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Drowned Souls

GeschichteFantasy, Liebesgeschichte / P18 / MaleSlash
31.10.2019
16.10.2021
7
25.031
23
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14.10.2021 3.805
 
Kapitel 4

»Mom?« Mit dem Smartphone in der Hand suchte er seine Mutter in dem Haus. Sein Blick glitt immer wieder auf die Nachricht, die Milo ihm geschickt hatte. Nach fast zwei Wochen in der Versenkung hatte der Sportler es endlich geschafft auf Darians Frage »Wie geht’s dir, was machst du so?« zu antworten.
»Draußen am Pool«, rief Margret ihm zu und er folgte ihrer Stimme hinaus auf die Veranda.
Hinter dem Haus erstreckte sich eine großzügige Grünfläche, die von Sprenkleranlagen feucht gehalten wurde. Heute Morgen war der Poolboy dagewesen, hatte sich um die Filteranlage und all die anderen Kleinigkeiten gekümmert, die bei einem so großen Pool anfielen, wie den, den seine Mutter hatte.
Margret saß auf einem der vier Liegestühle, regte sich nicht, als er neben ihr zum Stehen kam.
»Ist es ok, wenn ich vielleicht dieses Wochenende ein paar Freunde hier habe?«, fragte er.
»Ein paar? Wie viele sind das?«, hakte sie nach und zog nun die große Sonnenbrille ein bisschen auf der Nase herunter, um ihn anzusehen.
»So zwanzig?«
»Also eine Party?«
Darian wiegte den Kopf von links nach rechts, druckste ein bisschen um das Thema herum. »Ja, schon. Milo will vorbeikommen und ...«
»So lange meine Fenster heil bleiben und du aufräumst«, sagte sie nur und zuckte mit den Schultern. »Spätestens Dienstag muss hier klar Schiff sein, dann komme ich von dem Kongress wieder.«
Kurz sprachlos, nickte er heftig. »Sicher.«
»Und kein Wort zu deinen Freunden über das Projekt.«
»Als ob mir da einer zuhören würde«, murmelte er und tippte parallel die Adresse in den Nachrichtenverlauf, damit Milo auch wusste, wohin er fahren müsste. »Nein, ich erzähl davon nichts. Keine Sorge.« Dafür lag ihm zu viel an dem Vertrauen, dass Margret ihm entgegenbrachte.
»Ich war heute morgen kurz im Aquarium«, setzte sie an und deutete auf die freie Liege neben sich. »Unterlagen holen, weiß schon, das Übliche.«
»Und?«, hakte er nach, schmunzelte, als er die Herzemojis sah, die Milo ihm schickte und steckte das Handy in seine Hosentasche.
»Kate ist extra über Nacht geblieben. Hat Radio an gemacht. Hat lebende Fische gefüttert. Nichts. Das Geschöpf hat sich nicht blicken lassen.«
»War wieder ein Turm aus Gräten da?«
»Ja. Allerdings. Warum macht er das?«
Darian setzte sich auf das weiche Polster. »Ich habe keine Ahnung, Mom. Ich kenne seine Kultur nicht. Das macht er erst, seitdem es lebende Beute gibt.«
»Vielleicht ein Danke?«
Darian zuckte die Schultern. »Weiß ich nicht.«
Sicher, es gehörte dazu, Hypothesen aufzustellen, Fragen zu formulieren, aber bisher hatten sie keine Chance, auch nur eine davon zu beantworten. Das sollten sie sich auch vor Augen halten. Es war nicht wie mit einem Experiment, das man eben aufbaut und dann guckt, ob das, was man dachte, was eintreten könnte, auch geschah. Oder, ob es eben nicht zutraf. Diesen Luxus hatten sie hier nicht. Sie arbeiteten mit einem Lebewesen. Da waren die Ausgänge der Experimente nicht so klar vorhersehbar. Vor allem, wenn er sich daran erinnerte, dass sie wirklich keine Ahnung von seiner Kultur hatten. So muss es den Menschen ergangen sein, die auf anderen Kontinenten den ersten Kontakt hatten, dachte er. Manchmal wollte er sich gar nicht vorstellen müssen, wie das damals für die Leute gewesen sein musste.
Auf der anderen Seite erlebte er jetzt live mit, wie mit fremden Lebensformen umgegangen wurde. Lange hatte er sich gefragt, wie man nach Afrika segeln konnte, um dann auf die schwarze Bevölkerung zu stoßen und gleich zu denken: »Jup, das ist die dumme Urbevölkerung, die können wir versklaven, weil die eh die minderen Menschen sind.« Jetzt wurde er Zeuge davon, dass die Forscher im Team seiner Mutter genauso reagierten. Sie fingen ein Wesen ein, das klar menschliche Züge hatte. Aber sie gingen gleich davon aus, dass es keine Kultur, Sprache oder Religion hatte, weil es anders war, weil es sich von ihnen unterschied.
Diese Denkweise hatte vor Jahrhunderten in Amerika und in Afrika und unzähligen anderen Orten der Welt für so viel Elend und Leid gesorgt. Aber wer sagte ihm, dass es sich jetzt anders darstellen würde? Angenommen, es gab mehr von der Sorte Fischmensch. Nur angenommen ... Was würde die »zivilisierte« Bevölkerung mit diesen Wesen machen? Sie in Zoos und Aquarien sperren, weil es die »mindere« Lebensform war. Sie würden sie vorführen, für ihren eigenen Profit und ihre Belustigung nutzen. Genau wie damals mit den Schwarzen und den Aborigines. Es ist nichts anderes. Der Gedanke allein jagte ihm einen Schauer über den Rücken, ließ ihn schaudern.
Das war mitunter der Grund, warum er sich weigerte, das Wesen wie ein Experiment zu sehen, das einfach weggeworfen und neu begonnen werden konnte, sollte der Ausgang nicht so sein, wie vorher gewünscht.
»An was denkst du? Du hast diese Furche zwischen den Brauen.«
»An nichts«, antwortete er schnell. Denn, was sollte er sagen? Dass er eine Unterdrückung kommen sah, die die Menschheitsgeschichte nur wiederholen würde? Nein, ganz sicher nicht, dachte er und erhob sich. »Soll ich dich zum Flughafen fahren?«, fragte er. Um vier müsste Margret am Airport sein, um ihren Flieger nach L.A. zu betreten.
»Nein, ich nehm ein Taxi. Aber danke.« Sie lächelte ihm kurz zu und rückte dann die Sonnenbrille wieder auf der Nase zurecht.
»Ok.«
Er erhob sich und verließ die Veranda mit einem merkwürdigen Gefühl. Da wohnte eine Mischung aus Unsicherheit und tausenden von Fragen in seiner Magengrube.

»My Man!«, schrie Milo ihm entgegen, als er am späten Abend die Tür öffnete und seinem Sportlerkumpel entgegensah.
Wie erwartet hatte der fast seine gesamte Mannschaft mitgebracht. Finn hingegen erkannte Darian nicht zwischen den jungen Männern, die etliche Flaschen Alkohol oder Chipsbeutel schleppten.
Ein Grinsen lag auf Darians Lippen, als er Tür weiter öffnete. »Kommt rein«, sagte er.
»Das ist er. Das is’ mein Kumpel!«, rief Milo und warf ihm einen Luftkuss zu.
Kaum war die Hälfte der Gäste im Flur verschwunden, fuhren zwei weitere Autos vor dem Haus vor. Die Türen glitten auf. Junge Frauen in kurzen Shorts und sommerlich luftigen Oberteilen stiegen aus. Sie lachten, winkten ihm und den anderen Gästen zu, als sie auf sie zuliefen.
Wenn er sagte »Freunde«, meinte er damit immer Milo und dessen Anhang. Von den Besuchern, die jetzt ins Haus strömten, kannte er nicht eine Person. Es sollte ihn verwundern, dass er so locker damit umgehen konnte oder, dass es ihn kaum störte, von so vielen Fremden umgeben zu sein. Nur war die Sache die: Er kannte Milo nun einige Jahre und wusste, wie sich dessen Freundeskreis zusammensetzte.
Wer hoffte, mit ihm zocken und saufen zu können, wenn die Frage nach dem »Hast du Zeit?« kam, schoss etliche Meter am Ziel vorbei. Im Grunde genommen hatte Darian von Tag Eins ihrer Bekanntschaft genau das gelernt. Emilio lebte nach dem Grundsatz »The more the merrier« und davon brachte ihn auch nichts ab. Meistens war es so, dass Darian sich darauf einließ, hoffte, dass der Funken der guten Laune auf ihn übersprang. Schließlich war seine Einstellung zum Feiern und zum Leben nicht immer so düster gewesen. Manchmal betete er nahezu, dass so ein Abend mit Milo und Konsorten die Wunderheilung und Lösung für all seine Probleme sein könnte.
Flaschen klirrten. Plastik riss und rote Becher wurden verteilt. Musik dröhnte aus den Boxen der teuren Musikanlage seiner Mutter im Wohnzimmer. Mädchen lachten. Jungs scherzten und tranken. Es gab keine Aufwärmphase. Es gab keinen Aufbau zum Höhepunkt.
»Ich hab dich ewig nicht gesehen!«, plärrte der Sportler, drückte ihm einen der roten Becher mit Bier in die Hand und legte seinen Arm um seine Schultern.
»Ich hatte zu tun und du«, sagte er, nippe an dem bitteren Gesöff, »hast dich nicht gemeldet.« Darian kämpfte damit, das Gesicht nicht angewidert zu verziehen. Er war eher der Typ für Mischungen. Cola-Whiskey oder ähnliches. Aber Bier? Eigentlich konnte man ihn damit wegjagen. Dennoch kippte er den ungenießbaren Inhalt hinunter.
»Ich war unterwegs, man!«
Der Geruch von Aftershave und einem teuren Parfum drang in seine Nase, als Milo ihn enger an sich heranzog. »Mama im Laden helfen, beispielsweise.«
»Ah, natürlich. Da hast du keine Zeit, mal eine Nachricht zu beantworten?«, hakte er amüsiert nach und ließ sich von Milo durchs Wohnzimmer und hin zur Veranda dirigieren.
Die ersten hatten den Pool gefunden, plantschten halbnackt miteinander in dem warmen Wasser herum.
»Ich musste dieses epische Get-Together organisieren.«
»Hm, versteh ich«, sagte er, schob die freie Hand in seine Hosentasche, als Milo Abstand zu ihm nahm.
»Ich küsse deine Mom dafür, dass wir hier sein können.«
Lieber mich, aber ... Darian schüttelte den Kopf, bemerkte den fragenden Blick seines Kumpels, als dieser sich auf die Liege fallen ließ. »Lieber nicht«, sagte er. »Steve fände das nicht so gut.«
Kreischend lief ein Pärchen an ihnen vorbei und sprang, ohne anzuhalten und die Klamotten abzulegen, in den Pool. Darian hob die Brauen. »Oh-Kay.«
»Einige sind nicht mehr ganz nüchtern«, kommentierte Milo. »Wir haben erst einen Zwischenstopp bei ein paar Freunden eingelegt, bevor wir weitergefahren sind.«
Das erklärt einiges, dachte er, nickte verstehend. »Alles klar.«
Statt noch etwas zu sagen, heftete sich Milos Blick an eine blonde junge Frau, die mit einer Freundin und einem Teamkollegen am Poolrand stand, den Becher in den Händen drehte und scheu lächelte.
Sein bevorzugtes Beuteschema. Unschuldig, ein bisschen schüchtern, rief er sich in Erinnerung. Es war nicht selten, dass Milo sich die grauen Mäuse heraussuchte. Manchmal fragte Darian sich, ob sein bester Kumpel es sich zur Aufgabe gemacht hatte, alle Jungfrauen, die er finden konnte, ins Bett zu zerren. Das schien seine liebste Beschäftigung auf Partys zu sein.
Grade, wenn es um Verbindungspartys ging, sah er ihn mindestens zweimal mit jeweils einer anderen Frau verschwinden. Wie seine Meinung dazu aussah, behielt er für sich. Es war jedem selbst überlassen, was er tat oder was er nicht tat.

Zwei Bier hatte er sich noch runtergezwungen, hatte gekämpft und gewürgt, aber er hatte es geschafft. Danach war er zu süßen Mischungen gewechselt, die einer der Jungs aus Milos Team echt erstklassig zubereitete.
Inzwischen war es weit nach drei Uhr. Egal, wie sehr er sich auf die Uhr konzentrierte, die in der Küche über dem Herd hing, er konnte nicht genau sagen, wo die Zeiger standen und welcher der kleine oder der große war. Nichts ergab mehr Sinn, was aus bewegenden Strichern oder Punkten bestand.
Von seiner Position am Küchentresen aus hatte er den perfekten Blick in das geräumige Wohnzimmer. Ein Pärchen machte auf der breiten Couch rum, ihre Hände waren unter seinem Shirt verschwunden. Ein anderer saß hinter, oder von Darians Sicht aus, vor dem Sofa und drehte abwesend an einem Zauberwürfel. Wo hat er den denn her?, dachte er und stützte das Kinn auf der Handfläche.
Inzwischen war er sich ziemlich sicher, dass ein paar der Gäste nach oben in die Schlaf- und Gästezimmer verschwunden waren. Manchmal schepperten die Bettgestelle gegen die Wände. Vor ein paar Stunden waren weitere Menschen vorbeigekommen. Darian erinnerte sich nicht, ihnen aufgemacht zu haben, aber sie waren da. Eine der Frauen küsste ihn auf die Wange, ein Typ schlug ihm kumpelhaft auf die Schulter – aber er kannte sie nicht. Sie hatten keine Gesichter, an die er sich erinnerte.
Die Musik dröhnte noch immer. Er glaubte, es sollte Techno sein, der nun aus den Boxen donnerte. Der Boden glänzte feucht und klebrig. Die Anrichte auch. Jede Oberfläche wirkte irgendwie ekelig. Und je länger er den dunklen Marmor musterte, auf dem er sich abstützte, desto häufiger fragte er sich, ob es cool war, der Gastgeber zu sein.
Als er aufsah, nach seinem Becher griff, fand er diesen leer vor.
»Moment!«, kam es von der Küchenzeile und wenig später plätscherte klare Flüssigkeit ins Innere. Ein Schuss O-Saft. »Fertig.«
Darian hob die Brauen, musterte den blonden jungen Mann mit dem frechen Grinsen und den lächelnden Augen. Anders als Darian schien dieser noch sehr nüchtern zu sein.
»Wer zur Hölle bist du?«, fragte er und trank einen Schluck.
»Steven. Running Back.« Steve streckte ihm die Hand hin, Darian nahm sie an. »Du bist manchmal Training.«
Darian lachte. »Ja. Um mir bewusst zu machen, warum ich mir das nicht antue«, antwortete er. Er bemerkte, dass seine Zunge echt schwerer war. Die Worte kamen etwas gezogen, träger.
»Kennst du Milo lange?«
»Oh, nich so schwere Fragen«, murmelte er, rieb sich die Schläfe. »Zweites Semester?« Er überlegte, runzelte die Stirn. »Ja, zweites Semester.«
»Ah, cool. Also schon länger.«
»Ja ... Ja. Kaum zu glauben, eh. Wie die Zeit vergeht.« Damals hatte er sich noch als Studienanfänger gesehen, heute war stand er kurz vor seinem Master-Abschluss.
Eine Hand auf seinem Oberschenkel forderte seine Aufmerksamkeit. Milo stand neben ihm. Die braunen Locken waren durcheinander, ein leichter Rotschimmer war auf der sonnengeküssten Haut zu sehen. »All die schönen Mädchen und du sitzt hier mit Steve?«
»Hm, Steve is’ auch nicht hässlich«, antwortete er und schenkte seinem Kumpel ein Grinsen, als dieser neben ihm an die Theke lehnte. »Und was hast du getrieben?«
»Amanda«, lautete die Antwort.
»Ah.«
»Keine für dich dabei?«
»Nope«, nuschelte er in seinen Becher, stürzte den Rest des Inhalts hinunter.
»Warum nicht? Frauen, Ian! Frauen!«
»Hm.«
»Ihre weiche Haut und ihr Geruch und oh, ihre Brüste, wie sie in den Händen liegen und ...«
Darian schaltete ab. Die Worte rauschten durch seine Gehörgänge, ohne jedoch im Zwischenspeicher hängen zu bleiben.
»Wer mag das nicht? Wenn sie auf dir sitzt ... So muss der Himmel sein, Ian.«
»Kann sein«, murmelte er.
»Warum gönnst du dir nicht mal ein bisschen Spaß?« Milo lehnte sich zu ihm. Der Duft von Sex hing an ihm. Schweiß und Parfum und verschiedene andere Düfte, die Darian nicht näher definieren wollte, klebten förmlich an dem Sportler neben ihm. »Hast du noch nicht gesehen, wie diese Lady dich ansieht?«
Konzentriert folgte er dem diskreten Fingerdeut seines Kumpels und machte eine junge Frau in schwarzer Shorts und beigem Croptop aus. Sie stand neben dem Kamin, schielte immer wieder zu ihm und strich sich ihre dunkelbraunen Haare hinter die Ohren.
»Ja, ich seh sie.«
»Sie ist heiß.«
»Hm, aber sie ist eine Frau«, murmelte er.
»Huh?«, machte Milo und Darians Augen weiteten sich.
Jegliches Blut schoss ihm in die Füße und riss die angenehme Wärme mit, die sich in seinem Körper ausgebreitet hatte. Scheiße, dachte er. Hab ich das laut gesagt? Fuck, das hab ich laut gesagt.
»Bist du ... Also, bist du ...«
»Schwul?«, hakte er nach und stellte den Becher zurück auf den Tisch. Steve sah zwischen ihnen hin und her und mit einem Mal war der blonde Running Back verschwunden. Gar so, als hätte es ihn nie gegeben.
»Bist du ...?«
Darian suchte die dunkelbraunen Augen seines Freundes, fixierte den Blick und sah die Panik darin.
»Bin ich«, antwortete er. Die Katastrophe war bereits losgebrochen. Ein Zurück gab es nicht. Es auf den Alkohol schieben? Das kam nicht mehr infrage. Denn, welchen Sinn hatte es? Was würde es bezwecken, wenn er es als einen Joke abtun würde?
»Jetzt ergibt das einen Sinn.«
»Was, genau?«, hakte er nach und fühlte sich mit einem Schlag so nüchtern wie zu Beginn des Abends.
»Dass du nie mit jemanden flirtest. Dass du immer single bist. Du bist ...« Scheinbar unauffällig trat Milo einen Schritt zur Seite. Das allein wer schmerzhafter als jeder Satz, der seine Lippen verlassen könnte.
Darian biss die Zähne zusammen, schluckte gegen den Kloß in seinem Hals an, der ihm das Atmen schwer machte.
»Du bist ...«
»Schwul, ja. Sag es einfach«, forderte er. »Sag es einfach, wie es ist.«
Milo verblieb stumm. Er sah ihn nur an. Lange. Anklagend. Und unterschwellig verachtend. Das warme Braun änderte sich, wandelte sich zu einem dunklen Stück Kohle, in dem Darian nicht länger Emotionen lesen konnte. Sie wurden eiskalt, als er noch einen Schritt zur Seite trat.
»Milo«, sprach er ihn an, aber sein Kumpel wandte ihm wortlos den Rücken zu und ging. »Milo!«
Mit einem Mal ging die Musik aus. »Raus!«, bölkte Milo durchs Haus. »Die Party ist zu Ende. Raus. Raus!«

Um ihn herum verteilte sich das blanke Chaos. Plastikbecher, Chipsreste, Servietten und anderer Müll lag herum. Bilder hingen schief an den Wänden, Poolnudeln und aufblasbare Tiere schwammen auf dem Wasser oder lagen auf der Veranda. Die Kissen auf der Couch waren durcheinander, da waren Weinflecken auf dem weißen Polster. Aber nichts davon interessierte ihn.
Darian lag in der Mitte des Wohnzimmers neben dem Couchtisch auf dem vollgekrümelten Teppich und starrte an die vertäfelte Zimmerdecke.
Der Hals der Wodkaflasche war dank seiner Hand warm. Die Hälfe des Inhalts davon befand sich in seinem System und doch brachte der Alkohol seine Gedanken nicht zum Schweigen.
Ein Wort. Schwul. Es war nur ein Wort. Und es sorgte dafür, dass sein ganzes Gebilde von Leben zusammenkrachte. Der Mann, den er als Freund bezeichnete, mit dem er die meiste Zeit seines Studiums verbrachte und von dem er dachte, ihm vertrauen zu können, wandte sich von ihm ab. Er drehte ihm den Rücken zu und ging. Nur wegen eines Wortes. Darian war die ganzen Jahre ein Mann der Männer. Es hatte nie etwas an ihrer Beziehung zueinander geändert. Und jetzt, nachdem ein Wort zwischen ihnen stand, änderte es alles?
Es waren sechs Buchstaben, die ein ganz anderes Licht auf ihn warfen und ihn in den Augen eines Freundes zu einem Monster machte.
Mit dem Daumen drehte er den Deckel der Flasche ab, brachte sie in seiner liegenden Position irgendwie an die Lippen und gönnte sich den letzten Schluck ebenfalls. Dann ließ er sie einfach zu Boden fallen.
Was sollte er fühlen? Was sollte er nicht fühlen?
In seinem Inneren tanzte der Film der vergangenen Jahre. Die Partys in den Verbindungshäusern, das gemeinsame Campen, die Festivals, die Tage am Strand, die Spiele, bei denen Darian zugesehen hatte. Sie waren nahezu unzertrennlich. Und dann reichte ein Wort ...
Ein hohles Lachen kroch aus seiner Kehle und hallte durch den leeren Raum. Darian legte die Arme über die Augen. Er wartete auf den betäubenden Effekt von Wodka. Wartete auf irgendwas, das ihm half, dieses Karussell abzustellen, aber nichts. Es drehte sich und drehte sich und ihm wurde nicht einmal schlecht davon. Es war, als hätte ein Loch in seinem Inneren den Alkohol aufgesogen, ohne ihm etwas davon abzugeben.
Feuchtigkeit kroch aus seinen Augenwinkeln, rann über seine Schläfen. Es waren stille Tränen. Kein Schluchzen. Kein Schiefen. Nicht einmal ein Kloß saß in seinem Hals. Sie liefen aus seinen Augen und nahmen nicht eine der Emotionen mit.
Es war zu viel. Das alles. Es gab nicht einen Anker, an dem er sich festhalten konnte. Darian trieb auf offener See, strampelte, um nicht unterzugehen, und wusste dabei ganz genug, dass er früher oder später in die Tiefe gesogen würde.
Als sein Handy klingelte, reagierte er nicht. Es vibrierte in seiner Hosentasche. Dann gab es Ruhe. Nur um keine fünf Minuten später wieder loszulegen.
Unkoordiniert zog er es aus der Tasche, brachte sich in seine sitzende Position und nahm den Anruf entgegen. Erst, als das Gerät ans Ohr halten wollte, erkannte er Finns Gesicht auf dem Display.
Shit, dachte er und rieb sich über die Augen. »Ja?«, fragte er, bevor er Finns schmales Gesicht fixierte. Das kurze, aschblonde Haar war ordentlich in Form geföhnt, die Brille war sauber und die großen, braunen Augen starrten ihn an.
»Du siehst ...«
»Scheiße aus?«, hakte er nach und nickte. »Danke, das nehme ich als Kompliment.«
»Hast du geschlafen?«
Sein Blick glitt hinaus. Die Sonne ging auf, tauchte die Welt in ein zartes Licht. »Nope«, antwortete er, wuschelte sich durch die Haare. Noch immer wartete er auf Schwindel oder Übelkeit. Nur stellte sich nichts davon ein. Nur der Drang, dringend mal auf die Toilette zu müssen.
»Hör zu, Milo hat mich angerufen.«
»Ja, was sonst«, knurrte er und sah überall hin, nur nicht in Finns Gesicht.
»Warum hast du nie was gesagt?«
»Weil ich seine Meinung kannte«, murmelte er.
»Du hättest mit mir sprechen können.«
»Warum?«, fragte er scharf. »Mit welchem Zweck?«
»Damit ich es wusste.«
»Ändert das jetzt irgendwas?«, wollte er wissen. »Ändert es mich irgendwie, wenn ich lieber mit nem Typen in den Federn rumtolle als an Brüsten zu spielen?« Ein fassungslose Schnaufen. »In was für einer Welt leben wir? Definiert mich meine Sexualität mehr als mein Charakter?«
»Gut, du bist betrunken, aber ...«
»Einen Scheiß!«, wetterte er und griff das Handy so fest, dass seine Hand zitterte. »Es ändert nichts, ob ich betrunken oder nüchtern bin. Genauso wenig, wie es was ändert, ob ich auf Pussys oder auf Schwänze stehe.«
»Darian, die Sache ...«
»Was?«, fuhr er ihm ins Wort. »Bist du zu deinen Eltern und hast gesagt: Mama, Papa, ich bin hetero? Bist du in Tränen ausgebrochen oder hattest Angst, dass sie dich rauswerfen? Nein. Fein, dann quatsch mich damit nicht voll, Finnley.«
Er fürchtete nicht, dass seine Mutter einen Unterschied machte, ob er hetero oder gay war. Nur hatte er auch mit ihr nie darüber gesprochen. Einfach aus dem Grund, weil es nie Thema war. Es interessierte sie nicht, mit wem er seine Zeit verbrachte und das war der Punkt, den er an ihrer Mutter-Sohn-Beziehung feierte. Darian musste sich vor ihr nicht erklären. Er packte ein Statement in die Unterhaltung und sie nahm es hin. Wenn eine Belehrung kam, dann war das Thema heikel, aber bisher war das nie der Fall gewesen.
»Diese ganze Outing-Scheiße kotzt mich so an.«
»Da spricht der Alkohol«, hörte er Finn murmeln. »So redest du sonst nicht.«
»Tz. Vielleicht spricht da die Schwuchtel aus mir. Ach nein, dann müsste ich ja klischeehaft rumheulen, oder Finn?«, hakte er nach. Wut brodelte in seinem Inneren. Kochte und warf Blasen. So heiß und gefährlich, dass Milo gut daran getan hatte, sich zu verpissen. Würde ihm der Sportler jetzt über den Weg laufen, würde er ihm für sein unmögliches Verhalten die Fresse polieren.
»Das meine ich nicht. Aber so ein Outing ...«
»Ist hochgradig unnötig«, fiel er ihm abermals ins Wort. »Weil es den Menschen nicht ändert.«
»Ich denke schon. Das ändert Menschen immer.«
»Warum?«, wollte er wissen, langte nach der Flasche und bemerkte dann, dass er sie ja geleert hatte. Ein frustriertes Knurren kam von ihm und er feuerte sie durch das Zimmer. Glas schepperte, Scherben verteilten sich klirrend im ganzen Raum, als die Flasche an dem Naturstein des Kamins zerschellte.
»Ich rufe später noch mal an. Wenn du nüchtern bist und dich beruhigt hast.«
Darian fixierte den Screen. »Du brauchst gar nicht mehr anrufen«, spie er ihm entgegen. »Ihr kann eure beschissene Homophobie nicht in meinem Leben gebrauchen. Ihr kamt vorher gut mit mir klar. Und jetzt ändert sich all das? Verpiss dich, Finn.«
Er legte auf, bevor der Naturwissenschaftler noch was sagen konnte. Dann feuerte er das Handy in genau dieselbe Richtung die Flasche zuvor. Sekunden zogen ins Land und die brodelnde Wut kühlte ab. Eiseskälte floss durch jede Faser seines Seins und er vergrub die Hände in den Haaren. Finger zogen an den Strähnen, Nägel kratzten über seine Kopfhaut. Dann brach die Welle über ihm zusammen. Sie spülte das hilflose, verletzte Schluchzen aus seiner Kehle und ließ die Tränen überquellen, die vorher nur leise fielen.
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