SeelenBruchStücke

GeschichteFantasy / P16
31.10.2019
09.01.2020
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Der Himmel war klar und wolkenlos, und beide Monde standen hell am Firmament. Der letzte Schnee war erst vor ein paar Wochen geschmolzen, und die Luft war erfrischend kühl, aber nicht zu eisig.

Eigentlich, dachte er bei sich, war es eine viel zu schöne Nacht zum Sterben.

Hauptmann Maurice Baudellioux seufzte leise und schloss die Augen. So konnte er die Fesseln ignorieren, die in seine Handgelenke schnitten – ebenso wie den beinahe vollendeten daedrischen Ritualzirkel ein paar Schritte entfernt, in dem er und seine Männer in Kürze ihre Seelen an Molag Bal verlieren würden.

Außerdem musste er dann Ashay und Pierremont nicht ansehen.

Er hatte fast fünf Jahre gemeinsam mit ihnen gedient. Aber den Angriff letzte Nacht, bei dem seine Einheit in Gefangenschaft geraten war, hatten sie nicht überlebt. Und nun standen ihre wiederbelebten Leichen stumm und unbewegt Wache und hielten ihre früheren Kameraden von der Flucht ab, während ihre ketzerischen Herren die letzten Vorbereitungen für das Opferritual trafen.

Vielleicht war das auch seine Zukunft. Maurice schauderte. Als untote Marionette gegen sein Volk kämpfen zu müssen, während seine Seele in Kalthafen verkümmerte…

Der Soldat neben ihm zitterte schon die ganze Zeit und wisperte sinnlose Gebete an die Göttlichen. Maurice warf ihm einen mitleidigen Blick zu. Getienne war noch jung und unerfahren, der Neuling der Truppe. Das hier war sein erster Einsatz gewesen – ein Einsatz, der von Anfang an schief gelaufen war.

Diese aussichtslose Situation? Das war nur die Krönung. Miserables Wetter, das sich erst vor ein paar Tagen gebessert hatte, eine Schlammlawine, die sie beinahe unter sich begrub, der Hinterhalt eines feindlichen Trupps, dem sie nur knapp entgangen waren… Und jetzt Wurmkultisten. Die Göttlichen hassten ihn, dessen war sich Maurice sicher.

Aber die Zeit des Grübelns schien vorüber zu sein. Der Anführer der Kultisten, ein arroganter Kaiserlicher namens Proxus, dem er das herablassende Grinsen am Liebsten aus dem Gesicht geprügelt hätte, wandte sich zu ihm und seinen Männern um und ließ den Blick über die gefesselten Soldaten wandern.

Der Bastard überlegte vermutlich, wen von ihnen er zuerst seinem monströsen Meister opfern wollte… Maurice knurrte nur stumm und starrte den Nekromanten herausfordernd an. Er würde sich nicht einschüchtern lassen. Vielleicht war es unklug, diesen Mann zu provozieren, aber … er war wütend. Und er würde hier sowieso sterben.

Solange er sich an seiner Wut festklammerte, konnte er das überwältigende Gefühl der Hilflosigkeit ausblenden, das er verspürte.

Proxus verengte nur drohend die Augen und wandte sich an einen seiner Untergebenen. „Der Hauptmann scheint unbedingt als Erster seine Seele verlieren zu wollen…“, schnarrte er, seine Stimme kaum mehr als ein unangenehmes Kratzen.

Maurice gab diesen Monstern nicht die Genugtuung, Angst zu zeigen oder um Gnade zu flehen, während kalte, leblose Hände seine Oberarme umfassten und ihn auf die Beine zerrten. Er zwang sein Gesicht in eine steinerne Maske und ließ sich zu dem behelfsmäßigen Altar in der Mitte des Runenzirkels schleifen.

Er spürte die Blicke der übrigen Kultisten – nur noch sechs? Wohin war der Rest verschwunden? Suchten sie nach weiteren Opfern? – auf sich, als er vor Proxus zum Stehen gebracht wurde. „Noch bist du mutig, Made… Aber bald wirst du nur ein weiterer Diener unseres Fürsten sein“, wisperte der Nekromant hämisch. Maurice hielt den Kopf hoch erhoben. Wenn er schon sterben würde, dann wenigstens mit Stolz.

Schritte und gemurmelte Grußworte brachten den Anführer der Nekromanten dazu, sich umzudrehen. Ein Ausdruck der Überraschung huschte über sein Gesicht. „Claudius! Du bist schon zurück? Und wo ist der Rest deiner Männer?“

Maurice starrte – ebenso wie alle anderen – auf den Angesprochenen, der zwar näher trat, aber kein einziges Wort von sich gab. Die Kapuze seiner Robe war tief ins Gesicht gezogen, und er schien sich auf seinen Stab zu stützen, um nicht zu stolpern.

Der Hauptmann runzelte die Stirn, während Proxus erneut auf den Neuankömmling einredete. Wachsam ließ er seinen Blick über die Lichtung schweifen, die sich die Kultisten als Lagerplatz ausgesucht hatten. Irgendetwas stimmte nicht…

Da! Zwischen den Bäumen verborgen stand eine Gestalt, vollkommen reglos, und schien die Geschehnisse zu beobachten. Das Spiel der Blätter im Wind erzeugte ein stetig wechselndes Muster aus Licht und Schatten, in dem der Fremde nur schwer zu erkennen war.

Hastig blickte Maurice zur Seite. Er wusste nicht, ob dieser Beobachter Freund oder Feind war, aber alleine die Chance, dass er ihnen helfen könnte… Hoffnung loderte in seiner Brust auf, wie ein fast verloschenes Feuer, das nun auf einmal neue Nahrung bekam.

„Hörst du mir überhaupt zu, du Idiot, oder bist du plötzlich taub geworden?!“ Proxus‘ wütendes Fauchen riss ihn aus seinen Gedanken. Scheinbar hatte er genug von der Teilnahmslosigkeit seines Untergebenen, und zog ihm die Kapuze vom Kopf.

Doch dann taumelte er plötzlich zurück, einen gezackten Opferdolch aus dunklem Metall in der Brust. „Was…?!“, brachte der Nekromant erstickt heraus und sackte dann in sich zusammen, wie eine Marionette, deren Fäden durchgeschnitten worden waren. Augenblicklich brach Panik aus.

In all dem Chaos erhaschte Maurice einen ersten guten Blick auf den Neuankömmling, der sich gegen seine eigenen Leute wandte. Was beim Reich des Vergessens…? Die Augen des Kultisten waren stumpf und leer, wie Glaskugeln, jedoch erfüllt von einem unheimlichen, eisblauen Leuchten. Außerdem zogen sich tiefe, aber merkwürdigerweise blutleere Wunden durch sein Gesicht, und … warte, fehlte ihm da ein Stück vom Unterkiefer?

Wer auch immer diesen Kultisten in einen Untoten verwandelt hatte, besaß eindeutig ein Gespür für Ironie.

Sowohl die verbliebenden Kultisten – von denen mittlerweile ein weiterer seinem wiedererweckten Kameraden zum Opfer gefallen war – als auch die zwei untoten Sklaven, die einmal Maurices Männer gewesen waren, stürzten sich auf den Feind in ihrer Mitte.

Maurice duckte sich hastig hinter den behelfsmäßigen Altar und schlug einen Bogen um das Getümmel herum. Er verstand zwar nicht, was hier gerade geschah, aber er würde diese Gelegenheit zur Flucht nicht ungenutzt lassen. Wenn die Götter – oder wer auch immer – ihm gewogen waren, dann konnte er den Rest seiner Männer vielleicht lebend hier rausbringen.

Unbeholfen sammelte er einen fallengelassenen Dolch vom Boden auf und kauerte sich zwischen Getienne und seinen Stellvertreter Bahlog, einen Ork-Krieger. Hastig machte er sich daran, Bahlogs Fesseln zu durchtrennen – was mit gebundenen Händen alles andere als einfach war.

Vergeblich.

Kaum hatte er begonnen, packte ihn auch schon eine Hand grob bei den Haaren und riss ihn unsanft nach hinten. Maurice unterdrückte einen Schmerzensschrei und ließ unwillkürlich den Dolch fallen.

„Dachtest wohl, du könntest uns entkommen, du Ratte, oder?“, zischte ein weiterer Nekromant, diesmal ein Hochelf, hämisch und grinste ihn voller Verachtung an.

In hilfloser Wut starrte Maurice zu ihm hoch. Er war so kurz davor gewesen… Nur ein paar Momente mehr und ihre Freiheit wäre in greifbare Nähe gerückt. Aber nun waren sie genau da, wo sie angefangen hatten, auch wenn die Reihen ihrer Feinde ausgedünnt worden waren. Ein weiterer Kultist und einer der untoten Wächter lagen reglos am Boden, ebenso wie der Angreifer.

Doch genauso gut hätten sie von hunderten Feinden umzingelt sein können. Allein und gefesselt, ganz zu schweigen von ihren fehlenden Waffen, waren ihre Chancen auch nicht besser. Maurice seufzte tief. Einen Versuch war es wert gewesen, oder nicht? Zumindest hatte er nicht kampflos aufgegeben.

Er senkte den Blick – und verpasste so beinahe den Moment, in dem der Unbekannte, der sich noch immer im Wald verbarg und den er mittlerweile fast völlig vergessen hatte, sich einmischte.

Ranken aus Schatten und Knochen brachen aus dem Boden und rissen zwei der übrig gebliebenen Kultisten regelrecht in Stücke. Der klägliche Rest brach erstarrte vor Schreck.

Darauf schien der Fremde nur gewartet zu haben. Ein Dolch wirbelte mit leisem Sirren durch die kalte Nachtluft und grub sich in die Brust desjenigen Nekromanten, der Maurice noch immer festhielt. Der letzte Kultist schien jeden Mut zu verlieren und floh. Er kam nicht weit. Kaum war er im Schatten der Bäume verschwunden, durchbrach ein Übelkeit erregendes Knirschen die Stille, gefolgt von einem erstickten Schrei.

Dann nichts mehr.

Der verbliebene untote Wächter gab einen Laut von sich, der beinahe wie ein erleichtertes Seufzen klang, und sackte in sich zusammen, als die verdorbene Magie, die ihn aufrecht erhalten hatte, verflog.

Vollkommen fassungslos starrte Maurice auf das … Massaker, das sich vor ihm erstreckte. Ein passenderes Wort fiel ihm nicht ein. Nicht, dass diese Monster etwas anderes verdient hätten, und doch… Ihr Ende war kurz, brutal und gnadenlos gewesen.

Unwillkürlich fragte er sich, ob derjenige, der dafür verantwortlich war, wirklich das kleinere Übel war.

Allerdings blieb ihm nicht viel Zeit, darüber nachzudenken.

Der Unbekannte trat aus dem Schatten der Bäume und überquerte die Lichtung, als würde er gemütlich durch die Straßen von Wegesruh spazieren statt über blutbeflecktes Gras. Seine Robe – schwarz oder dunkelgrau, so genau konnte Maurice es nicht sagen – machte ihn in der Dunkelheit beinahe unsichtbar. Nur die Armschützer, Brust- und Schulterpanzer, aus einem fahlen, merkwürdig glatten Material gefertigt, schimmerten matt im Mondlicht.

Erst, als er neben der Leiche des Kultistenanführers stehen blieb und leicht den Kopf hob, um die Gefangenen zu mustern, konnte Maurice einen ersten Blick auf das Gesicht des Fremden werfen – und schreckte prompt zurück. Blank polierte Knochen grinsten ihn höhnisch an.

Es dauerte einen Moment, bis ihm klar wurde, dass es sich bei dem „Schädel“ lediglich um eine kunstvoll gearbeitete Halbmaske handelte, die das Gesicht des Fremden vom Kiefer bis zur Nase bedeckte und ihm bei einem flüchtigen Blick das Aussehen eines Untoten verlieh. Der Rest seiner Züge lag im Schatten seiner Kapuze verborgen, doch Maurice konnte vage zwei helle, kalte Augen ausmachen, die ihn abschätzend musterten.

Kein Untoter also… Aber wer war er dann?

Nach mehreren langen Momenten des Schweigens legte der Unbekannte leicht den Kopf schief. „Ein Spähtrupp des Bündnisses? Hier?“, murmelte er mehr zu sich selbst, die heisere Stimme vollkommen flach und ausdruckslos. Tot. „Unerwartet.“

Maurice schauderte unmerklich. Irgendetwas an der Stimme des Neuankömmlings kam ihm merkwürdig bekannt vor – auch wenn er dieses Etwas beim besten Willen nicht zuordnen konnte.

Der Fremde zuckte die Schultern und kniete sich hin. Er wirkte beinahe nachdenklich, als er den reglosen Körper des Kultistenanführers betrachtete. „Proxus … wie erwartet… Sein Tod hätte wesentlich langsamer und vor allem schmerzhafter sein sollen.“ Wie aus dem Nichts schlich sich abgrundtiefer Hass in seine Stimme. „Nach allem, was du mir angetan hast, du Bastard… Du und der Rest eurer verdammten Brut! Aber ich finde euch … einen nach dem anderen!“

Wütend schlug der Unbekannte mit der Faust auf den Boden. Dann jedoch seufzte er tief und stand langsam auf, ehe er sich – nun scheinbar wieder völlig ruhig – erneut Maurice und dessen Männern zuwandte. „Und was mache ich jetzt mit euch…?“

Maurice räusperte sich. „Ich … ich danke Euch für Eure Hilfe, Fremder. Ohne Euer Eingreifen wäre ich bereits tot, und meinen Leuten würde es nicht besser ergehen.“ Vermutlich wäre es unklug, sein Gegenüber zu reizen, und sei es unbeabsichtigt. Und so plötzlich, wie er von völlig ausdruckslos zu eiskalter Wut und wieder zurück wechselte… Nun, er war offensichtlich unberechenbar, und Maurice würde nichts riskieren.

Der Angesprochene schien zu zögern – fast so, als … als sei er es nicht gewohnt, dass man ihm dankte. „Ich habe es nicht Euretwegen getan…“, knurrte er schließlich leise. Er zog seinen Dolch aus der Leiche des einen Kultisten und wischte ihn beiläufig an dessen Robe ab.

Maurice nickte hastig, runzelte jedoch leicht die Stirn. Dieser Akzent… Der Mann vor ihm war eindeutig Bretone, auch wenn der so typische Akzent kaum noch zu hören war – viel zu schwach, um zu sagen, aus welcher Region von Hochfels er genau stammte. Aber außer ihm selbst merkte dies scheinbar niemand.

Doch zumindest vorerst gab es wichtigere Dinge – wie die Tatsache, dass der Fremde sich gerade an ihren Fesseln zu schaffen machte. „Ihr und Eure Männer … Ihr solltet nicht hier sein“, kommentierte er trocken und stand wieder auf, nachdem er die Stricke gelöst hatte. „Dieser Teil von Cyrodiil ist fest in der Hand des Wurmkultes – neben der Kaiserstadt selbst ihre stärkste Bastion in dieser götterverlassenen Provinz…“

Maurice rieb sich die Handgelenke. „Ich weiß…“, seufzte er und schüttelte den Kopf. „Wir sind weiter vom Weg abgekommen als gedacht…“ Es war ein Wunder, dass bislang nur zwei seiner acht Männer gestorben waren. Doch für Trauer war jetzt keine Zeit – erst musste er den Rest seiner Leute in Sicherheit bringen.

Der Unbekannte tigerte nachdenklich hin und her, nachdem er auch den Rest der Soldaten von ihren Fesseln befreit hatte, und schien mit sich selbst zu sprechen. „Hier ist vorerst nichts mehr zu holen…“, murmelte er und trommelte mit den Fingern auf den Knauf eines seiner Dolche. „Der Rest dieser Ratten wird sich feige in ihren Löchern verkriechen, und es ist unwahrscheinlich, dass sich noch andere hochrangige Kultisten hier aufhalten… Nein, nein, entweder sie sind in der Kaiserstadt, oder ganz woanders… Außerdem…“ Hier wurde seine Stimme zu leise, als dass Maurice ihn hätte verstehen können.

Schließlich nickte er unmerklich zu sich selbst und wandte sich wieder Maurice zu. „Ich werde Euch ein Stück begleiten – natürlich nur, um sicherzugehen, dass ich Euch und Eure Männer nicht umsonst befreit habe… Nicht, dass Ihr noch einer weiteren Gruppe Wurmkultisten in die Arme lauft.“

Maurice konnte sein Gesicht nicht sehen, aber er war sich ziemlich sicher, dass der Fremde herablassend lächelte. Wirklich wohl war ihm bei dem Gedanken zwar nicht, aber … keiner von ihnen hatte eine Ahnung, wo genau sie sich befanden, und sie alle waren geschwächt. Er traute diesem Mann nicht, aber im Moment war er schlicht und einfach ihre beste Chance, es lebend zurück ins Hauptlager zu schaffen.

Also neigte er den Kopf. „Es wäre uns eine Ehre…“ Was blieb ihm auch anderes übrig?

Der Unbekannt grollte leise und wedelte ungeduldig mit den Händen. „Nehmt Euch von den Kultisten einfach alles, was ihr gebrauchen könnt, und dann lasst uns verschwinden.“

Er bemerkte die verunsicherten Blicke, die seine Leute ihm zuwarfen, und antwortete ihnen mit einem – wie er hoffte – beruhigenden Nicken.

Worauf hatte er sich da nur eingelassen?




Sie waren bereits eine Weile unterwegs, um möglichst viel Distanz zwischen sich und das Lager der Kultisten zu bringen, als Bahlog Maurice stumm bedeutete, sich ein Stück zurückfallen zu lassen. Der Hauptmann runzelte die Stirn, folgte seinem Stellvertreter jedoch und verlangsamte seine Schritte, bis er gemeinsam mit dem Ork das Ende ihres kleinen Trupps bildete.

„Was ist los, alter Freund?“, fragte er Bahlog leise. Die beiden kannten sich schon viele Jahre – seit Maurice damals in die Armee eingetreten war, um genau zu sein, kurz nach der Zerstörung seines Heimatdorfes. Er hatte nichts mehr zu verlieren gehabt, aber der Ork und ein paar andere Kameraden hatten ihm Halt gegeben und ihm geholfen, ein neues Ziel zu finden.

Bahlog brummte und warf einen misstrauischen Blick nach vorne zu dem Fremden, der ihnen einen Weg durch den nächtlichen Wald bahnte. „Ich traue diesem Mann nicht, und du solltest es auch nicht tun, Maurice…“, grollte er und formte mit einer Hand ein Schutzzeichen. „Er ist genauso verdorben wie die Kultisten, auch wenn er uns geholfen hat.“

Maurice stockte und wäre beinahe über eine Wurzel gestolpert. „Du meinst … er ist auch ein Nekromant?“ Im nächsten Moment hätte er sich am liebsten selbst eine Ohrfeige verpasst. Natürlich war er ein Nekromant! Der wiederbelebte Kultist, der sich auf seine ehemaligen Kameraden stürzte, die schädelartige Halbmaske und das merkwürdige Material seiner Rüstungsteile, das sehr gut geschnitzter Knochen sein mochte…

Er schüttelte über sich selbst den Kopf. Wie hatte er das nur übersehen können? Oder hatte er es nicht sehen wollen?

„Aye…“, brummte der Ork missmutig. „Aber keiner dieser verfluchten Würmer. Diese Art von Hass kann man nicht spielen.“

Maurice nickte nachdenklich. Ihr geheimnisvoller Retter schien den Orden des Schwarzen Wurms wirklich abgrundtief zu hassen. Und die Art, wie er mit Proxus‘ Leiche gesprochen hatte… Was hatten die Kultisten ihm angetan?

Aber dass er auf diese Frage eine Antwort erhalten würde, das bezweifelte Maurice stark.

„Dennoch…“ Er seufzte. „Wir haben nicht wirklich eine Wahl, oder? Und bis jetzt hat er uns geholfen.“ Maurice legte eine Hand auf Bahlogs Schulter. „Ich verlange ja nicht, dass du ihm vertraust. Aber…“

„Ich verstehe.“ Der Ork wirkte zwar so, als würde ihm das überhaupt nicht gefallen, aber … Maurice kannte ihn. Er würde nichts Überstürztes tun. Allerdings würde er den Nekromanten wohl sehr genau im Auge behalten – nicht, dass Maurice ihm daraus einen Vorwurf machen würde.

Mit einem letzten Nicken beschleunigte er seine Schritte wieder. Vor ihnen lag noch ein gutes Stück Weg, ehe sie sich eine Pause erlauben konnten.




Erst als die Sonne aufging, machten sie Halt.

Seine Männer schlugen ein provisorisches Lager in einer windgeschützten Mulde zwischen zwei Hügeln auf, und Nakram, ihr Fährtenleser, versicherte Maurice, dass er von hier aus problemlos den Weg zurück zum Stützpunkt finden würde.

Der Nekromant hatte sie also tatsächlich in Sicherheit gebracht.

Und Maurice blieb wohl nichts anderes übrig, als sich bei ihrem ungewöhnlichen Retter zu bedanken.

Er brauchte einen Moment, um den Mann zu finden. Der Fremde war auf den größeren der beiden Hügel geklettert und starrte über das abfallende Land hinweg in Richtung Kaiserstadt, die im Morgennebel nur als Schemen am Horizont auszumachen war, während der Wind an seinen Roben zupfte.

„Was wollt Ihr?“, fragte die raue Stimme knapp, kaum dass Maurice den kurzen, aber steilen Aufstieg hinter sich gebracht hatte.

„Mich bei Euch bedanken“, gab er verlegen zurück. „Unser Fährtenleser hat berichtet, dass wir von hier aus problemlos ins Hauptlager zurückkehren können. Und … ich bezweifle, dass irgendeiner von uns ohne Eure Hilfe jetzt hier wäre.“

Er mochte dem Anderen nicht trauen, aber er schuldete ihm etwas.

„Euer Dank ist unbedeutend.“ Der Nekromant zuckte die Schultern und drehte sich um. Die Kapuze war ihm durch eine Windböe nach hinten gerutscht und enthüllte kinnlange, schwarze Haare. „Eure … Rettung … war mehr Zufall als alles andere.“

„Zufall oder nicht, Ihr … habt…“ Unwillkürlich verstummte Maurice. Diese Augen … er kannte diese Augen! Dieselben silbergrauen, bei einem flüchtigen Blick fast weißen Augen, die auch er selbst besaß, und die er seit sehr langer Zeit nicht mehr an einer anderen Person gesehen hatte.

„Jaq?!“, brachte er fassungslos heraus. Unmöglich. Sein Bruder war tot. Maurice hatte sein Grab selbst ausgehoben. Außerdem hatte Jaq nicht das geringste magische Talent besessen, anders als der Mann vor ihm. Es war einfach nicht möglich! Und doch … diese Augen...

Der Nekromant runzelte die Stirn, und auch diese Geste erschien ihm schmerzhaft vertraut. „Ich … kenne diesen Namen… Auch wenn ich ihn lange Zeit nicht mehr gehört habe.“ Er rieb sich die Schläfen, so etwas wie Schmerz in seinen hellen Augen. „Es muss gewesen sein, bevor…“ Abrupt unterbrach er sich selbst. „Nennt mir Euren Namen!“, forderte er drohend.

Maurice schluckte und machte unbewusst einen Schritt zurück. In der Stimme des Anderen lag eine Dringlichkeit, die er von ihm nie zuvor gehört hatte. „Maurice… Maurice Baudellioux…“, wisperte er. Dieser Mann war nicht sein Bruder, und doch war er so unglaublich vertraut…

Dann begriff er. Es gab nur eine andere Möglichkeit.

„Warte … Seyvynther?!“ Ohne es zu merken, trat er wieder näher.

Der Nekromant wandte den Blick ab. „Onkel…“, grüßte er knapp zurück, hatte jedoch sichtlich Mühe damit, seine Stimme ausdruckslos zu halten.

Maurice schluckte schwer und konnte nicht verhindern, dass ihm Tränen über die Wangen liefen. „Seyvynther … du lebst! Ich dachte… Alle anderen waren tot, aber deine Leiche konnte ich nie finden. Ich… Was…“ Seine Stimme versagte.

Nach all den Jahren war sein Neffe am Leben! Aber … wie? Was war ihm zugestoßen? Wie hatte er überlebt, was den Rest seiner Familie getötet hatte?

Maurice zitterte unmerklich, als Bilder jenes schicksalhaften Tages vor seinem inneren Auge aufblitzen.

In der Nacht zuvor hatte es einen Sturm gegeben. Er war auf Jagd gewesen, hatte es jedoch nicht rechtzeitig ins Dorf zurück geschafft und bei Einbruch der Dunkelheit in einer Höhle Schutz gesucht. Und am nächsten Tag…

Tot.

Jeder einzelne.

Männer. Frauen. Kinder.

Häuser zerstört und niedergebrannt.

Ihm war nichts anderes übrig geblieben, als die Toten zu beerdigen. Seinen Bruder, der ihm näher gewesen war als jeder andere. Dessen bezaubernde Frau, die ihre bescheidenen Heilkräfte stets zum Wohle des Dorfes eingesetzt hatte. Seine Nichte und zwei seiner Neffen.

Das Schicksal der Kinder hatte ihn am Härtesten getroffen.

Welche Monster schlachteten Kinder ab?

Nur die Leiche seines mittleren Neffen hatte Maurice nie gefunden. Natürlich hatte er gesucht – in den Trümmern des Dorfes selbst, in den Wäldern, sogar in den Nachbardörfern.

Vergeblich. Er hatte nie auch nur eine einzige Spur gefunden. Seyvynther war wie vom Erdboden verschluckt gewesen.

Und irgendwann hatte er aufgegeben.

Ihn jetzt hier zu treffen, erwachsen, verändert und doch immer noch so schmerzhaft vertraut, als Nekromanten… Irgendetwas in Maurice zerbrach.

„Wie ist das möglich?“, fragte er mit zitternder Stimme und streckte eine Hand nach dem Anderen aus. Er musste sich überzeugen, dass sein Neffe wirklich hier war, dass das alles keine Illusion und kein Traum war.

Doch Seyvynther wich seiner Berührung aus, als würde sie ihn verbrennen. „Fass mich nicht an!“, fauchte er, beinahe so etwas wie Panik in seiner Stimme. „Der Junge, den du kanntest, dein Neffe … er ist tot. Und das schon seit langer Zeit.“

„Was ist passiert?“, fragte Maurice beinahe unhörbar und fühlte sich, als würden tausend Pfeile sein Herz durchbohren. Was war aus dem fröhlichen Jungen geworden, der mit seinen Geschwistern durch die Wiesen getobt und sich um verletzte Tiere gekümmert hatte? Was hatte jenes unschuldige Kind in diesen düsteren Nekromanten verwandelt?

„Du willst wissen, was passiert ist?“, fragte Seyvynther leise und drohend. „Was sie mir angetan haben?“ In diesem Moment wirkte er wie ein Raubtier, das sich zum Sprung spannte – als würde er nur auf eine einzige falsche Bewegung warten, um seinem Gegenüber die Kehle herauszureißen. In seinen Augen, die denen seines Vaters und Onkels so ähnlich sahen, flackerte etwas. Angst? Unsicherheit? Hass? Oder vielleicht Wahnsinn?

Maurice nickte stockend, brachte jedoch kein einziges Wort heraus. Sein Mund war völlig ausgetrocknet, und seine Zunge weigerte sich, ihm zu gehorchen. Aber er musste es wissen.

Sein Neffe fing an zu lachen – ein kaltes, unmenschliches Geräusch, erfüllt von Hass und Bitterkeit. Seyvynthers Augen schienen in kaltem Feuer zu brennen. Ohne zu zögern griff er nach seiner Halbmaske und riss sie sich vom Gesicht. „Sieh gut hin, Onkel…“, forderte er spöttisch und starrte ihm direkt in die Augen hin. „Sieh dir an, was sie aus mir gemacht haben!“

Unwillkürlich stolperte Maurice zurück. Bei den Göttlichen… Was war aus seinem Neffen geworden?!

Die gesamte untere Hälfte seines Gesichts war brutal entstellt worden. Stellenweise wirkte die Haut, als wäre sie geschmolzen oder weggebrannt worden. Seine Lippen waren so sehr vernarbt, dass sie sich kaum von dem umgebenden Gewebe unterschieden. Einige der tieferen, offenbar nur schlecht verheilten Wunden reichten bis auf die Knochen. Und all die anderen Narben waren zu zahlreich, um sie zu zählen.

Deswegen trug er diese Maske.

Maurice unterdrückte nur mit Mühe und Not ein Würgen, schmeckte jedoch trotzdem bittere Galle. Und Seyvynther stand immer noch da und lachte.

Sein Neffe war ein gebrochener Mann, das erkannte er jetzt. Was auch immer ihm zugestoßen war… Er atmete tief durch und zwang sich, Seyvynther ins Gesicht zu blicken. Aber er weigerte sich, zu glauben, dass von dem fröhlichen, offenen Kind, das er gekannt hatte, nichts mehr geblieben war. Und auch, wenn sein Gegenüber zu versuchen schien, ihn abzuschrecken, würde er nicht aufgeben.

Seyvynther war die einzige Familie, die ihm geblieben war.

Maurice hob eine zitternde Hand und strich vorsichtig über die vernarbte Wange seines Neffen. Doch dieser zuckte zurück, kaum dass er die Berührung spürte. „Nicht!“, flehte Seyvynther leise. Hass und Wahnsinn wichen aus seinen Augen, übrig blieb nur Angst. Angst wovor?

„Was ist passiert?“, wiederholte Maurice beinahe unhörbar, auch wenn seine Stimme bebte und Tränen in seinen Augen schimmerten. Er streckte seine Hand erneut aus, langsamer, und dieses Mal wich der Andere ihm nicht aus, auch wenn er sichtlich mit sich kämpfte.

Seyvynther schluckte trocken und leckte sich nervös über die komplett vernarbten Lippen. „Der Wurmkult … ich … ich erinnere mich kaum, aber … sie … überall war Tod und Zerstörung… Sie haben mich mitgenommen, und…“ Er begann zu zittern und sein Blick ging ins Leere, als wäre er an einem völlig anderen Ort. „Schmerz. Das ist das einzige, an was ich mich deutlich erinnern kann.“

Maurice verlor langsam, aber sicher den Kampf gegen seine Tränen, und spürte, wie sie ihm erneut über die Wangen liefen. Vorsichtig, um seinen Neffen nicht zu erschrecken, platzierte er seine freie Hand auf dessen Schulter. Unter seinen Fingern fühlte er die kühle, glatt polierte Oberfläche der knöchernen Schulterpanzer.

Sein Neffe atmete zitternd aus und lehnte sich, wenn auch nur unmerklich, in die Berührung. „Sie … sie wollten mich benutzen. Wie eine Waffe – eine unerschöpfliche Quelle an untoten Sklaven. I-ich weiß nicht, wie sie von mir erfahren haben, aber … sie wussten genau, wen sie suchten. Welches Potential ich hatte…“

Mit einem unterdrückten Schluchzen schloss Maurice die Augen. Er erinnerte sich an den Tag, an dem Jaq ihm freudestrahlend von den unglaublichen magischen Kräften seines Sohnes erzählt hatte. Nur hätte er nie gedacht, dass das der Grund wäre, aus dem seine Familie, seine Freunde, seine Bekannten hatten sterben müssen – weil ein fanatischer Kult von daedraverehrenden Nekromanten nach mehr und mehr Macht strebte.

Seyvynther unterbrach seine Gedanken, als er stockend weitersprach. „Sie … haben etwas mit mir gemacht. Meine Magie verdreht und verzerrt und verstümmelt, bis … bis sie nur noch zum Töten taugte – bis ich nur noch zum Töten taugte. Für nichts anderes mehr als für Nekromantie. Illusionen, oder Schutzzauber, oder gar Heilsprüche… Unmöglich für mich. Sie haben mich zerstört, aber … nicht gebrochen. Nicht vollständig. Nicht so, wie sie es wollten.“

Ein Lächeln schlich sich auf seine vernarbten Lippen, bitter und grausam. „Ich habe sie in Sicherheit gewiegt, bis sie irgendwann glaubten, mich vollkommen unter Kontrolle zu haben – und dann habe ich sie getötet. Einen nach dem Anderen. Alle, die ich in die Finger bekam. Sie sind langsam gestorben, sehr langsam. Aber … einige sind mir entwischt.“

Maurice schauderte unwillkürlich, als er den Blick in Seyvynthers Augen sah. Sein Neffe würde nicht eher ruhen, bis er jeden, der ihn gequält hatte, vernichtet hatte. Was Seyvynther durchlitten hatte, war mehr, als die meisten anderen ertragen mussten. Die Wunden seiner Seele waren tief – und sie würden nicht heilen, solange er seinen Racheschwur nicht erfüllt hatte. Vielleicht nicht einmal dann.

„Ich … verstehe…“, brachte er heraus und senkte den Kopf.

„Nein…“, wisperte Seyvynther gebrochen und blickte zur Seite. „Nein, das tust du nicht. Du kannst es gar nicht. Nicht wirklich.“

Maurice wollte aufbegehren, wollte widersprechen, aber irgendetwas in der Stimme des Anderen hielt ihn davon ab. Sein Neffe hatte Recht. Das, was er selbst seit der Zerstörung ihres Heimatdorfes durchgemacht hatte, ließ sich nicht einmal annähernd mit dem vergleichen, was Seyvynther erlitten hatte.

Also nickte er nur unmerklich.

Für einige Momente wirkte Seyvynther, als würde er etwas sagen wollen, könne sich jedoch nicht dazu durchringen. Unsicherheit lag in seinen Augen, und mehrmals öffnete er den Mund, um zum Sprechen anzusetzen – doch Schritte, die näher kamen, begleitet von leisem Keuchen, unterbrachen ihn. Einen winzigen Augenblick lang stand nackte Angst in seinen Zügen, bis er mit abgehackten Bewegungen seine Maske wieder aufsetzte und etwas Abstand zwischen sich und seinen Onkel brachte.

Gerade noch rechtzeitig – nur wenige Herzschläge später erreichte Bahlog schnaufend die Hügelkuppe und hielt inne, um Luft zu holen. „Hauptmann…“, grüßte der Ork und salutierte knapp, während sein Blick misstrauisch zwischen Maurice und dessen Neffen hin und her wanderte.

„Gibt es ein Problem, Bahlog?“, fragte Maurice so ruhig, wie es ihm möglich war, und hoffte, dass ihm nicht anzusehen war, dass er sich nur Augenblicke zuvor die Tränen von den Wangen gewischt hatte. Er warf einen raschen Blick zu Seyvynther – doch sein Neffe reagierte nicht und musterte die Szene nur mit erhobener Augenbraue. In seinen Augen fand Maurice dieselbe kühle Gleichgültigkeit wie vor ihrem Gespräch.

Bahlog schüttelte widerwillig den Kopf. „Nein, Hauptmann… Ich wollte nur Meldung machen, dass das Lager fertig errichtet ist und Wachschichten eingeteilt sind.“ Doch die Art, wie sein Blick immer wieder argwöhnisch zu Seyvynther schweifte, ließ Maurice denken, dass das nicht der einzige Grund gewesen war, aus dem er hier hochgeklettert war.

Er seufzte leise. Auch, wenn er es schätzte, dass sein Freund sich Sorgen um ihn machte … diese Unterbrechung war alles andere als passend gewesen. „Gute Arbeit, Bahlog. Gib mir noch etwas Zeit, dann komme ich wieder runter, ja?“

Der Ork zögerte zwar, salutierte jedoch erneut und machte sich nach einem letzten, warnenden Blick in Seyvynthers Richtung wieder an den Abstieg.

Maurice atmete leicht auf, sobald das Geräusch von Bahlogs Schritten verklungen war, und wandte sich wieder seinem Neffen zu. Der schnaubte nur abfällig. „Der letzte Ork, dem ich begegnet bin, trägt immer noch die Narben unseres … Gesprächs…“, grollte er in giftigem Tonfall. „Leider ist mir die verdammte Daedrabrut entwischt.“

Unwillkürlich schauderte Maurice, riss sich jedoch zusammen. „Mein Stellvertreter macht sich lediglich Sorgen“, verteidigte er seinen Freund. Auch, wenn Bahlog sich dafür scheinbar den ungünstigsten Zeitpunkt aussuchte…

Seyvynther reagierte nicht weiter, sondern senkte nur seufzend den Kopf und starrte auf seine Hände, die unruhig an seiner Robe zupften. „Ich … ich sollte gehen…“, sagte er schließlich leise und blickte über die Schulter in Richtung Kaiserstadt. „Ich habe schon zu viel Zeit vergeudet…“

Maurice machte einen Schritt auf ihn zu. Sie hatten sich doch gerade erst wiedergefunden! „Bitte bleib!“, bat er eindringlich. „Ich … wir haben uns so lange nicht gesehen, und…“ Er wollte seinen Neffen nicht schon wieder verlieren.

Doch Seyvynther wandte den Blick ab. „Ich gehöre nicht in deine Welt, Onkel…“, murmelte er, und wirkte in diesen Moment so unglaublich müde. „Ich bin nicht mehr das Kind, das du kanntest, und es gibt Seiten an mir, von denen ich nicht will, dass du sie jemals siehst.“ Maurice konnte es nicht sehen, aber er würde schwören, dass ein bitteres Lächeln um die Mundwinkel seines Neffen spielte. „Außerdem … trauen deine Männer mir nicht. Und es wäre besser, wenn du es ebenfalls nicht tun würdest…“

„Aber … warum?“, fragte er leise. Warum sollte er seinem Neffen nicht vertrauen? Denn das tat er, egal was geschehen war oder noch geschehen würde – das stand außer Frage.

Der Andere antwortete nicht, sondern schüttelte nur den Kopf und schlug seine Kapuze wieder hoch. Irgendetwas in Maurices Brust zog sich schmerzhaft zusammen. Er wusste nicht, ob er es ertragen könnte, seinen Neffen ein zweites Mal zu verlieren.

Aber genauso wenig konnte er Seyvynther gegen dessen Willen hier halten.

„Sag mir wenigstens, wohin du gehst!“, flehte er und griff nach der Schulter seines Gegenübers. Dieser erstarrte und spannte sich an, ließ die Berührung jedoch zu. Maurice schluckte und spürte erneut, wie ihm Tränen in die Augen stiegen.

Seyvynther seufzte leise, und für einen Moment trat beinahe so etwas wie Wärme in seine fahlen Augen. „Ich weiß es nicht… In der Kaiserstadt werde ich keinen der Bastarde finden, die mir das angetan haben – nicht, solange noch immer Krieg in ihren Straßen herrscht. Aber … es gibt Gerüchte. In Elsweyr geschehen merkwürdige Dinge – mythische Bestien, kaiserliche Besatzer, Legionen von Untoten…“ Er verengte die Augen, und sadistische Vorfreude schwang in seiner Stimme mit, als er leiser fortfuhr: „Wenn stimmt, was ich vermute … dann kann ich endlich meine … Unterhaltung … mit einem gewissen Ork fortsetzen… Zumog Phoom wird den Tag bereuen, an dem er mir das erste Mal begegnete…“

Nur mühsam hielt Maurice sich davon ab, zusammenzuzucken. Sein Neffe hatte sich verändert – er war düster, gebrochen, traumatisiert und von seiner Rache regelrecht besessen. Aber trotzdem würde er immer zu Seyvynther stehen, sollte es nötig sein.

Also akzeptierte er die Entscheidung des Anderen. Egal, wie schwer es ihm fiel.

Dafür war Familie da.

„Was immer du auch tust … versprich mir, dass du auf dich aufpasst.“ Die Worte lagen wie Steine in seinem Magen, aber er sprach sie trotzdem aus. Seyvynther musste seinen eigenen Weg gehen, und Maurice konnte ihn nicht mehr beschützen.

Sein Neffe wirkte überrascht, doch dann nickte er zögernd. „Ich … tue mein Möglichstes…“, versprach er und wandte sich dann ruckartig ab, als müsste er sich selbst zum Gehen zwingen – doch nicht, bevor er Maurice irgendetwas Schmales, Kantiges in die Hand gedrückt hatte. „Leb wohl, Onkel…“

Maurice schluckte und kämpfte erneut mit den Tränen, während er wie versteinert dastand und Seyvynther zusah, als dieser den Hügel auf der anderen Seite wieder herunterkletterte und nur Augenblicke später im Unterholz des Waldes verschwand, ohne sich noch ein einziges Mal umzudrehen.

Noch lange stand er dort und starrte in die Richtung, in die sein Neffe verschwunden war. Ob sie sich je wiedersehen würden? Vielleicht. Er wusste es nicht. Ihm blieb nichts anderes übrig, als zu hoffen, dass Seyvynther eines Tages seinen Rachefeldzug beenden und mit seiner Vergangenheit abschließen konnte.

Möglicherweise konnte seine geplagte Seele dann endlich Frieden finden.

Seufzend schloss Maurice die Augen und wisperte ein Gebet an die Göttlichen. Er wusste nicht, ob sie ihn erhören würden – Seyvynther war, ob freiwillig oder nicht, noch immer ein Nekromant, und stand gegen alles, was die Priester der Acht predigten.

Aber Maurice wusste, dass sein Neffe kein schlechter Mann war – trotz allem, was er erlitten und getan hatte.

Seyvynther hatte seine Menschlichkeit nie völlig aufgegeben. Dessen war er sich sicher.

Mit einem letzten Blick in Richtung Horizont machte sich Maurice wieder an den Abstieg. Seine Männer brauchten ihn. Sein Platz war hier, und Seyvynthers woanders.

Doch nun wusste er, dass sie zumindest eine Chance auf ein Wiedersehen hatten.

Und als er sich den glattpolierten Knochenanhänger, den sein Neffe ihm gegeben hatte, um den Hals hängte, lächelte Maurice.

Er würde die Hoffnung nicht verlieren.

Niemals.
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