mich nicht ändere?"
„Willst du dich denn nicht ändern?"
„Ich weiß nicht, ob ich es mir leisten kann."
Doktor Park stockte kurz, dann nickte er. „Lass uns das noch einmal langsam durchgehen, Jongin. Was-" Aber was auch immer Doktor Park fragen wollte, ging im Geräusch der sich öffnenden Tür unter.
„Doktor Park", sagte eine der Betreuerinnen, schwer atmend. „Es ist Junmyeon. Bitte kommen Sie sofort."
Doktor Park erhob sich augenblicklich, sehr viel ernster, als Jongin ihn je gesehen hatte. „Entschuldige, Jongin, wir müssen das hier verschieben, in Ordnung?"
Sein Umhang rauschte hinter ihm her, als er der Betreuerin eilig aus dem Raum folgte. Jongin blieb zurück und fragte sich, was ausgerechnet Junmyeon getan haben mochte, das eine so flinke Reaktion von Doktor Park forderte.
In dieser Nacht schlief Junmyeon nicht in seinem Bett auf der gegenüberliegenden Raumseite. Sein Gesicht war nicht der Wand zugewandt, während seine Brust sich gleichmäßig hob und senkte. Jongin lag unerklärlicherweise wach und stierte an die Zimmerdecke, die Arme hinter dem Kopf verschränkt, und stellte sich vor, wo Junmyeon verblieben war... vielleicht hatte er einen Patienten oder einen der Betreuer geschlagen („Körperverletzung", hatte er immerhin gesagt), vielleicht musste er die Nacht also in einer Art Einzelzelle verbringen (gab es hier so etwas überhaupt?) oder ihm ging es nicht gut, er war krank, vom vielen Schlafen an der frischen Luft... oder er hatte versucht, auszubrechen (auch wenn er nicht unzufrieden wirkte).
Als seine Vorstellungen immer fantasiereicher und abstrakter wurden, schlief Jongin schließlich ein.

☂️

Jongin sah Junmyeon am nächsten Morgen beim Frühstück wieder. Er trug dunkle Schatten unter den Augen und seine Lippen waren rot und wund wie Klatschmohn. Jongin setzte sich zu ihm an den Tisch, auch wenn Junmyeon normalerweise allein frühstückte und dabei in seinen Block kritzelte.
„Was ist das?", fragte Jongin und deutete auf das Notizbuch, das unter den zitternden Fingern von Junmyeons linker Hand lag. Die Finger waren bandagiert, das war ihm nicht zum ersten Mal aufgefallen, aber noch nie hatten sie so stark gezittert.
Junmyeon blickte langsam zu ihm auf, aber er machte nicht den Anschein, ihn wirklich zu sehen. „Das?"
„Das Notizbuch."
„Ah... Du hast deine Frage eben selbst beantwortet."
Gut. Das war nicht falsch. „Was notierst du darin?"
„Was... nun..." Er blinzelte, als hätte er Mühe, seine Augenlider offen zu halten (und für eine Person, die so viel schlief, sah er nicht im Geringsten ausgeruht aus). „Wenn ich dir das verrate... was verrätst du mir dann?"
„Was willst du wissen?"
Junmyeon dachte darüber nach, dachte anscheinend wirklich darüber nach, während er Jongin mit zur Seite geneigtem Kopf bedachte. „Ich weiß noch nicht, ob es wirklich etwas Wissenswertes über dich zu erfahren gibt... bist du mein Interesse wert?"
„Wie lauten die Kriterien?"
„Ah", er lächelte wieder sein unleserliches Lächeln. „Du stellst die richtigen Fragen."
Junmyeon stellte seltsame Fragen und schien seltsame Antworten wertzuschätzen, aber es war auch faszinierend, ihm beim Denken zuzusehen. Diese leblosen Augen immer wieder mit einem Anflug von etwas Lebendigem aufleuchten zu sehen.
„Ich mag... kaputte Dinge", sagte Junmyeon schließlich. „Ich mag es, wenn die Welt ein wenig zerstört und gebrochen ist. Das ist mein Kriterium."
Jongin nickte, hob seine Kaffeetasse an und trank einen Schluck daraus. „Wenn das so ist, weiß ich nicht, ob ich dein Interesse verdiene." Er lächelte. „Ich mag zerstörte Dinge nicht, aber ich zerstöre gerne."
Und das war das erste Mal, dass Junmyeon ihm das Lächeln schenkte, das Jongin später seines nennen würde, sanft und zart, lebendig und anwesend. Er hatte eine echte Reaktion aus ihm herausgekitzelt und er war erstaunlich stolz darauf.
„Geschichten", antwortete er schließlich. „Ich schreibe Geschichten hinein."
„Um was geht es in ihnen?"
Er schüttelte stumm den Kopf. „Was gefällt dir daran, Dinge zu zerstören?"
„Menschen", korrigierte er. „Vorwiegend."
„Ahhh, verstehe. Nun - selbe Frage."
„Ich mag, wie sie bluten und wie ihre Knochen knacksen, ich mag den Horror auf ihren Gesichtern und die bunten Flecken, wenn meine Finger sich in ihre Haut graben." Er beobachtete Junmyeons Reaktion, während er sprach. „Ich mag all die Möglichkeiten, die es gibt, mit denen ich sie verletzen könnte... bevor ich mich für eine entscheide und es schlichtweg mache."
Junmyeon nickte, als er zu Ende gesprochen hatte. „Du hast mich überzeugt. Du bist interessant, Jongin."
Er lachte auf. „Ist das deine Art, mir freundlich mitzuteilen, dass ich wahnsinnig bin?"
„Du bist nicht wahnsinnig." Jetzt lachte auch er und es war ein schöner Klang. Voll und mächtig. „Wenn das Wort eines Wahnsinnigen irgendetwas bedeutet."
„We're all mad here", zitierte Jongin. „I'm mad. You're mad."
Junmyeons Augen leuchteten noch einmal auf. Glühwürmchen, die vor der Leere des Nachthimmels schimmerten. Er beugte sich zu ihm über den Tisch. „How do you know I'm mad?, said Alice."
Jongin grinste. „You must be, said the Cat, or you wouldn't have come here."
„Wirklich interessant", sagte Junmyeon, als er sich wieder in seinem Stuhl zurücklehnte. Und sein Blick schien ihm mitzuteilen, dass er alles, was er bislang über Jongin wusste, in diesem Moment noch einmal überdachte.

☂️

Vielleicht war das ihr Anfang gewesen - ein paar geteilte Zeilen eines Kinderbuches, dessen Geschichte sich im Wahnsinn ihrer Charaktere sonnte – ein paar Worte, die in ihnen beiden wiederhallten, weil sie mit der Melodie ihres eigenen Lebens harmonierten.
Danach verbrachten sie jede freie Minute, die Jongin nicht in der Klinik-Schule oder bei Doktor Park verbringen musste miteinander. Sie redeten viel – auch wenn Junmyeon die Worte nur langsam und schwerfällig über die Lippen kamen und er es vorzog, Jongin zuzuhören. Jongin erzählte von den acht Jahren vor den Kims, die schemenhaft und dunkel durch sein Gedächtnis flogen – konturenlos wie Rauch – und er erzählte auch von dem Kims, von dem Wesen in ihm und von dem Jungen, der es zum erstem Mal erweckt hatte. Er erzählte auch vom Baseballtraining (das er hier am meisten vermisste) und von seinen Brüdern Jongdae und Baekhyun, die beide fast täglich mit ihm telefonierten und von ihren Kursen an der Universität und ihren neuen Freundinnen erzählten.
„Studieren", sagte Junmyeon dann und legte den Kopf in den Nacken während er träge an die Zimmerdecke blinzelte. Sie saßen beide auf Junmyeons Bett und sein Notizbuch lag zugeschlagen auf seinem Schoß. „Ich denke, das würde mir auch gefallen."
„Wieso tust du es nicht?" Junmyeon war nur zwei Jahre älter als Jongin – definitiv nicht zu alt, um noch einmal an die Uni zu gehen.
„Ich weiß nicht wie. Ich bin seit vier Jahren hier...ich weiß kaum mehr, wie die Welt da draußen funktioniert."
Vier Jahre...das hatte Jongin nicht gewusst. Es bedeutete, dass Junmyeon 16 gewesen sein musste, als er hierhergekommen war. „Was würdest du studieren?"
Seine Finger fuhren federleicht über den schwarzen Einband des Notizbuch. Die Ecken waren abgerundet und weich vom vielen Benutzen und der Rücken faltenreich und eingeknickt, wie die Haut eines uralten Menschen. „Biologie. Ich mag die Naturwissenschaften."
„Ich hatte erwartet, dass du Literatur sagst." Junmyeon war der belesenste Mensch, den Jongin kannte und manchmal saßen sie einfach nebeneinander auf ihren Betten und Junmyeon las etwas vor, dem Jongin nur mit einem Ohr lauschte. Er hätte ihm die Gebrauchsanweisung eines Kühlschranks vorlesen können und Jongin hätte aufmerksam zugehört, weil er den Klang seiner Stimme so mochte.
„Nein...Literatur studieren muss sich anfühlen, als würde man die Seele eines Baumes sezieren. Ich würde es nicht übers Herz bringen, etwas so Friedvolles und so Zeitloses zu zerstückeln. Wie krank muss der Geist sein, der Freude daran hat, Kunst in kleine Schubladen zu stecken."
„Erzähl mir von deinen Geschichten." Es war nicht das erste Mal, dass Jongin fragte, auch wenn Junmyeon niemals auf seine Bitte reagierte.
Heute war es anders. Er hielt lange Zeit still, aber dann klappte er plötzlich sein Notizbuch auf.
„Sie werden dir nicht gefallen."
„Ich bin mir sicher, dass ich sie lieben werde." Er sah ihn ernst an. „Sie stammen immerhin von dir."
„Sie stammen aus dem hässlichsten und abscheulichsten Teil meiner Seele."
„Du bist schön", erwiderte Jongin. In den letzten Wochen hatte er immer und immer öfter daran gedacht, aber es war das erste Mal, dass er es aussprach. „Erzähl mir von ihnen."
Junmyeons Hände zitterten, als er sie auf die Seiten legte, die voll von seiner geschwungenen Handschrift waren. Jongin hatte erfahren, dass Junmyeon zuvor Linkshänder gewesen war, wegen eines Unfalles jedoch auf die rechte Hand wechseln musste. Seine Handschrift war bedacht und ordentlich, aber sein Ausdruck immer konzentriert, wenn er einen Stift zur Hand nahm.
„Welche Geschichte willst du hören?"
„Alle", antwortete er und schloss die Augen, als Junmyeon tief einatmete.

☂️

Das Ungeheuer in ihm schlief die Wochen durch, die Jongin und Junmyeon gemeinsam verbrachten. Es war eine friedvolle, entspannte Zeit und Jongin ertappte sich dabei, wie er wirklich, wirklich glücklich wurde, wenn sie zusammen in ihrem Zimmer saßen und Junmyeon ihm eine seiner vielen Geschichten erzählte, die düster und melancholisch, aber immer schön waren. Er war glücklich, wenn sie beim Essen zusammensaßen und Junmyeon nicht leblos auf seinen Teller hinunterblickte, sondern Jongin lauschte und immer wieder lächelte, auch wenn Jongin nur von seiner gestrigen Stunde mit Doktor Park erzählte oder von Jongdaes letzter Wohnheimparty, die ihn im Bett einer Fremden aufwachen ließ. Er war besonders glücklich, wenn sie zusammen durch den schneebedeckten Innenhof der Klinik spazierten und sich ihre Arme berührten, weil es kalt war und Jongin aufpassen wollte, dass Junmyeon nicht ausrutschte und fiel.
Zu diesem Zeitpunkt war Jongin längst in ihn verliebt und er dachte öfter darüber nach, wie es wäre, ihn zu küssen. Die Dinge mit ihm zu tun, die Baekhyun mit seiner Freundin tat, worüber er Jongin alles bis ins kleinste Detail erzählte...
Vielleicht würde er es wagen, wenn Junmyeon ein wenig lebendiger aussähe... wenn seine Augen nicht immer wieder ins Leere abschweifen würden, als wäre die Welt nicht interessant genug, um auf ihr haften zu bleiben.
„Ich bin nicht dafür geschaffen", sagte Junmyeon dann, eines Tages, als der Schnee schon wieder fast geschmolzen war und die Tage länger wurden.
„Wofür?"
„Für das Leben", antwortete er. „Das war ich noch nie."
„Was meinst du damit?"
Er blickte auf seine Hand hinunter – die linke, zerstörte. „Ich bin undankbar."
„Was meinst du?", wiederholte er. Etwas regte sich in ihm. Das Wesen erwachte, als hätte es nur einen langen, trägen Winterschlaf gehalten. Es streckte die Vorderbeine aus und grub seine Krallen in die Erde unter sich, während es ausgiebig gähnte.
„Ich will nicht am Leben sein", erklärte Junmyeon, weit, weit entfernt, als würde er auf einem Boot inmitten des dunklen Ozeans treiben. „Ich will es schon lange nicht mehr."
„Wieso?" Jongin konnte sich nicht vorstellen, nicht am Leben zu sein. Er hatte sich nie gewünscht, zu sterben. Niemals. Und er verstand nicht, wieso jemand etwas anderes wollen würde.
„Es fühlt sich nicht richtig an. Mein Körper... er ist wie eine Barriere. Er ist schwer und widerlich und er... er schließt meinen Geist ein. Verstehst du das?"
Jongin verstand nicht. Und er konnte nichts darauf erwidern.
Junmyeon seufzte und erhob sich. „Vergiss es. Vergiss, was ich gesagt habe."
Jongin hätte ihn in diesem Moment aufhalten sollen. Er hätte ihn am Handgelenk packen und zurück aufs Bett ziehen müssen, ihn bitten, es ihm noch einmal zu erklären. Aber er war so... verwirrt, so überrascht von dem puren Selbsthass, der mit Junmyeons Worten zu ihm gesprochen hatte. Er verstand es nicht.
Nachts konnte er nicht schlafen, weil Junmyeon nicht in ihr Zimmer zurückgekehrt war, und als er aus dem Zimmer tapste, um ihn zu suchen, streifte er durch die Stockwerke, bis ein dumpfes Geräusch ihn ins untere Stockwerk führte.
Es klang, als würde jemand mitten in der Nacht einen Nagel in die Wand rammen, um ein Gemälde aufzuhängen.
Es war dunkel, als Jongin die Küche betrat, die eigentlich nur vom Personal der Klinik betreten werden durfte. Er hatte sein Handy zurückgelassen und suchte die Wände blind nach einem Lichtschalter ab. Als er einen fand und der Raum plötzlich in weißes, grelles Licht getaucht wurde, stoppte das dumpfe Geräusch.
Da stand Junmyeon – noch immer in seinem langärmeligen, weißen Shirt und den Jeans von heute Mittag. Die weißen Bandagen um seine linke Hand waren wie die Haut einer Schlange auf dem Boden eingerollt und entblößten den Arm, den Junmyeon kaum noch bewegen konnte.
„Jongin..." Junmyeon starrte ihn mit großen, wachen Augen an. So lebendig, wie er ihn noch nie gesehen hatte. Sein Haar stand unordentlich von seinem Kopf ab, als wäre er oft mit den Fingern hindurchgefahren, die Haut unter seinen Augen war bläulich-grau, aber seine Wangen waren rot wie der erste, feurige Schimmer der Morgenröte. „S-Sieh nicht hin!", rief Junmyeon aus. „Schau fort! Geh weg! Geh weg!"
Jongin stand reglos in der Tür – fassungslos. Sein Gehirn brauchte zu lange, um die einzelnen Puzzleteile zusammenzufügen und selbst danach dauerte es noch einmal eine kleine Ewigkeit, um ein sinnvolles Ganzes zu schaffen.
Die blassen Bandagen auf dem Boden, die nach Ginkobäumen dufteten, Flüssigkeit, die wie strahlender Klatschmohn über die Tischplatte rann, Junmyeons Gesicht, das in Schock verzogen war, während er auf seine Reaktion wartete. Der hölzerne Fleischhammer, der in Junmyeons rechter Hand zitterte - und seine linke Hand, von der nicht viel mehr als ein fleischiger Brocken aus Blut und Knochen verblieben war.
Jongin stolperte zur Seite und musste eine Hand vor den Mund pressen, um sich nicht zu übergeben. Der Geruch von Blut und Schweiß stieg ihm in die Nase und er würgte, obwohl er seine Atmung zur Ruhe zwang.
„Du... du hättest das nicht sehen sollen", flüsterte Junmyeon. „Es ist widerlich - ich - ich bin widerlich."
„Junmyeon – was - was hast du getan?!"
Junmyeon schwankte ein wenig auf der Stelle. „Ich konnte nicht anders."
„Wovon redest du?" Jongin musste sich am Türrahmen abstützen, um nicht zu fallen. „Du hast deine - deine eigene Hand..."
Jongin wusste nicht, was er sich vorgestellt hatte. Ein Unfall vielleicht? Ein tragischer, tragischer Unfall, aufgrund dessen Junmyeon all die wundervollen Geschichten in seinem Inneren nicht mehr zu Papier bringen konnte... nicht das hier.
Niemals das hier.
„Geh weg, Jongin." Er weinte. „Lass mich in Frieden, lass mich..."
Er hob den Fleischhammer wieder an, aber Jongin war schneller als er. Das Monster in ihm loderte vor Zorn auf und packte sein Handgelenk, bevor er es noch einmal auf seine zertrümmerte Hand schleudern konnte. Der blutige Fleck, die zersplitterten Knochen verschwammen vor seinen Augen, als eine neue Welle der Übelkeit über ihm zusammenbrach. „Verdammt. Lass ihn los. Lass den Hammer fallen, Junmyeon."
„Nein!" Er versuchte sich zu wehren, aber Jongin war klar der Stärkere der Beiden. „Du kannst nicht..."
„Lass ihn fallen!", schrie Jongin. „Verdammt, du bist krank! Wie konntest du dir selbst..."
Ihre erste Begegnung schoss Jongin wieder in den Sinn.
„Wieso bist du hier? Ich meine, aus welchem Grund hat man dich für labil genug erachtet, rundum Betreuung zu benötigen?"
„Körperverletzung", hatte er geantwortet. „Du?"
„Ebenfalls."
Ein Knurren kam ihm über die Lippen, ein Laut, der tief in seiner Brust zu vibrieren schien. Etwas knackte in Junmyeons rechtem Handgelenk, als Jongin fester zudrückte, und schließlich fiel der Hammer ihm aus der Hand, landete auf dem Boden zwischen ihnen, bis Jongin ihn mit einem Tritt durch den gesamten Raum schleuderte. Junmyeon starrte ihn mit geweiteten Augen an.
„Rühr dich nicht von der Stelle."
Junmyeon antwortete nicht.
„Hast du mich verstanden?!"
Als er nickte, ließ Jongin los und trat einen Schritt zurück. Er hörte das gleichmäßige Tropfen von Blut auf die braunen Terrakottafliesen unter ihnen fallen. Etwas zuckte in Junmyeons Gesicht – es musste Schmerz sein – und Jongin wandte sich ab. Er sammelte den Fleischhammer ein und presste ihn an seine Brust, als er aus dem Raum rannte, nicht darauf achtend, dass Blut und Knochen an seinem Holz klebten und es ausgerechnet Junmyeons Blut und Junmyeons Knochen waren.
Jongin rief um Hilfe, stürzte in den Raum der Betreuer und rannte dann weiter in Doktor Parks Büro, wo die Übelkeit die Überhand gewann und er sich vor dem Papiermülleimer neben Doktor Parks Schreibtisch zusammenkrümmte und seinen Mageninhalt hineinleerte.
Er bemerkte nur wie durch dichten Nebel, dass er Doktor Park zwischen Würgen und Erbrechen alles erzählte und nicht aufhörte, als dieser verschwand und eine Betreuerin an seine Seite kam, ihm über den Rücken streichelte und ihm erklärte, dass er hyperventilierte. Dass er atmen musste.
Atmen.
Das Bild von Junmyeons zerstörter Hand schoss ihm immer wieder vor die Augen. Rot und unförmig, wie ein Haufen rohes Hackfleisch, das frisch aus dem Fleischwolf erbrochen wurde.
Und die Vorstellung allein reichte aus, um den Mülleimer fester zu umklammern und auch noch das letzte Bisschen seines Mageninhalts hinein zu leeren.

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Seit das Monster in ihm erwacht war, war Jongin an Gewalt gewöhnt und er hatte nie einen Hehl daraus gemacht, sie sogar zu genießen. Aber nicht das. Das, was Junmyeon mit sich tat – offenbar schon immer getan hatte – war so weit entfernt von allem, was Jongin an Gewalt genoss, dass allein die Vorstellung ihm erneut Übelkeit bereitete.
Er konnte nicht nachvollziehen, wie Junmyeon sich selbst diese Dinge antun konnte, wie er seine eigene Hand Schlag für Schlag für Schlag so zurichten konnte...
Er blieb eine Woche lang im Krankenhaus. Seine Hand hatte notoperiert werden müssen und wurde stundenlang wieder zusammengesetzt - wie ein besonders tückisches Puzzlespiel. Ihm wurden sowohl künstliche Knochen als auch künstliche Haut implantiert und mit Schnüren zusammengehalten, die er in einer späteren Operation wieder entfernen lassen müsste – sofern sein eigenes Muskelgewebe wieder nachwuchs. Die Nervenstränge in seiner Hand waren so gut wie alle zerstört und es wäre ein Wunder, wenn er seine Finger in Zukunft noch bewegen könnte.
Aber das war nicht alles. Was Jongin vor lauter Blut und Schock nicht gesehen hatte, war Junmyeons Unterarm gewesen, der so voller Narben und Schnittwunden war, dass Eiter und anderes Sekret aus dem abgestorbenen Fleisch pulsierte in einem verzweifelten Versuch seines Körpers sich irgendwie wieder zu heilen.
Und Jongin – obwohl niemand seine Befürchtungen bestätigt hatte – war sich sicher, dass das nicht der einzige Part seines Körpers war, den Junmyeon in purem, unbegründeten Selbsthass attackiert hatte.
„Gefällt es dir?", hatte er Junmyeon gefragt, als dieser frisch aus dem Krankenhaus zurückgekommen war, blass und ermattet, seine Hand vollständig bandagiert und in Schienen und Gips gelegt. Alles noch wund und verletzlich.
„Es ist die einzige Art, wie ich überleben kann", hatte er geantwortet, erneut so unendlich weit entfernt, als wären die letzten Monate mit Jongin nie da gewesen.
„Indem du dich selbst zerstückelst? Das klingt meiner Meinung nach nicht nach Überleben", fauchte er zurück. Er war so unsagbar wütend. Und er verstand einfach nicht. „Es klingt, als würdest du dich auf die schmerzhafteste Weise überhaupt umbringen wollen."
Stück für Stück für Stück.
Da hatte Junmyeon gelächelt. „Ja, vielleicht stimmt das."
Und Jongin hatte ihn geschlagen.
Es war falsch und es war schrecklich und Jongin zuckte vor ihm und vor sich selbst zurück, als er seine Hand zurückzog. Es war nur eine Ohrfeige gewesen, aber sie hatte Junmyeons Kopf zur Seite geschleudert und ließ Jongins Hand pulsierend zurück.
Noch nie zuvor war er so überrascht, so fassungslos darüber gewesen, dass er einen anderen Menschen verletzt hatte.
„J-Junmyeon - ich -" Er krachte gegen die Tür, weil er unbewusst zurückgestolpert war. Er ließ sich daran herunterfallen und starrte auf seine zitternde Handfläche. Was hatte er getan?
Junmyeon atmete lange aus, als hätte er die Luft angehalten. Langsam wandte er den Kopf und starrte Jongin an, die Augen geweitet und lebendig.
„Jongin?"
Da schossen Jongin Tränen in die Augen und er vergrub das Gesicht in den Armbeugen, als würde ihn das vor der Falschheit seiner eigenen Tat bewahren. „Wie... Wie konnte ich nur? Oh Gott, Junmyeon, es tut mir so leid. So unendlich leid. Verzeih mir... es tut mir so leid."
Er war so wütend gewesen, weil Junmyeon so... so achtlos mit sich selbst und seinem Leben umging. Wie konnte er sich selbst nur so etwas antun? Wie konnte er bloß so gleichgültig über sein Leben sprechen?
„Oh, Jongin", sagte Junmyeon sanft. Er hörte seine Schritte und dann das Rascheln seiner Kleidung, als er vor Jongin in die Knie ging.
„Ich bin krank, ich bin ein Monster. Ich..." Er dachte an all die Menschen, die er zuvor mit Freude verletzt hatte und verspürte plötzlich unsagbaren Ekel vor sich selbst. Wie konnte er ausgerechnet Junmyeon...
„Nein, das bist du nicht. Ist schon gut, Jongin. Es ist gut." Er legte den rechtem Arm um ihn und presste seinen Kopf gegen seine Brust, küsste sein Haar und seine Schläfe, während er weinte und sich vor und zurück wog wie ein Kind. „Es tut mir leid, dass du das sehen musstest. Es tut mir wirklich, wirklich leid, Jongin."
Und Jongin krallte sich in seinen Pullover fest und weinte und flehte Junmyeon an, so etwas niemals, niemals wieder zu tun.
„Ist gut, Jongin", flüsterte er. „Ist ja gut."

☂️

Aber es war nicht gut. Und Junmyeon brach sein Versprechen in tausend kleine Stücke.
Er hörte nicht auf. Im Gegenteil.
Manchmal erwachte Jongin nachts von Junmyeons leisem Seufzen und blinzelte dann gegen die Dunkelheit, bis er sah, wie Junmyeon sich mit einem Messer über die Fußgelenke fuhr, bis er die Haut dort abziehen konnte. Manchmal lächelte er Jongin an, bevor er ein Glas in seiner rechten Hand umklammerte und zerspringen ließ, bis die Scherben in seine gesunde Handfläche stachen und er tagelang keinen Stift mehr in die Hand nehmen konnte, ohne das Gesicht zu verziehen. Manchmal erzählte Jongin gerade eine Geschichte und sah, wie Junmyeons Blick zur Seite schweifte, wo der Gärtner mit einer Heckenschere hantierte, und er sah förmlich, wie sich das Kopfkino bei ihm einschaltete.
„Hör auf", flehte er eines Abends und ließ sich vor Junmyeon in ihrem Zimmer auf die Knie fallen. „Ich flehe dich an, hör auf damit. Bitte, Junmyeon, bitte."
Er hatte unlängst verstanden, dass er Jongin damit bestrafen wollte. Er wusste, was Jongin für ihn empfand und er wollte ihm seine Ohrfeige heimzahlen, indem er ihn zusehen ließ, wie er sich selbst verletzte. Etwas, das Jongin nicht ertragen konnte.
Junmyeon lächelte auf ihn herab, sanft und zart, und tätschelte seine Wange, mit seiner rechten Hand. „In Ordnung", sagte er. „Ich höre auf."
„Ehrlich?"
Er nickte und half Jongin aufzustehen, bis sie beinahe Brust an Brust standen. Ein aufgeregtes Funkeln belebte Junmyeons Augen. „Unter einer Bedingung. Du musst es noch einmal tun."
Jongin hielt ganz still, etwas in seinem Kopf piepste. „Was?"
„Schlag mich noch einmal."
Er fuhr von ihm zurück, als hätte Junmyeon ihn geschlagen. „Was?!"
„Es war gut. Es war besser als alles, was ich mir jemals hätte antun können!" Seine Wangen waren rot vor Erregung und seine Augen leuchteten. „Bitte tu es noch einmal, Jongin. Ich bitte dich."
Da verstand Jongin, dass Junmyeon ihn nicht bestrafen wollte. Er erpresste ihn.
„Vergiss es. Ich werde es nicht tun."
„Wieso nicht? Es ist perfekt! Ich brauche Schmerzen und du fügst sie anderen gerne zu. Wir sind perfekt."
„Nein, Junmyeon, das ist geisteskrank."
„We are all mad here", sagte er, so wie Jongin es vor Monaten getan hatte. „Das hast du gesagt."
„Nicht so verrückt! Ich kann dich nicht schlagen!"
„Du hast es schon einmal getan!"
„Und ich bereue es! Ich bereue es jede Sekunde lang, weil es falsch war und du es nicht verdient hast!"
„Du weißt nicht, was ich verdiene."
„Himmel, Junmyeon! Hör auf damit!"
Er verengte die Augen. „Wenn du es nicht tust, werde ich es tun."
„Sag das nicht. Bitte, sag so etwas nicht."
Er starrte auf seine Füße hinunter und blickte dann langsam zu ihm auf. „Ich... könnte im Rollstuhl landen, weißt du? Ich habe es schon einmal versucht. Ich habe mich auf Zugschienen gelegt, mit nur einem Bein und ich habe gewartet, bis..."
Jongin packte ihn an den Schultern und drehte ihn herum, bis er ihn gegen die Wand, neben seinem Kleiderschrank schleudern konnte. Putz rieselte auf ihre Köpfe hinunter und setzte sich wie Pulverschnee in ihre Haare. Übelkeit verengte ihm die Kehle. „Hör. Auf!", brachte er mühsam hervor.
Junmyeon grinste triumphierend. „Ich kann dir mehr dieser Geschichten erzählen. Ich habe viele, viele Dinge ausprobiert. Mit Feuer und Eisen, mit Eis und mit Klingen, mit Seilen und Draht..." Seine Hand fand erneut zu Jongins Wange, so sanft zu ihm und so unendlich grausam zu sich selbst. „Komm schon, Jongin. Nichts, was du mir antun könntest, ist schlimmer als das, was ich bereits getan habe. Glaub mir. Es wird sich gut anfühlen. Für mich und für dich." Er beugte sich zu seinem Ohr hinüber, die Stimme zu einem warmen Flüsterton gesenkt, der süß und klebrig wie Karamell schmeckte. „Ich weiß, dass du es genießen würdest."
Jongin stieß ihn von sich. „Nein." Seine Stimmt bebte. „Nein. Nicht dich... ich kann dir das nicht antun."
Wut durchzuckte sein Gesicht, wie ein Unwetter. „Du tust mir weitaus mehr an, indem du es nicht machst!"
„Hör auf, das zu sagen! Hör bitte auf."
Sie starrten einander in Grund und Boden, beide wütend und beide ausgelaugt und fertig.
„Es... Es tut mir leid, Jongin", sagte Junmyeon schließlich und wandte das Gesicht ab. „Entschuldige, ich hätte das nicht sagen dürfen."
Jongin atmetet schwer aus, unsicher, ob es vorbei war. Ob er diesen Kampf wirklich gewonnen hatte... „Es wird mich wirklich zu einem Monster machen, wenn ich dich noch einmal verletze, Junmyeon. Und das kann ich nicht. Ich kann nicht deinetwegen zum Monster werden."
„Ich verstehe schon... es ist zu viel verlangt."
Das war es, aber Junmyeon ließ es klingen, als wäre der Grund derjenige, dass er Jongin nicht genug bedeuten würde. Dass er sich nicht zum Monster machen ließ, weil Junmyeon ihm gleichgültig sei. Und nicht aus exakt gegenteiligen Gründen. Dass er es nicht tun konnte, weil er in Junmyeon verliebt war.
Er überbrückte den Abstand zwischen ihnen und umfasste Junmyeons Gesicht, bevor er ihn küsste. Fest und hart, damit er verstand, wie viel er Jongin bedeutete. Dass er es nicht ertrug, ihn leiden zu sehen, weil Junmyeon nicht einfach nur irgendwer  für ihn war. Dass sein Leid sich für ihn anfühlte, als würde er sich selbst etwas herausoperieren.
Junmyeon hielt für einen Moment ganz still, bevor er in den Kuss hineinschmolz, Jongin mit einer Hand näher zog und den Mund schließlich gehorsam für ihn öffnete.
Danach starrten sie einander an, rot und warm, als würden sie fiebern. Als hätte dieselbe Krankheit von ihnen Besitz ergriffen.
„Ich wusste nicht... ich hätte nicht gedacht, dass du dasselbe für mich empfindest, ich dachte..."
Es war selten, Junmyeon so aus der Fassung zu sehen, und es kitzelte ein Lachen aus Jongin heraus. „Doch", sagte er. „So sehr."

☂️
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Happy Halloween!!

Was für ein Tag, ich bin so froh, dass noch geupdated bekommen zu haben. Wahrscheinlich liest das hier niemand mehr tatsächlich an Halloween, weil es so spät ist, aber wenn doch, dann ist das hier mein kleines Halloween-Special!! Es fehlen noch zwei Teile, die irgendwann (~~~) hochgestellt werden (wahrscheinlich in den nächsten Tagen, keine Sorge alles ist schon geschrieben).

Ich hoffe es war in Ordnung und ihr seid gespannt (und nicht zu verstört) auf mehr :)

Ganz liebe Grüße,
Cherry
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