Die schriftliche Prüfung

von robinie
KurzgeschichteAllgemein / P12
Chouza Akimichi Inoichi Yamanaka Kakashi Hatake Shikaku Nara
31.10.2019
31.10.2019
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A/N:
Hallo und herzlich Willkommen zu dieser Geschichte. :-) Es ist ganze drei Jahre her, seit ich das letzte Mal eine Naruto-FF hochgeladen habe. Wo ist nur die Zeit geblieben? Ich vermisse es sehr, mich in dieser Welt zu tummeln, aber es sieht danach aus, als wäre das Naruto-Fandom extrem geschrumpft. Es gab Zeiten, da brauchte man an einem Feiertag oder am Wochenende gar nichts hochladen, weil man gefühlt eine Stunde später schon auf die vierte Seite des Indexes gerutscht war. Jetzt stehen Geschichten noch tagelang auf der ersten Seite. Die Zeiten haben sich wirklich geändert. Wie dem auch sei, die vorliegende Geschichte war ursprünglich als Dreiteiler gedacht (schriftliche Prüfung, "Schriftrollen-Prüfung", 1 vs. 1-Prüfung), aber da ich inzwischen die Hoffnung aufgegeben habe, sie jemals zu vollenden, habe ich mich dazu entschlossen, das geschriebene erste Kapitel hochzuladen und die FF dort zu beenden. Ich finde, dass sie lange genug auf meinem Rechner geschmort hat - immerhin drei oder vier Jahre.^^ Jetzt wird es hochgeladen und gut ist!

Ich wünsche viel Spaß beim Lesen. :-)

robinie

Kurzbeschreibung:
Shikaku Nara ist nicht zu beneiden: Erst zwingt man ihn dazu, an der Chuunin-Prüfung teilzunehmen, obwohl er nicht weniger Interesse daran haben könnte, und jetzt wird er mit seinen Teamkollegen Chouza Akimichi und Inoichi Yamanaka in der letzten Sekunde auch noch dazu verdonnert, den verwöhnten Hosenscheißer namens Kakashi Hatake in sein Team aufzunehmen. Zu allem Übel wird ihnen als Prüfer der ersten Runde auch noch dieser ungnädige Danzo Shimura vorgesetzt. Es ist amtlich: Er ist der größte Pechvögel unter Konohas Himmel!

Disclaimer:
Die vorliegenden Geschichten entstanden in Anlehnung an den Manga „Naruto“. Die damit verbundenen Charaktere und Orte unterliegen allesamt dem Copyright von Masashi Kishimoto.

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DIE SCHRIFTLICHE PRÜFUNG


Das Gerücht hatte schon die Runde gemacht und betrat nun in Form eines kleinen Hosenscheißers den überfüllten Prüfungsraum: Kakashi Hatake, sechs Jahre alt, seines Zeichens jüngster Akademie-Absolvent seit der Gründung der Ninja-Dörfer und möglicherweise bald jüngster Chuunin aller Zeiten.

Der rege Betrieb endete wie auf Knopfdruck: Unterhaltungen wurden unterbrochen, Streitereien fürs Erste beigelegt, die mentale Vorbereitung auf die Prüfung verzögert. Alle Blicke im Raum, einschließlich seinem eigenen, hefteten sich mit unverhohlener Sprachlosigkeit an den Knirps, der sich wie selbstverständlich unter die Leute mischte und die unverschämte Ruhe besaß, sich an die Wand zu lehnen und so zu tun, als bekäme er die Aufregung um seine Person gar nicht mit.

Arrogantes Balg.

Shikaku musterte ihn. Dieses Kind sollte allen Ernstes Fähigkeiten besitzen, die denen der Heranwachsenden ebenbürtig waren? Der Bursche machte mit seinen dünnen Ärmchen auf ihn eher den Eindruck, kaum einen Kunai halten zu können. Noch dazu war er winzig, sah eher aus wie vier als wie sechs. Dennoch waren die Stimmen, die ihn in den Himmel lobten, lauter als eine Horde kreischender Weiber. Genie war noch die erträglichste Bezeichnung, die man dem Knirps verpasst hatte. Zunehmend tauchten in Zusammenhang mit diesem Zwerg jedoch Wörter wie Wunderkind oder Jahrhunderttalent auf. Pah, Ausnahmefähigkeiten hin und her, am Ende war er doch nur ein kleiner Hosenscheißer, der noch an der Brust seiner Mutter nuckeln würde, wenn sie denn nicht schon lange tot wäre. Aber auch das war ihm herzlich egal. Hauptsache, sie banden ihm das Balg nicht ans Bein. Für permanentes Geheule und Heimwehklagen waren seine Nervenstränge nicht reißfest genug. Diese Chuunin-Prüfung nervte ihn schon zur Genüge, da brauchte er nicht noch einen Möchtegern-Shinobi, der daran gewöhnt war, dass man ihm Honig ums Maul schmierte.

Als ihr Sensei jedoch kurz nach Kakashi den Raum betrat und zielstrebig auf sie zukam, spürte Shikaku intuitiv, dass seine schlimmsten Befürchtungen sich bewahrheiten würden. Er hasste es, dass er sich selten bis nie irrte und ihr Sensei ihnen tatsächlich die Nachricht überbrachte, dass Kakashi für die Dauer der Chuunin-Prüfung ihr viertes Teammitglied sein würde. Eine Notentscheidung, wie ihr Sensei ihnen mitteilte. Shikaku schaltete bei dessen ellenlanger Erklärung und Entschuldigung ab. Der Hosenscheißer war bei ihnen im Team. Punkt. Wieso, warum, weshalb interessierte ihn nicht.

»Da haben die uns aber was Tolles eingebrockt!«, murrte Inoichi, kaum dass ihr Lehrer ihnen den Rücken zugekehrt hatte. »Der wird uns Schwierigkeiten machen.«

»Ich weiß gar nicht, was du hast, Inoichi«, sagte Chouza. »Sieh ihn dir doch nur mal an. Die süßen Füßchen in den Sandalen, das Hitae-ate, das er sich theoretisch zweimal um die Stirn binden könnte, und diese zotteligen Haare. Er ist so ein putziges kleines Kerlchen, ich hab ihn jetzt schon gern. Außerdem wird er bestimmt eine große Hilfe sein. Er ist noch ein kleines Kind, ja, aber wenn er seinem Ruf nur ansatzweise gerecht wird, dann haben wir das große Los gezogen.«

Gutmütig wie eh und je, dachte Shikaku. Und naiv. Er hatte keine andere Reaktion von Chouza erwartet; Chouza sah in allem nur das Gute. Selbst in einer beschissenen Situation wie dieser. Shikaku jedenfalls war sich nicht so sicher, ob sie einen Vorteil gegenüber den anderen haben würden. Wahrscheinlich eher das Gegenteil. Egal wie talentiert Kakashi war, das änderte nichts daran, dass er nur sechs Jahre zählte. Da konnte ihm seine Vorgesetzten sagen, was sie wollten, aber ob Shinobi oder nicht: Kind blieb Kind.

Als ein Mann mit ernstem Blick und steifen Gesichtszügen den Prüfungsraum betrat, über ein Dutzend strammlaufender Ninja im Schlepptau, wurde es so still, dass man das Ticken der Uhr hörte. Shikaku kannte ihn, hatte ihn mehrmals zusammen mit dem Hokage gesehen, aber sein Gehirn wollte ihm den Namen zum Gesicht nicht ausspucken. Alles, was er wusste, war, dass diesen Mann eine erdrückende Aura umgab. Er war einer dieser Menschen, die es mit ihrer bloßen Anwesenheit bewerkstelligten, eine angespannte Atmosphäre zu schaffen. Ausgerechnet dieser Typ ...  Das war gar nicht gut. Blieb ihm denn nichts erspart? Hoffentlich fing Klein-Kakashi bei dessen Anblick nicht an zu heulen.

»Hinsetzen!«, befahl der Mann in ruhigem, aber dominanten Tonfall, nachdem er sich vor das Pult positioniert hatte, eine Wand aus Shinobi hinter sich. Da man jedem Teilnehmer einen bestimmten Sitzplatz zugewiesen hatte – Shikaku hatte die 49 –, dauerte es einen Moment, bis Ordnung eingekehrt war und jeder dort saß, wo er zu sitzen hatte. Shikaku ließ seinen Blick durch die Menge schweifen. Hundertzwanzig erfolgshungrige Genin hatten sich eingefunden. Einer unterschiedlicher als der andere. Nur eines hatten sie alle – er als einziger ausgenommen – gemeinsam: Sie strahlten puren Ehrgeiz und Willen aus.

»Fahrt bitte fort«, bat ein Shinobi den Prüfer und verbeugte sich vor diesem, bevor er die Lücke in der Shinobi-Wand wieder schloss.

»Herzlich Willkommen zur diesjährigen Chuunin-Auswahlprüfung. Mein Name ist Danzo Shimura und ich bin der Prüfer des ersten Tests.«

Danzo, richtig. Bei Erwähnung seines Namens ist der Typ neben mir zusammengezuckt. Wenn das kein schlechtes Zeichen ist, dann weiß ich auch nicht.

Danzo trat einen Schritt vor, sodass seine Oberschenkel den Pult berührten. »Ich freue mich selbstverständlich darüber, dass sich so viele junge, vielversprechende Ninja zu dieser Prüfung angemeldet haben, um unser Dorf in Zukunft noch stärker zu verteidigen. Allerdings wird die Hälfte von euch bereits nach diesem Test nach Hause gehen, das garantiere ich euch.«

Gemurmel erhob sich im Raum und schwoll zu einem Stimmenwirrwarr an. Shikaku seufzte angesichts der entsetzten Blicke, die ausgetauscht wurden. Danzo hatte es mit nur einem Satz geschafft, die Selbstsicherheit der Chuunin-Anwärter in einer unbedeutenden Statistik zu ersticken. Und wie Shikaku befürchtet hatte, bröckelte auch Chouza. Er blickte mit einer Mischung aus Nervosität und Hilflosigkeit zu ihm herüber, die Stirn sorgenvoll in Falten gesetzt. Shikaku nickte ihm aufmunternd zu.

»Wie kommt Ihr zu so einer Äußerung, Danzo-sama?«, fragte ein Chuunin-Anwärter aus der letzten Reihe. Sein Pony fiel ihm vor die Augen und sein langer Pferdeschwanz kringelte sich um seinen muskulösen Oberarm.

»Hinsetzen, junger Shinobi!«, sagte Danzo. »Ein Ninja stellt keine Fragen, es sei denn, sie ist essentiell für die Ausführung seines Befehls. Ansonsten hat er den Mund zu halten und zu tun, was man ihm befiehlt.«

Der Mund des besagten jungen Shinobis öffnete sich einen Spalt, abwägend, ob er etwas erwidern oder doch schweigen sollte. Schlussendlich schloss er wortlos seine Lippen und setzte sich wieder hin.

»Ich werde euch nun die Regeln erklären. Hört aufmerksam zu, denn ich werde sie nicht wiederholen.« Eine Kunoichi, die auffällig große Ohrringe trug, reichte Danzo ein Klemmbrett und ging zurück an ihren Platz, ans Ende der Ninja-Wand. Danzo studierte das Blatt am Klemmbrett in Windeseile. Dann sah er hoch.

»Das kann ja heiter werden«, hörte Shikaku jemanden sagen, als Danzo mit eisiger Miene in die Menge schaute.

»Genau genommen gibt es nur eine Regel und die heißt: Beantworte die Fragen auf dem Aufgabenbogen innerhalb von sechzig Minuten.«

Erleichtertes Aufatmen.

Shikaku traute dem Frieden nicht. Dass man einen Test bearbeitete, lag in der Natur der Sache, das musste man ihnen nicht als Regel aufführen. In Danzos Augen lag ein hinterlistiger Ausdruck, ein Blitzen, als freue er sich schon darauf, die Freude der Genin in seinen nächsten Worten zu ertränken. Shikaku seufzte. Hoffentlich würde er zur Abwechslung einmal Unrecht behalten.

»Es gibt aber noch einige Punkte zu beachten«, sagte Danzo und zerschlug damit Shikakus Hoffnungen. »Wenn jemand beim Betrügen erwischt wird, disqualifiziert er damit automatisch sein gesamtes Team.«

»Was?«, stieß ein junges Mädchen aus, vielleicht dreizehn Jahre alt. Sie hatte einen kecken Zug um den Mund, der ihr etwas Wildes verlieh, und sie biss in eine Zitrone, ohne eine Miene zu verziehen. »Schöne Scheiße!«

»Ruhe! Haltet die Klappe!« Ein Shinobi mit einer Narbe vom Nasenflügel bis zum Kinn schoss aus der Shinobi-Wand hervor und donnerte mit beiden Fäusten auf den Tisch, an dem Kakashi saß. Für einen Moment war der Shinobi beim Anblick von Kakashi irritiert – es kam immerhin nicht alle Tage vor, dass ein kleines Kind an einer Chuunin-Prüfung teilnahm –, fasste sich aber sofort wieder. »Kein Mucks mehr! Das ist ein Befehl! Wenn jemand meint, etwas sagen zu müssen, dann hat er die Hand zu heben und auf Erlaubnis zu warten, kapiert, ihr Pissnelken?« Der Narben-Shinobi drehte sich zu Danzo um und verbeugte sich vor ihm. »Entschuldigt bitte die Unterbrechung, Danzo-sama.«

Danzo nickte ihm dankend zu und sandte den Narben-Shinobi mit einer Geste zurück an seine Position. »Darüber hinaus ist Folgendes zu beachten: Die erste Prüfung ist dahingehend besonders, als dass man sie nur als Team bestehen kann. Es zählt nicht die Punktzahl des einzelnen, sondern die des gesamten Teams. Ihr müsst mindestens fünfzig Prozent der insgesamt zu erreichenden Punktzahl erzielen. Euer Abschneiden wird darüber entscheiden, wie stark oder wie schwach ihr in die zweite Prüfung startet. Aber dazu kommen wir zur gegebenen Zeit.«

Shikaku erspähte eine Libelle, die am Fenster vorbeiflog, und beneidete sie aus ganzem Herzen darum, dass sie sich nicht mit einer so lästigen Angelegenheit wie eine Ninja-Prüfung herumplagen musste. Sie flog umher, wie es ihr beliebte. Er hingegen musste sich den Kopf darüber zerbrechen, wie er sein Team durch diese Prüfung bekam. Inoichi und Chouza waren nicht das Problem, die würden die Fragen schon beantwortet kriegen und zur Punkterreichung beitragen. Aber das Balg machte ihm Sorgen. Konnte die kleine Kröte überhaupt lesen? Shikakus Blick tastete sich durch die Reihen. Er schätzte, dass die meisten Genin hier zwischen zwölf und sechzehn Jahre alt waren, ein paar wenige waren älter, etwa achtzehn oder neunzehn. Daran gerechnet, musste der Test einen gewissen Schwierigkeitsgrad besitzen. Wie zur Hölle war Kakashis Lehrer auf die absurde Idee gekommen, dieses Kleinkind antreten zu lassen? Shikaku hätte ihm dafür gerne in den Allerwertesten getreten – wenn er denn dazu in der Lage gewesen wäre.

Der Narben-Shinobi und die Ohrringen-Kunoichi legten je rechts und links von Danzo einen Koffer auf den Pult. Der Raum hielt den Atem an, was Shikaku übertrieben fand. Simsalabim, gleich tut sich vor euren Augen ein Stapel Papier auf. Mit der Wange auf der Faust und die Lider halb herabgesunken wartete Shikaku, bis man ihm einen Arbeitsbogen (mit der Textseite nach unten) und einen Bleistift mit einem Radierer am Stielende hinlegte. Er konnte förmlich spüren, wie die Anspannung der Chuunin-Anwärter die höchste Stufe der Leiter erreichte und keinen Raum mehr für klare Gedanken ließ. Dass sich alle so verrückt machten! Ihm konnte es nur recht sein, wenn er Genin blieb. Das bedeutete mehr Freizeit und weniger Verantwortung. Warum sollte man etwas gegen ein solches Leben unternehmen wollen?

»Hört zu, ihr Jammerlappen«, meldete sich der Narben-Shinobi zu Wort, nachdem jeder Teilnehmer mit Blatt und Stift versorgt war und die leeren Koffer hinausgetragen worden waren. »Überlegt euch eure Vorgehensweise genau. Sechzig Minuten sind schnell vergangen. Wenn ihr euch den Aufgaben nicht gewachsen fühlt, dann hebt rechtzeitig die Hand und gebt auf. Ihr könnt es nächstes Jahr ja dann wieder versuchen.« Er stellte sich vor den Pult. »Wir werden euch auf jeden Fall genau im Auge behalten, jeden einzelnen von euch!« Sein ausgestreckter Zeigefinger schwenkte durch die Sitzreihen. »Vergesst nicht, dass euer ganzes Team ausscheidet, wenn ihr beim Betrügen erwischt werdet.«

»In diesem Sinne«, richtete sich Danzo an die Ninja-Wand, »begebt euch an eure Posten.« Zwanzig Shinobi und Kunoichis trabten zu den leeren Stühlen, die an den seitlichen Wänden eine Linie entlang bildeten, zehn Ninjas auf jeder Seite. Sie hatten sich mit Zettel und Stift bewaffnet, saßen kerzengerade auf ihren Plätzen und vermittelten genau den Eindruck, auf den sie spekulierten: dass ihnen nicht einmal ein Wimpernschlag entgehen würde, geschweige denn ein Betrugsversuch. Aus dieser Perspektive würde es schwer werden, sich mit unlauteren Mitteln die Antworten zu besorgen, das war wohl eine Tatsache. Shikaku überlegte. Er musste einen Weg finden, Kakashi beim Test zu helfen, ohne dass die Wachen etwas davon mitbekamen. Nur wie?  

»Zettel umdrehen!«, befahl Danzo.

Ratsch.

»Fangt an. Eure Zeit läuft ab ... jetzt.« Danzo stellte eine klobige, rechteckige Zeituhr mit roten Ziffern auf die Tafel, sodass jeder sie sehen konnte.

59:59
59:58
59:57

Shikaku las die erste Aufgabe – und wusste, dass sie am Arsch waren. Er hatte damit gerechnet, dass das Niveau hoch sein würde, aber so hoch? Vielleicht war es Absicht, reines Kalkül, dass die erste Aufgabe einen so hohen Schwierigkeitsgrad besaß. Möglicherweise um zu beobachten, wie schnell sich die Chuunin-Anwärter aus der Ruhe bringen ließen. Shikaku hob seinen Blick, schaute herüber zu den Wachen, die keine Miene verzogen. Ihre Augen waren wie festgeseilt an den jungen Ninjas, die über ihren Bögen brüteten, aber sie schienen weniger interessiert daran zu sein, wie sie emotional reagierten, als vielmehr darauf, ob sie zu schummeln versuchten. Shikaku bemerkte die allgemeine Überforderung der Chuunin-Anwärter, sie schwebte wie Rauch im Raum. Das Zitronenmädchen hatte ihren Bleistift zur Seite gelegt und schälte in Ruhe ihre zweite Zitrone. Der Duft vertrieb den Schweißgeruch seines nächsten Sitznachbarn, an dessen Schläfe ein feiner Rinnsal herunterrann. Inoichi wirkte ruhig, zumindest so weit Shikaku es zu beurteilen vermochte.

Planst du, zu betrügen, Inoichi? Bist du deshalb so gelassen?

Shikaku las die restlichen Aufgaben, insgesamt drei Stück, und stellte entsetzt fest, dass der Test dem aufsteigenden Schwierigkeitsgrad Prinzip folgte. Flugrichtung eines schräg geworfenen Shuriken kalkulieren und dabei die näher beschriebenen Umstände in der Lösung miteinbeziehen, Geschwindigkeit eines Kunais unter Berücksichtigung der Windstärke und Windrichtung sowie Entfernung zum Zielobjekt berechnen. Solche Aufgaben konnten nur von denjenigen gelöst werden, die in Mathe überdurchschnittlich versiert waren.

Das alles ergab keinen Sinn.

Wie viele von diesen hundertzwanzig Genin würden schon in der Lage sein, auch nur eine dieser Aufgaben zu lösen?

Shikaku schaute aus dem Fenster. Die Sonne schien. Es war ein herrlicher Frühlingstag. Er verlor sich in den wattigen Wolken, die mit ihrer Schwerelosigkeit einen Kontrast zu der Härte und dem Stress im Prüfungssaal zeichneten. Wenn er durchfiel und Genin blieb, würde er sich erst einmal zwei Wochen Urlaub gönnen und an einen abgelegenen Ort reisen. Ganz ohne seine Eltern und anderen Menschen. Er würde sich irgendwo in einer Hütte verschanzen oder sich mitten auf ein hässliches, verwildertes Stück Land legen, wo es unwahrscheinlich war, dass ihm irgendeine Seele begegnete. Nur er und die Ruhe des aufblühenden Frühlings. Er seufzte wohlig auf.

Seine Wange rutschte von seiner Faust und sein Geist zuckte zurück in die Gegenwart. Er griff den Faden seines Gedankens wieder auf und spann ihn weiter; alle ihre Lehrer waren durch diese oder zumindest eine vergleichbare schriftliche Prüfung gegangen und doch hatten sie ihre Schüler hierhergeschickt. Minato, der selbst vor nicht zu langer Zeit Chuunin geworden war, hatte sogar den sechsjährigen Kakashi angemeldet. Hätte er es getan, wenn er von Anfang an gewusst hätte, dass der Knirps keine Chance auf Erfolg hatte? Nein, mit Sicherheit nicht. Was also hatte er übersehen?

Shikaku kaute auf dem Radiergummi seines Bleistiftes herum, sah herüber zu den Wachposten, die den Blick nur senkten, um irgendwas zu notieren.

In dem Moment fiel es ihm wie Schuppen von den Augen.

»Wenn jemand beim Betrügen erwischt wird, disqualifiziert er damit sein gesamtes Team.«

Das ist es! Er nahm langsam das Bleistiftende aus seinem Mund und starrte mit gespalteten Lippen geradeaus. In dieser Prüfung wurde nicht ihr rechnerisches Können getestet, sondern ihre Fähigkeit, unbemerkt Informationen zu sammeln. Danzos Formulierung war ihm gleich merkwürdig vorgekommen. Anstatt jede Art der Schummelei zu verbieten und als Regel aufzustellen, hatte Danzo indirekt gesagt, sie sollen sich nur nicht dabei erwischen lassen. Jetzt sah die Sache ganz anders aus. Seine schwierigste Aufgabe würde es nicht sein, den Bogen vor sich zu lösen, sondern die Antworten unbemerkt an seine Teamkollegen weiterzugeben.

Shikaku berechnete die Distanz zu seinen Teammitgliedern, um festzustellen, ob er seine Schattentechnik einsetzen konnte. Inoichi saß zwei Reihen vor ihm, Shikaku konnte einen Teil seiner linken Gesichtshälfte sehen, mehr aber auch nicht. Chouza kauerte auf dem Stuhl direkt vor Inoichi, was natürlich optimal war; es würde ein Kinderspiel für Inoichi sein, seine Mind-Technik an Chouza anzuwenden, um ihm die Antworten weiterzugeben.

Und hier hörten die guten Nachrichten auf.

Kakashis Position stellte ein Problem dar. Ihm hatte man, vermutlich wegen seiner geringen Körpergröße, den Platz direkt vor dem Pult zugewiesen. Kakashi saß wie Shikaku am äußeren Rand seiner Tischreihe, sie hatten also niemanden rechts von sich sitzen. Shikaku konnte nur Kakashis ausgestreckten Ellenbogen sehen, der Rest von dem Zwerg verschwand hinter den zweimal so großen Körpern seiner Konkurrenten. Bei einer Entfernung von fünf Metern würde es schwierig werden, dem Knirps zu helfen. Aber alles zu seiner Zeit. Erst einmal musste er den Bogen bearbeiten, danach konnte er sich den Kopf darüber zermartern, wie er Kakashi die Lösungen mitteilte.

Shikaku hätte mit Hilfe seiner Schattentechnik Inoichi mitteilen können, worin man sie hier wirklich testete – wenn er das nicht schon selbst herausgefunden hatte –, aber er zog es vor, zunächst Stillschweigen darüber zu bewahren. Inoichi konnte hitzköpfig sein und gerade in stressigen Situationen überstürzt handeln. Außerdem hatte Shikaku einen Plan, wie er sein Team durch diese Prüfung bekam. Zugegeben, der Plan war nur zurechtgestutzt und musste eigentlich noch geschliffen und poliert werden, aber das gab die Zeit nicht her.

41:06

Selbst für ihn war es kein Zuckerschlecken, die richtigen Formeln zu finden und anzuwenden, obgleich er einen überdurchschnittlichen Intelligenzquotienten hatte und ihm mathematische Aufgaben in der Regel nicht mehr als ein Gähnen entlockten. Wer auch immer diese Klausur entwickelt hatte, musste den Auftrag erhalten haben, sie so schwer wie möglich zu gestalten, sodass sie nur von den Schlausten unter den Schlauen gelöst werden konnte. Man wollte sie unter Druck setzen, sie zu Fehlentscheidungen verleiten. Da würde er aber nicht mitspielen. Ihm selbst lag nichts an einer Rangerhöhung, aber er würde alles dafür tun, dass es seine Teamkameraden schafften.

38:54

»Genin Nummer 76 plus Team, ihr seid disqualifiziert«, rief ein Wachposten in den Raum hinein.

»Was?«, stieß Nummer 76 aus und stand abrupt auf. »Warum? Ich ... ich hab nichts –«

»Spar dir deinen Atem!«, sagte der Wachposten. »Du hast einen Schattendoppelgänger erzeugt und ihn unter den Tischen zu dem freien Stuhl zwischen zwei Konkurrenten geschickt, um die Antworten zu holen. Ein lächerlich auffälliger Versuch! Du und dein Team, verlasst den Raum! Augenblicklich. Wer so offensichtlich vorgeht, gehört bestraft. Das gilt auch für alle anderen!«

Shikaku ignorierte den Klangteppich um sich herum: das Rascheln von Papier, das Kratzen der Bleistiftminen auf den Arbeitsbögen, das Stöhnen der Genin, das Quietschen und Knarzen der Stühle, wenn jemand darauf hin- und herrutschte, das Klackern von Danzos Sandalen, wenn er stocksteif durch die Gänge schritt, das Gurgeln einer Taube, das durch die geöffneten Fenster ins Innere drang. Und natürlich der schwerfällige Gang jener Genin, die bei der Informationsbeschaffung erwischt und samt ihrer Teams aus dem Raum geworfen wurden. Es waren viele verschiedene Eindrücke, aber Shikaku konzentrierte sich mit aller Macht auf seine Mission.

»Genin Nummer 65. Du und dein Team, ihr seid disqualifiziert.«

34:22

»Genin Nummer 12. Du und dein Team, ihr seid disqualifiziert.«

31:05

»Genin Nummer 98. Du und dein Team, ihr seid disqualifiziert.«

27:57

»Genin Nummer 118. Du und dein Team, ihr seid disqualifiziert.«

Als Shikaku fertig war und hochblickte, gestand er sich ein, dass es doch keine unbedeutende Statistik war und Danzo vermutlich recht behalten würde: Für die Hälfte der Teams würde die Auswahlprüfung schon hier enden. Ihnen blieben noch achtzehn Minuten und zweiundfünfzig Sekunden und von den ursprünglichen hundertzwanzig Teilnehmern waren seiner Einschätzung nach noch zwischen siebzig und achtzig übrig. Je weniger Konkurrenten, desto besser. Er hatte jedenfalls schon einen Teil bestanden: Alle vier Aufgaben waren gelöst. Jetzt kam der zweite und entscheidende Teil: die Informationsübermittlung.

Chouzas Nacken war schweißnass und schimmerte im Tageslicht, wohingegen Inoichi über seinen Arbeitsbogen gebeugt war und radierte, was das Zeug hielt. Und wie es Kakashi wohl ging? Shikaku lehnte sich unauffällig nach rechts und linste zu ihm herüber. Seine Brauen zuckten, als er erkannte, dass der Bengel Löcher in die Luft starrte, anstatt zu versuchen, ein paar Punkte für sein Team zu erzielen. Auch wenn der Versuch zugegebenermaßen vergebliche Liebesmühe gewesen wäre. Ob ein ausgeklügelter Plan hinter Kakashis Verhalten steckte? Möglich, aber unwahrscheinlich. Es hieß, dass Kakashi Hatake überdurchschnittlich intelligent war, aber mit sechs Jahren konnte er noch nicht wie ein Shinobi denken. Unmöglich. Wahrscheinlicher war, dass Kakashi aufgegeben hatte. Dass er akzeptiert hatte, die Rechnungen nicht knacken zu können und sich nun auf den Grips seiner Teamkollegen verließ.

Oder unterschätzte er das Balg?

17:37

Es wurde Zeit, dass er sein Team in die zweite Runde katapultierte. Ohne den Kopf zu bewegen, prüfte er, ob er beobachtet wurde, dann schloss er unter der Tischplatte die Zeichen für seine Schattentechnik. Gleichzeitig gab er vor, seine Antworten korrekturzulesen, um die Wachposten nicht auf die Fährte seiner geschäftigen Hände zu bringen. Er schlängelte das schwarze Band über den Boden zu Inoichi und nagelte dessen Schatten fest. Inoichis Körper erstarrte. Shikaku hatte ihn!

Shikaku bewerkstelligte es, dass Inoichi sein Blatt umdrehte, sodass dieser eine freie weiße Fläche vor sich hatte. Dann zwang er Inoichi dazu, seinen Stift anzusetzen und zu schreiben:

Ziel des Tests ist es, unbemerkt Informationen zu sammeln. Ich schreibe die Antworten für dich auf. Merk sie dir und tausche deinen Geist mit Chouzas, damit er sie auch bekommt. Um Kakashi kümmere ich mich.

Es war schwerer als gedacht, die Lösungen für Inoichi aufzuschreiben. Jemanden grobe Bewegungen vollführen zu lassen, war ein Kinderspiel, aber sobald es um Genauigkeiten ging – zum Beispiel jemanden ein Kunai an einen vorgegebenen Punkt werfen zu lassen oder wie jetzt die Buchstaben nebeneinander zu schreiben und dabei genügend Abstand zwischen den Zahlen oder Worten zu lassen sowie nicht über den Rand des Papiers zu kommen –, war eine Herausforderung. Das schrie nach Training, aber Shikaku hielt sich im Geiste die Ohren zu.

Als er fertig war, entließ er Inoichi aus seiner Technik und sackte erschöpft auf seine Tischplatte nieder. Die Wachposten hatten nichts gemerkt. Gut. Shikaku atmete hastig ein und aus. Er hatte sich so stark konzentriert – zum einen aufs Aufschreiben und zum anderen darauf, nicht erwischt zu werden –, dass er gar nicht gemerkt hatte, wie viel Energie ihm dieses Jutsu absaugte.

Während er seinem Herzen die Zeit gab, sich zu beruhigen, überlegte er, wie er an Kakashi herankam. Der Weg zu ihm war zu weit für die Schattentechnik und für Inoichis Mind-Jutsu waren zu viele Teilnehmer zwischen ihnen. Nun gut, auch wenn Kakashi null Punkte bekam, würden sie weiterkommen. Warum sich also sorgen?

Als hätte eine höhere Macht seine Gedanken gelesen und sich entschlossen, ihm die gute Laune augenblicklich zu verderben, hörte er Danzo in den Raum rufen: „Eine Sache noch, die ich zu erwähnen vergessen habe ...“ Danzo ging herüber zum Pult, positionierte sich dahinter, das Klemmbrett vor sich liegend. „Wenn eines der Teammitglieder ein Ergebnis von null Punkten erreicht, fällt das ganze Team ebenfalls durch.“

Vergessen zu erwähnen? Wer’s glaubt!

Ein Raunen ging durch die Menge. Einige sprangen auf und beschwerten sich lautstark darüber, dass man ihnen eine so essentielle Information erst fünfzehn Minuten vor Schluss mitteilte. Einer der älteren Genin hüpfte auf seinen Tisch und rief die Leute dazu auf, die Prüfung zu boykottieren, da man ihnen dieses Puzzlestück bewusst vorenthalten hatte und das käme einem Betrug gleich. Es wurde laut und chaotisch im Raum. Zwei Genin in der letzten Reihe bekamen sich in die Haare und gingen aufeinander los, andere diskutierten die Regel aus, die Danzo eben verkündet hatte. Das war der Moment, an dem die Wachposten wie eine Walze über die Genin hinwegrollten. Ein bis unter die Augen vermummter Shinobi packte sich die beiden Streithähne und hämmerte ihre Köpfe gegeneinander, bevor er sie samt ihrer Teams hinauswarf. Der Narben-Shinobi trat einem protestierenden Genin mit solch einer Härte in den Bauch, dass dieser erst einmal liegenblieb. Shikaku fragte sich nicht zum ersten Mal, in was für einer durchgeknallten Welt er lebte. Die Härte, mit der die Wachposten vorgingen, sorgte in wenigen Sekunden für Ruhe und Ordnung.

12:28

Kakashi hob die Hand und Shikaku streckte in plötzlicher Alarmbereitschaft den Rücken durch. Dieses Balg würde doch jetzt nicht aufgeben und dadurch ihr Team disqualifizieren lassen, oder? Er hatte jede Gehirnzelle verbraten, um sie alle vier durch diese Prüfung zu bringen, da würde es ihm der kleine Scheißer büßen, wenn er jetzt kapitulierte und sie mit ins Aus schoss. Shikaku hatte schon eine Idee, wie er dafür sorgte, dass Kakashi wenigstens einen Punkt erzielte, damit sie nicht durchfielen. Hoffentlich tut er nichts Dummes, dachte Shikaku und hielt den Atem an, als die Ohrringen-Kunoichi vor Kakashi trat und ihn fragte, was er wolle.

»Ich muss mal aufs Klo. Darf ich?«

Die angestaute Luft entwich Shikakus Kehle und seine Rückenmuskulatur entspannte sich. Trotz der Erleichterung hatte er im ersten Moment, als Kakashi seine Frage gestellt hatte, gedacht, dass diese niedliche Stimme nicht zu einem Shinobi passte. Was hatte er denn erwartet? Dass Kakashi mit tiefer, rauer Stimme sprechen würde? Er war sechs. Und sechsjährige Kinder klangen nun einmal so.

Die Ohrringen-Kunoichi beugte sich so weit nach vorn, dass sie mit Kakashi auf Augenhöhe war, und richtete ihre zum Dutt gebundenen Haare, die ebenso unordentlich und zerzaust waren wie Kakashis wilde Mähne. »In knapp zehn Minuten ist die Prüfung vorbei. Solange hältst du bestimmt noch durch, richtig, mein Kleiner?«

»Eh-eh, nein, nein, ich muss dringend«, sagte Kakashi und klang dabei weinerlich. Er bewegte sich vor und zurück, und rutschte auf seinem Sitz hin und her. »Ich kann nicht mehr. Bitte, kann ich aufs Klo gehen?«

Hoffentlich fängt er nicht an zu heulen.

Die Ohrringen-Kunoichi wechselte einen Blick mit Danzo, der mitten im Raum, wenige Schritte hinter Shikaku, stand. Dieser verengte den Blick, dann nickte er ihr zu.

»Gut, du darfst gehen, mein Kleiner, aber beeil dich«, sagte die Ohrringen-Kunoichi zu Kakashi, nahm ihn an der Hand und half ihm vom Stuhl herunter. Dann streichelte sie ihm über die Haare und begab sich zurück an ihren Platz.

Kakashi tapste zur Tür, als wortwörtlich aus heiterem Himmel ein Sturm aufzog und ein Blitz in der Nähe einschlug. Shikakus Kopf wirbelte herum. Kein Zweifel: Das war ein Jutsu. Es wurde grau draußen, Regenwolken brauten sich zusammen und Donner groll. Im Raum flackerten die Lichter, es wurde dunkel.

Könnte es sein, dass ...?

Shikaku hielt nach Kakashi Ausschau, aber der war nicht mehr da. Die Sonnenstrahlen rissen die graue Himmeldecke auseinander, Blitz und Donner verstummten, es war wieder helllichter Tag und so schön, wie noch vor zehn Sekunden.

Wozu so ein Jutsu wohl gut war? Es könnte höchstens als Ablenkung dienen, aber wie oft brauchte man ein solches Werkzeug? Ablenkungen konnte man auf tausend verschiedene Weisen erzeugen, dafür musste man nicht extra Chakra verschwenden.

Jemand in der ersten Reihe sprang auf. »Mein Arbeitsbogen ist weg! W-Wer hat ihn?« Er schaute sich hektisch um: auf und unter dem Tisch, er prüfte seinen Stuhl und den Boden, wandte sich mit gerunzelter Stirn den anderen Genin zu, und beschuldigte schließlich seinen rechten Sitznachbarn des Diebstahls, während sein Chakraspiegel derart in die Höhe stieg, dass selbst Shikaku, obgleich er in diesem Bereich miserable Fähigkeiten hatte, es spürte.

Einem Impuls folgend, drehte sich Shikaku um und erschauderte bei dem hinterlistigen Lächeln, das Danzos Lippen umspielte.

»Genin Nummer 28, setz dich hin und sei ruhig!«, befahl der Narben-Shinobi.

»Aber jemand hat meinen Arbeitsbogen geklaut!«, rief Genin Nummer 28 und schlug mit seinen Fäusten auf die Tischplatte, sein Gesicht war knallrot angelaufen. Verständlich. Sie hatten nur noch knapp fünf Minuten, dann war Abgabe. »Seht doch her!« Genin Nummer 28 hielt den Arbeitsbogen, den er vor sich hatte, in Richtung des Narben-Shinobi. »Da steht nichts, nicht mal eine einzige Zahl, und ich war schon komplett fertig. Das ist Betrug!«

Der Narben-Shinobi stampfte zu dem Genin herüber, riss ihm das Blatt aus der Hand und knallte es auf die Tischplatte. »Das ist mir verdammt nochmal scheiß egal!«, sagte er. »Du wirst dich jetzt hinsetzen und die Fresse halten! Sonst kannst du gleich deine Teamkollegen nehmen und dich verpissen, kapiert?«

Genin Nummer 28 sank mit hängenden Schultern auf seinen Stuhl zurück.

»Fünf Minuten hast du ja noch, um den Scheiß nochmal durchzurechnen«, sagte der Narben-Shinobi und lachte schallend, während er zu seinem Platz zurückkehrte.

Die Tür öffnete sich und Kakashi kam herein. Shikaku fragte sich, ob Kakashi derjenigen war, der Genin Nummer 28 den Arbeitsbogen gestohlen hatte. Oder war es reiner Zufall, dass Kakashi ausgerechnet dann auf die Toilette musste und dabei an Genin Nummer 28 vorbeigegangen war, als der Diebstahl vermutlich stattgefunden hatte? Genin Nummer 28 hatte erst dann bemerkt, dass er einen unbearbeiteten Arbeitsbogen vor sich hatte, als der Sturm vorbei gewesen war und sich der graue Schleier im Raum gelegt hatte. Wenn nun Kakashi dieses Jutsu ausgenutzt hatte, um ...

Shikakus Gedanken sprangen in eine andere Bahn, als Danzo an ihm vorbeischritt und vor Kakashi stoppte. »Kakashi Hatake.«

Shikaku wunderte sich, dass Danzo den Bengel beim vollen Namen nannte. Bisher hatte man sie nur mit ihrer Nummer aufgerufen, und außerdem zweifelte er daran, dass hier überhaupt jemand wusste, wer sie waren. Gut, bei Kakashi war das vielleicht etwas anderes, weil er der Sohn des berühmten Sakumo Hatake war, dem weißen Reißzahn von Konoha.

»Ja, Danzo-sama?«, sagte Kakashi, erhob sich sofort und verbeugte sich vor ihm.

»Darf ich deinen Arbeitsbogen sehen?«

»Natürlich«, sagte Kakashi und reichte ihn ihm.

Danzo schaute das Blatt von oben bis unten durch und dabei lag ein verschmitztes Lächeln auf seinen Lippen. »Das sieht gar nicht wie die Handschrift eines sechsjährigen Kindes aus«, merkte Danzo an.

»Wenn Ihr erlaubt, würde ich Euch gerne korrigieren, Danzo-sama«, sagte Kakashi. Shikaku vernahm das Lächeln in Kakashis Tonfall. »Ich bin kein sechsjähriges Kind, sondern ein sechsjähriger Shinobi.«

Dieses Kind war altklüger als jedes andere, das Shikaku je getroffen hatte. Kakashi sprach, als wäre er sechzehn und nicht sechs. Offensichtlich legte Sakumo Hatake großen Wert auf die richtige Etikette. Oder Kakashis gehobene Wortwahl zeugte von seiner frühen Interaktion mit höhergestellten Ninjas her, einschließlich des Hokage. Shikaku konnte sich bei diesem kleinen Menschen, der kaum die Tische in diesem Raum überragte, nur schwer vorstellen, dass er bereits seit einem Jahr im Dienst war. Die Zeiten, in denen man gezwungen war, Kinder als Kämpfer auszubilden, waren vorbei. Kakashis Anwesenheit trat dieses Privileg allerdings mit Füßen.

Danzo legte den Arbeitsbogen wieder umgedreht auf Kakashis Tisch und legte ihm die Hand auf den Kopf. »Das hast du gut gemacht. Aus dir wird was, mein Junge.« Kakashi verbeugte sich vor Danzo.

Shikaku spürte die verwirrten Blicke der Genin auf Kakashi. Jeder, der nicht durchschaut hatte, dass Kakashi seinen unbeschriebenen Arbeitsbogen ungefragt mit dem eines anderen Teilnehmers getauscht hatte, war naturgemäß erstaunt, dass ein Kleinkind diese schweren Rechenaufgaben geknackt hatte. Einigen, wie etwa dem Zitronenmädchen, sah Shikaku aber auch an, dass sie Bescheid wussten. Sie lächelte wieder keck, fast hinterlistig.

00:59

Die letzte Minute war angebrochen und Shikaku erwischte sich dabei, wie er sich zufrieden zurücklehnte und nicht einen Funken Mitleid mit den Genin verspürte, die schwitzend und fluchend über ihren Arbeitsbögen brüteten und auf ein Wunder hofften. Er hatte sich heute eindeutig zu viel um andere gesorgt. Alles hatte seine Grenzen – und seine Nerven sowieso.

»Stopp«, sagte Danzo. »Eure Zeit ist abgelaufen. Legt euren Zettel mit der Textseite auf den Tisch und stellt euren Bleistift beiseite.«

»Scheiße, verflucht, scheiße, verflucht«, murmelte der Genin neben Shikaku in einer Endlosschleife verzweifelt vor sich hin. Seine Unterlippe zitterte und seine Nase lief. Er machte den Eindruck, gleich in Tränen auszubrechen.

»Bevor wir dazu übergehen, eure Bögen einzusammeln, gibt es noch eine Ankündigung zu machen«, sagte Danzo und Shikaku wusste, dass diese Ankündigung nichts Gutes verhieß. »Es gibt noch eine letzte, eine fünfte Aufgabe, die wir euch mündlich stellen werden und die ihr binnen fünf Minuten beantworten müsst. Es handelt sich um eine Ja-Nein-Frage. Dazu sei jedoch ausdrücklich gesagt, dass ihr bei falscher Antwort nicht nur durchfallt, sondern nie wieder an einer Chuunin-Prüfung teilnehmen dürft. Das heißt, ihr werdet dann für immer den Rang eines Genin innehaben.«

Es herrschte schockiertes Schweigen. Einigen stand wortwörtlich der Mund offen. Dieses Mal hatten sie allen Grund dazu, so zu reagieren, fand Shikaku. Ihn selbst hatte diese Ansage kalt erwischt und er wusste nicht, was er davon halten sollte. Wie vertrauenswürdig war diese Drohung (als was anderes konnte er sie nicht bezeichnen)? Danzo spielte mit ihnen, wie es ihm beliebte, und schrak auch nicht davor zurück, die Dinge bewusst so zu drehen, dass sich ihr Mageninhalt den Weg nach oben suchte. Wenn es stimmte, was Danzo sagte, wäre ihm bis heute nicht zumindest eine Person begegnet, die eben diese fünfte Frage falsch beantwortet hatte und dazu verdammt war, auf ewig Genin zu bleiben? Auch wenn man als Shinobi unzählige Geheimhaltungsvereinbarungen unterschrieb und schlimmstenfalls vom Dienst enthoben und in Haft kam, wenn man plauderte, sickerten solche Informationen früher oder später durch. Das war bei Ninjas nicht anders als beim gemeinem Volk. Wie hoch war also die Wahrscheinlichkeit, dass es diese Regel tatsächlich gab, sie ihm aber noch nie zu Ohren gekommen war?

»Ich bin so was von raus«, murmelte der weinerliche Shinobi neben Shikaku.

Danzo klatschte zweimal in die Hände, als der anfängliche Schock der Genin vorüber war und sich offenes Entsetzen breitmachte, das in einem Raunen mündete. Ein junger Typ mit einem Zahnstocher zwischen den Lippen schulterte wortlos seine Tasche und verließ den Raum. Seine Teamkollegen wurden daraufhin ebenfalls hinauszitiert. Sie fluchten beim Hinausgehen und nannten es ein Unding, wie man mit jungen, aufstrebenden Ninjas umging, die ihr Leben in den Dienst ihres Dorfes stellen wollten.

»Weitere Freiwillige vor«, sagte Danzo. »Niemand verurteilt euch dafür, wenn ihr jetzt aufgebt und euch noch ein Jahr Zeit nehmen wollt, um euch auf diese Prüfung vorzubereiten. Im Gegenteil, wir bewundern euch für eure Stärke, eure Schwäche offen zuzugeben.«

Nach einigen Sekunden ging die erste Hand hoch und das Eis schmolz. Es folgten dutzende Hände, ganze Teams, die zusammen aufgaben. Diejenigen, die unentschlossen waren, hoben ihre Hand erst dann, als Danzo ihnen eine letzte Gelegenheit dazu gab. Am Ende war der Prüfungsraum nicht einmal mehr zur Hälfte gefüllt. Ganze Sitzreihe waren leer. Von hundertzwanzig Teilnehmern waren vielleicht noch fünfzig übrig.

»Schließ die Tür«, sagte Danzo zu dem Wachposten, der vorm Ausgang stand. Dann richtete sich Danzo an die verbliebenen Genin. »Mit eurer Entscheidung, hier zu bleiben und weiterzukämpfen, habt ihr die fünfte Frage automatisch richtig beantwortet. Mit dieser letzten Aufgabe wollten wir endgültig die Spreu vom Weizen trennen. Ihr alle habt damit bewiesen, dass ihr nicht nur die Fähigkeiten, sondern auch das Herz eines Ninjas besitzt. Ihr seid körperlich, mental und emotional bereit dazu, in den Rang eines Chuunin erhoben zu werden. Deshalb seid ihr zu Recht in der zweiten Runde. Gratulation.«

Jubel brach aus. Die Genin klatschten freudig in die Hände, lachten und freuten sich. Einige hielt es nicht mehr auf dem Sitz. Wie das Zitronenmädchen, das mit in die Höhe gestreckte Faust auf- und abhüpfte und sich freute, als hätte man sie schon zum Chuunin ernannt.

»Eure Aufgabenbögen könnt ihr auf dem Tisch liegen lassen«, sagte Danzo. »Wir werden sie entsorgen. Für diejenigen, die den eigentlichen Zweck dieser ersten Runde noch nicht durchschaut haben, sei zur Erklärung gesagt, dass sie eine Informationsbeschaffungsprüfung war.«

Bei der darauffolgenden Erklärung schaltete Shikaku ab und betrachtete lieber die Wolken. Er versuchte sich vorzustellen, wie die zweite Prüfung aussehen würde. Sicher würde sie noch schwerer werden als die erste, aber irgendwie würden sie sie schon meistern. Man durfte andere zwar nicht nach dem Äußeren beurteilen, trotzdem schweifte Shikakus Blick prüfend durch die Menge seiner verbliebenen Konkurrenten. Gefährlich sahen sie nicht aus, aber er selbst ja auch nicht. Wenn er sie aufgrund ihres Aussehens oder ihres Alters unterschätzte, würde er einen gewaltigen Fehler begehen. Besser, er nahm sie alle ernst und sorgte eher dafür, dass man sein Team für schwach hielt. Das sollte ihm nicht weiter schwerfallen. Man musste sich sein Team nur ansehen:

Ein Übergewichtiger, der ohne Hilfe von Chakra kaum fünfhundert Meter laufen konnte.
Ein Schönling, der den Eindruck erweckte, sich lieber mit der Pflege seiner langen Mähne zu beschäftigten als mit Kunais und Jutsus.
Ein Kleinkind, das noch Milchzähne hatte und mit Ach und Krach ein Schwert überragte.
Und zu guter Letzt ein stinkendfauler Sack, dem man die Faulheit schon vom Gesicht ablesen konnte.

Nein, er würde mit Sicherheit keine Schwierigkeiten haben, anderen Teams den Eindruck zu vermitteln, dass sie ein Verlierer-Team waren. Und das würde er sich zu Nutze machen!

∞◊◊◊∞ ENDE ∞◊◊◊∞
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