Nur ein bisschen Ruhe

von Ririchiyo
KurzgeschichteDrama, Schmerz/Trost / P16
Ben Hargreeves / Nr.6 / The Horror Klaus Hargreeves / Nr.4 / The Séance
31.10.2019
31.10.2019
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AN: Sollte eigentlich ein eher lustiger Halloween-Text werden, das ist aber definitiv gescheitert. Darum: bitte achtet auf eure Gesundheit. Klaus hat in diesem Text gerade einen wirklich schlechten Tag, und auch wenn es nicht mit diesen Worten ausgesprochen wird, sollte doch recht deutlich werden, dass er sowohl depressiv als auch suizidal ist. Also bitte, wenn euch das triggert, kehrt um, ich danke euch.



Nur ein bisschen Ruhe


Es ist etwas, was er nur zufällig herausfindet. Es ist lächerlich, wirklich. Und irgendwie auch traurig. Denn was er auch herausfindet: es ist überraschend friedlich. Überraschend ruhig. Keine Geister zerren an ihm herum, weil nur er sie sehen kann, und zum ersten Mal in seinem Leben kann er sich einfach irgendwo hinsetzen, und alle lassen ihn in Ruhe. Keine Vorträge, keine Standpauken, kein Gekreische, einfach nur Ruhe. Und dann kommt jemand vorbei, und versucht zu helfen, und er ist sofort wieder auf den Beinen, und läuft weiter. Er hasst es. Und jetzt, wo er weiß, dass es passiert, fragt er sich, wie oft es schon passiert ist, ohne, dass er es bemerkt hat.
     Wäre er an der Überdosis gestorben? Damals? Als er gerade aus der Reha entlassen worden ist? Hätte das sein Ende bedeutet, wenn niemand zu helfen versucht hätte? Auf der Party? Als er nach Luther gesucht hat? Ja, nicht wahr? Und dennoch ist er hier. Weil es immer irgendwo jemanden gibt, der so ekelhaft freundlich sein, und ihm doch tatsächlich zu helfen versuchen muss. Warum können ihn die Leute denn niemals in Ruhe lassen? Wenn er am Leben ist,  greifen die Toten nach ihm, und sobald er dem entkommt, wollen die Lebenden ihn nicht gehen lassen. Warum nur ist sein Leben so?

Er stößt einen lauten Seufzer aus, und setzt sich auf. Um ihn herum stehen mindestens zehn Leute, die ihn alle geschockt anstarren. Und neben ihm hockt irgendjemand. Vermutlich die Person, die doof genug war, ihn tatsächlich zu retten zu versuchen. Nicht schnell genug, offenbar, denn den Gesichtern der Umstehenden zufolge haben sie ihn schon längst abgeschrieben gehabt.
     „A-aber“, stammelt einer von den Fremden, und schüttelt den Kopf. „Du bist tot.“
     ‚Ja, ich wünschte es wäre so‘, will er zurückgeben. Oder ‚Erzähl mir was Neues‘. Doch er wäre nicht er, wenn er tatsächlich so an Dinge herangehen würde. Also grinst er, und steht langsam auf. „Bin ich das? Ja?“ Er sieht sich um. Wo um alles in der Welt ist er denn hier gelandet? „Ich hatte mich schon gewundert, warum ihr mich alle so anstarrt.“ Und dann dreht er sich um, ignoriert die Proteste hinter sich, und geht davon. Anscheinend kann man nicht mal mehr zu Halloween seine Ruhe haben.

„Du solltest vorsichtiger sein“, meint Ben irgendwann, als sie weit genug weg sind. „Die werden es morgen alle als Halloween-Spaß abgeschrieben haben und nicht weiter daran denken, aber stell dir vor, es passiert irgend-“ Klaus schnaubt, und Ben verstummt. „Ich meine nur. Du solltest besser auf dich aufpassen“, sagt Ben erneut. Immer der besorgte Bruder.
     Aber genau das ist ja das Problem, nicht wahr? Dass da immer irgendjemand ist, der besorgt ist, und dass die Leute ihn nie in Ruhe lassen, und eigentlich ist es egal, wie wenig er aufpasst, denn am Ende ist er doch wieder auf den Beinen, und geht seiner Wege. Klaus hätte niemals gedacht, dass es so anstrengend sein kann, nicht sterben zu können.
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