Schattenkind

von Azaria87
OneshotAbenteuer, Fantasy / P12
OC (Own Character)
31.10.2019
31.10.2019
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In meiner ältesten Erinnerung stand ich im Regen. Vor mir lauerten einige Kinder, von denen mich einige verächtlich angrinsten, andere starrten mich hasserfüllt an. Ich weiß noch, dass ich entsetzlich gefroren haben muss, auch wenn ich mich an die Empfindung selbst nicht mehr erinnere. Diese Kinder versperrten mir den Weg ins Haus. Sie lachten mich aus und beschimpften mich. Wann immer die Heimmutter gerade nicht hinsah, schikanierten mich die anderen Kinder. Wenn es die Kinder nicht taten, tat es die Heimmutter.

„Seht sie euch an, diese Dämonenfratze. Kommt ihr bloß nicht zu nahe, sonst beißt sie euch die Nase ab.“ – ein verlockender Gedanke…

„Seht nur ihre Augen … so kalt und gruselig. Und nie lächelt sie. Die spinnt doch.“ – Ich habe ja auch nichts zu lachen hier…

„Du bist Nichts! Du bist weniger wert als der Dreck unter meinen Fingernägeln! Scher dich fort und kümmre dich ums Abendessen. Und wehe du versalzt es wieder. Dann bekommst du eine Woche lang nichts zu essen!“ – Als ob man den Fraß hier Essen nennen könnte…

Wenn sie mich nicht schikanierten, gingen sie mir aus dem Weg. Was mir ganz recht war. Mit denen wollte ich ohnehin nichts zu tun haben. Niemand scherrt sich um ein Tieflingsmädchen. Selbst meine Eltern warfen mich aus dem Haus, noch bevor ich das erste Mal die Augen öffnete.

Wären sie keine Adligen, wäre ich vermutlich tot, bevor die Bindung zu meiner Mutter durchtrennt worden wäre. Warum Kindesmord so hart gestraft wird, verstehe ich nicht. Eindeutig wäre dies doch besser, als ein Kind solchem Hass auszusetzen.

Kinder kamen und gingen im Waisenhaus von Gwynnette, der Sanften, wie sie sich selbst nannte. Aber jeder der genau hinsah, wusste, dass es ihr nur um die Zuschüsse von Niewinter ging. Nicht um das Wohl der Kinder. Also scherrte es sie nicht, dass ihr Heim aus allen Nähten platze. Es gab zu viele Kinder und zu wenig Platz und zu wenig Essen. Kämpfe und Streitigkeiten waren verboten, also trug man alles auf hinterhältige Weise aus.

Wer geschickt war, wer gut darin war, sich zu verbergen, der fand etwas zu essen. Oder einen Schlafplatz. Wer nicht auffällt, wird nicht angegangen. Wer nichts sagt, wird nicht bemerkt.

Sie nannten mich ein Nichts und ich machte es zu meiner Überlebensstrategie.

Mit zwölf Jahren hielt ich es nicht mehr aus. Ich schlüpfte eines Nachts unbemerkt aus meiner Schlafecke und stahl mich in die Küche und packte ein paar Lebensmittel ein und kehrte meinem „Zuhause“ für immer den Rücken. Ich wusste, dass wegen meinem Diebstahl andere Kinder am nächsten Tag Hunger leiden würden. Mir war das egal.

Ich verließ das elendige Viertel und rannte die ganze Nacht durch die Straßen von Niewinter. Die nächsten Monate waren wohl die härtesten meines Lebens. Wenn ich Hunger hatte, musste ich mein Essen stehlen. Wenn ich Durst hatte, musste ich einen Brunnen finden, dessen Wasser nicht faulig war. War ich müde, musste ich mit anderen Kindern um geeignete Schlafplätze kämpfen. Wurde ich krank … konnte ich nur hoffen.

Als es auf den Winter zuging, machte ich mir langsam ernsthafte Sorgen, wie es weitergehen soll. Ich beschloss einen geeigneten Unterschlupf zu finden und dort ein paar Vorräte anzuhäufen. Ein gewagtes Unterfangen. In den Armenvierteln hatte ich damit keine Chance, das wusste ich. Also beschloss ich, mein Glück in einem der wohlhabenderen Teilen der Stadt zu versuchen. Das Riskante hierbei war, dass mich dich Wachen verprügelten, sobald sie mich nur sahen. Also musste ich hier besonders vorsichtig vorgehen. Ich suchte mir ein Versteck und legte mich auf die Lauer, um zu beobachten.

Mehrere Glockenschläge lang passierte nichts Besonderes. Ich beobachtete vor allem die Wachen, ihre Wege und worauf sie besonders achteten. Es gab einige Geschäfte, denen sie offenbar mehr Aufmerksamkeit schenkten. Die Bürger dieses Viertels gingen ohne jede Sorge ihren Geschäften nach. Sie wären recht leicht zu überfallen … wären da nicht überall diese Wachen. Als es dämmerte, verlies ich meinen Beobachtungsposten und schlich durch die Hintergassen, in der Hoffnung ein Unterschlupf zu finden – vielleicht ein verlassener oder kaum besuchter Keller oder eine leere Box in einem Stall. Mir war alles recht, solange es halbwegs trocken und zugfrei war.

Als ich plötzlich einen erbosten Schrei hörte, drückte ich mich instinktiv in den Schatten einer Hauswand. Doch ich merkte schnell, dass der Schrei nicht mir galt. „Elende Halunken, scherrt euch fort und lasst euch gefälligst nie mehr blicken. Wenn ich euch noch einmal erwische schneide ich euch die Finger ab!“

Ich spähte um eine Häuserecke in die Richtung, aus der der Schrei kam und sah gerade noch zwei Jungen durch die Gasse davonhuschen. Sie flohen offenbar vor einem Mann mit einer weißen Schürze vor seinem dicken Bauch. Er gestikulierte wild mit seinen Händen und beschimpfte die davoneilenden Kinder mit wüsten Beleidigungen. Gerade als der eine Junge um die nächste Ecke bog, fiel ihm ein Brötchen aus seinem Hemd. Sofort richtete sich mein Blick darauf und mein Magen begann sehnsüchtig zu knurren.

Leider hat der große Mann es auch bemerkt und sofort rief er etwas lauter: „Elende Diebe! Wachen! WACHEN!“

Sofort nahm ich die Beine in die Hand. Wenn die Wachen hier erstmal eintreffen würden, würden sie mich, ohne zu fragen, zusammenschlagen. Dass ich nur so aussah, als würde ich kein gesetztes treues Leben führen, wäre für sie schon Grund genug, mich festzunehmen … oder schlimmeres. Also rannte ich davon. Ich kannte mich noch nicht besonders gut aus in diesem Viertel, also rannte ich orientierungslos durch die Gassen. Plötzlich hörte ich ein leises Lachen von den Mauern schallen. „Hast du gesehen, wie der geguckt hat?“

„Ja, dem sind fast die Augen aus dem Kopf gefallen.“

„Glaubst du, wir haben für genug Ablenkung gesorgt?“

Eine weitere Antwort konnte ich nicht hören, denn plötzlich standen die beiden Jungen vor mir, als sie um eine Ecke bogen und fast in mich hineinrannten. „He! Pass doch auf.“

„Da sind sie! Lasst sie nicht entkommen, elendes Geschmeiß“

Panisch blickte ich an den Jungen vorbei und sah die ersten beiden Wachen in die Gasse stürmen. Sie sahen ziemlich wütend aus. Bevor ich wusste, wie mir geschah, spürte ich einen Ruck durch meinen Arm gehen, als mich einer der Jungen auf die Füße und mit sich zog. „Schnell, hier entlang.“

Eilig stolperte ich ihnen hinterher, ohne zu wissen warum. Doch im Moment blieb mir nichts weiter übrig. Allein schon deshalb, weil mich der Junge nicht losließ.

Gemeinsam hetzten wir die Gassen entlang. Mit den Wachen dicht auf den Fersen. Im Gegensatz zu mir, die vor Angst kaum einen klaren Gedanken fassen konnte, wirkten die anderen beiden gar nicht so besorgt. Als wir in eine Sackgasse einbogen, konnte ich nur mit Müh und Not einen verzweifelten Aufschrei unterdrücken. Ich sah zurück und entdeckte zwei Wachmänner, die gerade um die Ecke bogen und ich sah mich schon vor Schmerz zusammengekrümmt auf dem Boden liegen, als der Junge mir eilig etwas zuzischte. „Los kommt schon!“

Ich sah mich nach ihm um und konnte ihn zunächst nirgends entdecken. Panisch folgte ich der Stimme und wurde plötzlich abermals am Handgelenk gepackt und in eine Lücke im Mauerwerk gezogen. Im Halbdunkeln konnte ich diese Lücke gar nicht sehen. Was wohl an dem Gestrüpp lag, welches davor wucherte. Dass die Zweige mir die Arme aufgekratzt haben schien mir aber ein geringer Preis für dieses Versteck zu sein. Wir verharrten in unserem Versteck und versuchten unseren keuchenden Atem zu beruhigen, während die Wachen heraneilten und sich suchend umsahen. Keiner von uns wagte es, sich zu bewegen. Als sie sich unserem Versteck näherten, hielt ich panisch den Atem an. ‚Ein Geräusch‘ dachte ich. ‚Ein Schrei… Irgendetwas, nur weg von hier.‘ Und ich fühlte ein vertrautes Zupfen an meinem Geist und kurze Zeit später hörte ich es. Ein markerschütternder Schrei, einige Gassen weiter. Sofort ruckten beide Wachmänner mit den Köpfen herum und stürmten los, um der Ursache des Schreis auf den Grund zu gehen. Erleichtert hörte ich die Jungs hinter mir aufatmen, sobald die Wachen außer Sicht waren.

„Das war knapp.“

„Allerdings, ja. Danken wir der armen Seele, die in größerer Not war als wir.“

Es schien die beiden nicht sonderlich zu kümmern, dass jemand in so großer Not zu sein schien, um einen derart gequälten Schrei auszustoßen. Doch um ehrlich zu sein, war ich es auch nicht. Ich zuckte nur mit den Schultern. „Sie werden niemanden finden. Der Schrei kam von mir.“

Überrascht sahen mich die beiden an. Dann grinste einer von ihnen. „Du bist eine Hexe.“ Stellte er fest und zum ersten Mal in meinem Leben hörte es sich nicht spöttisch und panisch an, sondern … bewundernd. Irritiert blickte ich ihn an und weil ich nicht wusste, was ich darauf erwidern sollte, schwieg ich einfach.

„Das wird Darandor interessieren. Hast du Lust mitzukommen?“ fragte mich der größere, der beiden Jungen. Doch sein Freund schien damit gar nicht einverstanden zu sein, denn er zischte ihm eine wütende Antwort entgegen. „Spinnst du? Wir wissen nicht, zu wem sie gehört. Sie könnte eine der Kerkerkatzen sein. Die können wir unmöglich in unser Versteck mitnehmen.“

Weiterhin blickte ich die beiden irritiert fragend an, denn ich verstand kein Wort von dem, was sie da sagten. Als der größere da ungeniert nach meinem Hemd griff und in die Höhe zog, konnte ich nur mit Müh und Not einen erschrockenen Aufschrei unterdrücken. Sein Blick glitt über meine kindliche Brust und schließlich lächelte er. „Schau. Kein Tattoo. Kerkerkatzen haben ein Pfotenabdruck auf dem Schlüsselbein.“

„Sie könnte trotzdem für sie spionieren.“

Als der Junge meine Kleidung losließ, zupfte ich sie wieder zurecht und trat einen Schritt von ihm zurück. Ich war mir nicht sicher, was ich von dem Gespräch zwischen den beiden halten sollte, aber in mir dämmerte die Erkenntnis, dass sie wohl von den Banden sprachen, die in der Unterwelt von Niewinter ihr Unwesen treiben.

Einer Bande anzugehören würde natürlich die Überlebenschancen erheblich erhöhen. Aber dafür muss man auch seinen Beitrag leisten und sich entsprechend unterordnen können. Ginge es mir ums nackte Überleben, hätte ich auch im Waisenhaus bleiben können. Deswegen habe ich es bisher nie in Erwägung gezogen, zu versuchen, einer Bande beizutreten. Aber jetzt stand der Winter vor der Tür.

„Was hältst du davon?“ Die Frage des größeren Jungen riss mich aus meinen Gedanken und fragend sah ich ihn an. „Wovon?“

„Wir erzählen Darandor von dir. Er kann entscheiden, was wir mit dir machen. Vielleicht kannst du ja bei uns mitmachen. Eine Hexe zu haben, wäre bestimmt eine Bereicherung.“ Er grinste mich an und ungläubig starrte ich zurück. Noch nie war ich … erwünscht. Es fiel mir schwer ihm zu glauben. Deswegen glaubte ich auch, nichts verlieren zu können, wenn ich zustimme. Also nickte ich.

„Sehr schön. Dann triff uns morgen Abend wieder hier. Nach Sonnenuntergang. Dann sehen wir weiter.“

Sein Freund wirkte noch nicht überzeugt, doch er schwieg und starrte mich nur abschätzend an. Ich zuckte nur mit den Schultern. Solche Blicke war ich gewöhnt. Für ihn schien das Gespräch beendet zu sein, denn er wollte sich abwenden und seinen Freund mitziehen. Doch dieser machte sich wieder los und reichte mir eines der Brötchen, die sie gestohlen hatten. „Du hast doch bestimmt auch einen Namen, oder?“

Ich sah vom Brötchen in sein Gesicht und wieder zurück zum Brötchen. Mein Magen knurrte, was den Jungen dazu veranlasste mir das Brötchen einfach in die Hand zu drücken, da ich es selbst keine Anstalten machte, es zu nehmen. Ratlos schüttelte ich den Kopf. „Ich habe keinen Namen.“

Mein gegenüber schaute mich daraufhin mit einem ungläubigen Blick an. „Wie hat man dich denn bisher genannt?“

Du da‘ und ‚Mottenscheiße‘ waren keine Namen, die ich mir selbst geben wollte. Ich zuckte ratlos mit den Schultern, bis mir ein Gedanke kam. ‚Du bist Nichts!‘

Ich begann zu grinsen.

„Mein Name ist Void.“
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